- 著者
- Karl Koetschau
- 初版
- 1899年
- 引用サイト
- Internet Archive
Heidelberg University Library
Zeitschrift
für
Historische Waffenkunde
Organ des Vereins für historische Waffenkunde
Schriftleitung:
Dr. Karl Koetschau,
Direktor des Kgl. Historischen Museums und der Kgl. Gewehrgalerie zu Dresden
Zweiter Band
Mit i Lichtdruck-, 3 Farbendrucktafeln und 474 Text-Abbildungen
Dresden
Eigentum und Verlag des Vereins für historische Waffenkunde
1900-1902
L 202
Originalschild eines Deutschordens-Hochmeisters im Ferdinandeum zu Innsbruck.
Vorderseite.
Yierfhrbenbuehtlruck von Fr. Richter, G. m.b. H., Leipzig.
I
1 . V.-'i !'
1.
Inhaltsverzeichnis
A. Abhandlungen und Fachnotizen.
(Nach den Namen der Autoren alphabetisch geordnet.)
Seite
Anonym, Die Geschichte der Waffe im höheren mili
tärischen Unterricht.
Basse rmann-Jordan, E., Helm im bayrischen
Nationalmuseum zu München.
Derselbe, Modell einer Feldrüstung im bayrischen
Nationalmuseum zu München.
Derselbe, Faustschilde im Kgl. bayr. National
museum in München.
Derselbe, Die Waffensammlung des bayrischen Na
tionalmuseums in München.
Boeheim, W., Am Beginne des II. Bandes unsere
Zeitschrift.
Derselbe, Einzelheiten in der Ausrüstung zum alten
deutschen Gestech.
Derselbe, Eine Florentiner Karikatur aus den
XIV. Jahrhundert.
Derselbe, Kinderharnische.
Derselbe, Zum Harnische des Herzogs Heinrich I
von Montmorency in Paris.
Derselbe, Ein Besuch der Waffensammlung im
Kgl. Nationalmuseum zu Florenz.
Derselbe, Die Rüstkammer der Stadt Emden .
Derselbe, Über den Wert der Meistermarken 68
D o e p 1 e r d. j., E., Bayrisches Nationalmuseum : Ab
teilung Waffen.
v. Ehrenthal, M., Genuesische Klingen . . 25
Derselbe, Hirschhorn-Einlagen.
Derselbe, Die fürstlich Radziwillsche Rüstkammer
zu Nieswiez.i42> 22L
Derselbe, Nicolaus Wilborn.
Derselbe, Franz Grossschedel zu Landshut und
einige seiner Werke.
Engel, B.. Waffengeschichtliche Studien aus dem
Deutschordens-Gebiet.
I. Ein Original-Deutschordens-Hochnreisterschild
II. Messingplatte des Vogtes zu Brathian, Kuno
von Libensteyn in der kathol. Pfarrkirche zu
Neumark, Westpr. ..100,
III. Darstellung von Rittern auf einem Schranke
aus dem XIV. Jahrhundert im Dom zu Marien
werder, Westpr.
IV. Krieger von einem Glasgemälde (Kreuzigungs
gruppe) des XIV. Jahrhunderts in der kathol.
Pfarrkirche zu Kulm a. M.
V. Gedächtnistafeln in der St. Johanniskirche zu
Thorn.
Derselbe, Nochmals der Deutschordens -Hoch
meisterschild .
Derselbe, Zwei mittelalterliche Büchsen ....
Derselbe, Zwei Rüstungen aus Fürstenwalde a. d.
Spree .
Derselbe, Steigbügel des IX. Jahrhunderts . . .
Erben, W., Zur Deutung der Klingeninschrift Frin
gia .
Derselbe, Noch einige Worte über Fringia, Genoa
und Sichelmarke .
37
81
120
173
283
1
9
28
89
161
320
74
83
276
252
366
94
174
348
349
'35°
214
3°i
402
418
151
270
Forrer, R., Gotisches Stossschwert von Mainz .
Derselbe, Neuere Waffenfälschungen ....
Derselbe, Zur Geschichte der Burgunderbeute .
Derselbe, Alamanisches Kriegergrab.
Derselbe, Studienmaterial zur Geschichte der
Mittelalterwaffen.201, 262, 310,
Derselbe, Über Waffen- und Burgen-Rekonstruk
tionen .
Derselbe, Karl Gimpel f.
PI a m p e 1, J., Ein Helm von der panoni sehen
Reichsgrenze.
v. Hausen, E., Eine Arbeit des Goldschmiedes Hein
rich Knopf ?.
Derselbe, Die Heraldik und die modernen Fäl
schungen auf dem Gebiete des Waffenwesens . .
J ä h n s , M., Jelmän.
v. Ille, J., Einiges über den letzten Grafen von Zrin
Kluge, F., Armbrust oder Armrust ?.
Koetschau, K., Am Beginne des II. Bandes unse
rer Zeitschrift.-D e r s e 1 b e, Bibliographie der Waffenkunde . . .
! Derselbe, Nachwort zum Reimerschen Aufsatze
über die historische Waffenkunde auf kultur
geschichtlicher Grundlage . ..
Derselbe, Wendelin Boeheim f.
Derselbe, Max Jähns f.
Derselbe, Ein Nachwort zu Bassermann-Jordans
Aufsatz über das Münchner Nationalmuseum, zu
gleich eine museumstechnische Skizze ....
Derselbe, Nürnberger Ätzmaler der ersten Hälfte
des XVII. Jahrhunderts.
v. Lenz, E., Perlen in Klingen eingeschmiedet . .
Derselbe, Zur Frage über den Handschutz an
orientalischen Blankwaffen . ..
Derselbe, Mitteilungen aus der Renaissance-Ab
teilung der Kaiserlichen Eremitage in St. Peters
burg.
I. Der angebliche Helm Heinrichs des Löwen
II Ein Harnisch von Valentin Siebenbürger
III. Eine mailändische Schallern.
IV. Pavesen und Tartschcn aus dem XV. Jahr
hundert .
V. Stufen-Damast . ..
VI. Stab-Runka.
VII. Parierdolche und Springklingen.
Liebe, G., Die Uniform der kursächsischen Lehns
ritterschaft 1610.
Derselbe, Das Turnier in den Briefen deutscher
Fürsten am Ausgang des Mittelalters.
Derselbe, Die soziale Wertung der Artillerie . .
Derselbe, Waffenpreise.
Derselbe, Die Anwendung der Setzschilde . . .
Derselbe, Turnier- und Feldrüstung eines fürst
lichen Hofes am Ende des XVI. Jahrhunderts
Derselbe, Das Recht des Waffentragens in
Deutschland.
Seite
5°
83
84
84
404
37°
391
192
233
254
84
289
233
5°
57
L3i
134
283
323
48
80
i°3
156
158
224
231
3i4
35i
49
65
146
121
234
321
34°
IV
Inhaltsverzeichnis.
Seite
M eurer, H., Ultima ratio regum.417
Meyer, A., Friedrich der Grosse und seine Artillerie 207
Derselbe, Zwei Apparate zur Messung der Ge
schossgeschwindigkeit in der Mitte des XVIII.
Jahrhunderts.256
Derselbe, Eine alte Abhandlung über Geschoss
geschwindigkeit .295
MÖrtzsch, O., Die Ausrüstung sächsischer und
thüringer Schlösser mit Feuerwaffen 1436 . . . 321
Petzsch, G., Das historische Museum in Dresden
zum letzten Male als Rüstkammer. 19
Derselbe, Noch ein Wort über die genuesischen
Klingen.217
v. P o t i e r , O., Etwas über das Vorkommen geöhrter
Nadeln an Dolchmessern.32
Derselbe, Vom k. und k. Heeresmuseum in Wien
82, 234, 322
Derselbe, Auktion . 82
Derselbe, Noch einmal die geöhrten Nadeln an den
Klingen von Dolchmessern.83
Derselbe, Glossen zum Rüstmeister-Vokabularium
des Friedrich Leber.109
Derselbe, Zwei merkwürdige Handfeuerwaffen . 171
Derselbe, Ein Nachwort zur Versteigerung der
Waffensammlung des Grafen Alfred Szirmay in
Wien . 276
Derselbe, Waffenpreise.277
Derselbe, Armbrust oder Armrust?.322
Derselbe, Ein sonderbarer Mehrlader.338
v. Preradovifc, D., Noch ein Beitrag-in der Fringia
.Frage . 300
Reimer, P., Die älteren Hinterladungsgeschütze . 3, 39
Reimer, P., Die historische Waffenkunde auf kultur
geschichtlicher Grundlage.
Derselbe, Das Geschützprobieren.
Derselbe, Aus französischen Geschützgiessereien
unter Ludwig XIV.
Derselbe, Ein Stück Feuertaktik aus dem Mittelalter
Derselbe, Die Erscheinung des Schusses und seine
bildliche Darstellung.393,
Rose, W., Das mittelalterliche Wurfbeil.
Derselbe, Die Bedeutung des gotischen Streit
kolbens als Waffe und als Würdezeichen . . .
Schalk, K., Einrichtung eines Wiener städtischen
Gusshauses im Jahre 1738.
Derselbe, Die historische Waffensammlung der
Stadt Wien im Zusammenhänge mit der militä
rischen Organisation der Stadt . . . 247, 303,
’Schönberg-Diener, A., Kaiser Maximilians I.
geheimes Jagdbuch.
Shelesnow, W., Rossschweife an Lanzen ....
Sixl, P., Entwickelung und Gebrauch der Hand
feuerwaffen 13, 44, 77, 116, 163, 264, 316, 386, 407,
Derselbe, Zur Geschichte des Schiesswesens der
Infanterie.327,
Thierbach, M., Die ältesten Radschlösser deut
scher Sammlungen .
Derselbe, Über die Entwickelung des Bajonnets
Weyersberg, A., Solinger Schwerterschmiede-Fa
Derselbe, Die Flintenlauffabrikation zu Burg a. d.
Zschille, R., Einige Anmerkungen zu den Peters
burger Pavesen und Tartschen.
B. Litteratur.
(Nach den Namen der Autoren der besprochenen Bücher alphabetisch geordnet.)
Seite
Angst, H., Jahresbericht des Schweizerischen Lan
desmuseums in Zürich. Besprochen von W. Boe
heim.I23
Avogrado di Quaregna, Luigi, Armeria an
tica e moderna di S. M. il Re d’Italia in Torino.
Besprochen von W. B o e h e i m.86
Beck, Theodor, Beiträge zur Geschichte des Ma
schinenbaues. Besprochen von Paul Reimer . 52
Berchet, Frederico, Le sale d’armi del Consiglo
dei X nel Palazzo Ducale di Venezia. Besprochen
von W. Boeheim.51
Bruchet, Max, Trois inventaires du Chateau
d’Annecy (1393, 1549, 1585). Besprochen von W.
Boeheim..- ,.85
Buttin, Charles, Notes sur les armures ä l’epreuve.
Besprochen von Koetschau.418
Cederström, Rudolf, Svenska Kunigla Hufvud
baner samt Fälttecken. Besprochen von M. von
Ehrenthal.175
Coltmann-Clephan, Robert, Notes on the
devensive armour of medieval times and of re
naissance. Besprochen von M, vonEhrenthal 23
Derselbe, The defensive armor, and the Weapons
and Engines of War of mediaeval Times and of
the «Renaissance». Besprochen von W. B o e h e i m 86
Derselbe, Notes on roman and medieval military
ingines. Besprochen von M. von Ehrenthal 453
Deutsche Heeres-Uniformen auf der Weltausstellung in
Paris 1900. Besprochen von Koetzschau . . 125
D e v e n s , F. K., Das deutsche Ross in der Geschichte,
Sang und Sage. Besprochen von W. Boeheim 24
D i 11 o n, On a MS. Collection of Ordinance of Chi
valry. Besprochen von M. von Ehrenthal 237
Doer, W. H., Die Frauenfelder Harnische im Schwei
zer Landes-Museum. Besprochen von M. von
Ehrenthal .. . . . . . 237
Duvernoy, Die Feldartillerie Friedrichs des
Gewehr-Galerie zu Dresden. Besprochen von
Erben, Wilhelm, Katalog des k. und k. Heeres
Museums. Besprochen von W. Boeheim. . .
Forrer, R., Zur Ur- und Frühgeschichte Eisass
Lothringens. Besprochen von Koetschau . .
Gauz, Paul, Geschichte der Heraldischen Kunst in
der Schweiz im XII. und XIII. Jahrhundert. Be
sprochen von R. Forrer.
Gelli, Jacopo, Guida del raccoglitore e dell’ama
tore di armi antiche. Besprochen von-1 . .
Girand, J., B., Notes pour servir ä l’Histoire de
la Sidörurgie en Lorraine: Arsenal de Nancy.
Mines, Forges, Armes etc. Besprochen von W.
Gross, Hans, Der Raritätenbetrug. Besprochen von
v. Hefner-Alteneck, J. PI., Lebenserinnerungen.
Besprochen von Koetschau.
J ä h n s, Max, Entwickelungsgeschichte der alten
Trutzwaffen. Besprochen von W. Boeheim .
Lehmann, Gustav, Forschungen und Urkunden zur
Geschichte der Uniformierung der Preuss. Armee
1713 bis 1807. I. Teil. Besprochen von Lossnitzer
v. Lenz, E., Einige Worte über die alten Blank
waffen. Besprochen von Meyer.
Liebe, Georg, Das Kriegswesen mittelalterlicher
Städte. Besprochen von Karl Koetschau . .
v. Lippe rheide, Franz Freiherr, Corpus Cassi
dum (Probe). Besprochen von Koetschau . .
Ossbahr, C. A., Kongl. Lifrustkammaren och der
med Förenade Samlingar. Besprochen von Koet
vo Potier, O., Ein Besuch in der Werkstätte eines
Fälschers alter Waffen. Besprochen von M. v o n
Seite
57
71
179
343
435
239
359
170
380
433
2 33
441
374
138
423
milien .
Wupper.
Koetschau.
Boeheim..
Dr. von Potier.
schau ..
Ehrenthal.
v. Ubisch, Das Königliche Zeughaus. Führer durch
Grossen. Besprochen von Paul Reimer . . . 55
v. Ehrenthal, Max, Führer durch die Königliche
die Ruhmeshalle und die Sammlungen. Besprochen
von W. Boeheim.
17
387
260
Seite
S7
22
389
55
124
122
21
236
452
23
45i
388
357
85
Register
(Die Zeitschrift verdankt die Zusammenstellung dieses Registers der Güte des Herrn Baron Dr. von Potier.)
Seite
Ätzmaler, Nürnberger . . . 323
Alba, Herzog. 90
Albert, König von Sachsen 364
Albrecht, Churfürst von Branden-bürg.65, 147, 375
— Erzherzog . 379
— V., Herzog von Baiern . 397
— V., Herzog von Oesterreich . 225
— von Preussen, Hochmeister 145
— Markgraf von Brandenburg .
Alexander II., Kaiser von Russ-234
land . 103
Althaus, Inventar von . . 15
Ambras. 10, 162
Ammianus, Marcellinus, Ge
schichtsschreiber . . . 311
Arcini, Pietro, Ciseleur . . 3°
Armbrust 146, 233 ff., 322, 328 ff.. 407
Armeria real. 366, 367
Ascanio, Sforza, Cardinal . 364
Aubigny, Philippe Cordier d’ 138
Augsburg. 407
August, Churfiirst von Sachsen
219, 254, 368
— III., König von Polen 143, 144 Autharis, König .... 243 Bacinet. I IO, 202
Bajonnet. 423
Ballard, Geschützgiesser . . Banusring. 182, 185
235 Bathory, Andreas, Fürst von Sie
benbürgen . — Stefan, König von Polen 154,
246
272, 294 Batista, Giovanni, Waffenschmied 315 Bavnehoi, Becher von . . 107
Bayeux, Teppich von . . 373
Beffart von Trier, Hochmeister
99) 215, 217
Bemelberg, Conrad von, Feld
hauptmann . . . 156, 157
Bentivoglio, Annibale 160
— Antongaleazzo . . 160-— Ercole. 158
— Giovanni .... 159, 160
Berbigsdorf, General von . 429 Berg, Joseph . . . 425
Berlichingen, Götz von 146
Berlin, Giesshaus in . 180, 187
— Zeughaus in 5, 6, 7, 9. 4i,
42, 43, 85, 184, 188, 272, 346,
364, 386, 402, 443, 446
Bern, historisches Museum 27, 164
Berwulf . 115
Besangon, Geschützgiesserei in . 182
Bethlen, Gabor . . . 154
Bismarck, Otto Fürst von . 137
Blide. 13
Boeheim, Wendelin. Bolfe, de Lancuete (Siegmund
Wolf), Plattner. Bologna, Museum zu ....
Böntgen, Nathan, Büchsenmacher
Boumerang. Bourgignotte . .. Bozdohan (Streitaxt) .... Brändchenbüchse .
Bratspiess. Braunschweig.147,
Breisach, Geschützgiesserei in 182,
Breslau, Handschrift .... — Stadtbuch von .... 408,
Budapest, Milleniumsausstellung
in.293, 294,
— Nationalmuseum in 192, 198,
267, 269,
3°3, 380,
10, 82,
Burg, a. d. Wupper
Bürgerwehr, Wiener
Burgkmayr, Hans . Burgunderbeute . Büstindui, Laufschmied .... Buzogany ....... 246, Cenni, Cosimo, Gussmeister . .
Chaligny, Giesserfamilie in Lo-thringen .125, Christian I., Churfürst von Sachsen .
— II.233, Cirksena, Ullrich, Droste . . . Clauberg, Johann Caspar, Schwertfeger in Solingen . . Codex, theodosianus .... Col (Ivoll), Heinrich,
feger in Solingen
Colbert, Laufschmied
Columbus, Christoph
Cominazzo, Lazzarino .
Conrad, von Thüringen meister ....
— von Winterstetten .
— von Würzburg . Cooperatura .... Couse.
Cranach, Lucas, Maler
Crecy, Schlacht bei .
Custodier zum Sturme
Czakany . Damad, Ali Pascha, Gi
Damascirung
Danzig .... Darake ....
Darmgürtel . .
Degenbrechgitter
Deggendorf . . 227, 228, 229,
Demmin, August, Kunstschrift
steller 3, 151, 152, 174,
Seite
131
366
159
387
246
ui
291
279
115
167
185
5
414
31s
444
387
382
149
84
1 6l
364
30
Schwert
es,
doch
245>
vezier
114,
254
364
90
19
201
22
162
6
161
94
ui
113
114
250
254
114
114
246
235
231
295
216
115
174
231
224
Seite
Dietrich von Bern.110
Doppelschussgewehr.338 Douai, Geschützgiesserei zu 180, 182
Drehbasse . 6
Drehling.338
Dresden, Altertumsmuseum in
129, 443 — Arsenal in.129, 423
— Hauptversammlung des Ver-eins .... 126, 132, 134, 177
— historisches Museum in 19, 26,
27, 75, 83, 87, 114, 122, 129,
141, 217, 219, 233, 252, 255,
274>. 288, 315, 325, 364, 367 — Kupferstichcabinet .... 252 Dsu-l-fakkar, Schwert Muham
meds.232
Dümchen, Glocken- und Büchsen
giesser. 15 Dürer, Albrecht . . 12, 224, 245, 254 Duguesclin.244 Dusägge.115 Edzard, Graf von Ostfriesland 91 Eisenhut . . . . III, 262, 402
Elbing, Rechenbuch der Stadt 14, 16
Elisabeth, Kaiserin von Oester
reich . 83
Emden, Rüstkammer der Stadt
89, 326, 45° Enns, Stadt ..224
Erfurt, Büchsennleister-Verord
nung von .147 Ernst, der Eiserne, Herzog . . 110
Eugen, Prinz von Savoyen . . 235 F allblockverschluss .40
Fälschungen von Waffen 254, 357, 388 Fanchon. 34 Fangkette.176, 236 Fasti Limpurgenses.m Faustschild.114, 173 Fechtdolch. 351 ff. Feraro, Andrea, Klingenschmied in Belluno.25 Ferdinand I., Kaiser 152, 251, 270 — III., Kaiser.250
162
343
240
82
28
246
Ferlach
Feuerta ktik, mittelalterliche
Fischamend ......
Flissa ..
Florenz, Nationalmuseum zu
Fokes..
Framea.153 Francini, Giovanni, Laufschmied 161
Francisca .... 242, 243, 245 Frangepan, Franz Graf .... 290 Frangia .... 153, 154, 217, 219 Frauenlob, Minnesänger .... 99
Frauenpreiss, Matthäus, Plattner 369
IV Register.
Seite
Freydal.245, 362 Friaul.155, 275 Friedrich, Churfürst v. d. Pfalz 66, 276
— von Sachsen, Hochmeister . 145
— Markgraf von Brandenburg . 66 — I., Kaiser.340 — II. Kaiser .247 — III., Kaiser.363 — IV., Kaiser.110, 248
— König von Preussen 207, 342, 417 — Prinz von Preussen .... 371
— - Wilhelm I., König von Preu
ssen .151 Fringia 74, 151, 152, 153, 154,
155, 217, 219, 270, 272, 300, 355 Froissart, Jean, Chronist . . 5, 114
Frönsperger, Militärschriftsteller 149 Frühsorge, Lorenz.425 Fürstenwald'“, Rüstkammer zu . 402
Furttenbach, Ingenieur .... 150 Fussturnier.362 Galileo, Galilei. Physiker . . . 379 Gelote. 16 Generalsalve.375, 378 Geneva.220
Genoa 153, 154, 219, 270, 272,
274, 275 Genuesermesser.32, 36
Georg, Kurfürst von Brandenburg 145
Gereite.114
Geschossgeschwindigkeit 256, 295
Gestech, altes deutsches . . 9, 115
Girardon, Frangois, Bildhauer . . 180 Goliath.406 Gollir.110
Grabplatte, messingene .... 100
Graz, Zeughaus 90, 132, 154, 155,
220, 246, 274, 275, 276, 426
Gregor von Tours, Bischof und
Geschichtsschreiber .... 243 Grieswärtel. 10
Grossschedel, Franz, Plattner . 366 ff.
Gundestrup, Kessel von 106, 107, 108
Gustav Adolf, König von Schwe den.389 Hakenbüchse 264 ff., 302, 316 ff.,
386, 409 Hallil, Leopold, Stückgiesser . 170 Halsberg.110 Handbüchse .301, 407 — mehrläufige.278 Handschutz an orientalischen
Blankwaffen.80 Harnaschkammer.109 Harnasch(Rüst)meister . . . . no Harnischfeger.110 Harnischkappe . . . .112, 203 Hastings, Schlacht bei . .113, 243 Haubert ... 112, 203, 205, 405 Heinrich der Löwe, Herzog . . 103 — VI., Kaiser ....... 254 — IV., König von Frankreich . 366 Helmhang .254 Helmhaube. 10 Heimzageischraube . 13 Heraldik.254 Herle, Lenhard, Stückgiesser . . 276 Hermans, Johann Wilhelm,
Schwertfeger in Solingen . . 19 Herold, Christian.425 Hcrpaly, Schildbuckel von . . . 201
Herrad, Äbtissin von Landsberg 311
LIersenir.111
Hildebrand, Waffenmeister . . no
Hildesheim, Albanipsalter in . . 206
Hieder, Sebald, Stückgiesser . 276 Hirschhorneinlage.83 Hirt. Arnold. Stückgiesser . . . 276 —I Leonhard, Stückgiesser . . 276
Seite
Hofkircher, Peter, Laufschmied 161 Hofmann, Plattner.237 Horta, Juanes de la, Klingen-schmied . 388 Hortus deliciarum .311 Hundekogel.174 Hundsgugel.111 Innocenz II., Papst.146 Innsbruck, Landesmuseum in 94, 141
Iselburg, Peter, Kupferstecher . 379
Jacobi, Johann, Broncegiesser . 180 Jahns, Max . . 21, 134, 239, 242
Jähns, Friedrich Wilhelm, Compo-nist.136 Jagdausrüstung . .433
Jellacic, Josef Graf, Ban von Croatien 235
Jelman.34 Jemgun, Schlacht bei .... 90 Joachim, Ernst, Markgraf zu Brandenburg.376
Johann Georg II., Churfürst von Sachsen.368 — — Herzog von Sachsen 233,
255, 256, 364
Jordanus, Abt von Lucelle (Lützel) 310 Josef I., Kaiser.250 — II., Kaiser.384 Judenburg.155 Jungingen, Conrad von, Hoch-meister .15, 16 Kalkan.114 Kammerschlange. 4 Kammerverschluss .41
Kampfschild, normannisches 205,
214, 215, 216
Kanz .115 Kara Mustapha, Grossvezier . 143
Karl, Herzog von Steiermark . . 157 — der Grosse . . . 152, 243, 340 — IV., Kaiser.76, 219 — Albert, Churfürst von Baiern 382 Karrenbüchse.116 . Kaschau, Museum in.267 Katzheimer, Hans, Maler . . . 362 Kehrwiederkeule.239 Keilverschluss. 9 Keller, Balthasar.180
— Jean, Geschützgiesser . . . 180 j Kettengugel.203 Kiefuss, Johann, Büchsenmacher 138 Kiel, Museum in.198 Kinderharnisch.20 Kinschal.82
Kirknerdeven, Damastgattung . 231
Kirschbaum, Schwertfeger in So-lingen . 17
Klagenfurt, Museum in . . . . 265
Klett, Sigmund, Büchsenmacher 31 Klingenfänger.352 Klingenthal.70 Klöden, Karl Friedrich von, Ge
schichtsforscher .... 136, 137
Klosterneuburg, Waffensammlung zu .... 161, 267, 269, 320
Knipperdolling, Haupt der Wie-dertäufer .252 Kniperode, Winrich von, Hoch-meister .13, 328
Knopf, Heinrich, Goldschmied 233 Kinut der Grosse, König . . . 243 Kolbenturnier.362 Kolbenverschluss ...... 39
Königgrätz, Schlacht bei . . 132, 322
Kreuzenstein, Waffensammlung
zu . . 140, 204, 267, 269, 320 Kriegergrab, alamanisches . . 84 Kuchenreuter, Laufschmiede . 162
Kugelbrust .402
Seite
Kuler (Keuller, Koller), Clemens,
Klingenschmied zu Solingen 76
Kuno von Libensteyn, Vogt zu Brathian.100
Kurländerschloss.142
Kürissbengel 115, 359, 360, 362, 364 Ladestockbajonnet.429 Landshut, Rüstkammer von 110, 411 Leber, Friedrich von .... 109 Lehnsritterschaft, sächsische . . 49
Leipzig, Völkerschlacht bei . . 19 Lendner.101, 115, 349 Lenhardt (Leonhardt), C., Guss-meister .221 Leoben.162
Leopold I., deutscher Kaiser . 294
Leszczynski, Stanislav, König von
Polen.295 Lichterflasche.279 Linkehancl.174, 351 ff. Linz, Museum zu ... . 411, 425 Lochner, Plattner.22 Lopez, Laufschmied.161 Louvois, Frangois Marquis de, Staatsmann.180
Ludwig, Graf von Nassau . . 92 — der Reiche, Herzog . . . 244 — I., König von Ungarn . . 290 — XIV., König von Frankreich
179. 329, 417 Luther, Martin .148 Lüttich.162
Luxemburg, histor. Museum zu 386
Magdalena, Sibylla, Kurfürstin von Sachsen.. 256
Magdeburg, • Hofordnung von . 149
Magdeburg, Schützenrecht von 408, 417
Malchus .84
Maria, Herzogin von Baiern . . 306 — Theresia, Kaiserin .... 250 Marienburg, Ämterbuch .... 14 Marienburg.445 Marienwerder.348 Martinsvögel.360 Matthias, Hunyadi, König von Ungarn .225 — Corvinus, König.250 Max I., Kaiser 65, 66, 82, 113,
138, 149, 152, 221, 224, 245,
246, 254, 264, 275, 290, 332,
362, 364, 375, 433 — II., Kaiser '251, 367, 369, 370 — II., König von Baiern . . . 285
— Emanuel, Churfürst von Baiern 284
Medici, Alexander, Herzog von 29 Mehrlader .339
Meissen, Albrechtsburg in 129, 145
Memmingen .242 Mette, faule, Geschütz . . . . 147 Michael, Pawlowitsch, Grossfürst 158 Miniaturen.4°4» 4°6
Missaglia, Plattnerfamilie . . . 159
Mitteleisen .352 Mohäcs, Schlacht bei .... 270 Mola, Gasparo, Münzmeister . 30 Moltke, Hellmut Graf .... 136 Molzer, Herrnan, Stückgiesser
221, 223
Mönchsbüchse.141 Montecuculi, General .... 38 5
Montmorency, Heinrich, Georg
von . 21
— Mathieu.373
Montpensier, Heinrich, Herzog
von.21
Mordhacke.115, 245 Morgenstern .360
Moritz, Landgraf von Hessen 363,
375, 376
Register.
Seite Seite
Moritz, Prinz von Oranien . 375 Procopius. 242
Mühldorf, Annalen von .... 46 Pulver, rauchloses ....- 438 ff.
Mufakkar. 232 Purrhindurch, Name eines Ge
Münich, Peter, Schwertfeger 272 schützes. 6
Munsten, Peter, Schwertfeger in Radetzky, fosef Graf, Feldmar
Solingen .22 76 schall. 235
München, Kunst- und Gewerbe-Radschloss . 138
ausstellung in. 133 Radziwill, Nikolaus, Fürst 142, 221
— Nationalmuseum in 120, 173, Rakoczi, Franz 11. 153, 2Q2, 382
175, 279, 283, 285, 289, 320, 355 Raritätenbetrug. 326
Muserie .109, 167 Rebhuhnmörser. 191
Musketier.376, 378 Reiterschwert. "5
Nadeln an Dolchmessern . . 32 83 Rennhaube . I I I
Nationalgarde, Wiener .... 3°4 Rice, Oberst . 432
Nespola . 160 Richelieu, Cardinal .... 4'7
Neydecker, Hans, Harnisch-Ringgugel. 262
meister . I IO Rittergesellschaft .... 65
Nikolaus I., Kaiser von Russ-Rosskopf. "5
land.103, '57 Rossschweife an Lanzen . . 233
Xieswiez, Rüstkammer zu 142, 221, 276 Rudolf I., Kaiser .... 247
Nürnberg, Germanisches Museum — II., Kaiser. 364
in 42, 140, 149, 164, 227, Runka . 263
265, 317, 320, 403, 4'3> 442> 446 Rüsthose. I 12
— Heeresordnung von . 13, I IÖ Rüstkammer 89, 109, 110, 326, 402
— Inventar der Stadt . . 170, 414 Rüstmeister-Vocabularium . I I I
— Zeughaus . 4'5 Rüxner. IO
Olbernhau, Gewehrfabrikation 427 Sagen, Jaques, Glockengiesser . 184
Odilienkloster. 206 Schallern. I IO, 158
Orgelgeschütz. 4'5 Schefl, J. C., Laufschmied . 162
Ospel, Anton, Stuckhauptmann . 170 Schefflin. "5
Ostendorfer. IO Scheiger, Josef von, Postdirektor
Osterstein, Waffensammlung zu 139 109, 246
Ottokar, König von Böhmen . . 99 Schiffchenmarke .... 75
Pallavicino, Gianlodovico . . . 160 Schiitknecht, Wendelin, Büchsen
Panzerstecher. "5 meister. 150
Parierdolch.3 51 ff. Schirmbrett. IOO, "3
Paris, Arsenal. 181 Schirmer, Martin .... 425
— rnusee d’artillerie .... 3'6 Schläglerbund. 360
— Weltausstellung in . .. . 125, '33 Schraubenverschluss . . . 8
Parsche . "5 Schützenordnungen verschiedener
Passau. '55 Städte.- 332 ff
— Zeugregister der Stadt . 7« Schwarz, Berthold .... 4° 5
Pavese 94, 99, 102, 113, 114, Schwarzburg, Zeughaus zu 3'7, 425
115, 224, 226, 228, 260, 261 Schweinfurt. 4°7
Pavia, Schildfabrik zu ... . "3 Scramasax. 84, 242
375
48
184
"5
231
'55
Schlacht von
Perlen, in Klingen eingeschmiedet
Perdry, Geschützgiesser in Valen
ciennes .
Perschwert .
Petersburg, St., Artillerie-Aka-demie zu .-Ermitage 197, 224, 226, 240. 3'4, 35', 354, 363, 364
Petrini, Antonio, Waffenschmied
29, 161
Pettau. Pfeilgift. Pfeersee, Helmfund von
Pfertklaid . Philander von Sittewald ....
Philipp, Landgraf von Hessen
121, 147, — II., König. Pignerol, Geschützgiesserei in .
Pilsen, Historisches Museum in
119, 164, 165, 266, 267 Piripe, Treibarbeiten .... 30 Pisa, Sammlung Tiranti ... 20 Pistole . ..172 Plauen, Heinrich von, Comthur
des deutschen Ordens . 14, Poitiers, Schlacht bei. Pögel, Peter, Laufschmied . . . Polstergugel.203, 262 Posilge, Johann von, Chronik . . 13
Potsdam, Klingenfabrik zu . . . 70
Prag, Museum in 163, 167, 265,
268, 318
26
34, 35
196
• "4
45
149
366
182
102
114
161
Seedorf, Reiterschild von 96, 216 Seelos, Hans, Geschützgiesser . 6 Sembach, Schlacht von .... 113 Setzschild 224, 226, 234, 249 Sforza, Bona.223 Sichelmarke 25, 28, 74, 76, 154,
155, 219, 220, 272, 274, 275 Sickingen, Franz von.146 Siebenbürgen, Valentin, Plattner 156
Sigmaringen, Sammlung von Waf-fen zu.
Sigismund, Markgraf von Bran-denburg . 5 — Kaiser.290 — 1., König von Polen .... 223 — II., König von Polen . . . 223
Sirrico, Pirro (Pietro), Waffen-schmied- .29 Skorpionenmarke.315 Sobieski, Johann, König von Po-len .143, 223 Solingen, Verzeichnis der Fami
lien von Schwertfegern in . 18 Soult, Marschall.145 Spangenhelm .105 Spangeröll.in, 156 Speyer, Museum in.107 Springklingen, Dolch .... 353 Stab-Runka 3'4, 3'5, 3'6, 355 Stechhelm.12, in, 112 Stechschild.114 Stechzeugmodel . .120 St. Gotthard, Schlacht bei . . . 385 Stifter, Hans, Laufschmied . . . 161
VII
Seite
Stockdegen,.314 Stockholm, Leibrüstkammer in . 272
Strassburg, Inventar von .... 15 Streitkolben 359, 361, 364, 365 Stufendamast.231 Stuttgart, Museum in . . . . 215
Subic von Bribir, kroatisches Adels
geschlecht .290 Suhl.162, 425 Surzengel.115 Szigeth .290 Szirmay, Waffensammlung . . . 276 Tabor, Museum zu.413 Tab ul.143, 156 Targarona, Laufschmied .... 161
Tarrasbüchse 14, 15, 44, 45, 46,
47, 48, 77, 116, 148, 167, 409
Tartsche 83, 114, 214, 224, 249,
260, 261
Taucherrüstung.264 Teschinkschloss .142 Theodebert I., König .... 242 Theodelinda, Königin .... 243 Thomas von Azuino .... 366 Thorn, Museum zu . . . .35°, 418 — Sammlung Engel .... 445 Thorsbjerg, Helmfund von 198, 199 Todtenschild .215 Tomahawk.246 Tonnenharnisch .115 Topfhelm.203, 277 Topor.246 Torelli, Anastasia.160 — Barbara.160 Tresslerbuch.14, 15, 16 Triest, Museo Civico di Anti-chita.115
Tsarskoe-Sclo, Arsenal von 226, 228 Tummler. 13
Turin, Armeria Reale zu 28, 86,
226, 315
Turnayhelm.111 Ulrich, Herzog von Württem-berg .379
— von Zatzikofen, Dichter . . 243
Valturius, Manuscript des . 116, 118
Vauban, Scbastien le Pretre de,
Festungsbaumeister .... 179
Verdun.125 Vestenberg, Inventar von 14, 47, 168 Vogelschiessen ..327 Waffengewicht . 310 Waffenpreise.121, 277 Wagenbüchse.116 Wagenburg.344 Wallhausen .... 377, 378, 379 Wappenmeister. 13 Weberinnung zu Deggendorf . . 261 Weisskunig .149, 364 Weiz. .... 154 Welser, Philippine .133 Wendergewehr.338 Wenger, Max, Laufschmied . . 161
Werner auf dem Berge, Giesser in Danzig. 14 Wernig, Jan, Schmied .... 16
Weyersberg, Schwertfeger in So-lingen .17, 18 Wien, Ambraser Sammlung in . 254
— städtisches Gusshaus in . . . 170
— Pleeresmuseum in 22, 82,
'5', '53, '54, '7°, 220, 234, 246, 251, 272, 322, 412
— historisches Museum der Stadt
225, 247, 303 — Kriegsarchiv in.164 — Sammlung Windisch-Graetz in 12 — Schatzkammer in.254
VIII
Wien, kaiserliche Waffensammlung
in i o, 28,31,133,267,269,363,369,
— Weltausstellung in ....
— k. und k. Zeughaus in . . .
— k. und k. Hofbibliothek in .
Wiener-Neustadt . . 132, 133,
•— Niederländer Gewehrfabrik in
— Zeugstädel in.
Wige.
Wilborn, Nicolaus, Kupferstecher
Wilczek, Sammlung.
Wilhelm, Herzog von Baiern .
— Markgraf von Meissen . . .
Register.
Seite
Seite
Wilhelm von Worms . . . 359, 367
413
133
259
433
155
23
110
116
252
239
367
215
Wolf, Sigmund, Plattner . 366, 367
Wolfdietrich . 243
Wolfspeitsche .171
Woher, Clemens, Schwertfeger
in Solingen .22
Wurfbeil ...... 239 ff., 355
Wurfeisen . 239
Wurf hacke.246
Wurfhammer . 245
Wurfmesser . 243
Wurfring.246
Zagaye . ..115
Seite
Zehner, Laufschmiede .... 162
Zeugstadel . 109
Zinna, Abtei.234
Zimier . 254
Zischägge.144
Ziska, Hussitenführer.414
Zittau, Museum zu.317
Zopf.114
Zrin (Zrinyi), Grafengeschlecht
289, 290, 293, 294, 295
Zündlicht . 280
Zürich, Landesmuseum in 28, 123,
237, 289
Am Beginne des II. Bandes unserer Zeitschrift.
Wenn jeder Anfang- schwer ist, so war dieser um so schwerer in einer Zeitschrift, die ein Programm
aufgenommen hat, das überhaupt noch nie in der periodischen Litteratur zum Thema gemacht worden ist,
eine nur spärliche ältere Litteratur zur Grundlage und die Aufgabe hat, seinen Leitgegenstand zu einer
Wissenschaft erst auszubauen.
Der Unterzeichnete gesteht sich selbst, dass er in seinem Bemühen, der historischen Waffen
wissenschaft eine Vertretung in der periodischen Litteratur zu schaffen, sicher gescheitert wäre, hätte er
nicht zu seiner hohen Freude eine so bedeutende Zahl von für das P'ach begeisterten, kenntnisreichen
Kollegen in aller Welt getroffen und um sich zu sammeln vermocht, treffliche Specialisten, die ihren
Gegenstand voll beherrschen und den mannigfachsten Erwartungen zu entsprechen im stände sind. Erst
durch dieses glückliche Zusammentreffen war die geistige Existenz der «Zeitschrift» gesichert. Die Leitung
sah sich in die Lage versetzt, sich einen Plan zurechtzulegen, und' ihren Weg vorzuzeichuen, um der Ge
schichtsschreibung, der Kriegswissenschaft, der Kunstarchäologie mit ihren verwandten Zweigen zu dienen.
Es hat1 sich gezeigt, dass die historische Waffenwissenschaft von zahlreichen stillen Arbeitern bereits längst
bebaut worden war und in ihren Elementen nur geschlummert hat.
Drei Jahre sind seit dem Beginne unserer Zeitschrift verflossen, der I. Band derselben ist zum
Abschlüsse gebracht. Dieser äussere Umstand gestattet eine Rückschau auf das Erstrebte, auf das
Erreichte.
Es wäre eine Anmassung, behaupten zu wollen, dass die junge Zeitschrift, herausgewachsen aus
sich selbst, allen Anforderungen schon gerecht geworden wäre. Der Unterzeichnete ist sich wohl bewusst,
dass noch manche Lücken klaffen, dass manches Erreichte von dem Erstrebten weit entfernt geblieben,
dass manches noch der Pflege entgegensieht; aber Eines glaubt er mit seinen verehrten Mitarbeitern er
reicht zu haben: die Ucberzeugung, dass die historische Waffenwissenschaft eine nicht unansehnliche Stelle
in der geschichtlichen Wissenschaft einzunehmen berechtigt, nimmermehr aus dem historischen Programm
zu streichen ist und an Wichtigkeit und Bedeutung in nächster Zeit nur gewinnen wird.
Unter so günstigen Verhältnissen fällt es dem Unterzeichneten nicht leicht auf das Herz, dass er
sich, bedenklich erkrankt, teils vom Alter gebeugt, gezwungen sieht, die Leitung der «Zeitschrift»
zurückzulegen, aber er übergiebt sie in die Hände eines so kenntnisreichen, bewährten und von der Auf
gabe voll durchdrungenen Kollegen, dass die kräftigste Weiterentwickelung der «Zeitschrift: nach jeder
Richtung hin gesichert erscheint.
Vom II. Bande an wird der Direktor der herzoglichen Kunst- und Altertümer-Sammlung der
Veste Coburg, Herr Dr. Karl Koetschau, die Leitung der Zeitschrift übernehmen.
Wer in einem Fache ein halbes Lebensalter rastlos gearbeitet hat, dem wird es schwer, wenn
nicht unmöglich, seine Thätigkeit plötzlich einzustellen; der Unterzeichnete wird darum auch noch künftig
hin nach Kraft und Vermögen als Mitarbeiter sich in den Dienst der «Zeitschrift» stellen und wird sich
innig freuen, wenn seine Beiträge auch fernerhin willkommen erscheinen sollten.
In letzterem Palle wird ihm nach jahrelangem Streben der Abschied von der Leitung leichter, und,
indem er seinen bisherigen verehrten Mitarbeitern und Kollegen den innigsten Dank für alle Mithilfe
entgegenbringt, stellt er sich nun als Genosse entschlossen in ihre Reihen, um unter kräftiger neuer
Leitung an dem Ausbau unseres Wissenschaftszweiges sich weiter zu beteiligen.
Wien, im November 1899.
Wendelin Boeheim.
1
Der Waffenkunde war von Anbeginn unter den verwandten historischen Fächern ein besonders
günstiges Geschick beschieden. Als vor wenig Jahren der Versuch gewagt wurde, sie als eine zur
Selbständigkeit berechtigte Wissenschaft mit viel verheissenden Entwickelungskeimen in das reiche
Gartenland geistiger Arbeit einzupflanzen, war der Boden, in dem sie geborgen wurde, ein schon in
seinen Anfängen kräftiger Verein. Die befördernden Mittel zum Wachsen bot ihr eine Zeitschrift, die
als einzige auf diesem Gebiete von vornherein den breitesten Wirkungskreis sich gesichert sah, und der
sorgsame Gärtner, der mit einem von der Liebe zur Sache geschärften Auge alle Vorgänge des Wachs
tums beobachtete, mit sorglich pflegender Hand sie regelte und aus der Sonne eines warmen Herzens
Licht spendete, war ein Mann, den man wegen seiner zusammenfassenden und zu gesteigerter Entwicklung
führenden Thätigkeit als den Organisator der historischen Waffenkunde jetzt schon bezeichnen darf, und dem
einst die Geschichte dieses Wissenszweiges einen der Ehrenplätze zuerkennen muss: Wendelin Boeheim.
Nun ist der erste Sturm gekommen und hat an dem kräftig wachsenden Stamm gerüttelt: der
bisherige Leiter dieser Zeitschrift sieht sich gezwungen, anderen Händen sein Amt anzuvertrauen. Ich
brauche nicht zu sagen, wie sehr die Mitglieder des Vereins und die Leser dieser Zeitschrift den Ent
schluss zu beklagen alle Ursache haben, jeder wird hierin mit mir eines Sinnes sein. Aber auch darin
weiss ich mich eins mit allen Freunden unserer Wissenschaft, dass, wenn wir schon der Klage keine Worte
leihen, doch dem herzlichsten Danke wärmsten Ausdruck geben dürfen. Der Herr Vorsitzende unseres
Vereins und bisherige Leiter seines Organs möge ihn sich gefallen lassen! Er ist wohl verdient in jahre
langer, eifrigster Arbeit.
Man wird es mir leicht nachfühlen können, wie ich nur zaghaft und nach manchen Bedenken
mich entschloss, dem an mich ergangenen Rufe zu folgen. Ich würde es schliesslich doch nicht gethan
haben, wenn mir nicht mein verehrter Herr Vorgänger versichert hätte, trotz seines Rücktritts von leiten
der Stelle noch alle Kraft der Zeitschrift nach Möglichkeit zu widmen. Ich würde es auch nicht haben
thun können, wenn nicht eine Reihe der anderen, schon bewährten Mitarbeiter, die mich kennen, mir
ihre Unterstützung von vornherein zugesagt hätten. Ihnen allen gebührt mein herzlichster Dank. Aber
es ist nötig, dass nicht nur einige der Vereinsmitglieder zur Arbeit bereit sind, es ist vielmehr zu
wünschen, dass möglichst alle mithelfen, auf der gesteckten Bahn zum Ziele vorzudringen. Der Weg ist
weit und nicht überall gleich gut zu begehen. Unverdrossene Ausdauer, engster Zusammenschluss aller
Kräfte wird die Schwierigkeiten überwinden helfen. Und so bitte ich denn alle die verehrten
Leser dieser Zeitschrift einzutreten in die Reihe derer, die die Waffe der Arbeit führen
für die Geschichte der Waffe.
Veste Koburg, im November 1899.
Dr. Karl Koetschau.
Die älteren Hinterladungsgeschütze.
Von Pau! Reimer,
Oberleutnant im Badischen Fuss-Artillerie-Regiraent No. 1.4.
Es ist eine in der Technik häufig beobachtete
Erscheinung, dass als neue Errungenschaften ge
feierte Erfindungen sich plötzlich als alte Bekannte
erweisen, die aus ihrer Vergessenheit hervorgeholt,
von neuem der Menschheit dienen müssen. Heftig
entbrennt dann der Streit, wem der Ruhm des Er
f
inders zuzusprechen ist. Einen geradezu typischen
Fall dieser Art brachte vor nicht langer Zeit die
Zeitschrift «Prometheus». Es wurde darin eine
amerikanische Erfindung, die sog. Kettenfräse, be
schrieben, eine mechanische Vorrichtung zur leichten
Herstellung von rechteckigen Löchern in Holz, die
bisher für Verzapfungen bei Möbeln etc. durch den
Tischler mit dem Lochbeitel mühsam ausgestemmt
werden mussten. Alsbald erhoben sich Stimmen,
die den Erfinderlohn für andere in Anspruch nahmen.
U. a. führte ein Arzt an, dass ein ganz auf dem
selben Princip beruhendes Instrument, Osteotem ge
nannt, bereits im Anfang dieses Jahrhunderts von
den Chirurgen zur Oeffnung der Schädelhöhle be
nutzt w mden sei. Mit Recht wies hier der Heraus
geber des «Prometheus» darauf hin, dass die Merk
male einer neuen Erfindung auch dann vorlägen,
wenn ein schon bekanntes Mittel zur Erreichung'
eines neuen Zweckes nutzbar gemacht werde.
Der gleiche Fall liegt in unserer Artillerie
Technik vor. Die beim Dreyse’schen Zündnadel
gewehr, ums Ende der fünfziger Jahre beim Geschütz
eingeführte Hinterladung wurde kaum als eine ausser
ordentliche Erfindung betrachtet, denn Hinterladungs
geschütze waren seit den ältesten Zeiten bekannt, unter
ihnen sogar mit Drall gezogene. Und doch ist der
Zweck der Hinterladung heute ein wesentlich an
derer wie früher, ein Zweck, der nur durch die
Hinterladung erreicht werden kann und an den selbst
die Konstrukteure der alten gezogenen Geschütze
nicht im Entferntesten gedacht haben: die Anwen
dung der Pressionsführung der Geschosse. Der für
die Entwickelung der Artillerie hierdurch herbei
geführte Fortschritt wird vielfach völlig verkannt.
Wie oft wird bei Berichten von der Auffindung
irgend eines uralten Kanonenrohrs ganz besonders
betont, dass dieses Rohr ein Plinterlader sei, und
mitunter noch die Bemerkung daran geknüpft, wie
doch das «Mittelalter» nicht allein in der Kunst,
sondern auch in der Artillerie auf der Höhe unserer
Zeit gestanden habe. Es wird eben dabei über
sehen , dass das allbekannte Mittel heute einem
neuen, wichtigen Zweck dienstbar gemacht ist. Um
einen Vergleich zu gebrauchen, so verhält sich der
moderne Plinterlader zu dem des Mittelalters, wie
eine heutige Dreifach-Expansions-Maschine zu der
atmosphärischen Dampfmaschine von 1705. Heute
f
inden wir eine bewusste, mit Hülfe aller bekannten
Gesetze der Physik und Chemie herbeigeführte Aus
nutzung der Naturkraft, im Mittelalter waren ähn
liche Einrichtungen ein Notbehelf, um überhaupt
zu einer Benutzung einer Naturkraft zu gelangen,
deren Wesen noch wenig bekannt war.
Wie heute der Hinterlader dem Vorderlader
folgte, so war dies auch im Mittelalter der Fall —
die ältesten Geschütze waren Vorderlader. Es dürfte
hier der Ort sein, der Behauptung Demmins1) ent
gegenzutreten, nach welcher nächst den Mörsern die
an beiden Enden offenen Kanonen die ältesten Ge
schütze waren. «Die Ladung wurde in das untere
Ende gebracht, diese Oeffnung durch mittelst eines
hölzernen Hammers eingetriebene Metall- oder Holz
keile verschlossen.» Erst dieser Art sei das Ge
schütz mit beweglicher Ladebüchse gefolgt. Aller
dings hat es kleine, zu den Handfeuerwaffen zu
rechnende Rohre gegeben, die hinten durch einen
eingeschlagenen Pflock geschlossen waren, aus dem
sich später die Bodenschraube mit dem Schwanz
stück entwickelte und der nur ein Widerlager gegen
den Schaft darstellte. Abgesehen davon, dass eine
ballistische Begründung dieser Art von Hinterladung
gänzlich unmöglich ist, lässt sie sich auch vom tech
nischen Standpunkte nicht halten. Wie gross hätte
die Kraft sein müssen, um den Pflock nach jedem
Schuss zu entfernen, nachdem er dem Druck der
Pulvergase widerstanden? Oder nahm man das Rohr
nach jedem Schuss aus der Schäftung, um den Pflock
zu entfernen?
In moderner, wie in alter Zeit entsprang die
Hinterladung dem Bedürfnis nach besserer Ge
schosswirkung. Das durch seine grössere Spreng
ladung wirksamere Langgeschoss verlangte, um es
am Ueberschlagen zu verhindern, die Erteilung
einer sehr raschen Drehung um die Längsaxe, also
1) Demmin, Die Kriegswaffen. . S. 108.
1
4
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
mit Drall gezogene Geschützrohre, deren ballistisch
II. Band.
also auch im Mittelalter lediglich ballistische Ueber
und taktisch vollkommenste Ausnutzung nur die
Hinterladung ermöglichte. Im Mittelalter suchte
man das Verwendungsgebiet der Feuerwaffe, die in
der ersten Zeit vorzugsweise durch Mörser schwer
sten Kalibers vertreten war, durch grössere Beweg
lichkeit zu erweitern und schuf kleinere Kaliber,
deren Geschosswirkung durch vermehrte Anfangs
geschwindigkeit gesteigert werden musste.. Diese
konnte indessen nicht ohne weiteres durch ein
fache Ladungssteigerung erreicht werden, da das
damalige mehlförmige Pulver zu langsam verbrannte
und seine Kraft nur zum Teil an das Geschoss
abgegeben hätte. Dass in der ersten Zeit der Feuer
waffe überhaupt die Ladungen reichlich gewählt
wurden, könnte man vielleicht aus den gleichzeitigen
Darstellungen entnehmen. Während bereits vom
16. Jahrhundert ab bis heute die Feuererscheinung
einer abgefeuerten Kanone oder Büchse als scharfer,
gerader Feuerstrahl gezeichnet wird, lassen die Dar
stellungen der älteren Zeit, vornehmlich des 15. Jahr
hunderts, aber auch noch in den Zeugbüchern
Kaiser Maximilians, eine mehr oder weniger lodernde
Flamme aus der Mündung schlagen. Wenn man
eine einigermassen richtige Beobachtung des Zeich
ners voraussetzt, so könnte man aus dieser Dar
stellungsweise auf starkes Nachflammen des Pulvers,
also zu grosse Ladung schliessen. — Um also die
Vergrösserung der Ladung ausnutzen zu können,
musste man die Rohre verlängern, um dem Pulver
Gelegenheit zu geben, längere Zeit auf das Geschoss
zu wirken. Wie bereits in einem früheren Artikel
ausgeführt, trat nun die Schwierigkeit auf, durch das
lange Rohr hindurch die Ladung einzubringen und
mit dem Plolzpflock zu verkeilen. So trennte man
einfach den hinteren Thcil des Rohres ab, lud ihn
mit Pulver und verkeilte ihn, während das Geschoss
wohl meist in das Rohr gesetzt wurde. Es waren
legungen, welche zur Hinterladung führten. Die mit
dieser verbundenen taktischen Vorteile der schnelle
ren und gesicherteren Bedienung Hessen die Hinter
ladung in manchen Fällen noch beibchaltcn, nach
dem durch Verbesserung des Treibmittels der
eigentliche Grund der Hinterladung fortgefallcn war.
Man kann also bei den älteren Hintcrladungs
geschützcn zwei Arten unterscheiden, nämlich
1. solche, deren Konstruktion durch Forde
rungen der Ballistik bedingt ist, und
2. solche, bei denen die taktischen Vorteile
massgebend waren.
Im folgenden sollen die hauptsächlichsten Kon
struktionen beider Arten besprochen und vorzugs
weise an den im Königlichen Zeughausc zu Berlin
befindlichen Typen der betreffenden Art erläutert
werden.
1. Die Kammcrschlangen.
Unter Kammerschlangcn versteht man Geschütze
mit beweglicher Pulverkammer, welche, mit der
Pulverladung versehen, an dem vorderen Rohrteil
angesetzt wurden. So bequem diese Einrichtung
für das Laden war, zumal man' durch Verwendung
mehrerer Kammern bei einem Geschütz eine erhöhte
Feuergeschwindigkeit erzielen konnte, so schwierig
war es, Rohr und Kammer für den Schuss wieder
zu einem einzigen Stück werden zu lassen. Es
mussten zu diesem Zweck Massnahmen getroffen
werden, einerseits die Kammer fest gegen das Rohr
zu pressen, andererseits die unvermeidliche Fuge
zwischen beiden Teilen gasdicht zu schliessen, d. h.
modern gesprochen, eine Liderung herbeizuführen.
Die erste Forderung ist im allgemeinen zufrieden
stellend gelöst worden, und zwar lassen sich hier
zwei Arten von Konstruktionen unterscheiden,
nämlich:
i. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
1. solche, bei denen der Riickstoss der Kam
5
Denkmäler der Eiscngicsscrei überhaupt darstellen
mer von der Laffctierung aufgenommen wird,
und
2. solche, bei denen das Widerlager für die
Kammer konstruktiv mit dem Rohr ver
bunden ist.
Geschütze der ersteren Art sind zumeist die
älteren. Das Rohr lag, durch eiserne Bänder fest
gehalten, in einer hölzernen Lade, mit der cs seine
Erhöhung erhielt und die zugleich der Kammer als
Widerlager diente. Fig. i veranschaulicht diese
Construction an einem Geschütz des Berliner Zeug
hauses, allerdings ist die Lafetticrung nach Zeich
nungen nachgebildct. Auf die Lade ist hinten ein
Klotz aufgesetzt und durch seitliche, starke Winkel
eisen befestigt, zwischen dieses Widerlager und die
Kammer werden zwei hölzerne Keile geschlagen,
die ohne Zweifel den bei der Leichtigkeit des Ge
dürften. Das Berliner Zeughaus besitzt an der
artigen Stücken 2 Rohre und eine Kammer, die in
dessen nicht zu einander gehören. Eins dieser
Rohre, sowie die Kammer sind in Fig. 2 und 3
wiedergegeben. Immerhin könnte der sehr breit
gehaltene, ebene Boden der Kammer auf eine Ver
wendung dieser Geschütze ohne besondere Lafette,
nur mit einem Balkenlagcr hindcutcn, wobei das
Rohr vielleicht mit Pfählen und Stricken befestigt
und für die Kammer aus Pfählen und Bohlen ein
bcwegliches Widerlager geschaffen wurde. Diese
Verwendungsart scheint eine Abbildung1) aus der
1468 hergestellten Breslauer Prachthandschrift der
Werke des Jean Froissart zu bestätigen, welche die
Vermählung des Markgrafen Sigmund von Branden
burg mit Maria von Ungarn darstcllt (1385). In
dem Zeltlager im Vordergründe liegen am Boden
L , . I'"1 •'"1
{
L.... .
t
l in.1- '«ui
Fig. 4.
schosses verhältnismässig geringen Rückstoss aus
,—--—1
-----
auf hölzernen Rollen mehrere Rohre, die ihrer
halten konnten. Ganz ähnlich ist die Konstruktion
der jetzt ebenfalls im Berliner Zeughaus befindlichen,
von Essenwein1) abgebildeten 45 Kaliber langen
Kammerschlange, bei der zwei starke, senkrecht in
die Lade eingeschlagene eiserne Haken, die sich
noch gegen ein hölzernes Querstück lehnen, den
Rückstoss aufnehmen. Zu dieser Klasse sind auch
die verschiedentlich gefundenen gusseisernen Hinter
lader zu rechnen, die zugleich wohl die ältesten
’) Essenwein, Quellen zur Geschichte der Feuerwaffen,
S. A. XXXI.
charakteristischen Form wegen unverkennbar dieser
Art angehören, während mehrere Kammern, sowie
eiserne Kugeln umherliegen. Die Verwendung einer
hölzernen Lade würde sich bei der augcnschein
j liehen Schwere dieser Geschütze von selbst ver
bieten. Erwähnt sei hierbei, dass selbst I Iauptstücke
unter Umständen aus zwei Teilen bestanden, an
scheinend nur, um den Transport dieser schweren
Geschütze zu erleichtern, ähnlich wie heute bei den
auf Maultieren zu befördernden Gebirgsgeschiitzen.
) In E. Berner, Geschichte des prcussischen Staates.
6
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
So führen die Zeugbücher Kaiser Maximilians zwei
II. Band.
der das Widerlager, das ja lediglich auf Zugfestig
derartige Stücke von Bronze auf, den «Weckauf»
und den Pfabcnschwanz», deren beide Teile —
der hintere Teil war der kürzere — ineinander
geschraubt wurden. Zu diesem Zweck, sowie zur
sonstigen leichteren Handhabung befanden sich in
den hervortretenden Friesen an den Enden der bei
den Teile rechteckige Löcher zum Einsetzen von
Hebebäumen. Vielleicht hat man diese Konstruktion
auch gewählt, um bei eingetretener Unbrauchbarkeit
des der Abnutzung durch den Schuss in höherem
Masse ausgesetzten Bodenstücks nicht gleich das
ganze Rohr nmgiessen zu müssen. So goss Hans
Seelos 1508 zu dem bronzenen Hauptstück «Purrhin
durch» einen anderen
III. Eine mailändische Schallern.
Aus dem Nachlasse des Grossfürsten Michael Pawlowitsch im Jahre 1866 überkommen und in das Inventar des Arsenals von Tsarskoje-Selo unter J. 615 eingetragen ist eine interessante Schallern, deren Vorder- und Seitenansicht die beistehenden Abbildungen Fig. 1 und 2 zeigen.

Die Glocke mit niedrigem Kamm, aus einem Stücke getrieben, ist 22 cm hoch, in der Längsachse 21 cm, im Ouerdurchschnitt 17,5 cm breit; das Gewicht beträgt 4 Pfd. 88 sol. russ. Gew. An der Stirn ist ein muschel- oder fächerförmiges, flach gekehltes, geätztes und vergoldetes Verstärkungsblech festgenietet, der Nackenschutz ist dreimal geschoben; rückwärtig links am Scheitelstück findet sich eine leider undeutlich ausgeprägte Meistermarke eingeschlagen.

In dem von F. v. Gille 1842—61 zusammengestellten Kataloge des Arsenals wird (nach einer späteren handschriftlichen Notiz) diese Schallern, freilich ohne jegliche Belege und offenbar nach einem älteren, nicht mehr vorhandenen Kataloge, dem Ercole Bentivoglio von Bologna (1459 — um 1507) zugeschrieben, und zwar, wie eine eingehendere Prüfung ergeben soll, mit vollem Recht.1)
1) Vgl. Georg v. Kämmerer, Arsenal de Tsarskoé-Sélo ou collection d’armes de sa Majeste L’Empereur de toutes les Russies. St. Petersbourg 1869. — Der Autor kommt im grossen ganzen zu einem mit dem vorliegenden Artikel übereinstimmenden Resultat.
Was zunächst die Form betrifft, so entspricht sie durchaus der angegebenen Zeit; ganz gleich gestaltete Schallern kamen im XV. Jahrhundert auch ausserhalb Italiens vor, wie das in Fig. 3 abgebildete ganz analoge Stück aus der Sammlung Meyrick zeigt, welches als in England zur Regierungszeit Heinrichs VI. und Eduards IV. gebräuchlich bezeichnet wird.1)

1) G. Finke, Abbildungen und Beschreibung von alten Waffen und Rüstungen, welche in der Sammlung von Llewelyn Meyrick zu Goodrick-Court in Herefordshire aufgestellt sind. Berlin 1836. Cf. pl. 74 No. 4.
Dass auch die zeitgenössischen Glieder der Familie Bentivoglio diese Kopfbedeckung ohne Bart trugen, ist an einer im Museum von Bologna aufbewahrten Medaille des Giovanni II. Bentivoglio (1443—1509) ersichtlich, wenn auch hier die Schallern in der Form etwas von unserer abweicht, indem sie, soweit sich aus der Zeichnung Littas2) beurtheilen lässt, mit einem Visier und tief herabreichendem, nicht geschobenem Nackenschirm versehen ist (Fig. 4).
2) Die beistehenden zu Vergleichen herangezogenen italienischen Medaillen, Schaumünzen und Wappen, chronologischen und genealogischen Daten entnehmen wir dem Capitalwerke: Litta, famiglie celebri italiane. (Fase. XXXI Bentivoglio di Bologna, XLI Pallavicino u. a.)
Die Meistermarke (Fig. 5) deutet ebenfalls auf
dieselbe Periode, und wenn sie uns auch in dieser
Form (H? A) noch nicht begegnet ist, so glauben
wir doch nicht fehlzugehen, wenn wir sie einem
Mailänder Plattner und zwar einem der älteren
Missaglia zuschrciben.

★工事中
Endlich aber bieten die Verzierungen des Stirnschildes genügende Anhaltspunkte, um die Persönlichkeit des Besitzers mit Sicherheit festzustellen; es sind nämlich an den Schmalseiten:
rechts der ovale schrägrechts dreizehnmal mit Spitzen geteilte Schild (Fig. 6) und links das vollständige Wappen der Bentivoglio — der geviertete Schild mit nach rechts gewandtem Adler in 1 und 4 und der schrägrechten Spitzenteilung in 2 und 3 (Fig. 7)
— eingeätzt, letzteres genau in der Form, wie es sich auf den von Giovanni II. Bentivoglio geprägten Münzen vorfindet (Fig. 8). An der Spitze des Stirnblechs sieht man noch:
rechts die Wappenfigur der Bentivoglio — den Adler auf einem Nest, über dem Haupte ein fliegendes Band mit Inschrift NUN MICHI (Nunc mihi), (Fig. 9) links einen Stier, ein Schwert und einen zweiten, nicht mehr zu bestimmenden Gegenstand (Blatt? Garbe?) haltend, mit einer Lilie zwischen den Hörnern (Fig. 10).
Den Adler mit dem angeführten Wahlspruch sehen wir auf zwei dem Museum in Bologna und der Kollektion Schiassi daselbst gehörigen Schaumünzen (Fig. 11 u. 12),
letztere mit den Namen der beiden
Söhne Giovannis II., Annibale (1469—1540) und
Aütongaleazzo (1472—1525); die Figur des Stieres
hat nuu zwar mit dem Wappen der Bentivoglio
nichts gemein, lässt sich aber, wie uns scheint, ungezwungen aus dem Umstande erklären, dass der
Inhaber des Helmes Ercole Bentivoglio mit
Barbara Torelli vermählt war, aus deren Wappen
die Figur entnommen sein könnte. Ein Beispiel der
Entlehnung derselben Wappenfigur gelegentlich einer
Rankenwerk eingestreute, als ornamentale Beigabe
dienende Wappentiere und Figuren werden wohl kaum
mit heraldischer Präzision behandelt worden sein.
Es erübrigte nun noch, das Wort «Nespola» zu deuten, welches sich viermal in einer der Einkehlungen und je einmal an den schmalen Seitenrändern des Stirnschildes eingraviert vorfindet, doch
sehen wir uns vorläufig ausser stände, eine stichhaltige Erklärung dafür zu bieten. Die in dem Familienallianz finden wir an dem Grabmale der Pallavicino in der Parochialkirche von Corte-maggiore, woselbst der Stifter Gianlodovico Pallavicino (1425—1481), vermählt mit Anastasia Torelli, das vereinigte Wappen beider Geschlechter am Monumente anbringen liess (Fig. 13).
Allzugenau freilich mit der Blasonnierung der Wappen nahmen es weder der Steinmetz noch der
Aetzmaler, allein es braucht den verschiedenen Abweichungen und Freiheiten in dieser Richtung kein
besonderes Gewicht beigelegt zu werden, denn in Werke von Litta gegebenen Daten aus der Familiengeschichte der Bentivoglio lassen keine Beziehungen zur Mispel (nespola) als dem bevorzugten
Symbol des Geschlechtes erkennen, und wenn das Wort, wie in der oben erwähnten handschriftlichen Notiz gesagt ist, einen Kriegsruf, ein Feldgeschrei bedeuten sollte, so müsste es wohl im übertragenen
Sinne von «dare nespole = Prügel geben» aufzufassen sein, und dann bliebe es wieder unverständlich, warum hier die Singularform nespola statt nespole angewandt wurde.
IÖT
5. Heft.
Zeitschrift für historische Warenkunde.
Ueber den Wert der Meistermarken.
Von Wendelin Boeheim.
(Fortsetzung.)
11. Laufmarken.
den über den Dorn ge
schmiedeten eisernen
Hakenbüchsenläufen
des 15. Jahrhunderts
f
inden sich die ältesten
derlei Marken. Sie stel
len selten Buchstaben,
sondern meist Wappen
schild Herzen, Pfeile
u. dgl. dar, welche tief
ins Gesenk geschlagen
sind. Zunächst, um 1500, traten die zwar geschmie
deten, aber gebohrten Läufe auf, mit ihnen aber
häufig schon die Marken einer behördlichen Be
schau. So treffen wir bei Nürnberger Läufen das
N, bei Augsburger den Pinienapfel, den sogenannten
«Stadtpyr», bei den Wiener Läufen das Stadtwappen
mit dem Kreuz etc. eingeschlagen. Bald darauf
fügt der Laufschmied die Anfangsbuchstaben seiner
Namen bei.
Was nun die im ganzen sehr roh gearbeiteten,
achtkantigen und in der Mitte gotisch «abgesetzten»
geschmiedeten Läufe des 15. Jahrhunderts betrifft,
so machen sich in Westeuropa verschiedene Er
zeugungszentren bemerklich, deren Thätigkeit nahezu
noch völlig unbekannt ist, und die besonders nur
durch die Sichtung der Marken und mit Hilfe von
Archivstudien aufgehellt werden kann. Der Um
stand, dass in der Waffensammlung des Chorherren
stiftes Klosterneuburg bei Wien eine Anzahl von
über 20 Hakenrohren, der Zeit von etwa 1450
bis 1490 bewahrt wird, und ein weiterer, dass, wie
sich aus den Klosterrechnungen ergiebt, die Haken
rohre bei bestimmten Eisengewerben in Steiermark
bezogen wurden, leitete die Aufmerksamkeit auf
dieses damals in der Eisenbearbeitung an der Spitze
stehende Land. In der Sammlung entdeckt man
vorwiegend nur zweierlei Marken: eine ältere von
ca. 1450 und eine jüngere von ca. 1480 bis 1490.
Für die ältere ist nur auf Peter Pögel am Thörl
nächst Aflenz hinzuweisen, der nach den Rech
nungen dem Stifte liefert. Die Gewerkschaften des
Pögel waren damals die bedeutendsten und leistungs
fähigsten der ganzen Welt. Sie arbeiteten für den
Kaiser, für Ungarn, Russland und Polen, für die
freien Städte, ja ein Rechnungsbeleg belehrt uns,
dass Pögel seine Rohre bis nach Danzig versen
dete. Die jüngere Marke dürfte dem Peter Hof
kircher in Mürzzuschlag zuzueignen sein, der
nachweislich von 1470 an, als die Gewerkschaft des
Pögel ersichtlich im Rückgang war, die Kriegs
ausrüstung des Stiftes besorgte.
Mit der Einführung der meist reicher ausge
statteten Jagdgewehre, die vielfach schon mit dünn
wandigen Läufen auftraten, beginnen die italienischen
Laufschmiede an der Mella oberhalb Brescia ihre
Erzeugnisse mit bildlichen Marken auszustatten, durch
welche sie gewissermassen ihre Werkstätte kenn
zeichnen. Dieser Gewohnheit folgen bald die Lauf
schmiede der übrigen Länder, und wir erhalten von
da an eine Uebersicht der Produktion der verschie
denen Nationen. Antonio Petrini bringt in seiner
«Arte fabrile» 1642') eine Anzahl solcher älterer
Bildmarken, selbst arabischer und türkischer, allein
die wenigsten finden sich mehr an Läufen unserer
Sammlungen. An Brescianer Läufen bildete sich
später die Uebung heraus, selbe blos mit dem An
fangsbuchstaben der Meisternamen zu bezeichnen,
wie z. B. Giovanni FranCini mit G F, oder aber
mit den der Länge nach laufenden vollen Namen,
wie die zahlreichen Meister Cominazzi. Alle diese
Marken erscheinen eingeschlagen.
Eigentümlich und untereinander verschieden bil
deten sich vom Ende des 17. Jahrhunderts die
Markenformen in Spanien und Deutschland heraus;
sie bilden in sich Typen, die schon auf eine ziem
liche Entfernung vom Auge voneinander zu unter
scheiden sind. Die spanischen Marken sind läng
lich, unterhalb eckig abschliessend und enthalten
oberhalb eine einfache Figur: Krone, Löwe u. dgl.,
unterhalb abgeteilt den vollen Namen des Meisters,
so die Lopez, Targarona, Bustindui etc. des
18. Jahrhunderts. Alle diese Marken sind im Grunde
stark vergoldet. Nicht selten führen die spanischen
Meister zweierlei Marken, wovon die eine das Bild,
die andere den Namen enthält. Es ist nun bei dem
grossen Einflüsse, welchem die spanische Industrie
vom Orient ausgesetzt war, leicht zu erkennen, dass
diese Markenform von arabischen Werkstätten ent
nommen ist die ganz ähnliche Typen aufweisen und
gleichfalls vergoldet erscheinen; nur sind diese oben
zugespitzt und enthalten meist nur die «Tughra»,
selten einen Namen.
Anders bildete sich die Markenform auf Läufen
in Deutschland und Oesterreich heraus. Sie sind
in der Regel quadratisch oder kreisförmig und ent
halten eine gewählte Figur, zumeist eine Tiergestalt.
Daneben oder darüber erscheinen die Anfangsbuch
staben des Meisternamens. So führt Max Wenger
das Kreuz, Hans Stifter den steigenden Löwen,
*) Manuskript, Biblioteca, Magliabecchiana, Florenz (CI.
XIX, 16). Im Auszüge auch in Pion, Benvenuto Cellini,
Paris 1883.
IÖ2
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
J. C. Schefl den steigenden Panther, die späteren
II. Band
Lederetui eingebettet, das an die Etuis unserer heu
Zellner das Zelt, die Kuchenreuter eine Reiter
f
igur etc.
Die Franzosen bequemten sich im allgemeinen
dieser Bildersprache nicht an. Erst seit Colbert
zu Ansehen und Ruf gekommen, treten sie mit
grossem Selbstbewusstsein auf und bringen ihre
vollen Namen, zuweilen selbst mit ihren Titeln und
Adressen auf ihren Läufen an. Die Schrift wird in
Gold eingelegt.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die fertigen
Feuerwaffen, fast von ihrem ersten Auftreten an ein
Produkt der Arbeitsteilung sind. Das Rohr bedurfte
zu seiner Handhabung eines, wenn auch nur roh
gearbeiteten Schaftes, damit trennte sich schon da
mals der «Rohrschmied» vom bäuerlichen «Schäfter».
Später als die «Gewehrschlösser» allgemein wurden,
verwickelte sich das Verhältnis immer mehr. Eine
kunstreiche Zeit forderte eine reiche ornamentale |
Ausstattung der Schäfte durch Einlagen in Elfen- |
bein, Hirschhorn, gewöhnlichem Bein und später
selbst Perlmutter, Schildpatt, der oft bewunderns
werten Gravierungen und Schnitzarbeiten gar nicht
zu gedenken. Damit traten die verschiedenartigsten
Kunstarbeiter hervor; aber auch in der allgemeinen
Fertigung der Handfeuerwaffe tritt ein neues Element
hinzu: der «Feuerschlossmacher», dem naturgemäss
dann die gesamte endliche Zusammenstellung zufiel
und der als eigentlicher Verkäufer seine Mitarbeiter
in den Schatteu stellte. In jener Zeit des 17. und
l8. Jahrhunderts wird es immer schwieriger, die
Marke des Rohrschmiedes von jener des Büchsen
machers zu unterscheiden. Zwar besass eine ansehn
liche Zahl hervorragender Büchsenmacher eigene
Rohrschmieden wie die Zellner eine solche bei
Krems an der Donau. Der Rest versorgte sich
durch Händler mit Waren aus Italien, Spanien und
selbst aus dem Orient durch die Venetianer. Man
sieht also, dass mit der Verbesserung der Hand
feuerwaffe eine sichere Bestimmung der Laufschmied
marke immer schwieriger wird, umsomehr als die
Büchsenmacher sich angewöhnten, ihre Marke gleich
falls auf den Läufen anzubringen. Wir werden aber
sogleich sehen, dass sich durch Hinzutreten anderer
Arbeiterelemente das Studium der Markenfrage noch
verwickelter gestaltet.
Bei dem stets steigenden Bedarfe an Luxus
gewehren von etwa 1680 an entwickelte sich der
Handel mit Läufen zu nicht geringer Bedeutung,
besonders waren es die leichten, dünnwandigen
Schrottläufe, dann Entenläufe, welche bei den kleinen
Büchsenmachern reissenden Absatz fanden. Die
Lieferungen erfolgten in Gebünden von 12 Stück
mit Emballagen, die an Eleganz einen fast modernen
Anstrich besassen. Besonders feine Läufe wurden
zu zweien in Lederetuis feinster Arbeit versendet.
In der Waffensammlung im Schlosse Ambras bei
Innsbruck finden sich zwei unmontierte Messing
Pistolenläufe, ersichtlich Brescianer Herkunft, in ein
tigen Reisszeuge erinnert.
Die Schwierigkeit des Studiums der Lauffabri
kation, so bedeutend bei Jagdgewehren, vermindert
sich zwar bei der Massenware für den Kriegs
gebrauch, also für Musketen und Reiterpistolen be
deutend, da für derlei Massenlieferungen doch nur
wenige Fabrikanten brauchbar erschienen. I11 Deutsch
land stehen da Suhl und im Luxemburgischen
Lüttich voran. In Italien hatte sich das Gebiet
von Brescia siegreich jeder Konkurrenz erwehrt.
Die Fabrikation wird aber nicht in der Stadt, son
dern in der Nähe an der Mella betrieben. In
Oesterreich lieferte das Gebiet von Leoben, dann
auch Ferlach vorzügliche Ware. In Russland ent
wickelte sich die Lauffabrikation im grossen Stile
erst seit dem 18. Jahrhundert. Auch in Schweden
hatte man es mit Erfolg versucht in dem Bedarfe
an Kriegsfeuerwaffen sich unabhängig vom Auslande
zu stellen; leider fehlen uns darüber geschichtliche
Daten. In Spanien bestanden viele kleine Rohr
schmieden an der Pyrenäengrenze, die an Frank
reich lieferten, welches Land jedoch den Hauptteil
seiner Musketen aus Lüttich bezog. England war
bis ins 18. Jahrhundert auf Deutschland angewiesen.
In der Verfolgung der Geschichte der Lauf
fabrikation ist es geboten, die Industrie für den
Kriegsbedarf von jener für die Jagd von etwa 1540
an völlig zu trennen, erstere ist eine fabriks
mässige, letztere eine handwerksmässige, die
allmählich bis zu hoher und selbst künstlerischer
Entwickelung gedeiht. Besitzt man für die Ge
schichte der Industrie der Kriegsfeuerwaffen gewisser
führender Linien, so ist das auf dem Gebiete der
Luxusindustrie im Feuerwaffenwesen nicht der Fall.
Schreiber dieses hat in Jahrzehnten an 500 Meister
der letzteren mit ihren Namen und meist mit ihren
Wohnorten und Marken gesammelt. Der Erfolg
für eine Spezialgeschichte des Handwerksgebietes
bleibt dennoch gering, in so lange es nicht gelingt,
die Gesamtleistung jedes Einzelnen an sich und im
Vergleiche zu allen übrigen zu beurteilen. Da
fehlt es noch überall; da ist noch jungfräulicher
Boden.
Für die Lauferzeugung für Jagdwaffen vom
18. Jahrhundert herwärts erschwert sich das Stu
dium noch durch eine Beobachtung, die wir vor
längerer Zeit schon gemacht haben und die teil
weise selbst rätselhaft erscheint. Nimmt man näm
lich den Lauf von derlei Jagdflinten und Kugel
büchsen aus seiner Nut, so entdeckt man bei den
meisten derselben an der Unterseite der Schwanz
schraube eingestempelte Marken. Viele bezeichnen
ohne Zweifel die Rohrschmiede, andere aber sind
nicht zu deuten, wenn man nicht annehmen will,
dass sich hier der Arbeiter bezeichnet hat, welcher
die Schwanzschraube erzeugt und eingefügt hat.
Wir werden erst dann über den Wert einer
Feuerwaffe mit Sicherheit urteilen können, wenn wir
5. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
mit einem Blicke auf die Marken der Meister, seine
163
vielen Bedürfnisse unserer jungen Wissenschaft zählt
Fähigkeit und Leistung in seiner Zeit bezeichnen
können. Jetzt kennen wir zumeist nur trockene
Namen, mit denen wir nichts anzufangen wissen.
Wir müssen den Meister in seiner Thätigkeit und
seinen Lebensverhältnissen genau kennen, bevor wir
über ihn urteilen und die Kenntnis seiner Marke ist
allerding's eine erste Bedingung dazu. Unter die
auch ein «Meisterlexikon».1)
') Anm. der Schriftltg. Der Verfasser des Aufsatzes
hatte noch eine zweite Fortsetzung und zwar über die Ge
wehrschlossmarken angekündigt. Der Tod hinderte ihn
daran, sie einzusenden. Ob sich Material in seinem hand
schriftlichen Nachlass findet, kann zur Zeit noch nicht fest
gestellt werden.
Entwickelung und Gebrauch der Handfeuerwaffen.
Von k. u. k. Oberstleutnant P. Sixl in Kaschau.
(Fortsetzung.)
weiteren Fortschritt
in dem Bestreben,
den Rückstoss abzu
schwächen, zeigt eine
Handbüchse aus dem
Museum des König
reichs Böhmen in
Prag.1) (Fig. 62.)
Bei dieser Pland
büchse ist die Ver
bindung von Lauf
und Schaft wie beim rückwärtigen Laufringe der
Pilsener Flandbüchse bewirkt, jedoch die Ver
riegelung unterhalb des Laufes in der Weise durch
geführt, dass man mittels dieser die Handbüchse
an jede Unterlage ansetzen oder anlegen konnte.
Die Handbüchse hat 7,5 kg Gewicht, ist daher
eine mittelgrosse Handbüchse, welche, obwohl leichter
.als die Pilsener Flandbüchse (10,37 kg), für die Ver
wendung aus freier Hand noch nicht die volle Eignung
J) Wir erfüllen eine angenehme Pflicht, wenn wir den Herren
Beamten des Museums des Königreichs Böhmens, — insbesondere
dem Herrn Dr. Wenzel Rezniöek und Herrn Prof. Dr. Koula — für die
wiederholte liebenswürdige Unterstützung bei unseren Studien an
dieser Stelle den innigsten Dank sagen.
hatte, auf Unterlagen jedoch aufgelegt, leicht ab
geschossen werden konnte.
Die Handbüchse besteht aus dem Laufe, dem
Schafte und einem Laufringe.
Das Gewicht des Laufes konnte nicht festgestellt
werden, weil derzeit eine Trennung des Laufes vom
Schafte unthunlich ist.
Der Lauf ist 29,5 cm lang, aussen achteckig,
cylindrisch, an der Mündung verstärkt, aus Schmiede
eisen roh gearbeitet. Die Länge der Seele beträgt
27 cm, der Durchmesser derselben 33 mm, daher das
Verhältnis des Kalibers zur Länge der Seele i : 8,5.
Das Zündloch befindet sich oberhalb, 26 cm
von der Mündung entfernt und ist scharfkantig gebohrt.
Der Schaft ist 113 cm lang und zeigt eine neue
Konstruktion; vorn oben befindet sich die mulden
förmige Längen-Vertiefung zur Aufnahme des Laufes,
so wie es bei den bisher beschriebenen Handbüchsen
der ältesten Zeit der Fall war, hingegen ist der bei
Fig. 4, 5 und 6, sowie auch bei Fig. 1, 2, 3, 14, 15, 16,
17, 18, 19, 20, 27, 28, 29, 30, 31 und 32 vorhandene
stangenartige Schaft bei dieser Handbüchse kolben
artig verstärkt, massiv und augenscheinlich für den
aufgelegten Anschlag eingerichtet. Diese Form des
Schaftes steht in Uebereinstimmung mit den Ab
Fig. 62. Handbüchse mit verriegeltem Ringhaken aus dem Museum des Königreiches Böhmen in Prag.
164
Zeitschrift für historische Waffennunde.
bildungen aus dem Codex der Bibliothek Hauslab
II. Band.
getrieben; derselbe steht unterhalb 9,2 cm hervor und
Liechtenstein, jetzt k. u. k. Kriegs-Archiv, Wien,
Fig. 22, 23 und 24 (1430—1440) und mit der Hand
büchse aus dem Codex 719 des Germanischen Mu
seums in Nürnberg, ca. 1450. (Fig. 26.)
Aus den genannten Abbildungen geht hervor, dass
derart geformte Schäfte um das Jahr 1430 schon bei klei
nen und grösseren Handbüchsen in Verwendung waren.
Vorne links unten und seitwärts ist eine Nut ein
geschnitten, welche nach aussen mit zwei Metallringen
abschliesst; in dieser befindet sich ein ca. 40 cm
langer hölzerner Ladstock. Derselbe hat an dem einen
Ende einen eisernen scheibenartigen, mit einer her
vorstehenden Querleiste versehenen Kopf eingesetzt,
welchen man sehr wahrscheinlich beim Laden zum
Einpressen des Pulvers und Ansetzen des Geschosses
benützte, und welchen man auch beim Herausziehen
des Ladstockes aus der Nut anfassen konnte.
Der Ladstock wurde schon oben bei Besprechung
der Klotzbüchse aus dem Cod. ms. 3069 der k. k.
Hof-Bibliothek zu Wien (begonnen i. J. 1411), Fig. 3,
ist, wie oben beschrieben, am Schafte befestigt.
Durch das Eintreiben eines Hakens oder Ein
schneiden einer Stufe in den Schaft wurde zweifellos
die Festigkeit desselben verringert; ähnliche Nach
teile hatte die Konstruktion der Prager Handbüchse;
das Einschneiden des Schlitzes war auch umständlich,
durch das Anbringen des Hakens in der Mitte bei
einem Laufringe musste ferner die feste Verbindung
von Lauf und Schaft bald verschoben werden; es
war einfacher und praktischer, bei den geschäfteten
kleineren Handbüchsen den vorderen Laufring nach
unten in einen Haken endigen zu lassen. Durch
diese Einrichtung wurde die Handhabung der kleinen
Handbüchsen wesentlich erleichtert, weil man diese nun
an jede Unterlage leicht einhaken oder anlegen konnte.
Eine derartig konstruierte Handbüchse befindet
sich im historischen Museum der Kgl. Stadt Pilsen,
(Fig. 63.)
Die Handbüchse besteht aus dem Laufe, zwei
Laufringen und dem Schafte.
Fig. 63. Handbüchse mit Ringhaken im historischen Museum der kgl. Stadt Pilsen.
und bei Besprechung der Abbildung aus dem Cod.
Hauslab-Liechtenstein, Fig. 25, erwähnt.
Die Verbindung von Schaft und Lauf ist —
ähnlich wie beim rückwärtigen Laufringe der Pilsener
Handbüchse — durch ein 3,5 cm breites Eisenband
hergestellt, welches 12 cm von der Mündung entfernt
um den Lauf fest herumgelegt, mit beiden Enden
unten zusammenschliesst, durch eine schlitzartige
Oeffnung des Laufes hindurchgeht und unterhalb
des Schaftes 9 cm weit hervorsteht. Die beiden
Enden sind daselbst zusammengeschweisst, haben
unterhalb das Schaftes einen Längenschlitz, sind
mit einem eisernen Querband verriegelt und bilden
dadurch, dass dieselben unterhalb hervorstehen, da
selbst an dem Schafte einen Haken.
Dieser Haken konnte, ähnlich wie die in den
Schaft eingeschnittene Stufe, an die Unterlage an
gesetzt werden; die Länge des Hakens erleichterte
dieses Ansetzen und ermöglichte die Abschwächung
des Rückstosses.
Diese Handbüchse war seinerzeit in der Pachli
schen Sammlung und soll aus Pilsen stammen.
Bei der Handbüchse im historischen Museum
zu Bern, Fig. 5, ist ein 15 cm langer eiserner spitzer
Haken im Mittelschaft, von oben nach unten, hindurch
Der Lauf ist 31,5 cm lang, sechskantig, cylin
drisch, beim Zündloch im äusseren Umfange verengt,
aus Schmiedeeisen, möglicherweise auch der Länge
nach zusammengeschweisst, sonst roh gearbeitet.
Das Gewicht des Laufes beträgt 3,87 kg.
Die beim Zündloch verengte äussere Form des
Laufes erinnert an die Abbildung Fig. 20 aus Cod.
lat. m. 197 der Kgl. Hof- und Staats-Bibliothek zu
München (1420—1450).
Es fehlt ferner der bisher bei den meisten Hand
büchsen vorhandene verstärkte Kopf; es ist möglich,
dass der Lauf vorne abgenommen oder abgeschnitten
wurde.
Die Länge der Seele beträgt 29,2 cm, der Durch
messer der Seele beträgt gegen die Mündung 36 mm,
gegen das Zündloch 33 mm; die Seele ist daher
gegen die Mündung hin erweitert. Das Verhältnis
des Kalibers zur Länge der Seele ist 1: 8,4.
Das Zündloch befindet sich oberhalb und ist
trichterförmig eingetrieben.
Die zwei Laufringe sind der äusseren Arbeit
nach wahrscheinlich ebenso alt als der Lauf.
Der rückwärtige Laufring umfasst Lauf und
Schaft um das Zündloch herum und hat oberhalb
desselben einen viereckigen Ausschnitt; zwei Eisen
165
5- Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
stifte sind durch den Laufring in den Schaft ein
getrieben und dienen zur Befestigung desselben.
Der vordere Laufring ist ein ca. 3 cm breites
Eisenband, welches Lauf und Schaft umfasst und
unterhalb des Schaftes zu einem etwas nach rück
wärts zurückgebogenen spitzen Haken zusammen
geschweisst ist. Die Befestigung am Laufe erfolgt
durch einen Querstift.
Der Schaft ist augenscheinlich bedeutend jün
geren Datums; vielleicht ist der neue Schaft den |
Fragmenten des alten Schaftes beiläufig nachgebildet.
Nach den Abbildungen in den Biiderhandschriften
war der Schaft in dieser Zeit entweder stangenförmig,
wie in Fig. 18, 20 und 38, oder kolbenartig geformt,
wie in Fig. 22, 23, 24 und 25.
Es ist wahrscheinlich, dass von dem alten Schaft
den von den Laufringen umfasste vordere Teil noch
das Zündloch jedoch abnehmend, so dass auch hier
eine Erweiterung der Seele gegen die Mündung vor
handen ist; das Verhältnis des Kalibers zur Länge
der Seele beträgt 1 : 13,5.
Das Zündloch befindet sich oberhalb und ist
trichterförmig vertieft; knapp hinter demselben befindet
sich ein kurzer Zapfen, um welchen ein eiserner Deckel
drehbar war, mittels welchen man das Zündloch
verschliessen konnte; der Deckel fehlt.
An der Mündung ist der Lauf leistenförmig ver
stärkt und hat vorn oben eine Rinne eingeschnitten,
welche augenscheinlich zum Zielen diente.
An der äusseren Peripherie des Mündungskopfes
und an weiteren zwei Stellen des Laufes sind Ver
zierungen, bestehend aus gekreuzten Stäben, ein
geschnitten, welche den Lauf der Länge nach in
drei Felder einteilen. Im Mittelfeld und im rückwär
Fig;. 64. Handbüchse mit Ringhaken im historischen Museum der kg). Stadt Pilsen.
vorhanden war und dass man den fehlenden rück- i
wärtigen Teil nach Gutdünken ersetzte.
Nach dem geringen Gewicht des Laufes von
3,87 kg war diese Handbüchse bestimmt eine eigent
liche Handbüchse, d. h. dieselbe konnte zweifellos
aus freier Hand abgeschossen und gehandhabt werden.
Jetzt wiegt die ganze Handbüchse 6,2 kg und •
dürfte von dem ursprünglichen Gewichte nur wenig
abweichen.
Im historischen Museum der Kgl. Stadt Pilsen
befindet sich noch eine zweite Büchse, welche in
ihren Einzelheiten ebenso interessant ist als die
vorige. (Fig. 64.)
Diese Handbüchse besteht aus dem Laufe, zwei
Laufringen und dem Schafte.
Der Lauf ist 41,5 cm lang, achtkantig, cylindrisch,
wahrscheinlich aus Gusseisen, gut gearbeitet und hat
5,49 kg Gewicht.
Die Länge der Seele beträgt 39,3 cm, der Durch
messer derselben 29 mm an der Mündung, gegen
tigen Feld vor dem Zündloch ist je ein Kreuz ein
geschnitten; im rückwärtigen Feld vorne oben ist
ein Wappenschild mit einem einköpfigen Adler en
relief aufgesetzt.
Die beiden Laufringe sind von einfacher Arbeit;
der vordere ist ein Ringhaken, der Lauf und Schaft
umfasst; der rückwärtige Laufring verdeckt jedoch
teilweise das Zündloch, und nachdem dieses mit
einem verschiebbaren Deckel versehen war, so muss
angenommen werden, dass entweder der Lauf ur
sprünglich nach rückwärts in einen massiven ein
geschweissten Eisenkern endigte, auf welchen der
Laufring g'elegt wurde, oder dass die Laufringe mit
dem Lauf und Schafte erst später in die vorliegende
Verbindung zusammengestellt wurden.
Der Schaft ist nahezu von derselben Konstruktion,
wie bei der vorhergehenden Handbüchse; die dort
gemachte Bemerkung hat auch hier volle Geltung.
Nach dem Wappen und den gekreuzten Stäben
könnte man annehmen, dass diese. Handbüchsc ur
22
[66
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
sprünglich zum Bestände der Waffenkammer von
II. Band.
eingerichtet; nachdem es bisher nicht möglich war,
Eger zählte oder dort erzeugt wurde.
Die ganze Handbüchse hat jetzt ein Gewicht
von 7,85 kg; dieselbe konnte von einem einzelnen
Schützen aus freier Hand noch gehandhabt und ab
geschossen werden, allein ein länger andauernder
Gebrauch war doch nur auf Unterlagen und mittels
des Ringhakens möglich.
Auch dieses Konstruktions-Prinzip — der Ring
haken — erscheint später und in verbesserter Form
wieder.
Bei öfterem Schiessen, auch nach längerem
Gebrauche, insbesondere aber bei zunehmender
Stärke des Rückstosses mag es oftmals vorgekommen
sein, dass der Ringhaken sich lockerte, zum festen
Anlegen oder Ansetzen an die Unterlage nicht
mehr mit Sicherheit benutzt werden konnte und
dass derselbe schliesslich durch die Wirkung des
Rückstosses von der Handbüchse abgestreift wurde.
Dieser Ubelstand führte schliesslich dahin, dass
man anstatt des Ringhakens einen einfachen eisernen
Haken direkt an die untere Seite des Laufes an
setzte und mit diesem in feste Verbindung brachte.
Dieses V erfahren
konnte nicht nur
bei den geschäfteten
Handbüchsen son
dern auch bei jenen
angewendet werden,
welche ganz von
Eisen waren oder
eine solche Haken-Steinbiichse oder eine derart kon
struierte kleine Haken-Lotbüchse aufzufmden und in
einer zweiten Darstellung ein sonst gleich aus
gerüsteter Reiter mit einer Feuerlanze erscheint, so
wird man zur Annahme gedrängt, dass die dar
gestellte Haken-Steinbiichse nicht der Wirklichkeit
entnommen, sondern nur ein vom Darsteller skizziertes
Projekt war, welches dadurch veranlasst wurde, dass
man schon frühzeitig, also gewiss noch vor Ent
stehung der Zeichnung, gewöhnliche eiserne Hand
büchsen von einfacher Konstruktion mit dem Idaken
ausrüstete, was auch durch eine erhaltene ältere
eiserne Hakenbüchse bestätigt wird.
Diese Plakenbüchse befindet sich im Ger
manischen Museum zu Nürnberg, Fig. 65, und ist
augenscheinlich für Bleigeschosse eingerichtet.1)
Die Hakenbüchse besteht aus dem Laufe und
dem eisernen stabartigen Schafte.
Der Lauf ist aus Schmiedeeisen, von mittlerer
Arbeit, cylindrisch, rückwärts bis auf circa 19,5 cm
achteckig, nach vorne leicht verjüngt; an der Mündung
befindet sich innen eine beiläufig 1 cm tiefe trich
terförmige Oeffnung
und aussen eine ring
förmige Verstärkung.
Das trichterför
mige Zündloch ist
oberhalb angebracht
und hat scharfe
Fig. 65. Eiserne Hakenbüchse im germanischen Museum
welche den rück
wärts eingesteckten
stangenartigen Schaft hatten.
zu Nürnberg.
Kanten.
Unterhalb am
Laufe, 10,3 cm von
der Mündung entfernt, ist ein Haken angeschweisst;
Dieser Haken war nach den Abbildungen aus
Cod. lat. m. 197 der kgl. Hof- und Staatsbibliothek
in München, ähnlich dem Ringhaken, länglich, unten
spitzig und nach rückwärts gebogen, Fig. 21; später
erhielt derselbe für das bessere und festere An
setzen an den Lauf eine breitere Basis und infolge
dessen stärkere Dimensionen.
Nach einer zweiten Darstellung derselben Hand
schrift trägt auch ein Reiter eine Hakenbüchse,
Fig. 42; auch hier ist der Haken länglich und nach
rückwärts gebogen, die Spitze jedoch ist unten ab
geschnitten.
Derselbe Reiter ist auch im Cod. lat. 7239 der
National-Bibliothek zu Paris enthalten, Fig. 43; der
Haken ist wie vorhin länglich, unten spitzig und
nach rückwärts gebogen; in der Handschrift des
Marianus Jacobus findet man dieselbe Darstellung
wieder.
Es wurde schon oben hervorgehoben, dass
unter diesen nahezu gleichen Darstellungen jene des
Cod. lat. m. 197 die älteste ist und dass in diesem
Kodex, einem Skizzenhefte, nebst Kriegsmaschinen
und Waffen öfters zweifellos nur Projekte abge
bildet sind.
Die Hakenbüchse in Fig. 42 ist als Steinbüchse
die Form des Hakens steht noch in gewisser Uebcr
einstimmung mit Fig. 42 und 43; die untere Spitze
ist wie in Fig. 42 abgenommen; die rückwärtige
Länge beträgt 7,8 cm, die obere Basis ist zum
festeren besseren Ansetzen an den Lauf schon 4,4 cm
breit.
Die Länge des Laufes beträgt 37,5 cm, die
Länge der Seele 32,5 cm, der Durchmesser der
Seele 21 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur
Länge der Seele 1 : 15,4.
Die Seele ist gleichmässig und, so weit sich
erkennen lässt, nicht mit der Hand gebohrt.
Der eiserne stabartige Schaft ist 62,5 cm lang,
wellenförmig gebogen, fest und von quadratischem
Durchschnitte, vorne 2 cm, am rückwärtigen Ende
I cm breit und in das hintere Ende des Laufes ein
geschweisst.
Die ganze Länge der Hakenbüchse beträgt 1 m,
das Gewicht 4,65 kg; es konnte demnach diese
Hakenbüchse zweifellos von einem einzelnen Mann
getragen und gehandhabt werden; der Haken sowie
die wellenförmige Form des stabartigen Schaftes
J) Die genauen Abmessungen verdanken wir einer freund
lichen Mitteilung der Direktion des Germanischen Museums
in Nürnberg. Vgl. Quellen 110 u. 7 B. I.
167
5. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
erleichterten die Handhabung; auch die Verwendung |
zu Pferde wäre nicht ausgeschlossen.
Eine andere augenscheinlich geschäftete Flaken
biiehse, bei welcher der Haken schon direkt .an den
Lauf angesetzt ist, und wclclie ebenfalls der älteren
Zeit angehört, befindet sich im Museum des König
reiches Böhmen in Prag.
Der Lauf dieser Plakenbüchse ist aus Schmiede
eisen, einfache Arbeit, cylindriscb, 54 cm lang.
Die Länge der Seele beträgt 51 cm, der Durch
messer der Seele 24 mm, daher das Verhältnis
des Kalibers zur Länge der Seele 1 :21,3. Der
Lauf ist rückwärts durch einen eingetriebenen oder
cingeschweissten Eisenkern geschlossen; das Zünd
loch befindet sich rechts seitwärts und ist als mulden
förmige Vertiefung eingetrieben. Der Schaft fehlt.
Dass die Entstehung der Plakenbüchsen bei
läufig diesem hier bezeichneten Wege gefolgt ist, j
geht auch aus dem Umstande hervor, dass bei allen
bisher bekannt gewordenen Hakenbüchsen das Ver
hältnis des Kalibers zur Länge der Seele zwischen
1: 28 bis 1 : 40 und darüber beträgt, diese demnach
schon einer Zeit angehören, in welcher die langen [
Läufe allgemein üblich waren, während die hier oben |
beschriebenen Hand- und Hakenbüchsen noch zu
den kurzen Läufen gerechnet werden müssen, da
bei diesen das Verhältnis des Kalibers zur Länge
der Seele nur 1 : 8 und 1 : 10, und schliesslich erst
1:15 und 1 : 21,3 erreicht.
Der in verschiedener Form vorkommende unter
halb an den Lauf angesetzte Haken führte schliess
lich zur Bezeichnung «Flakenbüchse», mit welcher,
ähnlich wie bei den Wagen-, Karren-, Taras- und
Handbüchsen eine bestimmte Art der Handhabung
ausgedrückt werden sollte. Die Bezeichnung «Haken
büchse» schliesst die Verwendung eines Hakens bei
der Handhabung in sich; es waren Feuerwaffen,
welche beim Abschiessen an eine feste Unterlage
eingehakt oder mittels des Flakens an diese an
gelegt werden mussten.
Diese Unterlagen waren verschieden, z. B. eine
Mauer, ein Holzbalken u. s. w. — Dieselben mussten
so stark sein, dass sie den Rückstoss aufnehmen
konnten; später wurden für grössere Hakenbüchsen
besonders konstruierte Unterlagen, «Böcke», mit ins
Feld genommen und die dazu gehörigen Flaken
büchsen «Pockhackenpüchsen» genannt.
Urkundlich werden die Flakenbüchsen zuerst im
«museriebok» der Stadt Braunschweig erwähnt.1)
Dieser Papierkodex wurde im Jahre I4°9 von Plans
Porner angelegt und alle Eintragungen bis zum
Jahre 1415 von diesem persönlich besorgt. Zu
Polycarpi (16. Januar) des Jahres 1415 wurde Stacius
Velehower in Braunschweig «musemester»,2) welcher
*) Die Chroniken der deutschen Städte, Bd. VI, 214 u.
Anm. 6; 246 Anm. 1; 247 Anm. 1 und 3, 248 Anm. 2 und 7.
2) «Mus» hiess von alters annulus ferreus, ein eiserner
Ring, macula loricae eine Panzermasche, darnach brauchte
man’s für den Panzer selbst; Mus-eisen, lorica. Daher
als solcher auch die weiteren Eintragungen übernahm.
Thatsächlich sind auch die nach dem Jahre 1415
und unten angeführten Stellen von der Fland Stacius
Velehowcrs geschrieben; es darf daher die erste
urkundliche Erwähnung nicht vor dem Jahre 1415
angenommen werden. In den städtischen Kämmerei
Rechnungen der Stadt Braunschweig ist zum Jahre
1419 eine Ausgabe enthalten, welche sich augen
scheinlich auf die im «museriebok» eing-etragenen
Flakenbüchsen bezieht, so dass es wahrscheinlich
wird, dass die ersten Flakenbüchsen im Jahre 1419
in Gebrauch kamen.
Es war notwendig, dies eingehend darzulegen,
weil behauptet wird, dass die Flakenbüchsen schon
um 1400 erwähnt werden.
Im «museriebok» heisst es auf Blatt 13:
«. . Ok sin dar 9 hakenbussen. item 1 haken
busse, de mester Nikel got, de enwech lep ...»
«Ok sin tippe dem welwe 5 lotbussen, dat lode
wecht U/2 mrc.»
«Ok sint dar uppe 3 grote lotbussen, dat lode
wecht 71/2 lib.»
«Ok sin uppe dem welwe 17 hantbussen;»
dies durchstrichen, als weiterhin 35 (etwas spater in
37 korrigiert) aufgeführt werden.
«Ok sint dar blyen lode to dussen bussen alle,
de sin in einer Kesten up dem welwe.»
Diese Angaben, welche von einem Fachmanne,
einem «musemester» herrühren, werden teilweise
noch ergänzt durch Angaben in Hans Porners Ge
denkbuch (1417—1426) und durch Eintragungen in
den städtischen gemeinen Kämmereirechnungen.
Im Gedenkbuche sind zum Jahre 1417 und 1418
folgende Angaben enthalten:
«Ok is dar 3 lodbussen de Heysterbom ghot
to dersulven tid. jowelk wecht 3 cyntenere, unde
dat lod wecht 71/2 lib.
«Ok is dar 26 klene donnerbussen unde lodes
ennoch.»
«hantbussen.»
«Ok is dar clene lodbudele ennoch dar to.»
«Item 19 lodbussen in anno 1417 Egidi. Unde
vele mere ghot me dar to in 1421.»
Die Kämmereirechnungen enthalten folgende
Eintragungen:
«1415. Item 5 fert. minus 9 den. vor 6 lod
bussen to ghetende.»
«1416. Item 3 lot vor 1 lotbussen Ilinrik
Kannenghetere.»
«Item 11 güldene 1 ort vor 2 syntener kopperes
to 2 bussen item 2x/2 fert. vor 1 verndel tens dar to.»
«1417. Item 3 mrc. 5 lot. öden, dem bussen
meistere vor 18 hantbussen.»
Muserie, armainentarium, das Zeughaus, wo die Panzer ver
wahrt wurden, wo die Muse-Meister das Geld zur Muserie
verwahrten u. a. m. — Musemeister: Curatores armamen
tarii. — (F. v. Leber: Wien’s Kaiserliches Zeughaus. Leip
zig, 1846, I, 3. .
i68
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
« 1419. Primo 46 sol. 3 den. mester Henninge
11. Band.
nehmender Länge der Seele auch das Rohrgewicht
vor IO bussen, de weghet 67 pund 1 verndel.»
«1420. Primo 1/2 mrc. vor 2 hantbussen mester
Henninge.».
Aus diesen Angaben lässt sich für die Ent
wickelung der Lotbüchsen für die vorliegende Zeit
und speziell für Braunschweig folgende Darstellung
ableiten.
Die Lotbüchsen werden eingeteilt in grosse
Lotbüchsen, Lotbüchsen, Hakenbüchsen und Pland
büchsen.
Gegenüber der bisher nachgewiesenen Einteilung
sind die Hakenbüchsen neu hinzugekommen, hin
gegen fehlen die Tarasbüchsen; es ist sehr wahr
scheinlich, dass diese, wie beim Deutschen Orden,
bei den grossen Lotbüchsen mitgezählt wurden.
Die grossen Lotbüchsen haben ein Gewicht
von drei Zentner;') das Bleigeschoss wiegt 71/2 Pfund,
das Verhältnis zwischen Rohr- und Kugelgewicht ist
demnach 46:1. Dem Gewichte des Bleigeschosses
entspricht ein Kaliber von nahezu 80 mm; das Rohr
war gegossen und aus Kupfer mit stärkerem Zusatze
von Zinn.
Die Lotbüchse von Vesterberg schoss 6 Pfund
Blei; bei gleichem Verhältnisse des Rohr- zum Kugel
gewichte würde diese Lotbüchse 276 Pfund ge
wogen haben.
Diese grossen Lotbüchsen entsprechen daher
den oben angegebenen Gewichtsmengen der Taras
büchsen, welche hier unter die grossen Lotbüchsen
eingereiht sind.
Die Lotbüchsen hatten ein Geschossgewicht
von I1/. Mark oder ®/4 Pfund oder 0,35 kg.
Bei demselben Verhältnisse zwischen Rohr- und
Geschossgewicht entspricht diesem Geschossgewichte
ein Rohrgewicht von circa 35 Pfund oder 17 kg
und ein Kaliber von nahezu 40 mm.
Es waren demnach die Lotbüchsen zweifellos
tragbare Feuerwaffen, welche geschäftet 40—5° Pfund
Gewicht hatten, während zur Fortbringung der
schweren grossen Lotbüchsen Scheiben und später
hohe Räder notwendig waren.
Die 10 Hakenbüchsen waren offenbar kleiner
als die Lotbüchsen und grösser als die Hand
büchsen. Zum Jahre 1419 sind IO Büchsen mit
einem Gesamtgewichte von 67 Pfund und ein Viertel
(29 Pfund), daher 96 Pfund, angeführt; das Gewicht
einer Büchse beträgt somit 9,6 Pfund oder 4,5 kg;
war dieses angegebene Gewicht das Rohrgewicht,
so entspricht dasselbe einem Kugelgewichte von
6,6 Lot oder 0,098 kg und einem Kaliber von circa
26 mm; eine geschäftete Hakenbüchse konnte daher
15—20 Pfund oder 7—IO kg Gewicht gehabt haben.
Diese obigen Zahlen mussten sich aber in dem
Masse verändern, in welchem das Verhältnis zwischen
Länge der Seele und Kaliber sich veränderte; es ist
natürlich, dass bei gleichem Kaliber und bei zu
l) Der Braunschweiger Zentner hatte 116 Pfund.
zunehmen musste, daher die Hakenbüchsen in der
folgenden Zeit, in welcher die Länge der Seele
über 15 — 20 Kaliber hinaus bis 30 und bis 40 Kaliber
vergrössert wurde, entsprechend schwerer werden.
Zwischen dem Rohrkaliber und dem Durch
messer der Bleikugel bestand überdies noch eine
kleine Differenz, welche das anstandslose leichte
Laden ermöglichen sollte.
Das Gewicht der Handbüchsen ist aus diesen
Daten nicht zu entnehmen; die Kämmerei-Rechnungen
der Stadt Wien1) jedoch enthalten zum Jahre 1426
folgende Angaben, welche auch für die Handbüchsen
ein beiläufiges Kalkül zulassen.
«Kupher 9 cent. per 4 guld. 3 örtt facit 32 ® 15 dn.
«ain zentn. zinn darzu pro 7 ® dn.»
«aus dem benannten Kupher und zinn sind
worden 171 puchsen wegent 9l2!/2 ®.»
«von jedem zentn. ze giessen 3 ® 6 sh. dn. facit
341/2 ® dn-s
«von den benantep puchsen anzeschifften, von
jeder 6 dn. facit 6]/„ ® 6 dn.»
«so hab wir kaufftvon maisterErhartten eissenein
hantpuchsen 40 stukeh per 1/2 ® facit 20 ® dn.»
«aber eisnein hantpuchsen 22 stukeh per 33 sh.
dn. facit 8 ® 60 dn.»
Werden die 171 Büchsen vollkommen oder
nahezu gleich angenommen, so beträgt das Gewicht
einer Büchse 5»3 Pfund oder 21/2—3 kg; diese
Feuerwaffen müssen demnach schon infolge des
Gewichtes als eigentliche Handbüchsen bezeichnet
werden. Dem ermittelten Rohrgewicht entspricht
ein Geschossgewicht von 3,6 Lot oder 0,054 kg
und einem Kaliber von circa 20 mm; eine geschäftete
Handbüchse müsste demnach ein beiläufiges Gewicht
von 7—10 Pfund oder 4—5 kg gehabt haben.
Vergleicht man diese Angaben mit den obigen
Darstellungen aus den Bilderhandschriften, so war
es gewiss möglich, dass ein Schütze eine Handbüchse
von 4—5 kg aus freier Hand, sei es im schiefen
oder im geraden Anschläge abfeuern konnte.
Die Hakenbüchsen mit 7—10 kg Gewicht müssen
dem Gewichte nach als Handfeuerwaffen bezeichnet
werden, welche von einem einzelnen Manne an
standlos getragen, jedoch nicht aus freier Hand,
wohl aber von der Schulter oder von einer Unter
lage abgeschossen werden konnten; nach der Aus
rüstung mit dem Haken war die Handhabung un- %
gemein erleichtert, wenn das Gewicht der Waffe
dasselbe blieb. Wurde hingegen das Gewicht ver
grössert, so musste dadurch die Beweglichkeit der
Fortbringung durch einen einzelnen Mann beein
trächtigt werden; es trat die Notwendigkeit ein, für
Transport und Handhabung einen zweiten oder
dritten Mann hinzutreten zu lassen, oder wie bei den
Tarasbüchsen, für mehrere Hakenbüchsen einen be
sonderen Wagen bereitzustellen.
l) Dr. K. Uhlirz, Der Wiener Bürger Wehr und Waffen.
5. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Die Hakenbüchsen stehen somit sowohl in
169
Auch hier stehen die Flakenbüchsen in der
Bezug auf ihre Grösse als auch in Bezug auf ihre
Verwendbarkeit den eigentlichen Handbüchsen zu
nächst und werden auch in dieser Reihenfolge in den
Inventarien dieser und der späteren Zeit angeführt.
In dem Verzeichnisse über Verluste an Waffen,
welches Graf von Wertheim, Besitzer der Schweins
burg, im Jahre 1438 an seinen Lehensherrn, den
Pfalzgrafen, einsendete, werden folgende Feuerwaffen
genannt:*)
«an armbrusten: L guter armbruste, L vinden,
achtdusent pfyl.»
«an Buchsen:
«ein yserin tarreszbuchsen, die ein blyen Kogel
schoss by 15 pfunde.
«dry gegossen schirmbuchsen, die igliche schoss
ein blyen Kogel bei 8 pfunden;
«vier steinbuchsen mit jren Karnern und laden
wol beslagen, die igliche Büchse schosse als gross
steyns als ein quecke Bosskugel.*
«vier fogeier;
«60 hokenbuchsen;
«60 hantbuchsen;
«60 sprinkbuchsen;
«8 turne pulffers, 11 zentner blys.»
Hier stehen die Hakenbüchsen unmittelbar vor
den Handbüchsen, und aus der Art der Aufzählung
geht hervor, dass die Hakenbüchsen sowohl an
Grösse als auch in Bezug auf Geschossgewicht den
Handbüchsen zunächst standen.
Die «sprinkbuchsen» waren sehr wahrscheinlich
kleine, kurze eiserne Handbüchsen ältester Kon
struktion; diese Bezeichnung kommt sonst nuräusserst
selten vor, und lässt eine andere Erklärung nicht zu.
Bei der Uebergabe des Schlosses zu Wernigerode
an den Grafen von Schwarzburg wurden ausführliche
Inventarien aufgenommen, welche folgende Angaben
über Feuerwaffen enthalten:
«1441 und 1445. 4 hant buchsen, 6 hake
buchsen dii werden gegossen von eyn czubirchen
(brachen) stein buchsen, 2 tarrasz buchszen, 1 stein
buchsze, 1 zcu birchen steinbuchsze, 2 feschen mit
salpet. etc. x feschen mit philen, Geschucze myns
hem v. Stolberg.
1442 und 1445. Geschuzze myns hern v. Schwarcz
burge. 3 steyn bochszen, 2 tarres bochszen, 9 hakin
bochszen, 7 hant bochszen der ist eyn zcu brachen,
2 schog Steyn darczu, 1/2 schog steyne darczu,
1/2 schog groszer bly czu den tarris bochszen, 27 dy
cleyn sind vnd ouch czu den kleyn bochszen bly
by 3 Schogken, 7 stepphele yserin czu den bochszen.
Puluer, 2 tonnen vnd 1 eymerig fasz vol puluers,
1 cleyn veszchin halp vol etc. Armbrost. 11 arm
brost . . . vnd 6 krige .. ,2)
*) Alex. Kaufmann und Dr. Th. H. Warnkönig-, «Nach
träge und Ausführungen zu Jos. Aschbachs: Geschichte der
Grafen von Wertheim» im A. f. K. d. d. V. 1857, 246.
2) B. G. v. St. Nachrichten über die älteren Feuerwaffen
im Schloss zu Wernigerode. A. f. K. d. d. V. 1871 69 ff.
Reihenfolge vor den Handbüchsen und hinter den
Tarasbüchsen; aus der Beschreibung der Munition
geht auch hervor, dass die Hakenbüchsen von
kleinerem Kaliber waren.
Krige — kriege oder Kriecher sind eine Art
Kratzeisen zum Reinigen von Feuerwaffen; Grimm
Wbch., 2211, 4; Adelung II, 1784; — mit diesem
Zwecke dürfte auch teilweise der eiserne oben be
schriebene Kopf am Ladstocke der Prager Hand
büchse in Verbindung zu bringen sein.
Auch die Kämmerei-Rechnungen der Stadt Wien
geben über die Hakenbüchsen einigen Aufschlufs.1)
Zum Jahre 1444 f. 150 heisst es:
«Darnach ander stukch und zeug.
«zwo kuphrein virtailpuchsen und 9 klain kuphrein
püchsen auf redlein, vir alt eisnein püchsen ain alte
eisneine virtailpüchsen, ain alte grosse eisneine
püchsen, ain kuphreine klaine püchsen, ain kuphreirie
püchsen scheust drei kugln mit aim züntloch (wurde
im Jahre 1445 als «tarraspüchsen» bezeichnet) fünf
kuphrein hagkenpücbsen, 98 kuphrein hantpüchsen
und eisnein, 18 alt eisnein püchsen an Stil und in
lad gefasst, item 9 mülterl und zwai sekchl mit
grossen und klainen pleikugeln.»
Auch hier ist die Reihenfolge dieselbe wie oben,
die Hakenbüchsen rangieren zwischen den Taras
und den Handbüchsen.
Im Jahre 1445 fol. 163 wurde eingetragen:
«zwo kuphrein virtailpuchsen und 9 klain kuphrein
püchsen auf redlein»
und 7 kuphrein püchsen sind neu gefasst;»
«5 kuphrein hagkenpuchsen und 98 kuphrein
handpuchsen mit etlichen peutln»
«vir alt eisnein püchsen und ein alt eisnein
virtailpüchsen und ain grosse alte eisneine püchsen;'
— 3 alt eisnein hagkenpuchsen und 18 alt eisnein
püchsen an Stil und lad gefasst.»
Die 18 alten eisernen Büchsen wurden ebenfalls
schon oben erwähnt, hingegen erscheinen hier drei
alte eiserne Hakenbüchsen neben den fünf kupfernen ;
die alten eisernen waren augenscheinlich noch ge
schmiedet, die fünf kupfernen gegossen.
Im Jahre 1449 sagt eine Post auf fol. 59:
«1/2 centner plei zu kugeln in die hagkenpuchsen
zu giessen», und
zum Jahre 1451 fol. 79 heisst es:
«vom ersten umb püchsen und kupher maister
Thoman Kren umb 7 hakenpüchsen wegent 1 centner
5 ®.»
Aus diesen Angaben geht hervor, dass der Lauf
einer Hakenbüchse 15 Pfund Gewicht hatte und
dass die Hakenbüchsen Bleikugeln schossen, welche
gegossen wurden.
Im Jahre 1449 befinden sich zu Ettenheim fünf
neue Hakenbüchsen, deren jede ebenfalls 15 Pfund
wog. (Mone VI, 61.)
*) Dr. K. Uhlirz: Der Wiener Bürger Wehr und Waffen.
170
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Im Inventar der Stadt Nürnberg' vom Jahre 1462
II. Band.
sollte die Hakenbüchse jederzeit durch einen einzelnen
werden alte Hakenbüchsen mit 8 und 13 Pfund,
neue Hakenbüchsen mit 21 Pfund Gewicht genannt.
Diese Angaben aus den amtlichen Eintragungen
bestätigen das oben berechnete Gewicht, welches
um das Jahr 1419 mit 9,6 Pfund beginnt und um
die Mitte des 15. Jahrhunderts infolge der ein
getretenen Verlängerung des Laufes bis 15 und
20 Pfund vergrössert wurde.
Man hat während der ersten Hälfte des 15. Jahr
hunderts zweifellos sowohl leichtere als auch schwerere
Feuerwaffen, Lot- und Steinbüchsen mit dem Haken
versehen und als Hakenbüchse ausgerüstet; allein
so wie bei den eigentlichen Handbüchsen ein be
stimmtes Gewicht nicht überschritten werden durfte,
damit dieselben jederzeit von einem einzelnen
Schützen aus freier Hand gehandhabt und ab
geschossen werden konnten, ebenso durfte man bei
den Hakenbüchsen über bestimmte aus der Praxis
sich ergebende Gewichtsgrenzen nicht hinausgehen,
Einrichtung eines Wiener städtischen Guss
hauses im Jahre 1738. Nach Erben, Katalog des K.
u. K. Heeres-Museums Wien 1899 befinden sich in der
Abteilung österr. Geschützrohre des 15.—r8. Jahrh. unter
Nr. 56, 58, 60 und 61 (Kat. S. 378) vier halbe Kartaunen
gegossen von dem Wiener bürgerlichen Stück- und Glocken
giesser Leopold Hallil. Es mag daher der Kontrakt
nicht ohne Interesse sein, den die Stadt Wien mit diesem
im Jahre 1738 abschloss, wodurch ihm die Arbeit in dem
auf der Alsterbachergstetten neuerbauten städtischen
Gusshause1) übertragen Wurde. Bis dahin hatte die Stadt,
wenn es sich darum handelte, einige Stücke umzugiessen
oder neue anzuschaffen, dies in dem Kaiserlichen Guss
hause besorgen lassen. Allein da die Stadt daselbst jedes
mal sowohl einen neuen Ofen erbauen lassen, als auch ver
schiedenes andere Zugehör und Werkzeug mit über 1000 fl
sich belaufenden Unkosten anschaffen musste, welches man
sich nach vollendetem Gusse zueignete und von welchen
der Stadt nichts zurückgekommen ist, so beschloss die
Stadt als wirtschaftlicher, ein eigenes Gusshaus zu errich
ten, da sie ohnehin über einen übrigen Grund am Alster
l) Das Gusshaus lag im heutigen IX. Bezirke, der
früheren Vorstadt: Alservorstadt, und hatte Konskriptions
nummer 192 = heutige Nummer Spitalgasse Nr. 17, vgl.
Hofbauer, Die Alservorstadt, 78, und Schlager, Wiener
Skizzen I, 126.
Männ getragen und mittels des Plakens gehandhabt
werden können.
Der praktische Gebrauch führte demnach auch
bei den Hakenbüchsen zu einer Einheit, dem «Haken»,
welche bei sonst gleichen Dimensionen einem be
stimmten Kaliber und einem bestimmten Geschoss
gewichte entsprechen sollte; in natürlicher Folge
dieses Umstandes entstehen später der «Halbhaken»
und der «Doppelhaken».
Die Erzeugung der Waffen durch Handarbeit
hinderte jedoch das genaue Einhalten dieser Ge
wichtsgrenzen, trotzdem die Kriegsherrn und Städte
diese Gleichheit forderten; auch das praktische ver
suchsweise Bemühen, die Waffen handlicher und
wirksamer zu gestalten, brachte eine weitere grosse
Verschiedenheit in Gewicht und Kaliber, welche
auch bei den vielen aus dieser Zeit erhaltenen
Hakenbüchsen vorkommt und beobachtet werden
kann. (Fortsetzung folgt.)
bach hinter dem Armenhause verfügte. Die im Wiener
Stadtarchiv Alte Registr. 35/1734 erliegende kalligraphische,
nicht unterschriebene Copie des Kontraktes hat folgenden
Wortlaut: Demnach ein wohledl hoch weisser stattrath
alhier in Wienn sich entschlossen hat, das in dem bürgerl.
zeughaus beftindlich ohnbrauchbahre geschüz nach und
nach umbzugiessen, als ist von darumben auch einofdent
liches gueshaus auf der Alsterbachergstetten hierzu
erbauet und anheunt zu end gesetzten dato zwischen ob
wohlermelten löbl. Stattmagistrat an ainem dann dem
Leopold Hallil, burgerl. stuckh und glokenguessern nach
folgender contract aufgerichtet und verabredet worden also:
Erstlichen so übernimbt er, Leopold Hallil alle
von einem löbl. Stattmagistrat ihme vorgebende stuckh,
haubizen oder auch polier, umb solche auf seine gefahr
in dem neu erbauten güeshaus nach dennen ihme zu
jeder sort eingehändigt und gefertigte riissen zu giessen
und in guett und brauchbahren standt zu sezen, dahin
gegen solle
Andertens an seithen eines löblichen stattraths ihme,
stuckhgüessern nicht nur allein das hierzue erforderliche
mettal nach proportion des ihme zum giessen anvertrauten
geschüz, sondern auch was etwan zu erfrischung des bruchs
metalls an blattenkupfer und Schlakawalter zünn oder auch
mössing nöthig seyn möchte, demselben dargegeben und
bis zu dem güesofen gelüffert und, was er an mettal und
zuesatz Überkomet, in beysein der buechhalterey und herrn
stukhhaubtmanns Ospel1) abgewogen und hierumbn
von ihme, stuckhgüessern quittiert werden.
*) Anton Ospel, kaiserl. Stuckhaupt mann, gern. Stadt Wien
Zeugwart und Architekt hatte als Kommandant die Aufgabe, den
Nachwuchs der bürgerl. Artillerie herauszubilden. .Diese
bestand im Jahre 1734 aus Feuerwerkern, an Zahl 45 und
aus Büchsenmeistern, an Zahl 90. Bei Abgängen wurden
5. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Drittens So verschaffet auch ein löbl. Stattmagistrat
171
wogen, das gewicht auf das stuckh, haubizen oder polier
nicht nur allein die hierzue erforderliche formbretter, kern
stangn und pohrer, dann die pohrbanckh sambt den
schlütten, welches aber er, stuckgüesser, wie sie zu ver
fertigen seynd, anzugeben hat, sondern auch die eyserne
raiff oder schiinnen zu abbündung deren stuckhformen,
ingleichen auch allen hierzue benöthigten werckh- und
heeb-zeug, saillerflaschen und dergleichen; zu dem ende
dann über erst ermelte Sachen wie ein kleines inventa
rium aufgerichtet wie auch was er, stuckhgüesser an alten
und neuen eysen empfanget, berechnet werden solle.
Was nun
Viertens wegen Zurichtung deren pohrer und kern
stangen oder insonsten bey einem gufs an fchlosserarbeit
gemacht werden mues, hierzue wird mau die ihme, stükh
güessern anständige gesöllen auf magistratische Unkosten
ebenfahls beyschaften. Darauf aber derselbe zu sehen
hat, auf das die arbait in all weeg beförderet und nicht
etwan die zeit zu etwas andern anwenden und also der
statt ein ohnnöthige ausgaab verursachet werde, was aber
ihme, stückhgüessern anbeianget, so verobligiret sich
derselbe
Fünftens alles hierzue benöthigte brenholz, kollen,
dratt, wax, inslicht, laimb, flax oder härz, item schmölz
tögln, rührstangen, auch seine gesöllen und handlanger
bey jedweder vornehmenden guls aus eigenen säckl zu
bezahlen und also auch die stuckh, haubizen oder polier
nach dessen ihme behändigten rissen und darauf gezeich
neten delphinen, ziratten und verstabungen zu modelliren,
mithin bis auf den darauffolgenden guss ohne endtgeldt
der statt in vollkommenen standt zu sezen. Umb aber
Sechstens nach vollenden gufs das geschüz aus
der thambgrueben anwiderumben herauszubringen, weillen
ein folches etwas beschwärliches ist, als will ein statt
rath auf ein halben tag ihme sechs tagwerker pafsiert
haben, nicht weniger folle das zum probiren kom
mende geschüz auf magistratische Spesen auf und abge
laden, wie auch hin und hergeführt, und was an pulver
gebraucht wird, aus dessen Pulvermagazin, dann die gra
naten, pomen und stuckhkugln dazue gegeben und also
auch das veifchneiden und ausfaillen extra bezahlet, das
calibermässige ausporen aber von ihme, stukhgüessern
allein bestritten werden. Nachdeme nun
Sibentens das gegossene geschüz visitiret und ge
wöhnlichermassen mit 16 oder höchstens 17 grättigen pul
ver nach vorhero beschehener ausflamung, und zwar die
haubizen und polier mit angefülter cammer und vest darauf
gesezten spörspiegln, die stuckh aber das erste mahl mit
halb, das änderte mahl mit drey viertl und das vierte mahl mit
ganz kugelschwörer ladung zu ebener erd auf einer walzen,
nach dem langen feld gelegter, 10 bis 12 gradt elevir
ter — wann es die gstötten, wohin mann stuekh richtet,
dise höche leydet — beschossen, und nachdem folches
die probeschufs ausgehalten, gebräuchigermassen gebum
pet ohne grueben gegossen, nach dem caliber accorat
gepohrter, folglichen verguett und authentisch erfundten
worden, solle das geschüz in gegenwarth der buechhal
terey und des herrn stukhhaubtmanns Ospel abge
neue Scolaren in «ordentliche Lehr» genommen und dann die
«Prob» vorgenommen. Abbildungen der Probeschiessen aus
den Jahren 1724 und 1734, erschienen bei Ign. Heyinger,
Universitätsbuchhändler, in den Wiener städt. Sammlungen.
Ospel war auch der Erbauer der Parade des noch bestehen
den Zeughaus-Gebäudes am «Hof» im Jahre 1732. (Weiss,
Katalog des Waffenmuseums S. IX.)
hinaufgestochen, mit ihme, stukhguessern aber über das
empfangen und verbrauchte metall ein ordentliche abrech
nung gemacht und was über die von jeden centn pafsierte
8 pfundt feuerabgang sich vorräthig beftindten wird. Damit
aber er, stukhguesser auch wisse, was derselbe vor seine
müehe und arbeit wie auch wegen der gefahr als ein
güesserlohn zu empfangen habe, so verspricht
Achtens ein löblicher Stattmagistrat vor jeden cen
ten eines gegosseneu und approbirten stuks, haubizen oder
polier acht gülden1) aus gemeiner statt obercammerambt
demselben gegen quitung bezahln zu lassen. Da aber
Neuntens — so Gott gnädiglich verhüeten wolle —
ein fählgufs sich eraignen oder aber wegen anderen umb
ständten der herr stukhhaubtmann und gemainer statt
zeichwarth das geschüz demselben nicht annehmen und
also zurukhschlagen thätte, in solchen fahl hätte er nicht nur
allein wegen seines güesserlohn nichts anzuforderen, sondern
derselbe müeste auch den insonsten pafsirten feurabgang,
und zwar dem geld nach den Centn per 46 11 in allweg
ersezen. Damit aber
Zehentensund fchluesslichen ein löblicher magistrat
mit ihme, stukhgüessern in ein und anderen sicher stehe,
alfs solle von demselben entweder eine annehmliche cau
tion verschaffet oder aber ein Obligation per 800 fl ein
geleget werden. Alles getreulich und ohne gefährde.
Zu wahren urkundt dessen seynd dises contracts unter
gemeiner statt mitteren secretinsigl und sein, stukhgüessers
fertigung vier gleichlauthende exemplaria aufgerichtet, das
erste hiervon in das obercammerambt gegeben, das
änderte dem herrn stukhhauptmann und gemainer statt
zeugwarth zugestellet, das dritte ihme contrahenten be
händiget, das vierte aber auf der buechhalterey beybehal
ten worden. So beschehen den . . .
Datum und Unterschriften fehlen. Da dieses Schrift
stück eine Beilage zu der Eingabe bildete, die die für
das städt. Wirtschaftswesen bestellte städt. Ratskommision
an die kontrollierende Hof-Kommision richtete und letz
tere den Akt am 19. Dezember 173.8 erledigte, ist auch
der Kontrakt in dieses Jahr zu versetzen. Das Dekret
an den städt. Oberkämmerer, das diesem die völlige
Direktion und Inkumbenz über den Bau des Gusshauses
überträgt, datiert vom 30. Juni 1738.
v, Karl Schalk.
Zwei merkwürdige Handfeuerwaffen. Nicht so
sehr den Waffenhistoriker, als vielmehr den Waffenkon
strukteur dürften die beiden eigenartigen Handfeuerwaf
fen interessieren, welche ein Beispiel dafür sind, auf eine
wie einfache Weise ein findiger Kenner der mechanischen
Gesetze durch das Zusammenwirken mehrerer Hebel voll
kommen wirksame Schusswaffen herzustellen vermag.
Die erste hier abgebildete (Fig. 1) Schiessvorrichtung
entstammt der Privatsammlung von Waffen unseres ver
ehrten Vorstandsmitgliedes, des Herrn Staatsrats Eduard
v. Lenz, und bildete den Stiel einer sogenannten Wolfs
peitsche. Die 36,5 cm lange, einst mit ziegelroter Farbe
*) Gulden waren Rechengeld; geprägt wurden Thaler,
Halbthaler und Viertelthaler. Da aber in den Jahren 1700-1750
der Thaler konstant zu 2 fl gerechnet wurde, entsprach fak
tisch der Gulden einem Halbthaler mit einem Werte von
2 Kronen 26 Heller in Kronen Währung, vgl. Mitth. d. Clubs
d. Münz- u. Medaillenfr. in Wien IV, 388 u. Wiener
Numismat. Zeitschr. XXVIII, 270.
23
172
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
angestrichene Röhre weist nahe an ihrer Mündung (Ka
II. Band
baut. An einem krückenartig gebogenen 20 cm langen
liber 1,7 cm) zwei auf der Abbildung jedoch nicht sicht
bare Löcher auf, in welche ein stark federnder halbkreis
förmiger Bügel eingreift, der Träger zweier etwa 50 cm
langer, kräftiger, mit einer Birne aus Blei beschwerter
Peitschenriemen. Dieses mit gehacktem Blei geladene
Werkzeug befestigte der kleinrussische Jäger, sobald er
zur Wolfshetze aufbrach, am Sattel. Das aufgespürte Wild
wurde so lange verfolgt, bis den Wolf die Kräfte ver
liessen. In dem Augenblicke, in weichem das verzwei
felte Tier mit fliegenden Flanken, einknickenden Hinter
läufen gegen seinen Peiniger Front machte, streckte Meister
Isegrim ein wuchtiger Hieb der schweren Peitsche nieder.
Fig-,
Nur im alleräussersten Notfälle, wenn nämlich der Wolf
den erbarmungslosen Reiter ansprang, erhielt der Grau
rock die tödliche Ladung gehackten Bleies aus nächster
Nähe in den geifernden Rachen.1)
Das charakteristische Gepräge verleiht jedoch unserer
Waffe die Bauart des Schlosses. Eine Schraube hält die
gerade, an einem Ende des leichteren Spannens wegen
zu einer Art Handgriff umgebogene .Schlagfeder am Laufe
fest, welche mit ihrer unteren Fläche auf ein in den
Lauf eingeschraubtes Piston schlägt. Wir sehen also, dass
an dieser Waffe die Schlagfeder zugleich die Funktion
des Flintenhahnes übernimmt. Eine v-förmig gekrümmte
Abzugsfeder hält die 7,5 cm lange, um eine Achse dreh
bare Abzugstange in ihrer Lage; die roh ausgefeilte Fratze
am oberen Ende dieser Abzugstange legt gewiss Zeugnis
ab von der humoristischen Ader des russischen Dorf
schmiedes, welcher diese etwas mehr als ein russisches
Pfund schwere Waffe verfertigt hatte. Das am Laufe erkenn
bare Loch dient nur zum Hindurchziehen eines Hand
riemens.
Noch einfacher als die oben beschriebene Waffe ist
eine in meinem Besitze befindliche Pistole (Fig. 2) ge
l) Brehm, Tierleben, Ausgabe 1893, II., S. 31.
Rohre aus blankem Eisen ist mit zwei Schrauben ein
7 cm langes gekrümmtes Eisenstück befestigt. Durch einen
in demselben angebrachten Schlitz geht das 8 cm lange
Züngel, in dessen oberes Ende drei Stufen eingefeilt sind.
Auch an dieser Waffe ist die Spannfeder zugleich Schlag
feder und Flintenhahn; denn an ihrem vorderen Fnde
befindet sich ein kreisförmiges Eisenstück angenietet, in
dessen Höhlung ein Piston hineinpasst. Das Kaliber der
Pistole beträgt 14 mm, ihr Gewicht 35t Gramm. Der
wesentliche Unterschied zwischen der Schiessvorrichtung
an der Wolfspeitsche und dieser Pistole besteht, abgesehen
von der äusseren Gestalt beider Waffen, in dem Mangel
einer Abzugsfeder. Während dort zwei Federn in Ver
wendung kommen, genügt hier eine einzige, die sogar
drei Funktionen verrichten muss.
Will man den Mechanismus dieser Pistole spannen,
so umklammert man mit den vier Fingern der linken
Hand den Lauf der Waffe, während der Daumen auf
dem Rücken des Ztingels ruht. Daumen und Zeigefinger
der Rechten fassen das Ende der Schlagfeder und ziehen
es nach rechts; gleichzeitig übt der Daumen der linken
Hand einen Druck auf den Rücken des Ztingels aus,
wodurch dessen oberer Arm gegen die schmale rückwär
tige Kante des in der Schlagfeder befindlichen Schlitzes
gedrängt wird, bis endlich eine der eingefeilten Stufen
5- Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
in diese Kante einschnappt. Nun erst kann das Zünd
hütchen auf das Piston aufgesetzt werden. Diese Art des
Spannens ist zwar die bequemste, aber auch, sobald die
Waffe geladen ist, die gefährlichste, denn die Mündung
der Pistole ist in diesem Falle schief nach abwärts gegen
den Unterleib des Spannenden gerichtet.
Der Umstand, dass die Mündung der Waffe weder
aussen, noch innen Spuren von Schraubengängen aufweist,
lässt den Schluss zu, dass wir es hier wirklich nur mit
einer Pistole und nicht etwa mit dem Bruchstücke eines
Abschraubgewehres oder einer Stockflinte zu thun haben,
wie solche oft in erstaunlich sinnreicher Konstruktion von
den Wildschützen verwendet werden, so dass der Aus
spruch eines alten Waidmanns «Ein geschickter Wilderer
trägt sein Gewehr zusammengelegt in der Westentasche
bei sich» viel von seiner scheinbaren Unwahrscheinlich
keit verliert.
Sieht man endlich diese Pistole genauer an, so ge
winnt man fast den Eindruck, als ob es sich um eine
Wette gehandelt hätte, wie weit man es im Weglassen
von überflüssigem Beiwerk bringen könne, ohne die Brauch
barkeit der Waffe zu beeinträchtigen. Der Erzeuger dieser
Pistole war gewiss ein intelligenter Mensch, denn er löste
die Aufgabe: eine Pistole auf die denkbar einfachste Art
herzustellen, nicht nur in geschickter Weise, sondern man
merkt auch deutlich das Streben, die Waffe zu einer hand
samen, zu einer gut in der Hand liegenden zu machen.
Und das ist sie auch. Ergreift man die Pistole, so kommt
die Krümmung der Schlagfeder gerad in den Winkel zu
liegen, welchen Daumen und Zeigefinger miteinander bil
den, und findet dort vermöge ihrer der Hand scharf
sinnig angepassten Abmessungen einen festen Rückhalt,
Fig.I.
der die Abgabe eines sicheren Schusses wesentlich be
günstigt. Der Vater dieser Pistole war gewiss auch ein
peinlich genauer, ja kunstsinniger Mensch; dies beweist
der allerliebste Schnitt des Schlangenkopfes am Ende des
krückenartig gebogenen Handgriffes. Diese Waffe bietet
also nicht nur dem Waffentechniker manches Ueber
raschende, sie bietet auch dem Psychologen reiche An
regung, da hier einer der seltenen Fälle vorliegt, der
aus dem Charakter des Werkes Rückschlüsse auf den
jenigen des Erzeugers dieses 'Gegenstandes zu ziehen er
möglicht. Dr. Potier.
Faustschilde im Kgl. Bayr. National-Museum in
München. Das Bestreben, beim Degenfechten durch
ein mit der linken Hand geführtes Instrument die Waffe
des Gegners festhalten oder sogar abbrechen zu können,
um gleichzeitig mit der Rechten einen Stoss gegen den
ungeschützten Partner führen zu können, hat die aben
teuerlichsten Formen von Faustschilden veranlasst, öfters
auch wurden Dolche mit Vorrichtungen zum Festhalten
oder Abbrechen des Degens versehen, so dass hier die
ng. 2..
4
174
Zeitschrift fiir historische Waffenknnde.
Waffe noch zum Faustschilde und zum Degenbrecher
II. Band.
1893), fasst S. 14 Vorstollen als Schutzwaffen «für den
wurde.
Wir bilden hier zwei derartige Stücke aus der Waffen
sammlung des bayrischen Nationalmuseums zu München
nach Originalaufnahmen ab. Das eine (Fig. i) (Invent.
Nr. 1481) ist ein Faustschild von 0,21 m Höhe, aus
Eisen gearbeitet, auf der Rückseite mit Leder, auf der
Vorderseite teilweise mit rotem Sammet überzogen. Ein
kräftiger Griff an der Rückseite dient als Handhabe des
Schildes; auf der Vorderseite sind Spitzen, rosetten- u.
hufeisenförmige Aufsätze geschickt so angeordnet u. ge
formt, dass die Klinge des Gegners leicht für Augen
blicke darin festgehalten werden kann. Der eine der
hufeisenförmigen Ansätze ist abgebrochen. Die Entste
hungszeit dieses Faustschildes dürfte gegen Mitte des
XVI. Jahrhunderts zu setzen sein.
Das zweite Stück (Fig. 2) (Invent. Nr. 1497) ist ein grosser
Dolch, eine sogenannte Linkehand, von 0,58 m Gesamt
länge, den Demmin1) in seinen «Kriegswaffen» schon in
Umrisszeichnung wiedergegeben hat. Die geätzte. Klinge
zeigt auf der Vorderseite einen Trommelschläger, die
Büste eines bärtigen römischen Cäsaren u. die Inschriften:
WIL, SIG, A, F,
VINCERE AVT MORL
Auf der Rückseite Rankenwerk mit Tieren. Der
grosse Korb ist mit Degenbrechergitter und zwei ein
wärtsgebogenen u. zwei nach innen zu gezahnten u. der
Klinge parallel laufenden Stangen versehen. Eine grosse
Schraube mitten in der Fläche des Korbes lässt auf das
frühere Vorhandensein noch einer anderen Vorrichtung
zum gleichen Zwecke schliessen. Der Daumen ist noch
besonders geschützt. Die Klinge war wohl kaum von
vornherein für diesen Korb bestimmt, ist aber mit diesem
annähernd gleichzeitig, um 1640 ca., entstanden.
Dr. E. Bassermann-Jordan.
Nachträge und Druckfehlerberichtigungen zu
den «Waffengeschichtlichen Studien aus dem
Deutschordens-Gebiet>.
A) Zu dem Aufsatze «Nachrichten über Waffen aus
dem Tresslerbuche des deutschen Ordens»:
Bd. I, S. 195 rechte Spalte Zeile 13 von unten lies «Vor
stollen» statt «Vostollen».
„ „ 196 rechte Sp. Z. 10 v. u. lies «die» statt «dre».
Daselbst Z. 4 v. u. «Swittirgals hauwe» statt
« Swittirgalohauwe».
„ „ 230 linke Sp. Z. 23 v. o. «erwähnt» statt «eawähnt».
„ ,, 230 rechte Sp. Z. 9 v. o. «Zu» statt «In».
„ „ 230 rechte Sp. Z. 13 v. o. «4 scot» statt «Vocot».
,. „ 231 linke Sp. Z. n v. o. «94» statt «84».
„ „ 231 linke Sp. Z. 24 v. o. «Pulvergehäuse» statt
«Pulverhäuser».
„ „ 231 rechte Sp. Z. 9 v. u. «Kegelkugeln» statt
«Hagelkugeln».
„ „ 232 linke Sp. Z. 10 v. u. «identisch» statt «deutsch».
„ „ 232 rechte Sp. Z. 26 v. o. «snetemesser» statt
«onetemesser». —
Nachtrag zu S. 195. Baltzer, «zur Geschichte des
Danziger Kriegswesens im 14. UDd 15. Jahrh,» (Danzig
*) A. Demmin, die Kriegswaffen in ihrer geschichtlichen
Entwickelung, 1891. S. 769, Abb. 36.
Unterleib» auf, also wohl = Beintaschen. Die von
ihm in Anm. 1 für 1387 gegebene Verordnung zeigt aber
unzweideutig, dass es sich um einen Schutz der Unter
arme handelt. Jene lautet: «welch man eyn werk ge
wynnin wil, der sal haben eyn panczir und eyn hund
kogil, eynen isenhut und eyn brust, eyn par musisen
und eyn par forstollen und eyn par blechhanczken»; also
die 3 letzten für Oberarme, Unterarme und Hände. —
Nachtrag zu S. 196. Köhler III 1, S. 67 fasst Hunde
kogel als gleichbedeutend mit Ringelkapuze auf, während
sonst allgemein (z. B. Boeheim, Waffenkunde, S. 35) jener
Name der Beckenhaube mit Schnauzenvisier beigelegt wird.
Aber es muss zugegeben werden, dass im Tresslerbuche
wohl die Ringelkapuze gemeint ist. Dafür spricht das
häufige Zusammennennen-von Hundekogeln mit anderen
aus Ringen gefertigten Waffen stücken wie Schurz und
Gehänge. Bart ist dann als jenes Schnauzen visier auf
zufassen und Helm gleichbedeutend mit Beckenhaube.
Auch die Bezeichnung «Panzer» ist wohl in einzel
nen Fällen auf den Ringelpanzer zu beziehen. Jeden
falls aber irrt Weber, Preussen vor 500 Jahren (Danzig
1878), wenn er S. 622 Platte, Brünne und Panzer für gleich
bedeutend erklärt. Gerade die von ihm angeführte Be
stimmung einer Verschreibung von 1322 beweist das Ge
genteil. Danach soll der Beliehene dienen mit einem
Hengst und mit leichten Waffen, «als eysern hut oder
eyn preusch heim, schilt, sper und platen sind, ader an
der platen stad ein gut panzer oder brunie». Die Platte
wir also in Gegensatz zu Panzer und Brünne gestellt. Ob
die beiden letzteren hier gleichbedeutend gebraucht wer
den, ist nicht ganz klar. Ich behalte mir ein näheres
Eingehen auf diese ganze, sehr interessante Frage für
später vor.
B) Zu dem Aufsatze «Messingplatte des Vogtes Kuno
von Libensteyn» Band II, S. 100.
Herr Regierungsbaumeister Bernhard Schmid in Marien
burg Wpr. teilt mir mit, dass er auf dem Grabsteine des Die
therich von Bronisberg (Braunsberg) | 1517 im Kreuzgange
der Abtei Kommersdorf bei Neuwied das gleiche Wappen
gefunden habe wie unser Wappen Nr. 1. Derselbe weist
mich darauf hin, dass im Neuen Siebmacher VI 7, ab
gestorbener Adel von Nassau, als Burgmänner von Lieben
stein (gegenüber Boppard am Rhein) aufgeführt sind:- a) Liebenstein schlechthin; Schild — Balken;
Kleinod — 2 Büffelhörner.
b) Schenk von Liebenstein; Schild — 3 aneinander
geschobene Rauten, schrägrechts gestellt.
c) Fransz von Lebenstein, Herr zu Ulmen (! vgl.
unser Wappen Nr. 2 Waldbott von Ulmen), an
der Kanzel der Kirche zu Camp bei Lieben
stein 1581; Schild — 2 Sparren.
d) Senheim von Lebenstein, 1370 mit einem v. L.
und einem Schenk v. L. im Mitbesitze der Burg;
Schild — 3 schreitende Leoparden; Kleinod —
wachsender Löwe zwischen einem Fluge.
Hierzu bemerke ich: Es muss daran festgehalten
werden, dass, unser Wappen Nr. 1 seiner Stellung nach
das Stammwappen des Kuno v. L. ist. Es ist daher dem Ge
schlechte Schenk v. L. zuzuweisen. Eine Verschiedenheit in
der Stellung des Wappenbildes ist im Mittelalter nichts Sel
tenes, ebenso wie in der Anzahl der Figuren; es könnte
daher das Wappen Nr. 3 auch sehr wohl dem Geschleckte
der Senheirn v. L. angehören. Das Geschlecht von Brauns
5. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
berg mag derselben Abstammung sein wie die Schenk
5
veranstaltet worden, welche auch die im i. Band
v. L., keinesfalls aber ist das Wappen Nr. i ersterem zu
zuschreiben. Engel.
Von den «Waffengeschichtlichen Studien aus
dem Deutschordens-Gebiet» ist unter dem glei
chen Titel eine Sonderausgabe von dem Vereine
Rudolf Cederström, Svenska Kunigla Hufvudbaner
samt Fälttecken vid i Sverige, Finland och öfriga svenska
Provinser staende Trupper förvarade i Kunigl. Lilrust
kammaren och Kunigl. Artillerimuseum M. Fl. in- och
utländska Samlingar. Stockholm 1900.
Im Aufträge des Intendanten der Königlichen Leibrüst
kammer zu Stockholm hat der Verfasser, Assistent am ge
nannten Institute, sich der mühevollen Arbeit unterzogen,
die in dortigen sowie in ausländischen Sammlungen bewahrten
Fahnen und Feldzeichen zu inventarisieren, und die Auf
zeichnungen der Oeffentlichkeit zu übergeben. Das Werk,
welchem eine grössere Anzahl trefflich in Lichtdruck aus
geführter Illustrationen beigefügt ist, beginnt mit einer Fahne,
die zur Krönung des Königs Sigismund am ! 9. Februar 1594
Frage 2: Die Abbildung zeigt ein eigenartiges Kriegs
werkzeug von der Form eines vierläufigen Handfeuerrohres,
das kürzlich aus dem Kunsthandel in den Besitz des bay
rischen Nationalmuseums zu München gelangte.
Die Waffe ist vollkommen geschmiedet, die Läufe wer
den durch drei Ringe zusammengehalten, von denen der mitt
unserer Zeitschrift erschienenen «Nachrichten
überWaffen aus dem Tresslerbuche des deutschen
Ordens» enthält. Diese Sonderausgabe kostet
2,80 Mark und ist von der Kgl. Sachs. Hofbuch
handlung H. Burdach in Dresden zu beziehen.
Die Schriftleitung.
benutzt wurde und endet mit (Nr. 1110) einer Standarte, auf
der sich die denkwürdigen Namen Grossbehren, Dennewitz
und Leipzig befinden. Schon diese beiden Objekte, zwischen
denen ein Zeitraum von mehr als 200 Jahren liegt, lassen
j erkennen, welche Fülle geschichtlich wertvollen Materials
das besprochene Werk in sich schliesst. Aber auch in Be
zug auf Grösse, Form und Ausstattung der Fahnen enthält
die Schrift eine Menge ansprechender und belehrender An
gaben. Da nun gerade in neuerer Zeit, besonders in den
Armeesammlungen, die Wiedererlangung vaterländischer Fah
nen mit Eifer betrieben und auf deren Erhaltung grosse Sorg
falt verwendet wird, so erscheint die Anregung, welche durch
das Werk des Freiherrn Cederström gegeben ist, besonders
dort, wo noch ein reicher Schatz von Kriegsfahnen vorhan
den ist, wohl der Nacheiferung wert. Immer wird es aber
das Verdienst der in jeder Beziehung vortrefflich geleiteten
Königl. schwedischen Leibrüstkammer bleiben, die Inventa
risierung der vaterländischen Fahnen zuerst angeregt und
durchgeführt zu haben. M. v. E.
Wegen Raummangels mussten weitere Litte
raturberichte zurückgestellt werden.
Die Schriftleitung.
lere heute verschiebbar ist und ursprünglich wohl dicht hinter
dem vordersten befestigt war. Die Zündlöcher sind etwas
an der Seite angebracht und haben keine trichterförmige Mün
dung. Der Schaft ist hohl, zum Einstecken einer Stange ge
eignet. Die Gesamtlänge des Objektes beträgt 0,285 m.
Friiher als etwa in der Mitte des XVI. Jahrhunderts
dürfte die Waffe, nach der Art der Arbeit zu schliessen, kaum
entstanden sein. Auch dieHandliabungsteht nicht unzweifelhaft
fest. Sollte das Feuerrohr nicht zum Abgeben von Signalen,
zum Inbrandstecken von Gebäuden oder zu ähnlichen Zwecken
eher gedient haben als zum Feuergefecht?
Vielleicht kann einer der Leser auf Grund einer alten
Abbildung die Bedeutung des Kriegswerkzeuges klarlegen
Dr. E. B.-J.
Zu Frage, 2.
i;6
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Frage 3: Ist die Scherenmarke mit den Buchstaben j
II. Band.
kleineren von beiden ist ein starker Lederriemen befestigt, der
M • S • I • über der Schere, die neben dem Nürnberger Beschau
zeichen auf Harnischen und Rundschilden vom Ende des 16. !
und Anfang des 17. Jahrhunderts ziemlich häufig vorkommt, be
reits auf einen Meister
gedeutet? Die Marke
ist im Ehrenthalschen
Führer 3. Aufl. Seite 34
abgebildet, jedoch nicht
erklärt. H. G.
Frage 4: Die Ab
bildung giebt eine Kette
wieder, welche die Her
zogl. Kunst- und Al
te r t ü m e r-S a m m 1 u n g
auf der Veste Co
burg aufbewahrt. Nach
der Ueberlieferung ist
sie eine auf der Jagd ge
brauchte «Fangkette».
Jedenfalls lässt sich
mit dieser Bezeichnung
keine irgendwie befrie
digende Vorstellung von
dem Gebrauch des Ge
genstandes verbinden.
Die reichen Hilfsmittel,
welche gerade die Veste
Coburg für die Ge
schichte der Jagd dem
Forscher bietet, lassen
hierbei den Fragenden
völlig in Stich. Viel
leicht weiss einer der
Leser das Rätsel zu
lösen.
Die Kette ist 7 m
58 cm lang. Jedes Glied
hat eine Länge von 4
und eine Breite von
1 cm. Sie sind so an
einandergefügt, dass ein
7 mm langer, mit dem
Glied selbst aus einem
Stück gearbeiteter, un
gefähr keilartiger An
satz in einen entspre
chend geformten Ein
schnitt des nächsten
1 m lang und vielfach durchlocht ist. Das andere Ende des
Riemens ist durch die Oese eines Instrumentes so durchgezo
gen, dass jeden Augenblick leicht eine Lösung beider bewirkt
werden kann. Dieses In
strument mm ist eine Art
Messer, 21 */3 cm lang-,
2,7 cm breit. Der Rücken
ist 11 mm breit und hat
in seiner ganzen Längs
ausdehnung eine 5 mm
tiefe und ebenso breite
Rinne. Die Schneide ist
jetzt vollständig stumpf
und kann überhaupt nie
mals besonders scharf
und fein gewesen sein.
Am hinteren Ende des
Messers ist jene vorhin
erwähnte Oese, die üb
rigens in der Mitte der
Biegung ein Scharnier
hat und also auseinan
der geklappt werden
kann, mittels einer
Schraube angebracht.
' Aus der Spitze ist der
obere Teil rechtwink
lich ausgeschnitten. Da
durch wird die eine
Backe einer Art Beiss
zange gewonnen, wäh
rend die andere an dem
ganz regelmässig gebil
deten Zangenschenkel
angebracht ist, der, mit
einem vernieteten Stift
an dem Rücken des Mes
sers befestigt, mittels
einer von seinem Ende
aus nach der Rinne lau
fenden Feder in die
Höhe gedrückt werden
kann. Die Backen sind
innen nach vorn zu
leicht gerieft, um feste
res Halten zu ermög
lichen. Was hat nun
diese Vereinigung von
Zu Frage 4.
Gliedes eingeschoben
ist und durch einen gut vernieteten Stift so festgehalten
Messer und Zange in
Verbindung mit der
Kette zu bedeuten? Welcher Zeit mag dieses «Jagdgerät»
wird, dass wohl eine Bewegung nach auf- und nach ab
wärts, nicht aber nach den Seiten erfolgen kann. Diese
bedingte Bewegungsmöglichkeit dürfte bei der Erklärung vor
allem zu berücksichtigen sein. Die beiden Enden der Kette
sind mit bimförmig gebogenen Oesen versehen. An der
entstammen? Gern dächte man an die letzten Jahrzehnte des
16. und die ersten des 17. Jahrhunderts, also an jene Zeit, wo
Herzog Johann Casimir (f 1633) so eifrig das Jagdwesen in
thüringischen Landen ausbildete, aber ein Beweis dafür lässt
sich zunächst nicht erbringen. K. K.
5. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
177
vor ihrer Veröffentlichung (zum Beweis ihrer Rich
tigkeit) zu unterzeichnen haben. (Die Jahresrech
nung ist mit Rücksicht auf die in der Regel im
Monat Juni abzuhaltende Haupt Versammlung mit Ende
Mai eines jeden Jahres abzuschliessen.)
§ 17. Anträge auf Aufnahme in den Verein werden von
dem Vorsitzenden und dem ersten Schriftführer ent
schieden. Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen
ihnen wird der zweite Vorsitzende zu Rate gezogen
Protokoll der ausserordentlichen Versammlung in
Dresden am 28. Oktober 1900.
Dresden, den 28. Oktober 1900.
Eine ausserordentliche Versammlung des Vereins für
historische Waffenkunde war für den 28. Oktober 1900 nach
Dresden einberufen worden und wurde an diesem Tage mit
tags 12 Uhr im Kurländer Palais eröffnet. Infolge Behinderung
der beiden Vorsitzenden des Vereins übernahm nach § 11
der Statuten das älteste Vorstandsmitglied, Herr Oberst a. D.
Thierbach, den Vorsitz und begriisste die Versammlung.
Mit warmen Worten gedachte der Herr Vorsitzende zunächst
des am 20. September dieses Jahres verstorbenen hochver
dienten ersten Schriftführers des Vereins, des Herrn Oberst
leutnants Dr. Jäh ns in Berlin, zu dessen ehrendem Gedenken
sich die Versammlung von den Sitzen erhob. Sodann wurde
dem zweiten Schriftführer, Herrn Direktor von Ehrenthal
das Wort erteilt, welcher zunächst die Beschlussfähigkeit der
Versammlung jm Sinne des § 21 der Statuten konstatierte,
da 41 Mitglieder erschienen waren, während weitere 25 durch
schriftliche Vollmachten sich hatten vertreten lassen.
Punkt 1 der Tagesordnung betraf die bereits früher ge
machten Abänderungsvorschläge zu den §§ 2, 7, 9, 15 und 17
der Statuten, sowie einen Antrag auf Hinzufügung eines § 22.
Nach einer Vereinbarung in der Vorstandssitzung vom
21. Juni dieses Jahres hätten diese §§ folgendermassen vzu
lauten:
§ 2. Der Sitz des Vereins befindet sich in Dresden.
§ 7. I. Absatz. Der Vorstand des Vereins besteht aus
fünfzehn bis zwanzig Mitgliedern, die von einer Ver
sammlung des. Vereins gewählt werden und unter
sich die Ämter des ersten und zweiten Vorsitzen
den, des ersten und zweiten Schriftführers und des
Schatzmeisters verteilen.
§ 9. Von den Mitgliedern des Vorstands müssen stets
mindestens elf Angehörige des Deutschen Reiches
sein.
§ 15. Der Vorstand beruft alljährlich zwei Vereinsmit
glieder als Rechnungsprüfer, welche die vom Schatz
meister abgeschlossene Rechnung zu prüfen und
und entscheidet. — Anträge, zu'deren Erledigung
die Einberufung einer besonderen Vorstandssitzung
dem Vorsitzenden unnötig erscheint, hat er auf -die
Tagesordnung der nächsten aus sonstigen Gründen
berufenen Vorstandssitzung zu bringen.
§ 22. Für die einzelnen Länder, über die sich schon der
Verein erstreckt, können durch den Vorstand Pfle
ger ernannt werden, denen die Organisation des
Vereins innerhalb bestimmter politischer Gebiete
und die Anwerbung neuer Mitglieder übertragen
wird. Diese Pfleger sind berechtigt, den Vorstands
sitzungen beizuwohnen. —
Der § 2 wird in derselben Fassung wieder einstimmig
angenommen, ebenso die §§ 7 und 9. jedoch wird bez. des
6 9 seitens des Herrn Direktors von Ehrenthal ein Antrag
auf spätere Streichung desselben, da er thatsächlich über
f
lüssig geworden ist, Vorbehalten. In derselben Fassung wie
früher, werden ferner die §§ 15, 17 und 22 von der Versamm
lung einstimmig angenommen.
Die vor einigen Tagen an den Vorstand des Vereins
eingesandten Anträge des Dr. Freiherrn von Potier in
Wien, welche einen vollständig neuen Entwurf der Satzungen
repräsentieren und viele schätzenswerte Gesichtspunkte ent
halten, werden mit Dank zur Kenntnis genommen und für
eine spätere Berücksichtigung Vorbehalten; jedoch können
sie statutengemäss nicht auf die heutige Tagesordnung gesetzt
werden.
Der dritte Punkt der Tagesordnung betraf die Neuwahl
eines Vorstandsmitgliedes, das zugleich geneigt sein würde,
das Amt eines ersten Schriftführers zu übernehmen. Als
solches wurde Herr Kammerherr Dr. Kekule von Stradonitz
einstimmig von der Versammlung gewählt, welcher die Wahl
annahm.
Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben.
Dresden, am 28. Oktober 1900.
Als Protokollführer: gez. Moritz Thierbach,
gez. Dr. Petzsch. Oberst a. D.
gez. Lotze, Geh. Reg.-Rat.
Nach den beiden Dresdener Versammlungen in diesem Jahre sind also die
Aemter im Vorstande foigendermassen verteilt:
erster Vorsitzender des Vereins: Se. Excellenz Generalleutnant
von Usedom, Kommandant des Kgl. Zeughauses, Berlin;
zweiter Vorsitzender: Franz Freiherr von Lipperheide, Berlin;
erster Schriftführer: Dr. Stephan Kekuie von Stradonitz, fürstl.
lipp. Kammerherr, Grosslichterfelde;
zweiter Schriftführer: M. von Ehrenthal, Direktor des Kgl. Histo
rischen Museums, Dresden;
Schatzmeister: Otto Müller, Major z. D., Dresden-Blasewitz.
i7S
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Am 27. Oktober 1900 verschied in Wien
Herr Baron Gustav Suttner.
II. Band.
Seine Neigung zur historischen Waffenkunde äusserte sich nicht nur in treuer Anhänglichkeit an unseren Verein,
sondern auch in gehaltvollen schriftstellerischen Arbeiten. Sein Name wird unter uns unvergessen bleiben.
Dem Vereine neu beigetreten sind:
Andrej ew, Wassili, Leutnant im kaiserl. russ. Alexander
Newski-Regiment St. Petersburg,
v. Bardeleben, Karl, Excellenz, Generalleutnant z. D.,
Vorsitzender des «Herold».
Berlin W, Kurfürstendamm 240II.
Belewskoy, Graf Alexis, kais. russ. Stabsrittmeister.
Moskau, Dournowsky Perenlok, Maison Dimkoff.
Fahrmbacher, Major z. D., Vorstand des kgl. bayr. Armee
museums.
München, Zeughaus, Oberwiesenfeld.
Müller, Walther, Leutnant im 2. königl. sächs. Train
Bataillon Nr. 19. Leipzig, Trainkaserne.
Nägel, Karl, Leutnant im 2. königl. sächs. Train-Bataillon
Nr. 19. Leipzig, Trainkaserne.
Sheiesnow, Wladimir, Unter-Jesaul und Adjutant der
Leib-Garde-Sotnje des Ural-Kosackenheeres
St. Petersburg.
Struve, Hans, Privatier. Dresden, Reichsstrasse 30.
Venn, Dr. Otto, Zahnarzt.
Dresden-Blasewitz, Friedrich Auguststrasse 27.
Personalnachricht.
Herrn Louis List, Kassendirektor, Prokuristen der
k. k. österr. Kreditanstalt, wurde vom Kaiser der Titel eines
Regierungsrates verliehen.
Nach erfolgter Bestätigung durch das Kgl. Amtsgericht werden die neuen Satzungen im Druck erscheinen
können. Da mit ihnen das Mitgliederverzeichnis versandt werden soll, so wird sich auch dessen Ausgabe
noch etwas verzögern, etwa bis Ende Januar oder Februar.
Die Annahme von Beiträgen für Heft 6 des II. Bandes
wird am 1. März d. J. geschlossen.
Herausgegeben vom Verein für historische Waffenkunde. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Veste Coburg.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
Aus französischen Geschützgiessereien unter Ludwig XIV.
Von Paul Reimer,
Oberleutnant ä la suite des Badischen Fussartillerie-Regiments Nr. 14.
ie zahlreichen Kriege, welche
Ludwig XIV. für den
Glanz seiner Krone ge
führt, sind weniger aus
gezeichnet durch grosse
Feldschlachten, als durch
fortwährende Märsche
und Gegenmärsche der
Heeresmassen, durch die
damit verbundene Ver
wüstung und Aussaugung
ganzer Landstriche, sowie besonders durch äusserst
zahlreiche Belagerungen fester Plätze. Die damals an
Kavallerie besonders reichen Heere überschwemm
ten das Land und nahmen, was sie in Dörfern
und offenen Ortschaften fanden, Befestigungen je
doch, und bestanden sie auch nur aus einer Linie,
bildeten für diese Scharen ein Hindernis, welches
nur durch Verwendung schwerer Artillerie zu über
winden war. Es besass daher fast jeder wichtigere
Ort seine Umwallung einerseits zum eigenen Schutz
gegen Ueberrumpelungen durch Streifkorps, anderer
seits um als Stapelplatz für Kriegsvorräte aller Art
zu dienen. So finden wir denn in den Kriegen am
Ausgang des 17. und Beginn des 18. Jahrhunderts
fortwährende Kämpfe um die festen Plätze in Flandern,
Artois, an der Maass, der Mosel, im Eisass, der
Pfalz und in Baden, wobei die Rollen des Vertei
digers und Angreifers bei demselben Platze oft in
kurzer Zeit wechselten. Dies war die Zeit des
genialen Ingenieurs und Festungsbaumeisters Vauban,
der allein 33 Festungen erbaut, 300 veraltete feste
Plätze nach seiner «Manien» umgebaut und 53 Be
lagerungen mit bestem Erfolg persönlich geleitet
hat. Er rühmte sich, in den meisten Fällen vorher
bestimmen zu können, am wievielten Tage nach Er
öffnung der ersten Tranchee die Festung fallen
müsste. Sein Belagerungssystem, das erst nach den
Erfahrungen im Kriege 1870/71 völlig abgeschafft
wurde, war eine überaus geschickte Verbindung der
Artilleriewirkung mit der Thätigkeit des Sappeurs
und Mineurs, die ihren Gipfelpunkt fand in der
«Krönung des Glacis», d. h. der Anlegung der
Breschbatterien auf der Plöhe des Glacis über dem
gedeckten Wege, und in der Legung der Bresche
in die Eskarpenmauer. War der Belagerer erst so
weit gekommen, dann war der Fall des Platzes un
vermeidlich und der Kommandant desselben glaubte
in vielen Fällen genügend Widerstand geleistet zu
haben, um die Festung mit Ehren übergeben zu
können.
Wie erwähnt, fiel ein sehr bedeutender Teil der
Thätigkeit bei den Belagerungen der Artillerie zu,
die Mortier-(Mörser-/Batterien überschütteten das
Innere der Werke mit Bomben, Kanonen mittleren
Kalibers bestrichen die langen Linien der Wälle,
um den Verteidiger an einer wirksamen Störung der
^ngriffsarbeiten zu hindern, während die langen
24-Pfünder aus ihren auf der Höhe des Glacis ver^
senkten Stellungen durch direkten Schuss auf sehr
kurze Entfernung die Bresche herstellten, d. h. einen
wagrechten und zwei senkrechte Schlitze in die
Grabenmauer schossen, so dass das hierdurch um
grenzte Mauerstück herausfiel und samt der nach
24
iSo
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
rutschenden Erde des dahinter ansteigenden Walles
II. Band.
Die Gebrüder Keller, Schweizer von Geburt,
einen Aufgang auf letzteren bildete, dessen Erstür
mung, wenn nötig, den Schluss des Angriffs bildete,
falls der Verteidiger nicht unterdessen weiter rückwärts
ein «Retranchement» hergestellt und besetzt hatte.
Der erfolgreiche Fortgang der Belagerung hing
also in erster Linie davon ab, dass die Artillerie
den an sie gestellten Anforderungen voll entsprach,
eine Verminderung ihrer Leistungsfähigkeit musste
einem rührigen Verteidiger Gelegenheit zu wirk
samen Gegenmassregeln bieten und das Gelingen
des ganzen Angriffs gefährden, jedenfalls aber den
endlichen Erfolg beträchtlich verzögern. Ein solcher,
die ehrgeizigen Pläne Ludwigs XIV. störender Fall
trat zuerst im Jahre 1688 bei der Belagerung der
kleinen Reichsfestung Philippsburg ein, die im Sep
tember jenes Jahres den räuberischen, von so trau
rigen Folgen für diese blühenden Länder begleiteten
Einfall in die Pfalz und Baden einleitete, mit dem
Ludwig Deutschland empfindlich zu schädigen suchte,
als dessen Heere noch in Ungarn siegreich gegen
die Türken fochten. Mitten im Frieden überfallen,
also ohne umfassende Vorbereitungen getroffen zu
haben, konnte sich Philippsburg trotz seiner geringen
Hilfsmittel dem weit überlegenen, sehr energischen
Angreifer gegenüber vier Wochen halten, weil bei
der Artillerie des Belagerers auffallend viele Ge
schütze sprangen oder auf andere Weise unbrauch
bar wurden. Die gleichen für Ludwig sehr ärger
lichen Vorkommnisse traten auf bei dem im selben
Jahre stattgefundenen Bombardement von Coblenz
und wiederholten sich bei der Belagerung der
Festung Mons im Jahre 1691, vor Namur und beim
Bombardement von Charleroi im Jahre 1692, bei
der Belagerung des letzteren Platzes im Jahre 1693,
sowie endlich bei den Kämpfen der Franzosen in
Ober-Italien und den Wirren in Irland, welchen
Ludwig zur Zerrüttung der englischen Macht seine
Unterstützung lieh. Es erwies sich hierbei der weit
aus grösste Teil des französischen Artillerie-Materials
anscheinend als durchaus unbrauchbar, so dass man
sich schliesslich im Jahre 1694 genötigt sah, fast
die gesamte Artillerie mit neuen Geschützen aus
zurüsten, wobei man sogar zu den damals wenig
geschätzten eisernen Rohren seine Zuflucht nehmen
musste, eine Notwendigkeit, die um so unangenehmer
war, als das ausgesogene Land die Mittel für die
bereits ins Ungeheure angewachsenen Ausgaben für
Heereszwecke kaum mehr zu liefern vermochte. Die
Verantwortung für diese Vorkommnisse, die sich
z. T. unter Ludwigs Augen selbst abspielten und
den Zorn des Sonnenkönigs in hohem Masse er
regen mussten, verstand der damalige Komman
dierende der französischen Artillerie, Herr de Vigny,
der auch die artilleristische Oberleitung bei den
meisten Belagerungen der letzten Jahre gehabt hatte,
auf den Geschützgiesser Jean Keller abzuwälzen,
welcher mit seinem jüngeren Bruder Balthasar die
Königliche Geschützgiesserei in Douai betrieb.
waren von Zürich wahrscheinlich Anfang der 50 er
Jahre, wenig über 20 Jahre alt, nach Frankreich
eingewandert und scheinen 1654 in königliche Dienste
getreten zu sein. Im Jahre 1659 waren sie in Oude
narde mit der Ausbesserung gebrauchter Geschütze
beschäftigt und erhielten, wie später gezeigt werden
wird, nicht lange darauf den grössten Teil des fran
zösischen Geschützgiesserei-Wesens, dessen Haupt
stätte damals Douai gewesen sein dürfte. Zu Be
ginn des Jahres 1694 hatte Balthasar Keller in Paris
alle Vorbereitungen für den Guss des 21 Fuss hohen
Reiterstandbildes Ludwigs XIV., eines Werkes des
Künstlers Francois Girardon, getroffen, welches fünf
Jahre später auf dem Vendöme-Platz aufgestellt
wurde und wegen seiner Abmessungen das grösste
Staunen über die Leistungen der französischen Giess
kunst erregte. Kein Wunder, dass sich unser genialer
Schlüter 1696 zum Studium dieses Wunderwerkes
nach Paris begab, von wo er einen Gehilfen Kellers,
den Bronzegiesser Johann Jacobi, mitbrachte, welcher
zwei Jahre später in dem Königlichen Giesshause zu
Berlin die berühmte Reiterstatue des grossen Kur
fürsten goss, ein Werk, welches lange Zeit hindurch
den Namen des Giessers in aller Mund brachte,
während derjenige Andreas Schlüters, des eigent
lichen Schöpfers, damals ganz in den Hintergrund
trat. Erst die Nachwelt hat das Verhältnis wieder
richtig gestellt und Schlüter zu seinem wohl er
worbenen Ruhme verholfen. — Jedenfalls hatten die
Gebrüder Keller, die sich als Bronzegiesser des
höchsten Ansehens erfreuten, viele Neider, und man
benutzte gerne die Gelegenheit, welche das auffallend
häufige Springen von Geschützen während der letzten
Kriegsjahre bot, üm bereits 1693 die Entfernung der
beiden Brüder aus ihrem Amte zu betreiben. Da
aber durch eine solche Massnahme die Fertigstellung
der Reiterstatue Ludwigs, an deren Modell bereits
seit den 80 er Jahren gearbeitet wurde, gänzlich in
Frage gestellt worden wäre, so schritt hier der
König selbst energisch ein, und machte den In
triguen ein Ende. Herr de Vigny, welcher den
Gebrüdern Keller besonders feindlich gesinnt ge
wesen sein muss, nahm alsbald die Treibereien gegen
dieselben wieder auf, es erschienen Flugschriften, in
welchen behauptet wurde, dass Keller minderwertige
Legierungen zu den Geschützen verwandt, die ihm ge
lieferten guten Metalle aber unterschlagen habe u. s.w.
Es gelang Herrn de Vigny schliesslich, den Marquis
de Barbesieux, den allerdings weniger einflussreichen
Sohn und Nachfolger des Ministers Louvois, von
der Schuld des älteren Keller zu überzeugen und
diesen aus seinem Amte in Douai zu verdrängen.
Sein Nachfolger wurde zunächst sein Bruder Balthasar,
zu dessen Kunst man ein grösseres Vertrauen ge
habt zu haben scheint. Ausserdem aber wusste man
den König zur Berufung einer Konferenz zu be
stimmen, welche aus zahlreichen Sachverständigen
des ganzen Reiches bestand und feststellen sollte,
b. Heft.
Zeitschrift ftlr historische Waffenkunde.
ob die Erscheinung des häufigen Springens der Ge
l8l
hierbei, dass de Chaligny und seine Vorfahren einst
schütze thatsächlich auf die Verwendung minder
wertiger Legierungen zurückzuführen sei.
Hierin lag für den älteren Keller eine öffent
liche Anschuldigung des Betruges, die er durch eine
im Jahre 1694 erschienene Verteidigungsschrift ebenso
öffentlich zuwiderlegen suchte. Dieses Buch,1) wel
ches der vorliegenden Arbeit zu Grunde liegt, führt
den Titel:
Memoire
de ce qui s’est passe au Fait des Fontes des pieces
de canons depuis 1666. avec des Remarques sur le
bon et mauvais usage qui en este fait, tant aux
Guerres precedentes, qu’en celle d’ä present; Et ce
pour servir de iustification ä Keller l’aine et ä son
frere, accusez par quelques-uns de PArtillerie d’avoir
fait de mechans Alliages de meteaux.
M. DC. LXXXXIV.
Verfasser, Verleger und Drucker sind nicht an
gegeben, und wenn auch in dem ganzen, 93 Gross
quartseiten umfassenden Werke von den Gebrüdern
Keller nur in der dritten Person gesprochen wird,
so darf man wohl mit Sicherheit annehmen, dass
der ältere Keller selbst der Verfasser ist. In recht
schwülstiger, an Ciceronianische Reden erinnernder
Form, die gelegentlich mit lateinischen und grie
chischen Sentenzen geschmückt ist, sucht Keller zu
beweisen, dass er lediglich das Opfer des Neides
und der Ränkesucht seiner Widersacher geworden
sei. Ohne sich zunächst auf Einzelheiten einzulassen,
giebt er ein übersichtliches Bild über die Ereignisse
in den französischen Geschützgiessereien seit dem
Jahre 1666.
Die nach selbständiger Uebernahme der Regie
rung (1661) erwachende Ruhm- und Vergrösserungs
sucht Ludwigs XIV. vcranlasste denselben zu einer
durchgreifenden Reorganisation des gesamten Heeres,
die durch die Hand des damals noch jungen, aber
sehr energischen Marquis de Louvois zu den besten
Erfolgen führte. Nachdem die Bewaffnung der In
fanterie gleichmässiger und besser geworden, wandte
sich der König der Artillerie zu, die ziemlich ver
wahrlost gewesen zu sein scheint und umsomehr
besonderer Fürsorge bedurfte, als sie in dem bevor
stehenden, gegen die spanischen Niederlande ge
richteten Eroberungskriege wegen der dort zahlreich
vorhandenen Festungen eine hervorragende Rolle
zu spielen berufen war. Der König befahl daher
im Jahre 1666, die Geschützgiessereien wieder in
Betrieb zu setzen. Zuerst erfolgte dies nach be
sonderer Anweisung des Marquis de Louvois bei
der Giesserei des Arsenals in Paris, wo Herr de
Chaligny, Generalkommissar des Giessereiwesens
der Artillerie, die Leitung hatte. Keller erwähnt
l) Das Werk, welches ziemlich selten geworden zu sein
scheint, wurde dem Verfasser von Herrn Oberstleutnant a. D.
Simon in Karlsruhe in liebenswürdigster Weise zur Ver
fügung gestellt, wofür demselben hiermit der schuldige Dank
erstattet sei.
die berühmtesten Bronzcgiesser Europas gewesen
seien und sich sowohl beim Guss von Geschützen,
wie von Bildwerken ausgezeichnet haben, wie die
von ihm gegossene, damals in Dünkirchen befind
liche Coulevrine von Nancy bezeuge und ein bron
zenes Pferd in Paris. De Chaligny begann also 1666
mit dem Guss von Geschützen, da er aber dem Be
darf allein nicht genügen konnte, so zog man auf
seinen Wunsch noch zwei Giesser aus Deutschland
heran, die sich des Rufes tüchtiger Meister erfreuten
und sich auch bei der Herstellung der üblichen
Geschützarten bewährten. Leider sind die Namen
dieser deutschen Giesser nicht genannt. Als nun
aber Herr de Louvois einige besondere Rohre von
grösserer Länge in Bestellung gab, wollten sich
de Chaligny und die deutschen Meister nicht mit
dem Guss befassen, da sie hierin noch keine Er
fahrung hätten. Man muss annehmen, dass Keller,
der, wie er selbst sagt, damals bei der Artillerie
angestellt war, zu jener Zeit im Arsenal in Paris
beschäftigt wurde und von diesen Vorgängen ge
naue Kenntnis hatte, denn er legte alsbald dem
König und Herrn de Louvois Zeichnungen von Ge
schützen der gewünschten Art, langen Coulevrinen,
vor und machte sich anheischig, dieselben zu giessen.
Dass Keller hierzu in der Lage war, lässt darauf
schliessen, dass er sich in den Vorjahren praktisch
und theoretisch mit dem Artillerie-Wesen beschäftigt
hat, an anderer Stelle erwähnt er auch, dass er wie
sein Bruder durch hervorragende Lehrer in den
Artilleriewissenschaften von Jugend auf eingehend
ausgebildet worden sei.1) Kellers Vorschläge fanden
des Königs Beifall und Keller erhielt den Befehl,
diese Geschütze so bald als möglich fertigzustellen.
Der Erfolg seiner Bemühungen war glänzend, der
König selbst begab sich nach dem Arsenal in Paris,
um sich neun neugegossene Stücke anzusehen. Wahr
scheinlich als Erinnerung an diesen den Giesser in
höchstem Masse auszeichnenden Besuch wurden die
sieben schönsten dieser Geschütze von Le Pautre in
Kupfer gestochen. Das Blatt, welches S. 183 verkleinert
reproduziert ist,2) hat im Original eine Grösse von
74,5 X 54 cm und ist unterzeichnet: «Keller invenit
le Pautre sculp.» Interessant an den abgebildeten
Rohren ist die verschiedenartige Behandlung des
Bodenstücks mit der Traube, worin Keller viele
Nachahmer gefunden hat, sowie der Umstand, dass
die Rohre noch statt eines Namens einen lateini
schen Sinnspruch tragen mit darauf bezüglichem
Bild. Bereits in den 70 er Jahren finden wir überall
*) Leider war es dem Verfasser nicht möglich, genauere
Daten aus dem Leben der Gebrüder Keller zu erhalten. Es
wäre sehr zu wünschen, dass von kundiger Seite einige er
gänzende Angaben hierüber gebracht würden.
2) Da das dem Buche beigefügte Blatt bereits ziemlich
schadhaft ist; wurde die Reproduktion nach einem in der
Ornamentstich-Saramlung des Königl. Kunstgewerbemuseums
zu Berlin befindlichen Abdruck hergestelit, der seitens der
Direktion in dankenswerterweise zur Verfügung gestellt war.
24*
102
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
auf den französischen Rohren die Nainensbezeich
II. Band.
dürfen, liess man ihn im Arsenal zu Paris durch
nung. Auf den gelungenen Guss der 15 Fuss langen
16 pfündigen Coulevrine thut sich Keller nicht wenig
zu gute.
Alle Sachverständigen der Artillerie begutach
teten diese Rohre und fanden sie in jeder Beziehung
tadellos, glaubten aber in Ansehung des Umstandes,
dass es die ersten Stücke eines neuen Giessers
waren, von der Beschussprobe nicht absehen zu
können. Auch hierbei bewährten sich die Rohre
gut. Keller betont ausdrücklich, dass man bei den
von de Chaligny und den deutschen Giessern her
gestellten Rohren die Beschussprobe zunächst unter
lassen hatte, da der Ruf dieser Giesser für ihre Güte
genügend zu bürgen schien, nachträglich wurden
diese Rohre aber doch beschossen und bekamen
zum grössten Teil Risse, erwiesen sich auch sonst
nicht einwandfrei. Als nun an de Chaligny und die
deutschen Giesser das Ansinnen gestellt wurde, gleich
vorzügliche Rohre herzustellen, erklärten diese es
für unmöglich und scheinen darauf ihr Amt nieder
gelegt zu haben, denn die Gebrüder Keller führten
den Betrieb der Giesserei drei Jahre lang weiter.
Im Jahre 1669 erhielten sie den Befehl, in der durch
den Frieden zu Aachen im Jahre vorher an Frank
reich gefallenen Festung Douai in Flandern eine
Geschützgiesserei zu bauen und einzurichten. Hier
waren sie 25 Jahre lang mit bestem Erfolge thätig,
ihre Geschütze leisteten bei allen Belagerungen und
Gefechten der folgenden Jahre ausgezeichnete Dienste,
so dass sich der König veranlasst sah, den Gebrü
dern Keller aus freien Stücken im Mai 1674 vom
Lager vor Besangon aus Naturalisationsbriefe zu
schicken und sie zu nötigen, sich in Frankreich an
zukaufen, aus Furcht, dass er sie durch Auswande
rung verlieren könnte. Ausserdem erhielten sie den
Auftrag, auch an verschiedenen anderen Orten Ge
schützgiessereien einzurichten und zu betreiben, so
in Besancon, Pignerol und in Breisach. Diese letzte
Giesserei sollte den Gebrüdern Keller wenig Freude
bereiten.
Wie noch später näher zu betrachten sein wird,
zeigten alle Rohre damals den Uebelstand, dass die
Zündlöcher sich bei fortgesetztem Schiessen stark
erweiterten und so die Rohre vor der Zeit unbrauch
bar wurden. Man schenkte daher einem Goldschmiede
gehilfen aus Turin, namens Ballard, grosse Aufmerk
samkeit, als dieser behauptete, an den Geschützen,
welche er giessen könne, seien die Zündlöcher wesent
lich haltbarer, die Legierung sei besser und die
Schussweite grösser. Keller hatte bei seinen fort
gesetzten Erfolgen viele Neider und Feinde, die
leicht geneigt waren, den Ballard gegen ihn auszu
spielen, wie sie ihm schon bei den Geschützabnahmen,
seiner Ansicht nach auf nicht zu rechtfertigende
Weise, zahlreiche Geschütze zurückgewiesen und ihm
durch diese übertriebene Strenge grossen Schaden
zugefügt hatten. Als nun Ballard darauf bestand,
einen Versuch mit seiner Erfindung ausführen zu
einen Gehilfen Kellers aus bestem Material einen
24-Pfünder giessen und zum Beschuss nach Douai
bringen. Zwischen den Zeilen lässt Keller lesen,
dass Ballard die massgebenden Personen durch Be
stechung für sich gewonnen habe, so dass sie so
gefällig waren, über grobe Unregelmässigkeiten bei
der Probe hinwegzusehen und trotz des Springens
dieses Geschützes dem Ballard zu gestatten, in
Valenciennes drei neue 24-Pfünder zu giessen, die
ebensowenig eine der vorgeschriebenen noch keines
wegs entsprechende Probe aushielten. Trotz alledem
erreichte es Ballard, dass man ihm die von Keller
eingerichtete Giesserei in Besangon anvertraute, wozu
ihm Keller aus der Giesserei in Breisach die nötigen
Werkzeuge und Geräte, sowie geschulte Arbeiter
abgeben musste, obwohl Herr de Louvois ausdrück
lich verboten hatte, dass sich die Giesser gegenseitig
die Arbeiter abspenstig machten.
Wie vorauszusehen, gelang es Ballard nicht,
wirklich gute Geschütze herzustellen, trotzdem fand
er Mittel und Wege, dass sie als brauchbar abge
nommen wurden. Als aber diese Stücke bei der Be
lagerung von Luxemburg in Thätigkeit traten, sollen
sie fast alle gesprungen sein, obwohl die Geschütz
bedienungen für Ballard gewonnen waren. Ferner
soll sich Ballard schon damals bedeutender Unter
schlagungen schuldig gemacht haben, indem er für
25000 Thaler Geschützmetall, welches ihm vom
Staat geliefert war, durch einen Kupferhändler in
Besancon verkaufen liess und an dessen Stelle min
derwertiges Material zu seinen Geschützen verwandte.
Obwohl er sich gar nicht sonderlich Mühe gab,
diese Unterschleife zu verbergen, trat keine Straf
verfolgung gegen ihn ein, im Gegenteil, man über
gab ihm die wichtigere Geschützgiesserei in Breisach,
in die Keller bedeutende Summen gesteckt hatte.
Man zwang letzteren, in grösster Eile alle ihm ge
hörigen Geräte etc. aus der Giesserei zu entfernen,
und requirierte Soldaten, welche die Räumung be
schleunigen mussten. Als man aber Keller sogar
hindern wollte, noch 24 bestellte Rohre zu giessen,
deren Formen bereits fertig in der Dammgrube
standen, und hierfür die Unterstützung des Komman
danten von Breisach, Herrn de Monclar, nachsuchte,
weigerte sich dieser, hier einzugreifen, 12 fertige
Mörserformen musste aber Keller zerstören, obwohl
Ballard dieselben Mörser alsbald erneut in Auftrag
bekam.
Zu jener Zeit hatte Generalleutnant Marquis
de la Freseliere, Gouverneur von Stadt und Fort
Salins, das Kommando über die Artillerie im Eisass,
sowie die Aufsicht über die Giesserei in Breisach.
Ballard scheint sich nun die Gunst dieses seines Vor
gesetzten alsbald erkauft zu haben, denn man hatte
alle erdenkliche Nachsicht mit ihm, liess ihm auch
auffallend viel Zeit, sich in der Giesserei einzurichten.
Auch hier hatte Ballard bei dem Guss grober Ge
schütze — es war dies im Jahre 1687 — wenig
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
183
184
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Glück, nur wenige konnten ihm abgenommen werden.
II. Band.
fahren1) Geschützgiesser gewesen, so viel Vertrauen,
Trotzdem schritt man nicht dagegen ein, auch
dann nicht, als sich Keller beschwerdeführend an
Herrn de Louvois gewandt hatte, der sich damals
gerade in Breisach befand und nach einer Rück*
spräche mit Herrn de la Freseliere ebenfalls ein
Auge zudrückte. Ballard machte hier zunächst keine
so guten Geschäfte wie früher, weil ein Herr de Vaux
leger, Provinzial-Kommissar der Artillerie, welcher
in Douai, wo Herr du Mets in durchaus unpartei
ischer Weise die Abnahme leitete, die vorgeschriebene
Beschussprobe kennen gelernt hatte, bei der Abnahme
Kommission war und den Bestechungsversuchen
Ballards gegenüber kühl blieb. Man wusste ihm
aber Ungelcgenheiten zu bereiten und ihn zu ent
fernen. Sein Nachfolger, der Provinzial-Kommissar
de la Tour-Camailliere, duldete im Hinblick auf die
drohende Ungnade seiner Vorgesetzten die vorkom
menden Unregelmässigkeiten, machte aber schliess
lich doch Schwierigkeiten und wurde ebenfalls ent
fernt. Als Ballard nun freies Spiel hatte, wurde der
weitaus grösste Teil seiner Stücke abgenommen,
und jeder, der mit Ballard zu thun hatte, musste
ihm sehr gefällig sem. Er arbeitete hinter ver
schlossenen Thüren und liess seine Erzeugnisse als
bald fortschaffen, damit niemand Gelegenheit hatte,
sie sich genauer anzusehen. Auch hier unterschlug
Ballard königliches Geschützmetall, und ein Wagen
mit Zinn, den er nach Basel geschickt hatte, wurde
ihm von den französischen Zollbeamten beschlag
nahmt, doch entging er dank der Gunst des Herrn
de la Freseliere, der seine Leistungen besonders
dem Hofe gegenüber bei jeder Gelegenheit heraus
strich, jeder Strafe. Bitter beklagt sich Keller, dass
Ballard sich ohne weiteres in den Besitz eines ihm
gehörigen Hauses, das er sich dort auf eigenem
Grund und Boden erbaut, gesetzt und sogar den
dort lagernden Wein unter seine Leute verteilt habe.
Als aber Ballard merkte, dass die Versetzung des
Herrn de la Freseliere bevorstand und seine Unter
schleife ans Licht kommen würden, zog er es vor,
heimlich über die Grenze zu gehen und in seiner
Heimatstadt Turin das auf so unredliche Weise er
worbene bedeutende Vermögen in Ruhe zu ver
zehren.
Inzwischen hatte ein anderer Schwindler, der
Glockengiesser Jacques Sagen aus Liege, wohnhaft
in Lille, der einige Zeit bei Keller gearbeitet hatte,
durch zahlreiche Versprechungen, wie durch Geld
die massgebenden Persönlichkeiten zu bestimmen
gewusst, ihm versuchsweise den Guss einiger Ge
schütze zu übertragen. Indessen hatte er damit
noch weniger Glück, als Ballard, trotzdem ver
traute man ihm doch die ebenfalls von Keller ein
gerichtete Geschützgiesserei in Pignerpl in Sa
voyen an, wo er gar keine Erfolge zu verzeich
nen hatte.
Darnach schenkte man im Jahre 1684 einem
gewissen Perdry aus Valenciennes, dessen Vor
dass man ihm den Guss einiger Geschütze gestattete.
Obwohl dieselben aber bei der Probe schon nach
wenigen Schuss sprangen, gab man ihm eine Grati
f
ikation von 600 Livres (etwa 3600 Mark) und ver
schaffte ihm eine gute Stellung bei der Artillerie.
Indessen scheint Perdry der Boden zu heiss ge
worden zu sein, denn er desertierte nach kurzer
Zeit und wandte sich nach Brüssel. Ausserdem er
wähnt Keller noch einen gewissen Bercan, der in
derselben betrügerischen Weise arbeitete, wie Ballard
und Genossen, sowie einen des Falises2) in Douai,
dem Keller einen Teil der gegen ihn gerichteten
Schmähschriften zuschreibt.
Als Ergebnis dieser Ausführungen kommt Keller
zu dem Schluss, dass die von diesen durchaus un
fähigen Leuten hergestellten Geschütze, welche in
grosser Zahl in die Bestände der Artillerie und in
die Festungen gelangten, naturgemäss schlecht waren
und beim Ernstgebrauch mit Sicherheit springen
mussten. Aber auch den Vorwurf, dass von ihm
selbst gegossene Geschütze, deren Güte Keller bei
jeder Gelegenheit hervorhebt, bei den Belagerungen
vielfach sprangen, weiss er zu entkräften, indem er
behauptet, dass die Geschützbedienungen, welche
mit seinen Widersachern im Einverständnis waren,
die Geschütze mit Absicht zum Springen gebracht
hätten. So habe man vor Philippsburg und beim
Bombardement von Coblenz seine Geschütze mit
zwei Kugeln und ungewöhnlich grosser Ladung eines
sehr kräftig wirkenden Pulvers derart überladen, dass
ein Springen unvermeidlich war. Mit starker Ueber
treibung sagt hier Keller, dieses Pulver habe mehr
als viermal so viel Wirkung gehabt, als das in der
vorhergehenden Zeit gebrauchte, und fügt hinzu,
man habe es ausserdem unterlassen, die Rohre nach
jedem Schuss auszuwaschen. Es ist ja bekannt, dass
das Pulver noch zur Zeit Friedrichs des Grossen
soviel Rückstand gab, dass das Laden erschwert wurde
und die Wahl der Artilleriestellungen im Gefecht durch
die Notwendigkeit beeinflusst wurde, Wasser zum
Auswaschen der Rohre in der Nähe zur Verfügung
zu haben. Ausserdem sollte durch das häufige Aus
waschen einer zu starken Erhitzung der Rohre vor
gebeugt werden, da bei derselben Ausbrennungen
und Narbenbildung in der Bronze in stärkerem Masse
eintreten mussten. Es wird erwähnt, dass man zum
Auswaschen der Rohre das Wasser mit Essig ver
setzt hat. Wahrscheinlich geschah dies, um die
Pulverrückstände leichter zu lösen, ein besonders
günstiger Einfluss des Essigs auf die Erhaltung des
Rohrmetalls ist nicht einzusehen. — Zum Beweis
für seine ungeheuerlichen Behauptungen führt Keller
eine Anzahl Augenzeugen an, unter anderen auch
*) Ein mit «Opus Jacobi Perdry Valencenis» bezeich
netes Rohr vom Jahre 1638, ein Geschenk an König Philipp IV.
von Spanien, befindet sich im Berliner Zeughause.
2) Ein anderes im Berliner Zeughause befindliches Rohr
trägt die Inschrift: «Berenger d. Falize fecit Duaci 1715».
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
fünf deutsche Zimmerleute, welche nach dem Falle
I85
durch das Springen der Geschütze dem Verfolger
von Philippsburg die Geschütze aus den Batterien
ziehen und von Hand entladen mussten. Sie fanden
in den meisten Geschützen zwei Kugeln und ausser
ordentlich starke Ladungen. Wie parteiisch man
gegen Keller vorging, ergiebt sich daraus, dass
Herr de la Freseliere, gleich nachdem in den ersten
Tagen der Belagerung Kellersche Geschütze ge
sprungen, in für Keller sehr ungünstigem Sinne an
Herrn de Louvois berichtet und behauptet hat, dass
schlechte Legierungen verwandt worden seien. Dar
auf wurden aus Breisach eben gegossene Geschütze
von der Art Ballards geholt, dieselben sprangen
aber trotz aller Vorsicht nach einigen Schüssen
derart, dass die Stücke davonflogen, ein Umstand,
der bei den Geschützen Kellers nicht eingetreten
war. Letztere bauchten sich vielmehr auf, verbogen
sich oder bekamen höchstens Risse, sprangen jedoch
unter normalen Umständen niemals am Boden, auch
blieben die Zündlöcher intakt. Jetzt beschuldigte
aber Herr de la Freseliere den abnehmenden Offizier,
Herrn de Vauxleger, der sich in Breisach ihrer Ab
nahme widersetzt, dass er diese Geschütze böswillig
gesprengt habe, berichtete aber nichts davon an die
Vorgesetzte Behörde.
Des weiteren führt Keller aus, in welch ver
schiedenartiger Weise man Geschützrohre ganz un
auffällig sprengen könne. So müsse ein Rohr unter
allen Umständen springen, wenn man bei nicht zu
kleiner Ladung das Geschoss nicht bis ganz auf
das Pulver führe. In der That hat man auch in
der Neuzeit bei Handfeuerwaffen ähnliche Erfah
rungen gemacht, über die Ursachen gehen aber
die Ansichten noch auseinander. So pflegen Ge
wehrläufe zu springen oder sich aufzubauchen, wenn
der Schütze vergessen hat, vor dem Schuss den
Mündungsdcckel abzunehmen, oder wenn Schnee
in die Mündung gekommen ist. Ferner erwähnt
Keller eiserne oder hölzerne Keile, welche man vor
die Kugel in das Rohr warf, die Kugel lief dann
auf den Keil auf, wurde gehemmt und das Rohr
musste springen. Als Beweis hierfür will Keller
noch Stücke von derartig gesprengten Rohren nach
weisen, in denen die Keile Eindrücke hinterlassen
hatten, sowie solche, in denen die Eisenstücke noch
fest eingedrückt waren. In manchen Rohren, bei
denen auf solche Weise das Bodenstück gesprengt
war, sassen die Kugeln so fest, dass man sie seitlich
herausmeisseln musste. Das Vernageln der Zünd
löcher vorübergehend eroberter Geschütze war von
jeher die übliche Art, sie zeitlich unbrauchbar zu
machen. Daneben führten auch noch in späterer
Zeit die zum Sturm auf ein mit Geschützen ver
teidigtes Werk vorgehenden Truppen mitunter der
artige eiserne Keile mit, um sie in geladene Ge
schützrohre zu werfen und so deren Springen her
beizuführen, falls der Feind wieder in deren Besitz
gelangen sollte. Ein gleiches that vielfach der Ver
teidiger, wenn er das Werk verlassen musste, um
noch Schaden zuzufügen. Es ist dies ein recht
heimtückisches Verfahren, das sich durchaus unauf
fällig anwenden lässt, heute würde ein derartiger
vor das Geschütz geworfener Keil mit Sicherheit
einen folgenschweren Rohrkrepierer hervorrufen.
Dass ein Springen seiner Rohre nicht vorkam, wenn
derartige Schurkereien ausgeschlossen waren, weist
Keller an einer Batterie von 20 8-Pfündern nach, die
vor Mons mit glühenden Kugeln schoss. Denn da
nach dem Ansetzen der «roten Kugel» auf das nasse
Wergpolster, welches vor der Pulverladung lag, Ge
fahr im Verzüge war, so hütete sich die Bedienung,
darnach noch irgend welche Manipulationen vor
der Mündung vorzunehmen, die auf ein Sprengen
des Rohres abgezielt hätten.
Ohne auf die langwierigen Beweisgründe ein
zugehen, mit denen Keller weiterhin nachzuweisen
sucht, dass er ganz unmöglich schlechte Legierungen
genommen haben könne, sei nur zusammenfassend
gesagt, dass dabei die damals in Frankreich herr
schende Korruption ins hellste Licht gezogen wird.
Wenn es ja auch im einzelnen nicht möglich sein
dürfte, die Wahrheit seiner Angaben zu prüfen, und
die Beschuldigung, dass die eigenen Geschütze im
Felde absichtlich unbrauchbar gemacht worden
seien, uns heutzutage geradezu ungeheuerlich Vor
kommen mag, so entspricht trotzdem alles dieses
doch dem Charakter jener Zeit, in welcher als
letztes Mittel, die Finanzen zu heben und den Staat
vor dem drohenden Bankerott zu bewahren, alle
Beamtenstellen, also auch diejenigen der Geschütz
giesser, käuflich waren und daher alle höheren
Stellen ein Interesse daran haben mussten, dass die
Beamten möglichst oft wechselten. In diesem Sinne
hatte Keller sein Amt damals schon viel zu lange. —
Alle diese Verhältnisse sind indessen mehr für die
Sitten- als für die Waffengeschichte interessant, es
gehen aber aus den Schilderungen, welche Keller
hier entwirft, eine recht grosse Menge Einzelheiten
hervor, welche sich auf die Organisation und den
Betrieb der französischen Geschützgiessereien da
maliger Zeit beziehen und in Anlehnung an den
geschilderten Hintergrund für den Waffenhistoriker
von hoher Wichtigkeit sein müssen.
Das gesamte Artilleriewesen unterstand dem
Grossmeister (Grand Maitre) der Artillerie, in jenem
Jahre (1694) bekleidete anscheinend Herr de Vigny
diesen Posten, wie er auch den artilleristischen Teil
der Belagerung von Namur geleitet hatte. Ihm unter
stellt war der Generalkommissar des Giessereiwesens,
dem wiederum die ordentlichen Giesskommissare
(Commissaire ordinaire des fontes de FArtillerie) als
Direktoren der einzelnen Giessereien zugeteilt waren.
Ein Untergebenenverhältnis scheint hier indessen
nicht bestanden zu haben, vielmehr fungierte wahr
scheinlich der älteste der Giesskommissare als
Generalkommissar, sein Name findet sich als der
jenige des Giessers in späterer Zeit vielfach auf
i86
Zeitschrift für liistorische Waffenkunde.
französischen Rohren angegeben. Die Organisation
II. Band.
in der Artillerie gehörig auszubilden. Zwar erwähnt
der einzelnen Geschützgiessereien entsprach in der
Hauptsache derjenigen, wie wir sie im 18. und z. T.
noch im 19. Jahrhundert in den nicht militärisch
organisierten staatlichen Fabriken in Preussen hatten.
Der Staat Hess die nötigen Gebäude, die Oefen, die
grösseren Maschinen etc. nebst der etwa notwendigen
Wasserkraft einrichten, der Leiter der Fabrik lieferte
die nötigen Werkzeuge und Geräte aus eigenen
Mitteln, wahrscheinlich gegen eine jährliche Pausch
vergiitung. Das Metall zu den Güssen gab wiederum
der Staat, und der Giesser wurde für jedes abge
nommene Geschütz nach festen Sätzen bezahlt, es
war daher seine Sache, an Material, Holz, Geräten
und Arbeitskräften nach Möglichkeit zu sparen.
Wurden dem Giesser bei der Abnahme Geschütze
zurückgewiesen, so hatte er natürlich einen beträcht
lichen pekuniären Nachteil und eine mit übertriebener
Strenge vorgehende Abnahmekommission konnte den
Giesser in hohem Masse schädigen, wie sie anderer
seits durch grosse Nachsicht bei Beurteilung der
Fehler den Giesser zum reichen Manne machen
konnte. Da im übrigen der innere Betrieb der
Giessereien einer staatlichen Kontrolle nicht unter
worfen war, so war es dem Giesser leicht, statt des
ihm gelieferten guten, minderwertiges Material zu
verwenden, falls er der Nachsicht der Abnahme
kommission sicher war. Diese zu erkaufen, musste
daher das Bestreben aller jener Schwindler sein,
deren unheilvolle Thätigkeit Keller so eingehend
schildert. Wie verrottet überhaupt damals die Zu
stände in dem durch die fast ununterbrochenen,
wenn auch meist siegreichen Kriege völlig ausge
sogeneri Frankreich waren, zeigt eine Stelle, in der
Keller sagt: «Wenn Se. Majestät durch Leute von
Erfahrung und bekannter Rechtschaffenheit ein
gehendeJRevisionen des Zustandes aller seiner Plätze
vornehmen Hesse, so würde man da noch beträcht
liche Unterschleife entdecken. Denn der grösste
Teil der guten Festungen ist sehr schlecht mit
Kanonen und anderem Artillerie-Inventar versehen
und es ist nirgends dem Umstande Rechnung ge
tragen, dass die verschiedene örtliche Lage der
Plätze eine verschiedenartige Artillerie bedingt. Das
ärgerlichste aber ist, dass es in mehreren Festungen
auch nicht einen einzigen Menschen giebt, der kunst
gerecht einen Kanonenschuss abzufeuern versteht,
und dass sich in vielen eine beträchtliche Zahl von
Geschützen befindet, die ganz fehlerhaft sind und
nur unnütz Pulver und Kugeln verschlingen.» Keller
glaubt diese Uebelstände auf die durchaus mangel
hafte Ausbildung der höheren Artillerieführer zu
rückführen zu sollen. Er beklagt es, dass die
Artillerieoffiziere in ihre Stellungen gelangten, ohne
im geringsten dafür ausgebildet worden zu sein,
und sich nur zur Artillerie drängten, um hier mög
lichst schnell ihr Glück zu machen. Sie seien daher
unfähig, bei den Abnahmen der Geschütze ein zu
treffendes Urteil abzugeben oder ihre Untergebenen
Keller die «Artillerieschulen», die hin und wieder
abgehalten wurden, doch scheinen dieselben mehr
unseren Artillerie-Schiessschulen entsprochen zu haben.
Er sagt, dass bei diesen Schulen seine Geschütze
sich gut bewährt hätten oder gesprungen wären, je
nachdem ein Gegner oder ein Freund Ballards die
Leitung gehabt hätte. Trotz des Vorhandenseins
der betreffenden höheren Stellen wurde eine sach
verständige Aufsicht über das Artilleriewesen nicht
geübt, und Keller geht so weit, zu verlangen, dass
die Academie frangaise sich nutzbringender darum
kümmern solle, dass keine Unterschleife stattfänden,
anstatt neue Sterne, Pflanzen oder Insekten zu ent
decken. —
Zum Guss der Geschütze diente in erster Linie
das Metall gesprungener und unbrauchbar gewor
dener oder solches eroberter Geschütze, die ihrem
Kaliber nach nicht in das bestehende Ärtillerie
system passten. Da nun aber diese Bronzen viel
fach von geringerer Güte waren, so korrigierte man
das Metall durch Zusatz von Kupfer und dürfte als
Qualitätsprobe wohl lediglich das Aussehen des
Bruches gehabt haben. Keller erwähnt, dass das
häufige Umschmel^en der Bronze dieselbe ver
schlechtere, sie mager (sec) mache, während wir
heute an der Bronze gerade den Umstand schätzen,
dass sie durch häufiges Umgiessen homogener, also
besser wird. Allerdings oxydiert sich, wenn die
Bronze in Berührung mit der Luft geschmolzen wird,
verhältnismässig mehr Zinn als Kupfer, die Bronze
wird daher bei jedem Umschmelzen ärmer an Zinn.
Es ist möglich, dass Keller diesen Vorgang meint,
wenn er von «Magerwerden» der Bronze spricht.
Bei dem grossen Bedarf an Geschützen — die Ge
brüder Keller haben allein über 3000 Stüc& ge
gossen — wurde aber auch neue Bronze in be
trächtlicher Menge verwendet, welche man aus Kupfer
und Zinn, ohne Verwendung von Zink, zusammen
schmolz. Das Rotkupfer (cuivre de rosette) war
hierbei besonders geschätzt, während das Rohkupfer
(cuivre de barbarie), das aus Norwegen bezogen
wurde, sich weniger für Geschützbronze eignete.
Keller beklagt sich, dass ihm derartiges Rohkupfer
für seine Güsse von seinen Vorgesetzten geliefert
worden sei, das gute Rotkupfer dagegen habe man
den Schwindlern gegeben, die selbst daraus keine
brauchbaren Geschütze herzustellen vermochten.
Ferner erwähnt Keller, dass man in den Büchern
der Baseler Kaufmannschaft habe nachsehen lassen,
ob ihm von dieser 'S.eite Topfmetall (potain) ver
kauft worden sei, welches daher den Namen habe,
dass man daraus Töpfe giesse. Es sei unvorteilhaft
in seiner Anwendung, weil beim Giessen desselben
in grossen Oefen beträchtlicher Abgang entstände,
und der starke Bleigehalt die übrigen Metalle der
Legierung verderbe, so dass die mit Zusatz von
Topfmetall gegossenen Geschütze hart und unsauber
würden und das Nacharbeiten schwierig und kost
6. Heft.
Zeitschrift «für historische Waffenkunde.
spielig'. Es scheint diese «potain» genannte Legie
187
vielmehr zahlreiche Gruben und Vertiefungen (cham
rung aus einer sehr viel Zinn und Blei enthaltenden
Bronze bestanden zu haben, denn es ist bekannt,
dass schon geringe Beimengungen von Blei manche
Legierung hart und spröde machen, wie ja auch
eine Bronze mit 35—50°/0 Zinngehalt kaum mehr
von der Feile angegriffen wird. Einmal musste
Keller zwei alte Rohre umgiessen, welche aus einer
Legierung von gleichen Teilen Gusseisen und Kupfer
bestanden, sich aber nicht be
währten. — Neben Geschützrohren
wurden in den staatlichen Gie
ssereien auch sonstige einschlägige
Artilleriebedürfnisse, wie die Fla
schen zu Winden und Hebezeu
gen, Giesskessel u. dergl. gefertigt,
alles Gegenstände, die
sich tadellos aus
Topfmetall herstellen
Hessen, trotzdem aber
von Keller aus echter
Bronze gegossen
wurden.
Die Bestellungen
erhielten die Giesse
reien durch Vermittelung des
höheren Artilleriekomman
deurs, der auch sonst Vor
gesetzter der Giesserei seines
Befehlsbereichs war.
Das Giessen der Ge
schütze ging anscheinend mit
einer gewissen Feierlichkeit
vor sich, da der Giesser —
wenigstens war dies bei Keller
der Fall — alle am Orte an
wesenden Artillerieoffiziere
dazu einlud und auch sonst
niemandem den Zutritt
wehrte. Ballard und
Genossen gossen aller
dings hinter verschlos
senen Thüren, wie
Keller hervorhebt.
Der Guss selbst er
folgte nach dem sog.
ver
A
«Verfahren mit verlorener Form», wie es heute bei
Bildwerken noch allgemein üblich ist, und zwar goss
man über einen Kern, brauchte also das Rohr nicht
auszubohren.1) Von einem Nachbohren der Seele
ist an keiner Stelle etwas erwähnt, dürfte auch nach
dem folgenden unwahrscheinlich sein.
Die Flauptschwierigkeit des Geschützgusses be
stand nämlich damals darin, dass die Seele kaum
vollständig glatt herzustellen war, es bildeten sich
i) Aus einer andern Originalquelle sei hier entnommen,
dass im Giesshause zu Berlin zuerst im Jahre 1755 eine
leichte 12 pfündige Probekanone von Wetzel massiv ge
bohrt wurde.
bres) darin, welche Gelegenheit zu Ausbrennungen
gaben und bei grösserer Tiefe die Haltbarkeit der
Rohre gefährdeten. Ausserdem wurden sie die Ur
sache für manches Unglück, denn nach dem Ab
feuern des Geschützes setzten sich leicht glimmende
Teile der Ladung hinein, die beim Einbringen des
nächsten Schusses diesen, trotz voraufgegangener
.Auswaschung des Rohres, entzündeten, so dass die
vor der Mündung beschäftigten Be
dienungsleute zerrissen wurden.
Die Entstehung derartiger Gruben
kann man sich erklären, wenn man
bedenkt, dass die Hohlformen der
Rohre mit der Mündung nach oben
in der Dammgrube eingebaut und
die die Seele aus
sparenden Kerne von
oben hineingehängt
waren. Das eingegos
sene heisse Metall
dehnte nun die in dem
Formlehm noch vor
handene Luftaus,diese
konnte zwar durch die
poröse Aussenform entwei
chen, im Kern war dies aber
nicht möglich, die Luft musste
in das Metall austreten und
erzeugte um den Kern herum
Blasen, die sich nach Ent
fernung desselben als Gruben
darstcllten. Vielfach mag sich
auch die Luft beim Eingiessen
der Bronze um den Kern
A
B
herum gefangen haben, da
in diesem Windpfeifen nicht
A
anzubringen waren. Dieser
Uebelstand, welcher vor
zugsweise zur Bean
standung der Rohre
führte, veranlasste
die Gebrüder Keller
zur Einführung eines
eigentümlichenGiess
verfahrens, welches
Keller kurz andeutet: «Diese Art des Gusses von Ge
schützen besteht darin, dass man sie durch den Boden
giesst, anstatt sie wie früher durch die Mündung zu
giessen, aber sie ist viel schwieriger, als die vordem
geübte, denn man muss ausserordentliche Kosten auf
wenden, eine grössere Menge Metall eingiessen und die
Stücke an mehreren Stellen mit der Säge bearbeiten,
während an den nach alter Art gegossenen nur ein
einziger kleiner Sägeschnitt notwendig war.» Diese
neue Erfindung soll niemals vor Keller von einem
Giesser angewandt- worden, noch damals anderswo
in Gebrauch gekommen sein wegen ihrer Schwierig
keit. Dafür hat man sie aber in neuester Zeit noch
25
i88
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
einmal erfunden und wendet sie heute unter der
II. Band.
Metall in dem Trichter ebenso hoch stehen, wie in
Bezeichnung «aufsteigender oder Trichterguss» vor
zugsweise beim Giessen von Martinstahl an, um
grosse blasen- und schlackenfreie Blöcke zu ge
winnen, welche nach erfolgter Verdichtung unter
dem Dampfhammer oder der Schmiedepresse weiter
verarbeitet werden sollen. Die Figur (s. S. 187)
giebt eine lediglich schematische Darstellung dieses
Verfahrens. Auf dem Boden der Dammgrube liegt
eine eiserne Bodenplatte C, in der mit sog. basischem
Futter ausgemauerte Kanäle ausgespart sind, welche
bei diesem Beispiel ein Kreuz bilden. Auf der
Mitte dieses Kreuzes steht der Eingusstrichter B,
über den vier Enden der Kanäle je eine viereckige,
etwas konische Giessform (Coquille) A von Eisen,
Festhaften des Stahls mit die zum Schutz gegen das
Kalkwasser ausgestrichen
ist. Wird nun das flüssige
Metall in den Trichter B ge
gossen, so steigt es, die
Luft vor sich verdrängend,
durch die Kanäle in den
Formen auf. Letztere wer
den, sobald der Inhalt er
starrt ist, abgehoben, so
dass die Abkühlung der ge
gossenen Blöcke sehr be
schleunigtwird. Auf Bronze
lässt sich dieses Verfahren
natürlich ebenso anwenden,
und es ist interessant, dass
daselbe bereits 200 Jahre
früher, wenn auch nur vor
übergehend , Anwendung
gefunden hat. Dass dies
thatsächlich der Fall war,
bezeugen zwei von Keller
gegossene, im Königl. Zeug
haus zu Berlin befindliche
24-pfündige Rohre «Le
Combatant» vom Jahre 1674 und «La Curiosite»
vom Jahre 1679. Während nämlich die Rohre
jener ganzen Zeit eine einem Pinienzapfen oder
einem Knopf ähnliche Traube oder aber an ihrer
Stelle ein Phantasiegebilde mit jedenfalls schlankem
Hals besassen, wie er zum Untergreifen mit dem
Hebebaum beim Richten notwendig war, zeigen jene
beiden Rohre einen ganz plumpen, cylindrischen
bezw. einen sich etwas nach hinten verjüngenden
Ansatz, dessen Endfläche deutlich zeigt, dass man
ihr die Gestalt mit Meissei und Feile gegeben hat.
Es ist das auf der obenstehenden Abbildung des
Bodenstücks des «Le Combatant» recht gut zu er
kennen. Augenscheinlich hat Keller diese unschöne,
dem eigentlichen Zweck der Traube kaum ent
sprechende F'orm lediglich deswegen gewählt, um
den sonst üblichen engen Traubenhals zu vermeiden,
welcher dem Aufsteigen des Metalles in der Form
sehr hinderlich gewesen wäre. Natürlich musste das
den Formen, das in ersterem, wie in den Kanälen
erstarrte Metall ging daher für den eigentlichen Guss
verloren, das Verfahren war also, wie Keller betont,
sehr kostspielig. Dazu kam noch, dass das ge
gossene Rohr an beiden Enden von dem über
schüssigen Metall befreit und an der Traube nach
gearbeitet werden musste. Es wäre interessant, zu
erfahren, ob auch noch andere vorhandene Rohre
von Keller eine ähnliche Eigentümlichkeit zeigen,
ferner wann sie zuerst auftritt und wann sie wieder
verschwindet.
FZine weitere bedeutende Schwierigkeit bei der
Geschütztechnik damaliger Zeit lag, wie bereits kurz
erwähnt, in der geringen Haltbarkeit der Zündlöcher,
die sich in verhältnismässig kurzer Zeit unzulässig
erweiterten, sei es nun, dass
das Metall wegbrannte oder
beiseite gedrückt wurde.
Auch bei den Keller’schen
Rohren trat dieser Uebel
stand auf, «wie das auch
ganz allgemein bei . allen
anderen Stücken vorkam,
welche seit der Erfindung
des Artilleriewesens gegos
sen worden sind, und wo
gegen man noch kein wirk
sames Mittel hat finden
können». Es ist häufig
davon die Rede, dass die
Zündlöcher ausgebessert
wurden, doch ist das Ver
fahren leider in keiner Weise
angcdcutet. An einer Stelle
wird erwähnt, dass meiner
Rohre so gut hielten, dass
sie zwei Zündlöcher brauch
ten, man scheint also das
ausgebrannte Zündloch ver
schraubt und verhämmert und daneben ein neues
gebohrt zu haben. Vorhandene Beispiele derartig
behandelter Rohre sind dem Verfasser nicht be
kannt. Ein Mittel, die Zündlöcher dauerhafter zu
machen, bestand darin, dass man sie schräg,
also durch eine grössere Metallstärke bohrte und
an der oberen Kante des Seelenbodens ausmiinden
Hess, eine Anordnung, die zugleich eine günsti
gere Entzündung der Pulverladung gewährleistete.
Man hielt es damals bereits für eine hervor
ragende Leistung, wenn die Rohre 900 Schuss ohne
Zündlocherweiterung aushielten. Keller’s Rivale,
Ballard, hatte, wie erwähnt, das Vertrauen der lei
tenden Stellen hauptsächlich durch die Behauptung
zu gewinnen gewusst, dass er ein Verfahren kenne,
die Zündlöcher wesentlich haltbarer zu machen. Er
erreichte dies dadurch, dass er in die Bronze ein
eisernes Röhrchen mit eingoss, und Keller muss
zugeben, dass die so ausgestatteten Rohre etwas
189
6. Heit.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
haltbarere Zündlöcher hatten, als seine eigenen. In
dessen lösten sich bei einigen auch sonst verun
glückten Versuchsrohren Ballards die eisernen Röhr
chen von dem Metall los. Diese an sich noch nicht
besonders glückliche Lösung der Zündlochfrage ist
insofern immerhin interessant, als das von Ballard
benutzte eiserne Röhrchen im Prinzip einen Vor
läufer des späteren kupfernen Zündlochstollens bil
dete. Wann dieser letztere aufkam, scheint noch
nicht mit Sicherheit festgestellt zu sein, um die
Mitte des 18. Jahrhunderts war er aber bereits all
gemein bekannt und bestand aus einer cylindrischen
Schraube aus geschmiedetem, also verdichtetem
Kupfer, die unten in einem schwachkonischen Zapfen
endigte. Derartige Stollen wurden auch gleich in
die neugefertigten bronzenen Rohre eingesetzt und
im Bedarfsfälle ausgewechselt. Wo sich, wie ge
wöhnlich, in Rohren des 17. Jahrhunderts kupferne
Stollen befinden, sind sie wohl später angebracht
worden. Es sei hier bemerkt, dass in einer im
Zeughause zu Berlin befindlichen Hohenzollernschen
Serpentine v. J. 1580 ein eiserner Zündlochstollcn
von etwa 5 cm Durchmesser vorhanden ist, der
eine flach trichterförmige Pfanne enthält. Ob dieser
Stollen von vornherein eingegossen wurde oder erst
später eingesetzt ist, lässt sich ohne Beschädigung
des Rohres nicht entscheiden, dem Aussehen nach
könnte man aber das erstere annehmen, auch hätte
man in späterer Zeit zum Stollen nicht gerade das
so leicht zum Ausbrennen neigende Eisen gewählt.
Die gegossenen Rohre wurden nach Entfernung
aller überflüssigen Metallteile und Herstellung des
Zündlochs der Abnahmekommission vorgestellt.
Nach der vom Könige gegebenen Anweisung be
stand dieselbe aus dem Grossmeister der Artillerie,
dem Generalkontrolleur und dem Provinzialkommissar
und musste ihres Amtes in Gegenwart des Giessers
walten, war also ähnlich zusammengesetzt, wie später
in Preussen die Artillerie-Revisionskommission. Der
Grossmeister konnte sich durch einen seiner Offiziere
vertreten lassen, der Generalkontrolleur entsandte
seinen Bevollmächtigten (Commis), den Kontrolleur,
der «die Persönlichkeit ist, welche das Interesse des
Königs wahrnehmen muss«. In Breisach hatte z. B.
Herr de la Freseliere die Abnahmen zu leiten und
wohnte denselben persönlich bei oder liess sich
von einem Artillerieleutnant vertreten, als Kontrolleur
wird ein Ilerr de la Brosse genannt, die Provinzial
kommissare de Vauxlegcr und de la Tour-Camailliere
sind bereits genannt worden. Der Plauptteil der Ab
nahmcarbeiten scheint auf den Schultern des Pro
vinzialkommissars geruht zu haben, von dessen Pflicht
eifer die Strenge der Untersuchung in erster Linie
abhing. Die Abnahme selbst zerfiel in eine ein
gehende Besichtigung der Rohre aussen und innen,
den Beschuss und nochmalige Besichtigung nebst
Anwendung der Wasserprobe.
Die Rohre wurden auf Gruben, Risse und Schön
heitsfehler hin untersucht, besonders kamen, wie
schon besprochen, die in der Seele befindlichen
Gruben in Betracht. Wie primitiv diese Untersuchung
war, erhellt daraus, dass man lediglich mit Hilfe
einer Kerze hineinleuchtete und zufrieden war, wenn
keine dem Auge sichtbaren Gruben vorhanden waren.
Dies wurde jedoch anders, nachdem die Erfolge der
Gebrüder Keller in Douai den Neid ihrer Wider
sacher erregt hatten. Man bediente sich von da
ab (etwa 1671) zur Untersuchung der Seele auf
Gruben sehr spitzer Flaken an einer langen Stange
und konnte so die geringste Vertiefung in der Seele
feststellen, eine Verschärfung der Abnahme, durch
welche die Gebrüder Keller zur Anwendung des
aufsteigenden Gusses veranlasst wurden. Wie sie
behaupten, wurden hierbei grössere Gruben voll
ständig vermieden, nur ganz kleine von 2—3 Linien
Tiefe traten noch auf, konnten aber keinen ernst
lichen Schaden anrichten.
Die Ausführung des Beschusses ist in dieser
Zeitschrift auf Grund anderen Materials bereits be
sprochen worden,1) das dort Gesagte wird durch
die Kellerschen Angaben voll bestätigt. Damals
wurde von einem auf dem Löfflerschen Geschütz
«die schöne Taube» (aus der Zeit von 1560—1580)
befindlichen Spruche darauf geschlossen, dass man
die neuen Rohre mit kugelschwerer Pulverladung
probierte, und ein Jahrhundert später finden wir in
Frankreich thatsächlich noch genau dasselbe Ver
fahren. Es wurden aus den neu gefertigten Rohren
mehrere Schuss mit verstärkter Ladung gethan, und
zwar der erste Schuss mit kugelschwerer Ladung,
also 1 /j Ladungsverhältnis,'2) der zweite Schuss mit 5/e,
der dritte mit 2/.{ Ladungsverhältnis, stets aber wurde
nur eine Kugel dazu verwendet. Während, wie
oben bereits erwähnt, beim Ernstgebrauch die Seele
der Rohre zur grösseren Schonung gut ausgewaschen
wurde, geschah dieses bei den Proben nicht, man
wollte hier dem Geschütz eben grössere Anstren
gungen auch nach dieser Richtung hin zumuten. Um
nun festzustellen, ob sich Risse in dem Rohre ge
bildet hatten, liess man es, mit Wasser gefüllt, einige
Zeit stehen und beobachtete, ob Wasser aus der
Aussenseite der Rohre herausdrang. In dem soeben
angezogenen früheren Artikel wurde schon darauf
hingewiesen, wie wenig geeignet dieses Verfahren
zur wirklichen Feststellung von Rissen war. Durch
gehende, klaffende Risse mussten sich allerdings
auf diese Weise bemerkbar machen, sie wären aber
auch wohl durch Schwärzung infolge des durch
gedrungenen Pulverschleims kenntlich geworden, die
für den späteren Gebrauch aber so sehr gefährlichen
Haarrisse in der Seele, welche keineswegs die ganze
Metallstärke durchdringen, mussten bei diesem Ver
fahren natürlich verborgen bleiben. Wie manches
gute Rohr mag bei diesen Gewaltproben bereits den
*) Band II, Heft 3, Seite 71 ff.-) LadungsVerhältnis
, ... Pulverladung.
Geschossgewicht.
25*
190
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Grund für sein späteres Zerspringen erhalten haben,
II. Band.
9 24-Pfünder brauchbar und fehlerlos, sowie 3
ohne dass die pflichteifrigste Abnahmekommission
selbst eine Ahnung davon hatte, dass sie an dem
Ruin der französischen Artillerie mitarbeitete. —
Hatte das Rohr die Wasserprobe bestanden, so
wurde es nach gründlicher Reinigung nochmals aus
geleuchtet und event. mittels des erwähnten spitzen
Hakens auf Gruben etc. untersucht. Traten hierbei
Zweifel an der Güte des einen oder anderen Rohres
auf, so wurde dasselbe in vielen Fällen einer noch
maligen, «ausserordentlichen» Probe unterworfen,
genügte es dann nicht, so wurden die Henkel
abgeschlagen, um zu verhindern, dass ein bereits
beanstandetes Rohr bei einer späteren Liefe
rung noch einmal mit vorgestellt werde. Darüber
gerade beklagt sich Keller an vielen Stellen, dass
ihm auf diese Weise zahlreiche Rohre unbrauchbar
gemacht worden seien, obwohl die Kommission sich
nicht die Mühe gegeben habe, diese Geschütze
nach allen eben angeführten Gesichtspunkten hin
eingehend zu prüfen. Er hat daher seinen Aus
lassungen eine Vignette vorangestellt, welche auch
an die Spitze dieses Aufsatzes gesetzt ist und sehr
anschaulich den Vorgang darstellt, wie von zahl
reichen Rohren die Henkel mittels Stielmeisseis und
Vorschlaghammers abgeschlagen werden. Im Vorder
gründe steht die aus drei Personen bestehende Kom
mission im Gespräch, daneben ein Mann mit den
Abnahmegeräten, nämlich dem Licht in der Laterne
und einer Stange, an der gleich einem Hechthaken
drei auswärts gebogene Spitzen angebracht sind.
Augenscheinlich ist dieses Instrument der erste Vor
läufer des späteren Seclenspiegels gewesen. — Nach
dem Beschuss wurden die abgenommenen Rohre
dem Giesser zur Nacharbeitung der Ornamente, so
wie zur Ausbesserung kleiner Fehler zurückgegeben
und dann dem Artillerieoffizier des Platzes gegen
Quittung zur Aufnahme in die Bestände überwiesen.
Ueber jede Abnahme wurde dem Giesser ein
Zeugnis ausgestellt. Keller führt als Ausweis für
die von ihm bewiesene Leistungsfähigkeit in seiner
Schrift eine Anzahl derartiger Atteste an, von denen
eins hier folgen möge:
«Wir, der Marquis de la Freseliere, General
leutnant der französischen Artillerie,
bezeugen dem König, Sr. Durchlaucht dem
Grossmeister, und allen, die es angeht, dass uns
Herr Keller, ordentlicher Giesskommissar in Frank
reich. 27 gegossene Geschütze vorgestellt hat, um
sie zu probieren, nämlich 4 33-Pfünder, 13 24
Pfünder, 4 16-Pfünder und 6 8-Pfünder. Die
selben wurden beschossen, der erste Schuss mit
so viel Pulver, als das Geschoss wiegt, der zweite
Schuss den sechsten Teil weniger, als das Ge
schossgewicht beträgt, und der dritte Schuss mit
~l3 des Geschossgewichts. Von diesen Geschützen
bestanden die 4 33-Pfünder die Probe und wurden
nach der Untersuchung für durchaus brauchbar
und ohne Fehler befunden, ebenso erwiesen sich
S-Pfünder, so dass von den 27 geprüften Ge
schützen nur 4 24-Pfünder und 3 S-Pfünder fehler
haft gefunden wurden, wir haben ihnen die Henkel
abschlagen lassen.
Plerr Keller hat uns ferner 10 Mörser neuer
Erfindung vorgestellt, deren Kammern 12 @5 Pulver
halten. Wir haben sie jeden mit drei Schuss
probiert, pro Schuss 15 $t> Pulver. Von diesen
sind 6 gesprungen, 4 haben diesen Proben wider
standen und wurden von uns ohne Nacharbeitung
der Ornamente abgenommen.
Wir bezeugen ferner Sr. .Majestät und allen, die
es angeht, dass uns Herr Keller 30 Mörser der
alten Art vorgestellt hat, welche wir in gleicher
Weise jeden mit drei Schuss zu je 5 ® Pulver
probiert haben, welches gerade die kammervolle
Ladung ist. Von diesen sind 20 abgenommen
worden, 2 wurden beanstandet und ihnen die
Henkel abgeschlagen, und bei 8 wurden die
Zündpfannen nicht brauchbar genug befunden,
um sie abnehmen zu können. So geschehen zu
Breisach, den 16. März 1683.
gez. La Freseliere.»
Einer modernen Geschützgiesserei würde eine
solche Verhandlung, aus der die Beanstandung von
über 1/g der vorgestellten Geschütze hervorgeht,
allerdings nicht zu besonderem Ruhme gereichen.
Auffallend ist, dass das Verhalten der 4 16-Pfünder
gänzlich verschwiegen ist.
Es ist gerade dieses Zeugnis herausgegriffen
worden, weil darin von einer neuen Art Mörser,
einer Erfindung Kellers, die Rede ist. Im Königl.
Zeughause in Berlin befinden sich nämlich zwei von
Keller gegossene bronzene Mörser besonderer Art
v. J. 1685. Dieselben zeichnen sich durch grosse
Weite (Kaliber 42,2 cm) und Dünnwandigkeit des
Fluges aus und man nimmt an, dass sie zum Werfen
ganzer Körbe voll Steine oder Kugeln gegen die
in den Annäherungswegen arbeitenden Angreifer
einer Festung bestimmt waren. Anscheinend zum
Einsetzen eines hölzernen Treibspiegels hat die
Kammer an ihrem vorderen Ende eine rechtwinkclig
ansetzende Erweiterung. Bei der Gestaltung der
äusseren Form dieser Mörser hat sich Keller sicher
die ihm sehr wohlbekannten schmiedeeisernen Mörser
des 15. Jahrhunderts, von denen damals, wie er sagt,
noch sehr viele vorhanden gewesen sind, als Vor
bild genommen, denn der ganze Flug ist, wie bei
jenen, mit flachen Reifen umgeben, die zur Belebung
dieser auch sonst recht hübsch verzierten Stücke
beitragen. Ob aber diese Mörser der in dem an
geführten Zeugnis genannten Art angehören, möge
dahingestellt bleiben, doch spricht manches dafür.
Keller beklagt sich öfters, dass man ihn durch
mangelnde Unterstützung verhindert habe, zahl
reiche wichtige Erfindungen auf dem Gebiete des
Artilleriewesens zur Durchführung zu bringen. Ueber
haupt scheint auch damals das Erfindertum sehr in
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Blüte gestanden zu haben, und Keller weist ver
1 Qi
eines zu offensiven Pulvers. Durch rationellere Ver
schiedentlich nach, dass angeblich neue Erfindungen
seiner Rivalen thatsächlich alt waren. So suchte ein
gewisser Petri, Giesser aus Florenz, zwei Neuerungen
als seine Erfindungen auszugeben, nämlich Mörser
mit konischer Kammer und die sog. Rebhuhnmörser,
bei denen um das Flugstück eines grossen Mörsers
zahlreiche kleine gruppiert sind, welche zusammen
mit dem grossen Mörser kleine Bomben werfen.
Die erstere Erfindung schreibt Keller dem Infanterie
oberst Zolicofre aus St. Gallen zu, der im Jahre 1634
die Belagerung von Konstanz durch die Schweden
mitgemacht hatte und bald darauf in Zürich Mörser
mit konischen Kammern giessen liess. Die Reb
huhnmörser dagegen sollen bereits in der «Ars
magna Artilleriae» des Sicmienowicz, gedruckt 1650
in Holland, erwähnt sein. Schliesslich wird in einem
der Abnahmeatteste (v. J. 1684) von der Abnahme
von 41 kurzen «Geschützen ä Carabines nach der
neuen Erfindung des Kapitän Espagnol» gesprochen,
wovon ein Teil 8-Pfünder, der andere 4-Pfiinder
waren. Man echt mit Rücksicht auf den Ausdruck
«ä Carabines» wohl nicht fehl, wenn man hierunter
gezogene Geschütze versteht, die ja auch schon
früher durchaus nicht selten waren, während eine
Beziehung zwischen dem Namen des Kapitäns Es
pagnol und den im Anfang des 19. Jahrhunderts
aufgekommenen, als «Espignols» bekannten Kugel
spritzen etwas gewagt erscheint.
* *
*
Während uns so durch die Kellersche Ver
teidigungsschrift eine Reihe wertvoller Aufschlüsse
über das Leben und Treiben und die dienstlichen
Angelegenheiten in y.en französischen Geschütz
giessereien gegeben werden, bieten die eigentüm
lichen Vorgänge, welche die Schrift veranlasst haben,
Gelegenheit, noch kurz auf ganz ähnliche Vorkomm
nisse hinzuweisen, welche, allerdings in wesentlich
geringerem Umfange auftretend, in den 30er Jahren
des 19. Jahrhunderts in Preussen den Mittelpunkt
des Interesses für die Artilleriekreise bildeten. Es
zeigte sich nämlich in dieser Zeit, dass die Geschütz
rohre durch scharfe Schüsse in sehr erhöhtem Masse
angegriffen wurden, und wenn auch dank der ver
vollkommneteren Einrichtungen zur Untersuchung
das Springen der Rohre bei den Friedensübungen
nicht gar häufig war, so mussten diese Erscheinungen
doch für den Kriegsfall ernste Bedenken erregen.
Man beschuldigte nun allerdings nicht die Geschütz
giessereien der Lieferung minderwertiger Rohre, son
dern erkannte den Grund für die hervorgetreterie
geringere Haltbarkeit derselben in der Verwendung
fahren in der Pulverfäbrikation war man ganz all
mählich zu einem in seiner Zusammensetzung keines
wegs geänderten, aber trotzdem etwas rascher ver
brennenden Pulver gelängt, dessen nur unerheblich
vermehrte Offensivität doch genügte, dauernde Ver
änderungen an den Rohren hervorzurufen und sie
schliesslich sogar zu sprengen. Obwohl also das
Verfahren des Bronzegusses und der Geschützfabri
kation wesentlich ausgebildeter war, wie unter Lud
wig NIV., so war auch bei Verwendung normalen
Pulvers der Sicherheitsüberschuss der Rohre gegen
Zerspringen keineswegs gross — wie gering muss
er daher erst bei den Kellerschen Rohren gewesen
sein zu einer Zeit, als ein einigermassen blasenfreier
Guss die grössten Schwierigkeiten bereitete! Man
braucht daher als Grund für das häufige Springen
der Geschütze in damaliger Zeit gar nicht alle jene
hochverräterischen Massnahmen, welche Keller von
seinen Widersachern behauptet, vorauszusetzen, es
hätte auch damals die Verwendung eines schärferen
Pulvers, als es vordem üblich war, genügt, um zahl
reiche Rohre zu sprengen. In der That erwähnt
Keller, dass man bei seinen Rohren während der
Belagerungen ein wesentlich kräftiger wirkendes
Pulver angewandt habe, als das bei den Probe
schüssen gebrauchte. Wenn man bedenkt, dass
das auffallende Springen der Geschütze erst mit
dem Beginn des Pfälzischen Erbschaftskrieges auf
trat, und mit den in den früheren Eroberungs- und
Raubzügen besetzten P'estungen grosse Mengen
fremden Pulvers, dessen Offensivität in einwandfreier
Weise festzustellen man gar nicht in der Lage war,
in die Bestände der französischen Artillerie gelangt
waren, so kann man wohl ermessen, dass zahlreiche
Geschütze auch ohne den bösen Willen der Bedie
nung springen konnten, wenn es auch keineswegs
ausgeschlossen ist, dass die letztere hier und da
etwas nachgeholfen hat. Jedenfalls entsprach es
ganz dem Charakter jener Zeit, dass man die Schuld
an dem Springen der Geschütze ohne weiteres dem
Giesser auflud, und die Einberufung einer Konferenz
von Sachverständigen zur Aufklärung der Angelegen
heit darf schon als eine ganz besondere Massnahme
angesehen werden. Uebrigens scheint deren Thätig
keit im Sande verlaufen zu sein oder gar nicht erst
begonnen zu haben, denn Keller sagt am Schluss
seiner Schrift, dass man schon lange nichts mehr
von der Sachverständigenkonferenz gehört habe, da
seine Gegner wohl fürchteten, dass durch eine an
gestcllte Untersuchung ihre eigenen betrügerischen
Manipulationen an die Oeffentlichkeit kommen
würden.
192
Zeitschrift für historische Waffenknnde.
Ein Helm von der pannonischen Reichsgrenze.
Von Professor Dr. Joseph Hampel in Budapest.
J.
II. Band.
Der Helm besteht aus Eisen und die Aussen
er Helm, dessen Chromobild
hier beiliegt,1) ist Eigen
tum des ung. National
Museums und wurde am
25.Juni 1898 in Budapest
beim Bau des Donau
ufer-Pfeilcrs der neuen
Kettenbrücke, welche
vom Schwurplatz aus
geht, in der Tiefe von
3,5 — 3,8 m gefunden.
Da derselbe in eine Sand und Kiesel führende
Schichte eingebettet lag, hatte sich an demselben
innen und aussen viel Kies angesetzt. Die bei
liegenden Abbildungen zeigen den Helm in dem
jetzigen Zustande, nachdem der angerostete Kiesel,
so weit als es ohne Schädigung der Plelmwand mög
lich war, entfernt worden ist.
*) Die photographischen Aufnahmen und chromatischen
Zinkstöcke des Bildes sind von der Firma A. Weinwurm in
Budapest hergestellt worden; wir verdanken die Benutzung
derselben der von Herrn Prof. Hampel geleiteten Redaktion
des «Arch. Ertesetö», wo der Helm von ihm zuerst besprochen
wurde. Die Schriftleitung.
Fig. 1. Die rechte Längsseite des pannonischen Helmes.
seite ist mit einer daran fest haftenden Schichte von
vergoldetem Silberblech überzogen; diese Ober
f
läche zeigt Relicfverzierungen; auch sitzen darauf
farbige Glaspasten, welche wie Halb - Edelsteine
wirken.
Die Form des Helmes lässt sich etwa mit einem
in der Längenachse entzwei geteilten Ei vergleichen;
zu unterst ist der längere innere Durchmesser 23 cm,
der kürzere 17 cm. Die Dicke der Wand ist an
gut erhaltenen Stellen, wo der Rost dieselbe nicht
angefressen oder zerstört hat, 5 mm.
Die Aufstellung in der farbigen Abbildung ist
keine genau rechtwinkelige, auch steht der Helm
nicht genau in der Horizontalen, sondern die Seite links
von der Mittelachse neigt etwas tiefer nach unten,
als es die richtige Stellung auf dem Kopfe erforderte;
auch sieht man von der Frontseite desselben auf
dem Bilde etwas mehr als die Plälfte.
Strenger sind die Aufnahmen orientirt, welche
den Abbildungen Nr. 1—4 als Unterlage dienten.
Fig. 1 zeigt die linke Längenseite des Helmes; Fig. 2
die rechtsseitige Längenseite. Fig. 3 ist die Front
seite. Fig. 4 zeigt die Rückseite.
Am besten ist der obere Teil des Helmes er
halten, welcher auf dem Scheitel sass und den Kopf
beiläufig bis zu den Augenbrauen und bis zu den
Ohren bedeckte, ln der Richtung der Längenachse
Fig. 2. Die linke Längsseite des pannonischen Helmes.
Ein Helm von der pannonischen Reichsgrenze im Nationalmuseum zu Budapest.
Dreifarbenbuchdruck von Fr. Richter, G. m.b. H., Leipzig.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
erhebt sich auf der Scheitellinie ein breiter Kamm,
193
nächst dem Kamme an der Vorderseite sitzt ein
welcher die ganze Oberfläche in zwei seitliche Fel
der teilt. Die untere Einrahmung der beiden Felder
ist beinahe in ganzer Länge erhalten. Fig. 5 zeigt
ein Stück von der rückwärtigen Seite (in aus
gestreckter Ansicht), wo die Ecken beider Felder
am besten erhalten sind. Der Rahmen besteht aus
zwei gekerbten, parallel laufenden Leisten, zwischen
welchen in Relief quer gestellte gleicharmige Kreuz
chen als Füllornament sich aneinanderreihen; der
Rahmen säumte die beiden Seitenfelder nicht nur
Fig. 3. Der pannonische Helm, von vorn gesehen.
unten ein, sondern setzte sich längs des Kammes
fort. Ober dem wagrechteu Teile der beiden Rah
men schliesst sich an denselben ein Reliefornarnent
von kleinen Halbmonden, deren Oeffnung gegen
das Feld zu gerichtet ist und über deren Enden je
drei Reliefpunkte in Dreieckstellung schweben; in
gleicher Weise begleitet den Rahmen, welcher neben
dem Kamme aufsteigt, eine Reihe von Reliefkreisen
mit Reliefpunkt darin. Die beiden so eingerahm
ten Felder sind mit je zwei Reihen von gefassten
Glassteinen geziert. Die farbige Tafel gewährt einen
guten Anblick der acht Steine, die auf der rechten
Seite sassen; die Zahl, Form und Stellung der Steine
war auf der entgegengesetzten Seite dieselbe. Zu
ovaler Glasstcin, welcher einen dreischichtigen Onyx
nachahmt, darauf folgt in der wagrechten Reihe eine
grüne, halb durchscheinende viereckige Glastafel, in
der Mitte der Reihe sass ein ovaler Stein, der an
beiden Seiten fehlt, der vierte in der Reihe war
eine viereckige grüne Tafel und die Reihe schloss
eine kleine blaue Glasscheibe, welche auf der linken
Seite ausgefallen ist.
Die oberen Glassteine sind in gekrümmte Linien
gestellt; an den beiden äussersten Enden sitzen
Fig. 4. Der pannonische Helm, von rückwärts gesehen.
jederseits je zwei grüne viereckige Tafeln, daneben
nach innen und in tieferer Stellung je zwei Onyx
imitationen von ovaler Form — alle acht Stücke
sind erhalten.
Die Einfassungen sind an den viereckigen Steinen
stufenartig, an den rundlichen Steinen einfach dar
auf gebogen; die Einfassungsbleche selbst sind stets
mit einer Reihe von erhöhten Punkten verziert.
Der mässig erhöhte Kammstreifen war mit einem
separaten Band aus dünnem Silberblech belegt,
welches man mit Stiftchen darauf befestigte; an vier
Stellen sind diese Stiftchen mit rundem Köpfchen
noch an ihrer ursprünglichen Stelle erhalten. Die
Silberkruste selbst ist zufolge der Rostbildung, welche
194
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
sie gehoben hatte, zum grossen Teile abgefallen
II. Band.
stens das Deckblatt noch an der ursprünglichen
und nur an den beiden Enden, vorn und rückwärts,
sowie auf der Höhe verblieben davon noch Ueber
reste. Fig. 5 zeigt einen Ausschnitt der Rückseite.
Hier sieht man, dass den Bandstreifen eine gekerbte
Leiste einrahmte, und je eine Reihe kleiner Kreise
Fig. 5. Ausschnitt von der Rückseite des pannonischen
Helmes.
begleitet den Rahmen von aussen, während inner
halb desselben je eine Reihe von Kreisen mit
mittlerem Punkte sich hinzieht. Zu unterst zierte
an beiden Enden je ein viereckiger grüner Glas
stein den Streifen. Neben dem Steine sass jeder
seits eine Silberschnalle mit nach aufwärts gerichtetem
Rahmen. Diese Schnallen, sowie die zwei Schnallen,
die beiderseits in der Mitte der
oberen Schmucksteine sitzen,
dienten dazu, um auf dem Helm
scheitel den Helmbusch mittelst
Spannriemen festzuhalten. Von
den beiden Riemen wurde der
längere von den beiden Schnallen
Fig. 6a. Glasstein von der
rechten Seite des pannonischen
Helmes.
Stelle erhalten.
Der untere Teil des Helmes ist bei weitem
nicht in so gutem Zustande, als der obere; doch
lässt sich trotzdem die Raumgliederung auch hier
noch gut erkennen. Es liefen zwei Bänder ober
'
Fig. 6. Ausschnitt von der rechten Seite
des pannonischen Helmes.
dem Rande herum, welche von einander durch einen
leeren Raum getrennt sind; das obere Band ist breiter
(2,4 cm), das untere schmäler (1,6 cm); beide Bän
der sind mit gekerbtem Leistenrande eingesäumt.
Am besten ist die Randverzierung auf der linken
Seite in der Nähe der Frontöffnung erhalten; dieses
Stück zeigt Fig. 7 in der Krümmung und verkleinert,
Fig. 7. Ausschnitt von der linken Seite des pannonischen Helmes.
vorn und rückwärts, der kürzere von den beiden
seitlichen Schnallen festgehalten; die rückwärtige
Schnalle ist noch zur Hälfte erhalten, das Deck
blatt ist mittelst dreier Stifte auf die Unterlage
befestigt (Fig. 5), von den seitlichen Schnallen
ist die rechtsseitige (Fig. 6) beinahe noch voll
ständig, von der linksseitigen (Fig. 2) ist wenig
Fig. 8 hingegen in natürlicher Grösse, jedoch mit
ausgestreckter Oberfläche. Den Rahmen des oberen
Streifenfeldcs begleitet an der Innenseite, oben und
unten je eine Punktreihe, verziert war derselbe mit
frei aus der Fläche hervorstehenden Reliefen, mit
kleinen eingerahmten Reliefbildern, sowie mit vier
eckigen und rundlichen Glassteinen, -von welchen
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
noch drei erhalten sind. Fig. 8 gewährt einen
195
gekerbte Leiste in ein oberes schmäleres und ein
klaren- Ueberblick der erhaltenen Verzierungen.
Links beginnt im schmalen Raume ober der linken
Augenbrauenrundung ein oblonges Reliefbildchen
in gekerbtem Leistenrahmen, welches eine nach
links eilende Victoria darstellt; in der erhobenen
Rechten hält sie den Kranz, während die Linke den
Palmenzweig fasst. Der Rahmen ist an der linken
Seite von einem Dreieck flankiert, welches aus
Reliefpunkten besteht; offenbar sollte daselbst das
dreieckige Feld einigermassen belebt werden.
Daneben steht ein viereckiger Glasstein und etwa
14 cm weiter folgte wieder ein Glasstein, dieses Mal von
ovaler Form; rechts und links von demselben sah man
das Relief je eines dem Steine zugekehrten schreiten
den Löwen, der Löwe links ist ziemlich gut erhalten,
doch von dem rechtsseitigen ist nur ein Stück der
einen hinteren Pfote und die Schweifspitze geblieben.
Neben der Einfassung des Steines wiederholte sich
beiderseits das punktierte Dreieck. Wieder auf 14 cm
Distanz folgte eine Onyximitation in Scheibenform,
mit gekerbter Einfassung. Daneben stehen drei
oblonge, eingerahmte Reliefbildchen von ungleicher
Grösse. Von dem ersten ist nur mehr ein Teil des
Rahmens zu sehen. Das zweite stellt eine schreitende
Victoria, dieses Mal von vorn gesehen, dar, sie hält
beide Hände empor, in der rechten ist ein Kranz;
es bleibt unentschieden, ob auch die linke einen
Kranz hielt. In einem kleineren Rahmen sitzt Jupiter
nach links, in der ausgestreckten Rechten hält er
vermutlich die Weltkugel, mit der emporgerichteten
Linken fasst er das auf dem Boden stehende Szep
ter. Hier ist der obere Streifen abgebrochen. Auf
der linken Seite des Helmes haben sich in dem
selben Streifen, dem Augenausschnitt zunächst und
in der rückwärtigen Halsgegend je ein Bildchen er
halten (Fig. 8 a und b). Das eine (a) stellt eine nach
rechts schreitende Victoria dar und dieses Bild ent
sprach dem schon beschriebenen auf der entgegen
gesetzten Seite; rückwärts steht in freiem Felde eine
doppelhenkelige Vase (b), deren Fuss fehlt.
Der untere Streifen wird durch eine mittlere
unteres etwas breiteres Feld geteilt. Das obere
ziert eine Reihe von quergestellten Reliefkreuzchcn.
Sehr zu bedauern ist die schlechte Erhaltung des
unteren Feldes, weil daselbst eine Inschrift in Re
lief stand, von der jetzt nur mehr zwei Buchstaben
zu erkennen sind. Im ganzen mögen auf dieser
Seite (Fig. 8), soweit die Kontinuität des Silber
streifens reicht, 14—15 Buchstaben solcher Grösse
gestanden haben, wie die vorhandenen, vorausgesetzt,
dass die Buchstaben in gleichen Abständen auf ein
ander folgten. Bei dieser Annahme war R, einer
der vorhandenen Buchstaben, der sechste in dfer
Reihe von der Augenöffnung gerechnet, während
das ebenfalls noch leserliche M, etwa der drei
zehnte Buchstabe derselben Reihe war. Beide sind
römische Kapitälbuchstaben von guter Form.
Der untere Randstreifen lief wagerecht um den
Helmesrand herum und wurde jederseits nur in den
beiden Schläfengegenden unterbrochen; daselbst er
hob sich der Rand jederseits mit aufsteigender
Krümmung bis zur Nasenwurzel und entsendete von
da aus aller Wahrscheinlichkeit nach zum Schutz
des Nasenrückens ein schmales Blatt, welches eben
sowenig vorhanden ist, wie der grössere Teil des
Augenrandes. Längs des noch vorhandenen Randes
ziehen zwei parallele Streifen empor, welche mit ge
kerbten Leisten eingerahmt sind und im Felde je
einer Reihe von Reliefpunkten Raum gewähren.
Den Helm ergänzten beiderseits Backenklappen.
Ein grosses Stück der rechten Backenklappe ist er
halten. Als man den Helm fand, war dasselbe an
die innere Seite des Helmes angerostet gewesen,
doch könnte man ein grösseres Stück davon mit
grosser Mühe lostrennen. Die zwei Fragmente zeigt
unsere Fig. 1 beiläufig in der Stellung, die sie ur
sprünglich einnahmen; nur müssen wir uns an den
oberen Rand derselben Charniere oder Riemen und
Schnallen hinzudenken, welche die Klappe an dem
Helmrand festhielten, so dass der Klappenrand dem
Helmrande näher stand, als die Lage der Abbildung
zeigt. Während der obere Rand und teilweise auch
196
Zeitschrift für historische Waffenkande.
die Seitenränder die einstige Form der Klappe
II. Band.
in der Mitte der Oberfläche (Fig. 1); es ist wieder
deutlich zeigten, kann man von dem unteren Ende
nur mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen, dass
dieselbe gegen das Kinn hin schmäler wurde; da
Fig. 9. Abschnitt von der Fig. 10. Eckstück von der
rechten Backenklappe. rechten Backenklappe.
selbst näherten sich die beiden Klappenenden ein
ander und wurden offenbar durch einen Riemen und
eine Schnalle oder in anderer Weise so fest mit ein
ander verbunden, dass sich beide Klappen, welche
man sich mit Leder unterlegt zu denken hat, an
das Antlitz anschmiegten. Ebenso pflegte man die
innere Fläche des Helmes mit Leder zu füttern.
Auch von der zweiten Klappe hat sich ein ziem
lich grosses Stück erhalten (Fig. 2); es hatte sich
unter die Helmwand geschoben ünd der Rost mit
Kiessand und Kieselsteinen hat die Klappe mit der
Wand zu einem schier untrennbaren Konglomerat
verbunden, in welchem vermutlich auch noch andere
Fragmente, von der Kiesschichte bedeckt, sitzen
mögen.
Beide Klappen sind aus starkem Eisenblech
und an der Aussenseite mit vergoldetem dünnen
Fig. 11. Die Breitseite des Helmes vom Pferrsee
im Germanischen Mnseum (Nürnberg).
Silberüberzug bedeckt. Sowohl die Reliefornamente
am Rande, als auch die Glassteine sind in Ueber
einstimmung mit der Zier am Plelme. Fig. 9
und 10, zeigen die beiden Ecken der besser er
haltenen Klappe; der grösste Glasstein sitzt beiläufig
die Nachahmung eines Onyx von drei Schichten,
ausserdem ziert den schmalen Winkel eine grüne
Glastafel, und in dem rechten Winkel sitzt eine
kleine Glasscheibe mit drei Lagen und in der näm
lichen Fassung, wie die gleichen Steine am Helme.
In seinem ursprünglichen Zustande machte der
von Gold und farbigen Glassteinen erglänzende Helm
mit dem wallenden Federbusch auf dem Haupte
eines Kriegers gewiss einen prächtigen Eindruck.
Der jetzige Zustand giebt davon nur einen annähern
den Begriff; denn das Gold ist verblasst, der Rost
hat an vielen Stellen die vergoldete Silberkruste
zerstört, die bunten Gläser sind zum grossen Teile
blind geworden, und von den vielen zarten Reliefs,
welche als Fries den Helmrand zierten, sind viele
ruiniert oder mit dem eisernen Untergründe zusammen
verschwunden.
Fig. 12. Die Schmalseite des Helmes vom Pferrsee
im Germanischen Museum (Nürnberg).
Doch legen die noch vorhandenen genügendes
Zeugnis ab dafür, was auch die noch vorhandenen
lateinischen Buchstaben bekräftigen, dass wir es hier
mit einem Helme römischer Zeit zu thun haben,
welcher für die Zeitstellung ähnlicher, anderwärts
vorhandener Helme massgebend ist.
II. Zwei ähnliche Helme wurden einige Jahre
vor dem Auftauchen des Budapester Helmes im
Pferrsee bei Augsburg auf einstigem römischen
Grenzgebiete im Jahre 1896 gefunden. Wir be
sitzen durch die Güte der Firma J. Rosenbaum in
Frankfurt a. M. Photographien der Plelme, welche
zuerst in den Besitz dieser bekannten Firma ge
langten. Nach diesen Aufnahmen wurden die Kontur
zeichnungen, Fig. 11—14, welche wir hier beifügen,
hergestellt. Dieselben geben einen annähernden
Begriff von dem besser erhaltenen Exemplar, das
zur Zeit eine Zierde des Nürnberger Germanischen
Museums ist.
Fig. 11 zeigt die eine Längsseite, Fig. 12 die
eine Schmalseite; Fig. 13 die eine Backenklappe
und Fig. 14 das Fragment, welches vom Nasen
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
dcckel erhalten ist. Ohne der Monographie vorzu
197
Als vierten Helm in der Reihe erwähnen wir
greifen, welche das Germanische Museum über den
interessanten Helm vorbereitet, wollen wir nur auf
Fig. 13. Backenklappe
des Helmes vom Pferrsee.
Fig. 14. Nasenlappen
des Helmes v. Pferrsee.
einige Charakterzüge hinweisen, wodurch sich diese
Helme an den Budapester Helm auf das Innigste
anschliessen. Vor allem sind die Helme aus dem
Pferrsee vqn Eisen
und mit Silber über
zogen , wenn auch
dieses Mal die Ver
goldung fehlt; auch
fehlen Glassteine und
f
igurale Verzierungen,
doch auch hier ist die
Silberkruste mitRelief
ornamenten geziert.
Ausser der Technik
stimmt die Form und
Ausrüstung überein;
nur ist die Wölbung
dieses Mal etwas
f
lacher, dagegen der
Kamm etwas kräftiger
und schmäler. Soweit
nach den Photogra
phien zu urteilen ist,
fehlt an dem Kamme
jede Vorrichtung, um
festigen.
einen Busch darauf zu be
Die Ornamentik ist wohl einfacher, doch ist
die Verteilung der Ornamentstreifen neben dem
Kamme, sowie an dem unteren Saume die gleiche.
Die gekerbten Leisten, sowie die Reliefkreise mit
centralen Reliefpunkten kehren wieder; andere Zier
motive fehlen wohl, doch tritt ein neues Motiv hin
zu, die gereihte S form in stehender Stellung und
dieselbe Form auf der Klappe (Fig. 13) in liegen
der Stellung. Endlich stimmt an allen dreien die
Verwendung von Stiftchen überein, deren halbkugel
förmige Köpfchen als Ziermotive mit verwendet
wurden.
Wie man sieht, ist alles an den Helmen von Pferr
see einfacher, aber in der Hauptsache sind alle drei
Stücke als eng verwandte Analogien zu betrachten.
einen interessanten Helm in der Eremitage in St.
Petersburg, dessen Abbildung bereits seit dem Jahre
1859 bekannt ist und welche wir hier (Fig. 15) nach
den Antiquites du Bosphore cimmericn (XXVIII.Tafel)
wiederholen.
Der Abbildung ist eine ziemlich genaue Be
schreibung beigeschlossen und es lohnt sich, dieselbe
hier einzuschalten, da das zitierte Werk nicht über
all zugänglich ist.
PI. XXVIII. Armes 5. Larg. o ™ 258. Casque en fer
avec ornements en argent. Ce casque est indique en
termes vagues par Dubrux parmi les objets decouverts
ä Koul Oba (p. XXI). Sa forme tout ä fait insolite dans
l’antiquitd, ne se retrouve guerc que dans certains cas
ques du moyen äge; il peut donc y avoir erreur sur la
provenanc.e. La callotte est formee de six cötes (quatre
grandes et deux petites) en fer plaque d'argent, avec
ornements graves et dores. Ces cötes sont reunies par
des clous d’argent rives. La piece qui forme la crete
se compose de deux feuilles d'argent avec ornements
dores, recouverts sur la legue de jonction d’une bande
d’argent formant ourlet, maintenue par des pattes rivees
de chaque cöte de la
crete. Le bord in
ferieur formant la
pourtour de l’ouver
ture du casque est en
argent avec ornements
repousses et dores; il
est fragmente sur le
devant de maniere
qu’au ne peut deter
miner, si un gardevue
y etait adapte.
S. Reinach liess
in seiner bekannten
Bibliotheque des mo
numents figures grecs
et romains diese Be
schreibung unverän
dert Abdrucken und
schloss nur eine Be
rufung auf S. 14 von
Benndorfs Antike Ge
sichtshelme bei.
Auf der erwähnten Tafel XXVIII ist unter b
die Backenklappe eines Helmes abgebildet, deren
Abbildung wir hier
gleichfalls wiederholen
(Fig. 16). Es scheint
wünschenswert, auch
die Beschreibung und
alles, was die Autoren
des erwähnten Wer
kes über diese Backen
klappe sagen, hier
wortgetreu ebenfalls
wiederzugeben.
PI. XXVIII. b. Cette
piece a sa correspon
dante moins bien con
servee. Toutes les deux
sont en argent, Sans
Fig. 16. Wangenklappe des
Helmes in der Eremitage in
St. Petersburg.
26*
198
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
addition de fer; il semble qu’elles formaient des gardes
II. Band
derjenigen des Budapester Helmes sehr nahe kommt.
joue tres developpes, car on distingue du cante droit
du bord du casque les restes de la charniere en fer,
ä clous en argent rives, ä laquelle devaient etre sus
prenant les gardes-jou; on reconnait au bord superieur
de la piece la place de la charniere et un petit frag
ment de son attache; il existe en outre, des deux cötes
de la partie posterieure du bord du casque des restes
oxydes de boucles en fer qui devaient etre articulees
(cf. Musee de Tsarkoe Selo pl.LXXXIII. 1. Casque oriental).
Des fragments en argent, ayant evidemment appartenu
au meme objet et d’autres fragments en tres petit nombre,
dont une boucle en argent munie de son ardillon ayant
probablement servi ä attacher une courroie, font supposer
qu'ä ce casque etait jointe quelque autre piece d’armure
Dubois, dans sa relation de l’exploration de Koul-Oba
(A. V. p. 2x4) parle du corps du serviteur du roi et de
ses armes en argent deposees avec les ossements de
cheval dans l’enfoncement du caveau. On ne sait oü il
a puise ces renseignements.
Ohne weiter auf jene Teile des zitierten Textes
einzugehen, welche sich mit dem Ursprung der bei
den abgebildeten Stücke und der übrigen noch er
wähnten kleineren Fragmente befassen, genügt es
für unsere Zwecke, zu konstatieren, dass alle er
wähnten Teile zu einem und demselben Helme ge
hören. Für die abgebildeten Stücke bezeugt dies
die Aehnlichkeit des Materials, der Technik und der
Ornamente, und was die kleineren Fragmente be
trifft, so ist das Vorhandensein des Nasenbleches
und von Riemenschnallen durch die vorhergehenden
Analogien bezeugt. Was die Form des südrussi
schen Helmes betrifft, so ist dieselbe mehr kegel
förmig, als es die Helme von Budapest oder vom
Pferrsee sind, auch in der Gliederung der Oberfläche
ist ein Unterschied wahrnehmbar, doch sind dieses
verhältnismässig geringfügige Abweichungen, und
Stoff, Technik, sowie die Ornamentik lassen wieder
keinen Zweifel aufsteigen über den engsten stilisti
schen Zusammenhang des Bosporaner Helmes mit
den schon erwähnten drei anderen Helmen. Wegen
der Einfachheit der Ornamentik schliesst sich der
selbe näher den Helmen vom Pferrsee an, doch tritt
hier als neues Motiv die doppelte einander querende
Zickzacklinie auf; andererseits ist der Helm gleich
wie dasBudapesterExemplar vergoldet, und darin über
trifft derselbe die einfacherenSilberhelme vom Pferrsee.
Noch einen fünften Helm kennen wir, welcher
der angeführten Reihe anzuschliessen ist: auch einer
der beiden Helme von Thorsbjerg im Kieler Museum
gehört hierher. Es ist zwar auch jetzt noch Sitte,
die beiden wohlbekannten Helme in der unnatür
lichen Verbindung zur Darstellung zu bringen, in
welche sie seiner Zeit der Restaurateur gebracht,
auch in der nordischen Altertumskunde (Bd. II 1. H.)
von S. Müller ist die Gesichtsmaske eines römischen
Helmes noch mit dem Stücke verbunden, welches
Müller «Nackenstück» nennt; doch kann wohl kein
Zweifel mehr darüber bestehen, dass dieses «Nacken
stück» selbst ein Helm für sich ist,1) dessen Form
') Vgl. Benndorf, «Antike Gesichtshelme», Wien 1878,
XV. Taf. 3, a—b, die auf den Helm bezügliche frühere Litte
Allerdings ist zwischen den beiden Helmen ein
wesentlicher Unterschied vorhanden. Dem Thors
bjerger Stücke fehlt die Leder- oder Fellmütze,
über welcher das Netz silberner Bänder gespannt
war, das erhalten blieb. Von diesen Bändern oder
Spangen zieht eine die Scheitellinie entlang und
eine andere sitzt quer über der kürzeren Achse;
andere Bänder beugen sich schräg über die
Zwischenräume und ergeben zusammen eine ovale
Gesamtform. Die Enden sämtlicher Bänder stehen
auf dem wagerecht zu denkenden, diademartigen
Reifen, welcher den unteren Helmrand vertritt. So
wohl der untere Reif, als sämtliche Spangen sind
mit Reliefornamenten verziert und vergoldet. Die
Ornamente auf den Bändern sind kugelsegmentartige
Erhöhungen, und auf dem unteren Reif, welchen fünf
parallel laufende gekerbte Leisten in vier Zonen
teilten, gleichen die aneinander gereihten Motive dem
fallenden Tropfen.
Aehnlichkeit der Form, Technik und der Orna
mente bilden auch im vorliegenden Falle die sichere
Grundlage, auf welche gestützt auch dieser Helm
den früher genannten angeschlossen werden muss.
Auf der Suche nach Analogien zu dem der
pannonischen Donau entstiegenen Helm geben wir
uns vor der Hand damit zufrieden, im ganzen eine
Serie fünf ähnlicher Stücke zusammengestellt zu
haben; einige Andeutungen in der Litteratur lassen
hoffen, dass damit die Anzahl der Analogien noch
nicht erschöpft ist; nur sind die Abbildungen oder
Beschreibungen hier übergangener Stücke nicht ge
nügend, um als Basis zu einer sicheren Vergleichung
dienen zu können.
III. Für die chronologische Feststellung bietet
die beschriebene Serie im allgemeinen genügende
Anhaltspunkte. Für den Thorsbjerger Helm hatte
man seit langem ein gesichertes Datum, welches
man demselben auf Grund der begleitenden Alter
tümer zuschrieb; dieselben deuteten auf das IV. bis
V. Jahrhundert p. Chr.
Von dem Bosporaner Helm wusste man zwar
nicht genau, ob derselbe denselben Jahrhunderten
angehöre, wie die Grabstätte von Koul-Oba, doch
nahm man an, dass der Helm aus dem Altertum
stamme, wenngleich derselbe in der Form nicht mit
den gleichzeitigen antiken Helmen übereinstimmt.
Ganz und gar ohne Orientierung war man bezüglich
der Helme vom Pferrsee, solange man nur diese
allein und für sich betrachtete; denn weder boten
sie selbst, noch irgend welche sie begleitende
Fundstücke eine Handhabe zu ihrer Datierung. So
sehr war man im Unklaren über ihre wirkliche Ent
stehungszeit, dass sie beispielsweise dem ungarischen
Nationalmuseum als «Helme der ungarischen Heiden
zeit» angeboten wurden, weil man annahm, dass
ratur ebendort, S. 12, ferner Müller, «Ordning af Danmarks
oidsager II. Jernalderen», Taf. XXIII, N. 344. Allerdings ist
es ein Miniaturhelm.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
dieselben ungarischen Kämpfern angehörten, welche
199
Pflanzenornamente, ferner geometrische Muster her
im Jahre 955 in der bekannten Schlacht auf dem
Lechfelde gefallen waren. Mit dem Erscheinen des
jüngst gefundenen pannonischen Helmes wich jeder
Zweifel. Die römische Inschrift, die Victorien und
die sitzende Jupitergestalt, sowie auch die Edelstein
imitationen zeigen deutlich, dass dieser, sowie die
verwandten Elelme Produkte der römischen Kaiserzeit
sind. Wie sich jedoch die einzelnen Glieder der Reihe
in zeitlicher Folge zu einander verhalten, darüber ist
wohl noch kein abschliessendes Urteil möglich.
Zwischen dem pannonischen Helme und dem
Thorsbjerger dürfte wohl der Zeitraum wenigstens
eines Jahrhunderts liegen; denn, wenn wir für die
Datierung den Stil und die Ausführung der kleinen
f
iguralen Reliefs benützen' und dabei die Münzfolge
der römischen Imperatoren zum Vergleiche heran
ziehen, deren Reversbilder denkleinen Reliefs als Vor
bilder gedient haben mögen, so müssen wir über das
IV. Jahrhundert hinauf gehen, während man für den
Thorsbjerger Helm das IV. oder V. Jahrhundert als
Entstehungszeit angenommen hat. Vermutlich stehen
die Pferrseer Helme zwischen diesen beiden Alters
grenzen; doch lässt sich darüber ebenso wenig bereits
etwas Sicheres sagen, als über die nähere Alters
bestimmung des Bosporaner Helmes. Dieser hat
ausserdem die Eigentümlichkeit, dass er mit seiner
beinahe spitz aufsteigenden Form den Uebergang zu
der Gruppe konischer Helme »bildet, welche man
mit dem Namen «sarmatische Helme» bezeichnete,
besonders deshalb, weil auf der Trajanussäule die
Sarmaten konische Helme tragen; doch tragen auf
der Marcussäule manchmal auch andere barbarische
Hülfsvölker solche Helme und vielleicht bezieht der
Künstler, welcher die Trophäen an der Basis der
Trajanussäule darstellte, diese konischen Helme nicht
nur auf die Sarmaten. Benndorf1) weist in den
Fresken aus Gräbern der krimschen Halbinsel Reiter
mit konischen Helmen nach; doch zeigt Benndorf
zugleich, dass der Gebrauch konischer Helme auch
durch Vasenbilder aus vorchristlicher Zeit zu be
legen ist. Andererseits reicht die Form im Westen
bis in das Mittelalter hinein, da auch die Nor
mannen, welche im X. Jahrhundert England erober
ten, spitz zulaufende konische Eisenhelme trugen.
Unlängst hat in dieser Zeitschrift Lenz einen
interessanten konischen Helm zur Darstellung ge
bracht,2) welcher bis dahin nur durch eine un
vollkommenere Abbildung bei Lindenschmit be
kannt war. Derselbe scheint dem frühen Mittel
alter anzugehören und wir heben denselben deshalb
hervor, weil die Ornamente darauf und auch die
Technik daran lebhaft an unseren pannonischen
Helm erinnern. Der untere wagerechte Umkreis ist
nämlich mit vergoldetem Silberblech belegt und
darauf sind menschliche Formen, Tiere, sowie
*) Benndorf, «Antike Gesichtshelme», Wien 1878, 14 S.
2) «Zeitschrift für hist. Waffenkunde», If. Bd. 103 —108.
ausgetrieben. Es erscheinen unter anderem zwei
einander entgegengesteilte Löwengestalten, die trotz
ihrer mehr barbarischen Ausführung den beiden
Löwen an dem Budapester Helme (vgl. Fig. 8)
nahe stehen, und schon diese Verwandtschaft ver
rät uns die Nachwirkung klassischer Motive, ob
gleich den Petersburger Helm gewiss bereits mehrere
Jahrhunderte von dem Ausgange des Altertums
trennen.
Nur nebenbei sei bemerkt, dass die konische
Helmform im Osten auf uralte Zeiten zurückgeht
und bei mittelasiatischen Völkern bis in die neuere
Zeit typisch geblieben ist.
Alle diese Bemerkungen sollen nur dazu dienen,
anzudeuten, dass der bosporanische Helm wohl
innerhalb der hier besprochenen Serie seine Stelle
f
indet, doch vermöge seiner mehr konischen Form
als Verbindungsglied zu einem weit verbreiteten
Helmtypus betrachtet werden kann, dessen mono
graphische Behandlung noch aussteht.1)
IV. Zu der geschlossenen Reihe von Helmen
zurückkehrend, welche wir hier speziell im Auge
haben, möchten wir nunmehr auf den Umstand Ge
wicht legen, dass sie alle an der äussersten europäi
schen Peripherie des römischen Reiches zu tage
traten, oder, wie der dänische und südrussische,
ausserhalb des Imperiums gefunden wurden. Ferner
ist zu betonen, dass bis jetzt in den Centralgegen
den des römischen Reiches Helme dieser Art weder
in Originalen Vorkommen, noch in Darstellungen
antiker Helme, die wir in reichlicher Anzahl kennen,
erscheinen.2)
Man kann deshalb mit Recht annehmen, dass
der Typus kein streng klassischer ist; wenngleich
ohne Zweifel Reminiszenzen an griechische und römi
sche Helme zu erkennen sind. Von den römischen
Formen trennt sie zunächst das Blech zum
Schutze der Na*se, auch finden wir an römischen
Helmen der Kaiserzeit nicht die Superciliarbögen
an der Vorderseite angedeutet. Beide Eigentüm
lichkeiten erinnern vielmehr an griechische Vorlagen,
besonders des korinthischen und demselben ver
wandter Typen. Andererseits weichen sie aber von
der griechischen Form darin ab, dass die Backen
klappen mit der Helmwand nicht aus einem Stücke
angefertigt sind, sondern wie an römischen Helmen
aus separaten Stücken gearbeitet und mittelst Char
nieren oder Riemen lose an den Rand des Helmes
angefügt wurden. Wenn diese Erscheinungen nicht
Zufälle sind, so wird man sie wohl am besten so
*) Vgl. darüber Lenz, «Zeitschr. f. hist. Waffenkunde» II,
S. 105, 3. Anmerkung.-) Eine gute Uebersicht über antike Helmformen giebt
S. Reinach in Daremberg et Saglio’s Dictionnaire des Anti
quites etc. 1895 unter «Galea»; doch ist die daselbst ge
gebene Uebersicht noch weit davon, vollständig zu sein, so
blieben z. B. die interessante Reihe von Helmdarstellungen
an Reliefs im Turiner Museum unerwähnt. Lipperheide’s Band
über antike Helme war mir leider noch nicht zugänglich.
200
Zeitschrift für historische Waffenfcunde.
erklären können, dass der Typus zuerst unter grie
II. Band.
nicht mehr klassisch, doch auch nicht ganz barba
chischem, später unter römischem Einflüsse stand;
dass aber die Grundform selbst eine barbarische
war. Diese Annahme wird jedoch erst dann als
sichergestellt zu betrachten sein, wenn es gelungen
ist, die Grundform in dem Verbreitungsgebiet des
Latenestiles, eventuell noch weiter hinauf, bis zu
den Zeiten des Hallstattstiles zu verfolgen. Es ist
hier nicht der Ort, das Material, welches eine solche
Untersuchung erfordert, aus allen Ecken und Enden
zusammenzutrag'en. Wir müssen uns damit be
gnügen, das «Barbarische» an den
Helmen unserer Serie in betreff der
Technik und einiger Ornamente kurz
anzudeuten.
Im allgemeinen ist es ja bereits
wohlbekannt, dass die Treib- und
Punziertechnik zu den charakteristi
schen, sehr hoch entwickelten und
sehr beliebten Metallbetrieben der
vorrömischen Metallzeit in Mittel
europa gehören. Die barbarischen
Metallarbeiter der Spät-Latenezeit
hatten es speziell in der Inkrustation
von Eisen mit feinem Bronzeblech,
oder von Eisen und Bronze mit Blech
aus Edelmetall zu hoher Fertigkeit
gebracht. Barbarische Arbeiten sol
cher Art sind in den Museen Mittel
und Nord
europas noch
ziemlich
reichlich vor
handen und
sie mehren
sich, je näher
wir der römi
schen Kaiser
zeit kommen,
was wohl dar
auf schliessen
lässt, dass der
Export von
römischer
Fig. 17.
risch genannt werden kann. Am stärksten erhält
sich Barbarisches in geometrischen Motiven, welche
in langen Reihen die Helme zieren; der Kreis mit
dem Punkte darin (Fig. 5, 11 und 12) ist seit ur
vordenklichen Zeiten ein beliebtes Motiv bei den
Barbarefi. Von den Kreuzein und Halbmonden
(Fig. 5 —10) kann behauptet werden, dass es keine
in der klassischen Kunst ausschliesslich benützten
Formen sind, dasselbe gilt von den einander queren
den Zickzacklinien (Fig. 15 und 16). Für das Ur
alte, noch aus der Hallstattzeit stam
mende Motiv der aneinander ge
reihten S-Formcn (Fig. 11 —13) hat
erst unlängst wieder das Grabfcld
von Idria ein Beispiel geliefert,1) und
das Motiv des fallenden Tropfens auf
dem Thorsbjerger Helme ist auch
eine beliebte Form der barbarischen
Kunst.
Wie wir sehen, treten auf unse
rem pannonischen Helme klassische
Einwirkungen am entschiedensten
auf. Der untere Streifen mit figuralen
Darstellungen bringt rein römische
Typen zur Geltung; doch verrät sich
in der Art der Aufreihung dieser
Friesbilder und auch in der ver
schiedenen Grösse derselben etwas
weniger ge
bildeter Ge
schmack; •
ferner verrät
es barbari
schen Ge
schmack, die
Oberfläche
der Helm
haube sowie
der Backen
klappen mit
Glassteinen
zu zieren. Wir
Umbo von Herpäly (Ungarn) im ungarischen National-Museum.
Metallware in
barbarisches Gebiet, die schon seit Jahrhunderten vor
kennen nur
einen römi
schen Helm, einen eisernen Helm von Idria, an dem
handeneWerkthätigkeit der Barbaren nicht untergrub,
sondern vielmehr stimulierte. Ueberall in Europa, wo
Römer sich niederliessen, fanden sie diese lokalen
Fertigkeiten vor. Damit sei nicht gesagt, dass die
Barbaren von den römischen Handwerkern nichts zu
lernen hatten. Die Barbaren befreundeten sich, wie
es die Monumente bezeugen, mit klassischem Ge
schmack, sie lernten, tektonische Gliederung, Formen,
und übernahmen auch Figurales, manche Tier- und
Pflanzenornamente in die Reihe ihrer von Alters her
gewohnten Ornamente auf und es entstand in der
Epoche der römischen Kaiserzeit in den Provinzen
und ausserhalb derselben ein Mischstil, welcher
etwas Aehnliches vorkommt.2) An demselben sassen
nämlich auf beiden Backenklappen je drei rote ge
wölbte Scheiben von rotem «Blutemaii», das man
zur Zeit des Latenestiles in allen von Kelten be
wohnten Gegenden liebte.
Werke des römisch-barbarischen Mischstilcs,
speziell Arbeiten von Bronze oder Eisen mit Silber
inkrustation und gepunzten oder getriebenen Orna
menten darauf, mit oder ohne Vergoldung sind im
’) J. Szombathy, Das Grabield von Idria, Mittig, der
prähist. Kom. der k. k. Akad. d. Wiss., Wien 1907, S. 296,
Fig. 12.
2) Szombathy, 1. c. S. 338, Fig. 179.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Westen und Nordwesten Europas, sowie gegen Osten
201
Grenzländern während der späteren Jahrhunderte
hin bis zum Schwarzen Meere aus der römischen
Kaiserzeit ziemlich häufig. Hier möge es genügen,
auf zwei interessante ungarische Funde des III. bis
IV. Jahrhunderts hinzuweisen, welche auf barbari
schem Gebiete gefunden und seit langem bekannt
sind; wir meinen den Schildbuckel von Herpaly,
und den zweiten Grabfund von Osztropataka; letzte
rer ist durch eine Münze der Herennia Etruscilla
(III. Jahrhundert) genauer datiert.1)
Da der Schildbuckel von Herpaly zu den besten
Beispielen des barbarisch-römischen Mischstiles zu
zählen ist und da derselbe auch zu kriegerischer Aus
rüstung gehörte, scheint es wohl motiviert, dessen
Abbildung in dieser Zeitschrift zu wiederholen (Fig. 17).
Sowohl die Grillusfiguren, als die Tiergestalten daran
sind antiken Vorbildern entnommen; doch in den
einfachen Saumverzierungen kommen, wie an den
Helmen unserer Serie, unklassische Motive zur Ver
wendung und es ist interessant, zu beobachten, dass
auch hier das schon an dem Thorsbjerger Helme
beobachtete Motiv des «fallenden Tropfens» sich
wiederholt.
Das Studium dieser Denkmäler trägt manches
bei zur Kenntnis des Geschmacks in den römischen
*) Zuletzt erschienen Beschreibung und Abbildungen
davon im Arch. Ert. 1894; XIV. Bd. S. 395—404 mit Text
von S. Reinach. Der Schildbuckel ist aus Bronze und mit
vergoldetem Silberblech überzogen.
des Reiches. Ganz speziell der pannonische Hehn,
gleichwie der Umbo aus dem Barbaricum sind zu
treffende Beispiele dafür, wie in den römischen
Waffenfabriken dieser Grenzländer gearbeitet wurde.
Barbarische Metallarbeiter sind gewiss auch von
Amts wegen hochgeschätzt worden und die Bezeich
nung «barbaricarii»/) welche in der Notitia dignita
tum von Metallarbeitern in staatlichen Waffenfabriken
gebraucht wird, hat sich thatsächlich auf Bar
baren bezogen, die sich in gewissen Zweigen der
Metalltechnik, speziell in der Inkrustation besonders
auszeichneten, und der Budapester Helm ist eine vor
treffliche Illustration zu dem oft zitierten Passus des
Codex theodosianus (X, 22, 1), welcher von dem
Verzieren der Helme mit Gold und Silber spricht.
Diese Spezialisten hiessen «barbaricarii sive argen
tarii», weil Sie die Waffen mit Silber belegten (ar
gento tegere). So hätte man auch für das oft
erwähnte «opus barbaricum» die entsprechende Er
klärung gefunden; es bezieht sich auf solche Erzeug
nisse, wie wir sie in dieser Arbeit behandelten, nicht
aber auf das Damaszieren, wie noch Marquardt annahm.
’) Vgl. die Zusammenstellungen und Erklärungen bei
Marquardt-Mau, Das Privatleben der Römer, II. Bd. 1886.
S. 541 u. ff., sowie S. 653. — Bllimner-Termin u. Techniologie
der Gr. u. Römer, 1887. IV. S. 319. — Zuletzt Seeek, «Bar
baricarii» in Pauly, Wissowa’s Realencycl. 1896, II. Bd.
S. 2856.
Studienmaterial zur Geschichte der Mittelalterwaffen.
Von Dr. R. Forrer- Strassburg.
ine bekannte Sache,
dass Kostüme und
Waffen sehr wichtige
Alterskennzeichen
zur Datierung alter
Pergamentminia
turen, Manuskripte,
Gemälde, Fresken
u. dergl. m. abgeben.
Ebenso bekannt ist
aber auch, dass eben
derlei Denkmäler,
seien sie aus Stein, Holz, Pergament oder Papier,
für die Waffenkunde selbst oft unschätzbar wichtig
sind, denn sie ergänzen die vielfach nur noch frag
mentarisch erhaltenen Originale — in manchen
Fällen sind wir sogar ganz auf jene bildlichen Dar
stellungen angewiesen, d. h. fehlen Originale gänz
lich und geben uns einzig und allein jene Denkmäler
Aufschluss über Form und Handhabung gewisser
Waffen. Was bleibt uns zum Beispiel an thatsäch
lich en Kenntnissen über die Form der karolingischen
Helme übrig, wenn wir von dem absehen, was wir
in dieser Plinsicht aus den alten Miniaturen lernen
können? Was wüssten wir, um eine näher gelegene
Zeit heranzuzieheo, über die Handhabung der ersten
Feuerwaffen und die Art und Weise ihrer Aufstellung
vor dem Feinde, wenn nicht alte Miniaturen und
Handzeichnungen uns zahlreiche Abbildungen ge
schäfteter Feuerrohre,- Darstellungen der Geschütz
schutzwände u. s. w. erhalten hätten. Ist nun der
Wert der alten Miniaturen etc. für die Waffenkunde
ein unbestrittener, so muss doch konstatiert werden,
dass immer noch nicht unter diesem Gesichtspunkte
an eine Sammlung solcher Dokumente gedacht
worden ist. Die Waffenwerke ziehen die Miniaturen
202
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
nur als Notbehelf heran, und wer sich mit ernsten
II. Band.
Dass, wie überall, so auch hier, kritische Aus
Waffenstudien beschäftigt, muss notgedrungen zu
einer Unzahl anderer Publikationen greifen, wenn
er ein grösseres Vergieichsmaterial aus ein- und
derselben Zeit haben will. Manches findet man in
Kostümgeschichtswerken, aber in diesen ist im all
gemeinen der Waffenkunde ein beschränkter Raum
zugewiesen und leider geben zahlreiche Kostüm
werke nicht die alten Kostümquellen im Faksimile,
sondern in modernisierter Ueberarbeitung, was zwar
oft recht schön aussieht, aber kritischen Studien
einen Riegel vorschiebt. So ist es bei vergleichenden
waffengeschichtlichen Studien nur in den seltensten
Fällen möglich, Waffenwerke und Kostümgeschichts
werke allein zur Hilfe zu ziehen — man muss noch
eine Unmenge anderer Publikationen durchblättern,
Werke, welche alte Grabdenkmale wiedergeben,
Bücher, welche mittelalterliche Miniaturen reprodu
zieren, Schriften, welche alte Siegel, Bracteaten, alte
Wappen u. s. w. veröffentlichen. Da scheint es mir
an der Zeit, dass die «Zeitschrift für historische
Waffenkunde» auch dem gerügten Mangel allmählich
abhilft, indem sie immer mehr zu einem Archiv
sich ausgestaltet, in welchem alle waffen
geschichtlich merkwürdigen oder lehrreichen
Bildwerke, seien sie in Stein, Holz oder Per
gament etc., genau faksimiliert wie'derge
geben werden. Prächtige Anfänge sind in dieser
Richtung ja bereits gemacht; ich erinnere nur an
die vielen so überaus instruktiven Faksimiles alter
Handzeichnungen in den wertvollen Aufsätzen unseres
Mitgliedes P. Sixl. Aber, was ich erstreben resp.
vorschlagen möchte, geht weiter: Dergleichen Mate
rial soll in dieser Zeitschrift gesammelt werden auch
wenn es gar nicht gerade den einen oder
den andern Aufsatz zu illustrieren bestimmt
ist. So soll es nicht dem Moment dienen, son
dern der zukünftigen Forschung die Wege
ebnen!
In diesem Sinne gebe ich von nun an eine
Folge von Beiträgen, welche Denkmäler der oben
angedeuteten Art veranschaulichen, teils bisher ganz
unbekannte, unedierte, teils auch solche, welche in
wenig bekannten und wenig verbreiteten Publi
kationen unter anderen Gesichtspunkten veröffent
licht worden sind, aber auch hier unser Interesse
beanspruchen. Vielleicht folgen Kollegen von der
Waffenkunde meinem Beispiel und stellen in ähnlich
gedrungener Behandlung (genaue Faksimilierung mit
kurzem Text, der die nötigsten Daten giebt) das
ihrerseits gesammelte Studienmaterial der Redaktion
dieser Zeitschrift zur Verfügung.1)
l) Die Schriftleitung braucht wohl kaum zu versichern,
wie sympathisch ihr der Vorschlag des Herrn Verfassers ist.
Möge der dankenswerteii Anregung eifrig Folge gegeben
werden! Gleichzeitig möchte sie darauf hinweisen, dass von
ihr — ob im Zusammenhang mit der Zeitschrift oder nicht,
lässt sich noch nicht sagen — ein Atlas des mittelalterlichen
Waffenwesens geplant ist, dessen Grundgedanke sich mit dem
berührt, was Herr Dr. Forrer hier ausftihrt.
wahl zu treffen ist, ist klar, denn ob Kupferstich,
ob Miniatur oder ein anderes Denkmal, stets muss
man sich die Frage vorlegen, wie weit die Dar
stellung auf der einstigen Wirklichkeit basirt und
wie weit eventuell der Autor dabei seiner Fantasie
die Zügel hat schiessen lassen. Jeder weiss, wie
Dürer und andere Künstler in dieser Hinsicht (vom
waffengeschichtlichen Standpunkte aus) «gesündigt»
haben, indem sie teils damals bestehende Waffen
formen fantastisch umbildeten, teils damals nicht mehr
in Uebung befindliche Waffentypen heranzogen
und gleichfalls fantastischer Ausgestaltung unter
worfen haben (ich erinnere nur an die Dürerschen
Bacinets!). — Wie ich schon in meiner kürzlichen
Besprechung der Teppichentwürfe des «Trojanischen
Kriegs» nahegelegt habe (Z. f. hist. Waffenk. I. p. 317),
geschahen diese Umformungen bald im Bestreben,
den im Gewände der Zeit dargestellten Personen
dadurch einen archaischen Charakter zu geben, sie
damit zu Figuren des Altertums zu stempeln, bald
im Bestreben, damit die abgebildeten Gestalten als
«Türken», «Römer», «Trojaner» u. s. w. zu charak
terisieren. Diese Versuche sind im XVI. Jahrhundert
allgemein unter den damaligen Künstlern Uebung
geworden, kommen seltener schon im XV. Jahr
hundert zur Erscheinung und fehlen in noch früheren
Jahrhunderten fast gänzlich. Es ist für uns ein Glück,
dass es so und nicht anders ist, da uns aus dem
XVI. Jahrhundert blanke Waffen ja noch in grossen
Mengen erhalten sind, wogegen Originale immer
seltener werden, je mehr wir vom XV. Jahrhundert
abwärts zurückgehen; so sind wir beim Mittelalter
auf alte Miniaturen und ähnliche Bildwerke als waffen
geschichtliche Quellen gezwungenerweise förmlich
angewiesen und dürfte also eine Mehrung des Ver
gleichsmateriales nur willkommen sein.
1. Die Goliath-Miniatur in den Münchener
«Davidis Psalmi» des XIII. saec.
Waffengeschichtlich von ganz ausserordentlichem
Werte ist die Figur des Goliath in den Davidis Psalmi
des XIII. saec. der Münchener Kgl. Hof- und Staats
bibliothek (Cod. cum pict. 61. Cod. lat. 3900), ab
gebildet in dem schönen, aber seltenen Werke
L. v. Kobells «Kunstvolle Miniaturen und Initialen»
(München, W. Albert) auf Taf. 19. Das Blatt zeigt
König David die verschiedensten Instrumente spielen,
unten rechts ihn als jungen Hirtenknaben gegen den
schwer gerüsteten Goliath die Schleuder erheben;
in der Mitte oben sehen wir Davids Krönung, dar
unter die Szene, wo er dem Goliath das Haupt
abschlägt. Zur Geschichte der mittelalterlichen Musik
instrumente mögen die ersterwähnten Bilder sehr
interessant sein, für uns kommen hier nur die zwei
Darstellungen in Betracht, auf denen Goliath jedes
mal in detailliert gezeichneter Rüstung erscheint, ln
der kleinen Eckminiatur, auf welcher David den
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Stein schleudert, erhebt Goliath gegen David seinen
203
verborgen sitzt oder, wenn kein solcher, sondern
Speer und schützt sich durch einen oben breiten
und stark gewölbten Schild. Goliath trägt einen
Topfhelm, einen Ringpanzer mit breitem Ledergürtel
und ein Schwert, an den Knieen durch Lederriemen
festgehaltene Kniescheiben (Kniebuckel). Besonders
wichtig ist die grosse Mittel
f
igur, welche die dem Kampfe
folgende Enthauptung des
Riesen darstellt (vergl. Fig. 1).
David hat das ungeheure
Schwert des Gegners aus
dessen Scheide gezogen und
erhebt mit beiden Händen das
Schwert zum Schlage (beach
tenswert am Schwert das ab
gerundete Klingenende, die
entwickelte Parierstange und
der breite Knauf), Goliath hat
auf diesem Bilde den Topf*
heim verloren und gewährt uns
damit einen Einblick in ein nur
äusserst selten sichtbares und
uns in Originalen aus dieser
Zeit noch ganz fehlendes ritter
liches Kleidungsstück, die
Polstergugel. Es ist das
jenes Rüststück, welches mit
oder ohne Kettengugel über
den Kopf gestülpt dem Topfhelme als Unterlage
diente; es war bestimmt, dem Helme einen festen
Sitz zu geben und die Wirkung des auf jenen ge
führten Hiebes, die Erschütterung, abzuschwachen.
Gewöhnlich ist dieses Rüststück auf Bildwerken nicht
sichtbar, da es als «Helmpolster» beim fertig ge
rüsteten Kriegsmanne entweder unter dem Topfhelme
nur ein Kopfhaubert getragen wurde, unter diesem
direkt auf dem Kopfe befestigt wurde. Es ist dasselbe
RüststüCk, wie es später noch beim Turnierzeug sich
erhalten hat und dürfte wohl grosse Aehnlichkeit mit
der «Harnischkappe» des XV. Jahrhunderts gehabt
haben, welche W. Bo ehe im
in seiner «Waffenkunde» pag.
541 abbildet und mit folgen
den Worten beschreibt: «aus
doppeltem mit Werg gefütter
tem Zwilch, der an den Rän
dern noch durch Riemen ver
stärkt wird». Auch die Helm
gugel des Münchener Goliath ist
ersichtlich an den Rändern ^ur
Verstärkung eingefasst; ob aus
Leder oder aus Leinenzwillich
bestanden und ob mit Eisen
ringen besetzt, muss dahin
gestelltbleiben (beachtenswert
ist, dass dieFussbekleidung des
Goliath in gleicher Weise dar
gestellt ist). Ob der Haubert
sich unter jener Gugel über
den Kopf fortsetzt oder schon
am Halse aufhört, bleibt eben
falls eine offene Frage. Be
achtenswert sind ferner der in
drei Teile endigende Ledergürtel, die mit Scheiden
kappe verstärkte Schwertscheide, der von innen ge
sehene Schild, die Wehrstrümpfe aus anscheinend
ringbelegtem Leder und endlich die eisernen Knie
buckel, die auf den Hosen festsitzen und allem Anschein
nach nicht wie im ersterwähnten Bilde durch Riemen
gehalten werden, sondern auf den Stoff aufgenäht sind.
204
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
2. Eine Auferstehungsminiatur mit
II. Band.
mi-parti-Tracht und zwar zinnoberrot und blau, die
Centaurenkampf der Zeit um 1300, aus der
Sammlung Forrer.
In meiner Sammlung mittelalterlicher Pergament
miniaturen besitze ich u. a. ein italienisches Anti
phonarienblatt der Zeit um 1300, mit grosser Dar
stellung der Auferstehung Christi als Schmuck der An
fangsinitiale R (Resurrexi) und mit reichem figuralen
Bordürenschmuck. Christus entsteigt prunkvoll ge
kleidet der Gruft und schwingt die langgestielteErlöser
fahne (weisses Kreuz auf rotem Feld), deren Form
ich hier abbilde (Fig. 2 a). Oberhalb Christi, in einer
Ornamentspirale, sitzt ein Engel, unten eine Menschen
f
igur mit übermässig hoher Stirne — Personifikationen
des Guten und des Bösen. Uns interessieren hier
die Gestalten der untern Ouerbordiire (Fig. 2), welche
bewaffnete Unholde zeigen. Der eine, links (in grüner
Jacke), interessiert uns durch das schön gezeichnete
Fig- 3
Fig. 3 a.
Schwert mit breiter Parierstange und grossem breitem
Knauf, sowie durch den prächtigen (fleischfarbenen)
Schild, dessen Verzierung Beachtung verdient. Der
Centaur, der gegen den grossen schwarz-weissen
Vogel vorgeht.(und von diesem anscheinend nicht
gerade als besonders gefährlich erachtet wird), hat
dieselbe übermässig hohe Stirn, wie die oben er
wähnte Figur; er ist mit einer ovalen Tartsche
(mit Hand- und Armfessel) und mit einem Schwerte
bewaffnet, das sich durch breite, wuchtige Klinge
und entsprechend gewaltigen Knauf auszeichnet.
Wichtig ist aber das Kolorit des Centauren, der
nach Art der heraldischen Gewänder mi-parti be
maltist: Unterteil und rechte Jackenhälfte zinnoberrot,
Oberteil des Leibes grün und Bauchpartie nebst
hinterer Jackenhälfte fleischfarben. Dieser mi-parti
Tracht entspricht nun auch eine mi-parti-Musterung
des Schildes, dessen Rand abwechselnd fleischfarben
und grün bemalt ist. Wir haben hier also durch
geführte «heraldische Livree». Auch der bogen
schiessende Engel (als Verteidiger des Guten) trägt
Farben, welche auch der oben erwähnte Engel der
R-Initiale aufweist. So steten sich hier die grüne
und fleischfarbene Couleur der Unholde und die
zinnoberrot-blaue Couleur der Vertreter des Guten
gegenüber — zweierlei «Uniformen».
3. Eine Schachfigur der Zeit um 1200 aus
der Sammlung Hanns Graf Wilczek.
Wem es vergönnt gewesen ist, einen Blick in
die an Kunstschätzen so reichen Schlösser des Grafen
Wilczek zu thun, weiss, welch ein Schatz an waffen
geschichtlich wertvollem Material dort zukünftigen
Geschlechtern zum Studium aufgespeichert liegt.
Heute will ich nicht der auf dem prächtigen Schlosse
Kreuzenstein aufgestellten unermesslichen Schätze an
Mittelalterwaffen gedenken, sondern einer elfen
beinernen Schachfigur, welche Excellenz Hanns
Fig. 3b.
Graf Wilczek auf Schloss Seebarn bewahrt und
meine Aufmerksamkeit ebenso durch das hohe Alter
und die Seltenheit des Gegenstandes, wie durch die
Schönheit der Patina und die interessante Darstellung
fesselte. Diese ist für uns hier aus mehreren Gründen
von ganz ungewöhnlichem Wert, haben wir in ihr
doch eine der ersten, wenn nicht die älteste
Abbildung einer unverkennbaren Plclmdecke
vor uns! Die Schachfigur zeigt die in jener Zeit
so beliebte Darstellung des Kampfes zwischen dem
Guten und dem Bösen. Ein romanisch stilisierter
Drache steht im Begriffe, einer sitzenden Frauen
f
igur, der Personifikation des «Guten», das Genick
durchzubeissen. Zwei schwer gerüstete Ritter eilen
ihr zu Hilfe, allerdings nach unseren Begriffen etwas
zu spät, denn dem Beschauer macht es den Ein
druck, als wären Genick und Hals der armen «Guten»
durchgebissen, bevor die beiden gemächlich hcran
sprengenden Ritter mit den erhobenen Schwertern
dem «Bösen» den Garaus gemacht haben. Beide
Ritter sind mit konischen flelmen mit Nasen
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
bergen analog denen der Tapete von Bayeux aus
205
XIII. Jahrhundert» berichtet Dr. P. Ganz, dass die
gerüstet. Wie jene, so sind auch beim Schachstein
Wilczek die Helme durch auf dem Scheitel zusammen
tretende, am untern Helmrande durch einen Quer
reif gehaltene Spangen oder Platten verstärkt. Unter
dem Helm tragen die Ritter den Haubert, der aber
durch einen langen Rock verdeckt ist, welcher bis
zum Steigbügel reicht. Das Schwert ist breitklingig,
hat eine Parierstange, welche nur wenig über die
Klingenbreite herausragt, und einen breiten, schweren
Knauf. Es ist das Schwert des XI. Jahrhunderts,
entsprechend dem Helme und dem durchaus «nor
mannischen» Schilde, den die Ritter mit der linken
Fig. 4.
Hand Vorhalten, anscheinend unterstützt durch einen
über die Schulter gelegten Tragriemen aus Leder.
So weist die ganze Figur (auch die frühe Form des
Schachsteines) durch ihre Kennzeichen auf das XI.
oder XII. Jahrhundert und eine Datierung in die Zeit
«um 1200» ist ersichtlich die Spätestmögliche. Ich
betone das, weil diese beiden Ritterfiguren
eine sonst erst im XIII. Jahrhundert auf
tretende Erscheinung, die «Helmdecke», in
unverkennbar deutlicher Darstellung vor
führen. In seiner vorzüglichen «Geschichte der
heraldischen Kunst in der Schweiz im XII. und
Helmdecke schon 1212 bei den Dichtern erwähnt
wird, dass sie ihm aber eher zu Anfang eine Art Zeug
überzug des Helmes gewesen zu sein scheint. «Erst
im Partonopier und Mcliur wird sie als hinter dem
Helme fliegend beschrieben.» Unsere Schachfigur
lässt nun über diese, wie man sieht bis jetzt offene
Frage keine Zweifel mehr. Die Plelmdecke erscheint
somit schon spätestens um 1200 und zwar als ein
am Plinterteile des Helmes auf der Innenseite an
genähtes Zeugstück, ähnlich dem Schleier oder der
Decke, welche der Europäer als Soldat sowie als
Reisender im heissen Orient als Schutz des Nackens
Fig. 4 b.
gegen die Sonne zu tragen
pflegt. In vielen Fällen mag
auch der ganze Helm mit Stoff
überzogen worden sein, ebenso
wie man in den Kreuzzügen den
Panzer mit einem Stoffmantel
zu schützen begann. Auch die
Schachfigur Wilczek gehört in
die Zeit der Kreuzzüge, und
damit erledigen sich die Ein
sprücheHohenlohe’s u.A.(Ueber
den Gebrauch der Helmzierden),
206
Zeitschrift für historische Waffenkunde,
welche die Helmdecke für jene frühe Zeit nicht
II. Rand.
die beiden hitzigen Kämpfer sich bereits gegen
anerkennen wollten. Aus jenem «praktischen»
Nackenschutz wurde dann später eine mehr
ornamentale Beigabe zum Helme. Die nach
P. Ganz erste Darstellung einer Helmdecke auf
einem Siegel, auf dem Reitersiegel des Grafen
Gottfried von Habsburg-Lauffenburg (1271) (ab
gebildet bei Ganz, a. O. auf Tafel V, Fig. 5), zeigt
die Decke bereits oben am Topfhelme angebracht
und, bereits mehr ornamentales Beiwerk des Helmes
geworden, als schmales Band in drei Fransen oder
Zipfel endigend. Die ornamentale Seite wird auch
im Tänzelet betont, wenn es dort von der Helm
decke heisst:
Die sach man schone fliegen | hinden von
dem Helme dane | da hiengen riehen väsen
(Fransen) ane j üz golde wol gespunnen.
Fig. 5. Fig. 5a.
4. Waffenminiaturen aus dem XII. Jahrhundert
im Hildesheimer Albanipsalter
Zwischen 1119 und 1146 entstanden, bietet
das Albanipsalterium der St. Godehardskirche zu
Hildesheim eine Reihe waffengeschichtlich beachtens
werter Miniaturen. Adolf Goldschmidt hat diese
Handschrift 1895 einer Schrift «Der Albani-Psalter
in Hildesheim» (Verlag von Georg Siemens in Berlin)
behandelt und insbesondere ihre Beziehungen zur
symbolischen Kirchenskulptur des XII. Jahrhunderts
beleuchtet. Für uns haben mehrere der bei Gold
schmidt abgebildeten Miniaturen besonderen Wert,
weil sie sich bis auf wenige Jahrzehnte genau datieren
lassen und weil ebenso sicher der Herstellungsort,
England, festzustellen ist. Auch hier erscheint wieder
die beliebte Darstellung des Kampfes zwischen dem
Guten und dem Bösen. In der grossen J-Initiale,
Fig. 4, zielt das Böse in Gestalt eines mit Haubert
und normannischem Helm ausgerüsteten Sagittarius
auf das Gute, einen Oranten. Aehnlich gerüstet,
aber mit langen Spiessen und normännischen Schilden
ausgestattet, sind die Kriegerfiguren einer Q-Initiale
(Fig. 4a). Interessant ist ein Reiterduell, bei dem
seitig die Lanzen in den Leib gerannt haben und
nun mit den Schwertern unter dem Schutze ihrer
langen normännischen Schilde und Nasenhelme
weiterfechten (Fig. 4 b). Wichtig sind hier die
bogenförmigen Parirstangen, die detailliert ge
zeichneten Steigbügel und Sporen mit Kugelspitze.
Eine andere Miniatur desselben Psalters zeigt das
Martyrium des hl. Albanus (Goldschmidt, a. O.,
Taf. VII). Der Henker zieht eben sein Schwert aus
der Scheide — ein Schwert, das wie die der oben
erwähnten kampfwütigen Reiter gebogene Parier
stange mit Endknöpfen und einengrossen anschei
nend viereckigen Knauf aufweist (Fig. 4c). In Ueber
einstimmung mit diesen letztem Abbildungen stehen
die seltenen Schwertdarstellungen mit gebogenen
Parierstangen der Bibel von Canterbury (Boeheim,
a. a. O. p. 239) und diejenige der
Emailleplatte von Mans aus circa
1150 (Boeheim, a. a. O. p. 240).
5. Die Centaurenfliesen der
St. Fideskirche zu Schlett
stadt.
Im Schutte der um die Mitte
des XII. Jahrhunderts vollendeten
St. Fidesfliese zu Schlettstadt im
Eisass fand sich vor Jahren eine
Anzahl von Bodenfliesen, welche
nach Stil, Bewaffnung und Technik
gleichzeitig sind mit der Erbauung
jener Kirche, d. h. wie diese dem
XII. Jahrh. angehören. Sie sind
leicht reliefiert, gelbbraun glasiert
und entsprechen technisch einer romanischen Fliese
derselben Epoche aus dem St. Odilienkloster. Ich
habe sie von der keramischen Seite in meiner kürz
lich erschienenen «Geschichte der europäischen
Fliesenkeramik vom Mittelalter bis zum Jahre 1900»1)
behandelt; hier interessiert uns nur ihre waffen
geschichtliche Seite, von der aus diese Fliesen ein
paar beachtenswerte Momente bieten. Auch hier
haben wir es wie in den Nummern 2 und 4 mit
einem Verfolger und einem Verfolgten zu thun,
davon der eine das Gute, der andere das Böse
symbolisiert. Der «böse», mit einem Panzerhemd
bekleidete Sagittarius flieht, schiesst aber, im Davon
eilen sich rückwärts wendend, seinen Pfeilbogen auf
den Verfolger ab. Letzterer, der Vertreter des
siegenden Guten, trägt ein Ringhemd und einen
spitz zulaufenden, nach vorn geneigten normännischen
Helm, der anscheinend eine Nasenstadge hat. ln
der einen Hand führt er ein breites Schwert mit
dreiteiligem Knauf und abwärts gebogener Parier
') Forrer, Geschichte der europäischen Fliesenkeramik
vom Mittelalter bis zum Jahre 1900, mit 107 Tafeln, 900 Ab
bildungen. Strassburg 1901. Verlag von Schlesier & Schweik
hardt. pag. 62 u. 63 und Tafeln II 11. III.
j. I lett.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Stange; mit der andern Hand hält er schützend seinen
207
im Original vorftnden (vergl. z. B. Essenwein, Kultur*
normannischen Schild vor, der nach zwei Rich
tungen unser Interesse fesselt, durch die schon ganz
«heraldische» Schrägbalkenzier und durch den
ausgeprägten, weit vorspringenden Schildbuckel,
dessen Spitze hier in eine Kugel ausläuft.
Dieser seltsame Schildbuckel erinnert lebhaft an
manche ähnlich geformte der Merovinger- und Caro
lingerzeit, wie sie sich gelegentlich noch in Gräbern
histor. Bilderatlas, Leipzig 1883, Taf. II, Fig. 2), aus
dem XII. Jahrhundert aber bis jetzt in dieser Form
nicht auf uns gekommen sind. Gewöhnlich ist, wie
bekannt, in dieser Epoche der Schildbuckel bereits
ganz verschwunden oder zumeist nur noch in Form
einer mehr oder minder stark gewölbten Scheibe
ohne den Endknauf erhalten, wie ihn hier die
St. Fidesfliesen bieten. (Fortsetzung folgt.)
Friedrich der Grosse und seine Artillerie.
An der Hand der militärischen Schriften des Königs betrachtet
von
A. Meyer, Oberleutnant im Königl. Sächs. 13. Infanterie-Regiment No. 178
Diesen Artikel habe ich darum
gesagt, dass man das fürstliche,
;treue Herz erkennen mag.
L a n g e n n, Albrecht der Beherzte.
Arbeit ist die Betrach
tung einer grossen Per
sönlichkeit im Hinblick
auf einen ganz bestimm
ten Gegenstand. Ich will
aus den Schriften
des grossen Königs
darzulegen versuchen,
wie er, der getreue Diener
seines Staates, der sor
gende Vater seines Volkes, der scharfblickende
Kriegsherr seines Heeres, sich alles zu eigen machte,
was die Wehrkraft Preussens erhöhen konnte, mochte
es ihm auch zunächst etwas ferner liegen und die
Finanzen seines sparsamen Staatshaushaltes stark in
Anspruch nehmen.
Die Charaktere sind das Fesselndste, was uns
die Geschichte in ihren wechselnden Bildern bietet.
Das innerste Fühlen und Denken sowohl des Volkes,
wie auch der einzelnen bedeutenden Persönlichkeit
machen das Studium der Geschichte zu einem immer
neuen, veredelnden Genuss. In ganz bedeutendem
Masse wird dies der Fall sein, wenn dem Forscher
eine so überreiche Menge schriftlicher Hinterlassen
schaften zur Verfügung steht, wie die des grossen
Königs.
Was Friedrich in seinen militärischen Schriften
über die Artillerie gesagt hat, ist verhältnismässig
wenig. Gerade deshalb ist es lehrreich, das Wenige
nachzulesen und nach Jahren geordnet miteinander
zu vergleichen. Dieser Vergleich giebt ein Bild,
wie scharf Friedrich auch hier zu beobachten ver
stand, von seinen Feinden lernte, sich neue Erfin
dungen zu nutze machte, sobald er, was sehr schnell
geschah, ihren Wert erkannt hatte, so dass viele
seiner Grundsätze trotz völlig veränderter Verhält
nisse noch heute mustergiltig sind. Andererseits
aber sehen wir auch das rein Menschliche in der
Gestalt des Heros: auch er ist abhängig von seiner
Zeit, und wenn er sich von gewohnten und ererbten
Anschauungen losmacht, so ist auch stets ein ein
facher Anlass zu finden.
So liegt in unserem Thema eine Verbindung
zwischen geschichtlicher Waffenkunde und Geschichte
überhaupt, hergestellt in einfachster Weise durch
die Persönlichkeit des grossen Königs. Ich erwähne
dies ausdrücklich, da ich mich später noch einmal
über diese Verbindung und ihre natürliche Her
leitung aus dem Studium geschichtlicher Charaktere
äussern möchte.
Bei Friedrichs Regierungsantritt kann man ein
besonders grosses Interesse für die Artillerie von
seiner Seite kaum erwarten, — soweit man von
diesem umfassenden Geist überhaupt so sprechen
darf. Sein Vater war Infanterist durch und durch
und hinterliess bekanntlich seinem Sohne diese
Waffe in glänzender Leistungsfähigkeit. So musste
menschlich natürlicherweise auch Friedrichs Interesse
sich zunächst der Infanterie, als der schlachten
entscheidenden Waffe, zuwenden. — Die erste
Kriegserfahrung — Mollwitz — liess ihn ferner die
Mängel seiner Kavallerie erkennen — da gab es
denn hier wieder Arbeit in Hülle und Fülle, um
auch diese Waffe den Anforderungen entsprechend
zu verbessern. Und endlich war damals die
Artillerie numerisch so schwach, dass sie schon
deswegen kaum als bedeutende Waffe erscheinen
konnte.
Friedrich hat auch offenbar zu dieser Waffe
weniger Zuneigung gehabt, als zu den anderen, um
so bemerkenswerter muss später der Wert erscheinen,
208
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
den er ihr beilegt. Aber noch 1768 schreibt er:1)
II. Band.
Betrachtung der feindlichen Kavallerie als Haupt
«Seitdem man die Laune hat, die Lager mit Ar
tillerie zu verpallisadiren und mit ihrem Gebrauch
sehr freigiebig zu sein, kann man sich nicht mehr
davon entbinden, deren viel zu besitzen. Mein Vater
hatte nur 1 Bataillon Feld-Artillerie. Ich verdoppelte
dasselbe 1742, da die Armee vergrössert worden
war, und ich glaubte viel zu haben. In dem letzten
Kriege ist dieses Korps auf 6 Bataillone angewachsen
und noch haben wir nicht zu viel, obgleich wir
ausser dieser Zahl noch 2 Garnison-Bataillone für
die Festungen unterhalten.»
Ein gewisser Widerwille gegen die Stärke dieser
Artillerie ist aus diesen Worten wohl zu entnehmen.
Weiter unten werden wir sehen, dass der Kosten
punkt das Seine zu diesem Widerwillen beigetragen
hat. — Was die Wurfgeschosse betrifft, so hat viel
leicht auch deren ziemlich geringe Wirkung Friedrichs
geringe Meinung veranlasst. So lesen wir hierüber
a. a. O.: «Aber welche Mühe man sich auch geben
mag, um die Genauigkeit dieser Schüsse zu ver
vollkommnen, so wird man dies doch niemals er
reichen, weil die Luftdichtigkeit und die Windrich
tung hierauf von grossem Einfluss sind.»
Das klingt ziemlich resigniert. Und es scheint
auch berechtigt gewesen zu sein. Finden wir doch
1740 bei Dulacq2 3 *) den ernsthaften Vorschlag, die
Wurfmaschinen der Alten an Stelle der Steilfeuer
geschütze wieder einzuführen, da ihre Leistungen
doch zu unregelmässig seien!
In der ersten Instruktion, welche der König
für seine Artillerie erliess,8) finden wir denn auch
bei weitem noch nicht das tiefe Eingehen in das
Wesen und Können der Waffe, welches seine späteren
Auslassungen, besonders die auf den Erfahrungen
des siebenjährigen Krieges aufgebauten, charakte
ristisch zu Tage treten lassen.
Die Verteilung der Artillerie auf der gesamten
Front der schlachtbereiten Armee ist noch ganz
schematisch gleichmässig. Das erste Hauptziel ist
noch nicht die feindliche Artillerie, sondern auf den
Flügeln die Kavallerie, mit deren Attaken damals
die Schlacht begann, sonst die feindliche Infanterie.
Doch werden auf beiden Flügeln, wie auch in der
Mitte, die Batterien einem «Capitain von der Artillerie»
unterstellt, und «bei den 24-pfündigen Kanonen, so
auf den Flanken stehen, wird auf jede Flanke ein
vernünftiger Lieutenant von der Artillerie com
mandiret«.
Wir sehen also ganz charakteristisch, wie sich
Friedrich einerseits von bisherigen Gebräuchen —
gleichmässige Verteilung der Artillerie auf die Front,
*) Das militärische Testament Friedrichs des Grossen,
herausgegeben und erläutert von A. v. Taysen. Berlin,
Mittler & Sohn, 1879.
a) Theorie nouvelle sur le mecanisme de l’artillerie.
Par M. Dulacq, pp. Paris 1740.
3) Disposition, weichergestalt sich die Artillerie bei einer
Hauptaktion mit dem Feinde zu verhalten hat. August 1744.
ziel — noch nicht frei machen kann, weil ihm der
Anlass, die schlechte Erfahrung mit dem bisherigen
Brauch, fehlt; andererseits hat der scharfe Blick des
geborenen Truppenführers schon einen Fehler, den
der Zersplitterung der Wirkung, erkannt, und es
beginnt ein Anbahnen der einheitlichen Leitung
der Artillerie, welche heute einer unserer wesent
lichsten Grundsätze ist.
Auf diesem Standpunkt bleibt Friedrich im
grossen ganzen zunächst stehen. Wenn man seine
Generalprinzipien vom Kriege1) liest, so findet
man alles aufgezeichnet, was vom damaligen Stand
punkt für die Truppenführung wichtig ist; von Ar
tillerie ist das sehr wenig. So steht in dem äusserst
wichtigen «Vlllten Articul. Von den differenten
Lägern» — wofür wir nach dem heutigen Sprach
gebrauch in diesem Falle besser «Stellungen» sagen
würden — über Artillerie nichts! Wir dürfen
deshalb nicht annehmen, dass sie Friedrich in ihrer
Thätigkeit und Wirkung missachtet habe, es ist uns
nur ein Zeichen, dass selbst das Genie der Er
fahrung nicht entbehren kann, um schöpferisch zu
wirken; ein Hinweis darauf, dass man die Er
fahrung suchen muss.
An einzelnen anderen Stellen ist übrigens auch
schon in den Generalprinzipien die Wichtigkeit ver
nünftiger Artillerieverwendung hervorgehoben. Im
7. Abschnitt des XV. Artikels lesen wir, dass man
bei «Retraiten, wenn man Flüsse zu passiren hat,
.. . Trouppen und viel Canons auf das andere
Ufer des Strohms» schicken solle, «um von dar
das vorwärts liegende Ufer zu dominiren». Auch
bei den «Passagen über Flüsse» soll der Ueber
gang dadurch erleichtert werden, dass man auf
der eigenen Seite «so viele Canons als man kan
placiret».
Im «XXII. Articul: Von denen Treffen und von
Bataillen» findet man begreiflicherweise das meiste
von der Artillerie, was überhaupt in den General
prinzipien zu entdecken ist. Aber doch ist dieses
Thema, welches bei Betrachtungen moderner Ge
fechte den breitesten Raum einnehmen muss, nur
kurz und an wenigen Stellen gestreift. Einen ganz
eigentümlichen Eindruck macht im 8. Abschnitt
«von denen Posten» der Vorschlag, den Friedrich
zur Wegnahme einer besonders wirksamen feindlichen
Batterie macht:
«Bey denen Posten2) ist nichts redoutablerer,
als die Batteries von Canons mit Cartetschen ge
laden , so eine erschreckliche ravage in denen
Bataillons machen; Ich habe bey Soor und bey
*) Die General-Principia vom Kriege, appliciret auf die
Tactique und auf die Disciplin, derer Preussischen Trouppen.
1753. Siehe auch: Friedrich der Grosse. Militärische Schriften,
erläutert und mit Anmerkungen versehen durch v. Taysen,
Generalleutnant. Dresden 1893, Carl Höckner. Dieses Werk
habe ich bei der ganzen Arbeit benutzt.
s) So viel wie «Stellung» und zwar besonders günstige.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenknnde.
Kesselsdorff Batteries attaquiren gesehen, und nach
209
Er kannte wohl die menschliche Schwäche, die sich
dem ich remarquiret habe, dass die Feinde einerley
Fauten in beyden Aktionen gemachet, so hat Mir
dieses eine Idee erwecket, welche Ich hier auf allen
Fall anzeigen will. Ich supponire, dass man eine
Batterie von 15 Canons wegnehmen müsse, die man
nicht tourniren kan; Ich habe gesehen, dass das
Feuer derer Canons, und das von der Infanterie so
die Batterie souteniret, solche inabordable machet;
Wir haben die Batterien der Feinde nicht anders
genommen, als durch ihre Fehler; Unsere Infanterie
die solche anfiel, wich nachdem sie halb ruiniret
war, zu zweyen mahlen zurück, die feindliche In
fanterie wolte solche verfolgen, und quitirte ihren
Posten, durch dieses Mouvement wurden derselben
ihre Canons unnütz, und unsere Leute, die den
Feind auf den Fusse folgeten, kamen mit* ihn zu
gleicher Zeit an die Batterie, und bemeisterten sich
derselben. Diese beyden Erfahrungen haben mir
den Gedanken gemachet, dass man in dergleichen
Cas dasjenige imitiren müste, was Unsere Trouppen
dermahlen gethan .haben, nehmlich eine Attaque in
2 Linien en echiquier zu formiren, und hinter die
selbige einige Escadrons Dragoner zu setzen, um
sie zu souteniren, sodann der ersten Linie die Ordre
zu geben, nur schwach zu attaquiren und sich in
die Intervallen der 2ten Linie zu retiriren, damit
der Feind, durch diese simulirte Retraite betrogen,
zum verfolgen eile, und seinen Posten abandonnire,
dieses Moment dienet alsdenn zum Signal, dass
man vorwärts marchiren und vigoureusement attaquiren
muss.»
Das ist ein Zugeständnis eigener artilleristischer
Schwäche. Treffend bemerkt hierzu Taysen, dass
bei der Schwerfälligkeit der damaligen Artillerie
unser heutiges Verfahren, durch überlegenes Ar
tilleriefeuer die feindliche Batterie zum Schweigen
zu bringen, nicht angängig war. — Auch können
wir aus dieser Aeusserung Friedrichs entnehmen,
wie er stetig darauf bedacht war, in jeder Beziehung
und gerade für schwierige Fälle seine Offiziere und
Truppen zu unterweisen, eine um so dankbarere
Aufgabe, als gedruckte, Jedermann zugängliche
Reglements in unserem Sinne damals nicht vor
handen waren. Und wie vortrefflich müssen Drill
und Disziplin im preussischen Heere gewesen sein,
wenn man solche auch für damalige Zeiten höchst
künstliche Manöver trotz jener ravage glatt durch
führen zu können glaubte.
Uebrigens liest man auch aus Aeusserungen
über die Artillerie Friedrichs Grundsatz, möglichst
alles angriffsweise zu entscheiden, mannigfach heraus.
So schreibt er über die Einnahme von Verteidigungs
stellungen: «Ich glaube, dass die Preussische
Trouppen eben sowohl, als wie andere, Posten
nehmen und sich dererselben auf einen Moment,
bedienen können, um von den Vortheilen der Ar
tillerie zu profitiren, sie müssen aber, auf einmahl
solchen Posten verlassen, und fierement attaqiren;...»
darin äussern würde, dass Führer und Truppe, durch
die schwere Beweglichkeit der Artillerie verleitet,
gar zu leicht in der Stellung verharren würden, um
des Vorteils der Artilleriewirkung nicht verlustig zu
gehen, auch dann, wenn der Moment zum ent
scheidenden Angriff aus der Verteidigungsstellung
heraus gekommen sein würde.
Der sehr kurze 12. Abschnitt des XXII. Artikels
«von der Artillerie» lautet:
«Ich distinguire die grossen Canons, von denen
Feld-Stücken, so zu denen Bataillons gehören; die
grossen Stücken werden bey Anfang der Action
auf denen Höhen gepflanzet, die kleinen aber
50 Schritt vor der Fronte, beyde müssen zielen
und accurat schiessen. Wenn man bis an 500 Schritt
an den Feind ist, so werden die kleinen Canons
durch Menschen gezogen, und können bey denen
Bataillons bleiben, auch beständig im avanciren
schiessen. Wann der Feind fliehet, so avanciren die
grossen Canons und geben ihn noch einige decharges,
um ihn eine glückliche Reise zu wünschen. Bey
jeder Canon des ersten Treffens müssen 6 Canoniers
und 3 Zimmer-Leuthe von den Regimentern seyn.
Ich habe noch vergessen zu sagen, dass die Canons
auf 350 Schritt mit Cartetschen schiessen müssen.»
Dass «Zielen» und «accurat schiessen» extra
verlangt wird, giebt zu denken. Es ist das wohl
keine beabsichtigte Schärfe in diesen Worten des
Königs, sondern es ist einfach die Anerkennung
der Thatsache, dass einerseits die technische Aus
gestaltung des Geschützmaterials nicht eine stete,
gleichmässige Wirkung verbürgen mochte, anderer
seits der Artillerist noch nicht in demselben Masse
eine gründliche Ausbildung genoss, wie Kavallerie
und Infanterie. Der König weist denn auch mehr
fach, besonders in dem schon erwähnten militärischen
Testament, auf die Notwendigkeit gründlicher Aus
bildung der Artilleristen hin.
Von der Thätigkeit der schweren Artillerie im
Festungskrieg ist einiges gesagt im Kapitel «von
der Attaque und von der Vertheydigung derer
Plätze». Später hat sich Friedrich darüber genauer
geäussert.
Am 9. Dezember 1753 wurde die «Instruction
für den Obersten Lattorff, als Comman
danten in Cosel» erlassen. Hierin finden sich
einige interessante und charakteristische Bemer
kungen, von denen die folgende im Vergleich zu
heutigen Verhältnissen erwähnenswert ist: «Kanonen
müssen nicht nach einzelnen Leuten schiessen, son
dern kleines Gewehr und Wallmusketen sind dazu
gut genug.» So sagt der König, als er davon
spricht, dass «keiner vom Feinde der Festung zu
nahe komme, um solche zu recognosciren». An
näherung an moderne Schicsstechnik zeigt die Wei
sung: «. . . einige Kanonen müssen des Tages so
gerichtet werden nach des Feindes Batterie, dass
sie des Nachts noch darnach schiessen können.»
210
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Es kommen der Zeitfolge nach «Gedanken
II. Band.
wörtlich anführen, weil man aus jedem Abschnitte
und allgemeine Regeln für den Krieg» vom
Jahre 1755, in denen die Gedanken der General
prinzipien zu Friedrichs eigener Fortbildung weiter
ausgeführt und an praktischen Beispielen erläutert
wiedergegeben sind. Eben diese Anwendung prak
tischer Beispiele mag es denn auch gewesen sein,
die Friedrich dazu geführt hat, sich mehr als bisher
der Wirkung, Thätigkeit und Verwendung der Ar
tillerie zuzuwenden. Neue Erfahrungen des Ernst
falles waren zwar noch nicht gewonnen, aber die
preussische Artillerie hielt ihre jährlichen Schiess
erkennen kann, wie scharf der König Wert und
Verwendung der Artillerie übersah. Um besser
zurückgreifen zu können, versehe ich die Abschnitte
mit Nummern:
«1. Die Obersten von Dieskau und Möller er
halten hierdurch Anweisung, was sie im Falle der
Schlacht zu thun haben. Die Armee wird nur, wie
beiLeuthen, mit einem Flügel angreifen; 10 Bataillone
werden den Angriff vor der Armee machen. Wenn
es der rechte Flügel ist, werden die zwei Haupt
batterien auf diese Art gebildet:
m m m m m m m m m i[i i|] tji ||i «ji |[i {1 m
40 Kanonen, Batteriestucke _ 10-pfUnd. Haubitzen
und zwar 12- u. 24-PfUnder. 9 Bataillone. und Kanonen. 1 Bataillon.
0
Übungen ab, so dass an ihrer Vervollkommnung
auch in Friedenszeiten von dem nie rastenden Kriegs
herrn erfolgreich gearbeitet werden konnte.
So sagt Friedrich bezüglich der Wirkung:
«Wenn man in geschlossenen Kolonnen marschiert,
soll man 1500 Schritt vor dem Feinde aufmarschieren,
und dieselbe dort entwickeln, niemals näher, da
sonst die verheerende Wirkung der Ge
schütze zu fürchten ist.» Logisch auf der
Kenntnis solcher Wirkung weiterbauend, muss er
dazu kommen, auf noch gründlichere Wirkung
seiner eigenen Artillerie zu sehen, besonders, wenn
der Feind in guter Stellung ist: «Stets wenn man
Truppen in einer Position angreifen will, zehn
Mörser bei sich führen, um zwei Batterien zu bilden,
welche hinter der Linie über Kreuz aufgestellt werden,
um die feindlichen Batterien in der Zeit, während
man zum Angriff vorgeht, zu bewerfen.»
Wir finden ferner, dass Friedrich in dieser
Schrift klarer und treffender, als es wohl je bisher
geschehen war, Grundsätze ausspricht, welche heute
als Elementarwissenschaft gelten, die Grundsätze
nämlich von dem Zusammenwirken der Waffen:
«Die Hauptsache ist stets, dass eine Waffe durch
eine andere unterstützt, die Kavallerie durch die
Infanterie nnd die Artillerie verstärkt wird, sowie dass
man stets Kavallerie zur Stelle hat, um der Infanterie
beizustehen.» Das klingt äusserst einfach, und wir be
trachten es heute als selbstverständlich; aber der ist
von jeher ein Genie gewesen, der zu erst ewig wahre
Wahrheiten einfachster Art in den einfachsten Worten
aussprach, wie wir es bei Friedrich so oft finden.
Im Jahre 1758 erliess Friedrich die «Dis
position für die Artillerie-Obersten Dieskau
und Möller», welche im höchsten Grade bezeich
nend ist für die Fortschritte, die Friedrich selbst in
der Verwendung der Artillerie gemacht hatte. Er
lag damals zur Deckung der von Keith geleiteten
Belagerung von Olmütz im Lager zu Prossnitz. Zu
den Truppen, die ihm Keith gegen einen Entsatz
versuch der Oesterreicher schicken sollte, gehörte
auch diese Artillerie. Wir müssen diese Disposition
2. Greift der linke Flügel an, so hat man das
nur links zu setzen, was hier auf der rechten Seite
ist und man wird die grosse Batterie immer vor
der Armee placirt haben; die andern Geschütze
bringt man auf den Flügel, der nicht angreift.
NB. Die sieben Haubitzen werden unter die
IO Bataillone des ersten Angriffs vertheilt.
3. Die Geschütze müssen in einem fort feuern, Urft
die Kanonen des Feindes zu demontiren. So bald
sie deren Feuer zum Schweigen gebracht haben, müssen
sie sowohl auf die Infanterie, als auf die Cavallerie,
welche angegriffen wird, ein Kreuzfeuer richten.
4. Die Batterien werden immer, wie bei Leuthen,
weit vorgeschoben sein, und kann besonders die
von 40 Stücken von grosser Wirkung sein, wenn
die Kanoniere gut zielen und auf achthundert Schritt
beginnen mit Kartätschen1) zu schiessen.
*) Taysen übersetzt: «mit Kartuschen zu schiessen» und
bemerkt hierzu: Der Ausdruck »tirer ä cartouche» dürfte
nicht »Schiessen mit fertig gemachten Ladungen» bedeuten
im Gegensatz zu «Schiessen mit losem Pulver», sondern es
ist hiermit höchst wahrscheinlich gemeint, dass das Feuer
nicht eher, als auf 800 Schritt, also auf der besten Kugel
schuss-Distance, zu beginnen habe.
Dem gegenüber ist zu bemerken, dass «cartouche» die
Bedeutung «Kartätsch-Schuss» hat. Es ist auch nicht an
zunehmen, dass Friedrich freiwillig und ausdrücklich auf die
grosse Wirkungsweite dieser schweren Geschütze mit dem
Kugelschuss sollte verzichtet haben. Wie würde das stimmen
mit dem, was er am n. 3. 1758 an den Prinzen Heinrich
schreibt: «Ich habe für Euch eine Kompagnie Kanoniere,
deren Ihr bedürfen werdet, ausheben lassen, und gebe Eurem
Corps 20 schwere 12-PfUnder bei (also dieselbe Geschützart,
von der oben u. a. in jener Batterie von 40 Stück die Rede
ist); diese haben eine staunenswerte Wirkung. Wenn
Ihr mit dem Feinde handgemein geworden seid, dann müsst
Ihr diese Geschütze in einer Batterie aufstellen und sie alle
gegen denjenigen Flügel des Feindes wirken lassen, welchen
Ihr anzugreifen beabsichtiget; ohne Zweifel werdet Ihr den
Vorteil dieser Massregel bald verspüren. Die Geschütze sind
zwar etwas schwierig fortzuschaffen, aber sie schiessen dafür
auch auf 5400 Schritt und auf 1000 Schritt mit Kar
tätschen.» Im französischen Text steht hier allerdings
«Mitraille», nichtsdestoweniger ist auch cartouche der Kar
tätschschuss. — Es wird also der Kugelschuss auf weit mehr
als 1000 Schritt, der Kartätschschuss unter 1000 Schritt an
gewendet worden sein.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
5. Die zwanzig Kanonen, welche sich auf dem
211
werden muss, will man mit grossen Armeen ent
Flügel, der nicht attaquirt, befinden, können schliess
lich auch herangezogen werden und von guter Wir
kung sein, um den Feind in Verwirrung zu bringen
und den Stoss unserer Leute zu erleichtern.
6. Man muss die ganze Anzahl der Geschütze
beisammen halten, damit die Herren Obersten von
vornherein darüber verfügen können.
7. Sie nehmen 6 Zwölfpfünder mit und kommen
gleich mit den Artilleristen her, um schneller zur
Stelle zu sein und alle Anordnungen rechtzeitig
treffen zu können, auch werden sie in Folge dessen
den Offizieren und Soldaten ihre Befehle im voraus
ertheilen.
8. Die Herren werden mit ihren Leuten nicht
eher aufbrechen, als bis es ihnen der Marschall
befiehlt.
Lager von Prossnitz, den 30. Juni 1758.
Friderich.»
Aus dem 1. und 2. Abschnitt sehen wir, dass
das schematisch gleichmässige Verteilen der Artillerie
auf die Front, wie es 1744 angewiesen war, und
welches aus einer gewissen Hilflosigkeit bei der
Verwendung dieser Waffe entsprang, völlig über
wunden ist. Hier haben wir ein Erstreben von
Massenwirkung überhaupt, ein heute durchaus
anerkannter Grundsatz. Es ist ja selbstverständlich,
dass man der weitaus grössten Zahl der im Gefecht
stehenden Leute kein ruhiges Zielen Zutrauen kann,
das einzige Mittel, diesen Nachteil auszugleichen,
ist das Entfalten der Massenwirkung.
Aus dem 3. Abschnitt ist ersichtlich, wie der
König schon längst zu der Erkenntnis gekommen war,
auf der die Vorschriften unserer heutigen Artillerie
verwendung aufgebaut sind. Die feindliche Artillerie
ist zunächst das Hauptziel, nach deren Nieder
kämpfung ist der Angriff der eigenen Infanterie zu
unterstützen.
Im 5. Abschnitt sehen wir den Grundsatz, alle
Kräfte, die erreichbar sind, zur Entscheidung zu
sammenzufassen; der 6. zeigt das Bestreben, eine
Formation zu bilden, die den Führern trotz der
Schwerfälligkeit der Waffe durch räumliche Ver
einigung leicht in die Hand spielt. Das «Befehle
im voraus erteilen» des 7. Abschnittes weist auf
selbständiges Handeln der Unterführer im Sinne der
Lage und des angestrebten Zweckes hin.
Ganz dieselben Grundsätze finden wir bald darauf
in der «Ordre an den General-Lieutenant Grafen zu
Dohna» vom 20. Juli 1758, der den Russen angriffs
weise entgegentreten sollte.
Mag nun auch zu jener Zeit die Thätigkeit der
österreichischen Artillerie den König schon viel ge
lehrt haben, die Erfahrung also, welche, wie schon
erwähnt, auch das Genie zum schöpferischen Wirken
braucht, vorhanden gewesen sein, so gehört doch
trotzdem ein eminenter natürlicher Scharfblick
dazu, um in so kurzen, treffenden Worten Grund
sätze aufzustellen, nach denen noch heute verfahren
scheidende Schlachten schlagen. Gewiss wird mit
solchen Grundsätzen nicht allen Fällen gedient, es
giebt kein Rezept für jede Lage; aber, wie schon
erwähnt, ist es immer ein Zeichen der Grösse, wenn
ein Mann zum erstenmal einfache Thatsachen nach
weist, die dann zum Gemeingut der Menschheit
werden. Hier gilt dies noch besonders, wenn man
die Aeusserungen mancher Zeitgenossen Friedrichs
über Truppenführung liest.1)
Im Winter 1758/59 findet nun das, was der
König selbst gelernt hat, seinen Ausdruck in den
«Betrachtungen über die Taktik und einige
Seiten der Kriegführung oder Betrachtungen
über einige Veränderungen in der Krieg
führung». Schon das Wort «Veränderungen»
weist darauf hin, dass hier mitten im Kriege Er
fahrungen desselben nutzbar gemacht werden sollen.
Bedenkt man aber ausserdem, dass der König nur
die trübsten Aussichten in die Zukunft haben konnte,
dass er selbst krank war, das Bündnis gegen ihn
gefährlicher denn je drohte, das Jahr 1758 mit
einem Misserfolg geendet hatte und der alte Stamm
seines tapferen Heeres schon bedenklich zusammen
geschmolzen war — so müssen wir die Elastizität
dieses Riesengeistes bewundern, der in schärfster
Logik seine Kriegserfahrungen und die daraus zu
ziehenden Folgerungen zu Papier brachte und sich
selbst, wie anderen ungeschminkt gestand, was denn
eigentlich von Erfolgen und Misserfolgen eigenes
Verdienst und eigene Schuld war.
Es ist dem grossen Manne eigen, dass er eigene
Schwächen nicht verhehlt und die Vorzüge des Feindes
rückhaltslos anerkennt.
Der König sagt: «Die vorzüglichsten Verände
rungen, die ich in diesem Kriege bei dem Verfahren
der österreichischen Generale bemerkte, sind ihre
Lager, ihre Märsche und ihre bewundernswerthe
Artillerie, welche beinahe schon allein, ohne
andere Unterstützung, genügen würde, 11m
ein angreifendes Heer zurückzuweisen, zu
zerstreuen und zu vernichten.» Und kurz
darauf lesen wir: «Wann hat man jemals 400
Kanonen amphitheatralisch auf den Höhen und in
verschiedene Batterien getheilt derart aufgestellt ge
sehen, dass sie die Fähigkeit besitzen, weithin zu
treffen und dabei doch nicht den Ilauptvortheil des
verheerenden rasanten Feuers verlieren?»
Trotz der grossen Geschicklichkeit der Oester
reicher in der Wahl von Stellungen lässt aber der
König doch nicht von seinem Grundsätze ab, die
Entscheidung durch den Angriff zu suchen.
Aber er mahnt zur Vorsicht. Und hier sehen wir
*) Man lese z. B. Luther, Anlangsgrlinde der Artillerie
(Dresden und Leipzig, Hilscher’sche Buchhandlung, 1789),
II. Teil, § 424!!:.: «Eine Armee ist ein aus Menschen maschinen
mässig (1) zusammengesetzter Körper, mithin ist bey derselben
wie bey andern Körpern die Kralt das Produkt von der Masse
und ihrer Geschwindigkeit» u. s. w.
28
212
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
zum erstenmal in vollster Deutlichkeit den Gedanken
II. Band.
sind, sogar eine ganz bestimmte Hoffnung und sagt,
ausgesprochen, den bei der heutigen Leistung der
Artillerie jeder Truppenführer beim Eintritt in den
Kampf zuerst hat: wie und wo verwende ich meine
gesamte Artillerie? Friedrich sagt: «Das Erste,
was er (ein geschickter General) zu thun hat, ist:
sich jedes Erdhügels und jeder Anhöhe zu ver
sichern, von denen aus sein Geschütz das
jenige des Feindes beherrschen kann, dort
soviel Kanonen als Platz finden aufzupflanzen
und dann, während er seine Angriffskolonnen formirt,
die feindliche Armee mit Geschützfeuer zu über
schütten. Ich habe bei mehreren Gelegenheiten
gesehen, wie geringe Festigkeit österreichische
Truppen beim Kanonenfeuer zeigen. Weder ihre
Infanterie noch ihre Kavallerie widerstehen dem
selben. Um sie das Verheerende der Artillerie
recht empfinden zu lassen, sind Anhöhen oder ein
vollkommen ebenes Terrain von Nöthen ...»
Das Aussuchen dominierender Höhen ist auch
etwas, was uns mit unseren Feldkanonen in Fleisch
und Blut übergegangen ist. Auch dieser Grundsatz
hat sich selbst bei Friedrich nur langsam und mit
Hilfe der Erfahrung Bahn gebrochen. Von solcher
Wertschätzung der Höhen war in den bisherigen
Schriften und Instruktionen nicht die Rede, was bei
der geringen Wirkungsweite der damaligen Artillerie
begreiflich ist.
Also die starke Hilfe, die eine gut verwendete
Artillerie dem Führer bringt, wird anerkannt. Trotz
dem kommt immer wieder ein Missbehagen durch,
wenn Friedrich an die mit dem Besitz starker Ar
tillerie verbundene Unbequemlichkeit denkt. Und
mit Recht: noch heute ist trotz aller technischen
Vollendung jedes Fahrzeug unbeholfener als Mensch
oder Tier allein. Friedrich sagt: «Das System
einer zahlreichen Artillerie muss man, so unbequem
es auch sein mag, annehmen. Ich habe die unserige
beträchtlich vermehrt, so dass sie im Nothfall unsere
Infanterie ersetzen kann, deren Material sich, je
mehr sich der Krieg in die Länge zieht, verschlech
tern wird.»
Also besseres und zahlreicheres Material soll
den verschlechterten inneren Gehalt der Truppen
aufwiegen, stets ein gewagtes Experiment, aber in
der Not der einzige Ausweg, der stets eingeschlagen
wurde, wenn Feldherren in der Verlegenheit waren,
in der wir hier Friedrich sehen. Napoleon sagte
1813 : «Eine Truppe braucht um so mehr Artillerie,
je weniger gut sie ist. Es giebt Armeekorps, mit
denen ich nur ein Dritttheil der Artillerie fordern
würde, welche ich mit anderen Armeekorps nöthig
habe.»1) Und wieviel Lydittbomben haben die
Engländer am Paarde-Berg verschossen!
Friedrich knüpft an den Umstand, dass zur
Ausnutzung einer starken Artillerie Höhen nötig
Napoleon als Feldherr. Von Graf Yorck v. Warten
burg, Berlin. Mittler & Sohn, 1887, 2. Teil 1888. Teil II,
Seite 228.
dass, wenn die Oesterreicher ihre Truppen nach
Niederschlesien schickten, sie dann genötigt sein
würden, «ihre feste Stellung aufzugeben» und «weder
von der Stärke ihrer Schlachtordnung noch dem
gewaltigen Apparat ihrer Artillerie viel Vorteil haben»
würden. Zwar heisst das den Feind ins eigene Land
locken, aber: «Es bleibt uns nichts anderes übrig,
als das vortheilhafte Terrain da zu wählen, wo es
sich gerade befindet, ohne uns um sonst Etwas zu
bekümmern.» Die Erkenntnis also: «erst die Ent
scheidung suchen, der Rest kommt von selbst» —
blickt überall durch, und keiner seiner Gegner hat
es vermocht, diesem an sich als richtig erkannten
Gedanken durch die That Folge zu geben, — zu
Friedrichs Glück, wie er selbst offen gesteht.
Der siebenjährige Krieg hatte der technischen
und taktischen Ausgestaltung der Artillerie viele
Vorteile gebracht. Sogleich nach dem Krieg fasste
Friedrich seine Erfahrungen und Gedanken in der
«Instruction für die Artillerie» zusammen, welche
schon am 3. Mai 1763 herausgegeben wurde. Die
Beschleunigung lässt darauf schliessen, dass Friedrich
dem Gegenstand grossen Wert beilegte und darnach
strebte, den Nutzen der Kriegserfahrungen in orga
nisierender Friedensarbeit dauernd festzulegen. Hier
f
inden wir die bisher gewonnenen Grundsätze —
starke Artillerie, einheitliche Leitung und Wirkung,
Ausnutzung des Geländes, gegenseitige Unterstützung
der Waffen — im Zusammenhang wiederholt, und,
was wir heute als so wichtig und lehrreich anerkennen,
an Beispielen durchgeführt. Mannigfach ist der
Hinweis auf selbständige Verantwortlichkeit der Unter
führer, hier der Artillerieoffiziere, im Sinne der Ab
sichten des höchsten Führers. Zweierlei ist von
Friedrich hier zuerst schriftlich erwähnt und wohl
auch praktisch im siebenjährigen Krieg zum ersten
mal angewendet worden: die reitende Artillerie
an sich und ihr Zusammenwirken mit der
Kavallerie. Also wiederum ein schöpferischer
Gedanke!
Hatten Friedrichs bisherige Arbeiten sich fast
nur mit der taktischen Seite der artilleristischen
Fragen beschäftigt, so finden sich ausserdem noch
die wirtschaftlichen Rücksichten berührt in dem
schon erwähnten Militärischen Testament des
Jahres 1768. Es mochte auffallend erscheinen, den
sparsamen König für die Artillerie so bedeutende
Ausgaben machen zu sehen. Er giebt daher auch
folgende Aufklärung, aus der man ohne Mühe einer
seits das Streben nach sparsamer Wirtschaft, anderer
seits den Wunsch, die Waffe stets kriegsbereit zu
halten, herausliest:
«Seit dem letzten Kriege ist die Artillerie für
die Kosten des Staats ein wahrer Schlund gewesen.
Mit den letzten 300000 Thlrn., welche ich im Juni
bezahlte, haben wir 1450000 Thlr. ausgegeben.
Diese Summe erscheint ungeheuer; man bedenke
aber, dass es nöthig war, den grössten Theil der
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
ausgeschossenen Kanonen umzugiessen, dass ich für
213
würde der Feind sie nachahmen und wären dann
die Armee hundert Kanonen verschiedenen Kalibers
in Reserve habe, dass ich Silberberg mit Artillerie
ausgerüstet habe, dass ich eine ganz neue Belage
rungsartillerie eingerichtet habe, dass die Festungen
mit Rücklauf-Laffetten, mit Bohlen und sämmtlichen
für eine Belagerung erforderlichen Materialien ver
sehen sind.
Rechnet noch die Tausende von Kanonenkugeln
und Bomben hinzu, welche der Krieg verschlungen
hat und mit denen die Plätze von neuem mussten
versehen werden, und wisset, dass ich dieser Aus
gabe, so gross sie war, eine neue nicht minder
nothwendige und nützliche hinzufügen musste, das
Giessen von 70 12-pfündigen Haubitzen nach einer
neuen Erfindung, welche die Königs-Granaten 4000
Schritt weit tragen. Diese Geschütze werden stark
in Gebrauch kommen beim Angriff schwer zu
nehmender Stellungen oder gegen Anhöhen, gegen
welche man nicht gut mit Kanonen feuern kann. *)
Der Artilleriegeneral ist ausserdem mit der Ver
waltung der Pulvermühlen beauftragt. Wir haben
bis jetzt nur 4000 Centner Pulver jährlich fabrizirt.
In diesem Jahre, 1769, machen wir 5000, da ich
eine Revenue von 2000 Thlrn. den früher gezahlten
60000 hinzufüge. Wir bedürfen 6000 Centner,
welche wir im Jahre 1770 liefern können, zu welcher
Zeit ich den Etat der Pulvermühlen um 19000 Thlr.
vermehrt haben werde. Ich erwähne hier nicht die
Vorräthe in den Arsenalen, weil alle Einzelheiten in
dem nach Art eines Memoires angelegten Buche
aufgezeichnet sind, welches man in meiner Kassette
f
inden wird, und weil diese Vorräthe von Jahr zu
Jahr sich häufen. Ich muss hingegen noch für das
Verständniss meiner Nachfolger bemerken, dass
während des letzten Krieges jeder Feldzug uns
12000 Centner Pulver gekostet hat.»
Dann spricht er über Pflege der Pferde und
empfiehlt hierin Strenge und Sorgfalt: «denn wenn
die Pferde in Folge Nachlässigkeit der Knechte
krepiren, dann adieu Kanonen!» Den berechtigten
Stolz über die reitende Artillerie und die Sorgfalt,
mit der Friedrich auf die Geheimhaltung jener neuen
Erfindung sah, zeigt folgende Auslassung:
«. . . . Ausser dieser gewaltigen Menge von
Kanonen haben wir noch eine Artillerie von wunder
barer Wirkung, wenn man sie richtig gebraucht.
Sie besteht aus 20 6-Pfändern und 4 Haubitzen.
Man sucht sich gute Pferde als Bespannung aus,
und die gesammten Bedienungsmannschaften sind
mit polnischen Pferden beritten gemacht. Ein Kapitän
und zwei Subalternen sind ihm beigegeben. Dieses
Geschütz lässt sich wie der Wind fortbewegen
und in weniger als einer Minute habt ihr an dem
bezeichneten Orte eine Batterie aufgepflanzt. Wenn
man diese Erfindung in täglichen Gebrauch nähme,
*) Wer denkt hier nicht an unsere schwere Artillerie
des Feldheeres?
zwei von derselben Partie; bewahrt man aber das
Geheimniss und bedient sich nur gelegentlich dieser
leichten Artillerie in entscheidenden und höchst
wichtigen Momenten, wie wir es bei Reichenbach
thaten, so wird man unzweifelhaft den grössten Vor
theil daraus ziehen.»
Den Vorteil der Vorhand in der Feuereröffnung
stellt Friedrich folgendermassen dar: «Die Kanone
wirkt in freier Ebene fürchterlich, und das Schlimme
ist, wenn Ihr den Feind angreift, sind alle seine
Batterien bereits errichtet, und er kann auf Euch
feuern, während Ihr die Euren erst ansetzt; und das
ist ein ungeheurer Unterschied!»
Wir mussten aus diesem Testament vieles wört
lich anführen, denn in einem Testament pflegt sich
der Mensch zu zeigen, wie er ist, und den Menschen
wollen wir ja betrachten. Am Schluss kommt das
Bewusstsein, auch nur ein schwacher Sterblicher zu
sein, trotz aller Erfahrung und Geistesschärfe, schalk
haft-bissig zum Ausdruck, wenn Friedrich sagt: «Man
muss stets diese Regeln vor Augen haben, und doch
ist Niemand unfehlbar ausser dem Papst!»
Die letzte grössere militärische Schrift Friedrichs
sind die «Grundsätze der Lager-Kunst und
Tactic». Die in scharfsinnigster Nutzbarmachung
der Kriegserfahrung einmal gefundenen Grundsätze
bleiben bestehen. Aber es mochte das Bedürfnis
vorliegen, dem jungen Nachwuchs an höheren
Führern eine Unterweisung in die Hand zu geben,
welche den neuesten Erfahrungen gerecht wurde,
was die 22 Jahre alten Generalprinzipien längst nicht
mehr thaten. Friedrich konnte sich jedenfalls einer
solchen Neubearbeitung bei seiner Unermüdlichkeit
und Gewissenhaftigkeit nicht entziehen.
Mit noch grösserer Entschiedenheit als je vorher
ist hier ausgesprochen, dass es ohne Artillerie
überhaupt nicht geht! Nachdem im 36. Artikel,
von der Feld-Artillerie, darauf hingewiesen worden
ist, dass die Infanterie von der Artillerie unterstützt
werden muss und zu diesem Zweck, wenn Höhen
vorhanden, Kanonen, sonst Haubitzen verwendet
werden müssen, sagt Friedrich geradezu: «Wenn
ihr aber weder Canons noch Haubitzen anbringen
könnt, alsdenn lasst nur euer Vorhaben fahren,
und dencket auf andere Mittel, wie ihr im Stand
seyn möget, den Feind aus seinem vortheilhaften
Posten zu vertreiben.»
Aus diesen Worten sieht man, wie tief in
Friedrichs Geist die Ueberzeugung Platz gegriffen
hatte, dass die Artillerie unentbehrlich sei, genau
ebenso unentbehrlich wie Infanterie und Kavallerie.
Und bestärkt wird dieser Eindruck noch durch die
Worte: «Die Artillerie leistet demnach bey dem
Angriff eines Posten die vorzüglichsten Dienste,
allein sie verschaff noch weit wichtigem Nutzen,
wenn man selbst einen solchen Posten zu ver
theidigen hat.» Im Vorwort sagt Friedrich sogar:
«Wir müssen uns ins Gedächtniss wohl einprägen,
214
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
dass wir in der Zukunft nichts als einen Artillerie
krieg- zu machen und Postens zu attaquiren haben
II. Band.
noch findet, um Wiederholungen zu vermeiden, und
werden . . . .»
Dass die mannigfache Verwendung, je nach
Gestalt des Geländes, die alten geometrisch regel
mässigen Figuren der Truppenaufstellung mehr und
mehr hinfällig machen musste, ist klar, und darauf
zielt Friedrichs Satz: «Zu diesem Endzweck1) müsset
ihr eure Trouppen - nach denen Krümmungen des
Terreins stellen, und zum Aufmarsch derer Treffens
euch die grade Ligne gänzlich aus dem
Sinne schlagen, > ein Satz, der seinem inneren
Gehalte nach noch heute mannigfach in Erinnerung
gebracht werden möchte. Es sind stets dieselben
Fehler und Marotten, die aus dem Durchschnitts
menschen herausgetrieben werden müssen; auch
heute noch ist das widerlich-kleinliche Haften am
hergebrachten Schema, welches Friedrich hier ver
wirft, noch lange nicht aus der Welt geschafft.
Ich übergehe die vielfachen sonstigen Erwäh
nungen, welche die Artillerie in der Lager-Kunst
und Tactic, wie in den sonstigen Schriften Friedrichs
l) Bestreichung- des gesamten Geländes vor der Front
eines Lagers.
ziehe das Facit aus unseren bisherigen Betrachtungen.
Friedrich hatte, wie alle grossen Feldherren,
den Grundsatz: «mit allen Kräften und Mitteln an
griffsweise die Entscheidung herbeizuführen». Hierzu
wird alles Vorhandene verwendet und nötigenfalls
umgestaltet, so auch die Artillerie. Jede Erfindung
des Friedens, jede Erfahrung des Krieges wird
nutzbar gemacht und den ausführenden Organen in
kurzen, geistvollen, scharf durchdachten und über
zeugenden Worten zur Verwendung zubereitet. Kein
Zeitgenosse hat so wie Friedrich die Erfahrungen
der Praxis geistig zu verarbeiten verstanden, weil
keiner diesem Endziel, angriffsweise die Entscheidung
zu suchen, nachzustreben die Kraft hatte. Dazu
gehört eben die Seelengrösse eines Friedrich, welche
die Verhältnisse unter ihren Willen zwingt, nicht
von ihnen abhängig ist.
Und das führt zu dem, was ich eingangs streifte:
nicht die Waffe ist es, welche mit ihren Verände
rungen Taktik, Strategie, Kultur u. s. w. beeinflusst,
sondern es ist der Menschengeist, der die Waffen
in ihrer fortschreitenden Vervollkommnung seinen
Zwecken dienstbar macht. Es ist der Geist, der
sich den Körper baut.
Nochmals der Deutschordens-Hochmeisterschild.
Von Landgerichtsrat Bernh. Engel in Thorn.
}n der mir zugegangenen «Mitauschen
Zeitung» vom 18. November (i. De
zember) 1900 ist eine Besprechung
meines Aufsatzes über den Innsbrucker
Hochmeisterschild abgedruckt, welche
durch Freiherrn Alex. v. Rahden in
der Sitzung der «Sektion für Genea
logie, Heraldik und Sphragistik» vom
3. Oktober 1900 erfolgt ist. Darin ist
Nachstehendes ausgeführt:
«Frhr. v. Rahden erklärte, dieser Ansicht des
Verf. (nämlich, dass der Schild als Tartsche anzu
sprechen sei, und dass wir es mit einem wirklichen
Gebrauchsschilde des Hochmeisters etwa aus dem
Jahre 1320 zu thun haben,) nicht beipflichten zu
können: dass der vorliegende Schild keine Tartsche
sei, lehre schon der blosse Augenschein und könne
der Verf. bei dem Fehlen der charakteristischen
Merkmale für diese Schildform nur durch das Be
streben sich zu dieser Annahme haben verleiten lassen,
für den thatsächlich vorhandenen Anachronismus,
der zwischen Schild- und Wappenform bestehe, eine
Erklärung zu finden. Nach der Ansicht des Vor
tragenden weise indessen der vorliegende Schild
die typischen Formen der sog. normannischen Kampf
schilde auf, die bis zum Anfänge des 13. Jahrhunderts
im Gebrauch waren und dann durch die gotischen
Dreieckschilde verdrängt wurden, während die Be
malung des Schildes mit dem Wappen des Deutsch
ordensmeisters sowie die Umschrift offenbar einer
viel späteren Zeit angehören. Auch gegen die vom
Verf. zur Erklärung dieser letzteren aus dem Gebiete
der Sphragistik herbeigeholten Analogien müsse
Referent entschieden Einsprache erheben; denn ein
so selbstverständliches, ja notwendiges Requisit die
Legende auf den Siegeln bilde, ebenso befremdlich,
ja unmöglich erscheine eine Umschrift auf einem
Gebrauchs- resp. Kampfschilde, die dem Träger
desselben der Aussenwelt gegenüber gewissermassen
als Legitimation hätte dienen sollen. Dazu bedurfte
es aber in jener Zeit keinerlei Aufschrift, da das
auf dem Schilde angebrachte Wappenbild und der
mit dem Kleinod geschmückte Helm zu diesem
Behufe vollkommen genügten.»
«Nicht minder auffallend muss die Darstellung
des vollständigen Wappens auf dem in Rede
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
stehenden Kampfschilde erscheinen, wofür wir aus
215
der Schild selbst. Wäre dieses der Fall, so müsste
dem 13. und dem Anfänge des 14. Jahrhunderts kein
weiteres Bespiel besitzen, denn Wappen und Waffen
waren damals noch synonyme Begriffe. Erst nach
dem um die Mitte des 14. Jahrhunderts der gotische
Schild der slavischen Tartsche den Platz hatte räumen
müssen, begann man dieselbe durch Aufnahme des
ganzen Wappens nach neuerem Begriff — (i. e. Schild,
Helm, Decken, Kleinod) — zu schmücken, da diese
neue Schildform, namentlich in ihrer ursprünglichen
Gestalt als Wappenschild, d. h. zur unmittelbaren
Aufnahme des Wappenbildes, nicht besonders ge
eignet war. Referent resümierte seine Ansicht über
den besprochenen Hochmeisterschild dahin, dass
derselbe in seiner heutigen Gestalt wohl schwerlich
als Kampfschild von dem Hochmeister gebraucht
worden sei, es sich vielmehr um einen aus dem
13. Jahrhundert stammenden sog. normannischen
Schild handle, der vermutlich zu Dekorationszwecken,
vielleicht um ihn als Toten- resp. Gedächtnisschild
zu verwenden, in einer späteren Zeit, aber wohl
jedenfalls noch im 13. Jahrhundert, mit dem Wappen
des Hochmeisters bemalt worden sei.»
Diese Einwendungen kann ich nicht gelten
lassen:
Zunächst bin ich in der angenehmen Lage, zur
Unterstützung meiner Zuteilung unseres Schildes an
Carl Beffart von Trier ein weiteres Belegstück bei
zubringen. Das ist das Sekret dieses Hochmeisters.
Dasselbe fehlt bei Vossberg und war mir bisher
entgangen. Es findet sich — ohne Erwähnung im
Texte — auf Taf. 5, Fig. 14 zu Seylers Geschichte
der Heraldik abgebildet,1) daneben ist die Jahres
zahl 1323 vermerkt. Das Siegel zeigt den Hoch
meisterschild, und zwar im Gegensatz zu allen übrigen
Hochmeistersiegeln älterer Zeit nicht mit Balken-,
sondern Kleeblattkreuz, genau so wie auf den von
mir erwähnten Siegeln des Elbinger Komturs von
1310 und 1319. Auch die Umschrift
f SECRET : FR (atr) IS : KAR (oli) : MAG (ist) RI :
FR (atru) M . TEVT
entspricht derjenigen unseres Schildes, nur dass bei
letzterer noch «ordinis» eingefügt ist. Wenn nun
auch die Kleeblätter auf unserem Schilde nicht rund,
sondern in Spitzen ausgezogen sind, so meine ich,
ist doch der Umstand allein, dass das Siegel dieses
Hochmeisters als einziges ein Kleeblattkreuz zeigt,
und dass ein solches zu gleicher Zeit auf den
Elbinger Siegeln erscheint, zwingend für die Zeit
stellung unseres Schildes bezw. zunächst der Malerei.
Wenn der Herr Referent letztere noch in das 13. Jahr
hundert setzen will, so hat er dafür keinerlei Gründe
angeführt.
Ebensowenig erscheint seine Annahme zutreffend,
dass die Malerei einer späteren Zeit entstamme, als
1) Die Tafeln 5, 6 und 7 stammen wohl aus Vossbergs
Nachlass; vergl. Vorwort S. VI.
zweifellos unter der jetzigen eine ältere Malerei vor
handen sein, denn auch im 12. Jahrhundert waren
alle Schilde bemalt, und von dieser älteren Malerei
müssten sich Spuren zeigen, da die reichlichen Ab
blätterungen der jetzigen Tünche jene hier oder da
hervortreten lassen würden, wenn man nicht etwa
annehmen wollte, dass der spätere Maler die ältere
Tünche gänzlich abgewaschen habe. Letzteres wider
spräche aber — wie ähnliche Fälle beweisen —
gänzlich den damaligen Gewohnheiten; und von
einer älteren Malerei ist keine Spur vorhanden, wie
mir Herr Geheimer Baurat Dr. Steinbrecht in Marien
burg', welcher den Schild neuerdings eingehend unter
suchte, bestätigt hat.
Weiter kann ich auch die Annahme nicht gelten
lassen, unser Schild sei in seiner gegenwärtigen Ge
stalt kein Gebrauchs-, sondern ein Dekorationsschild
gewesen. Das Gegenteil ergiebt sich schon aus der
Beschaffenheit der Rückseite. Diese ist offenbar
gleichzeitig mit der Vorderseite bemalt, und zwar
vor Befestigung des Armpolsters und der Riemen.
Wozu bedurfte ein Dekorationsschild einer rück
wärtigen Bemalung, wozu des Polsters und der
Riemen? Daneben kann der Umstand, dass das
Anbringen einer Umschrift auf einem Gebrauchs
schilde etwas Ungewöhnliches ist, nicht in Betracht
kommen.
Uebcrdies finden wir aber ähnliches — wenn auch
nicht an anderen der spärlich erhaltenen Originale —
so doch an Darstellungen von solchen: So zeigt
das Standbild des Markgrafen Wilhelm von Meissen
im Naumburger Dom auf dem Schildrande den
Namen seines Trägers. (Abbildung bei Mansbcrg,
Wäfen unde Wicgewaete, Taf. VIII, Fig. 10.) Zwar
der Markgraf war schon 1062 gestorben, während
die Figur dem 13. Jahrhundert entstammt. Wäre
aber das Anbringen einer Inschrift auf dem Schild
rande so etwas Unerhörtes gewesen, so hätte der
Meister den Namen sicher an einer anderen Stelle
z. B. auf dem Sockel oder einem Spruchbande an
gebracht. Ferner zeigt ein romanischer Reliquien
schrein (ca. 1130) im Museum zu Stuttgart einen
Ritter mit Schild, dessen Rand den Namen Cassius
trägt. (Zeitschr. d. herald. Vereins «Kleeblatt» 1895,
S. 47 und Taf. dazu Fig. c.) Hier hätte der Name
ebenfalls leicht an anderer Stelle angebracht werden
können.
Auch ist. nicht ersichtlich, weshalb ein Deko
rationsschild in höherem Masse einer Umschrift be
durfte, als ein Gebrauchsschild. Jener fand doch
ebenfalls nur da Verwendung, wo das Wappen be
kannt war. An einen Totenschild kann überhaupt
nicht gedacht werden; denn abgesehen davon, dass
ein solcher fraglos mit dem Namen des Verstorbenen
bezeichnet sein würde, steht fest, dass der Schild
aus der Burg Reifenstein stammt; dort aber wie
überhaupt in jener Gegend ist kein Hochmeister
gestorben. Carl Beffart starb in Trier. Anderer
210
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
seits lässt sich wohl geltend machen, dass das
II. Band.
leitet den Namen Tartsche von dem arabischen därake
Wappen des Hochmeisters nicht überall in Italien
bekannt gewesen sein wird, so dass cs erklärlich
erscheint, wenn Carl für seine Reise nach Rom,
bei welcher er an vielen Orten Herberge nehmen
musste, seinen Schild mit einer erläuternden Um
schrift versah. Es lässt sich annehmen, dass ihm
bei seinem Einzuge in die Städte der Schild vorauf
getragen und sodann an seiner Herberge — wie
damals üblich — aufgehängt wurde. Es erscheint
mir aber auch schon an sich als eine sehr nahe
liegende Wechselwirkung, dass — nachdem es Mode
geworden war, den Siegeln die Form des Gebrauchs
schildes zu geben, — nun auch umgekehrt gelegent
lich der letztere mit einer bei Siegeln üblichen Um
schrift versehen wurde.
Ich glaube also erneut dargethan zu haben, dass
unser Schild in seiner gegenwärtigen Gestalt, d.h. samt
seiner Bemalung, ein Gebrauchsschild ist, und dass
beide gleichzeitig sind, also der Zeit von etwa 1320
entstammen. Am Ende war damals ein Schild auch
nicht ein so kostbares Ding (1400 wird der Schild in
Preussen mit 1 Firdung bezahlt), dass man für einen
Hochmeister oder auch zu seinen Ehren ein veraltetes
50 bis ioojähriges Stück hätte hervorsuchen müssen.
Aus dem Gesagten folgt weiter, dass unser
Schild nur als Tartsche angesprochen werden kann;
denn nur eine' solche, niemals aber ein normannischer
oder gotischer (dreieckiger) Schild ist mit einem
Vollwappen (heraldischem Schild und Helm mit
Kleinod) bemalt worden. Ich halte es auch für
gänzlich ausgeschlossen, dass im 14. (oder auch
13.) Jahrhundert ein Schildmaler einen gotischen
(oder normannischen) Schild selbst zu Dekorations
oder Gedächtniszwecken mit einem Vollwappen be
malt haben würde. Der Herr Referent meint freilich,
schon der blosse Augenschein lehre, dass der vor
liegende Schild keine Tartsche sei, da die charak
teristischen Merkmale für diese Schildform fehlen.
Der Herr Referent scheint dabei anzunehmen, dass
diese Merkmale in der Wissenschaft bereits fest
gelegt seien. Das ist wohl bezüglich der späteren
Wappenschildform (also in der Heraldik) der Fall,
bei welcher als Kennzeichen der Tartsche der Speer
einschnitt bezw. dessen Andeutung, die Nase, gilt,
keineswegs aber bezüglich der Gebrauchstartsche
in ihrer ursprünglichen Form.
Referent stützt sich vielleicht auf Seylers «Ge
schichte der Heraldik», wo S. 328 die Tartsche als
von dem slavischen Osten entlehnt bezeichnet und
als beinahe viereckig mit sanft gebogenen Rändern
und mit Speerausschnitt versehen beschrieben wird.
Einen Beweis für die Entlehnung von den Slaven
bringt Seyler nicht.1) Boeheim, «Waffenkunde» S. 176,
*) Herr Geh. Kanzleirat Seyler hat sich dabei gütiger
brieflicher Mitteilung zufolge insbesondere auf die Aus
führungen in der Zeitschr. des Vereins «Herold» 1889 S. 88
gestutzt. Dieselben erscheinen jedoch nicht überzeugend.
Vgl. dagegen a a O. S. 109 und 164.
ab, wovon das italienische targa stamme, womit ur
sprünglich der kleine Rundschild bezeichnet worden
sei. Zugleich legt Boeheim aber den Namen Tartsche
dem kleinen dreieckigen Schilde (petit ecu) bei und
giebt als Beispiel eine Abbildung des Seedorfer
Schildes. Mansberg, Wafen unde Wicgewaete, S. 47,
bringt daneben die Ableitung von dem nordischen
tiarga, althochdeutsch zarga = Schutzwehr. (Vgl.
San Marte, «Waffenkunde» S. 102.) Die Entstehung
der Tartsche führt Mansberg auf den Wunsch zurück,
dem Schilde unter Beibehalt der landesüblichen Höhe
eine grössere Breite zu geben. «Im übrigen — be
kennt er — ist man gar nicht imstande, eine be
stimmt ausgesprochene Form dieser Schildart zu
schreiben zu können.» Welches sind denn nun die
charakteristischen Merkmale, die der Herr Referent
im Auge hat?
Die Bezeichnung «Tartsche» kommt bereits im
13. Jahrhundert vor. (Vgl. San Marte und Mans
berg a. a. O.) Der Speereinschnitt war damals noch
nicht erfunden; er kann also das Merkmal nicht sein.
Dagegen finden wir im 13. Jahrhundert neben der
gewöhnlichen, unten spitzen Schildform eine andere,
unten halbrunde.1) Vgl. Demmin, «Kriegswaffen»,
3. und 4. Aufl., S. 384, Fig. 2, und die schildförmigen
Siegel derselben Gestalt bei Adelung, Tafel zu Teil V,
Fig. 11, 12, und in der Zeitschrift des Vereins
«Herold» 1891, Tafel zu S. 33, Fig. 20.s) Diese
Schilde wird man doch wohl als Tartschen ansprechen
und Mansberg recht geben müssen, wenn er die
grössere Breite (natürlich des unteren Teiles) als
Merkmal der Tartsche bezeichnet. Auch die recht
eckigen Siegel bei Seyler, «Geschichte der Siegel»
Fig. 52 (1279), 53 (1300), und Adelung, Teil V,
S. 330 (1305) sehe ich als schildförmige, d. h. tar
tschenförmige an. Sie haben noch keinen Speer
einschnitt. Das bei Seyler a. a. O. S. 95 vermerkte,
aber nicht abgebildete Siegel
in Tartschenform mit Ein
schnitt (1339) ist durchaus
nicht rechteckig, wie die
nebenstehende Umrisszeich
nung ergiebt, insbesondere in
seinem oberen Teile nicht
gerade abgeschnitten, sondern
eher gerundet.
Mir scheint aber, dass der
Herr Referent den Innsbrucker
Schild gerade deshalb den
normannischen Schilden einreihen will, weil er oben
halbkreisförmig ist. Das allein kann aber nicht ent
scheiden ; der normannische Schild verlangt vielmehr
andererseits nach unten hin eine Spitze, also Keil
*) Die um 1400 wieder erscheinenden halbrunden Schilde
sind eine heraldische Neubildung von lediglich stilistischer,
nicht waffentechnischer Bedeutung. (Vgl. Boeheim S. 177.)
2) Vgl. Henne am Rhyn, Gesch. d. Rittert. S. 57.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
form.1) So erscheint der Schild bis zum Ende
217
erst um die Mitte des 14. Jahrhunderts vorkomme.
seines Auftretens. (1294, Seyler, Heraldik, S. 73,
No. 7.) Zwar die überaus schlanke Form der älteren
Zeit hatte allmählich einer mehr gedrungenen Platz
gemacht, die Spitze aber ist überall vorhanden, sie
ist ebenfalls ein Kennzeichen dieser Schildform, und
dass sie es ist, ergiebt der Umstand, dass der aus
dem normannischen Schilde hervorgegangene go
tische (dreieckige) Schild die Spitze ebenfalls bei
behalten hat. Hält man daneben unseren unten
breit abgerundeten Schild, so erscheint es völlig
ausgeschlossen, ihn als normannisch anzusprechen,
wenn nicht schon die Bemalung das Gegenteil er
gäbe. Unrichtig ist übrigens die Annahme des
Herrn Referenten, dass die Bemalung mit Vollwappen
*) Wenn in der Kudrun (vgl. Seyler, Heraldik, S. 81)
kiule und buckelaere nebeneinander genannt werden, so
könnte sich ersterer Ausdruck vielleicht auf die keilförmigen,
d. h. unten spitzen Schilde beziehen.
Seyler, Heraldik, weist Seite 328 zwei Fälle von
1318 und 1320 nach, denen sich der unsere als
dritter anreiht.
Sonach muss ich in allen Punkten meine früheren
Ausführungen aufrecht erhalten, auch dass die Form
unseres Schildes «etwas absonderlich» ist, aber nicht
mehr als z. B. die Tartsche mit unterer Spitze bei
Seyler, Heraldik, Taf. 9, Fig. 2. Bei unserem Schilde
ist im Gegensätze dazu die obere Abrundung etwas
absonderlich. Aber wir wissen ja gar nicht, wo
dieser Schild gefertigt wurde, vielleicht- während
der Fahrt Carl Beffarts in Italien selbst; und dort
hat man die oben abgerundete Schildform (aller
dings zugleich mit unterer Spitze) bekanntlich noch
weit später beibehalten. (Vgl. Festschrift des
«Herold» 1894, S. 183. Ferner für Frankreich:
Weiss, Kostümk. d. 14.—16. Jahrh., alte Ausgabe,
S. 87, Fig. 52.)
Noch ein Wort über die „genuesischen Klingen“.
Von Dr. G. Petzsch.
ie Abhandlung von Dr.Wilh. I
k Erben «Zur Deutung der
Klingeninschrift FR1N
GIA» in Heft 5 des
zweiten Bandes, welche
V sich gegen einige wissen
W schaftliche Ergebnisse,
’ die M. von Ehrenthal
in seinem Aufsatze
«Genuesische Klingen»
(Heft 2 u. 3 der Zeitschrift) niedergelegt hat, wendet,
ist geeignet, beziehentlich mehrerer darin festgestellter
Thatsachen Zweifel oder Unsicherheit hervorzurufen.
Gestützt auf das Material von echten genuesischen
Klingen, welches seit Jahrhunderten im Königlichen
Historischen. Museum zu Dresden aufbewahrt wird,
sieht sich der Schreiber dieses daher in der Lage,
zu der Streitfrage ebenfalls das Wort zu er
greifen.
Zuerst sei zu dem Worte Fringia noch eine
Bemerkung gemacht. Wer der Annahme Dr. Erbens
beistimmt, dass das türkische Wort frengi (fränkisch,
abendländisch) der Bezeichnung Fringia oder Frangia
zu Grunde liege, und ebenso seiner Ansicht, dass
der türkische, nicht der ungarische, bez. abendlän
dische Sprachgebrauch bei der Anbringung des
Wortes massgebend gewesen sei, dass also die
orientalische Kundschaft ein orientalisches Wort auf
den gekauften Klingen sehen wollte, der möge be
denken, dass die Türken das stets in lateinischen
Buchstaben wiedergegebene Wort keinesfalls lesen,
dass sie auch mit dem Schriftbilde kaum eine Vor
stellung verbinden konnten. Die Klingenfabrikanten
und -Verkäufer aber hätten sich mit einiger Mühe
sehr wohl die Schreibweise des türkischen Wortes
in türkischen Buchstaben aneignen können, wenn
dies ihrem kaufmännischen Interesse förderlich ge
wesen wäre. Ohne nun bestreiten zu wollen, dass
das Abendland neben anderen Waffen auch Säbel
klingen an die Türken absetzte, möge doch darauf
hingewiesen werden, dass, nach den auf unsere Zeit
überkommenen türkischen Säbeln zu schliessen, der
Bedarf an Klingen fast ausschliesslich im osmanischen
Reiche oder von Persien her gedeckt worden sein
dürfte; denn türkische Säbel mit westeuropäischen
Klingen gehören jedesfalls zu den grössten Selten
heiten.
Nehmen wir aber trotzdem an, dass die im
allgemeinen doch ziemlich geschäftsgewandten euro
päischen Klingenhändler nicht auf den Gedanken
gekommen wären, den Handel mit Säbelklingen
mittels des türkisch geschriebenen Wortes Fringia
zu beleben und zu fördern, so stellt uns Erben vor
folgende Möglichkeiten:
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
1. Das a der Endung' im Worte Fringia wäre
219
Cividale, Toledo, Valencia und anderen haben? Es
die mechanische Nachbildung anderer Her
kunftsbezeichnungen auf Klingen (wie Genoa,
Venecia u. a.), was dem Sinne nach mit der
anderen Annahme zusammenfällt, Fringia
wäre der aus frengi gebildete Ländername
mit der Bedeutung «Frankenland, Abend
land». — Hiergegen wäre geltend zu machen,
dass eine derartige Wortbildung für Mund
und Ohr von Orientalen ganz unwahrschein
lich ist; da für den Begriff Franken- oder
Abendland ausserdem das Wort Fransa, in
neuerer Zeit Frangistan im Türkischen
existiert, ist nicht erfindlich, warum ein
Abendländer, um bei den Orientalen ge
schäftlichen Erfolg zu haben, ein neues und
dabei nicht einmal ohne weiteres verständ
liches Wort gebildet haben sollte.
2. Als ferner mögliche Erklärung des Wortes
Fringia — Frangia nimmt Erben eine ab
sichtliche Latinisierung an. Spricht dagegen
schon der oben angeführte Grund, der völlige
Mangel an Verständnis bei den Türken, so
muss mindestens ebenso der Umstand in
Betracht gezogen werden, dass das dem
Abendländer vertraute deutsche Wort frank
in richtigem Lateinisch nur Franca oder
Francica (seil, framea), nie aber frangia oder
anders lauten kann.
Schreiber dieses weiss wohl, dass er mit der
Darlegung dieser Widersprüche selbst keine neue
positive Erklärung der vielumstrittenen Klingen
inschrift geben kann;1) Erbens Aufstellung, welche
nach seinem Dafürhalten «nirgends zu unwahrschein
lichen Annahmen nötigt», dürfte sich aber nach dem
Vorstehenden wohl auch nicht als stichhaltig er
weisen. Von praktischer Bedeutung für uns wäre
nur die eine Erklärung des umstrittenen Wortes,
welche gleichzeitig den sicheren Nachweis der Her
kunft derartiger Klingen lieferte, wie es die Notiz
in dem Nachlassverzeichnis des Peter Zriny, «Framea
cum ferro Fringiae Genuae», vermuten lässt. —
Noch ungleich schärfer muss aber der Ansicht
von Dr. Erben über die Genueser Klingen und ihre
Bedeutung widersprochen werden. Es erscheint völlig
unerfindlich, warum die eingeschlagene Inschrift
GENOA oder GENOVA auf Klingen von italieni
schem Typus etwas anderes bedeuten soll als den
Herkunftsort, nämlich die Stadt Genua in Italien,
deren Klingenindustrie, wie Erben selbst zugiebt,
einen Weltruf genoss. Was soll das Wort nur sonst
besagen und welches ist denn das Kennzeichen der
echten genuesischen Klingen, wenn es nicht der
Stadtname ist, zu welchem wir Parallelen in Venecia,
!) Jedenfalls ist auch — und das dürfte nicht im Wider
spruch zu den Ausführungen des Herrn Verfassers stehen —
die früher versuchte Auflösung des Rätselwortes aus philo
logischen und historischen Gründen nicht zu halten.
Die Schriftleitung.
wäre absurd, bei einem Fachgelehrten, wie es Erben
ist, nicht die Kenntnis der charakteristischen Merk
male von italienischen Klingen des 15. und 16. Jahr
hunderts vorauszusetzen; für die Gesamtheit der Leser
unserer Zeitschrift dürfte 'es aber wohl nicht unwill
kommen sein, solche wenigstens im Bilde kennen
zu lernen. Es sei daher zu der nebenstehenden Ab
bildung folgendes bemerkt: Alle fünf Klingen tragen
die unzweifelhaften Merkmale der italienischen Her
kunft und überdies als spezielles Zeichen der Unter
scheidung von anderen Klingen die parallel laufenden,
sauber ausgezogenen Kannelierungen (Blutrinnen),
welche sich, meistens zwei, drei oder vier, über
einen Teil oder auch über die ganze Länge der
Klinge erstrecken.
No. 1, ein Schwert mit lederbezogenem Griff
und S-förmiger eiserner Parierstange, unterhalb wel
cher zwei Lederlappen angebracht sind, welche die
(in der Scheide steckende) Klinge vor eindringendem
Regen schützen sollten, wurde als «Wehr Kaiser
Karls IV.» (-f 1378) dem sächsischen Kurfürsten
Christian I. in einem der letzten Jahre des 16. Jahr
hunderts von Ladislaw Popell von Lobkowitz ver
ehrt. Die dreifach angebrachte Marke (vgl. «Führer
durch das Königliche Historische Museum zu Dresden»
von M. v. Ehrenthal, 3. Aufl. [1899], S. 8, No. 30)
auf der vorzüglichen Klinge bezeichnete Boeheim
als «vermutlich brescianisch», also italienisch.
No. 2, ein sogenanntes Schweinsschwert aus der
Zeit um 1520, trägt auf der Klinge neben der Sichel
marke ein als «halber Reichsapfel» bekanntes Meister
zeichen (vg'l. «Genuesische Klingen» von M. v. Ehren
thal in Heft 2 der Zeitschrift, S. 27, Fig. 1) und führt
uns in dem schönen, schneckenförmig gewundenen
und in Eisen geschnittenen Gefäss ebenfalls eine un
zweifelhaft italienische Arbeit vor Augen.
No. 3 ist die mit einer von Boeheim als mai
ländisch angesprochenen Marke (vgl. «Führer durch
das Königliche Historische Museum zu Dresden» von
M. v. Ehrenthal, S. 143, No. 1) gezeichnete Stoss
klinge eines ovalen hölzernen Armschildes, dessen
Oberfläche mit einer auf Leder gemalten Kampfes
scene überzogen ist. Jeder Teil dieses Rüststückes
leitet seine Flerkunft aus Italien ab, wo es etwa 1520
entstand; 1588 ward es, wie urkundliche Nachrichten
besagen, von dort nach Sachsen gebracht.
No. 4 und 5, Säbel mit Sichelmarke auf den
Klingen, der erstere ausserdem mit dem Worte
GENOVA (vgl. Fig. 4 und 5 auf S. 27 in Heft 2),
beide in ungarischer Fassung und aus der Zeit um
1560. No. s trägt am Knopf die Jahreszahl 1569
und wurde laut Inventar-Nachricht als Andenken an
den Feldobersten Fabian von Schönaich vom Kur
fürsten August von Sachsen (1526—1586) gern ge
tragen.
Es muss bei der Erben sehen Darlegung un
bedingt in Berechnung gezogen werden, dass ihrem
Verfasser Originale wie die vorstehend abgebildeten
29
II. Band.
220
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
aus dem Historischen Museum nicht Vorgelegen
haben, sondern dass er sein Urteil lediglich von den
Husarensäbeln mit Sichelmarke im k. und k. Heeres
museum zu Wien, die wohl sämtlich kaum über die
Mitte des 17. Jahrhunderts zurückgehen, vor allem
aber von den bestechenden Momenten abhängig
machte, welche die Bestände des Grazer Landes
zeughauses und die urkundlichen Nachrichten über
deren Herkunft ihm lieferten. Und doch sind auch
diese Momente durchaus nicht vermögend, die
v. EhrenthaFsche Hypothese über die Genueser
Klingen irgendwie zu entkräften. Denn selbst, wenn
die grosse Zahl von Klingen in Graz (14 mit Frindia,
18 mit Geneva und 367 mit der Sichelmarke) zu
den vom Jahre 1577 an bekannten Bestellungen in
Steiermark, Passau und Wiener-Neustadt gehörte,
wofür ja, wie zugegeben werden soll, eine gewisse
Wahrscheinlichkeit vorliegt, so ist doch damit nicht
im entferntesten bewiesen, dass alle überhaupt vor
kommenden Schwert- und Säbelklingen mit der ge
nannten Bezeichnung ihren Ursprung aus einem der
genannten Oerter herleiten müssen. Was hätte das
auch für Sinn? Um die Frage nach dem Ursprung
der Klingen im Grazer Zeughause zu entscheiden,
müsste man sie natürlich erst sehen; wahrscheinlich
sind sie ihrer Struktur nach auch nicht einander
gleich und entstammen ebenso verschiedenen Zeiten
als verschiedenen Werkstätten. Unschwer dürfte sich
aber gerade aus Erbens scharfsinnig gruppiertem
Beweismaterial und unter Anerkennung seines
Schlusses, dass die angeführten Grazer Klingen
wahrscheinlich steierischer Herkunft sind, ergeben,
dass die von M. v. Ehrenthal namhaft gemachten
Klingen mit der Aufschrift Genoa eben genuesische
sind: denn auf den Grazer Waffen steht gar nicht
Genoa oder Genova, sondern Geneva, ein Wort, das
den Typus der Nachahmung an der Stirn trägt und
unbedingt auf ein unverstandenes fremdsprachliches
Vorbild hinweist! Wie die Solinger und andere die
Namen der berühmten südeuropäischen Klingen
schmiede und Werkstätten in naivem Solinger
Deutsch für ihre eigenen Klingen adoptierten — es
braucht nur auf Beweismaterial wie Pichinio (anstatt
Picinino), Dolleta (für Toledo), Infaleo (anstatt in
Valencia) im Historischen Museum verwiesen zu
werden —, so machten sich eben die Steierer aus
dem renommierten «Genova« ein «Geneva» (wohl auch
«Geneve»: vgl. No. 2786 bei Szendrei, Ungarische
kriegsgeschichtliche Denkmäler in der Millenniums
Landesausstellung) zurecht und erhöhten damit in
den Augen ihrer Zeitgenossen den Wert ihrer ge
wiss an und für sich schon guten Waffen. Das Vor
handensein eines berühmten italischen Vorbildes wird
also durch dieses verdorbene italienische Wort ge
radezu bewiesen. Das Beste ist, dass Erbens Ge
währsmann, Pichler, in seinem Werke «Das Landes
zeughaus zu Graz» selbst mehrfach die Ansicht
ausspricht, dass recht viele Verfertiger der Klingen
mit den stolzen Namen «gute steierische Landsleute»
gewesen sein mögen, wie denn auch aus dem ur
kundlichen Wortlaute der Bestellungen und Liefe
rungen (Pichler, S. 106 ff.) hervorgeht, dass die
Lieferanten recht vielseitige Meister gewesen sein
müssen. Gleich in den ersten Jahren lesen wir
unter den Eingängen im Landeszeughause: «291
Wolhisch (wälsche) khlingen, 327-Sabl aufVngrisch,
265 wellisch Rappier» und anderes. Wie konnten
die Klingenschmiede aber ihre Erzeugnisse dem
Entnehmer gegenüber als wälsch, ungarisch u. s. w.
kennzeichnen, wenn nicht durch Nachahmen von
fremdländischen Typen und Schmiedemarken? Die
sogenannten wälschen Waffen werden wohl die mit
der imitierten Sichelmarke oder mit dem schönen
Worte Geneva gewesen sein!
Die bei Hiltl (Die Waffensammlung S. K. H. des
Prinzen Karl von Preussen, Mittelalterliche Abteilung)
unter No. 301 beschriebene Schwertklinge vom Jahre
1587 mit der Sichelmarke, einer deutschen Inschrift
und dem Worte Neustadt gehört möglicherweise zu
den Erzeugnissen von Wiener-Neustadt, obgleich gar
nicht in Abrede gestellt werden kann, dass die in
dem Buche abgebildete Marke einen sehr vertrauen
erweckenden Eindruck macht. Man müsste natürlich,
um zu einem abschliessenden Urteile zu gelangen, die
Waffe erst im Original vorliegen haben.
Auch die im Catälogo histörico-descriptivo de
la Real Armerfa de Madrid (1898) auf Seite 376
vom Conde de Valencia wiedergegebene Klingen
inschrift — das Wort GEON zwischen den korrum
pierten Sichelmarken und einem Zeichen, das der
vorhin bei No. 1 vorgekommenen Marke ähnelt —
dürfte schon bei flüchtigem Ansehen hinlänglich
darthun, dass die aus den Kämpfen um Orän(i732)
stammende Waffe (alfanje morisco) ein neueres Er
zeugnis, wahrscheinlich aus einer spanischen Werk
statt des 18. Jahrhunderts ist.
So finden sich fast überall Nachahmungen
genuesischer Klingen, ein Umstand, auf den ja
M. v. Ehrenthal in seinem Aufsatze auch schon
hingewiesen hat. Auf den echten italienischen
Klingen — und zwar schon vom Anfänge des
16. Jahrhunderts an, einer Zeit, in welcher eine
cisalpine Nachahmung der Sichel- oder einer anderen
italienischen Marke noch nicht nachzuweisen ist —
kommt dagegen das Sichelzeichen, eine, wie v. Ehren
thal mit Recht annimmt, örtliche Signatur, in Ver
bindung mit Marken vor, die sowohl andere Fach
männer, als vor allen der Paladin unserer Wissen
schaft, der zu früh verblichene Wendelin Boeheim,
als unbedingt italienische festgestellt haben; das
gilt z. B. auch von denjenigen, welche auf der bei
gegebenen Abbildung ersichtlich sind. Sie speziell
als Zeugen der genuesischen Klingenindustrie er
kannt zu haben, ist das Verdienst der v. Ehren
thal’schen Abhandlung, welche zugleich die für die
Wissenschaft bedeutsame Aufgabe löste, die ver
lorene Spur einer hochberühmten Waffenstadt wieder
zufinden.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Die fürstlich Radziwillsche Rüstkammer zu Nieswiez.
Von M. v. Ehrenthal in Dresden.
(Schluss.)
ie bereits bemerkt, sind
221
man als belebendes Element zierliche Eidechsen
alle Trutzwaffen, mit
Ausnahme mehrererGe
schützrohre, dem Zeit
laufe zum Opfer ge
fallen. Von 66 Ge
schützen, die unter den
Fürsten Karl 111. Sta
nislaus (1734 — 1790),
bez. Hieronymus III. (1758—17S7) noch inventarisiert
waren, sind nur noch 21 Rohre vorhanden, unter
denen sich aber solche von hohem Werte, wahre
Meisterwerke der Giesskunst befinden, die den Ar
beiten der berühmtesten deutschen und italienischen
Gussmeister getrost an die Seite gestellt werden
können. Eine eingehendere Besprechung der Stücke
an dieser Stelle erscheint daher gerechtfertigt.
Die beiden ältesten der sämtlich aus Bronze
gegossenen Kanonenrohre tragen die Jahreszahl
1529, bez. 1533, daneben aber das Wappen der
Stadt Lemberg; an dem älteren ist überdies noch,
zwischen Schildzapfen und Zündloch, das Wappen
von Polen und Litthauen zu sehen. Die Länge des
ersten Rohres beträgt 2,74 m, das Kaliber 0,06 m;
die Länge des anderen 1,79 m, das Kaliber 0,045 m.
Ausser diesen beiden, dem erwähnten Wappen zu
folge in Lemberg hergestellten Geschützrohren sind
aber noch drei andere mit demselben Stadtwappen
gekennzeichnete Stücke aufzuführen, die uns den
Namen eines dortigen Gussmeisters überliefern. Das
eine der Rohre zeigt nämlich um die Mündung
herum die Inschrift; «Lenhard here». (hier); das an
dere die Inschrift: «Lenhardt hiere hat mich gossen»;
das dritte, von gleicher Arbeit wie die vorgenannten
mit der Jahreszahl 1541, das Monogramm C. L.
Der Name des um 1540 zu Lemberg arbeitenden
Gussmeisters deutscher Herkunft lautete daher C.Len
hardt oder Leonhardt. Die beiden ersten Rohre
haben eine Länge von je 1,81 m und ein Kaliber
von 0,05 m; das dritte Rohr eine Länge von 1,60 m
und ein Kaliber von 0,05 m. Letzteres trägt nahe
der Mündung die polnische Inschrift: «Döbra to
obrona z kirn Pan Bög», zu deutsch: «Gut ist die
Verteidigung, mit wem Gott ist».
Doch noch ein zweiter, ebenfalls bisher un
bekannter und noch bedeutenderer Stückgiesser
als Lenhardt ist hier vertreten: Hermann Molzer zu
Nieswiez. Aus seiner Werkstatt stammen fünf Ge
schützrohre von künstlerisch ganz hervorragender
Arbeit, von denen wir drei in der Abbildung bringen.
Fig. 1 gleicht in seiner Gestalt einer leicht gewun
denen korinthischen Säule, die zum Theil mit einer
Weinguirlande en relief umgeben ist, zwischen welcher
wahrnimmt. Auf dem Kapitäl der Säule, das den
Kopf des Rohres bildet, befindet sich das Kreuz
von Jerusalem, womit die Waffe besonders für den
Kampf gegen die Ungläubigen, die Türken und Ta
taren, geweiht sein sollte. Die Schildzapfen laufen
in Löwenköpfe aus; auf dem hinteren, geriffelten Teile
des Rohres, der technischer Schwierigkeiten wegen
auf der Abbildung keinen Platz finden konnte, be
f
indet sich der lateinische Flexameter; «Hostem
f
lammiferae consumunt colla China erae, zu deutsch:
«Den Feind verzehren die Hälse der flammenspeien
den Chimaera» —, ferner Wappen und Namen des
Nicolaus Christophorus Radziwill D. G. Olicae et
in Nieswiez Dux MDC. Am Rande des Boden
stückes aber hat der Gussmeister seinen Namen mit
den Worten verewigt: «Mit Gottes Hilfe goss mich
Hermann Molzer zu Neswisch MDC», Die Länge des
Rohres beträgt 2,62 m, das Kaliber 0,1 m. Sonach
handelt es sich hier schon um ein grösseres Ge
schütz, das mehr für die Verteidigung und Belage
rung als für den Feldkrieg bestimmt war. — Fig. 2
zeigt uns eine besonders originelle Idee des
Meisters, nämlich eine geborstene ionisch-römische
Säule, die scheinbar von Stricken zusammen
gehalten wird, die gleichzeitig auch die Henkel des
Rohres bilden. Unter dem Kapitäl, dem Kopf des
Rohres, sieht man wiederum das Kreuz von Jeru
salem, und darunter, innerhalb eines en relief
hervortretenden Schriftbandes, die Inschrift «Mur
mure non vano Circe quos tango profano», die in
freier Uebersetzung lautet: «Circe heisse ich und
nehme mir die zum Opfer, die meiner Stimme
nicht leerer Schall trifft». Auf der hinteren Hälfte
des Rohres sind Namen und Wappen des Fürsten
genau so wie bei Nr. 1 (wo sie auf der Abbildung
nicht sichtbar waren), angebracht. Bemerkt sei,
dass der Adler, dessen Brust das eigentliche Wappen
schild trägt, der Familie Radziwill bei ihrer Er
hebung in den Fürstenstand des heiligen römischen
Reiches durch Kaiser Maximilian I. 1518 verliehen
worden ist. — Fig. 3 hat wieder die Gestalt einer
korinthischen Säule, deren oberes Drittel, von dem
hier besonders stilvoll modellierten Kapitäl bis ziem
lich an die Schildzapfen kanneliert ist; auf der Mitte
des Rohres tritt in Hochrelief eine fünfköpfige Hydra
hervor, auch die Schildzapfen laufen in Hydraköpfe
aus. Der mittelste des siebenfachen Schwanzes von
dem Ungeheuer schlingt sich um das fürstliche
Wappenschild sowie um eine Kartusche mit dem
Namen des Fürsten Nicolaus Christophorus, hier mit
der Jahreszahl MDCIX. Unterhalb des Wappens
erblickt man als Devise des Geschützes den Vers:
.29*
222
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
II. Band.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
«Hydra paro luctus piceos, dum concito fluctus», zu
223
0,05 m beträgt, ist dem Stile seiner Ornamente nach
deutsch: Hydra genannt, bereite ich Trauer, wenn
ich die schwarzen Fluten errege». Obgleich die
Inschrift des Verfertigers an den beiden zuletzt ge
nannten Stücken fehlt, ergiebt sich doch aus der
allgemeinen Form, sowie aus vielen stilistischen
Details mit Sicherheit, dass Hermann Molzer der
Schöpfer auch dieser Meisterwerke der Giesskunst
gewesen ist.
Von der Hand des vortrefflichen Stückgiessers
stammen jedenfalls noch zwei andere Rohre in
Nieswiez, das eine in der Gestalt eines Baumstammes,
auf dem wiederum eine Hydra en relief angebracht
ist; das andere, ein Rohr gewöhnlicher Form, von
einer Weinrebe mit Blättern und Trauben um
schlungen und mit dem Wappen und Namen des
Fürsten Nicolaus Christophorus nebst der Jahres
zahl MDC in derselben Ausführung und an der
selben Stelle gekennzeichnet wie an den vorgenann
ten Rohren. Durch diese Arbeiten ist die Thätigkeit
Molzers in Nieswiez von 1600 bis 1609 nach
gewiesen und es handelt sich sonach nicht um einen
kurzen Aufenthalt des Meisters am Orte, etwa um
die Ausführung eines Auftrages des Fürsten Nico
laus Christophorus, sondern um das Vorhafldensein
einer ständigen Geschiitzgiesserei, deren Inhaber und
Leiter während des obigen Zeitraumes der genannte
Meister war. Bei der Bedeutung der Stadt während
des 16. und 17. Jahrhunderts, als sie 30—40000 Ein
wohner zählte, an der grossen beliebten Handels
strasse Moskau—Warschau lag und über Wilna mit
der Ostsee, über Bobonisk mit Kiew und dem
schwarzen Meere verbunden war, als in ihr jährlich
zwei bedeutende Messen abgehalten wurden, bei
denen sich nicht nur Kaufleute aus allen Teilen des
Reiches, sondern auch aus fernen Ländern des
Ostens und Südens, des Nordens und Westens ein
fanden; als zu jener Zeit nicht allein das Flandwerk,
sondern auch das Kunstgewerbe blühte, wie einige
vortreffliche, in der Orusheinaja Paläta zu Moskau
bewahrte Goldschmiedearbeiten, deren Ursprung
verbürgt ist, bestätigen: bei dieser Bedeutung ist es
sogar wahrscheinlich, dass sich daselbst auch dauernd
oder wenigstens während eines längeren Zeitraumes
eine Geschützgiesserei befand, der es sicherlich nicht
an Kundschaft fehlte. Dem deutschen Waffenhisto
riker aber wird es zur besonderen Freude gereichen,
dass deutsche Kunst und deutscher Gewerbefleiss
sich auch hier wiederum in fernen Landen bethätig
ten und dass der Name Hermann Molzer zu Nies
wiez der Reihe namhafter deutscher Stückgiesser als
ebenbürtig hinzugefügt werden kann.
Zum Schluss mögen noch zwei der Rohre Er
wähnung finden, die mehr von historischem, als
kunstgewerblichen Interesse für uns sind. Das ältere
von ihnen, dessen Länge 1,71 m, dessen Kaliber
italienischer Herkunft. Zwischen Schildzapfen und
Zündloch tritt en relief ein Wappenschild hervor,
das eine gekrönte Schlange, welche ein Kind ver
schlingt, umschliesst, das bekannte Wappen der
Sforza zu Mailand. Das Stück, welches die Jahres
zahl 1537 trägt, war ursprünglich wohl ein Ge
schenk der Bona Sforza an ihren Gemahl, König
Sigismund I. in Polen und kam dann vielleicht als
Geschenk des Königs Sigismund II. August, der
mit Barbara Radziwill vermählt und sonach mit der
Familie verschwägert war, an diese. Das andere,
ein Rohr von einem Wallgeschütz (es misst in der
Länge 3,18 m und hat ein Kaliber von 0,12 m)
zeigt nahe der Mündung en relief einen Adler mit
Blitzbündel, dahinter die lateinische Inschrift: «To
nantis fulmina vibrat», zu deutsch: «er schüttelt die
Blitze des Donnerers» —, hinter den Schildzapfen
die Wappen von Polen und Litthauen, darunter ein
Band mit den Worten: «Mediis pulcherrimus armis
(«Der Schönste mitten unter den Waffen»), schliess
lich aber die Inschrift: «Joannes III. D. G. Rex Po
loniae Magnus Dux Lituan. etc., fortalitiorum muni
mento hostium tormento me fieri jussit, ut ignita
Domini proferam eloquia nomenque ejus resonem
coram gentibus. Anno D. MDCXCII regni vero
anno XVIII», zu deutsch: «Johannes III., von Gottes
Gnaden König von Polen, Grossherzog von Lit
thauen u. s. w., Hess mich zum Schutz der Tapfe
ren (?) und zur Plage der Feinde herstellen, damit
ich die feurige Rede des Flerrn weitertrage und
seinen Namen widerhallen lasse vor den Völkern.
Im Jahre des Herrn 1692, des Königtums aber im
achtzehnten». Diese Kanone war neben drei ande
ren gleichen Stücken, die indes nicht mehr vor
handen sind, ein Geschenk des Königs Johann III.
Sobieski an seinen Neffen, den Fürsten Karl I.
Stanislaus Radziwill (1669—1719), der in seinen jungen
Jahren, nämlich 1688 und 1689, rühmlichen Anteil an
den Kämpfen gegen die Türken genommen hatte.
Hiermit beschliessen wir die Beschreibung der
Rüstkammer zu Nieswiez. Trotz mancher Stürme,
die zum Nachteil ihrer Bestände über sie hinweg
gegangen sind, bietet dieselbe heute noch dem
Waffenhistoriker sowohl als auch dem Freunde
historischer Forschungen eine Fülle wertvollen und
anregenden Materials, von dem wir im Vorstehen
den das Wesentlichste für die Leser unserer Zeit
schrift gebracht haben.1)
q Es möge zum 1. Teil des Aufsatzes folgendes be
richtigt werden:
S. 142, linke Spalte, anstatt «Nieswicf» — «Nieswiez».
S. 143, linke Spalte, anstatt «Wisniowizki» — «Wis
niowiecki».
S. 145, rechte Spalte, anstatt «Bis zum Jahre 1808» —
«Bis zum Jahre 180;».
II. Band
22 4
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Mitteilungen aus der Renaissance-Abteilung der Kaiserlichen
Eremitage zu St. Petersburg.
Von Staatsrat Eduard von Lenz.
(Fortsetzung.)
IV. Pavesen und Tartschen aus dem XV.: Jahrhundert.
rotzdem die Pavesen und
Tartschen aus dem XV.
Jahrhundert, welche die
Renaissanceabteilung der
kais. Eremitage besitzt,
durch Vernachlässigung,
Uebermalungen und un
berufene Restaurationen
stark gelitten und einen grossen Teil ihres Wertes
eingebüsst haben, bieten sie doch noch so viel des
Interessanten, dass eine kurze Besprechung nicht un
angebracht erscheint.
i. Ein Setzschild des XV. Jahrhunderts,
deutscheArbeit.ausderSammlungBasilewski
(Verkaufskatalog Nr. 347, Nachtrag No. 622).
Rechteckiger, am Oberrande leicht gerundeter
Holzschild, flach gewölbt, mit vorspringender, in eine
Verkragung oder Nase auslaufender Mittelgräte. Die
Höhe beträgt 1,43 m, die Breite oben 68, unten
66 cm; die Gräte misst 14 cm an der Verkragung
und 26 cm am Unterrande des Schildes. Rück
seitig' ist die Pavese mit grober Sackleinwand be
zogen und braunrot bemalt; zum Tragen ist ein
senkrecht gestellter, starker Holzgriff angebracht, für
das Anlehnen an die Lanze oder einen Pfahl hinter
der Nase ein 15 cm langer Eisenbügel, im unteren
Drittel ein ledernes Oucrband von 24 cm Länge vor
gesehen.
Die Aussenseite, mit Leinwand gedeckt, zeigt
auf Kreidegrund in Silber und Schwarz gemalt den
Hl. Georg mit Nimbus und Stirnband, Im langen
Mantel, gotischer Rüstung mit geschifteter Brust und
langen, geschobenen Eisenschuhen, wie er den unter
ihm liegenden Drachen mit der Linken am Halse ge
fasst hält, während die Rechte das Schwert in den
Leib des Ungeheuers bohrt. Im Anhänge zu dem
Kataloge der Sammlung Basilewski wird die Gestalt
als Hl. Michael angesprochen, doch möchten wir uns
dieser Ansicht nicht anschliessen: Die Auffassung
des Heiligen als eines unbärtigen Jünglings in zartem
Alter, in voller Rüstung, aber ohne Idelm, mit ge
spreizten Beinen über dem am Halse gepackten
Drachen stehend (vgl. Dürers Randzeichnung aus
dem Gebetbuche des Kaisers Maximilian), endlich
das Diadem, welches auf einem Holzschnitte des
Germanischen Museums aus dem 14. Jahrhundert
mit dem Kreuz — hier mit einer Rosette — geziert
ist,1) alle diese Einzelheiten lassen es wahrscheinlicher
*) DetzeL Christliche Ikonographie, II, pag. 368 sq.
erscheinen, dass wir nicht St. Michael, sondern
St. Georg, den Schutzpatron des Kriegerstandes, vor
uns haben. »
Der Hintergrund zeigt den weissen, mit roten
Sternchen besäten Kreidegrund, den Schildrand zieren
gelbbraune, durchbrochen gemusterte, durch Blumen
oder Rosetten unterbrochene Bänder, die mittelst
einer Schablone aufgetragen sind; die vier Ecken
sind von der äusserst charakteristisch gezeichneten
Figur des gekrönten böhmischen Löwen mit ge
teiltem Schweif eingenommen. Auf die Verkragung
endlich ist ein Wappen (nach gütiger Mitteilung des
Herrn Prof. A. Hildebrandt in Berlin das der Stadt
Enns) gemalt: geteilt, oben halber, silberner, ge
hörnter Panther im grünen Felde (Steiermark), unten
weiss (silbern) und rot geteilt.1)
Ueber die Provenienz des Schildes ist in dem
Kataloge Basilewski erwähnt, dass das Stück aus der
Sammlung Atz in Linz erworben wurde. Demmin2)
teilt den Schijd, von dem er eine, freilich ungenaue,
Skizze bringt, derselben Sammlung zu, mit dem
Hinweise, dass er aus dem alten Zeughause von
Enns stamme und ein ganz ähnlicher Setzschild noch
jetzt im Besitze der Stadtgemeinde sei.
Eine offene Frage bildet die Kombination des
Wappens einer österreichischen Stadt mit der Figur des
böhmischen Löwen. Wäre das Wappen spätere Zuthat,
so Hesse es sich dadurch erklären, dass die Stadt
') Unser geehrtes Vereinsmitglied, Dr. Othmar Baron
Potier hat uns durch Angabe verschiedener Belegstellen zur Be
stimmung des Wappens zu grossem Dank verpflichtet. Wir
entnehmen seinen Angaben folgendes: Dr. K. Lind, Städte
wappen von Oesterreich-Ungarn etc., Wien 1886, bringt auf
S. 5 das Stadtwappen von Enns nach einem Siegel des
XIV. Jahrhunderts ganz ebenso gezeichnet wie auf unserem
Schilde, nur ist der silberne Panther im blauen Felde. In
der neuen Ausgabe des Siebmacherschen Wappenbuches,
Nürnberg 1885, finden sich (Tafel 4 u. 87) zwei Abbildungen:
Der Panther rechts gewendet im blauen Felde, unten das
ganze Bindenschild, und der Panther links gewendet im
grünen (oder blauen Felde), unten geteilt, Silber und rot.
Endlich hat der Herr Bürgermeister von Enns die
Freundlichkeit gehabt, auf eine diesbezügliche Anfrage des
Barons Potier zu antworten, dass es nicht bekannt ist, ob
die Stadt Enns im 15. Jahrhundert im Schutze eines beson
deren Heiligen stand.. Die in dem Schreiben angeführte
genealogische Beschreibung, Hoheneck, I. T. 1727, spricht
das Wappen an: ein durch die Mitte geteilter Schild, im
oberen Teile ein weisses Panthertier im blauen Felde; der
untere Teil soll das österreichische Wappen «als ein süber
oder weisse Mitten zwischen zweien rothen durchgehenden
Palken.»
2) Die Kriegswaffen, 1891, S. 563.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Enns bei Einverleibung' eines eroberten böhmischen
225
Herzog Albrechts V. von Oesterreich suchen zu
Schildes in das Zeughaus ihr Besitzrecht auf diese
Weise zum Ausdruck gebracht habe. Doch ist diese
Annahme nicht stichhaltig, denn erstens hat eine sorg
fältige Untersuchung keine Spuren von irgendwelchen
beim Aufträgen des Wappens übermalten Ornamenten
Fig. 1.
ergeben, und zweitens wären in dem vorausgesetzten
Falle die Bandverzierungen an dieser Stelle ebenso
wie am unteren Schildrande horizontal, nicht
vertikal angeordnet. Es erscheint daher richtiger,
die Vereinigung der Wappen auf den Umstand
zurückzuführen, dass der Setzschild zu einer Zeit
angefertigt wurde, als die Herrschaft über Böhmen
und Oesterreich in einer Hand lag, und zwar glauben
wir diesen Zeitpunkt um 1437 unter der Regierung
müssen, der, vielfach in die Wirren der Hussiten
kriege eingreifend, im angegebenen Jahre die Nach
folge in Böhmen antrat.
Ein ganz ähnlicher Setzschild mit dem in voller
Rüstung über dem bezwungenen Drachen stehenden
Hl. Georg, den Wappen von Oesterreich und Un
garn und zwei unbekannten Wappen am Schildfusse,
wird in dem historischen Museum der Stadt Wien
aufbewahrt1); eine Abbildung bringt Dr. Szendrei
Fig. 2.
in den ungarischen kriegsgcschichtlichen Denkmälern
der Millenniums-Ausstellung (deutsche Ausgabe,
S. 209, Nr. 658), woselbst er der Leibgarde zu
Fuss des Königs Matthias Hunyadi zugeschrieben
wird. Aehnliche Schilde mit dem Bilde des Hl.
Georg auf Silbergrund im Mittelfelde werden in dem
*) Katalog des Museums von Weiss, 1888, IV. Abt.
Waffensammlung, S. 47, Nr. 467.
226
Zeitschrift für historische Warenkunde.
genannten Kataloge noch unter den Nummern 465,
II. Band.
Wappenbild ein einköpfiger nach links gewandter
466, 468, 476—479 angeführt.
2. Böhmischer Setzschild vom Anfänge
des XV. Jahrhunderts, aus dem Arsenal von
Tsarskoe Selo. H. 95.1)
Rechteckiger, am Oberrande ab
gerundeter Holzschild von ca. 2 cm
Stärke, 1,04 m Höhe und 55 cm
Breite, mit vorspringender, oben in
eine Nase auslaufender Mittelgräte
von 6—16 cm Breite. Das Holz ist
mit Leder überzogen, die Vorder
seite mit Leinwand gedeckt und
darauf die Malerei auf Silbergrund
ausgeführt und mit durchsichtigem
gelbem Lack bestrichen, so dass
die Zeichnung schwarz auf Gold
grund erscheint. Diese harben
zusammenstellung, die vielfach
rissige Oberfläche und die Wölbung
des Schildes, die bei jeder Belich
tung grelle Reflexe hervorrief,
Fig. 3
setzten der photographischen Auf
nahme des Gegenstandes so grosse
Schwierigkeiten entgegen, dass wir uns zu folgen
dem, übrigens durchaus nicht nachahmenswertem
Verfahren cntschliessen mussten: auf der
ganz unzulänglichen Photographie wurden
nach dem Original mit Tusche die un
deutlichen Linien übermalt, die fehlenden
hinzugefügt und das so entstandene Bild
nochmals photographiert;
wir nehmen hier Gelegen
heit, dem Künstler, Herrn
Baron M. P. Klodt von Jür
gensburg, für seine Hilfe bei
dieser ijiühsamen Arbeit
besten Dank zu sagen.
Im Mittelfelde ist die
Gestalt des hl. Wenzeslaus,
Herzogs von Böhmen, in
langem rotem Mantel, mit
geschupptem, unten aus
gezacktem Lentner und lan
gem Kettenhemde, Bein
schienen und geschobenen
Eisenschuhen dargestcllt, in
der Rechten die Rennfahne,
deren rechteckiges, miteiner
Langseite an die Stange ge
heftetes Blatt eine undeut
liche Figur — vielleicht
einen Adler — zeigt (Fig. 2).
Die Linke stützt sich auf einen 'Schild, dessen
‘) Herausgegeben von Gille, Musee de Tsarskoe Selo,
pl. 45. Die Zeichnung ist ungenau und die Inschrift stellen
weise fehlerhaft gelesen. Der Schild wird hier wohl mit J
Recht der Zeit der Hussitenkriege zugeschrieben.
Adler ist; das Bild des Schildhauptes, von dem nur
der Anfang zweier sich kreuzender Linien und ein
krückenartig absetzendes, rot und schwarz gestreiftes
Querband sichtbar ist, können wir nicht deuten (Fig. 3).
Der geschuppte Grund des Mittelfeldes ist von
einem Rankenfelde umgeben, auf dem Schildrande
läuft zwischen zwei glatten Streifen eine in gotischen
Minuskeln auf schwarzem Grunde ausgeführte In
schrift in tschechischer Sprache, deren einzelne
Worte durch roh gezeichnete Blumen von einander
getrennt sind. Das Entziffern der nicht sehr sorg
fältig gemalten Schrift wird noch bedeutend dadurch
erschwert, dass an vielen Stellen der gelbe Lack dunkle
Flecken aufweist, an anderen der schwarze Grund
abgeblättert ist und die hellere Untermalung durch
scheinen lässt. Von einer vollständigen Wiedergabe
der Inschrift müssen wir für jetzt absehen, können
aber bereits feststellen, dass sie keinerlei historische
oder chronologische Daten, sondern lediglich eine
Anrufung des Heiligen enthält und in ihrer ersten
Hälfte etwa folgenden Wortlaut hat: «Heiliger
Wazlaw, Wojewode des tschechischen Landes, hilf
uns, bitte für uns Gott den heiligen Geist kyrie
eleyson.»1)
Wir glauben auch hier auf eine ganz ähnliche
Pavese der königl. Waffensammlung in Turin hin
weisen zu müssen,2) deren
Mittelfeld einen nach links
gewandten geharnischten
Ritter im Eisenhut mit Fahne
und Tartsche zeigt. Dieses
Bild freilich zeigt gar keine
Aehnlichkeit mit unserem
Exemplar, die Einzelheiten
aber stimmen auffallend
überein: so die Anordnung
der Schildfigur im oberen
Teile des Mittelfeldes, die
schuppenartige Verzierung
des Hintergrundes, die Füh
rung des Schriftbandes um
den Schildrand und in einem
Querbande unter der Schild
f
igur, endlich die Rosetten
als Trennungszeichen in der
Inschrift. Der Setzschild
der Eremitage scheint uns
älter zu sein als sein Seiten
*) Die Wiedergabe der In
schrift auf Fig. 2 ist natürlich
ungenau, die Buchstaben nur an
nähernd nachgezeichnet.
2) Angelucci, Catalogo dell’ armeria reale. 1890. Ser. F.
Nr. 1, S. 199. Auch hier enthält die tschechische Inschrift
eine Anrufung des Heiligen. Eine Abbildung dieses Schildes
bringt Dr. J. Szendrei a. a. O. S. 193, wobei das Stück
der schwarzen Legion des Matthias Corvinus zugeschrieben
wird.
6. Heft,
Zeitschrift für historische Waffenkunde,
stück in Turin und dürfte wohl der ersten Hälfte des
227
pl. 146, 2, und in Boeheims Waffenkunde, S. 182
XV. Jahrhunderts zugeschrieben werden.1)
3. Sechs Brusttartschen aus der ersten
Hälfte des XV. Jahrhunderts. Von Holz, mit
Haut überzogen, an der Aussenseite mit Leinwand
gedeckt und bemalt; die rechteckigen Schilde sind
leicht konkav gebogen und haben an der rechten
Fig. 5.
Seite des Oberrandes einen 24 cm langen Einschnitt
für den Lanzenschaft. Die Höhe beträgt 74 cmi
die Breite 54 cm (H. 148—153)
In Fig. 4 bringen wir das am besten erhaltene
Exemplar des Arsenals von Tsarskoe-Selo (H. 148),
von dem Zeichnungen bereits mehrfach veröffent
licht sind, so in Gille’s Musee de Tsarskoe-Selo,
*) Auch die Waffensammlung der Veste Coburg besitzt
einen ganz ähnlichen Schild, den die Schriftleitung an dieser
Stelle noch abbilden und besprechen wird.
An diesem Schilde sind die Farben noch recht gut
erhalten: gespalten grün und rot mit schräg rechts
gestellten Wappen der Stadt Deggendorf1) in der
Mitte; letzteres ist teilweise restauriert, indem die
Konturen der Zeichnung von unkundiger Hand mit
weisser Farbe nachgezogen sind. Die übrigen fünf
Tartschen sind so arg mitgenommen, dass nur noch
Fig. 6.
stellenweise Reste der Bemalung zu erkennen sind.
Eine dem hier abgebildeten Exemplare ganz ähn
liche Brusttartsche befindet sich im Germanischen
Museum zu Nürnberg (XXIX, Nr. 1836).
4. Weit mehr Interesse beanspruchen sechs
grosse Holzpavesen vom Anfänge des
XV. Jahrhunderts aus dem Arsenal von
‘) Geteilt, blau und weiss gerautet, unten weisser Turm
mit Zinnenmauer in rotem Felde.
3°
228
Zeitschrift für historische WafFenkunde.
Tsarskoe-S elo (H. 136—141) von annähernd gleicher
II. Band.
bayrischen Stadt Deggendorf deutlich erhalten ist,
Form, doch dadurch von einander unterschieden,
dass H. 136—139 mit vorspringender, oben in eine
Nase auslaufender Mittelgräte versehen sind, H. 140
eine ganz flache Mittelgräte ohne Nase besitzt, während
H. 141 einfach in der Mitte im stumpfen Winkel
nach innen zusammengebogen ist. Die grösste Höhe
(H.137) beträgt 1,28m, die geringste i,i4m(H. 140),
die grösste Breite (H. 139) 61,5 cm, die geringste
49 cm' (H. 141).
Ueber die Provenienz dieser noch nicht publi
zierten Setzschilde ist nichts bekannt, jedoch der
Umstand, dass auf vier von ihnen das Wappen der
auf einem leicht erraten und auf einem von ganz
gleicher Form mit grösster Wahrscheinlichkeit vor
ausgesetzt werden kann, genügt wohl, um anzuneh
men, dass sowohl diese sechs Pavesen, wie auch die
oben erwähnten sechs Brusttartschen aus einem alten
Zeughause der genannten Stadt stammen.
FJ. 139, am schlechtesten erhalten, weist nur
noch Fetzen des Leinwandbezuges auf, von der Be
malung ist nichts mehr zu sehen; an H. 136 sind
stellenweise mit schwarzer Farbe auf grauem Grunde
ausgeführte grosse dachziegelförinig über einander
liegende Schuppen zu erkennen und in der rechten
oberen Ecke deutliche Reste des Deggendorfer
Wappens wahrzunehrnen.
Eingehender wollen wir die beiden Pavesen
H. 137 und 139 beschreiben: Die Höhe beträgt
1 m 28 cm; die Breite oben 61,5 und 5^,5 cm,
unten 56 und 54,5 cm, beide mit vorspringender,
oben 11, unten 21 und 24 cm breiter Mittelgräte
mit Nase versehen. H. 139, von dem wir in Fig. 5
und 6 eine Vorder- und Rückansicht geben, weist
nur noch Spuren von Bemalung auf, doch lässt sich
in der rechten Ecke oben in einem schräg zur
Längsachse gestellten Schilde deutlich das Deggen
dorfer Wappen erkennen (auf der Photographie ist
das Wappen freilich nicht wahrzunehmen); die ent
sprechende linke Ecke ist mit einem Schilde gleicher
Form geziert, von dem wir zwei Ansichten bringen.
Fig. 9. Fig. 10.
Fig. 7 zeigt, wie das Bild sich unmittelbar nach
Entfernung einer dicken Schmutzkruste darstellte,
Fig. 8 wurde aufgenommen, nachdem der stark
nachgedunkelte und brüchig gewordene Grund mit
genauer Aussparung der Farbenreste und ohne jeg
liches Ergänzen der Figuren mit hellblauer Aquarell
farbe gedeckt und so auf der Photographie ein
deutliches Abheben der in Schwarz ausgeführten
Zeichnung bewirkt worden war: man sieht einen
Schuh mit langer aufwärts gerichteter Spitze und
darüber das beilförmige Schneideinstrument der
Schuhmacher, wie wir es u. a. in ganz gleicher Ge
stalt auf dem Bilde einer Schusterwerkstatt des Bal
thasar Behem (1505) im Codex picturatus der Kra
kauer Bibliothek1) sehen, Fig. 9, und noch deutlicher
auf dem St. Crispin und St. Crispinian darstellenden
*) Nach A. Schultz. Deutsches Leben im 14. u. 15. Jahr
hundert. 1892, I. Band, S. 130, Fig. 191.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Basrelief des Frangois Gentil (um 1560) in der
229
Es ist uns nicht erinnerlich, derartig gezeichnete
Kirche des hl. Pantaleon zu Troyes1), Fig. 10. Die
Figuren sind auf graublauem Grunde, der Schuh
ganz in Schwarz, das Messer weiss mit schwarzen
Konturen ausgeführt.
Das Seitenstück zu diesem Schilde bietet
H. 137, dessen Oberfläche ausser den Zerstörungen
der Zeit noch eine gründliche Remonte hat aus
stehen müssen: die beschädigten Stellen sind sämt
lich verschmiert und das Ganze dick mit Oelfarben
übermalt und glänzend gefirnisst worden. Nach vor
sichtigem Entfernen der Lack- und Farbenschicht
zeigte sich in der rechten oberen Ecke wieder das
Deggendorfcr Wappen (Fig. 11) und in der linken
die beistehend abgebildeten (Fig. 12), durch das
oben geschilderte Verfahren reproduktionsfähig ge
machten Figuren, in denen wir einen Brodlaib und
darunter eine Bretzel oder Kringel zu erkennen
glauben, deren Form von den Zeiten der Fierrade
von Landsberg (Fig. 13)2) bis zum XVIII. Jahrhundert
(Fig. 14)®) und bis auf unsere Tage die gleichen
geblieben zu sein scheint.
Wir haben es also hier augenscheinlich mit Pa
vesen des zünftigen Kontingentes von Deggendorfs
städtischer Streitmacht zu thun, die nicht nur mit
dem Stadtwappen, sondern, um die Zugehörigkeit
zu dem engeren Verbände der Zunft zum Ausdruck
zu bringen, auch mit den Emblemen des Handwerks
bezeichnet wurden.
r) Nach Gay, {floss, archeol. s. v. Cordouanier.-) Nach Gay, {floss, archeol., aus dem ms. Hortus deli
ciarum der Herrade von Landsberg (s. v. Diner).
3) Gay, 1. c.; s. v. craquelin; d’apres le Recueil des
Maneuvriers habiles, publid ä Augsbourg, pl. 79, Fig. 4, 1735.
Setzschilde in anderen Museen gesehen zu haben.
ln hohem Grade beachtenswert sind endlich die
Pavesen H. 140 und 141, deren in Fig. 15 und 16
gegebenen Abbildungen wir ausser einigen Mass
angaben noch kurze Erläuterungen hinzufügen müssen,
da die Photographien nicht alle Einzelheiten der
leider schwer beschädigten Malerei wiedergeben.
H. 141 ist 1,15 m hoch, oben 49, unten 41 cm
breit, in der Mitte im stumpfen Winkel gebogen,
dessen Scheitelpunkt oben 17,5, unten 15 cm über
die Grundlinie sich erhebt. Das Gewicht beträgt
8,2 kg.
H. 140 ist bei einer Höhe von 1,14 m oben
55, unten 47 cm breit, hat eine flache, auffallender
Weise oben breitere (17 cm), nach unten sich ver
jüngende 13 cm Mittelrippe, ist schwächer gewölbt
als H. 141 und wiegt 9,3 kg.
Beide auf die Aussenflächen der Pavesen ge
malten Figuren sind mit anliegenden, dunkler als
Fig. 14.
die Fleischteile gehaltenen, Hals, Hand- und Fuss
gelenke eng umschliessenden Gewändern bekleidet,
deren Falten an den entsprechenden Stellen in
dunkelbrauner Farbe angegeben sind, beide barfuss,
die Figur auf H. 141 barhäuptig, mit starkem Haar
wuchs, die andere mit lang herabflatternder Sendel
3°*
230
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
binde dargestellt. Die tartschenartigen Schilde
II. Band.
wärts gekrümmt in Zehenstellung beharrt. Der Mann
hängen den Kriegern an rot gemalten Riemen um
den Hals. Besondere Aufmerksamkeit verdienen
ihre Angriffswaffen: ein befiederter kurzer Spiess
oder Wurfpfeil mit bärtigem Eisen und eine im Ver
hältnis zur Figur ca. 80—90 cm lange Keule, beide
als Wurfwaffen aufgefasst und in dem Momente dar
gestellt, wo sie eben die Hand der Schlcuderer ver
Fig. 15.
lassen sollen. Denn dass hier Wurf bewegungen, nicht
Stoss und Schlag veranschaulicht werden sollten,
das ist mit Sicherheit aus den Stellungen der Streiter
zu entnehmen: auf das gestreckte linke Bein ge
stützt, hat der Lanzenwerfer das rechte Bein gehoben
und stark im Knie gebogen; dem Schwünge des
rechten Armes folgend, vpllführt der Oberkörper
eben die halbe Drehung, welche ihn dem Beschauer
voll zuwendet, während der linke Fuss noch ein
mit der Keule balanziert auf dem rechten Bein und
vollführt mit stark zuriiekgebogener rechter Schulter
kreisförmig schwingende Bewegungen, ehe er die
Waffe — einen Moment später — in horizontaler
Ebene dahinwirbelnd, entsenden ward; wäre die Keule
zum Schlage erhoben, so müsste das Kolbenende auf
wärts oder auch nach hinten gerichtet erscheinen.
Fig. 16.
Freilich muss auch mit so manchen Unzuläng
lichkeiten der Darstellung gerechnet werden, da wir
es ja nicht mit einem Maler, sondern mit dem
selben Handwerker, welcher den Schild gebaut, zu.
thun haben: so ist auch auf H- 141 das rechte
Bein ganz verzeichnet, der linke Fuss total verun
staltet u. s. w,
Die Befiederung der Lanze oder des Pfeiles
weist schon genügend auf die Bestimmung zur
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Fernwaffe bin; trotz des bärtigen Eisens und der
231
Wie sind nun diese beiden Kriegergestalten
geringen Länge würden wir die Waffe am ehesten
als Schefflin ansprechen, wie solche ja noch in den
älteren Landsknechtsheeren in Gebrauch waren.
Schwieriger ist es, das Vorkommen von Wurfkeulen
in dieser Zeit zu erklären. Peter von Duisburg1)
erwähnt in seiner Historia Prussiae (1340) der Wurf
keulen in den Händen der Heiden, doch mangelt
uns'persönlich leider die Kenntnis der einschlägigen
Denkmäler, um die Mittelglieder zwischen dem halb
wilden Waldvolke der Preussen und den Bürgern
der guten Stadt Deggendorf um den Anfang des
XV. Jahrhunderts herzustellen.
') M. Jahns, Entwickelungsgeschichte der alten Trutz
waffen, S. 161.
V. Stufen
geheimnisvolle Schierer,
der bis zum heutigen
Tage noch über dem
Herstellungsprozess der
Damaszenerklingen
liegt, zieht sich vielleicht
am dichtesten zusammen
über den von Persern
und Türken «Kirkner
deven» — «vierzig Stu
fen» genannten Klingen, deren Damastmuster in mehr
oder minder regelmässigen Zwischenräumen von per
pendikulär zur Längsachse der Klinge angeordneten
Streifen unterbrochen wird. Die Entstehung solcher
Querbänder ist auf verschiedene Weise erklärt wor
den, u. a. durch das jedesmalige Zusammenbiegen
beim wiederholten Ausschmieden der Klinge, daher,
nach dieser Ansicht, aus der Zahl der «Stufen»
darauf geschlossen werden konnte, wie oft die Klinge
gestreckt worden war. Befriedigend ist die an
geführte Erklärung nicht, schon aus dem Grunde,
weil nach 20- und mehrfachem Ausschmieden die
ersten Biegungsspuren den letzten in der Deutlich
keit und Regelmässigkeit der Zeichnung unmöglich
ganz gleich bleiben konnten.
Letzthin hatten wir Gelegenheit, über den so
genannten «Stufendamast» mit dem Professor der
Michael-Artillerie-Akademie zu St. Petersburg, Wirkl.
Staatsrat D. K. Tschernow, Rücksprache zu nehmen,
welcher ausgezeichnete Spezialist auf dem Gebiete
der Metallurgie seit einiger Zeit an der kais. Ere
mitage Untersuchungen über die Herstellungsweise
orientalischer Damaslklingen anstellt, und wollen —
ohne übrigens für die nachstehenden Erörterungen
irgendwelche Prioritätsrechte zu beanspruchen —
unseren Lesern die Ansicht des genannten Fach
mannes über die gegebene Frage mitteilen.
anzusprechen? Wir wissen es nicht und wären für
jede Belehrung in dieser Richtung sehr dankbar.
Die mangelhafte Bekleidung, die nackten Füsse, der
gänzliche Mangel an Schutzwaffen — denn der
kleine Schild scheint mehr für das Anbringen des
Wappens, als zu Rüstzwecken beigegeben zu sein —,
alles dieses lässt eher an irgend welche Ideal- oder
Schreckgestalten, als an eine realistische Abbildung
bewaffneter Bürger denken.1)
J) Sollte man nicht die Figuren als Wappenhalter an
sprechen dürfen? Der Umstand, wie die Schilde angebracht
sind, ist nicht gegen diese Annahme, denn auf Kupferstichen
des XV. Jahrhunderts begegnen wir nicht eben selten ganz
ähnlichen Verbindungen von Wappenhaltern und Wappen
schild. Die Schriftleitung.-Damast.
Professor Tschernow lässt die erwähnten Quer
streifen auf die Art entstanden sein, dass auf jeder
der beiden Klingenfiächen mittelst eines keilförmigen
Instrumentes in regelmässigen Abständen Kerben
eingeschlagen wurden, welche die obersten Lagen
des Damastkörpers durchschlugen, resp. eindrückten,
wonach die so entstandenen Unebenheiten bis auf
die Grundfläche der eingeschlagenen Vertiefungen
abgeschliffen wurden,
Beistehende schematische Zeichnungen sollen,
bei all ihrer Unvollkommenheit, zur Veranschau
lichung des Prozesses beitragen.
Denken wir uns unter Fig. i (in etwa 5facher
Vergrösserung) die Oberfläche des aus vielen papier
Fig-, 1.
dünnen Schichten zusammengeschweissten Klingen
körpers (welche selbstverständlich in Wirklichkeit
durchaus nicht parallel über einander liegen), so
haben wir uns die Wirkung mittelst eines keilförmi
gen Instrumentes ausgeführter Schläge so vorzu
stellen, wie in Fig. 2 angegeben, nämlich in der
Art, dass die oberen Lagen der Klingenfläche teils
Fig-. 2.
durchgeschlagen, teils durch Quetschung fächer
förmig auseinandergedrückt wurden. Bei nach
folgendem Abschleifen in der Linie a bis b mussten
die bis zum Niveau dieser Linie hereingepressten
Ränder der zu entfernenden Schichten als quer über
die Klinge laufendes Bündel von parallelen Strichen
232
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
zu Tage treten und ein der Struktur der Metallmasse
entsprechend gewässertes Band bilden, etwa wie in
Fig. 3 angedeutet.
So weit unser Gewährsmann. Eine willkommene
und, wie uns scheinen will, überzeugende Bestäti
gung seiner Erklärung glauben wir aus den von
Dr. F. W. Schwarzlosein seiner erschöpfenden
Untersuchung über die Waffen der alten Araber
angeführten Stellen der arabischen Poeten folgern zu
können. In der sehr eingehenden Beschreibung,
welche der geschätzte Autor der Herstellung des
Schwertes bei' den Arabern widmet, finden wir u. a.
folgenden Passus (S. 152, wo die betreffenden Be
legstellen angeführt sind):
«Besondere Erwähnung verdient hier das Schwert
Mufakkar, insofern seine Klinge von einer Beschaffen
heit war, deren Entstehung — mit grösserer Wahr
scheinlichkeit — auf die Schmiedung zurückweist.
Es war, der arabischen Erklärung zufolge, mit (wirbel
artigen). Einschnitten, die tiefer waren als die Schwert
f
läche, versehen, also ein Schwert mit wirklichen
Rinnen. Ob diese dem vorerwähnten Zwecke, der
Leichtmachung, dienten, muss freilich in Ermangelung
aller weiteren Stützpunkte dahingestellt bleiben, doch
ist wohl noch weniger an Blutrinnen zu denken. Von
gleicher Beschaffenheit war das Schwert Dsulfakkar.
So hiess bekanntlich das Schwert Muhammeds,
welches er nach der Schlacht bei Bedr zur Beute
sich ersah.»
Freitags Lexikon arabico - latinum giebt für
«Mufakkar» die Erklärung: «gladius in dorso
incisuras habens, arte factas, vertebris similes
aequabiliter decurrentes. Die Bezeichnung Dsu-l-fakkar
hat dieselbe Bedeutung «mit Rückenwirbeln ver
sehen», von dsu = dominus, possessor, habens u.
fakra, plur. fikar, collectiv fakkar = Rückenwirbel.
Vergleichen wir nun eine Klinge aus Stufen
damast, deren Herstellungsweise nach dem oben
geschilderten Verfahren von der altarabischen Er
klärung «incisuras habens, arte factas» geradezu
9 Die Waffen der alten Araber, aus ihren Dichtern
dargestellt. Ein Beitrag zur arabischen Altertumskunde,
Synonymik und Lexikographie, nebst Registern. Leipzig 1886.
angedeutet zu werden
scheint, mit dem Bilde
der menschlichen
Wirbelsäule (Fig. 4 u. 5),
deren Dornfortsätze na
türlich nicht in Betracht
kommen, so können wir
mit grösster Wahr
scheinlichkeit zu dem
Schlüsse gelangen, dass
das berühmteste unter
den 10 Schwertern des
Propheten eine indische
Damastklinge mit quer
laufenden Bändern oder «Stu
fen» besass, deren Epitheton
«Rückenwirbel besitzend»
auch einer nicht besonders
regen und orientalisch-üppi
gen Phantasie verständlich
und sogar recht nahe liegend
erscheinen musste; hinkt
dieser Vergleich auch, wie
alle anderen, so ist er doch
nicht weniger berechtigt, als
der uns geläufige Vergleich
einer wellenförmig ausge
feilten Klinge mit einer
Flamme.
Zur weiteren Bestätigung
unserer Voraussetzung mag
endlich noch angeführt wer
den, dass die in Fig. 4 ab
gebildete Klinge eines in
dischen Krummschwertes
(Ermit. A. 491) an vielen
Stellen in der Mitte der
Ouerbänder 1—2 mm tiefe
Einschnitte zeigt, deren Vor
handensein wohl
nur dadurch erklärt
werden kann, dass
der Schwertfeger
einzelne der oben
erwähnten in
cisurae aequabiliter
decurrentes zu tief
eingeschlagen,
resp. beim nach
folgenden Glätten
nicht genug von
der unebenen
Klingenoberfläche
abgeschliffen
hatte.
II. Band.
Fig- 5
Fig. 4.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
233
Im Text von J. Starkie Gardner wird der Kragen als
französische Arbeit aufgeführt. Es wäre interessant zu
erfahren, worauf sich diese Annahme stützt. Ferner glaubt
J. Starkie Gardner, dass das Rückenstück des Ringkragens
von anderer Hand gefertigt sei, als das Vorderstück.
Auch diese Angabe erscheint ganz unverständlich, denn
Ausschmückung und Technik stimmen an beiden Teilen
so vollkommen überein, dass sowohl deren Zusammen
gehörigkeit, als auch ihre Herkunft von einem und dem
Eine Arbeit des Goldschmiedes Heinrich Knopf?
In der Ausstellung von Kunstwerken europäischer Her
kunft aus Eisen, welche der Burlington fine arts club in
London im vergangenen Jahre veranstaltete, befand sich,
wie die bezügliche Veröffentlichung Plate LXI erkennen
lässt, unter den zahlreich vertretenen Schutzwaffen ein
Ringkragen, welcher deshalb unserer besonderen Beach
tung wert erscheinen dürfte, weil zwischen den getriebenen
Verzierungen auf demselben und den in gleicher Weise
ausgeführten Ornamenten an dem bekannten Prunk
harnische des Kurfürsten Christian II. von Sachsen im
Königlichen Historischen Museum zu Dresden (Prunk
waffensaal No. 7) eine ganz auffallende Aehnlichkeit nicht
zu verkennen ist. Vergleicht man nämlich das Blumen
werk, die Masken, die phantastischen Tierköpfe und
Gestalten auf beiden Objekten, so ergiebt sich eine solche
Uebereinstimmung sowohl in der Verwendung des der
italienischen Spätrenaissance entlehnten Blumenwerkes, als
auch bei allem sonstigen ornamentalen Beiwerk, dass
schon hieraus allein mit hoher Wahrscheinlichkeit der
Schluss gezogen werden dürfte: dass wir in dem, dem
Mr. D. M. Curric gehörenden Ringkragen eine Arbeit des
Goldschmiedes Heinrich Knopf vor uns haben. Weitere
Unterstützung aber findet diese Annahme noch, wenn
man die Kampfesscenen auf dem Ringkragen mit den
jenigen auf dem obengenannten Harnische vergleicht.
Hier zeigen sich neben den Vorzügen der Knopfschen
Entwürfe — einer sehr geschickten Anordnung des Ganzen,
grosser Beweglichkeit der einzelnen Figuren und einer
vortrefflichen Perspektive — auch deren weniger lobens
werte Eigentümlichkeiten — nämlich die übermässig aus
geprägte Muskulatur an den Menschen und ein ausser
Verhältnis stehender, schwerer Rumpf mit besonders
starkem Hinterteile an den Pferden. Wäre nun trotz
aller dieser Beweisgründe immer noch ein Zweifel für
die genannte Annahme vorhanden, so müsste dieser bei
Betrachtung noch anderer Arbeiten des Meisters — wie
des halben Prunkharnisches des Herzogs (späteren Kur
fürsten) Johann Georg (I) im Königlichen Historischen
Museum zu Dresden (Prunkwaffensaal No. 12) zweifellos
schwinden, denn auch dieser weist in Stil und Technik
die gleichen Merkmale, wie der hier besprochene Ring
kragen auf. Endlich finden sich auch an dem Kragen
die glatten, ungerippten Ränder, wie an den beiden von
der Hand Heinrich Knopfs gefertigten Harnischen. Da
gegen ist freilich am Ringkragen der Untergrund weder
geätzt noch ciseliert, wie beim Prunkharnisch Christians II.,
noch gepunzt (punktiert), wie bei demjenigen Johann
Georgs; doch dürfte eine so geringe und immerhin unter
geordnete Abweichung in der Ausführung bei Beurteilung
deT Herkunft eines Stückes kaum von Belang sein.
Die treffliche bildliche Wiedergabe des Ringkragens
auf Plate LXI des illustrierten Kataloges der «Exhibition
of chased and embrosed Steel and iron work of european
origin, London 1900» lässt jeden einzelnen Teil des Orna
mentes am Ringkragen vollkommen deutlich erkennen.
selben Meister ausser allem Zweifel stehen dürften.
E. F. V. H.
Armbrust oder Armrust? Die alte feststehende
Lautgebung und Schreibung Armbrust .wird neuerdings
gelegentlich für verkehrt und unursprünglich ausgegeben.
Gesetzt auch, dass Armrust die allein berechtigte und
ursprüngliche Schreibung wäre, würde sich kaum wohl
ein Sprachforscher finden, der bereit wäre, die herrschende
Schreibung zu verdammen. Denn ein fünfhundertjähriges
Alter sollte unser Armbrust vor einer Umgestaltung
schützen. Und von jeher war die heutige Schreibung
geläufig und allgemein üblich. Auch die sprachlichen
Autoritäten, die von den Quellen ausgegangen sind, wie
Jac. Grimm im grossen deutschen Wörterbuch, zweifeln
nicht einmal an der Berechtigung der heutigen Schreibung.
Zudem haben die älteren Handschriften nur armbrust;
wer sich für die alte Ueberlieferung interessiert, findet
in dem grossen Quellenwerk« Die althochdeutschen Glossen»
(herausgegeben von Steinmeyer und Sievers), III160. 215 die
ältesten Belege. Lexers Mittelhochdeutsches Wörterbuch
(auch im Nachtrag) hat keinen Beleg für armrust, nur
Belege für Armbrust oder Umgestaltungen daran. Bei
der grossen Fülle von mittelalterlichen Belegen, wozu
auch noch der Eigenname Armbruster (vgl. Lexer im
Nachtrag) kommt, kann kein Zweifel sein, wie das Wort
zu schreiben ist. Dass einmal gelegentlich Armrust in
älterer Zeit begegnen könnte, lässt sich nicht für un
möglich halten. Wenn man für warum oft warumb schrieb,
konnte man umgekehrt auch wohl Armrust einmal für
Armbrust schreiben. Aber man müsste zahllose und
gerade die ältesten Belege als Armrust treffen, wenn
man uns diese Schreibung aufnötigen wollte. Und selbst
dann würden wir mit dem Satz usus est dominus doch
noch an Armbrust festhalten.
Die Frage der Schreibung des Wortes wird jeder
Sprachforscher wohl gleich mit mir behandeln. Nicht
so sicher ist vielleicht die Frage nach dem Ursprung
von Armbrust. Alle Autoritäten halten bisher an Um
deutung aus latein. arbalista fest, und dieses latein. Etymon
kann man für das b von Armbrust auch mit zuziehen.
Jedenfalls ist bisher keine bessere Erklärung aufgestellt.
Aber wenn man auch die Möglichkeit zugeben darf, dass
vielleicht Arm-rust = Arm-Rüstung darin stäke, bewiese
das doch keineswegs gegen das b von Armbrust. Denn
gerade zwischen das m und r pflegt sich gern ein b ein
zustellen. Aber gegen die Ableitung aus arm-rust sprechen
doch starke Bedenken: rust ist schon im 12. Jahrhundert
nicht mehr lebendig. Und eine Bezeichnung «Rüstung
des Armes» ist kaum glaublich. — Wer an der land
läufigen Schreibung und der landläufigen Erklärung des
Wortes Armbrust festhält, wird dem heutigen Stande der
Wortforschung genügen. F. Kluge.
Rossschweife an Lanzen. Häufig hatten wir Ge
legenheit, an den Lanzen verschiedener asiatischer Völker
234
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
schäften (Kirgisen, Sarten, Turkmenen u. a.) Büschel von
II. Band.
Schrift «Lieber Bewaffnung», welche die beiden ersten
Rosshaaren zu bemerken, welche teils mit dem oberen
Rande unter die Dille des Lanzeneisens geschoben, teils
unmittelbar unter der Dille mittels Drahtschlingen am
Lanzenschaft befestigt waren, während der übrige Teil
des Haarbusches frei herabhing. Unsere Kenntnis von
den Anschauungen unserer asiatischen Nachbarn Hess uns
zur Ueberzeugung kommen, dass diese Rosshaare nicht
bloss zur Verzierung angebracht waren, sondern einem be
sonderen kriegstechnischen Zwecke dienten, allein trotz
vielen Umfragens gelang es uns lange nicht, vor die rechte
Schmiede zu kommen-. Erst vor kurzem führte uns der
Zufall mit einem der früheren wilden Kriegsgesellen zu
sammen , der seiner Zeit lebhaftesten Anteil an den
«alamän» oder «barantd» genannten gegen unsere Grenze
gerichteten Ueberfällen genommen hatte, und nun, zu
rühmloser Unthätigkeit verdammt, nicht ungern sich in
ein Gespräch über die «gute alte Zeit» einliess. Unter
anderem sagte er folgendes: «Die Rosshaarbüschel ban
den wir an unsere Lanzen, um die Waffe leichter aus
dem Körper des getroffenen Feindes herausziehen zu
können; denn sie erweiterten die Wunde genügend, um
ein festes Umschliessen der eingedrungenen Spitze zu ver
hüten, und es genügte' ein leichter Ruck, um das Eisen
durch die sich herumlegenden, blutdurchtränkten, schlüpfe
rigen Haare «wie durch Butter» herausgleiten zu lassen.»
Diese Erklärung schien uns vollkommen einleuchtend,
wurde auch später mehrfach von ausgedienten Kosaken,
den erbitterten Feinden der Grenzräuber, bestätigt.
Zur Ergänzung des Obigen mag noch gesagt sein,
dass sowohl die Kara- wie die Teke-Turkmenen bei der
Attake die Lanze nicht unter die Armhöhle drücken,
sondern das untere Ende des Schaftes gegen den vorderen
Sattelbogen stemmen; weit vorgebeugt geben sie mit dem
rechten Arme der Lanzenspitze die nötige Richtung. Es
erklärt sich daraus, dass der Stoss bei der vollen Wucht
des dahinjagenden Pferdes mit furchtbarer Kraft erfolgt,
und die Lanze durch alle Schutzvorrichtungen stets tief
in den Körper des Getroffenen eindringt.
W. Shelesnow.
Die Anwendung der Setzschilde. Bei jedem Fort
schritt in der Technik der Fernwaffen pflegt der Gedanke
der beweglichen Deckungen aufzutauchen, und die neuer
dings bei unserer Feldartillerie gemachten Versuche haben
zahlreiche Vorgänger, die allerdings grossenteils über das
Stadium theoretischer Erörterung nicht hinausgekommen
sind. Das aus dem Altertum übernommene Problem des
fahrbaren Schirmes, das in den Ikonographien des fünf
zehnten Jahrhunderts eine so grosse Rolle spielt und
wenigstens in den Katzen des mittelalterlichen Belagerungs
krieges praktische Bedeutung gewonnen hat, spukt noch
Ende des achtzehnten Jahrhunderts.1) Seine beweglichste,
auf den Einzelkämpfer zugeschnittene Form ist die der
Pavese, des Setzschildes. Sie war die notwendige Folge
der Einführung der Armbrust, die bei ihrer umständ
lichen Handhabung eine Deckung des Schützen erfor
derte, ein Anschmiegen an das Gelände aber durch ihre
Form erschwerte. Als bestes Auskunftsmittel bot sich
der römische Thürschild dar, durch unten angebrachte
Spitzen zum Feststellen geeignet und mit Schiessscharten
versehen. Eine merkwürdige späte Belebung fand diese
Idee bis auf den Fussstachel durch Seume in seiner
*) Jähns Geschichte der Kriegswissenschaften S. 2739.
Glieder der Infanterie mit solchen Schilden zu bewaffnen
vorschlägt. *) Köhler, der ihn zuerst 1241 beim Mongolen
einfall als vorschriftsmässige Bewaffnung jedes Besitzers
von drei Mark Einkünften erwähnt findet (Monumenta
Germaniae Leges IV), spricht die Ansicht aus, der Setz
schild habe sich bei den germanischen Völkern nicht
eingebürgert wegen der Gewöhnung an langstielige Hieb
waffen.2) Es sei mir verstattet, einige verstreute Zeug
nisse für die gewohnheitsmässige Verwendung in Mittel
deutschland anzuführen. Ihre Beschaffenheit wird durch
eine Anzahl wohlerhaltener Exemplare erläutert, die im
Verlauf des vierzehnten Jahrhunderts angefertigt in den
Kämpfen der Stadt Erfurt gedient haben.3) Wie hier
erscheint der Setzschild in einer Anzahl archivalischer
Nachrichten aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
vorzugsweise als Ausrüstung der Landfolge wie die Arm
brust, die ja damals immer noch das Uebergewicht über
die Feuerwaffe behauptete. Der 1475 vom Kloster Berge
vor Magdeburg zum Zuge nach Neuss gestellte Rüst
wagen ist u. a. duobus clipeis pavoise dictis versehen.4)
Das Landbuch der Abtei Zinna schreibt 1480 den be
rittenen Hufnern der Klosterdörfer Panzer, Eisenhut,
Schwert und Spiess vor, den Kossäten nur Armbrust
und Schild, «welcher gemeinlich eine pamphose wird
genennet».5 *) In ähnlicher Entstellung erscheint das Wort
1487 in Jüterbog, wo sich die Bürger nach dem Befehl
des magdeburgischen Landesherrn mit Paphosen rüsten
sollten. Die dadurch nahegelegte Verwechslung hat einen
modernen Autor zu der Erklärung als mit Pappe oder
Lumpen gefütterte Pumphosen veranlasst. °) Auch in dem
Städtchen Laucha in einem Seitenthale der Unstrut wird
im gleichen Jahre als bürgerliche Rüstung Hut, Krebs,
Armbrust und Pofeise vorgeschrieben.7) Noch 1498 zählt
das Inventar des Schlosses Querfurt vierzehn grosse Setz
tartschen auf.s) Allerdings pflegen solche Inventare Ur
väter-Hausrat gewissenhaft fortzuschleppen. Praktische
Verwendung dagegen fanden diese Kriegsgeräte bei dem
misslungenen Sturm der Brandenburger auf das pom
mersche Garz 1479. Markgraf Albrecht, dessen Heer
zum grossen Teil von den Trabanten — Fussgängern —
der Städte gebildet wurde, bestellte auf jeden der beiden
Sturmhaufen von 1000 Mann 50 mit Leitern und 50 mit
Setztartschen und Körben.®) q Liebe
Vom k. und k. Heeresmuseum in Wien. Während
des Jahres 1900 wurde das Heeresmuseum von 14204
(gegen 10446 im Jahre 1899) Personen besichtigt. Die
Durchschnittszahl der Besucher während der Jahre 1894
bis 1898 betrug 8638, jene von 1889 bis 1893 gar nur 7036.
Die im abgelaufenen Jahre festgestellte Steigerung des
Besuches ist namentlich darauf zurückzuführen, dass das
Heeresmuseum an Sonntagen geöffnet ist und um so er
freulicher, als die Verkehrsverhältnisse von der Stadt
*) Ausg. 1839 Bd. VIII.
2) Kriegswesen IIIA S. 103.
3) Jetzt im städtischen Museum. Vgl. Mitteilg. d. Vereins
f. G. d. Stadt E. I.
4) Magdeburger Geschichtsblätter XII S. 177.
5) Ebda. XXI S. 421.
°) Heffter Chronik von J. S. 222.
T) Deponiertes Archiv im Staatsarchiv Magdeburg
No. II5.
B) St.-A. Magdeburg Urkunden Querfurt No. 46.
°) In v. Ledebur Allg. Archiv I. S. 263.
6. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
zum k. und k. Artillerie-Arsenal hinaus, in welchem das
235
Der Bestand an eigentlichen Waffen erfuhr auch im
Heeresmuseum untergebracht ist, bekanntlich alles zu
wünschen übrig lassen.
Im Verlauf des vergangenen Jahres wurden die um
fangreichen Sammlungen dieser Anstalt durch Geschenke
wieder wesentlich vermehrt.
Se. Majestät der Kaiser spendete ein mit Gold
plättchen, Seide und bunten Leinenstticken verziertes
türkisches Zelt, welches wahrscheinlich 1683 vor Wien
von dem Entsatzheere erbeutet worden war; FZM. Herr
Erzherzog Friedrich schenkte ein kostbares, 9 m hohes
türkisches Rundzelt, von welchem man annimmt, es
habe dem Grossvezier Damad Ali Pascha gehört und
sei in kaiserlichen Besitz gekommen, als am 4. August 1716
Prinz Eugen die Osmanen bei Peterwardein aufs Haupt
schlug; ferner eine einzelne türkische Zeltwand. FML.
Herr Erzherzog Eugen widmete eine Czapka nach der
Vorschrift vom Jahre 1854 für einen Ulanenoffizier. Von
hohem persönlichen Werte sind: Ein vom FM. Josef
Grafen Radetzky getragenes Taschentuch; das Ritterkreuz
des Militär-Maria-Theresien-Ordens, welches die Brust
des FML. Ludwig Freiherrn von Pielsticker schmückte;
endlich ein sogenannter Banusring,1) eine Gabe von
ausserordentlicher Seltenheit.
*) Als im Jahre 1848 der FML. Josef Graf Jellacid als
Ban von Kroatien die Grenzer zu den Waffen rief und sie
in einer Zeit vielseitigster Verirrung- mit seltener Entschieden
heit und auf eigene Verantwortung dem Kaiser zu Hilfe durch
ein insurgiertes Land bis unter die Mauern Wiens geführt
Antwort auf Frage 4: Der Abbildung und Beschrei
bung nach hat die fragliche Kette mit Riemen und Zangen
messer dazu gedient, den Schweisshund auf der Nach
suche nach einem kranken Stück Wild zu führen.
Die Anwendung des Gerätes denke ich mir folgender
massen:
Der starke Riemen wurde von dem Jäger um den Leib
geschnallt (darauf hin deutet auch die Durchlochung des
Riemens, die Schnalle freilich wäre danach wohl im Laufe
der Zeit verloren gegangen), und zwar so, dass die Kette
an der linken Körperseite des Jägers herniederhing, während
sich das Zangenmesser, das ja infolge der weiten Oese desselben
auf dem Riemen frei laufend hin- und hergeschoben werden
konnte, vorn, griffbereit befand. Das freie Ende der Kette
wurde nunmehr am Halsbande des Hundes durch den Ring,
der, wie aus alten Abbildungen ersichtlich, stets sehr gross
war, gezogen, und die Oese in der Zange am Messer fest
eingeklemmt. — Auf diese Weise betrug die Entfernung vom
Jäger zum Hunde, da die Kette 7,58 m lang ist, 3,79 m, also
durchaus nicht zu viel. — Wurde nun der Jäger auf der
vergangenen Jahre manche Bereicherung. So wurde die
Gruppe der Feuerwaffen um eine Reiterpistole mit Zünder
schloss (System Augustin), um je ein vollständiges fran
zösisches (M. 1886/93) und spanisches (M. 1893) Magazin
gewehr samt Munition vermehrt. An Blankwaffen wurden
dem Heeresmuseum einverleibt: Ein Kürassier-Pallasch
aus dem Zeitalter Karls VI., ein Unteroffizierssäbel von
1820, endlich ein Offizierssäbel der auch in Laibach im
Jahre 1848 geschaffenen Nationalgarde. Auch der Zu
wachs an Fahnen ist ein ziemlich bedeutender: Ausser
den Resten einer Standarte vom Jahre 1660 der kaiser
lichen Reiterei gelangten in den Besitz des Heeresmuseums:
Eine Standarte aus dem Zeitalter Karls VI., je eine grüne
(M. 1743) und zwei schwarzgelbe Fahnen der österreichischen
Infanterie aus der Zeit von 1745 bis 1765, ferner aus der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Fahne des 1. Land
wehr-Bataillons des k. k. Infanterie-Regiments No. 24.
Ausser zahlreichen Geschenken von Erinnerungs
medaillen an die Türkennot, an militärisch wichtige Er
eignisse wurde auch die Bibliothek und die Sammlung
von heeresgeschichtlich interessanten Bildern in Heeres
museum in besonders freigebiger Weise von Behörden,
Truppen und einzelnen Personen bedacht.- Dr. Potier.
hatte, da stifteten die Offiziere des Jellaöicischen Haupt
quartiers zur Erinnerung an den bewegten Zug eigene Ringe,
welche gegenwärtig, da sie nur in sehr beschränkter Zahl
angefertigt wurden, zu den grössten Seltenheiten gehören.
Suche des kranken Stückes ansichtig, so genügte ein Druck
auf den abstehenden Schenkel der Zange, um die Kette
freizugeben; der Hund wurde durch dieselbe nicht mehr
zurückgehalten, da sie durch sein Fortstlirmen aus dem
Ringe des Halsbandes gezogen wurde, und konnte das Wild
stellen.
Die Kette bietet zu diesem Zwecke grosse Vorteile.
Denn da sie infolge der sinnreichen Konstruktion ihrer ein
zelnen Glieder zwar nach oben und unten, nicht aber nach
den Seiten hin beweglich ist, so konnte sie zwar vom Jäger
zum Hunde und zurück gezogen werden, so dass sie am resp.
im Halsbandringe ein Knie bildete, ein plötzliches seitliches
Abbiegen aber war dem Hunde unmöglich, da er wie an
einer Stange ging. Dadurch wurde das Schleifen des Jägers
um Bäume herum, wie es bei einem starken und hitzigen
Hunde meist der Fall ist, und wobei schon mancher Jäger
«Haare lassen» musste, so gut wie unmöglich, denn das Ab
biegen des Hundes wurde entweder verlangsamt, oder der
Jäger durch die stangenfest stehende Kette, die wie ein Hebel
wirkte, dessen Drehpunkt der Baumstamm war, schon vorher
zur Seite gedrängt. —
Es bleiben nun noch einige Worte Uber das Zangen
messer selbst zu sagen übrig. Dass die Zange thatsächlich
den Zweck hatte, die Oese der Kette festzuklemmen, scheint
mir deshalb wahrscheinlich, weil die Backen derselben nach
vorn zu gerieft sind, wodurch ein viel festeres Halten ermög
licht wird. Die Rinne auf dem Rücken des Messers diente
wohl der Feder des Schenkels als Laufrinne, oder sie ermög
lichte ein besonders tiefes Herunterdrucken des Zangen
schenkels.
3i
236
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Aber wozu nun das Messer überhaupt, da doch diese
II. Band.
spricht auch die geringe Feinheit der Schneide desselben.
Funktionen alle von einer Zange allein ebenso gut verrichtet
werden konnten? — Eine Erklärung hierfür ergiebt sich für
mich daraus, dass die Oese, mit welcher das Messer an dem
Riemen befestigt ist, mit Hilfe eines Scharniers auseinander
geklappt, also durch einen Handgriff das Messer vom Riemen
gelöst werden konnte. Musste also der Jäger auf der Xach
suche dem Hunde einmal durch allzu undurchdringliches
Dickicht folgen, so brauchte er nur das Messer vom Riemen
zu lösen. Hielt er es dann, etwa in Gesichtshöhe, vor sich
hin, so wurden die Aeste, die seine Augen bedrohten, ein
fach abgeschnitten, da der drängende Hund dem Messer die
nötige Vorwärtsbewegung gab, — während er es immer noch
in der Han,d hatte, durch einen Fingerdruck (der Daumen
kam bei dieser Haltung des Messers auf den Zangenschenkel
zu liegen) den Hund sofort von der Kette zu lösen.
Dafür, dass das Messer wohl kaum zu etwas anderem
benutzt worden ist, als um hindernde Aeste damit abzuschlagen,
Gustav Lehmann: Forschungen und Urkunden
zur Geschichte der Uniformierung der Preuss. Armee
1713 bis 1807. I. Teil. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn.
Die beiderseits fördernden Wechselbeziehungen der
Waffen- und der Uniformenkunde sind an dieser Stelle wieder
holt, zuletzt bei Besprechung des vom Königl. Preussischen
Kriegsministerium herausgegebenen Schrift- und Bilderwerkes
über deutsche Heeresuniformen auf der Pariser Ausstellung
in Heft IV, hervorgehoben worden. Der vom Wirkl. Geh.
Kriegsrate Lehmann mit der wohlthuenden Sorgfalt und
Selbstlosigkeit des gelehrten Fachmanns bearbeitete I. Teil
des oben bezeichneten Buches bietet hierzu erneut den will
kommenen Anlass. Lehmann, der mit der Ueberschrift und
in den Vorbemerkungen unter II. die Fortsetzung seiner ver
dienstlichen Forschungen verspricht, behandelt einen für
Uniformen- wie Waffenkunde gleich wichtigen Zeitabschnitt,
den ein Teil der in Paris zur Schau gestellt gewesenen
Soldatengruppen uns schon nahe gerückt hat. Unter den
fünf ersten Königen wurden in rastloser, innerer Arbeit und
gefördert vom Drucke erprobender Kämpfe nach aussen für
alle Zweige der preussischen Heeresverfassung und Aus
rüstung die Grundlagen geschaffen. Die Waffenkunde be
grüsst mit besonders warmem, geschwisterlichem Danke die
quellenerschliessende Behandlung eines Teils neuerer Ge
schichte. Denn das letzte Kapitel unserer Wissen
schaft teilt das Schicksal vieler Schlusskapitel:
f
luchtiges, Wissenswertes als bekannt voraus
setzendes Zum-Ende-Drängen. Und gerade hier
bleiben wertvolle Quellen uns nutzbar zu machen. Die
neuere Kriegsgeschichte liegt geklärt und meist erschö
pfend durchgearbeitet vor und belehrt über die Einwir
kung der Waffe nicht allein auf Taktik und Strategie,
sondern auch auf das Kleid des Kriegers, die Uniform. Ein
in die Augen springendes Beispiel hierfür ist die Beseitigung
des beim Schwingen der Handgranate hindernden Huts und
dessen Ersatz durch die in Form und Ausstattung wechselnde
Und wenn die Ueberlieferung sagt, dass die Kette auf der
Jagd als «Fangkette» gebraucht worden sei, so deckt sich
dies vollkommen mit obigen Ausführungen.
A. Schnbrg.-Dnr.
Um das Material für eine
Geschichte der sächsischen Waffenindustrie
bis zum Ende des 18. Jahrhunderts
zusammenzustellen, bittet unser Vereinsmitglied Dr. Petzsch
(Dresden, Johanneum) um freundliche Mitteilung der im Ge
biete des vormaligen Kurfürstentums Sachsen vorkommenden
Namen, Marken, Werke und sonstigen Nachrichten von Künst
lern und Handwerkern, welche bei der Herstellung und Ver
zierung von Waffen thätig gewesen sind, soweit solches Material
noch nicht in bekannten Druckschriften veröffentlicht wurde.
Grenadiermütze, von der (nach Lehmann) Landgraf Ludwig IX.
von Hessen-Darmstadt allein 857 Einzelstücke in der Buchs
weiler Sammlung vereinigt hatte. Ganz unmittelbar in das
Gebiet der Waffe führt ferner die mit dankenswerter Ge
nauigkeit in den Vorbemerkungen S. IX bis XI wieder
gegebene, tabellarische Beschreibung preussischer Militär
gewehre; eine Fundgrube für die Ursprungsbestimmung von
Handfeuerwaffen dieser Zeit. — Ein Teil der anregendsten
Nachrichten entstammt dem Darmstädtischen, ein anderer
dem Herzoglichen Archive in Zerbst. Es wäre für Leser
und Mitarbeiter von Wert, bei weiteren Veröffentlichungen
den Fundort aller Quellenschriften zu erfahren. Bei der
ersten Betrachtung befremdet eine scheinbar die Zeitfolge
nicht durchweg berücksichtigende Anordnung der Urkunden.
So betrifft Nr. I die Jahre 1740 bis 1748 und vorher
gehende, Nr. II etwa 1724, Nr. IV setzt 1713 ein. Das Ein
gehen auf den gebotenen, reichen Stoff lässt jedoch das vom
Verfasser durchgeführte Zugrundelegen des zeitlichen End
punkts der Abschnitte für deren Aufeinanderfolge, als einzig
berechtigt anerkennen.— Auf Seite 244 unter «13. September»
(1806) wird in für damalige Anschauung kennzeichnender
Form ein vom Kunsthändler Schiavonetti herausgegebenes
«1. Heft» von Uniformabbildungen erwähnt (vergl. auch
Vorbemerkungen Nr. V und den Schlussabsatz dieser Be
sprechung) und dem Ober-Kriegs-Kollegium aufgegeben, die
ergänzende Darstellung der neuen Infanteriebekleidung mit
den «nötigen Nachrichten» zu unterstützen.
An das, was der geschätzte Verfasser der Oeffentlich
keit als Frucht mühevoller Arbeit im einzelnen darbietet,
liesse sich eine Fülle von Bemerkungen knüpfen. Sie würden
den einer Besprechung angewiesenen Rahmen überschreiten
und lediglich bestätigen, wie unvergleichlich fruchtbringender
die wissenschaftliche Forschung gegenüber der heutzutage
über Gebühr belobten, oft recht oberflächlichen, mit den Jahr
zehnten und Erwartungen des Nachschlagenden kritiklos
spielenden Bilderbuchbehandlung auch in der Uniformen
kunde ist.
Die unter V. der Vorbemerkungen gegebene Anregung
zu Nachforschungen nach einem durch Friedrich Wilhelm III.
vom Buchhändler Quien 1806 erworbenen, seither verschwun
denen, Abbildungen der Uniformen, «wie sie anfangs der
Regierung Friedrichs II. bestanden», enthaltenden «Werke»
veranlasste mich zur Durchsicht der bezüglichen Hand
schriften der Herzoglichen Bibliothek zu Gotha. Das den
Herrn Verfasser, zweifellos auch weitere Kreise wie mich
6. Heft.
Zeitschrift fiir historische Waffenkunde.
selbst erfreuende Ergebnis war das Auffinden dreier hand
23/
hat eine Höhe von etwa 1,5 m. Die Zeitangabe fehlt, doch
schriftlicher und handzeichnerischer Darstellungen preussi
scher Uniformentypen und Farben in Buchform, deren wert
vollste, wie gesucht, vom ungenannten Bearbeiter «Potsdam
1764» datiert ist. Das in Queroktav gebundene Werkchen
ist augenfällig so geschickt und gewissenhaft zusammen
gestellt, in Zeichnung, Farben und kurzer Truppenbenennung
so wohlerhalten, dass dessen nach Thunlichkeit vollständige
Wiedergabe an dieser Stelle von seiten der Schriftleitung
beabsichtigt wird. Lossnitzer.
On a MS. Collection of Ordinances of Chivalry
of the flfteenth Century, belonging to Lord Hastings.
By Harold Arthur, Viscount Dillon. Printed by J. B.
Nichols and sons, parliament mansions, Victoria Street,
Westminster, 1900.
Die angeführte Manuskriptsammlung besteht aus zwanzig
Einzelschriften, welche folgenden Stoff behandeln: Vorschriften
bei Turnieren, solche über Bekleidung der Ritterschaft bei
den Stechen, Rennen und Fusskämpfen, Gebräuche bei der
Krönung der Könige und Königinnen von England, Anleitung
zur Führung eines Ausgabebuches, zwei (englische) Ueber
setzungen des Vegetius, bez. Aristoteles u. a. m. Alle diese
Schriften sind zu einem umfangreichen Bande zusammen
gefügt worden. Für uns haben die das Turnierwesen und
die Bewaffnung der Ritterschaft behandelnden vier Abschnitte
besonderen Wert, und es möge daher aus diesen das Wesent
lichste an dieser Stelle erwähnt oder referiert werden.
Abschnitt 1 handelt von der Bekleidung und Ausrüstung
(Bewaffnung) bei den Stechen «Justes of Pees» (peace), sowie von
Vorschriften fiir die Turnierenden beim Eintritt in die Stechbahn.
Abschnitt 7 bespricht die Bekleidung des Ritters zum
Fusskampf «fighte on foote», und die Reihenfolge, in welcher
die einzelnen Harnischteile angelegt werden sollen. Dazu
gehört eine lehrreiche Abildung, PI. VII.
Abschnitt 8, Brief des Herzogs von Gloucester an König
Richard II. (f 1400), betreffend Vorschriften über gerichtlich
geleitete Zweikämpfe (conducting judicial duels).
Abschnitt 15, Herausforderung des Pierre de Masse und
des Philippe Boyle de Aragon und der Ausgang ihrer Kämpfe
mit John Astley in den Jahren 1438 und 1441/42. Auf diesen
Teil des Manuskriptes machen wir die Fachgenossen wegen
seines kulturgeschichtlichen und waffengeschichtlichen In
haltes besonders aufmerksam. Er beginnt mit einer Vor
schrift über die Bewaffnung der Kämpfer; alsdann folgen die
Gesetze über das Turnier, bez. die sich daran schliessenden
Kämpfe. Hiernach beginnt der Waffengang in der Regel
mit einem Stechen (juste of peace), diesem folgte ein Scharf
rennen, bei dem die Turnierenden auch mit Schwert und
Dolch bewaffnet waren, um den Kampf mit der blanken
Waffe fortzusetzen, W'enn die Lanze gebrochen oder einer
der Gegner in den Sand gestreckt war. Es heisst nämlich
in der Aufzeichnung, dass, wenn das Turnier zu Ross am
ersten Tage unentschieden blieb, die Ritter in derselben
Rüstung zu Fuss weiter zu kämpfen hatten. Als Waffe für
diese Kämpfe dienten das Schwert oder die Streitaxt (Zwei
händeraxt). Im Gegensatz zu dem juste of peace handelte
es sich hierbei um das Leben; denn der Besiegte war, wenn
er nicht den empfangenen Wunden erlag, dem Henker ver
fallen, falls nicht der König, der als Schiedsrichter fungierte,
ihm das verwirkte Leben schenkte. Zu diesem Abschnitt ge
hören drei lehrreiche Abbildungen. Die erste zeigt uns ein
Stechen über das Dill (die Schranke), Justing at the tilt oder
auch Juste of Pees (peace) genannt, zwischen John Astley
und einem anderen Ritter, entweder Pierre de Masse oder
Philippe Boyle. Ausrüstung und Bekleidung sind auf dem
Bild noch gut erkennbar. Besonders in die Augen fallend
sind die Zimiere auf den Stechhelmen. Beine und Füsse sind
ungeharnischt, aber durch ein bis über die Knie herabreichen
des vorderes Sattelblech geschützt. Die Schranke (das Dill)
besteht aus fünf übereinander liegenden starken Brettern und
geht aus anderem hervor, dass das Turnier an einem Tage
während der obengenannten Jahre stattgefunden haben muss.
Die zweite Darstellung (PI. V) zeigt uns ein Scharf
rennen über die Schranke (mounted combat) zwischen John
Astley und Pierre de Masse zu Paris im Jahre 1438. Di
Rennbahn bildet hier die Rue St. Antoine, auf welcher die
Schranke für die Turnierenden errichtet ist. Links sieht man
die Bastille, im Hintergrund ein schlossartiges Gebäude, von
dessen Fenstern aus der König Karl VII (f 1461) und sein
Hofstaat dem Kampfe zuschauen. Die Benennung mounted
combat weist darauf hin, dass es sich hier um einen ernsten
Kampf handelte, bei welchem Schwert, Dolch oder Zwei
händeraxt nach Beendigung des Rennens in Anwendung kamen,
wie die Vorschriften zu Beginn des Abschnittes es besagen.
So sieht man unterhalb der Fenste* des königl. Schlosses
neben zwei Herolden fünf Geharnischte (men at arms), die
jeder eine Zweihänderaxt für den Fusskampf in der rechten
Hand halten. Als Kopfbedeckung tragen diese Leute Saladen
(Schallern) mit aufschlägigen Visieren. Auf den Helmen der
Turnierenden fehlen hier die Zimiere.
Das dritte Bild stellt einen Kampf (fight) mit Aexten
zwischen John Astlej' und Philippe Boyle zu Smithfield am
30. Januar 1441 dar. Beide Ritter haben hier einen voll
ständigen Plattenharnisch und darüber einen Waffenrock, ein
jeder mit seinem Wappen, angelegt. Sie führen langgestielte
Aexte (Zweihänderaexte), die etwas über Mannesgrösse lang
und mit Stossklingen versehen sind. Die Klingen weisen
jedoch insofern eine Verschiedenheit auf, als die eine neben
der Beilklinge eine Hacke in Form der Papageienschnäbel,
die andere dagegen einen dreizackigen Hammer zeigt. Auf
fälligerweise haben die Ritter die Waffe auf verschiedene
Art angefasst, indem der eine die rechte, der andere die
linke Hand unter die Handschutzscheibe legt, während die
andere Hand den Stiel weiter rückwärts ergriffen hat. Neben
den Turnierenden steht ein Herold, um die Einhaltung der
Kampfesregeln zu überwachen. Im Hintergründe des Kampf
platzes, der von einer Barriere umgeben ist, sieht man vier
Geharnischte, jeden mit einer Zweihänderaxt in der rechten
Hand, Waffen, die als Ersatz dienten, wenn, wie dies nicht selten
vorkam, die eine oder andere Axt der Kämpfenden in Stücke
ging. Von einer Tribüne herab sieht der König dem Kampfe
zu, um nach dessen Beendigung sein Richteramt auszuüben.
Schon aus diesen Andeutungen über den Inhalt der für
uns in Frage kommenden Abschnitte des Manuskriptes geht
hervor, dass wir hier Aufzeichnungen von hohem kultur
geschichtlichen Werte vor uns haben. Besonders werden die
Mitteilungen über das Turnierwesen zu Ausgang des Mittel
alters für die Fachgenossen von Interesse sein. Es möge
daher auf die Veröffentlichung des Manuskriptes durch Vis
count Dillon an dieser Stelle mit ganz besonderer Wärme
hingewiesen sein. M. v. E.
Die Frauenfelder Harnische im Schweizer Landes
museum, von Dr. W. H. Doer in Zürich. Als Anhang:
Urkundliche Notizen über die Frauenfelder Plattner Hof
mann, von Josef Büchi in Frauenfeld.1)
Die kleine Broschüre, deren Inhalt sich auf gründliche
fachmännische und archivalische Forschungen stützt, giebt
uns Aufschluss über die Herkunft einiger Harnische in ge
nanntem Museum. In der Familie Hofmann aber begrüssen
wir die erste bekannt gewordene Plattnerfamilie in der
Schweiz. Vielleicht regt diese verdienstliche Arbeit dazu
an, auch an anderen Orten, z. B. in Basel, nach Plattner
werkstätten zu forschen, ein Bemühen, das in Anbetracht
des häufig auf Rüstungen vorkommenden Baselstabes, der
hier unseres Erachtens als städtische Beschauraarke an
zusehen ist, nicht aussichtlos sein dürfte. M. v. E.
>) Die Schriftleitung wird auf diese Forschungen in
anderem Zusammenhang noch zurückkommen.
31*
2j8
Zeitschrift für historische Wäfienkunde.
Vereinsnachrichten.
Neue Trauer ist dem Verein aus dem Verlust eines seiner hohen Protektoren
erwachsen. Am 5. Januar dieses Jahres verschied in Weimar
Seine Königliche Roheit
Grossherzog Carl Alexander von Sachsen-Viteimar-Cisenadi.
Der erlauchte Schutzherr der Wartburg', in deren Räumen der Plan an einen Zusammen
schluss der Waffenhistoriker zuerst durchgesprochen wurde, hat, alles geistige und künst
lerische Streben zu fördern von jeher als eine seiner vornehmsten Pflichten erachtend,
auch unserer Thätigkeit Seine wärmste Teilnahme geschenkt und von ihr die zuversicht
liche Erwartung gehegt, dass es ihr glücken werde, ein lange vernachlässigtes Gebiet der
Kulturgeschichte aufzuhellen. So wenig wie andere, die sich seiner Huld gleichfalls freuen
durften, werden auch wir seinen ruhmreichen Namen vergessen, den die Geistesgeschichte
des 19. Jahrhunderts nicht anders als mit ehrfurchtsvollem Danke nennen kann.
Die Annahme von Beiträgen für Heft 7 des II. Bandes
wird spätestens am r. Juni d. J. geschlossen.
Herausgegeben vom Verein für historische Waffenkunde.
II. Bäiid,
Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Veste Coburg.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
Das mittelalterliche Wurfbeil.
Von Regierungsrat Dr. Rose in Berlin.
unser leider so früh
dahingeschiedenes Ver
einsmitglied Oberstleut
nant Dr. Max Jahns in
seinem letzten grösseren
Waffen werke, der her
vorragenden «Entwick
lungsgeschichte der
alten Trutzwaffen» (Berlin 1899) ausführt, gehört das
bisher nur in Afrika bei den verschiedensten Völkern
aufgefundene Wurfeisen zu den seltsamsten Waffen,
die es überhaupt giebt.
Nach der Beschreibung (Seite 257 bis 260 daselbst)
ist dieses «eine messer- oder sichelartige eiserne
Wurfwaffe, welche in der Regel mit einer oder
mehreren dolchartigen Klingen versehen ist, die
anscheinend willkürlich vorspringen, doch in einer
Ebene mit dem eigentlichen Messer liegen. Fast
niemals mangelt ihr ein mehr oder minder kunst
voller Griff. Die Waffe wird horizontal geschleu
dert, wobei sie, gleich der Kehrwiederkeule,
Drehungen um sich selbst beschreibt und, wenn
sie trifft, durch ihre Schneiden wirkt.» Die auf
Tafel XXVII unter No. 7 bis 12 bezw. auf Tafel XXVIII
unter No. 1 bis 4 des genannten Werkes beige
gebenen Abbildungen veranschaulichen die ver
schiedenen Formen dieser merkwürdigen afrikanischen
Wurfwaffe. ])
Am Schlüsse des betreffenden Abschnitts findet
sich nun die Bemerkung, dass, so fern übrigens,
wie es auf den ersten Anblick scheinen möchte,
auch die europäische Waffenwelt den Wurfeisen
nicht stehe. Zeuge dafür sei ein eisernes Wurf
beil mit Dornen vom Beginn des 14. Jahrhunderts,
welches ungarischen Ursprunges ist und sich im Be
sitze Se.Excellenz des Grafen Wilczek in Wien befindet.
') Cf. auch die Abbildungen bei Demrnin, die Kriegs
waffen (4. Aufl. Leipzig 1893) auf Seite 750 sub No. 103 und
104, resp. auf Seife 770 sub Xo. 48, woselbst diese Wurf
eisen als «Yatagankriegssense» und «Yatagankriegsbeil» der
Tuariks, resp. «als eisernes Wurftnesser oder Wurfsichel»
der Niam-Niam Afrikas aufgeführt sind.
Die Abbildung dieser Waffe auf Tafel XXVIII
unter No. 5 ist dem bekannten Werke von Dr. Jo
hann Szendrei «Ungarische kriegsgeschichtliche
Denkmäler in der Millenniums-Landes-Ausstellung
(Budapest 1896)» entnommen, woselbst das betref
fende Wurfbeil mit Dornen von Eisen auf Seite 135
unter No. 348 dargestellt ist.
Infolge der grossen Seltenheit dieser höchst
interessanten Waffe des Mittelalters dürfte eine Be
sprechung der bisher bekannt gewordenen einzelnen
Exemplare um so mehr gerechtfertigt erscheinen,
als die Mehrzahl der Wafifenlehrbücher nähere An
gaben über dieselbe vermissen lassen.
Durch die ausserordentliche und dankbar aner
kannte Güte des Herrn Grafen Wilczek ist es uns
ermöglicht worden, hierneben eine genaue photo
graphische Darstellung der in seiner Sammlung be
f
indlichen Exemplare zu bringen.
Fig. 1 ist das bereits bei Szendrei a. a. O. ab
gebildete, mit einem Gürtelhaken versehene Wurf
beil, welches aus einem einzigen Stück Eisen ge
schmiedet ist.
Die ganze Länge desselben von der oberen
Mitte bis zum Griffende beträgt 27 cm, die ganze
Breite von der Mitte der Beilschneide bis zum Ende
des Rückendornes 16,5 cm. An die 18 cm lange,
aber nur 3 cm breite eigentliche Beilklinge setzt
sich unten ein rechtwinklig nach vorn gebogener
6 cm langer und scharf zugespitzter Dorn.
Der vierkantige Griff hat an der schmälsten
Stelle einen Umfang von 5,5 cm und verbreitert
sich nach unten allmählich bis zu einem Umfange
von 6,5 cm.
Während die eigentliche Beilklinge abgeflacht
ist und nach vorn in eine scharfe Schneide ver
läuft, sind die Dornen und auch der Griff mehr in
quadratischer Form geschmiedet. Die Enden der
Beilklinge, des Rückendornes sowie des Griffes sind
in Rautenform viereckig zugespitzt. Das Gewicht
der Waffe beträgt 755 Gramm.
Das deutlich erkennbare Meisterzeichen ist auf
der Vorderseite vom Gürtelhaken bis zur Mitte der
32
240
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Beilklinge viermal,1) und von der Mitte des Griftes
II. Band.
Waffenschmiedsmarke ist an diesem Wurfbeil nicht
bis zum Ende desselben sowohl auf der Vorder
wie auf der Rückseite je fünfmal tief ins Gesenk
geschlagen, so dass die Waffe dieses Zeichen also
insgesamt vierzehnmal aufweist.
Das Alter dieser Waffe versetzt Szcndrei in
den Beginn des 14. Jahrhunderts, ohne jedoch
nähere Gründe hierfür anzugeben.
Fig. 2 stellt ein weiteres Exemplar aus der
selben Sammlung dar.
Auch dieses Wurfbeil besteht aus einem Stück
Eisen. Seine Gesamtlänge von der oberen nach
der unteren Spitze beträgt 35 cm, die ganze Breite
von der Mitte der Beilschncidc bis zum Ende des
Pig. 1. Eisernes Wurfbeil mit Waffenschmiedsmarke.
14. Jahrh. Beginn.
(Sammlung des Grafen Hans Wilczek in Wien.)
Rückendorncs iS cm, die Länge der Beilschneide
17 cm, des Stiels 25,5 cm, des kantig zugespitzten
oberen und Rückendorncs 8 bezw. 6,5 cm. Der
vierkantige Stiel dieses im ganzen mehr abgeflachten
Wurfbeiles hat in der Mitte einen Umfang von 5,5 cm,
er erweitert sich nach dem unteren Ende zu einem
runden Handgriff mit 7,5 cm Umfang. Dieser runde
und unten in eine scharfe Spitze verlaufende Hand
griff ist hohl, wie dies nicht nur das leichtere Ge
wicht dieses Teiles, sondern auch der Umstand
beweist, das man beim Schütteln deutlich ein Eisen
partikelchen in dem Hohlraum klappern hört. Eine
*) Die Abbildung bei Szendrei a. a. O. ist daher nicht
ganz genau, da das Meisterzeichen an dieser Stelle nur
e i n mal sichtbar ist.
zu entdecken, sein Gewicht beträgt 525 Gramm.
Gefunden2) ist dasselbe bei Fischament (Nieder
Oester. a. d. Donau), woselbst es ausgegraben wurde.
Ein drittes, der Abbildung 2 völlig gleichendes
Exemplar dieser Waffe ist kürzlich von Herrn Staats
rat von Lenz unter den Beständen der Kaiserlichen
Eremitage zu Petersburg aufgefunden worden (siehe
Fig'- 3)
Nach den von Herrn von Lenz in liebens
würdigster Weise zur Verfügung gestellten näheren
Angaben, wofür ihm der Verfasser seinen verbind
lichsten Dank ausspricht, beträgt die ganze Läng'e
dieses gleichfalls aus einem Stück Eisen geschmie
Fig. 2. Eisernes Wurfbeil. 15. Jahrh. Beginn.
Gefunden bei Fischament (Nieder-Oesterreich a. d. Donau).
(Sammlung des Grafen Hans Wilczek in Wien.)
deten Wurfbeiles 43 cm, die ganze Breite 16 cm,
Länge des Stieles 36,5 cm, der Beilschneide 20,5 cm
und der Dornen 6,5 bis 7 cm, der Umfang des
Handgriffs 9,5 cm und das Gewicht 784 Gramm.
Ueber die Herkunft dieses Exemplars ist nichts
bekannt, doch scheint die tief eingeschlagene Marke
auf eine steirische Werkstatt hinzuweisen, ln eine
kreisförmige Oeffnung am schwach gerundeten
unteren Teile des Bartes ist eine Messingscheibe
eingeschlagen, deren eine Seite das auf der Abbil
dung sichtbare roh eingekratzte Zeichen, vielleicht
die Hausmarke des Besitzers, trägt.-) Nach der gütigen Mitteilung des Archivars Sr. Exc.
des Herrn Grafen Wilczek, k. k. Sektionsrates Herrn Prä
laten Dr. Schrauf, dem hiermit ergebenster Dank gesagt sei.
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Der runde scharf zugespitzte Griff ist ebenfalls
241
beim horizontalen Wurfe nicht recht glaublich, wohl
hohl und in seinem unteren Teile mit einem Loch
versehen, dessen Bestimmung bis jetzt unklar ge
blieben ist. Ein Gürtelhaken wie bei dem erst
erwähnten Exemplar des Grafen Wilczek konnte
hier nicht gut angebracht sein, denn bei dieser
Stellung des Hakens wäre die Spitze des Rücken
Fig. 3. Eisernes Wurfbeil mit Waffenschmiedsmarke.
T5. Jahrh. Beginn.
(Sammlung der Kaiserlichen Eremitage zu St. Petersburg.)
dornes gegen den Oberschenkel des Trägers ge
richtet gewesen. Es erscheint dagegen nicht aus
geschlossen, dass die Oefifnung zur Befestigung einer
Leine mittels Knebels bestimmt gewesen sein kann
(also etwa wie bei einer Harpune).
Bei der Verwendung des Wurfbeils im offenen
Felde freilich wäre dies wegen der durch eine solche
seitliche Befestigung bewirkten Ablenkung der Waffe
aber lässt sich dies, wie Herr von Lenz vermutet,
bei der Verteidigung von festen Plätzen von den
Mauerzinnen herab, also bei einem Wurfe von oben
nach unten, schon eher denken, um die einmal ge
schleuderte Waffe zu wiederholtem Gebrauche wieder
hinaufzuziehen.
Jedenfalls ist aus der ganzen Konstruktion des
Beiles zu ersehen, dass dasselbe hauptsächlich für
den Wurf bestimmt war. Denn der runde Griff
schliesst die Befestigung an einer Stange aus, auch
lässt sich die Aushöhlung gerade dieses Teils mit
Sicherheit auf die Absicht zurückführen, dieses Ende
der Waffe zu entlasten und den Schwerpunkt mög
Fig. 4. Eisernes Wurfbeil mit Waffenschmiedsmarke (a).
15. Jahrh. Beginn. Gefunden bei Memmingen (Süd-Bayern).
(Sammlung des Verfassers.)
liehst nach der Mitte zu verlegen. Für den Ge
brauch als Faustbeil wäre der Griff nicht nur nicht
erleichtert, sondern sein Gewicht wie auch das der
ganzen Waffe wesentlich erhöht worden.
Obgleich bei der grossen Seltenheit derartiger
Waffen eine genauere Datierung schwierig ist, wird
nach Herrn von Lenz die Anfertigung dieses Beils
aus verschiedenen Gründen nicht in das 14., son
dern in den Anfang des 15. Jahrhunderts zu ver
setzen sein, und dürfte dieselbe Zeitbestimmung
auch für das gleichartige zweite Exemplar der Wil
czekschen Sammlung zutreffend erscheinen.
Ein viertes Exemplar ist vor Jahresfrist vom
Verfasser dieser Zeilen für seine Sammlung erworben
worden. Dasselbe ist gleichfalls aus einem einzigen
Stück Eisen geschmiedet und zeigt die eigentliche
Beilform.
242
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Seine Gesamtlänge von der oberen bis zur
II. Band.
Dorn ersetzte und damit die Möglichkeit des Auf
unteren Spitze beträgt 43,5 cm, die ganze Breite
von der Mitte der Beilschneide bis zum Ende des
Rückendornes 24,5 cm, die Länge des Stieles allein
30 cm, des oberen und des Rückendornes je IO cm,
der äusseren Beilkante 15 cm. Das Gewicht der
Waffe beträgt genau 1 kg. Auch dieses Wurfbeil
ist im ganzen abg-eflacht (siehe Fig. 4).
Eigentümlich ist, wie bei den vorerwähnten
Exemplaren, der sich von 6,5 cm Umfang allmählig
nach unten bis zu 7,5 cm Umfang verstärkende und
alsdann in eine scharfe kantige Spitze endende kurze
Griff. Ebenso ist der obere und der Rückendorn
vierkantig in Rautenform zugespitzt. Die breite
Beilfläche ist in Fischblasenform durchbrochen. Ober
halb und unterhalb dieser Durchbrechung erblickt
man ein eingeschlagenes Ornament in Gestalt eines
Haarsternes (Kometen). Die aus Messing bestehende
Waffenschmiedsmarke befindet sich im Mittelpunkt
der zusammenstossenden Dornen in einer stark ins
Gesenk eingeschlagenen viereckigen Vertiefung und
zeigt ein liegendes, an den Spitzen mit kurzen
Querbalken (Kleeblättern?) versehenes Kreuz. Dieses
Meisterzeichen ist daher fast identisch mit der bei
Demmin1) (Seite 1048 rechts oben) allerdings in
Form eines stehenden Kreuzes gezeichneten Marke,
welche einer Kriegssense des 14. Jahrhunderts ent
nommen ist.
Jene Zeitangabe würde mit der von Szendrei
gegebenen übereinstimmen, doch lassen Gestalt und
Ausführung die Anfertigung auch dieses Wurfbeiles
eher zu Beginn des 15. als des 14. Jahrhunderts
vermuten.
Gefunden ist dieses gut erhaltene Exemplar bei
Memmingen, im süd-bayerischen Kreise Schwaben,
und auch die Meistermarke dürfte auf eine süd
deutsche Werkstatt hinweisen.
Ein Charakteristikum aller dieser Wurfbeile bildet
insbesondere der Griff.
Derselbe ist, wie schon bemerkt, nicht etwa
erst angesetzt, sondern mit dem eigentlichen Beile
aus einem einzigen Stück Eisen geschmiedet. Er
verbreitert sich zwar etwas nach dem Ende zu, um
gut in der Hand zu liegen, ist aber ganz kurz, um
den Schwerpunkt der ganzen Waffe nicht zu tief
nach unten zu verlegen, wodurch eine regelmässige
Drehbewegung in der Flugbahn unmöglich gemacht
worden wäre. Er zeigt endlich am unteren Ende
eine scharfe Zuspitzung, was die Absicht erkennen
lässt, in welcher Lage auch immer das Beil in seiner
wirbelnden Flugbewegung am Ziele anlangte, das
jedesmalige Aufschlagen einer der zahlreichen Spitzen,
wenn nicht der Beilschneide selbst, herbeizuführen.
Am deutlichsten erhellt dies bei dem erstbeschrie
benen Exemplar, da man hier, um desto sicherer
diesen Zweck zu erreichen, die sonst übliche breite
Beilfläche durch einen rechtwinklig abgebogenen
*) Demmin, a. a. O.
schJagens mit einer weiteren schärfen Spitze ver
grösserte.
Jedenfalls muss eine solche, von kundiger Hand
auf kurze Entfernung geschleuderte Waffe ganz ge
fährliche Verwundungen verursacht haben.
Wenn wir uns nunmehr der historischen Ver
gangenheit des mittelalterlichen Wurfbeils zuwenden,
so erblicken wir dessen Vorbild unter dem bekann
ten Namen der Francisca insbesondere bei den
Franken während der Merovinger-Zeit (481—751)
in einem so allgemeinen Gebrauch, dass es als die
eigentliche National- und Lieblingswaffe dieses Volks
stammes bezeichnet werden kann. So hat man in
den zahlreichen Gräbern dieser Zeit, zumal am Rhein,
in Burgund und in der Champagne fast stets neben
dem Scramasax die Francisca gefunden (siehe Fig. 6).
Die Gestalt dieser an einem ganz kurzen Holz
stiele befestigten schmalen Eisenaxt wird von Jähns
anschaulich wie folgt beschrieben:2)
«Die Klinge steigt vom Axthelm in flachem
Bogen aufwärts und endet in leicht ausgeschwun
gener Spitze. Die schmale Schneide, nur halb
so lang wie die gesamte Axt und zuweilen ein
wenig nach aussen gekrümmt, ist so hoch ge
schwungen, dass sogar ihre untere Spitze nicht
bis zum untern Rande der Bahn hinabreicht, wo
durch vermutlich der Schwung des Hiebes wie
des Wurfes verstärkt wird; denn die Francisca ist
in erster Reihe ein Wurfbeil. Als solches ver
folgte sie ihren Weg, indem sie sich um ihre
Achse drehte und beständig überschlug. Die
Klingenlänge beträgt vom Helm bis zur Schneide
14 bis 18 cm; letzteres Mass herrscht bei den
deutschen Funden vor.»3)
Bereits Procopius4) berichtet in seiner Ge
schichte des Gotenkrieges (II, 25, 28), dass das
austrasische Fussvolk, welches Theodobert I. im
Jahre 539 nach Italien führte, der Masse nach nicht
mit Speeren und Bogen, sondern neben Schwert
2) Jähns, Entwicklungsgeschichte S. 138. Cf. auch die
Abbildungen der Francisca bei Jähns ebendas. Tafel III, No. 7
und 8, sowie das im Grabe Childerichs I, (gest. 481) gefundene
Exemplar auf Tafel IV, No. 2, ferner in Jähns’ Atlas zur Ge
schichte des Kriegswesens Tafel 28, No. 19.
Demmin a. a. O. Seite 337, 338, No. 44, 44a und 44 bis,
und Seite 348.
Lindenschmit: Die vaterländischen Altertümer der Fürst
lich Hohenzollernschen Sammlungen zu Sigmaringen (Mainz
1860) Seite 15 und auf Tafel I No. 6 u. 13 u. a. m.
3) Das Gewicht eines solchen Wurfbeils (Francisca) aus
der Merovinger-Zeit ist in Band I, Heft 12, Seite 307 dieser
Zeitschrift auf durchschnittlich 600 Gramm, bei einem Exem
plar auf 550 Gramm angegeben.
4) Ueber die Litteratur vergl. Lindenschmit a. a. O.
Seite 14—15.
San Marte, Zur Waffenkunde des älteren deutschen
Mittelalters, Quedlinburg 1867, Seite 191 ff.
Jähns, Handbuch einer Geschichte des Kriegswesens
(Leipzig 1880) Seite 409 ff., sowie derselbe: Entwicklungs
geschichte a. a. O. Seite 141 —142.
Boeheim, Handbuch der Waffenkunde Seite 4 und 367.
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
und Schild lediglich mit der Francisca ausgerüstet
243
Grossen (um 1020) der Wurf mit der Schmalaxt
war. Beim ersten Anlaufe schleuderten die Franken
das Beil auf den Gegner, zertrümmerten dadurch
seinen Schild und stürzten sich nun mit dem
Schwerte auf ihn.
Ebenso erwähnt Sidonius Apollinaris in seinen
Epist. XX bei der Beschreibung von Sigismers Auf
zug unter den Waffen des fränkischen Fteeres wieder
holt der «secures missiles», während er im Verse
(Panegyr. major) den bekannteren Ausdruck «bi
pennis» auch da anwendet, wo er auf das deut
lichste vom Werfen der Axt spricht.
Diese allgemeine Bewaffnung der Franken mit
dem Wurfbeil, die auch von Gregor von Tours im
6. Jahrhundert ausdrücklich bezeugt wird,1) liess
diese Waffe gleichzeitig bei den anderen deutschen
Volksstämmen Eingang finden, wie z. B. ala
mannische und burgundische Gräberfunde be
weisen.
Dass auch den Langobarden das Wurfbeil
und dessen Gebrauch bekannt war, beweist die Sage
von König Autharis’ Brautwerbung um die bayerische
Herzogstochter Theodelinde im Jahre 584. An der
Grenze seines Landes, bis wohin ihm auf der Rück
kehr die Bayern das Ehrengeleite gegeben hatten,
schwang der König seine Axt und warf sie in einen
fernen Baum mit solcher Kraft, dass sie tief darin
stecken blieb, wobei er sich durch den Ruf zu er
kennen gab: Solche Hiebe thut nur Autharis, der
Langobardenkönig!
Ebenso führten die Goten nach dem Berichte
von Agathias bei der Belagerung von Cumae das
Wurfbeil, und Isidorus (Etymol. XVIII, 6, 9) giebt
den wichtigen Nachweis, dass die Axt noch im An
fänge des 7. Jahrhunderts von den Spaniern, d. h.
den Goten, Francisca genannt wurde.
Bei den Franken verschwindet jedoch diese
ursprüngliche Nationalwaffe bereits gegen Ende der
Merovinger-Zeit, so dass Karl der Grosse sie in
seiner Verordnung über die vollständige Bewaffnung
des Heerbannes (Epist. Caroli Magni ad Fulradum
Abbatem St. Dionys. 784) nicht mehr anführt.
Ebenso bezeugt der Dichter des im 10. Jahr
hundert entstandenen Walthari-Liedes ausdrücklich,
dass er sie nur noch aus der Ueberlieferung einer
fernen Zeit kenne, und dass sie zu seiner Zeit nicht
mehr im Gebrauch, früher aber gerade bei den
Franken üblich gewesen sei.2)
Desto länger behielten dagegen die Eng
länder diese Wurfwaffe bei.
So erscheint in einer Verordnung Knuts des
») Auch Flodoardus (Hist. Remens. 1,13) gebraucht den
Namen Francisca, und Hincmar in der Vita St. Romigii:
«Francisca quae vocatur bipenna» (sic!). Ebenso Gesta Dei
per Franc, c. 10: «Francisca, quod est bipennis».
2) Cf. Vers 918 das. Als der Franke Gerwich die Axt
gegen Walthari schleudert, heisst es:
«Venit, et ancipitem vibravit in ora bipennem.
Istius ergo modi Francis tune arma fuere».
(taper-axe) als Bestimmung eines Raummasses. 8)
In der Schlacht bei Hastings (14. Oktober 1066)
waren, wie Matth. Paris, in seinem proelium apud
Flastinges versichert, sämtliche Sachsen «cum secu
ribus» bewaffnet. Als die Normannen anrückten
«jactabant Angli cuspides ac diversorum generum
tela, saevissimas quasque secures et lignis imposita
saxa» (Gesta Gulielmi Ducis Norman. 201). Auch
im Chron. de Normandie lesen wir: «Et sitost
comme les Anglois les virent fuir, ils commencerent
ä poursuivir, chascum la hache ä son col».
Ja bis ins späteste Mittelalter hinein erhielt
sich bei den Briten der Axtwurf, so dass noch im
16. Jahrhundert Fischart in seinem Gargantua das
Wurfbeil direkt als englisch bezeichnet: «Er warf
das Englisch Beihel» etc.3 4 *)
Bei dieser Gelegenheit dürfte darauf hinzu
weisen sein, dass man im Mittelalter von jeher neben
den mit der Hand geschleuderten gewöhnlichen Ferne
waffen (Wurfspiess, Wurfpfeil, Schleuder etc.) auch
noch das Werfen anderer Waffengattungen kannte,
die sonst nur im Nahkampfe Verwendung fanden.
So wurden selbst Schwerter gelegentlich ge
worfen, wie dies eine Stelle der langobardischen
Gesetze beweist. Hiernach hatte, wenn ein Tier
durch den Wurf eines Schwertes getötet war, der
Thäter Ersatz zu leisten; geschah es aber infolge
der Verteidigung mit bewaffneter Faust, so fiel die
Busse fort. (Leg. Langob. CCCXXXV.)
Ferner berichtet Ulrich von Zatzikofen in seinem
um das Jahr 1190 verdeutschten Buch von «Lanzelot
vom See» von einem Kampfe mit Wurfmessern.6 *)
Auch Caspar v. d. Rön und noch besser «das Helden
buch» ®) erzählt ausführlich einen solchen Wurf
messer-Kampf zwischen Wolfdiethrich, welcher diese
Kunst von seinem alten Waffenmeister Bechtung
erlernt hat, und dem Heidenkönig Bellian, der hier
bei getötet wird.’)
3) Cf. Jähns, Entwicklungsgeschichte Seite 141 —142. Auch
der Hammerwurf war eine symbolische Handlung bei den
Germanen, und ein Rugianischer Landgebrauch schätzt die
Weite eines Axt- oder Hammerwurfes auf drei Meereswellen.
4) Cf. Lindenschmit a. a. O. Seite 16 und 17.
B) Lanzelot 1119: «Er zwei scharpfin mezzer truoc,
Spizzic unde lang genuoc; Diu mezzer beidenthalben sniten»
(cf. San Marte a. a. O. Seite 152).
°) Ausgabe von Sigm. Feyrabend (1590) Seite 124—128.
Gottfried von Strassburg vergleicht die fliessenden Reime
des Blicker von Steinach mit gewandt geworfenen Messern:
Tristan 4712: Nemt war, wie er wunder Mit spaeher rede
entwirfet, Wie er diu mezzer wirfet Mit behendeklichen rimen,
indem er an seinem Gedichte, dem Umbehang, webt (cf.
San Marte ä. a. O. Seite 154).
’) Im 16. Jahrhundert war diese Kampfweise bereits
veraltet, so dass Fischart in seinem Gargantua sagt: «Das
baderisch und bechtungisch Messerwerfen und Scharsach
schiessen liess er St. Velten haben», ebenso wie das antike
«Fischgarnkempffen und ölgeschmirtringen». Dagegen be
steht der Brauch des Messerwerfens noch heute im südlichen
Europa, insbesondere bei den romanischen Völkern, von denen
die Spanier ihre Navaje mit grosser Kunst zu schleudern
verstehen.
244
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Ebenso erscheint der Dolch zuweilen alseine
f
l. Band
Sammelplatz zu Ingolstadt am 29. oder 30. Juli
Wurfwaffe, so z. B. warfen im Jahre 1356 die Eng
länder gegen den sich mit einer Axt verteidigenden
Duguesclin ihre Dolche. (Vie de Duguesclin Kap.87.)
Um nun zu unserem Wurfbeil zurückzukehren,
so können wir den Gebrauch desselben in Deutsch
land, wo er gleichwie bei den Franken früh er
loschen, im späteren Mittelalter und zwar im 14. und
15. Jahrhundert von neuem konstatieren. Die Waffe
erscheint jetzt in der Form der hier beschriebenen
Exemplare, aus einem einzigen Stück Eisen ge
schmiedet und entsprechend den vom Fussvolk ge
tragenen Fausthämmern und Streithacken1) teilweise
auch mit Gürtelhaken versehen, wie ihn das erst
genannte Exemplar aufweist.
Einen interessanten Anhalt hierfür finden wir in
dem Neuburger Kopial
buch No. 36,2) wonach
Herzog Ludwig der
Reiche von Landshut,
welcher in der Degen
berger Fehde (Dezember
1468) ein Heer sammelte,
um vor die feste Sälden
burg zu ziehen, in dem
Ausschreiben an die
Städte und Märkte des
Landshuter Herzogtums
folgende Bestimmung
über die Bewaffnung er
liess:
«1/4 gute Armbrüste,
das andere Handbüch
sen, das dritte gute
lange Spiesse, und das
letzte wohlgerichtete
Helmparten, dazu ein
jeder ein gutes]anges
Messer oder ein wohl
schneidend Schwert,
ausserdem noch im
einzutreffen.»
«Auf dass die' Personen alle in einerlei Klei
dung zu unserm Schwager, Herzog- Sigmund von
Österreich, dem wir sie schicken wollen, kommen,
so soll ein jeder einen weissen Kittel und dazu
einen rothen Plut oder Kappen haben.»
«Von Wehren soll jeder haben an seiner
Seiten ein gutes langes Messer oder wohlschnei
dendes Schwert, dazu eine gute Ärmst oder eine
gute Büchse, mit allem, was dazu gehört, oder
einen guten langen Spiess, und in seinem Gürtel
ein Wurfbeil.:
«Wo in einer Rotte hundert Trabanten sind,
so sollen dieselben in drei Teile geteilt werden,
ein Teil soll Ärmst, der andere Büchsen und
der dritte Teil Spiesse
haben, und dazu ein
jeder noch an seiner
Seite ein gutes langes
Messer oder Schwert
und im Gürtel ein
Wurfbeil.»
In diesen Pleeres
befehlen erblicken wir
also neben dem Versuch
der Einführung eines
einheitlichen Kriegsklei
des (Uniform) auch die
Anordnung einer gleich
mässigenBewaffnung. Da
zur letzteren ausdrück
lich und wiederholt das
im Gürtel getragene, zum
Werfen oder Hand
gebrauche benutzbare
Wurf b eil (picula) gerech
net ist, so erscheint das
selbe bereits als eine, für
den Kriegsgebrauch des
Fig. 5. Fusskampf des Kaisers Maximilian mit Graf Albrecht
Gürtel ein Wurf
beil.»
von Zollern. (Quirin v. Leitncr, Freydal, Tafel 19.)
Von Schutzwaffen werden ebendaselbst Eisen
gemeinen Mannes in
grösseren Mengen her
gestellte Waffe.
Hiermit stimmt auch die schmucklose und mehr
hüte, Blechhauben, Achselein und Brüste genannt.
Bei den Trabanten war die Ausrüstung mit Ausnahme
der Handbüchsen die gleiche.
Nach derselben Quelle lautete die Bestallung
der Rottmeister und ihrer Mitgesellen, welche eben
falls Ludwig der Reiche im Jahre 1468 anwarb,
folgendermassen:8)
«Jeder Rottmeister, dem die Bestallung nicht
abgeschrieben worden, hat mit seiner Rotte am
*) Cf. die Abbildungen bei Böheim a. a. O. Seite 375,
Fig. 445 und 446.
2) Siehe WUrdinger, Kriegsgeschichte von Bayern,
Franken, Pfalz und Schwaben von 1347—1506. (München
1868) Band ff, Seite 137—38.
3) Siehe Wiirdinger ebendaselbst Seite 318.
handwerksmässige Ausführung der in diesem Artikel
beschriebenen Exemplare überein, zumal man ja
auch sonst auf die Ausstattung der zum Kampfe
bestimmten Aexte und Barten wenig Kunst ver
wandte.
Neben diesem Gebrauche im Kriege scheint
das Wurfbeil zu Ende des 15. Jahrhunderts aber
auch bei den deutschen Turnieren Verwen
dung gefunden zu haben.
So hebt Uiltl4) beim Kapitel der Streitäxte be
sonders hervor, dass die Wurfhacke, d. h. «eine
sehr kleine beilartigc Waffe, die am Rücken des
4) Hiltl, Katalog der Waffensammlung des Prinzen Karl
von Prcussen, Seite 7.
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Axthelmes einen Stachel, Stiel mit Spitze, zeigt
245
Somit erscheint die Angabe Hiltls über den
und wie der Czakan geworfen wurde»,1) sowie die
Mordhacke, lange. Mordhacke und die Streitaxt der
jenigen Waffengattung angehören, welche man auch
bei Fussturnieren brauchte.2 *)
In der That finden wir im «Freydal»8) auf Blatt 19
einen Fusskampf des Kaisers Maximilian mit Graf
Albrecht von Zollern abgebildet, bei welchem sich
nach dem Texte auf Seite LI daselbst die mit einer
Tartsche bewehrten Kämpfer des Reiterschwerts zu
gleich mit einem «dreistachlichen Wurf
hammer» bedienen (siehe Fig. 5).
Diese eigentümliche Waffe kommt in den Zwei
kämpfen des Freydal nur dieses eine Mal zur An
wendung und zeigt mit unserem Wurfbeile die grösste
Aehnlichkeit. Sie ist ebenso wie dieses aus einem
einzigen Stück Eisen geschmiedet, hat denselben
Stachel an der Spitze, am Rücken und unten am
Griff, und zeigt als einzigen Unterschied auch vorn
einen gleichen Stachel an Stelle der Beilfläche. Die
Gebrauch des Wurfbeils bei den Fussturnieren durch
aus glaubwürdig, zumal wenn man die ganz gleich
artige Benutzung des Wurfbeils und des Streit
hammers als Hieb- und als Wurfwaffe berücksichtigt.
Denn auch letzterer wurde wie das Wurfbeil mit
Vorliebe vom Walle aus und gleich dem römischen
Pilum unmittelbar vor dem Angriff mit blanker Waffe
geschleudert.4 *)
Mit der vermehrten Einführung der Feuerwaffen
im 16. Jahrhundert verschwindet in Deutschland
das Wurfbeil vollständig, und mag der Umstand,
dass sich nur sehr wenige Exemplare bis heute er
halten haben, auf die Verwendung derselben im
Hausgebrauche zurückzuführen sein, wozu sie infolge
ihrer Handlichkeit besonders geeignet' waren.
Dagegen blieb dasselbe seit dem frühen Mittel
alter bei den slavischen Völkern dauernd in
einem so allgemeinen Gebrauch, dass Philander
von Sittewald bei den unmöglich zu findenden
Fig:. 6. Francisco vom 7.-8. Jahrh., Fig. 7. Slavisches Wurfbeil,
gefunden zu Kaltenengers. Ger- 16. Jahrh. Beginn. Handzeichnung
manisches Museum. (Demmin, von Albrecht Dürer. (Linden
Seite 338.) schmit, Seite 17.)
Waffe gleicht somit einem ziemlich regelmässigen
Fig. 8. Polnisches Wurfbeil. 17. Jahrh.
Beginn. Der kurze Stiel mit Lederstreifen
umwickelt. Sammlung Llewelyn-Meyrick.
(Demmin, Seite 821, Nr. 23.)
Dingen aufführt: «Ohne Wurf- und Spitzbarten ein
viereckigen Stachelkreuze.
Charakteristisch ist jedenfalls auch hier der kan
tige, sich nach unten verbreiternde und dann in eine
scharfe Spitze endigende kurze Griff.
Dass es sich aber ohne Zweifel um eine Wurf
waffe handelt, geht aus der Abbildung mit grosser
Deutlichkeit hervor. Denn die von Maximilian ge
schleuderte Waffe hat sich mit der einen Spitze in
die hölzerne Tartsche seines Gegners eingebohrt
und sitzt dort wie ein verschossener Bolzen oder
Pfeil fest. Der Kaiser hat daher das Schwert ge
zogen, während sein Gegner' noch seinen Stachel
hammer in der zum Wurfe erhobenen haust hält.
*) Diese Beschreibung, insbesondere die Erwähnung des
«Stieles mit Spitze», trifft genau auf die hier in Rede stehen
den Wurfbeile zu.
Für gewöhnlich bezeichnet man sonst mit «Wurfhacken»
jene langgestielten Aexte mit Hamineransatz (s. weiter unten).
s) Bekanntlich kämpfte man in den Fussturnieren seit
der Mitte des 15. Jahrhunderts mit den mannigfaltigsten
Waffen, ja selbst mit Ahlspiessen und mit Drischeln (cl. auch
Boeheim a. a. O. Seite 530).
3) Quirin v. Leitner, Freydal, Des Kaisers Maximilians I.
Turniere und Mummereien. Wien 1880—1882.
Wcnd!»
Dieses slavische Wurfbeil erscheint sowohl
mit kurzem wie mit langem 1 lolzschafte.
Eine schöne Komposition Dürers zeigt uns das
selbe mit runder Schneide und kurzem geschwun
genen Stiel in der Hand eines schwergerüsteten
Fussgängers, der mit anderen auf hussitische Weise
Bewaffneten von deutschen Landsknechten über
wältigt wird (siehe Fig. 7).
Hierhin dürfte auch das bei Demmin (Seite 821
unter No. 23) abgebildcte polnische Beil vom An
fang des 17. Jahrhunderts zu zählen sein, dessen
kurzer Stiel mit Lederstreifen umwickelt ist und
welches sich in der Sammlung Llewelyn-Meyrick
befindet (siehe Fig. 8).
In ebensolcher, also der Francisca sehr ähn
lichen Form mit dem Namen sekina (securis?)
steht dieses Wurfbeil noch heute im Gebrauch der
l) Cf. Jahns, Geschichte des Kriegswesens, Seite 410—11
Bekannt ist die Sage von Miölner, dem Hammer des Thor,
der nach jedem Wurf immer wieder in die Hand des Gottes
zurückflog. Siehe auch die obige Anmerkung über der
Hammerwurf als Raumniaass.
246
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
böhmischen und ungarischen Hirten. Letztere sollen
II. Band.
eisernen Spitzen, auch alleSpiess, viele Wurfhacken,
es mit solchem Geschick werfen, dass sie auf be
deutende Entfernung einen auf einem Baume ruhen
den Vogel zu zerschneiden vermögen.1)
Mit langem I lolzschafte dagegen, schmalem
Axtblatte und g'eradcr Schneide, sowie mit einem
kurzen Hammeransatze am Rücken
linden wir die Waffe als soge
nannte «Wurfhacke» noch viel
fach, zum Teil reich verziert mit
Tuschicrung und Aetzung, in
grösseren Sammlungen, wie z. B. in
dem Landeszeughause in Graz, in
der Wiener Waffensammlung' u.a.m.
Die beifolgende genaue Ab
bildung einer solchen « langen
Wurfhackc (siche Fig. 9), datiert
1578, nebst Meistermarke, ver
danken wir der Güte des der
zeitigen Kustos der Wiener Samm
lung, Herrn Dr. Kamillo List.2) Vgl.
auch die Abbildung derselben auf
Tafel XXI sub No. 5 in dem Werke:
Quirin von Leitner, die Waffcn
sammlung des österr. Kaiserhauses
im k. k. Artillcrie-Arsenal-Muscum
in Wien (Wien 1866—1870).
Auch diese Waffengattung hat
sowohl in den 1 iussitenkriegen des
15. Jahrhunderts wie im 16. Jahr
hundert in g'rösseren Mengen zur
allgemeinen Ausrüstung' des ge-,
meinen Mannes gedient, insbeson
dere in den böhmischen Heeren.
So berichten vor dem Treffen
von Wenzenbach (der sogenannten
Beheimschlacht, am 12. September
1504) die von Maximilian auf Kund
schaft in das Lager der Böhmen
nach Cham und Pfreimd ausge
sandten Heckenreiter Conz von
Schott und Philipp von Stein, «dass
der grösste Teil der 6000 Mann
starken Böhmen 1 landbüchscn,
habe die anderen Dreschflegel mit
J) Siehe Lindenschmit a.
auch lange Behcimsche Scharsana und Schwerter».8)
Eine gleichzeitige Abart dieser langen Wurf
liacke bildet in Ungarn der einer kleinen Streit
hacke ähnliche Czakany, welcher noch jetzt als
eine Art Gehstock vielfach benutzt wird, wobei das
metallene, mondsichelförmige
1 lammerbeil als Handgriff dient.
Ebenso kann der einem kleinen
Streithammer gleichende alt-un
garische Fokus resp. galizische
Topor hierzu gerechnet werden,
zumal die Bezeichnungen dieser
Waffen häufig wechseln und auch
Verbindungen derselben miteinan
der (Czakanyfokos) üblich sind.4)
Dass auch der Czakany im
Kriege geworfen wurde, ist be
kannt. So tötet der Czekler Bla
sius Oerdödy den Fürsten Andreas
Bathory durch einen solchen Beil
wurf bei St. Thomas.s)
Selbst der Buzogany (Streit
kolben) scheint in Ungarn zuweilen
als Wurfwaffe benutzt worden zu
sein, wie das unter den Notizen des
Postdirektors Josef von Scheiger
aufgeführte Beispiel beweist.6)
Ausser dieser slavischen Wurf
waffe und dem bereits erwähnten
romanischen Brauche des Messer
werfens finden wir in der Jetztzeit
den Gebrauch von Wurfwaffen nur
noch bei den ausser-curopäischen
Naturvölkern, wie dies neben
Schleuder und Wurfspicss u. a.
sowohl die dem Wurfbeile ähn
lichen indianischen Tomahawks,
als auch der indische scharf schnei
dende Wurfring (Tschakram), der
australische Boumerang und die
eingangs genannten afrikanischen
Wurfeisen darthun.7)
3) Cod. germ. 900. Siehe Wiir
dinger a. a. O. Band II, Seite 245.
Fig. 9. Lange Wurfhacke mit Waffen
Seite 17. Jähns, Entwicklungsgeschichte,
Seite 142. Demmin a. a. O. Seite 820
unter Xo. 19.
schmiedsmarke («). Datiert 1578.
(Wiener Waffensammlung.)-) Es ist dies das von Böheim in seinem Führer durch
4) Si' lie die zahlreichen Abbildun
gen bei Szcndrei a. a. ()., sowie die Ent
wicklungsgeschichte dieser Walle S. 98
daselbst; Demmin a. a. O. Seite 812 sub
X'o. 15 und 16. Quirin v. Leitner, Waffensammlung des österr.
die Wiener Waffensammlung Seite 65 unter Xo. 309 auf
geführte Exemplar. Siehe auch den Aulsatz: «Bogen und
Armbrust» in Band I, Heft 6, Seite 133 dieser Zeitschrift,
woselbst Boeheim unter den Wurf Waffen neben Schleuder
und Wurlspiess auch «die Wurfhackc» aufführt.
Kaiserhauses, Tafel LXIV, Fig. 10 u. a. m.
6) Siehe lliltl a. a. C). Seite 7 hei Xo. 44.
°) Siehe Band 1, Heft 11 dieser Zeitschrift, Seite 291.
7) Siehe jähns, Entwicklungsgeschichte, Seite 1 12ff.,
202ff. und 257 ff.
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkundc.
247
Die historische WafFensammlimg der Stadt Wien im Zusammen
hänge mit der militärischen Organisation der Stadt.
Von Karl Schalk.
f
fensammlung der Stadt
Wien,die eine der Gruppen
der historischen Samm
lungen der Stadt Wien
bildet,1) ist aus dem
städtischen Waffen
a u s h i 1 f s - und Zeugs
depot, das die Stadt im
Mittelalter anlegtc, her
ausgewachsen.
Wir gebrauchen den
Ausdruck Waffenaushilisdepot, da bekanntlich im
Mittelalter der zum Kriegsdienst Verpflichtete, wie der
denselben als Beruf Erwählende, der Söldner, sich
seine Waffen selber zu besorgen hatte, die Stadt
also in erster Linie nur für die Beschaffung der Ge
schütze, des «Zeugs», aufkam und für die Be
waffnung des Einzelnen nur aushalf, insofern
derselbe nicht die Mittel hatte, im gegebenen Augen
blicke des Bedürfnisses mit seiner Wehr, bereit zu
sein. Als Beispiele für die Verpflichtung der eigenen
Waffenbeschaffung- seitens der Bürger und der Söldner
sei auf italienische Städte hingewiesen, die in Fragen
der Verfassung und der Verwaltung den deutschen
infolge vorgeschrittener wirtschaftlicher Entwicklung
ja in vielfacher Hinsicht vorangingen.
In dem für die spätmittclalterlichc Hccresverfas
sung so überaus wichtigen Florentiner Libro di
Montaperti aus dem Jahre 12602) heisst es bezüg
lich der Bürger: «Item quod quilibet habens
equum pro Commune Florentiae tarn civitatis quam
comitatus Florentini teneatur et debeat portare et
habere in praesenti exercitu sellam ad dextrarium,
covcrtas equi, panccriam sive asbergum, caligas sive
stivalettos de ferro, cappellum de acciario, lamerias
vel coraczas, lanceam, scutum sive targium vel tabo
laccium anglum.
Item quilibet pedes civitatis Florentiae tene
‘) Durch Gemeinderatsbeschluss vom 22. Juli 1898 wur
den Bibliothek und Historisches Museum unter dem Titel:
«Städtische Sammlungen» vereinigt (Die Geraeinde-Ver
waltung im Jahre 1898, Seite 346). Von 1886 bis 1898
waren die Sammlungen, mit Ausnahme der Bibliothek, unter
dem Namen: «Historisches Museum» zusammengefasst, dessen
IV. Abteilung die Waffensammlung mit eigenem, hier im Fol
genden citierten Katalog aus dem Jahre 1888 bildete.
'-) Herausgegeben von Paoli in Documenti di storia
Ital., tom. IX., und früher schon benutzt von Hartwig in
Quellen und Forschungen zur ältesten Geschichte der Stadt
Florenz, Bd. II. Ricotti, Storia delle Compagnie di Ventura
in Italia, Vol. I, pag. 392 e 396 : Documenti, Nota I C. (Dal
libro di Montaperti).
atur et debeat portare et habere in praesenti exer
citu panceriam sive coLctum cum manicis ferreis
aut manicäs ferreas cum coraczinis, cappellum de
acciario vel cervclleriam, gorgieriam sive collare de
ferro, lanceam, scutum sive tabolaccium magnum.»
Die Verpflichtung der Söldner, in eigenen
Waffen zu dienen, erhellt unter anderem aus einem
Codex degli stipendiarii della repubblica di Firenze
aus dem Jahre 13698): «Imprimis quod omnes et
singuli comstabiles equestres comunis Florentiae
debeant toto tempore, quo starent ad servitium et
Stipendium, esse armati et muniti de et cum infra
scriptis armis offensilihus et defensilibus.» Eine
analoge Vorschrift bestand auch für die stipen
diarii pedites:
«Dummodo balestarius sit armatus et muni
tus corazina, cervcleria, cultello, balista et croccho
et verretqnibus et turchasso.
Et quod comstabilis banderie sit armatus
cervcleria sive bacinetto, corazina, braccialibus sive
manichis de maglia,, spata, cultello, lancea et pavese.
Et quod quilibet caporalis, qui habet raga
zinum, sit armatus similiter, et quilibet alius pedes
de banderia sit armatus cerveleria, spata, cultello,
pavese sive rotclla et lancea.»
Die Wiener Bürger waren nach dem Wiener
Stadtrecht des Kaisers Friedrich II. vom April 1237
und nach dem Freiheitsbriefe König Rudolfs I. vom
24. Juni 1278 nur zu beschränktem Heeres
dienst verpflichtet.4)
In ersterem8) heisst es in Alinea 2: «Preterea
ex habundanti gratia indulgcmus, ut nemini liceat
prenotatos cives ad aliquod servitium ultra pro
gredi cohibere, quam ut eo die, quo Clara luce
de domibus exierint, cum splendore solis re
gredi permittantur.» In deutscher Uebersetzung:ö)
«Das man dhain purger icht verrer nott in hervert
ze varn denne pei dem tag auz und desselben tages
wider heim bei der sunne. Darüber so gepieten
wir von uberfluzzigen gnaden, daz niemant erlaubt
sei die vorgenannten purger ze notten ze dhainen
dienst auzzevaren fürbazze denne des tages, und
3) Ricotti, 1. c. pag. 416, Nota VIII e pag. 418, Nota IX.
4) Kutzlnigg, Das Befestigungs- und Kriegswesen
(Wiens bis 1529) in der vom Wiener Altertumsvereine
herausgegeb enen, im Erscheinen begriffenen Geschichte
Wiens, Bd. II/1, S. 322.
5) Geschichtsquellen der Stadt Wien, herausgegeben
von Weiss und Tomascheck, Bd. I, S. 16, No. VII.
6) Ebenda, S. 18, Nr. VII. Vgl. Hasenöhrl, Oesterr.
Landrecht, S. 41.
33
248
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
seu pei liechtem tag von iren haeusern auzvarent,
II. Band.
unrecht zu schützen .r>) Sic hatten die Verpflich
daz sie denne pei dem sunenschein wieder g'elazzen
wern haimzevaren.» Fast denselben Wortlaut in
lateinischer Sprache hat der Freiheitsbrief König
Rudolphs von 1278. Wenn nun in späteren Stadt
rechtsverleihungen von diesen Privilegien nicht mehr
die Rede ist, dürfte es wohl zu jenen gehören, die
die Wiener infolge ihres Aufstandes gegen ihren
Landesfürsten Albrecht I. verwirkt hatten, und wel
chen sie durch die Verzichturkunde vom 19. und
28. Februar 1288 entsagen mussten.1)
Uebrigens ist seit Beginn des 13. Jahrhunderts
in Oesterreich und Steiermark eine Aenderung in der
Heeresverfassung' der Länder zu konstatieren,2) indem
es den Ministerialen gelungen war, auch in
militärischer Hinsicht ihre Dienstpflicht zu
lockern und ihre Stellung immer mehr jener der
freien Vasallen anzupassen. Es blieb eine un
beschränkte Kriegspflicht nur mehr für die eigenen
Ritter und Knechte des Landesherrn bestehen. Diese
Entwicklung führte zum Abschluss von Kriegs
dienstverträgen, welchen ein reines Vertrags
verhältnis zu Grunde lag. Damit war aber ein
Söldnertum geschaffen, das sich auch andere Ele
mente des mittelalterlichen Staatslebens nutzbar mach
ten, auf welchen die Pflicht des persönlichen Kriegs
dienstes ruhte, die Städte. Statt persönlich ins
Feld zu ziehen, fingen die Bürger der Städte
an, Söldner zu stellen. Die Wiener Stadtrech
nung des Jahres 1368 weist die frühesten Ausgaben
der Stadt für Söldner aus.3) Die Kammeramts
rechnungen des 15. Jahrhunderts sind in lückenhafter
Reihe vom Jahre 1424 an erhalten und liefern den
Thatsachenbeweis, dass die Stadt de facto die Ver
pflichtung anerkannte, im Kriegsfälle Söldner zu
stellen, wenn nicht ihre Bewohner selbst ausrücken
wollten4) und zwar nicht allein zum speziellen Schutze
der Stadt, sondern auch gegen die Feinde des Lan
des im offenen Felde, gegen die Hussiten, gegen
räuberische Söldner, gegen Ungarn und andere
Feinde. Es widerspricht also dem thatsäcldichen
Rechtszustande, wenn die Wiener in der Absage an
ihren Landestürsten, Kaiser Friedrich IV. im Jahre
1462 gegen die Verpflichtung, Söldner zu halten,
mit der Behauptung remonstrierten, dass «ein yeder
landesfiirst schuldig sei, die seinen vor gewalt und
!) Ebenda, Bd. I, S. 66, Xr. XX.
ä) AVretschko, Das österreichische Marschallamt im
Mittelalter, S. 92.
3) Schlager, Wiener Skizzen im Mittelalter, Band V
(= Neue Folge, Bd. III), S. 34.
4) In erster Linie war der persönliche Kriegsdienst der
Bürger Pflicht, die Söldner waren nur ihre Vertreter. Dies
erhellt deutlich aus dem Befehle Herzog Albrechts V. an
Bürgermeister, Richter und Rat angesichts des drohenden
Einfalles des Königs Wladislaus von Polen nach Mähren und
Oesterreich im Jahre 1438, bei schwerer Strafe mit Wehr,
Harnisch und anderen Xotdtirften bereit zu sein, siehe
Schlager, Wiener Skizzen, Bd. V, S. 493.
tung ja schon seit Jahrzehnten anerkannt, indem
sie eben Söldner hielten und Kaiser Friedrich, der
stets in Geldnöten war, konnte sie am wenigsten
schützen, da gerade unter ihm das alte feudale Heer
system gänzlich versagte.
Einen befriedigenden Einblick in die städtische
Heeresorganisation in der Mitte des 15. Jahrhunderts
bietet uns das bisher unbeachtet gebliebene Proto
koll einer Sitzung des Wiener Rats vom 9. März
1442,“) die ausschliesslich militärischen Angelegen
heiten gewidmet war. Unzweideutig erkennt der Rat
die Verpflichtung' der Gesamtbewohnerschaft zum
Heeresdienste an:
«Item ob icht ain geschray in der stadt würd
oder sich erhub, wan man die gross glogken
leutt, das dann menigclich kommen sol. Die
in Stubenvirtail sitzent, an dem platz am Lugegk;
die im Kernervirtail sitzent, an den Ncwenmarkt;
die in Widmervirtail sitzent an den Graben und
die in Schottenvirtail sitzent an den Judenplatz.
Und was dann die obristen haubtleut yeds vir
tails* * * * * * 7) mit in schaffen, das sy des gehorsam seyen.
Item es sol auch in yedem haus beschaut wer
den feuerstet, harnasch, weerspiess, und wer des
nicht hiet, der sol dariimb trachten, das er es hab.
Item es sol auch ain yeder, der cs vermag,
ros, kn echt und was zu weer gehört, haben in
seinem haus. Ob es zu schulden kumbt, das er
damit berait sey.
Item das die stat im rathaus haben sol 1000
tartschen und 1000 spiess.
Item das auch ain yeder hauswirt oder inman
für sich und sein dienstvolkch, der' nicht armbst
noch ptichsen vermag, tartschen und spiess
ä) Historia annorum 1454 bis 1467, herausgegeben von
Rauch, S. 86.
“) Chmel, Materialien z. österr. Gesell., Bd. I/i, S. 78,
Xr. 32. Die Urkunde hat kein Jahres-, sondern nur ein Tages
datum: Frej’tag vor Letare. Sie gehört aber zweifellos in
das Jahr 1442. In derselben ist nämlich die Rede von den
Feinden, «die ytz gar stark zu Anger ligent». Xun fordert
die Königin Elisabeth die Stadt Wien in einem Schreiben
vom 9. April 1442 auf, «das gesloss Anger zu zerstören, da
die Polen von dorther täglich zuziehen» (Schlager, W. Sk.,
Bd. V, S. 505). Von der «reis der Mödlinger gegen Anger
und Theben» als eines jüngstvergangenen Ereignisses spricht
eine Urkunde vom 15. März 1443 (Blätter d. Vereins für
Landesk. v. Xiederösterr. Xeue Folge, Bd. XIX, S. 51,
Xr. B). Der erwähnte Giesser, Meister Hans, kommt als
städtischer Lieferant vor in den Stadtrechnungen der fahre
1438 und 1441; die Rechnungen von 1442 und 1443 fehlen.
Später erscheint er nicht mehr, siehe Uhliri, Der Wiener
Bürger Wehr und Waffen 1426 —1648 in Berichte u. Mit
teil. des (Wiener) Altertums Vereins von Bd. XXVII
bis XXXI (Jahrg. 1891—95) Index.
7) Die erste Erwähnung eines Stadtviertels konstatiert Rieh.
Müller in Geschichte der Stadt Wien, Bd. II/1 im Jahre
1331—32 aus der Rechnung des lierzogl. Kelleramts: Quartalis
porte Karintbianorum, abgedr. in Chmel, Oesterr. Geschichts
forscher, Bd. II, S. 285. Im Jahre 1466 fand eine Musterung
der Söldner nicht am Lugeck, wie man erwarten sollte, sondern
im Heiligenkreuzerhof statt (Schl ager, Wien. Sk., Bd.V, S.186).
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
haben sol, zu yeder person ain schallern1) oder
249
den, das man die fürderlich und an verziehen sol
ein eysenhut.»
Aus diesen Ratsbeschlüssen ergiebt sich, wer zum
Dienste verpflichtet war: «Menigclich, hauswirt
wie inmann»; es war also Bürgermiliz im späteren
Sinn und Aufgebot. Die Waffen musste jeder selber
besitzen. Die Minimalbewaffnung war Tartsche und
Spiess und als Schutzwaffe für den Kopf Schallern
oder Eisenhut. Bessere Ausrüstung bildeten Arm
brust oder Büchse. Aus Bürgertestamenten wissen
wir; dass die Armbrust neben Schwert und Harnisch
bürgerliche Hauptwaffe war.2)
Obwohl nun jeder seine eigenen Waffen haben
sollte, setzte die Stadt doch von vorne herein voraus,
dass im Bedarfsfälle nicht auch ein jeder mit dem
Nötigen versehen sein würde und schaffte aushilfs
weise auf städtische Kosten eine Minimalausrüstung
für 1000 Mann an: Tartschen und Spiesse, die
ältesten in der Sammlung in grosser Zahl
noch vertretenen Waffensorten (68 Setztartschen
und 172 Ahlspiessc).
In dem ältesten, in die Kammeramtsrechnung
des Jahres 1444 aufgenommenen, städtischen Waffen
invcntare'1) werden angeführt als im Besitze der Stadt
befindlich: 250 Tartschen, rot, grau und schwarz,
weiter alte Setztartschen, 311/2 neue «pretter zu
setztartschen, 100 neue alspiess, spies mit paniern
und an panyr, 200 neue swarz eisenhut», ander
seits 36 «ärmst und 98 kupfrein und eisnein hand
püchsen», also nicht nur Söldner- sondern auch
Bürgerwaffen, doch in so beschränktem Ausmasse,
dass nicht von einem allgemeinen, sondern nur von
einem Aushilfswaffendepot die Rede sein kann.
Dagegen dürften die eigentlichen Geschütze,
der Zeug, nur im Besitze der Stadt und nicht im
Besitze Einzelner gewesen sein.4 *)
In der Ratssitzung des Jahres 1442 beschloss
man bezüglich des Zeugs: «Item von der gross
püchsen wegen ist verlassen, das man die solt lassen
machen etc.; daraus ist yecz nemblich beredt wor
’) Chmel, 1. c. druckte hier schufflir mit Fragezeichen.
Schefflier im Bestand des landesfiirstl. Zeug-hauses von Wiener
Neustadt 1436. Pichler, Das Landeszeughaus in Graz, S. 66,
Anm. 1 nach Chmel, wo es heisst: «Hewbl pose und scheff
lier II.» — «Eysenhut oder schesslier» in einem undatierten
Landesaufgebot Albrechts V. gegen die Hussiten bei Kurz,
Oesterr. Militärverfassung S. 414, Beil. Nr. 1. Im Texte S. 30"
weist Kurz das Stück dem Jahre 1426 zu. Ich glaubte dieses
mir unverständliche, bei Leber, Lexer und Schmeller
Frohmann nicht erklärte Wort in «schallern» ändern zu
dürfen, aus dem es verlesen sein könnte.
2) Nach dem Testamente Jorig des Angerfelder aus dem
Jahre 1424 besass dieser, ein Repräsentant des reichsten Bürger
tums , auch ein «rossgelider mitsambt dem vechtsattel und
darzu einen herwagen mit seiner zugehorung und auch was
zu der herhiitten gehört (UhlirE, 1. c. Bd. XXXI, S. 96).
3) UhlirZ, 1. c. Bd. XXV11I, S. 27 ff.
4) Vereinzelt hinterlässt im Jahre 1429 der Büchsen
meister Hanns von Brünn seinen Kindern «zwo michel stain
püxen» (Schlager, Wiener Skizzen, Bd. V, S. 39). Dabei
mag es sich aber um eine auf den Verkauf gemachte Arbeit
gehandelt haben, für die noch kein Käufer gefunden war.
lassen giessen, als den mit maister Hansen daraus
geredt ist, damit die stat einen guten zeug habe,
und die nyembt leihen, denn alain der stat zu frumen
und notdurften nuczen.
Item, als man vorgeredt hat, das man ainen
ordenlichen guten puchsenmaister haben sol etc.,
darauf haben mein herrn Thoman von Passau3)
zu einem puchsenmaister aufgenommen.» Nachdem
der Kammeramtsrechnung des Jahres 1445 einver
leibten Inventare6) bestand der Stadt Zeug:
1. aus kupfernen Büchsen:
Virtailpüchsen.2 Stücke
Klain kuphrein püchsen auf redlein 9 ,,
Puchsen, neu gefasst .77) »
Hagkenpüchsen.5
Zusammen 23 Stücke.
2. aus eisernen Büchsen:
Püchsen, alt.4 Stücke
Virtailpüchsen.1 „
Grosse alte puchsen.1 ,,
Alt hagkenpüchsen.3 ,,
Alte püchsen an stil, in lad gefasst 18 „
Summa 27 Stücke.
Dazu kommen 4 im Jahre 1445 gegossene neue
Büchsen («ain stainpuchsen, zwo lclaine stainpuchsen
und ain terraspüchsen»), so dass mit Ende 1445 der
städtische Artilleriepark 54 Geschütze umfasste.
Auch auf die Aufnahme von Söldnern richteten
die Ratsherren im Jahre 1442 ihre Aufmerksamkeit.
«Item von des Philippko wegen, der vil kunt
schaft und gelegenheit der veint hat und ein tetiger
gesell und versucht ist, das man dem an verziehen
schreiben und hervordern sol. Und ob er sich her
ziehen und mit dreien pherden ain gleichen und
zimlichen jarsold nemen wolt, so sol man in auf
nemen und halten.
Item von des Ebser wegen ist beredt, das man
dem auch an verziehen schreiben und bitten sol, das
er sich her zu dem rat füge; ob sy im uberkomen
mochten, das er d.er stat hie hauptman sein
wolt umb ein gleichs gelt, das der stat zu geben
sei und auf ettlich person und pherd, des der
rat mit im ainig mag werden, so sol er zu ainem
haubtman der stat werden aufgenomen auf ain jar,
wann sy gut vertrawn zu im haben, nachdem und
er sich vor gegen den veindten gehalten und zu Zu
richtung der stat wol wiss zu raten.»
Bezüglich der städtischen militärischen Organi
sation ergiebt sich also nach dem Sitzungsprotokolle
des Jahres 1442 die Aufstellung eines Obersten
5) Ein Büchsenmeister namens Thomas Kren erscheint
in den Jahren 1444—1462 in den Diensten der Stadt. UhlirZ,
1. c. Index.
°) UhlirZ, 1. c. Bd. XXVIII, S. 28 u. 29.
’) Fehlen im Inventare des Jahres 1444; dagegen wer
den im Inventare des Jahres 1444 «aine kleine püchsen und
ain püchsen, scheust drei kugeln mit aim zuntloch» ange
führt, die im Inventare von 1445 fehlen.
33*
II. Band.
250
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Hauptmanns der Stadt, welche Stelle in der Regel
der Bürgermeister selbst bekleidete. Diesem unter
standen die Obersten Hauptleute der Stadt
viertel und diesen wieder die Hauptleute der
Thore und die der Gassen.1)
«Item das yeds tor besunder seinen haubt
man haben sol und yeds tor ain gelögkl und y ede
gassen ain haubtman und yeds viertail seinen
haubtman.
Item von den zwain trumettern, als vor ver
lassen ist, die hat die stat aufgenomen.»
Wir finden demnach in den Wiener Ratsprotokoll
des Jahres 1442 alle jene Elemente: 1. Bürger
miliz oder Bürgerwehr, 2. Aufgebot und 3.Söld
ner, für die die Stadt aushilfsweise Waffen anschaffte,
die sich aus den verschiedenen Zeitperioden in der
heutigen Waffensammlung erhalten haben, während
von dem Geschützparke der älteren Zeit in dem
Zeughause kein Stück auf uns gekommen ist.2 3)
Das von der Stadt im Mittelalter errichtete
Waffenaushilfs- und Zeugsdepot dürfte aber schon
frühzeitig in zweiter Linie den Charakter einer per
manenten Schaustellung, eines modernen Mu
seums angenommen haben, von dem Momente an,
als man 4. Kriegstrophäen, die man praktisch
nicht verwerten konnte, in demselben auf
bewahrte. Die ältesten Trophäen dürften die Setz
tartschen mit ungarischem Wappen und dem
Wappen des Königs Mathias Corvinus von
Ungarn, der in den Jahren 1485 bis 1490 als
Landesfürst in Wien residierte, sein. Der museale
Nebencharakter des Waffenaushilfs- und Zeugsdepots
erscheint mit der Erbauung eines eigenen bür
gerlichen Zeughauses am Hof im Jahre 1562®)
stärker betont. Im 17. Jahrhundert kamen 5. schon
Geschenke und zwar des Hofes an das bürger
liche Zeughaus zur Zierde, und ist damit dessen
accessorischer Charakter als einer permanenten Schau
stellung zweifellos.
Am 25. Juni 1745 wendet sich der Rat bittlich
an die Königin Maria Theresia,4) dass der Stadt von
*) Im Jahre 1434 ist die Rede von Bestellung von
Hauptleuten und Unterhauptleuten für die Viertel
Stubarum, Lignorum et Scotorum (Copeybuch der gemeinen
statt Wien in Fontes rer. austriac. Abth. II, Bd. VII, S. 3).
Im Jahre 1460 werden Hauptleute für die Viertel ein
gesetzt: «Item die obgenannten haubtleut sullen selbs yeder
in seinem viertail ordnen und in ander haubtleut und
rotmaister seczen, die in dann gehorsam sein sullen, wann
sy die ervordernt, yeder in seinem viertail und under die törr»
(1. c. S. 190).
ihren Vorfahren vor mehr als hundert Jahren — wir
kommen da auf das Jahr 1645 und früher — ge
schenkte Cousen, die der Stadt wieder abgenommen
worden waren, derselben zurückerstattet werden
mögen. Sie weisen in ihrem Ansuchen darauf hin,
dass «bereits anno 1741 von dero ltönigl. arcieren
haubtmann grafen von Daun bey einem allhiesigen
stattrath das ansuchen beschehen sei, womit ihme
die in gemeiner statt zeughauss befindlich geweste
19 cusen vor die allhiesige leibguardie verabfolgt
werden möchten, welche ihme dann auch von un
serem zeugwahrt Anton Ospl gegen quittung de dato
9 martii 1741 würklichen extradirt worden. Nach
deme aber Ihro Mayt die verwittibte Kayserin Amalia
höchstselligen angedenkhns dises zeitliche gesegnet
und von uns die restituirung oberwehnter cusen an
verlangct worden, hat mann uns erwidriget, wie dass
solche künftighin vor die guardie des durchleuch
tigsten erzherzogens und crbprinzens Joseph ge
braucht werden könnten. Nun wurden Euer königl.
Maytt wir mit gegenwärtigen niemahlens überlästig
gewesen seyn, wann wir vergewisset wären, ein solches
Euer königl. Maytt allerhöchster befelch zu seyn.
Allein gleichwie wir hierigfahls von darumben bil
lichen anstand nehmen muessen, weillen tempore
Leopoldi das durchleuchtigste erzhaus von Öster
reich mit zweyen erbprinzen gesegnet gewesen und
gleichwohlen bey der damahligen hoffstatt nie
mahlens ein abgang verspürret worden, also leben
wir der getrosten hoffnung, Euer königl. Maytt wer
den wegen restituirung mehrgehörter cusen das er
forderliche umb so ehender allergnädigst ergehen
zu lassen geruhen, also dise uralte leibguardie
schultergewöhr von dero durchleuchtigsten
vorfahrern der statt Wienn vor mehr dann
hundert jahren zu einem ewigen angedenkhen
verehret worden und in gemainer statt zeug
hauss jederzeit eine ausserordentliche zierde
gewesen, wessenthalben von Euer königl. Maytt
wir die allerhöchste Verordnung gewärtigen.»
Ob die Cousen thatsächlich zurückgestellt wur
den, wissen wir nicht. Da die Schenkung mehr als
hundert Jahre vor dem Datum der Eingabe des Ge
suchs (1745) an die Stadt erfolgt sein sollte, müssten
die Cousen spätestens aus der Zeit Ferdinands III.
([637 bis 1657) stammen. Nun sind die ältesten in
der Sammlung befindlichen Cousen solche Ferdi
nands I., vier Stücke mit F und Reichswappen (Kat.
Nr. 656 bis 659), ein Stück m. I. Z. 1570 (Kat.-Nr.
679) und dann (Kat.-Nr. 957 und 958) solche von
Hatschieren Josephs I. mit den Jahreszahlen 1694
2) Vier über den Dorn geschmiedete Terrasbüchsen
aus dem 15. Jahrhundert, ähnlich der Abbildung zu Sixls
vortrefflicher Abhandlung in Zeitschr. f. hist. Waffenkunde,
Bd. II, S. 97, stammen aus einer ehemaligen Wiener Vororte
gemeinde, die erst seit 1891 mit Wien vereinigt ist; die
betreffenden Stücke sind erst nach 1891 in die Sammlung ge
kommen. Eine Streubüchse des 16. Jahrhunderts (Trombon)
befindet sich sub Kat.-Nr. 749 in der Sammlung; in der
Kammeramtsrechnung von 1546 werden zwei Streubüchsen
erwähnt.
3) Im Jahre 1562 war das Zeughaus am Hof zur Auf
und 1705. Die Rückstellung der fraglichen Stücke
nähme der Waffen fertiggestellt; im Jahre 1564 wurde es
vom Rate besichtigt und im Jahre 1623 dessen ganzer Inhalt
einer Neuaufstellung unterzogen (UhlirZ, 1. c. Bd. XXVII,
S. 139). Im Jahre 1732 wurde die innere Einteilung ver
ändert und die neue Fassade nach den Plänen des Zeug
warts und Architekten Ospel ausgeführt (Weiss, Katal.
des Jahres 1888, S. IX).
4) Concept im Wiener Stadt-Arch. Alte Reg. 91/1745.
251
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
dürfte also höchstens teilweise erfolgt sein. Von
Interesse ist die Eingabe übrigens darum, weil sie
einen Fingerzeig bieten kann zur Erklärung, wie die
nicht geringe Zahl von in der Sammlung befind
lichen Helmbarten regierender Persönlichkeiten in
dieselbe gekommen sind, nämlich auf dem Wege
der Schenkung. Die ältest datierte Helmbarte ist
die mit Jahreszahl 1508 und L (Kat.-Nr. 639) viel
leicht auf Ludwig XII. von Frankreich zu deuten,
dann eine grössere Zahl von solchen mit Wappen
und Monogramm Ferdinands I. und seines Nachfolgers
Maximilian II.
Klar tritt uns die Doppelseite des bürgerlichen
Zeughauses als eines Waffendepots und eines Museums
entgegen aus dem ältest erhaltenen Zeughaus
Inventare des Jahres 16S6,1) das neben Waffen
Gegenstände von historischem Interesse ausweist, die
mit einem Zeughause, einer lediglich in bestimmter
Richtung praktischen Zwecken dienenden Anstalt
nichts zu thun haben als: (Fol. 5b) «Ein gemahlenes
blatt von der ehrenporten P'erdinandi IVt!, Rom.
khön., so an den boden angehefit,
Zwölf schildt oder symbola auf leinwath mit
wasserfarb gemahlen von der festivität unser lieben
frauen nach der contagion,
(Fol. 14a) In einem fuetterall ein modell der
ehrenporten Ferdinandi IIP" höchstsei. gedächtnuss,
Item ein modell von holz dess kays. oratorii
bey St. Stephan,
Item ein modell einer kunstspriczen von mössing,
darbey ein amper von gcwixter leinwath,
Mehr allerhand modell von holz über undter
schiedliche gebäu.»
Das folgende Inventar von 17012) enthält auf
Fol. 11 b noch weitere Modelle ausgewiesen und auf
Fol. 13 a, b Kirchengeräte verzeichnet.
(Fol. 15 a) «Ain weiss langlete truchen mit eysen
beschlagen, darinnen unterschidliche riiss auf parga
ment und pappier,
*) Manuskript im Wien. St.-A. Rep. 184, Nr. 46 mit
31 beschriebenen Folien.
ä) Manuskript im Wien. St.-A. Alte Reg. m/1701.
(Fol. 18 a) Zwey statuen von holz : vogl Phoenix
und Monsicus8) Scaevola.»
Aus dem Angeführten ergiebt sich, dass das im
Jahre 1886 im Neuen Rathause eröffnete «Historische
Museum», seit 1898 die «Städtischen Sammlungen»,
keine Neuschöpfung sind, sondern nach ihrem all
gemeinen Bestände direkt auf die alte allgemeine
Zeughaussammlung3 4 5) zurückgehen, die schon längst
keine ausschliessliche Waffensammlung, geschweige
ein reines Waffenaushilfs- und Zeugsdepot ge
wesen war.
6. Ausser durch Geschenke wird die städtische
Waffensammlung auch durch Fundgegenstände aus
dem Wiener Boden vermehrt.
7. Im Jahre 1849 (14. April) wurde ein Aus
weis über die der Magistratischen Kommission im
k. k. Zeughause zur Inventur übergebenen Privat
wafifen verfasst,6 *) der 24186 Schusswaffen, 50112
Hieb- und Stichwaffen und 1013 Armatursorten um
fasste, davon wurden als aerarische Waffen 1433
Schusswaffen, 1057 Plieb- und Stichwaffen und 2 Ar
matursorten dem Zeughaus-Kommando übergeben.
In der Sitzung des Magistrats vom 3. Februar
1859 referierte Magr. Krones,8) dass infolge der in
den Jahren 1848 und 1849 von der Bevölkerung ein
geforderten Waffen dem bürgerlichen Zeughause
aus dem k. k. Arsenale eine solche Menge
namenloser Waffen zugeführt wurden, dass sie die
aus dem alten Besitze des Zeughauses abgängigen
in der Zahl von 3587 mehr als zehnfach ersetzen.
Im folgenden sollen nun Objekte der Waffen
sammlung im Zusammenhänge mit I. der Wiener
Bürgerwehr, mit II. Freikorps, dem allgemeinen Auf
gebot und der Landwehr, mit III. dem städtischen
Söldnertum und IV. die Beutestücke und Trophäen
einer allgemeinen Betrachtung unterzogen werden.
3) So in der Vorlage.
4) Eine Abbildung eines der Säle des Zeughauses im
Jahre 1740 findet sich in einer inhaltsleeren Wiener Dissertation
rhetorischen Schwulstes mit dem Titel: Civicum augustae
Vieanensium armamentarium.
5) Manuskript im Wien. St.-A. Rep. 186, Nr. 29.
°) Akt im Wien. St.-A. Oecon. 40/1857.
(Fortsetzung folgt.)
252
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Nicolaus Wilborn.
Von M. v. Ehrenthal in Dresden.
er Name des Meisters ist in
II. Band.
In die Augen springend ist die Aehnlichkeit des
der Kunstgeschichte
nicht unbekannt.1) Zwar
weiss man über seine
persönlichen Verhält
nisse so gut wie nichts,
dagegen ist seine künst
lerische Individualität
durch eine Anzahl
Stiche, die entweder
mit seinem vollen Namen oder mit einem Monogramme
gezeichnet sind, festgestellt. Auf gedachten Blättern
befinden sich überdies Jahreszahlen von 1531 bis 1537,
so dass also, wenn auch wohl nicht die ganze Schaffens
periode des Künstlers, so doch ein Teil derselben
sich zeitlich bestimmt begrenzen lässt. Dem Cha
rakter seiner Arbeiten nach gehört Wilborn der
niederdeutschen Schule an. Hieraus, sowie aus dem
Umstand, dass dem Monogramme des Meisters,
N. W., öfters noch ein M beigefügt ist, und ferner,
weil von seiner Hand Porträts des Johann von Leyden
und des Knipperdolling herrühren, glaubt Passavant
den Schluss ziehen zu sollen, dass Wilborns Wir
kungskreis, vielleicht auch Geburtsort, die Stadt
Münster in Westfalen gewesen sei. Insoweit italieni
sche Vorbilder den Stil der aufblühenden nieder
deutschen Renaissance beeinflussten, ist dies auch
an Wilborns Arbeiten bemerkbar; doch erscheint
die Annahme Passavants, dass die Individualität des
Meisters sich speziell aus den Werken des Jacopo
de Barbari herausgebildet habe, ziemlich willkür
lich; sicherlich überwiegt bei den Arbeiten Wilborns
wie bei denen der anderen „Kleinmeister“ vielmehr
der Einfluss der Diirerschen Schule, nicht allein in
Bezug auf das Figuirale, sondern auch in Hinblick
auf das Ornamentale. Wie sein Zeitgenosse und
Landsmann Aldegrever sich der Ausschmückung
von Prunkwaffen widmete, so ist auch Wilborn, der
mehrere Kopien nach ihm stach, in gleicher Rich
tung, wie wir nachzuweisen vermögen, thätig ge
wesen. Dies giebt uns Veranlassung zu der gegen
wärtigen Besprechung.
Im königlichen Kupferstichkabinett zu Dresden
wird nämlich der Stich einer Dolchscheide auf
bewahrt (Pass. 27.), der mit dem vollen Namen des
Meisters signiert ist. Wir geben sie in etwas ver
kleinertem Massstabe in der Abbildung (Fig. 1) wieder.
') Ausser A. Bartsch, 1e peintre-graveur, VIII., 543ff.
ist noch zu vergleichen: Nagler, Kiinstler-Lexikon XXI,
433 ff., wo auch auf frühere Litteratur verwiesen wird, ferner
Nagler, Monogrammisten No. 2574 und 2582 und Passa
vant, le peintre-graveur IV, 13g ff.
als Haupornament sich entwickelnden Blattwerkes
mit denjenigen bei Aldegreverschen Arbeiten (vgl.
Bartsch, peintre-graveur VIII, S.3Ö2ff., so zwar, dass
man ohne äussere Beglaubigung der Herkunft die
Wilbornschen Entwürfe recht wohl auch seinem
Landsmann Aldegrever zuschreiben könnte. Ver
gleicht man aber die Stiche beider Meister ge
nauer, so finden sich doch einige Unterschiede.
Sie sind am meisten in der Behandlung des Blatt
werkes auffallend, das Wilborn steifer und mehr in
Erinnerung an die Spätgotik stilisiert als. Aldegrever,
während die in die Ranken der Blätter eingefügten
Figuren namentlich durch ihre normaleren Propor
tionen sich deutlich von den Aldegreverschen unter
scheiden. Ob der Entwurf im königlichen Kupferstich
kabinett zu Dresden jemals zur Ausführung gelangt
oder ob, wenn er ausgeführt wurde, die polchscheide
bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist, war
nicht zu ermitteln. Statt dessen fand sich aber im könig
lichen Plistorischen Museum zu Dresden ein Schwert
in der Form der Landsknechtschwerter mit einer in
Silber getriebenen Scheide und silbernem Beschläge
am Gefäss, zu dessen Ausschmückung höchstwahr
scheinlich ein Entwurf Nicolaus Wilborns als Vor
lage gedient hat. Die Schwertscheide, von der wir
ebenfalls einen Teil in Abbildung (Fig. 2 und 3)
beifügen, ist im «Führer durch das kgl. Historische
Museum von M. v. Ehrenthal» unter E 574 erwähnt.
Unterzieht man auf beiden Abbildungen das Blatt
ornament einem Vergleich, so ergiebt sich darin
eine völlige stilistische Ucbereinstimmung. Beson
ders charakteristisch ist hier der gerade nach oben
laufende, nur von Figuren unterbrochene Stiel, aus
denen das Blattwerk herauswächst. Die Gestalten,
die auf unserer Abbildung sichtbar sind, erscheinen
allerdings etwas massig, ein Umstand, der indes
mehr der mangelhaften Ausführung durch den Gold
schmied, als dem Entwürfe des Zeichners zur Last
fallen dürfte; denn die auf der Rückseite der Scheide
eingravierten Figuren, welche vermutlich der Vor
lage genauer als die getriebenen Gestalten auf der
Vorderseite entsprechen (ein Ritter Georg, der seinen
Fuss auf den getöteten Drachen setzt und ein Lands
knecht, der dem niedergeworfenen Feind die Helm
barte in die Brust stösst), lassen die Pland eines in
f
iguralen Darstellungen wohlgeübten Künstlers er
kennen.
Sonach wäre die Thätigkeit Wilborns im Dienst
der Ausschmückung von Waffen in einem Falle
sicher, in dem anderen mit grosser Wahrscheinlich
keit festgestellt. Während Aldegrever sonderbarer
II. Band.
254
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
weise nicht über den Dolch hinausging, erstreckt
sich die Kunst unseres Meisters auch auf das Schwert.
Ob sich an anderen Orten Entwürfe von Prunk
waffen von seiner Hand befinden, ist uns unbekannt.
Jedenfalls werden seine Arbeiten nicht häufig an
getroffen. Nichtsdestoweniger werden aber schon
die beiden bekannten Entwürfe des Meisters ihm
einen ehrenvollen Platz unter denjenigen Künstlern
sichern, denen die deutsche Waffenschmiedekunst
des 16. Jahrhunderts zum grossen Teil ihr hohes
Ansehen weit über die Grenzen des Reiches hinaus
zu verdanken hatte.
Die Heraldik und die modernen Fälschungen auf dem Gebiete
des Waffenwesens.
Von Erich Freiherrn von Hausen.
[n wie naher Beziehung die Heraldik
zum Waffenwesen steht, ist hinläng
lich bekannt. In den ältesten Zeiten
schon wurden Schutz- und Trutzwaffen
— vor allem der ritterliche Schild
und dann auch der Helm — mit be
stimmten Abzeichen oder Figuren
bemalt. Bald ward an Stelle der
Helmbemalung die Helmzier (Kleinod
oder Zimier) auf den Helm gesetzt,
und während der Kreuzzüge trat auch
noch der Helmhang — anfänglich nur ein einfacher
Schleier gegen die glühende morgenländische
Sonne, allmählich in den Wappenfarben gehalten,
oft im Kampfe zerfetzt und endlich ornamental als
Helmdecken stilisiert — dazu. So entstand aus den
Waffen, nämlich Plelm und Schild, welche die Person
ihres ritterlichen Trägers kennzeichneten, das Wap
pen, wie wir es noch heute darstellen. Dem Laien
kommt dies freilich nur dann noch zum Bewusst
sein, wenn er Wappen im Stile des 12. bis 14. Jahr
hunderts entworfen findet, in welcher Periode der
Wappenschild mit dem Kampfschild, und der Prunk
helm mit dem Gebrauchshelme noch identisch —
mit einem Worte die Waffen noch heraldisch, d. h.
wappenmässig — waren.
Wohl zu unterscheiden von diesen, an sich
selbst das Wappen ausmachenden, altheraldischen
Waffen ist nun der Gebrauch, die allmählich
immer mehr und mehr ornamental werdenden Ab
bildungen von Wappen oder einzelnen Teilen der
selben verkleinert auf Gegenständen und Geräten
aller Art, besonders aber auch auf Waffen anzu
bringen.
Schon seit dem 12. Jahrhundert, also, noch wäh
rend die heraldischen Waffen selbst in Gebrauch waren,
f
indet sich jene Sitte z. B. auf Schwertern, Streit
kolben, Pferdemaulkörben u. s. f., wie unter anderem
das in der k. k. Schatzkammer zu Wien befindliche
Ceremonienschwert des Kaisers Heinrich VI. (1165 bis
1197), auf dessen Scheide man den Reichsadler er
blickt, darthut. Häufiger wurde naturgemäss dieser
Brauch mit der Vervollkommnung der zur Aus
schmückung der Waffen verwendbaren Techniken.
Besonders nach dem Autkommen der Aetzkunst in
der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts ward jene Sitte
allgemein, denn durch dieses Verfahren wurde es
leicht, den blanken Stahl mit Ornamenten zu ver
sehen — das Wappen aber war und ist mehr als
irgend ein anderer Schmuck im stadde, den Be
sitzer — oder bei Geschenken den Geber — zu
kennzeichnen und damit einen Gegenstand wert
voller, sinniger und interessanter zu machen. Hierzu
gesellte sich ferner der Umstand, dass Künstler wie
Lucas Cranach, Albrecht Dürer u. a. sich eingehend
mit der Wappenkunst befassten, und dadurch man
cherlei Anregungen für die Verwendung derselben
im Kunstgewerbe gaben. Gelten doch auch heute
noch Jost Ammans und Johann Sibmachers Wappen
zeichnungen als beste und lehrreichste Vorbilder
für die Heraldik der Renaissanceperiode, und sind
daher besonders geeignet zur Anbringung von
Schnitzereien und Intarsia auf Armbrust- und Ge
wehrschäften, Pulverhörnern, Lafetten u. dergl.
So versahen denn auch vom 16. Jahrhundert
an nicht nur Fürsten und Herren, sondern auch
Städte und deren Geschlechter ihre Schutz- und
Trutzwaffen immermchr mit heraldischen Aus
schmückungen, und an den Plattcnharnischcn für
Mann und Ross aus jener Zeit findet man häufig:
entweder die Schildfiguren, wie z. B. die in Eisen
getriebenen Doppeladler auf der Rossrüstung Kaiser
Maximilians I. in der Ambrasscr Sammlung — oder
ganze Wappen, geätzt oder auf gebläutem Stahl ge
malt, wie z. B. auf dem 1546 gefertigten leichten
Feld- oder Trabharnisch des Herzogs (späteren Kur
fürsten) August von Sachsen und auf den Harnischen
der sächsischen Kurfürsten Christian I. (1560—1591)
255
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
und Johann Georg I. (1611—1656) im Historischen
Museum zu Dresden (Prunkwaffensaal No. 5,6,14 etc.).
Auch auf Rüstungen von Edelleuten, und besonders
auf solchen von Ordensrittern, sind die Wappen der
Träger häufig auf der Brust des Harnisches einge
ätzt, ciseliert oder tauschiert. Oft finden sich ferner
auf Barten und Streitäxten, deren breite Flächen zur
Aufnahme von Ornament einladen, heraldische Zeich
nungen, wei beispielsweise das mit der Kolane des
goldenen Vliesses umgebene, spanisch-österreichische
Wappen in Schwarzätzung auf der Streithacke im
Museum der Stadtgemeinde Mährisch-Neustadt (Wen
delin Boeheim, Ausstellung des Mährischen Kunst
gewerbemuseums 1885, Taf. V). Besonders häufig
aber kommen Wappen oder Schildfiguren auf den
Klingen derjenigen Waffen, welche von fürstlichen
Trabanten geführt wurden, vor, und letztere Sitte
reichte bis in die neuere Zeit hinein. Mit Errich
tung der stehenden Heere erfolgte bekanntlich auch
deren gleichmässige Bewaffnung und Ausrüstung,
und noch heutigen Tages führen fast alle Armeen
die Wappen ihrer Kriegsherren auf Geschützrohren
und Säbeln, wie auf Patronentaschen und Helmen.
Bei älteren Objekten trägt dieser Umstand wesentlich
dazu bei, Herkunft und Alter festzustellen oder ver
lorene historische Daten wieder aufzufinden.
Es liegt somit nahe, dass das Interesse für ein
Stück wesentlich belebt und gehoben wird, sobald
es mit einem heraldischen Kennzeichen versehen ist,
und jeder Sammler bezw. jede grössere Sammlung
wird eine Waffe höher schätzen, wenn sie mit einem
Wappen verziert ist. Kein Wunder also, wenn auch
der Fälscher es versucht, durch Anbringung eines
Wappens den Wert seiner Ware zu erhöhen. Dass cs
ihm nicht um den idealen, sondern um den realen
Wert zu thun ist, bedarf kaum eines besonderen
Hinweises.
Aber nur zu oft begeht der Fälscher gerade
mit diesem Verfahren eine grosse Thorheit, weil
dadurch leichter als durch andere Merkmale seine
Ware als Imitation gebrandmarkt wird. Die Ur
sache dieses Misslingens ist darin zu suchen, dass
dem Fälscher und seinen Helfershelfern meist gründ
liche heraldische Kenntnisse abgehen, so dass ihm
infolgedessen grössere oder kleinere Verstösse gegen
diese Wissenschaft und Kunst unterlaufen.
Bei fürstlichen grossen Staatswappen z. B. über
sieht der moderne Verfertiger leicht die historische
Entwickelung derselben. Diese Gesamtwappen ver
einigen nämlich fast immer die Einzelwappen der
zugehörigen Provinzen, wie auch die Abzeichen der
Rechte, Würden und Erbämter des Hauses. Sie sind
folglich bei Erlangung oder aber Verlust von Länder
teilen oder Rcichswürden auch immer Aenderungen
unterworfen. Ebenso geht cs dem Fälscher bei den
Wappen der geistlichen Fürstentümer, denn diese
sind wiederum zusammengesetzt, und zwar aus dem
geistlichen Stiftswappen und dem Familienwappen
des jeweiligen geistlichen Herrn. Bei den Wappen
des niederen Adels oder der Patrizier ist dies nur
ganz ausnahmsweise der Fall. Hierdurch aber bleiben
sich die anfänglich genannten Wappen niemals gleich,
treten vielmehr fast in jedem Jahrhundert in unter
schiedlicher Form auf, so dass eine Verwechselung
thatsächlich leicht Vorkommen kann. Derartige Fehler
in der Darstellung eines geradezu falschen oder
doch wenigstens falsch zusammengesetzten Wappens
kommen sogar bei sonst ganz geschickten Fäl
schungen vor, weil es dem Verfertiger unklar ist,
ob der Stil des Originales, dessen er sich bediente,
mit der Zusammensetzung und Form des W'appens
in einer gewissen Zeitperiode sich deckt oder nicht.
Besonders häufig aber sind die Verstösse gegen
die Stilisierung der Wappen, so dass man oft auf Imita
tionen Wappen im Stile eines früheren oder späteren
Jahrhunderts entdeckt. Bei Beurteilung dieser Erschei
nung darf man freilich nicht ausser Acht lassen,
dass sich in der Heraldik ein langes Nachleben der
Gothik bis ins 17. Jahrhundert nachweisen lässt.
Freunden der edlen Heroldskunst wird aus eigener
Erfahrung zur Genüge bekannt sein, wie sich hierin
Wappenherrn und Künstler häufig nicht nur gründ
lich versehen, sondern oft auch jeder Belehrung er
haben lächelnd vcrschliessen. Fälle wie die oben
ang eführten sind mir im Laufe der Jahre mehrfach und
an Waffen aller Art entweder persönlich vor Augen
gekommen oder doch bekannt geworden.
So erinnere ich mich eines Falles, bei dem ein
ganzer blanker Harnisch von einem Sammler für
schweres Geld erworben worden war. Das Stück
machte einen völlig vertrauenerweckenden Eindruck,
alle Teile waren durchaus korrekt in der Form,
jede Niete sass an der richtigen Stelle und im Innern
waren die Hammerschläge des Waffenschmiedes deut
lich erkennbar. Der Harnisch zeigte auch einige
Gebrauchsspuren und Rostnarben und im übrigen
hatte dara.uf, dass die Belederung erneuert und eine
Hentze durch Schübe ergänzt war, der schlaue Händ
ler selbst aufmerksam gemacht. Seiner Form nach
musste dieser Harnisch mit Tapulbrust der Mitte
des 16. Jahrhunderts angehören. — Auf der linken
Brustseite aber war das Wappen einer bekannten
freiherrlichen Familie v. H. im unverkennbaren Stile
der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eingeätzt. — Es
blieben sonach nur zwei Möglichkeiten: entweder
das Wappen war ca. IOO Jahre später darauf ange
bracht worden — oder der ganze Harnisch war neu.
Bei genauerer Untersuchung stellte sich denn auch
das letztere heraus, und glücklicherweise konnte in
vorliegendem Falle der Handel wieder rückgängig
gemacht werden.
Freilich ist ein blosser heraldischer Fehler nicht
allein und nicht immer berufen, nur an sich selbst
eine Fälschung 7.u bekunden, denn gegen manche
heraldische Regeln hat man hie und da auch in
früheren Zeiten verstossen, wie z. B. gegen die Regel
der Kehrung (Wendung) einer heraldischen Figur
oder eines ganzen Wappens, gegen die Anordnung
34
II. Band.
256
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
der Farben auf Fahnen, das Belegen von Farbe mit
Farbe u. s. w. So ist der preussische Adler auf der
rechten Seite der Rossrüstung, welche die Kurfürstin
Magdalena Sibylla ihrem Gemahle Johann Georg I.
von Sachsen zu Weihnachten 1622 verehrte, und
welche bei dessen Beerdigung 1656 der Leiche
vorangeritten wurde, fälschlich nach rechts, also nach
dem Pferdeschweife zu gekehrt, während der Herolds
brauch es vorschreibt, dass Wappen und Wappen
f
iguren in einer der Bewegung von Mann und Ross
entsprechenden Wendung angebracht werden.
Aber es giebt auch Verstösse gegen die Heral
dik, welche bei Originalen unmöglich Vorkommen
können. So wenden z B. moderne Graveure und
Wappenmaler — und folglich auch Leute, welche
Fälschungen vornehmen — mit Vorliebe die Schraffie
rungen, welche die Wappenfarben andeuten sollen,
auch in Fällen an, in denen die ganze Darstellung
als einer Zeit vor dem 17. Jahrhundert entstammend
gehalten werden soll. Da nun jene Schraffierungen
oder Tinkturen erst um 1638 von Vulson de la
Combiere erfunden und in dem Wappenwerke des
Jesuiten Sylvester ä Petra zum erstenmale in der
noch heute üblichen Weise angewendet wurden,
können sie füglich nicht in Zeichnungen vor jener
Zeit zur Anwendung gelangt sein. Hieran würde
man also die Imitation einer Waffe, deren Entstehung
vor diese Zeit fällt,, sofort und ohne weiteres er
kennen. Zu den Versündigungen gegen den heral
dischen Stil gehören auch solche Fälle, in denen
der Wappenhelm einer anderen Geschmacksrichtung
oder Zeitperiode entlehnt ist als der Schild, oder
die Wappenfiguren oder Plelmdecken in der Auf
fassung eines anderen Jahrhunderts ausgeführt sind,
als die übrigen Bestandteile des Wappens. Gleiches
gilt natürlich von Orden, Schildhaltern oder sonstigen
sogenannten heraldischen Prachtstücken. Standes
oder Rangkronen des niederen Adels kommen be
kanntlich erst seit Ende des 17. Jahrhunderts vor.
Selbst bei scheinbar völlig genauer Nachbildung
einer heraldischen Zeichnung, und zwar gerade einer
eingeätzten, an welcher der Zahn der Zeit doch
meist schon feinere Einzelheiten unkenntlich ge
macht hat, werden vom Laien nur zu leicht falsche
Linien miteinander verbunden, so dass die Nach
bildung gar bald als verständnislose Imitation zu er
kennen ist.
Trotz der nahen Verwandtschaft von Wappen
wesen und Waffenwesen kann doch nicht jeder
Waffenfreund und Waffensammler immer auch gründ
licher Heraldiker sein, und deshalb sei dem Samm
ler empfohlen, sobald ihm eine geschmückte Waffe
mit Wappen zum Kaufe angeboten wird, deren Echt
heit nicht von vornherein ausser jedem Zweifel steht,
sich an einen Heraldiker zu wenden. Die genaue
Angabe der Zeit, welcher das betreffende Stück
entstammen soll, mit einer PauSe des darauf befind
lichen Wappens wird in den meisten Fällen schon
genügen, um ein Urteil oder doch wenigstens eine
Warnung- abgeben zu können.
Zwei Apparate zur Messung der Geschossgeschwindigkeit
in der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Js Von A. Meyer, Oberleutnant im Kgl. Sächs. Infanterie-Reg'iment No. 178.
einem Buche über Artilleriewissen
schaft vom Jahre 1768 *) finde ich
die Beschreibung zweier Apparate
zum Messen der Anfangsgeschwin
digkeit für Gewehr und Geschütz.
Ich vermute, dass weder das Buch,
trotz des bekannten Namens des
Uebersetzers, noch die Apparate so
allgemein bekannt sind, dass eine
Besprechung darüber unnütz wäre,
und erlaube mir daher die nachfolgende Skizze über
den Gegenstand. Da ich weder in Ballistik noch
') Physikalisch-Mathematische Grundsätze der Artillerie
in denen die Natur und Eigenschaften des Pulvers unter
sucht und durch viele und gründliche Erfahrungen ins Licht
in Mathematik erheblich bewandert bin, so giebt
meine Arbeit vielleicht auch willkommenen Anlass
zu weiteren Ausführungen und Belehrungen von be
rufenerer Seite.
Elektrizität und Photographie bieten uns heute
die Mittel zu genauer Messung selbst der kleinsten
Zeitdauer, wie es ja auch zum Messen von Geschoss
geschwindigkeiten heute weit mehr als vor andert
halb Jahrhunderten notwendig ist. Beide kannte
man zu Papacino d’Antonis und Tempelhoffs Zeit
gesetzt werden. Aus dem Italiänischen des Herrn Papacino
d'Antoni Sr. königl. Majestät in Sardinien Directeur der
theoretischen Schulen der Artillerie und Fortifikation. Mit
Anmerkungen vermehrt von G. F. Tempelhoff, K. Pr. Lieutenant
bei dem Feld-Artillerie-Corps. Berlin, bey Arnold Wever 1768.
257
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
noch nicht. Es ist aber interessant zu sehen, dass
man damals schon Flugzeitenmesser konstruiert hatte,
welche in ihrem Grundgedanken auf denselben
Ueberlegungen beruhen, wie die modernen feinen
Apparate: le Boulenge, Siemens und Halske, Polari
sations-Chronograph,1) Bashforth.
Dieser Grundgedanke ist überall der folg-ende:
eine gleichmässig wirkende Kraft — Bewegung eines
Körpers, elektrischer Strom, magnetischer Zustand,
Schwerkraft, Federkraft — wird durch das fliegende
Geschoss, dessen Geschwindigkeit zu messen ist,
zweimal unterbrochen, bezjv. unterbrochen und wieder
geschlossen und die Zeit, welche zwischen diesen
beiden Momenten verstreicht, gemessen. Das wird
dadurch ermöglicht, dass jene beiden Momente sich
auf dem Flugzeitenmesser selbstthätig markieren und
man aus der Entfernung dieser Marken voneinander
und aus der Grösse jener gleichmässigcn Kraft auf
die Zeit schliessen kann, die das Geschoss zwischen
jenen beiden Momenten gebraucht hat.
Ich gebe zunächst Beschreibung und Zeich
nung, des Flugzeitenmessers aüs Papacino d’Antonis
Buch:
«§ 164. Die Maschiene, welche die 19 Figur (also
unsere Fig. 1) vorstellet, ist von dem Herrn Mattev,
königlichen Mechanicus, erfunden worden, und dienet
dazu, um die Geschwindigkeit zu bestimmen, mit
der die Kugel aus der Mündung eines Gewehres
fährt. Der Haupt-Theil dieser Maschiene ist ein
l) Prometheus, Jahrgang: VIII, 41. 1897.
horizontales Rad AB, welches oben in C an einer
verticalen Axe CD befestigt ist. Um diese Axe
kann das Rad durch Flülfe der Gewichte und Gegen
gewichte Q, welche an dem Seile GG angebracht
sind, herum gedrehet werden, indem man dieselben
vermittelst der Kurbel N beständig in die Höhe
windet. Man kann auch dieses Rad auf eine be
liebige andere Art herum drehen, wenn nur die Be
wegung desselben schnell, gleichförmig, und nicht
unterbrochen oder ruckweise geschiehet. Rund um
das Rad A B herum, befestiget man einen Kranz
von Schreib-Papier, der ohngefähr l/;! von einem
Fuss, wie AE, BF, hoch ist. Der Lauf M, welchen
man losschiessen will, muss 10 bis 12 Fuss von dem
Rade entfernet seyn und auf einem festen und un
beweglichen Gestelle befestigt werden, und die Rich
tung desselben muss so beschaffen seyn, dass die
Kugel, indem sie das Papier in H und K durch
dringt, die Linie HK beschreibt, welche dem Dia
meter AB des Rades gleich ist. Endlich setzt man
in der Entfernung KR ohngefähr von zwev oder
drey Fuss ein unbewegliches hölzernes Brett und
zwar von büchen Holz, damit die Kugeln darinnen
ein reguläres Loch machen.
Um sich dieser Maschiene zu bedienen, muss
man wissen, wenn das Rad AB. indem es herum
gedrehet wird, eine gleichförmige Bewegung hat.
und wie gross die Zeit ist, welche dasselbe anwendet,
um sich einmal ganz herum zu drehen. Dieses kann
man durch verschiedene Kunstgriffe erfahren. Ich
habe mich bev meiner Maschiene des folgenden
258
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
bedienet. Ich Hess an der Axe CD ein kleines
II. Band.
nicht, wie in Papacino d’Antonis Figur, nur aufge
Rad JL dergestalt befestigen, dass der Mittelpunkt
desselben ausserhalb der Axe fiel. Dieses kleine
Rad stiess jedesmahl, wenn es sich ganz herum
gedrehet, an eine, hölzerne Zunge dergestalt, dass
sich dieselbe horizontal bewegen musste. Oberhalb
oder nicht weit von dem Ende der Zunge hieng
ich ein einfaches Pcndulum auf, welches ich so
lange bald lang, bald kurz machte, bis es seine
Schwingungen in eben der Zeit machte, in der die
Zunge eine horizontale Bewegung machte.
Die Länge dieses Penduli dienet dazu, um die
Zeit zu bestimmen, welche das Rad anwendet, um
sich einmal herum zu drehen. So bald man gewahr
wird, dass das Pendulum und die Zunge einen
Schwung in einerlei Zeit machen, schiesst man das
Gewehr loss. Wenn man alsdann das Rad stille
stehen lässt, so wird man in dem Papiere zwey
Löcher gewahr, davon das eine bey dem Eingang
und das andere bey dem Ausgang der Kugel durch
das Papier gemacht worden. Man kann diese beyde
Löcher leicht von einander unterscheiden; denn da,
wo die Kugel herausgegangen, ist das Papier ein
wenig nach aussen zu gebogen. Alsdann zieht man
einen Faden nach der Richtung der Lienie MR und
bringt den Mittelpunkt des Lochs H, welches die
Kugel beym Eingänge gemacht hat, in dieser Lienie,
und alsdenn siehet man, wie weit das Loch R, durch
welches die Kugel heraus gegangen, von der ge
raden Lienie MR entfernet ist. Diese Entfernung
drückt den Raum aus, den ein Punkt des Rades
während der Zeit beschrieben, welche die Kugel
angewendet, um den Diameter des Rades zu durch
laufen. i
Nach meiner — eines Laien — Ansicht sind
es folgende Umstände, welche die Genauigkeit dieses
Apparates in Frage stellen.
Der Apparat wird mit der Hand bewegt, eine
stets gleichmässige Bewegung ist also nicht gewähr
leistet; zwar dient das Pendel als Kontrolle, aber
das giebt kaum eine Gewähr dafür, dass nicht im
Moment des Schusses eine ruckweise, also ungleich
mässige Bewegung der Hand eintritt, welche den
Apparat bedient. Der Fehler kann so gering sein,
dass er sich, trotz des Pendels, dem Auge entzieht
und doch die Messung wesentlich beeinflusst. Die
Kontrolle darüber, ob die Bewegung der Zunge
und des Pendels übereinstimmen, denke ich mir
auch nicht leicht. Sie musste doch in nicht zu
grosser Entfernung von dem Rad AB, also nicht
weit von dem fliegenden Geschoss geschehen.
Das scheint mir der Hauptfehler zu sein: alles ge
schieht in Erwartung des Schusses! Die bösen
Nerven verderben die Genauigkeit menschlicher
Arbeit.
Aber auch im Apparat selbst liegen Ursachen
zu Fehlern. So ist es unbedingt nötig, dass die
ganze Maschinerie unverrückbar fest steht, also an
den Füssen eingegraben oder sonstwie befestigt,
stellt wird. Die Anordnung der Gewichte Q dürfte
besser durch zwei schräggezähnte Räder zu ersetzen
sein. Die Reibung des Räderwerkes an den Achsen
und mit dem Seil G muss stets die gleiche sein;
bei wechselnder Luftfeuchtigkeit ist dies besonders
von dem Seile kaum zu verlangen.
Man wird ferner, um eine bequem messbare
Strecke zwischen den beiden Schusslöchern zu er
zielen, den Durchmesser des Rades AB nicht zu
klein wählen dürfen. Um so grösser ist die Gefahr,
dass der Papierkranz infolge der . Centrifugalkraft
seinen Durchmesser und überhaupt seine Gestalt
dem Auge unbemerkbar verändert, nach dem An
halten des Rades aber wieder in seine alte Lage
zurückkehrt. Stärke und Qualität des Papicres, Luft
feuchtigkeit und Höhe des Papierkranzes üben hier
bei ihren Einfluss. Gleichmässig wird die Leistung
jedenfalls nicht in allen Fällen sein.
Endlich ist es nicht leicht, den genauen Ab
stand zwischen zwei Schusslöchern zu finden. Es
kommt hier auf Bruchteile von Millimetern an,
und in dieser Beziehung gestatteten die damaligen
Apparate bei weitem nicht die nötige Genauigkeit.
Diese Schwierigkeit wächst noch mit der Grösse des
Kalibers.
Bedenken wir endlich noch, dass bei dem da
maligen Stande der Waffentechnik es nicht in dem
Maasse wie heute möglich war, mit verschiedenen
Schüssen gleiche Leistungen zu erzielen — beson
ders da die Waffen Vorderlader waren — so werden
wir annehmen müssen, dass man damals nach mo
dernen Begriffen recht ungenaue Messungen wird
zu stände gebracht haben.
In § 166 und folgenden seines Werkes giebt
Papacino d’Antoni Auskunft über Versuche mit seinem
Apparat. Ich kann, ohne zu viel Raum in Anspruch
zu nehmen, nicht aufs Einzelne seiner Ausführungen
eingehen, und erwähne nur folgendes: Die Ver
suche wurden bei sehr feuchtem, mittelfeuchtem
und sehr trockenem Wetter ausgeführt; man wendete
verschiedene Gewehre — darunter ein gezogenes —
und verschiedenes Pulver an. Das feinste Pulver
zeigte die grösste Kraft und bei trockenem Wetter
erzielte man die grösste Geschwindigkeit.
Der verschiedene Zustand der Atmosphäre wurde
jedoch nur bezüglich seiner Einwirkungen auf das
Pulver berücksichtigt; dass auch die Wirksamkeit
der Maschine selbst davon abhing, scheint Papacino
d’Antoni nicht bedacht zu haben. Aber gerade
darin liegt vielleicht die Ursache einer Erscheinung,
die er mit folgenden Worten erwähnt:
«Ich muss hier noch als einen besonders merk
würdigen Umstand anmerken, dass die Geschwindig
keiten, welche bey feuchten Wetter von dieser Art
Pulver1) hervorgebracht wurden, beynahe immer
einander gleich v-aren. Bey dem mitlcrn Zustand
*) Feinem Pulver.
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
der Atmosphäre hingegen, waren die Abweichungen
259
vornen bey F eine kleine Schneide, die mässig
zwischen diesen Geschwindigkeiten bis U/2 aufs
Hundert und bey sehr trocknen Wetter stiegen sie
bis auf viere aufs Hundert.»1)
Ob ausser der Ungenauigkeit des Apparates
und der Waffen selbst sonst noch Ursachen für
diese Erscheinungen aufzuführen sind, vermag ich
nicht ohne weiteres zu beurteilen. Vielleicht erklärt
uns das ein Waffentechniker von Fach.
Tempelhoff giebt nun in seinen Anmerkungen
zu Papacino d’Antonis Buche die Beschreibung eines
von ihm selbst erdachten Apparates, welcher mit
dem oben beschriebenen zusammenwirkend, auch
die Messung der Anfangsgeschwindigkeit für Ge
schützkugeln ermöglichen sollte. Hierzu brauchte
man etwas Widerstandsfähigeres, als einen zarten
Papierstreifen und dem
trägt Tempelhoffs Kon
struktion Rechnung. Seine
Beschreibung lautet:
«Zweite Anmerkung.
Mit der Maschiene,
welche derVerfasser(§ 164)
beschreibt, kann man eine
andere verbinden, deren
Einrichtung zwar sehr ein
fach ist, durch die man
aber im Stande ist, die
anfängliche Geschwindig
keit vor alle Arten von
Geschütz zu bestimmen
(unsere Fig. 2).
In der Entfernung von
15 bis 30 Fuss von dem
Geschütz, dessen man sich
bedienet, lasse man die
Seulen AB, AB, die durch
die Riegel AA, TU mit
einander verbunden sind,
und auf einem Gestelle
ruhen mit dem Fuss B
in die Erde setzen, damit
sie unbeweglich stehen. Die Höhe dieser Seulen
und ihre Breite und Dicke ist willkührlich; doch
kann man dieselbe etwas hoch machen lassen,
damit eine Bombe, wenn der Morticr im 450 elevirt
ist, zwischen sie durchgehen kann. Die eine Seule
AB ist von a bis d ausgeschnitten und auf der einen
Seite sind Löcher 1, 1, u. s. w. ohngefehr 2 Zoll
von einander eingebohrt, und dieses in der Absicht
um dadurch ein kleinen eisernen Zylinder bb zu
stechen, um den sich eine kleine Rolle RR drehen
kann. ED, EF sind ein paar starke elastische Federn,
die an der eisernen Platte G befestiget sind. Die
Feder ED ist nach dem Kanon zu gekehrt, und
vornen sehr spitz. Die andere Feder EF aber ist
nach der Spitze der Seule AB zu gekehrt und hat
b § 167, letzter Absatz.
scharf ist. Die Platte G mit den Federn, schraubt
man an die Seule AB, welche ausgeschnitten ist,
vermittelst Schrauben feste an.
Wenn man nun die Geschwindigkeit einer ge
wissen Kugel bestimmen will, so spant man die
Feder EF vermittelst eines dazu bequemen Seiles,
welches über die Rolle R geht und an der andern
Seule AB in S befestiget wird.
Die Feder ED spant man ebenfalls vermittelst
eines andern Seiles, welches nach der Mündung
des Kanons zu geht, und vorher über eine kleine
horizontale Rolle r gezogen wird. Ueber der Mün
dung des Kanons wird ein ander Seil gespant, in
dessen Mitte das Seil, wodurch die Feder CD ge
spant wird, befestiget wird.
Wenn nun die Federn stark genug gespannt
sind, welches man durch die an der Seule AB an
gebrachten Schrauben P, Q bewerkstelligen kann,
so stelle man das Rad, welches der Verfasser be
schrieben, dichte an die Federn, dergestalt, dass
wenn die Federn losschnellen, sie in dem Rande
des Rades einschlagen. In dieser Absicht, muss
man den ganzen Rand des Rades mit Wachs ohn
gefehr J/4 Zoll dicke auslegen.
Das Kanon richte man
nach dem Seile RS' wo
durch die Feder EF ge
spant wird. So bald nun
das Kanon abgefeuret wird,
so, reist die Kugel den
über die Mündung ge
spanten Faden entzwey,
die Feder CD schneit als
denn los und macht in der Peripherie
des Rades einen Eindruck und beschreibt
einen kleinen Bogen so lange bis die
Kugel das zweyte Seil entzwey reist, und
dadurch die Feder EF Freyheit be
kommt, auch loszuschnellen. Diese
schlägt von oben herunter und macht
einen kleinen Strich in der Peripherie
des Rades; Wenn nun das Rad in Bewegung gesetzt
worden, so weiss man auf diese Art den Bogen, den
das Rad, dessen Bewegung gleichförmig seyn muss,
während der Zeit beschrieben, welche die Kugel an
gewendet, um von der Mündung G bis an dem
Seile RS zu kommen. Weil nun die Zeit bekannt
ist, in der das Rad einmal herum kommt, so kann
man dadurch die Zeit finden, in der ein Punkt des
Rades den gegebenen Bogen beschrieben. Folglich
kann man dadurch auch, weil die Entfernung des
Kanons von dem Seile RS bekannt ist, die Ge
schwindigkeit wissen, mit der die Kugel aus der
Mündung gegangen.
Dabey jnerke man, dass man zu dem auf der
Peripherie des Rades, durch die Federn bezeichneten
Bogen, noch die Entfernung der Spitzen der Federn
von einander hinzu rechnen muss.
2ÖO
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Ich habe diese Maschiene in der Absicht er
II. Band.
stände, welche die Seile an den Rollen R und r,
dacht, um auch mit grossem Geschütz einige Ver
suche über den Wiederstand der Luft zu machen,
welche nicht mit sonderlichen Erfolge angestelt
werden können, wenn man nicht die anfängliche Ge
schwindigkeit der Kugel weiss. Aus der Beschrei
bung ist leicht zu sehen., dass der Erfolg derselben
allezeit richtig seyn muss, sobald man nur ein Mittel
hat, die Bewegung des Rades gleichförmig zu er
halten, welches gewiss geschehen kann, da es der
Verfasser selbst zu wege gebracht hat. Ein jeder
kann selbst diese ganze Maschiene zu seinem Ge
brauch so bequem einrichten als er es vor nöthig
befindet, und noch allerhand Verbesserungen hin
zu setzen.*
Die Umstände, welche die Genauigkeit dieses
Instrumentes beeinträchtigen, dürften folgende sein:
Die beiden Federn EF und ED müssen, so
bald sie losgelassen sind, gleich schnell arbeiten.
Dazu gehört, dass sie ganz gleich stark an sich und
gleich stark durch die Seile angespannt sind. Diese
Anforderungen sind aber thatsächlich sehr schwer zu
erfüllen. Zwei wirklich ganz gleich starke Federn
sind nicht so leicht zu beschaffen. Und die gleiche
Anspannung macht um so mehr Schwierigkeiten, je
weiter das Geschütz absteht, denn je länger ein Seil
ist, desto schwieriger ist es bekanntlich straff zu
spannen. Und endlich müssen auch noch die Wider
sowie diejenigen, welche diese Rollen an ihren
eigenen Achsen finden, einander gleich sein, um
beim Spannen der Federn die möglichste Gleich
mässigkeit herbeizuführen.
Hierzu kommen noch die Mängel des erstbe
schriebenen Instrumentes. Einer davon wird aller
dipgs durch Tempelhoffs Konstruktion aufgehoben:
die scharfen Spitzen der Federn werden feinere
Marken in den Rand des Rades schlagen, als es
das Geschoss in den Papierkranz that. So muss
die Messung zwischen den beiden Marken genauer
werden.
Tempelhoff sagt uns nicht, ob praktische Ver
suche mit seinem Apparate angestellt worden sind,
was ja nach Herausgabe seines Werkes wahrschein
lich geschehen ist. In anerkennenswerter Bescheiden
heit sagt er ja auch, dass jedermann seinen Apparat
noch verbessern könnte. — — —
Es ist nicht nutzlos, sich hie und da die Wege
zu vergegenwärtigen, auf denen vor langer Zeit
unsere Vorfahren schwierige Probleme zu lösen
suchten. Ist der Grundgedanke dieser beiden rohen
Instrumente derselbe wie der unserer modernen ge
nauen Flugzeitenmesser, so ist uns das eine Lehre,
dass der Mensch nichts absolut Neues und Eigenes
hervorbringt, sondern auf der Arbeit früherer Zeiten
weiterbaut.
Einige Anmerkungen zu den Petersburger Pavesen und Tartschen.1)
Von Richard Zschille
em wäre nicht schon auf
gefallen , welche grosse
Schwierigkeiten die pho
tographische Wiedergabe
der Tartschen, Pavesen
und Schilde bietet: In
fast allen Veröffentlichun
gen von Waffen bemerkt
man unangenehm die
ganz mangelhafte, beinahe unkenntliche Wiedergabe
ihres bildlichen Schmucks, was jedes eindringendere
Studium unmöglich macht. Desto freudiger und
dankbarer muss man also einige Fingerzeige zur
Abhilfe dieses Uebelstandes begrüssen, auch wenn
einer, wie der erste der hier angeführten, nicht
gerade als empfehlenswert bezeichnet wird. Aber
faute de mieux führt dies Verfahren doch zuweilen
zu besseren als den gewöhnlichen Resultaten. Was
auf Seite 226, Zeile 25fr. gesagt wird, verbürgt
wenigstens, dass das Studium des Wesentlichen in
der Zeichnung wohl möglich ist.
Das zweite Verfahren setzt vor der Aufnahme
peinliche Reinigung und darauffolgende Abdeckung
der Figur mit hellblauer Aquarellfarbe voraus. Da
bei ist Rücksicht auf die bekannte Thatsache ge
nommen, dass in der Photographie die Wiedergabe
l) Man vergleiche dazu die sehr gehaltvollen Ausführungen des Herrn Staatsrates von Lenz im vorigen Hefte.
S. 224 ff., auf die im folgenden immer Bezug genommen wird.
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
des Hellblau sehr aufhellend wirkt. Vielleicht würde
26l
Grunde lägen (man vergleiche dazu Lentner und
man zu noch günstigeren Resultaten kommen, wenn
man statt des Blaulasierens die Aufnahme durch
eine blaue Glasscheibe vornähme, weil dann die
Nachteile eines vielleicht nicht ganz gleichmässigen
Auftragens der blauen Farbe umgangen und durch
eine gleichmässige blaue Belichtung ersetzt würden.
Jedoch ist dies nur ein Vorschlag, der erst noch
durch Versuche gestützt werden muss.
Auch die bei der Besprechung der Figur 4
angedeutete Methode der Verdeutlichung mit Weiss
dürfte zuweilen für die Wiedergabe günstige Resul
tate ergeben, und zwar, indem man die eingeritzten
Konturen — vgl. Fig. 4 und 11 — mit weissem
Pulver, etwa Schlemmkreide, einreibt und so hervor
hebt, oder indem man weisse Aquarellfarbe aufträgt,
das UeberflüsSige an Farbe aber so abwischt, dass
nur die Vertiefungen ausgefüllt sind. Ja sogar die
Bemalung eines Schildes mit ungenügend fein ver
riebener also rauher Farbe dürfte mit einer solchen
Behandlung, gleichgültig ob man das Pulver oder
die Aquarellfarbe gebraucht, günstig zur nachfolgen.
den Photographie vorbereitet werden.
Da sich die blaue wie die weisse Farbe ohne
Schaden für den Gegenstand, selbst bei eingeritzten
Zeichnungen, mittels Wasser und einer weichen, vor
sichtig gehandhabten Bürste leicht wieder beseitigen
lassen, wären derartige Verfahren möglichst immer
bei der Aufnahme der Schilde anwendbar.
Nach diesen technischen Erörterungen über die
Wiedergabe wenden wir uns nun zu den Pavesen
selbst. Zunächst habe ich zu erwähnen, dass ich
zu den sechs grossen in Abschnitt 4 besprochenen
Pavesen ein siebentes sehr gut erhaltenes Exemplar
anführen kann, welches sich früher in meiner ziem
lich umfangreichen Sammlung befunden hat. Das
selbe entsprach den Abbildungen 5 und 6 voll
ständig, sowohl innen wie aussen in allen Details,
nur in Bezug auf die Bemalung habe ich Ab
weichungen zu erwähnen. Die scharfe und deutliche
Wiedergabe der rechten Seite berechtigt mich zu
der Annahme, dass neben Schwarz und Grau auch
wohl noch Rotbraun auftritt und die Bemalung also
Pelzwerk oder Fell stilisiert darstellen dürfte. Dass
früher Fell zum Ueberziehen der Schilde verwandt
wurde, ist sicher überliefert, wenn auch ein derartiges
Stück nicht erhalten ist. Die Anbringung von Wappen
bildern mag dann mehr zur Anwendung von Be
malung geführt haben, und da für sie auch der
Schilderer oder Schildmacher zu sorgen hatte —
eine schwierige Aufgabe, der er sich entledigte, so
gut, oder schlecht er es eben konnte —, so mögen
die dachziegelförmigen Schuppen der Schildbema
lungen entstanden sein, die weiterhin in stilisierter
Form verwendet wurden und auch in der Heraldik
Aufnahme fanden. Auch die Schuppenmuster auf
Fig. 1 und 2 (Seite 225) gehören hierher. Möglich
wäre ja auch, dass ausser dem feineren Pelzwerk
auch die Panzerschuppen der stilisierten Form zu
Kettenhemd des hl. Wenzeslaus auf Fig. 2).
Einen ähnlichen Schild wie den auf Fig. 2 dar
gestellten habe ich vordem besessen. Dargestellt
war der hl. Georg. Da die Pavese aber vielfache
Spuren späterer Nachhilfe in der Bemalung und
weniger gute Erhaltung aufwies, so sei nicht näher
auf sie hier eingegangen. Nur möge noch erwähnt
werden als die obenerwähnte Abweichung der Be
malung, dass die beiden oberen Ecken mit je
einem kleinen Wappenschild geziert waren, deren
rechtes das Wappen der bayerischen Stadt Deggen
dorf, das linke aber ein Weberschiffchen oder auch
Schützen genannt zeigt, also wohl das Innungswappen
der Deggendorfer Weber. Da nun dieses Schiffchen
an beiden Enden umgebogene Spitzen hat, so könnte
dies auch auf eine Unterabteilung dieses Berufs
zweiges deuten, nämlich auf die Bandweber, die
bekanntlich der geringeren Breite des zu erzeugen
den Produktes halber diese kleinere und hand
lichere Form ihres Werkzeuges benützen, was aber
im vorliegenden Falle von keiner weiteren Bedeu
tung für uns ist. Wir hätten dann also in diesen
sieben Deggendorfer Pavesen die Schuhmacher, die
Bäcker und Weber vertreten, gewiss ein sehr seltener
und lehrreicher Beleg für die Rekrutierung' der Streit
kraft einer Stadt aus den verschiedensten Zünften
der Bürgerschaft. Dass diese Streitkräfte aus Fuss
volk und Berittenen bestanden haben, zeigt Fig. 4,
denn die Tartsche gehörte offenbar einem Reiter,
der den Einschnitt an derselben für die Lanze brauchte.
Tartschen von Berittenen sind schon selten genug;
dass gleichzeitig sechs Vorkommen, ist aber ganz
aussergewöhnlich, und die Seltenheit wird erhöht,
dass hier noch sieben Pavesen des Fussvolkes
gleichzeitig hinzukommen. Die Aufbewahrung im
Zeughaus erklärt aber den Zusammenhang. Eine
ähnliche Gruppe bilden die Pavesen der schweize
rischen Stadt Winterthur, die gleichfalls durch zwei
in den oberen Ecken angebrachte Wappenschilder
charakterisiert sind, nämlich das Schweizer Wappen
und das Winterthurer Stadtwappen. Von ihnen ist
mir auch eine grössere Anzahl, ich glaube sechs
bis sieben Exemplare, bekannt geworden.
Auch einer österreichischen Stadt verdanken
wir mehrere ähnlich unter sich zusammenhängende
Schilde. Dieselben zeigen den die ganze Ober
f
läche einnehmenden damascierten österreichischen
Bindenschild in Rot und Weiss und am Schildes
haupte ein kleines Wappen mit einem gelben Stern
im grünen Felde, wohl das Stadtwappen (:). Auch
mit dem Nürnberger Wappen versehen kommen
derartige Pavesen vor, sowie mit dem Wappen der
sächsischen Stadt Zwickau, von denen sich drei Stück,
wenn ich mich recht erinnere, im Besitze jener Stadt
erhalten haben.
Jedenfalls lassen sich diese Beispiele mit der
Zeit noch erheblich vermehren; hier sei nur ein
Anfang mit der Aufzählung solcher Gruppen ge
II. Band.
262
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
macht. Aber auch auf künstlichem Wege hat man
derartige Gruppen neuerdings entstehen lassen. So
sollen z. B. auf einer Versteigerung einer Waffen
sammlung zu Meersburg am Bodensce eine ganze
Anzahl alter Pavesen mit dem neu aufgemalten
Wappen des Besitzers der Sammlung aufgetaucht
sein, ein, wenn auf Wahrheit beruhend, nicht genug
zu brandmarkender Vandalismus, der um so uner
quicklicherwirkt, als er wohl in schlecht angebrachter
persönlicher Eitelkeit seinen Grund hat.
Studienmaterial zur Geschichte der Mittelalterwaffen.
Von Dr. R. Forrer-Strassburg.
(Fortsetzung.)
6. Gotische Rüstungen
auf einem Katzheimerschen Kreuzigungs
bilde meiner Samm
lung.
ch habe oben unter No. i
von einem wenig bekann
ten Kleidungsstücke, der
Polstergugel, gesprochen,
die unter dem Helm ge
tragen wurde; bei No. 3
habe ich der Helmdecken
gedacht, wie sie bald am
Helm, bald über diesem
angebracht waren. Hier
gebe ich nun in Fig. 6 die
Abbildung eines Gerüsteten, der über dem Eisen
gewande zur Zier von Kopf und Oberkörper einen
gugelartigenUeber
wurf trägt, der allem
Anschein nach eine
Eisenhaube mas
kiert. Es ist ein klei
nes Gemälde mit cise
liertem Goldgrund, auf
dem um die Mitte des
XV.saec.—wahrschein
lich von Plans Wolf
gang Katzheimer von
Bamberg — die Nage
lung Christi ans Kreuz
dargestellt ist. Links
steht mit lang'em Spiess
und in voller gotischer
Rüstung'ein (Römer - —
eben der mit der oben
erwähnten Gugel —,
hinter ihm ein durch
die hohe spitze Mütze
als solcher gekenn
zeichneter Jude. Rechts
davon nag'eln zwei
Knechte den Leib
Christi auf das Kreuz,
indessen ein dritter Knecht sich bekehrt zu Christus
wendet (der Kopf dieses Bekehrten allem An
schein nach Porträt eines geistlichen Stifters). Im
Hintergründe überwachen zwei Kriegsknechte die
f
landlung. Der hintere trägt einen Eisenhut und
Ringgugel, die tief auf die Schultern fällt; der
Leibrock ist rot und unten gezaddelt, die Hosen
sind von gleicher Farbe; in der mit Eisenhandschuh
bewehrten Linken trägt der Mann eine Stangenwaffc,
deren oberes Ende am Rande des Bildes nicht mehr
sichtbar ist. Der andere Kriegsknecht ist in voller
Rüstung abgebildet. Er trägt eine spitz zulaufende
Beckenhaube, darunter einen Ringkragen (falls er am
Helmrande befestigt ist) oder eine Ringgugel (falls das
Ringgeflecht den ganzen Kopf bedeckt) und als
Körperschutz einen gotischen Schienenharnisch; in
den Händen führt er einen mit kleinem Fähnchen
geschmückten Speer; Interessant ist auch einer
der nagelnden Kriegs
kncchtc durch seine
aus viereckigen
Eisen schuppen ge
bildete Eisenkappe,
an deren Stelle zu Ende
des XV. Jahrhunderts
bekanntlich die aus ab
gerundeten Schuppen
gebildete kleine «Plirn
kappe> tritt, wie sie
Dürer u. a. so oft dar
stellen.
7- Schützenfiguren
aus Valturius, 1472.
Der bekannte Flo
rentiner Bücherantiquar
Leo S. Olschki be
richtet in seiner Zeit
schrift ?La Bibliofilia»
(Florenz 1900) über die
erste Edition des an
Holzschnittbildern rei
chen, die Kriegskunst
/.Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
behandelnden «Valturio». Dies ebenso seltene wie
263
einem Turm umkleidet und der Mastkorb eben
kostbare Buch erschien 1472 zuVerona und von einem
italienischen Meister mit Bildern versehen worden,
welche den Text begleiten und, wie dieser, allerlei
Arten von Kriegsmaschinen, Befestigungen u. s. w.
erklären sol
len. Einige
der inter
essantesten
Bilder hat
Olschki fak
similieren
Fig. 7 a.
lassen und gebe ich danach hier diejenigen
Faksimiles aus der «Bibliofilia» wieder, welche uns
hier vom waffengeschichtlichen Standpunkte aus
spezielles Interesse bieten. Fig. 7 a zeigt eine
Galeere oder Galione, deren Verdeck, Mast und
Mastkorb durch schwere Holzplanken gegen feind
liche Angriffe befestigt sind. Der Mast ist mit
falls nach Art der Turmzinnen für Bewaffnete ein
gerichtet. Von hervorragendem Interesse sind hier
die Kriegsleute mit den Feuerrohren, von denen
das eine (des Schützen auf dem Verdeck) einen
Schaft trägt, der über die Achsel gelegt wird
und zur Unterstützung dieses Zweckes mit einem
besonderen Achseleinschnitt versehen ist. Auch ein
anderer Kriegsknecht des Verdeckes, der an der
linken Seite, scheint ein Feuerrohr zu tragen. Die
anderen Bewaffneten tragen Armbrüste, Spiesse,
Fahnen, einer führt eine durch ihre Form beachtens
werte Runka. Als Schutzwaffen tragen zwei Ge
rüstete Schilde normännischer Form, wie sie sich
bekanntlich speziell in Italien sehr lange neben den
neu hinzugetretenen Formen bis ins 15. Jahrhundert
erhalten haben. Die Schienenrüstung ist hier in
voller Entfaltung und mehrere Soldaten tragen so
Fig. 7 b.
gar ganz geschiente Brust- und Rückenpanzer nach
Art der Brigantinen. Die zur Darstellung gebrachten
Helme sind italienische, sogenannte «Venetianer
Saladen». Der Fähnrich mit dem Turm Wappen trägt
als Helmzier einen Turban. Der andere Fähnrich
auf dem Verdeck, mit dem Kreuz im. Fahnenfeld,
führt einen ganz besonders merkwürdigen und in
35
FI. Band.
264
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Originalen fast gar nicht mehr vorkommenden Helm
mit beiderseitig' aufklappbaren Seitenklappen, eine
den römischen Visierhelmen nachgebildete Form, ein
Vorläufer des bei Boeheim sub Fig. 29 abgebildeten
italienischen Helmes um 1490. — Die Form der
Venetianer Schallern wiederholt sich auch auf der
dem Valturius entnommenen Taucherrüstung Fig. 7 b,
nur ist hier der Helm nicht aus einer Stahlplatte
getrieben, sondern nach Art der Schuppenhäubchen
geschuppt (die Figurist ein Prototyp des bei Demmin,
Kriegswaffen, p. 415 nach Vegetius abgebildeten
Tauchers, der aber hier einen anderen Helm er
halten hat). — Die in Fig. 7 c faksimilierte Abbildung
eines Armbrustschützen nach Valturius reproduziere
ich bei diesem Anlass ihrer ebenso künstlerischen
wie lebensfrischen Darstellung wegen; nicht nur die
Stellung des Schützen, auch die Lage des zielenden
Kopfes und die Fingerstellung sind dem Künstler
ganz meisterhaft gelungen.
(Fortsetzung' folgt.)
Entwickelung und Gebrauch der Handfeuerwaffen.
Von k. u. k. Oberstleutnant P. Sixl in Kaschau.
(Fortsetzung.)
Beispiele für die angc
stellten Untersuchun
gen seien mehrere Ha
kenbüchsen vorgeführt,
welche zweifellos dem
15. Jahrhundert ange
lt Ören und zwei grosse
Hauptgruppen unter
scheiden lassen.
Die erste Haupt
gruppe umfasst alle
jene Hakenbüchsen, deren Handhabung noch durch
einen Mann möglich war.
Nach den Wiener Kämmerei-Rechnungen wurden
dieselben als «Hackenpuchsen Idain- bezeichnet;
in den Zeugsbüchern des Kaisers Maximilian 1. werden
dieselben als «gemailt Hackhen» angeführt, «ge
hörend zu den fucsskncchten, wann man in dem
feld wil fechten.»
Die zweite Hauptgruppe enthält alle grösseren
Hakenbüchsen, von schwerem Gewicht und grossem
Kaliber; diese sind manchmal auch als Steinbüchsen
eingerichtet, wurden bei der Verteidigung von be
festigten Oertlichkeiten verwendet, «auf den mauern
braucht man uns seer», und auch beim Angriff auf
dieselben, «wann man ein flecken stürmen thuet.s
In der Konstruktion zeigen dieselben die bisher
beobachteten drei Formen und zwar:
1. Hakenbüchsen mit Stangenschaft.
2. Die geschäfteten Hakenbüchsen, und
3. Eiserne Hakenbüchsen.
Plervorzuheben wäre noch die zunehmende Ver
längerung der Seele; bisher war das Verhältnis des
Kalibers zur Seelen-Länge I:S:I0:20, jetzt wird
dieses Verhältnis bis 1 : 30 : 40 und noch höher ge
steigert.
Es ist natürlich, dass durch diesen Umstand
das Gewicht der Watte vergrössert wurde; bei der
Handhabung der grösseren Stücke wurde schliess
lich ein zweiter Mann notwendig.
Es sollen nun einige Hakenbüchsen, welche
dem Gewichte nach der ersten Hauptgruppe an
gehören, näher betrachtet und beschrieben werden.
1. Hakenbüchsen mit Stangenschaft. (Fig. 66.)
1 | 2 | 3
Konstruktion
4
5 | 6
7
8
9
IO
n 12 13
Der Lauf endigt rückwärts in eine Tülle, in welche der Stangenschaft eingesetzt ist
6,2
Material
Gewicht in kg
Aeussere Form
13.7
des
Laufes
2,3
12,8
14,9
•5,4
11,9
13,1
16,5 | 9,5 ! 4,8
Schmiede - Eisen
7 »5
Cylindrisch oder achtkantig, aussen gegen die Mündung verjüngend
Länge des Laufes sann
Hülse in ein
Länge der Seele in cm
Kaliber in mm
88
94,6
74,2
21
84,6
68,2
21
91,8
72,5
21
73-1
24
99,8
79.7
26
90
74,8
22
96
79.1
26
108
87,6
24
93-3
78
24
64,3
53
>5,5
74,4
63
20
^5,3
7 3
20
19,5
10/
89
fgegen die
2SI Mündung
( erweitert
265
7. Heft.
Verhältnis
zur Seele
Zündloch
Haken
Beschaffenheit
Entfernung von
der Mündung
Visier-Korn
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
1 l 2
des Kalibers
;nlänge, 1 :
befindet sich
Form
Verschluss
32
35
rechts
oval
oben
vier
seitig
3 | 4
30
34
rechts
kreis
förmig
oben
vierseitig
mit Deckel, Zapfen noch
vorhanden
8
5
3°
rechts
'
6
34
oben
rund
7
3°
36
rechts
vierseitig
I I
9 10
32
oval
30
3i
vierseitig
aus Schmiedeeisen, unterhalb am Laufe angeschweisst
12
36
oben rechts
dreh
barer
Deckel
ohne Loch mit Loch ohne Loch
knapp
an der
90
Mün
dung
Zu dieser tabellarischen Zusammenstellung' ist
knapp
an der
40
40
Ein
schnitt
am ober.
Rand d.
Mündg.
I 12
2/
IOO
abge
brochen
90
130
Mün
dung
I IO
Ein
schnitt
am ober.
Rand d.
Mündg.
152
13
34
rund
knapp an der
Mündung
e) No. 11 hat überdies an der rechten Schaft
noch zu bemerken:
a) die Läufe bei No. I, 2, 3, 4 und 12 sind glatt
geschmiedet und recht gute Arbeit; bei den übrigen
Hakenbüchsen ist der Lauf einfach, oft ganz roh
gearbeitet.
b) Bei No. 1, 3, 4, 10 und 11 ist in der rück
wärtigen Laufhülse noch ein Teil des ursprünglichen
Schaftes vorhanden, derselbe ist aus Eichenholz und
mit Leinwand umwickelt.
Die jetzt eingesteckten Schäfte sind durchweg
jüngeren Datums; dieselben haben Luntenkammern,
einzelne auch Ladestockrinnen.
Die No. 3, 4, 10 und 11 sind vollkommen ge
schäftet, haben jedoch jetzt noch die am rück
wärtigen Laufende befindliche Tülle.
Der Stangenschaft wurde, wie Löcher in der
Tülle und einzelne erhaltene Nägel darthun, mit
1 bis 2 Nägel befestigt; die Tülle ist 12 cm bis
18 cm tief.
c) Die älteste Hakenform zeigen die No. 4 und 6.
Bei No. 7 ist der Haken abgebrochen und ein
roh gearbeiteter eiserner Ringhaken aufgesteckt,
welcher in glühendem Zustande über die Mündung
gegeben wurde, daher ist derselbe jetzt wohl be
weglich, kann aber nicht abgenommen werden.
Bei No. 6 ist auf der rechten Seite des Hakens
das Kamel des Pilsener Stadtwappens angebracht,
was auf das zweite Viertel des 15. Jahrhunderts
deutet.
Hervorgchobcn muss werden, dass bei allen
Hakenbüchsen, mit Ausnahme von No. 11, der Haken
kein Loch hat; cs ist daher unrichtig, wenn be
hauptet wird, dass der Haken immer mit einem
Loche versehen war.
d) Bei No. 9 ist oberhalb am rückwärtigen Lauf
ende ein gotisches o, — (a?) — eingraviert, wahr
scheinlich das Kaliber-Zeichen.
seite ein Luntenschnappschloss; es ist sehr wahr
scheinlich, dass Lauf, Schaft und Schnappschloss
erst später in die jetzige Verbindung kamen.
Derselben Zeit gehörte eine Hakenbüchse an,
welche sich im Museum des Königreichs Böhmen
zu Prag befindet (Fig. 67).
Diese Hakenbüchse ist aus Schmiedeeisen, von
einfacher Arbeit, 107 cm lang und 10,65 kg schwer.
Die Länge der Seele beträgt 88,5 cm, das Kaliber
25 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Scelen
länge 1 : 35,4.
Der Lauf ist aussen achteckig, nach vorne ver
jüngt, und endet rückwärts in eine 17 cm tiefe und
8 cm breite Tülle. Das Zündloch befindet sich
rechts seitwärts und ist muldenförmig eingetrieben.
Unterhalb am Laufe, 15,5 cm von der Mündung ent
fernt, ist ein Haken, ohne Loch, angeschweisst; der
selbe ist 16 cm lang. Der Schaft fehlt.
Eine andere hierher gehörige Hakenbüchse be
f
indet sich im Museum -Rudollinums zu Klagenfurt.
Dieselbe ist aus Schmiedeeisen, von einfacher Arbeit,
hat eine Lauflänge von 109 cm und ein Gewicht
von 8,1 kg. Die Länge der Seele beträgt 93,4 cm,
das Kaliber 20 mm, daher das Verhältnis des Kalibers
zur Scelenlänge 1:46,7.
Der Lauf ist aussen vorne achteckig, vor dem
Zündloche sechseckig, an der Tülle rund; derselbe
verjüngt sich nach vorne und hat an der Mündung
eine ringartige Verstärkung; nach rückwärts endet
der Lauf in eine 13 cm lange und 5 cm breite Tülle.
Das Zündloch befindet sich oberhalb, ist rund und
ohne Deckel. Unterhalb am Laufe, 18 cm von der
Mündung entfernt, ist ein Haken, ohne Loch, an
geschweisst; derselbe ist 7 cm lang, und im oberen
Teile 6 cm breit. Der Schaft fehlt. Diese Haken
büchse wurde vor einigen Jahren in Arnoldstein
gefunden.
Eine ähnliche hierher gehührige Hakenbüchse
befindet sich im Germanischen Museum zu Nürn
35 *
266
Zeitschrift für historische Waffenkimde.
berg und wurde daselbst in zutreffender Weise mit
1480—1490 datiert1) (Fig. 68).
Diese Hakenbüchse ist aus Schmiedeeisen, von
genauer Arbeit, hat eine Lauflänge 89 cm und ein
Der Lauf ist aussen vorne achteckig,
über dem Zündloche sechseckig; derselbe
verjüngt sich nach vorne und hat an der
Mündung eine ringartige Verstärkung; nach
3- 4- 5- 6. 8. 9. 10.
lüg. 66. Hakenbüchsen mit Stangenschaft im Historischen Museum der kgl. Stadt Pilsen.
Gewicht von 13,1 kg. Die Länge der Seele beträg't
II. Band
13
rückwärts endet der Lauf in eine 15 cm tiefe und
70 cm, das Kaliber 24 mm, daher das Verhältnis
des Kalibers zur Seelenlänge 1 : 29.
b Vgl. «Quellen» 113 u. T. B. IVf.
5 cm breite Tülle. Das Zündloch befindet sich ober
halb am Laufe, ist rund und ohne Deckel. Unter
halb am Laufe, 12 cm von der Mündung entfernt,
ist ein Haken mit Loch angeschweisst; derselbe ist
7. Hefi.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
9 cm lang und im oberen Teile 6 cm breit. Der
267
Die zweite Unterabteilung der ersten Haupt
Schaft ist rückwärts in die Tülle eingesteckt und zeigt
die ovale Kolbenform; der Schaft
ist 75 cm lang und sehr wahr
scheinlich jüngeren Datums als
der Lauf.
Aehnliche Hakenbüchsen be
f
inden sich: zwei in den kunsthist.
Sammle, d. A. H. Kaiserhauses
o
zu Wien-, je eine im ungarischen
Nationalmuseum zu Budapest und
im historischen Museum zu Ka
schau, zweiundzwanzig im Stifts
museum zu Klosterneuburg, sieben
auf Schloss Kreuzenst.ein u. s. w.;
dieselben sind auch sonst wahr
scheinlich nicht selten und dürften in grösserer Anzahl
erhalten sein.
gruppe umfasst
2. die geschäfteten Hakenbüchsen.
Bei diesen liegt der Lauf in der Schaftrinne,
Lauf und Schaft sind mittels Querstifte oder mittels
Eisenbänder verbunden (Fig. 69).
Zu der tabellarischen Zusammenstellung (siehe
S. 268) wäre zu bemerken:
a) Bei den No. 1, 2, 4 und 5 ist der einge
schweisste viereckige Zapfen mit einem Loch ver
sehen, welcher offenbar zur besseren Verbindung
von Schaft und Lauf benutzt wurde,
b) das Zeichen 6 ist die Kaliber-Marke; in der
Nürnberger Kriegsordnung' aus der Mitte des 15. Jahr
hunderts heisst es im Abschnitte: «Von den Zeichen
der püchsen».
268
hockenpuchsen.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Geschäftete Hakenbüchsen.
I
2 1 3
aussen achteckig (Nr. 4 sechseckig); mit geraden Kanten,
Konstruktion
Material
Gewicht in kg
Länge in cm
Länge in cm
Kaliber in mm
Verhältnis des Kalibers zur Seelen
Länge 1 :
Zündloch
rückwärts durch einen eingeschweissten 3—4 cm vorstehenden
Zapfen geschlossen
des Laufes
der Seele
befindet sich
Form
Schmiedeeisen
7,85
85,3
82
22
37
an der rech
ten Seite
trichterför
6,6
60
57,5
20
28,7
länglich
if. Band.
4
9,65
62,6
58
21
28
8,81
82
80,5
24
33
oberhalb am Laufe
5
7i32
7i
69,2
22
31
kreisrund- und trichterförmig vertieft
mig vertieft
Entfernung vom
Rande in cm
Haken
Beschaffenheit
Visier - Einrichtung
Besondere Zeichen
2 5,7
Einschnitt
am Rande
vorne oben
f
fä
«Die sibendcn sind gczaichnet mit den c, sind
Die achten sind gezaichnet mit dem b, sind
vertieft
am Rande nahe der Mündung
angeschweisst und mit Loch versehen
Einschnitt
—
A
am Rande
vorne oben
—
—
12
wie Nr. 1 u. 3
A
Geschäftete Hakenbüchsen.
I
2
3
aussen rund-cylindrisch, an
hockenpüchsen.
Die neunten sind g'ezaichnet mit dem e, sind
simbel hantpuchsen und ain tail hockenpuchsen.»1)
c) Die Schäfte sind, ebenso wie oben, in späterer
Zeit hinzugekommen; dieselben haben meist auch
die Luntenkammer, bei No. 2, 4 und 5 auch Lade
stockrinnen.
d) Die Läufe No. 1 und 3 sind besonders gute
Arbeit; — alle Läufe haben gegen die Mündung
eine mässige Verjüngung, an der Mündung die ring
artige Verstärkung.
Drei andere hierher gehörige Hakenbüchsen
befinden sich im Museum des Königreichs Böhmen
zu Prag (Fig. 70).
1) «Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins
16. Jahrhundert.» 1863 Bd. I, 292.
Konstruktion
Material
Gewicht in kg
Länge in cm
Länge in cm
Kaliber in mm
Verhältnis des Kalibers zur
Seelen-Länge 1 :
der Mündung und rückwärts
verstärkt
des
Laufes
der
Seele
Hier ist noch beizufügen:
Schmiedeeisen
12
102
99
21
47
14
127
122,5
3°
40,8
9,85
127
>23
22
56
a) alle drei Hakenbüchsen haben vorne oben
am Laufe ein von der Seite eingeschobenes Korn,
bei No. 1 auf 5 cm, bei No. 2 auf 7 cm, bei No. 3
auf 4 cm von der Mündung entfernt; das Korn selbst
ist länglich und oben schmalkantig.
Fig;. 70, 1. Geschäftete Hakenbüchse im Museum des Königreichs Böhmen zu Prag.
Heft.
Zeitschrift fiir historische Waffenkunde.
Rückwärts oben am Lauf, bei No. 1 auf
8 cm, bei No. 2 auf 13 cm, bei No. 3 auf
I x cm vom hinteren Laufende entfernt, ist ein
Absehstöckel oben aufgesetzt, welches in der
Richtung des Laufes mit einem Visier-Ein
schnitt versehen ist.
Die Visierlinie ist daher 89 cm, bezw.
105 cm und 100 cm lang.
b) No. 2 ist rückwärts durch eine Eisen
schraube, No. 1 durch einen eingeschweissten
Eisenkern, No. 3 sehr wahrscheinlich durch
eine Eisenschraube geschlossen, es lässt sich
dies hier nicht deutlich konstatieren. Das
hintere Ende der Schraube, bezw. des Za
pfens steht 4 cm über das rückwärtige Lauf
ende vor.
c) Unterhalb am Laufe, auf 25 cm, bezw.
28 cm und 31 cm von der Mündung ist ein
länglicher Haken, mit Loch nahe am Laufe,
angeschweisst.
d) Unterhalb am Laufe ist ein Oehr
eingeschweisst; dieses sowie das Loch im
Haken dienten zur Verbindung von Schaft
und Lauf, indem Querstifte eingesteckt wurden.
e) Bei No. 1 ist der Originalschaft teil
weise erhalten, bei No. 2 und 3 fehlt derselbe.
f) Das Zündloch befindet sich rechts seit
wärts, bei No. 1 mit Zündpfanne und Deckel;
dieser fehlt, es ist jedoch der Stift vorhanden,
um welchen der Deckel drehbar war.
Bei No. 2 und No. 3 sieht man, dass
auch die Pfanne angeschweisst war.
g-) Als besonderes Zeichen hat No. 2
f
f} ff}
unterhalb an der Mündung drei kleine
in vier Teile geteilte Kreise; No. 2 hat unten
an der Mündung zwei Hufeisen stark ein
getrieben.
Nach Arbeit und Einrichtung gehören
diese Hakenbüchsen in das letzte Viertel des
15. Jahrhunderts; — ähnliche Hakenbüchsen
befinden sich: sieben im ungarischen National
museum zu Budapest, ein Stück in den kunst
hist. Sammlg. des A. H. Kaiserhauses zu Wien,
sechs im Stiftsmuseum zu Klosterneuburg,
zehn auf Schloss Kreuzenstein u s. w.; auch
diese geschäfteten Hakenbüchsen dürften in
grösserer Anzahl, wenn auch meist ohne oder
mit jüngerem Schaft, erhalten sein.
(Fortsetzung folgt.)
269
Fig. 7°i 3- Geschäftete Hakenbüchse im Museum des Königreichs Böhmen zu Prag-,
2JO
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
II. Band.
Noch einige Worte über Fringia, Genoa und Sichelmarke.
Von Dr. Wilhelm Erben.
ie durch eine Aeusserung des
Herrn Direktors von
Ehrenthal hervorgerufe
nen Ausführungen zur
Deutung der Klingenin
schrift Fringia, welche ich
in diesem Bande S. 151:
bis 155 veröffentlichte,
haben Herrn Dr. Petzsch
zu einigen Gegenbemer
kungen veranlasst (ebenda S. 217 bis 220), die ich im
Interesse der Sache nicht unbeantwortet lassen will,
weil sonst als Ergebnis der beiderseitigen Ausein
andersetzungen nur Unsicherheit und Verwirrung der
Ansichten Zurückbleiben würden. Ich schmeichle mir
dabei nicht, die Frage, was die in der Ueberschrift
genannten Klingenbezeichnungen in jedem Falle
bedeuten, definitiv zu erledigen, nur den gegen
wärtigen Stand unserer Kenntnisse will ich gewissen
haft zu umgrenzen versuchen und angeben, auf
welchem Wege zu weiterer Klärung der Sache zu
gelangen sein dürfte.
Den Kern und Zweck meines früheren Aufsatzes
bildete der Nachweis, dass die weitverbreitete und
zuletzt noch von Ehrenthal verteidigte Ansicht, das
Wort Fringia sei aus den Anfangsbuchstaben des
Titels Kaiser Ferdinand I. entstanden, gänzlich un
haltbar ist. Petzsch hat dieses negative Ergebnis
nicht erwähnt, aber auch kein Wort der Vertei
digung für die ältere Annahme vorgebracht, die er
also wohl selbst als beseitigt ansieht. Gegen meinen
positiven Vorschlag, Fringia von dem türkischen
frengi (abendländisch) herzuleiten, erhebt P. aller
dings einige Einwendungen; er meint, «dass die
Türken das stets in lateinischen Buchstaben wieder
gegebene Wort keinesfalls lesen» und «mit dem
Schriftbilde kaum eine Vorstellung verbinden konnten»;
die Klingenfabrikanten und -Verkäufer, denkt P.,
«hätten sich mit einiger Mühe sehr wohl die Schreib
weise des türkischen Wortes in türkischen Buch
staben aneignen können, wenn dies ihrem kauf
männischen Interesse förderlich gewesen wäre». P.
hat bei diesen Bedenken übersehen, dass ich nicht
die Türkei im heutigen Sinne des Wortes, sondern
christliche Länder, die vorübergehend unter türki
scher Herrschaft und türkischem Einfluss standen,
als die Hauptabsatzgebiete der Fringiaklingen an
gesehen und hingestellt habe. Unter den Nach
wirkungen der Schlacht von Mohäcs (1526) zerfiel
das Königreich Ungarn in drei grosse Teile. Dem
Abendland blieben die westlichen und nördlichen
Gegenden am engsten verbunden; obwohl in diesen
die Habsburger ihre Herrschaftsansprüche behaupte
ten, konnte doch auch hier nach dem Muster des
Feindes, gegen den man durch anderthalb Jahrhun
derte auf steter Wacht zu stehen hatte, gerade im
Kriegs- und Waffenwesen türkischer Brauch mass
gebend werden. Die Mitte und der Süden des Landes
standen unter unmittelbarer türkischer Herrschaft,
aber unter dem Pascha von Ofen und seinen Beamten,
welche ihre Wirksamkeit fast ausschliesslich auf das
militärische und finanzielle Gebiet beschränkten, be
stand die magyarische Nation in ihrer kirchlichen,
ihrer Gemeinde- und Komitatsverfassung fort1) und
so erhielt sich nicht nur die nationale sondern auch
die lateinische Sprache, die in Ungarn stets im öffent
lichen Leben eine so grosse Rolle gespielt hat. Der
Osten des Landes endlich, das Fürstentum Sieben
bürgen, lebte unter eigenen, christlichen Fürsten, die
in endloser Schaukelpolitik sich sowohl von dem
abendländischen als von dem morgenländischen Kaiser
thunlichst unabhängig zu halten bestrebt waren; natur
gemäss vollzog sich auch hier eine Mischung orienr
talischer und occidentaler Kultur ein Wirkungen. In
allen diesen drei Gebieten treffen also die Voraus
setzungen für die von mir vertretene Ansicht über
den Ursprung des Wortes Fringia zu. Das militärische
Uebergewicht der Türken verhalf dem türkischen
Waffenbrauch zur Aufnahme und kann auch der Be
zeichnung frengi für abendländische Klingen Eingang
verschafft haben; die in allen drei Landesteilen ver
breitete Kenntnis des Lateinischen musste dann not
wendig zu den Formen Frangia oder Fringia führen.
Jenes Wort in türkischen Buchstaben zu schreiben,
wie P. es erwartet, waren abendländische Waffen
schmiede nicht in der Lage. Wo immer auf abend
ländischen Waffen türkische Schriftzüge aufzutreten
scheinen, sind es entweder fehlerhafte, und selbst
für den geübtesten Leser schwer lesbare Kopien
einer unverstandenen orientalischen Vorlage oder
nur unbeholfene, völlig sinnlose Imitationen. Was
aber die philologische Frage anbelangt, ob und wie
aus frengi fringia entstand, so kann ich mich noch
mals auf das schon meinem ersten Aufsatz zu gründe
liegende fachmännische Urteil eines Gelehrten be
rufen, dem Herr Dr. Petzsch schwerlich ein eben
bürtiges entgegenzusetzen vermag.
Aus diesen Gründen halte ich trotz der von P.
vorgebrachten Bedenken an der Zulässigkeit meiner
Erklärungsart fest. Einen durchschlagenden Beweis
') Ueber diese interessanten Verhältnisse handelt Franz
Salamon, Ungarn im Zeitalter der Ttirkenherrschaft (ins
Deutsche übertragen von Juräny, Leipzig 1887), insbesondere
S. 253 bis 270.
Fig. i.
Fig. 2.
Fig. 4.
36
272
Zeitschrift für historische Waffenkunde,
für ihre Richtigkeit vermag ich freilich jetzt so
IX. Band.
mentstudien und durch das Vorhandensein geätzter
wenig zu führen als ehedem, und wer eine andere
vernünftige Deutung vorzuschlagen weiss, etwa den
Namen eines durch Klingenindustrie ausgezeichneten
Ortes, der an Fringia anklingt, der soll willkommen
sein. Hier möge nur — ehe ich auf Genoa und
Sichelmarke übergehe — abermals auf jene Klingen
hingewiesen werden, von deren richtiger lokaler
Bestimmung, wie ich glaube, die Lösung der Frage
am ehesten zu erwarten ist. Ich nenne hier an
erster Stelle den im Wiener Heeresmuseum be
f
indlichen, in meinem Kataloge S. 107, No. 91 kurz
beschriebenen Panzerstecher, welcher auf der am
Ansatz mit dem Bischofskopf markierten Klinge zu
beiden Seiten die aus den Abbildungen (Fig. 1 und 2)
ersichtlichen Aetzungcn, auf dem Rücken der Klinge
aber, gleichfalls geätzt (Fig. 3), die Worte F1NA
FRINGIA aufweist. Wenn liier die Form des Ad
jektivs auf Italien zu deuten scheint, so wird doch
nur durch Stilverglcichung mit Sicherheit zu ent
scheiden sein, ob der Actzcr wirklich ein Welscher
gewesen oder ob er etwa auch in Solingen zu suchen
ist, wie der vielleicht mit Peter Munich identische
Klingenschmied. Wichtiger noch als dieser Panzer
stecher und wahrscheinlich die ältesten zeitlich genau
bestimmbaren Beispiele des Auftretens unserer In
schrift sind die mit dem Bilde des Königs Stephan
Bäthory von Polen (1575 — x586) geschmückten
Klingen. Es sind deren bis jetzt drei bekannt, eine
Schwertklinge in der Lcibrüstkammer zu Stockholm
(beschrieben und abgcbildet bei Szcndrei, Ungari
sche kriegsgcschichtliche Denkmäler S. 814ff. No.
6504; vg'l. auch Ossbahr, Vägledning för besökende
i Lifrustkommaren. Stockholm 1S97, S. 5°) und zwei
Säbelklingen im Zeughaus zu Berlin (hiervon der
eine beschrieben und in einer Gesamtansicht wieder
gegeben bei Szendrei, S. 5 59 No. 3130; vgl. auch Hiltl,
Die Waffensammlung des Prinzen Karl von Preussen
S. S9 No. 548). Von den Aetzungen dieser beiden
Säbelklingen kann ich dank dem gefälligen Ent
gegenkommen des Direktors Dr. von Ubisch hier
Detailansichten (Fig. 4 bis 7) bieten, so dass das
Vergleichsmaterial mit möglichster Vollständigkeit
der allgemeinen Beurteilung-vorliegt.1) Trotz mancher
Verschiedenheiten in der Zeichnung stimmen doch
die Motive in den Aetzungen dieser Bäthoryklingen
so enge überein, dass auf Herstellung in derselben
Aetzerwerkstatt oder zum mindesten auf Benutzung
eines gemeinsamen Entwurfs geschlossen werden
muss. Da wird es nun darauf ankommen, nach der
Technik und Zeichnung den oder die Aetzer zu
lokalisieren, was ich (als Historiker) gerne jenen
Kunsthistorikern überlasse, welche durch ihre Orna
*) Der im 1. Bande dieser Zeitschrift S. 189 angezeigte
Spezialkatalog der «Bäthory-Gruppe in der historischen Samm
lung des Herrn L. v. Loziiiski» (als Manuskript gedruckt,
Lemberg 1898), welchen mir der Besitzer der Sammlung in
liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellt hat, erwähnt
keine Klinge von ähnlicher Beschaffenheit.
Waffen jener Zeit in ihren Sammlungen dazu be
rufen sind. Das eine aber werden die Abbildungen
(Fig. 4 u. 5) jedem zeigen, dass die auf einem der
Berliner Bäthorysäbel eingeschlagene Marke Genoa
gar nichts mit dem eingeätzten Frangia zu thun hat.
Die Aetzung trifft an einer Stelle mit der einge
schlagenen Marke Genoa zusammen und diese steht
auf den beiden Klingenseiten an verschiedener Stelle,
so dass sie auf der einen das längere vom Ansatz
ausgehende geätzte Ornament, auf der andern hin
gegen den weiter gegen die Spitze zu angebrachten
Vogel berührt. Wäre das Einschlagen der Marke
erst nach erfolgter Aetzung geschehen, so würde das
Ornament geschont und die Stellung des Genoa so
gewählt worden sein, dass es beiderseits in die Mitte
zwischen die zwei geätzten Partien zu stehen käme.
Da dies nicht der Fall ist, muss der Aetzer die
Klinge bereits mit der Marke Genoa versehen in
die Pland bekommen haben und das braucht keines
wegs an dem Ort der Erzeugung (nach Ehrenthal
also in Genua) sondern kann an jedem anderen Orte,
wohin eben die Klingenhändler ihre Ware brachten,
erfolgt sein. Das gemeinsame Auftreten von Genoa
und Frangia auf der einen Klinge, das bei der im
Zrinyschen Nachlassverzeichnis erwähnten framea
cum ferro Fringiae-Genuae wahrscheinlich in ähn
licher Weise entstanden sein dürfte, lässt sich also für
die Deutung- des Wortes Fringia gar nicht verwenden.
Was nun die beiden andern strittigen Klingen
bezeichnungen, Genoa und die Sichelmarke, anbe
langt, so gehen in Bezug auf die erstgenannte
unsere Ansichten keineswegs so weit auseinander,
als man nach P.’s Worten glauben könnte. Dass
Genua eine namhafte Klingenindustrie bcsass, habe
ich nicht geleugnet, sondern ausdrücklich zugegeben.
Wenn also P. meint, es sei «völlig unerfindlich,
warum die eingeschlagene Inschrift Genoa oder
Genova auf Klingen von italienischem Typus etwas
anderes bedeuten soll, als den Herkunftsort, nämlich
die Stadt Genua in Italien», und wenn er weiter
frägt: Was soll das Wort nur sonst besagen», so
erwidere ich, dass auch nach meiner Ansicht das
Wort nichts anderes bedeuten und besagen soll, als
eben jene Stadt. Die Frage kann nur sein, inwie
weit diese Herkunftsbezeichnung auch Glauben ver
dient, welches ungefähr die Verhältniszahl der echten
Genoaklingen zu den unter Beibehaltung jener In
schrift an anderen Orten erzeugten Imitationen ist,
und ob diese oder jene einzelne Klinge zu den
echten oder zu den anderwärts nachgeahmten zu
zählen sei. Das ist es, worin die Ansichten aus
einander gehen. Würden wir nun unzweifelhafte
Erkennungszeichen besitzen, um deutsches Fabrikat
von italienischem zu unterscheiden, wie man nach
P. annehmen müsste, so wäre die Hauptschwierig
keit leicht beseitigt. Ich kann gegenüber den
spärlichen Anhaltspunkten, welche in dieser Hin
sicht angeführt wurden (den fein ausgezogenen Blut
7. Heft.
Zeitschrift ftir historische Waffenkunde.
5
Fig. 6.
Fig. 7
274
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
rinnen und der eigentümlichen Austeilung an jener
II. Band.
gegen Vermutung, so dass nicht einmal die von
Stelle, wo der Rücken der Klinge in die zwei
schneidige Feder übergeht) mit dem Hinweis auf
die ausgezeichneten Worte antworten, mit welchen
v. Ehrenthal seine Untersuchung über die genuesi
schen Klingen eingeleitet hat. In voller Klarheit
ist es dort (S. 25 dieses Bandes) ausgesprochen,
dass «die besonderen Eigentümlichkeiten», welche
die Klingen eines Landes aufzuweisen haben, keine
unbedingt zuverlässige Handhabe zur Herkunfts
bestimmung darbieten «weil fast alle in einem be
stimmten Lande hergestellten Waffen, sobald sie
Renommee und Beliebtheit gewonnen hatten, an
anderen Orten sehr bald Nachahmung fanden und
zwar häufig in solcher Vollkommenheit, dass die
Imitationen von den Originalen kaum noch zu unter
scheiden wären, wenn nicht in der Regel die Meister
marke ihre Herkunft verriete». Fehlt es also an
einer auf sichere Fährte führenden Meistermarke,
dann kann aus dem Typus allein die Provenienz
nicht mit Bestimmtheit erschlossen werden — oder,
um auf den besonderen Fall zurückzukommen: Klingen
von italienischem Typus, die mit Genoa bezeichnet
sind, brauchen keineswegs in Genua oder in Italien
überhaupt entstanden zu sein. Wer sich entschloss,
die Marke, hier also den Namen der Stadt, an
anderen Orten, genau oder auch in etwas abgeänderter
F'orm des Wortes für seine Fabrikate anzuwenden,
der kann es auch verstanden haben, ihnen das Aus
sehen der Genuesischen Waffen zu geben.
Dieses grössere oder geringere Vertrauen gegen
über der eingeschlagenen Klingeninschrift ist es,
worin ich von den Herren v. Ehrenthal und Dr.
Petzsch ab weiche und ich glaube, dass die grösste
Vorsicht in dieser Plinsicht deshalb geboten ist, weil
nur das Zusammentreffen von Genoa und Sichcl
maike den Ausgangspunkt für die Deutung der
Sichelmarke als einer genuesischen Ortsmarke bildet.
Sind jene Genoa-Klingen, auf denen zugleich die
Sichel zu sehen ist, nicht echt genuesisches Er
zeugnis, sondern Nachahmung, dann entfällt jeder
Grund, die Sichel als genuesisches Zeichen anzu
sprechen. Denn nur auf Grund ihres Zusammen
treffens mit der Sichelmarkc hat v. Ehrenthal (oben
S. 26) mehrere Zeichen, die bisher als bellunesisch,
brescianisch und mailändisch galten, der Stadt Genua
zugeschrieben. Nach Petzsch, S. 219, soll Boeheim
die eine dieser Marken, die auf der «Wehr Kaiser
Karls.IV.» vorkommt, als «vermutlich brescianisch»
bezeichnet haben; in seinem Handbuch der Waffen
kunde, S. 676, hat sie Boeheim jedoch einem
«Belluneser Meister des 14. Jahrhunderts» zuge
schrieben und auf Belluno wird sie auch noch in
der 3. Auflage des Führers durch das historische
Museum zu Dresden, S. 8, No. 30, bezogen. Cronau
hingegen hat sie unbedenklich zu den Solinger
Klingenzeichen gerechnet1) — also Vermutung
Cronau, Geschichte der Solinger Klingenindusliie
(Stuttgart 1885), Tafel I, Fig. 26.
Petzsch gezogene Folgerung, «also italienisch», ge
sichert erscheint.
Die Beachtung der Marken wird ohne Zweifel
stets eines der wichtigsten Hilfsmittel für alle auf
die Flerkunftsbestimmung der Waffen gerichteten
Bestrebungen bleiben. Aber sie allein genügt nicht.
Mehr als irgend ein Produkt menschlichen Kunst
f
leisses trägt seit alters her die Waffe den Wander
trieb in sich. Nicht nur der Handel, auch der
Gebrauch selbst führt sie hinweg von ihrem Ent
stehungsort in fremde Länder, und je mehr sie sich
auf diesen Wegen siegreich die Welt erobert, um
so mehr verlieren die Anzeichen des lokalen Ur
sprungs ihre Beweiskraft. Nicht nur der Typus,
auch die Marke selbst wird an fremden Orten nach
geahmt. So sieht sich die historische Waffenkunde
vor Schwierigkeiten und Täuschungen gestellt, die
1 auf andern Zweigen der Altertumsforschung nur in
weit geringerem Maasse auftreten. Wahren Nutzen
vermag daher die Feststellung der Waffenschmiede
Marken nur dann zu bringen, wenn sich ihr schrift
liche Quellen, Zunftbücher, in denen die Meister
marken verzeichnet und mit Namen erklärt sind,
Urkunden, durch welche ihr Gebrauch geregelt wird
oder endlich Inventare und Rechnungen beigesellen,
welche über die Waffen einer bestimmten Sammlung
ausreichendes Licht verbreiten.
Der hohe Wert der Inventare des historischen
Museums zu Dresden, in welche ich selbst vor vier
Jahren durch die Güte des Direktors v. Ehrenthal
f
lüchtigen Einblick nehmen durfte, soll nun keines
wegs bestritten werden. Niemand weiss besser die
Kostbarkeit solcher Verzeichnisse zu würdigen als
derjenige, welcher bei der Durcharbeitung der eigenen
Sammlung Schritt für Schritt den Mangel älterer Be
glaubigung zu beklagen hat. Aber der Wert der
Dresdener Inventare liegt doch zumeist darin, dass
wir erfahren, wer diese oder jene Waffe getragen,
dpreh wessen Schenkung sie in kurfürstlichen Besitz
gekommen ist. In einigen Fällen reichen ihre An
gaben wohl bis an den Erzeuger selbst hinauf, aber
dies trifft gerade bei den hier in Betracht kommen
den Waffen nicht zu. So gewinnen wir für drei
der von P. (oben S. 218 f.) abgcbildeten und be
sprochenen Klingen sehr schätzbare zeitliche Gren
zen, aber nur in einem dieser drei Fälle lässt sich
die Spur bis nach Italien zurück verfolgen; wo das
von Popel v. Lobkowitz geschenkte Schwert und der
von Fabian v. Schönaich getragene Säbel erzeugt
sind, darüber besagen die Inventare nichts, über
das wichtigste Stück, jenen Säbel, der auf der Klinge
Genova und die Sichelmarke nebeneinander aufweist,
bieten sie offenbar gar keinen Aufschluss und auch
die Nachricht, dass die eine Waffe durch Carlo Teti
aus Italien mitgebracht sei, würde an sich noch
keineswegs beweisen, dass sie dort erzeugt sei.
Diesen Dresdener Inventuren stehen die Verzeich
nisse und Rechnungen des Landeszeughauses in Graz
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
im vorliegenden Fall als eine ungleich wichtigere
275
Handelt es sich also bei diesen 291 welschen Klingen
Quelle gegenüber. P. hat nicht beachtet, dass
die ältesten bekannten Grazer Inventare, jenes von
1568 und ein zweites, das um 1570 angelegt ist,
gar keine blanken Waffen aufweisen, dass also die
Anschaffung von Säbeln, Schwertern und Klingen
aus Landesmitteln überhaupt erst in den Siebziger
Jahren des 16. Jahrhunderts begonnen zu haben
scheint — eine Erscheinung, welche in dem Fehlen
der blanken Waffen in anderen älteren Zeughaus
inventaren ihr beglaubigendes Seitenstück findet.1)
Hat nun die zu Anfang des Jahres 1578 erfolgte
Uebertragung der Grenzverteidigung an Erzherzog
Karl, den Regenten der innerösterreichischen Län
der, eine neue Epoche des Wehrwesens in der Steier
mark und ihren Nebenländern eingeleitet, so ge
winnt die Annahme an Kraft, dass wir in den seit
1577 bekannten Zuwachsverzeichnissen des Landes
zeughauses dessen vollständigen Bestand an blanken
Waffen zu erblicken haben, und ist dem so, dann
müssen die thatsächlich vorhandenen 367 Klingen
mit Sichelmarke, wie ich schon gesagt, in Steier
mark, Neustadt oder Passau erzeugt sein. P. meint
nun freilich einen Ausweg gefunden zu haben,
auf dem er die Beweiskraft dieser Schlussfolgerungen
— welche für die Hypothese von der genuesischen
Bedeutung der Sichel so gefährlich sind — abzu
schwächen vermöchte. Er bemerkt gleich in den
ersten Jahren unter den Eingängen im Landeszeug
hause: '<291 wolhisch (welsche) Klingen, 327 Sabl
auf Ungrisch, 265 wallisch Rappier und anderes? und
nimmt an, dass diese Waffen steirische (oder öster
reichische) Imitationen der fremden Typen gewesen
seien. Bei den «Säbeln auf Ungrisch? trifft das
gewiss zu, bei den 29X welschen Klingen aber
nicht, denn es lässt sich bei der Identität der Zahl
nicht bezweifeln, dass sie mit den 291 welschen
Rapierklingen identisch sind, welche nach einer
andern ausführlicheren Notiz von Lokatel in Gemona
(Khlamaun), also von Friaul her eingeliefert wurden.2)
*) Die Zeugbücher Kaiser Maximilians I. enthalten be
kanntlich Geschütze und sonstige Feuerwaffen, dann Munition
und Stangenwaffen, aber keinerlei Seitenwaffen. Auch die
Rechnungen des kaiserl. Hauptzeugamtes von 1658 —1664 (im
Besitz des Heeres-Museums) berücksichtigen die Seitenwaffen
nicht. Ganz dasselbe Verhältnis lassen die von Uhlirü in
den Berichten und Mitteilungen des Altertums-Vereines zu
Wien, Bd. 27—31, veröffentlichten Auszüge aus den Kämmerei
Rechnungen der Stadt Wien erkennen, welche von 1426 bis
1648 reichen und vom Herausgeber mit Notizen aus den Stadt
büchern von 1396 bis 1430 ergänzt sind. Das Schwert gehört
hier zu dem ständigen Besitz des einzelnen Bürgers, aber
die Stadt findet zunächst kein Bedürfnis, einen Bestand an
blanken Waffen in ihrem Zeughaus anzusammeln. Erst in
den Sechziger und Siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts er
scheinen Schlachtschwerter in städtischem Besitz; es waren
wohl zumeist solche Stücke, die gelegentlich, etwa von durch
ziehenden Landsknechten, zusammen mit anderen Waffen er
worben wurden.
2) Die 291 wolhisch Klingen sollen allerdings 1579, die
291 welschen Rapierklingen aus Gemona schon 1578 ein
geliefert sein. Aber wer die betreffenden Stellen bei Pichler
um Rapierklingen, so ist ganz ausgeschlossen, dass
dies die noch heute im Zeughaus vorhandenen
Säbelklingen mit Genova und Sichelmarke wären,
wie P. angenommen hat. Diese Säbelklingen müssen
daher unter den in Steiermark, Neustadt oder
Passau angeschafften gesucht werden und sie sind
in den Rechnungen durchaus nicht als Imitationen
italienischer Waffen gekennzeichnet. Dadurch und
durch die von P. selbst nun neuerlich herangezogene
Neustädter Sichelmarken-Klinge von 1587 gewinnen
wir für die Deutung der Sichelmarke so festen
Boden, dass dem gegenüber alle bisher zu Gunsten
der genuesischen Herkunft dieses Zeichens ange
führten Argumente gar nicht ins Gewicht fallen.
Ich gehe nun nicht so weit, wie man nach P. ver
muten könnte, dass ich deshalb alle mit der Sichel
marke bezeichneten Klingen für steirisch oder neu
städtisch halten würde, aber ich glaube im Recht
zu sein, wenn ich aus dieser Sachlage die metho
dische Folgerung ziehe, dass bei allen Klingen dieser
Art in erster Linie an steirische (oder neustädter)
Herkunft gedacht werden muss. Es mag Aus
nahmen geben, die Forschung aber muss von dem
sicheren Boden ausgehen und darf ihn nur dann
verlassen, wenn zwingende Gründe dazu nötigen.
Sicher aber ist nach dem Gesagten, dass die
Sichelmarke in Steiermark oder Oesterreich ver
breitet war; ob sie darüber hinaus auch vorkommt,
das wird erst von Fall zu Fall erwiesen werden
müssen.
Diese Schlüsse werden durch die Besichtigung
der im Grazer Zeughaus verwahrten Klingen kaum
wesentlich erschüttert werden können. Trotzdem
stehe auch ich nicht an, eine solche eingehendere
Untersuchung des dort erhaltenen einschlägigen
Materials und überhaupt eine Weiterführung der
Forschungen, zu denen Professor Pichler und Graf
Meran in so vortrefflicher Weise den Grund gelegt
haben, als höchst wünschenswert, ja als eine der
wichtigsten Vorbedingungen für ein erfolgreiches
Studium der Kriegswaffen des 16. und 17. Jahr
hunderts zu erklären. Es wird nicht viele Orte
geben, an denen das unveränderte Fortbestehen
einer Waffensammlung und die Erhaltung und wissen
schaftliche Zugänglichkeit der auf die Sammlung
bezüglichen Archivalien dem Forscher so günstige
Resultate verheissen, wie es in Graz der Fall ist.
Jene beiden Männer haben die Bahn gebrochen,
S. io6f. aufmerksam liest, kann nicht verkennen, dass die
erstangefiihrte nur eine Zusammenfassung der Erwerbungen
von 1577—1579 bietet, welche sich (wenn sie genau wären)
mit der Summe der weiter unten folgenden Detailposten aus
jenen Jahren decken müsste. Solange also nicht auf Grund
der Handschriften das Gegenteil erwiesen wird, müssen die
291 wolhisch Klingen als identisch mit den 291 Rapierklingen
aus Gemona angesehen und muss die Verschiedenheit der
Jahreszahl durch einen Fehler oder eine verschiedene Art
der Rechnungsführung erklärt werden.
276
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
aber weder was die Beschreibung- der Waffen be
II. Band.
eifrig und erfolgreich bemühten steirischen Forschern
trifft, noch in Bezug auf die zugehörigen schrift
lichen Zeugnisse haben sie den Gegenstand erschöpft.
Es wäre die schönste Frucht dieser Erörterungen,
wenn sie den um ihre heimatliche Geschichte so
Nachtrag zu: Die Fürstlich Radziwillsche Rüst
kammer zu Nieswiez. Herr Ladislaus Ritter von Lo
zinski in Lemberg hat die Freundlichkeit, uns mitzuteilen,
dass im dortigen Rathausmuseum zwei Kanonenrohre
bewahrt werden, wovon das eine neben der Jahreszahl
1534 die Inschrift trägt: «Lenart Hirt hat mich
gossen >, während das andere Rohr mit der Jahres
zahl 1529 und dem Monogramm L H gezeichnet ist.
Ausserdem wird um diese Zeit in den Ratsakten ein
Stückgiesser Lenart Herle, im Jahre 1549 in den Kon
sulatsakten ein Leonardus pixidarius,1) d. i. Büchsen
meister, im modernen Sinne etwa Artilleriechef, auf
gefuhrt. Herr von Lozinski spricht nun die Meinung
aus, dass der in Lemberg genannte Meister und der auf
den beiden Geschützrohren in Nieswiez vorkommende
Lenhard bezw. Lenhardt eine und dieselbe Person und
dass die Worte «here» bezw. «hiere» (vgl. Heft 6,
S. 221) als Verstümmelung des Familiennamens Hirt an
zusehen seien. Wir stimmen dem verehrten Fachgenossen
in Bezug auf den ersten Teil seiner Annahme unbedingt
bei, was indes deren zweiten Teil anbetrifft, so wiesen
wir darauf hin, dass die naive Bezeichnung «hier» au
Stelle des Ortsnamens uns schon einigemal auf Gegen
ständen aus jener Zeit vorgekommen ist, wie es denn
auch keineswegs zu den Seltenheiten gehörte, dass Hand
werker und Künstler ihre Werke nur mit dem Vornamen,
der ihnen und ihren Mitbürgern geläufiger war als der
Familienname, zeichnete. Indes hat ja auch die Meinung
des Herrn von Lozinski, dass die Worte here, bezw.
hiere, «Hirt» bedeuten sollten, wegen der Verwandt
schaft der Laute manches für sich. — Der Name Hirt
ist übrigens in der Geschichte der Waffenerzeugung des
16. Jahrhunderts bereits vertreten. Ein Arnold Hirt,
der 1504 aus Nürnberg kam, war bis 1515 Stadtplattner
in Leipzig. Auch eine Nürnberger Stückgiesserfamilie
Hirder gab es, von welcher ein Sebaldus Hirder
(t 1563) für den Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz
arbeitete und es zu grossem Ansehen in seiner Kunst
*) Von pix, Büchse; pixidarius bedeutet nacli Du Ca 11 ge:
qui inacliinac bellicae, pixis nppcllatac, praeest.
den Anlass geben würden, uns auf Grund der
Schätze des Landeszeughauses und des Landes
archivs in Graz eine umfassende Geschichte der
steirischen Klingenindustrie zu schenken.
brachte. Es erscheint daher nicht unmöglich, dass unser
Lemberger Meister einer von diesen Familien entstammte,“)
denn Nürnberger Waffenschmiede genossen damals einen
Weltruf und fanden, wie zahlreiche Beispiele es darlegen,
an anderen Orten unschwer lohnende Beschäftigung.
M. v. E.
Ein Nachwort zur Versteigerung der Waffen
sammlung des Grafen Alfred Szirmay in Wien. Im
Herzen Mitteleuropas gelegen, waren die Lande der
österreichisch-ungarischen Monarchie seit Jahrhunderten
so recht der Tummelplatz, auf welchem die Völker des
Morgen- und Abendlandes den Kampf ums politische
Dasein miteinander ausfochten. In die engen Thäler
Noricums, in die Ebenen Pannoniens hatte der römische
Legionär die Gesittung der antiken Welt verpflanzt, welche
zarten Keime nur zu bald die bogenkundigen Reiter
schwärme der Gottesgeissel zerstampfen sollten. Hier ver
suchte unter Strömen Blutes der Krieger des fränkischen
Heerbannes dem Christengotte eine neue Heimstätte zu
bereiten; durch das Donauthal wälzten sich später jene
Scharen hin, welche im gelobten Lande die himmlische
Seeligkeit sich zu erstreiten hofften und auf ihrem langen
Wege nur Not und Enttäuschung fanden. Auf der Ost
mark Boden erlag mongolische List bajuvarischer Schwer
fälligkeit. Und wieder verging Jahr und Tag, als sich
dort unten, wo die Donau die ungarische Tiefebene ver
lässt, finsteres Gewölk zusammenballte, drohend und un
heilschwanger: Der Osraane hatte den Weg über den
Balkan herüber gefunden und fast zweihundert Jahre lang
sollte Ofen den Vorort von Stambul bilden. Aber aus
Qualm und Feuerglast, aus dem Schutte geborstener
Mauern sehen wir die Geister jener Helden von Erlau,
Raab und Szigetv.ir emporsteigen, welche freudig für
Pflicht und Wafifenehre starben, und meteorgleich streben
vor unseren Augen die trotzigen Magnaten empor, 11m
deren Personen schon bei Lebzeiten Frau Sage ihre
bunten Fäden spann, von deren selbstbewusstem Stolze
noch heute des Zigeuners Fiedel zum Volke spricht. Von
den Alpen bis nach Zenta und Belgrad trug siegreich
der «Edle Ritter» die kaiserlichen Fahnen, und wie gut
die Fäuste ergrimmter Bergbauern zu zausen verstehen,
das spürte mehr als einmal der gallische Hahn.
Es ist begreiflich, dass sich auf einem an kriegeri
schen Erinnerungen so überaus reichen Gebiete auch
Bei den vielfachen handeis- lind kunstgeschichtlichen
Beziehungen Nürnbergs zu jenen östlichen Städten — nament
lich Krakau ist hier zu nennen — gewinnt diese Annahme
sehr an Wahrscheinlichkeit. Die Schriftleitung.
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
ein ansehnlicher Besitz an Waffen aus alter Zeit her er
2 77
z. B. Dschungeldolch, für ein dem nordwestlichen Afrika
halten haben müsse. Wir finden auch in der That noch
in zahlreichen Edelsitzen mehr oder weniger gut erhaltene,
aber fast der Vergessenheit anheimgefallene Reste ehe
maliger Rüstkammern vor. Ganz besonders in Ungarn,
diesem Kriegstheater par excellence, stossen wir auf einen
reichen Besitz meist aus der Türkenzeit herrührender
Waffen, welcher über die vielen Schlösser des Landes
zerstreut ist.
Auch die in dem Kastelle zu Szirma-Bessenyö auf
bewahrte Waffensammlung des gräflichen Hauses Szirmay
dankt ihr Entstehen keineswegs lediglich der Liebhaberei
an Antiquitäten; sie gebar das eiserne Muss, die Not
wendigkeit, das Haus in unruhigen, kriegerischen Zeit
läuften in eine feste, wohlbewehrte Burg zu verwandeln.
Den Grundstock dieser reichhaltigen, mehr als 6oo Num
mern zählenden Sammlung machte eine Anzahl histori
scher, meist nationaler Waffen aus, welche wohl eng mit
der Familiengeschichte Derer v. Szirmay verwachsen sind.
Der letzte Eigentümer dieser ererbten Waffen war jedoch
auch ein eifriger Sammler, dessen Streben dahin ging,
die auf seinem Stammschlosse aufgespeicherten Kriegs
geräte aus alter Zeit durch Ankäufe zu vermehren, den
Wohnräumen durch des Anbringen von dekorativem
Waffenschmuck den Charakter einer vornehmen Lebens
führung aufzudrücken.
Diesem Streben entsprach auch die Physiognomie
der Sammlung. Neben Seltenheiten ersten Ranges fand
sich auch manche allerdings gut ausgeführte Nachbildung
einer tüchtigenPlattnerarbeit vor; kulturgeschichtlich hohes
Interesse boten die Harnische magyarisch-polnischen
Charakters. Gute und mannigfaltige Formen wies die
Gruppe der blanken Waffen auf, deren Marken auf an
gesehene Werkstätten in Deutschland, Italien und Spanien
hindeuteten Die Bedeutung origineller Curiosa besassen
die Kindersäbel. Das Sprichwort «Wie die Alten sungen,
so zwitschern die Jungen» bewahrheitet sich auch auf
dem ernsten Felde der Waffenhistorik; .und so wie man
einst für halbwüchsige Prinzen Harnische schlug, ebenso
stolzierten die Sprösslinge prunksüchtiger Magnaten des
Theresianischen und Josefinischen Zeitalters bei festlichen
Gelegenheiten mit Krummsäbeln an der Seite im Eltern
hause einher. Die reiche Kollektion von Schlagwaffen
der verschiedensten Gattung machte Sammlern die Aus
wahl schwierig; das gleiche galt von den Feuerwaffen,
von denen viele, sei es vermöge ihrer künstlerischen Aus
stattung, sei es wegen ihrer Bauart, die Aufmerksamkeit
des Kenners in hohem Grade in Anspruch nahmen.
Wie es bei einer auf dem Boden Ungarns entstan
denen Waffensammlung wohl nicht anders möglich ist,
waren die orientalischen Waffen in derselben sehr zahl
reich vertreten. Wenn auch freilich in dieser Gruppe
sich so manches als moderne Bazarware charakterisierte,
so muss vieles andere als recht gute Arbeiten bezeichnet
werden. Insbesondere seien hervorgehoben das alttürkische
Maschenpanzerhemd, der mit wunderbar zart stilisierter
Ornamentik geschmackvoll verzierte tscherkessische Helm
und Rundschild, die Bogen, die prächtig tauschierten
Klingen an persischen Dolchen (PaM) wie an Handjars.
Was den Katalog anbelangt, so hatte sich bei dessen
Herstellung die rührige Kunsthandlung E. Hirschler &
Comp., welche die Versteigerung besorgte, ersichtlich alle
Mühe gegeben. Der Text des Kataloges verriet es zwar
an einigen Stellen, dass der alte Fabulist Demmin dabei
Pate gewesen sei; auch muteten einige Namengebungen,
angehörendes Dolchmesser recht romantisch an: Doch
das sind Kleinigkeiten, Welche gegenüber den Vorzügen
des Kataloges ernstlich wohl kaum in Betracht kommen.
Als solche Vorzüge möchte der Unterzeichnete neben der
splendiden Ausstattung des Kataloges auch die Gewissen
haftigkeit anerkennend hervorheben, welcher sich die
Kunsthandlung bei der Altersbestimmung der einzelnen
Objekte befleissigte. Musste leider auch von der Wieder
gabe der für den fachlich geschulten Waffenhistoriker so
überaus wichtigen Meistermarken aus technischen Grün
den — ein Ungefähr hatte die Abdrücke unbrauchbar
gemacht — abgesehen werden, so brachten die sechs
Lichtdrucktafeln und zahlreiche in den Text eingeschaltete
Abbildungen die vorzüglichsten Objekte in mustergültiger,
auch das kleinste Detail berücksichtigender Weise zur
Anschauung. Einem jeden, der überhaupt zu lesen ver
steht, wird jedoch noch ein zweiter Vorzug dieses Ka
taloges angenehm aufgefallen sein: Ich meine dessen
ehrliche Offenheit. Es ist dieses umsomehr anzuerkennen,
als ja gerade bei einer so reichhaltigen, so vieles Echte
bergenden, von einem altadeligen Namen gedeckten Samm
lung die Versuchung so lockend nahe lag, alles für alt
und echt auszugeben. Dadurch, dass die Firma Hirschler
es jedoch verschmähte, derlei Praktiken anzuwenden, gab
sie anderen Kunsthändlern ein recht beherzigenswertes
Beispiel nobler Denkungsweise.
Im Interesse der Waffensammler wollen wir endlich
noch einen Blick auf die erzielten Preise werfen. Für
Harnische wurden bezahlt: 580 (i)1), 820 (2), je 350 (3
und 4), 650 (5), 920 (15) Gulden; die magyarisch-sarma
tischen halben Harnische brachten 140, 205, 95, 295 Gul
den, ein türkisches Kettenhemd (30) 86 Gulden ein. Der
angestaunte Topfhelm (34), eine Waffenzier oder ein
Totenhelm, wurde um 4000, ein ausserordentlich schöner
tscherkessischer Helm (59) um 170, ein ebensolcher Rund
schild (69) um 41 Gulden losgeschlagen. Die Angebote
für Bihänder (117 bis 119) bewegten sich zwischen 202 und
55, diejenigen für ungarische Prunksäbel (169, 174) zwi
schen 71 und 66 Gulden, wogegen die Kindersäbel (177 bis
178, 179, 180) mit 23, 12 und 15 bewertet wurden. Das durch
seine saubere Arbeit ausgezeichnete Bajonett (202) brachte
56, die orientalischen Blankwaffen u. z. (206, 207, 211, 212)
42, 17, 61, 32 Gulden ein. Der Zufall wollte es, dass
eine ganz einfache persische Dolchklinge (215) einem
Käufer 18, dagegen ein mit wunderbarer Goldtausia be
decktes Messerchen (219) nur 11 Gulden wert erschien,
während der Panzerstecher (225) mit 81, ein mit einer
Klinge von Tomaso Aiala ausgestattetes Rappier (227) mit
74 Gulden bezahlt wurde. Die Armbrüste (376, 377 und
378) gingen um 80, 15, 23, Radschlossgewehre (396, 402,
403, 404) um 260, 252, 160 und no, ein Trombon (408)
um 100 Gulden weg. Das Pferdegeschirr (528 bis 530)
trug 610, 100 und 172 Gulden. Dr. Potier.
Waffenpreise. Zur Orientierung der Leser unserer
Zeitschrift seien hier einige Preise angeführt, welche ge
legentlich einer in Wien stattgefundenen Feilbietung für
alte Waffen erzielt wurden. Ein halber Harnisch wurde
mit 200 Kronen, ein Harnischrücken mit 72 Kr., ein reich
geätzter und vergoldeter Morion mit 520 Kr., ein anderer
') Die eingeklammerten Zahlen entsprechen den Num
mern im Auktionskatalogc.
278
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
einfacherer mit 90 Kr., drei österreichische Sturmhauben
II. Band.
Für einen Dolch, dessen Klinge feine Giftzüge durch
mit 72 Kr. bezahlt. Gotische Schwerter wurden für 52 und
102 Kr., italienische für 98 und 196 Kr., ein Richtschwert
für 64 Kr. losgeschlagen; die Preise für Degen bewegten
sich zwischen ro und 242 Kr., während eine Karabela
60 Kr., ein goldtauschierter türkischer Säbel 80 Kr., ein
Hirschfänger mit Schiessvorrichtung 92 Kr. einbrachte.
Antwort auf Frage 2: Die vorliegende Feuerwaffe
lässt ein Konstruktions-Prinzip erkennen, welches bereits in
Konrad Kyesers Bellifortis in verschiedener Form in An
wendung gebracht erscheint. Dasselbe zeigt das prak
tische Bestreben, durch Nebeneinanderlegen geladener Läufe
(Büchsen) im Falle der Notwendigkeit ein schnelleres Feuer
abgeben zu können.
Von den in Kyesers «Bellifortis» dargestellten Konstruk
tionen seien erwähnt:
No. 1 fol. 109 a, hat sechs kurze, gleiche, offenbar nur
für Bleikugeln eingerichtete Läufe, welche mittels eines Eisen
bandes an der Aussenseite eines Holzcylinders befestigt sind.
No. 2 fol. 108b, zeigt drei verschieden grosse Läufe,
welche ohne Holz-, sondern nur mit Metaliverbindung mit
einander vereinigt sind; das mittlere grosse Rohr war für
Steinkugeln bestimmt.
Die beigefügten Erklärungen lauten:
No. 1. «Contus iile magnus pyxidum sex stat revolvendus,
Emissa prima redit altera demum secuta
Decipiuntur hostes, post primam non timent ttllam.»
No. 2. «Similiter prima det vocem, statim sinistra
Demum lapis magnus inimicis repente nocebit.»
Vergleicht man dieses Konstruktions-Prinzip mit der vor
liegenden Waffe, so zeigt dieselbe die Vereinigung mehrerer
kleiner und gleicher Läufe wie bei No. 1, und weiter die
Metallverbindung wie bei No. 2.
Nachdem dieses Konstruktions-Prinzip im 15. Jahrhundert,
wie die Darstellungen aus den Feuerwerksbüchern lehren,
allgemein bekannt war, so liegt es nahe, dass derartige
Feuerwaffen in verschiedener Grösse versuchsweise ange
fertigt wurden; der praktische Erfolg entschied, ob die neue
Waffe nur ein vereinzelter Versuch bleiben sollte, oder ob
aus derselben in weiterer Folge eine brauchbare Kriegswaffe
sich entwickeln konnte.
Die langsame Ladeweise der Handfeuerwaffen im 15. und
16. Jahrhundert liess ferner das Bedürfnis nach kleinen
Feuerwaffen entstehen, welche noch kurz vor dem Hand
gemenge abgeschossen werden sollten, deren wirksame
Schussweite daher nicht viel weiter als Spiesslänge zu sein
brauchte, und welche infolgedessen in Ausmass und Gewicht
kleiner als die Handbüchsen sein konnten.
Eine Abbildung im Cod. germ. 734 der kgl. Hof- und
Staats-Bibliothek in München (1460—1470) zeigt die Ver
zogen, wurden 80 Kr., für persische Dolchmesser (Bit
sc'nak) mit Damascenerklingen 58 Kr., für einen schönen
Kinschal 40 Kr. gegeben. Helmbarten brachten, bis
auf eine Trabantenhelmbarte (244 Kr.), 22 bis 42 Kr. ein.
Dr. Potier.
wendung derartiger kleiner Handfeuerwaffen; das Gewicht ist
nur so gross, dass der Reiter dieselbe mit ausgestrecktem
Arm abfeuern konnte; die Schussentfernung beträgt augen
scheinlich nur einige Schritte.
Massgebend für die Grösse und Schwere dieser Feuer
waffen wird somit die Kraft der Hand, der Faust, aus welchem
Grunde dieselben in späterer Zeit, zur Unterscheidung von
den Handbüchsen und nach der Art der Handhabung «Faust
büchsen» oder «Fäusterling» genannt werden. Das Inventar
von Landshut vom Jahre 1497 erwähnt schon einfache und
zweifache Faustblichsen.
Die vorliegende Waffe hat ein Gewicht von 2,85 kg, ist
eine mehrläufige Handbüchse, welche dem Gewichte nach als
Faustbüchse bezeichnet werden kann, da deren Handhabung
auch aus freier Faust, mit einer Hand, möglich war.
Die Länge des Laufes beträgt 85 mm, das Kaliber
15 mm, die dazu gehörige Bleikugel hatte somit ein Gewicht
von 0,018 kg. Kaliber und Geschossgewicht entsprechen den
bei den kleinsten Handbüchsen üblichen Aussmassen.
Der Lauf ist für diese Zeit, in welcher die Faustbüchsen
aufkommen und sich entwickeln, auffallend kurz; allein in
folge der kleinen Schussentfernung benötigte man keine
Führung des Geschosses und eine
Verlängerung des Laufes ohne
zwingende Notwendigkeit hätte
nur das Gewicht der Waffe ver
grössert und die eigentliche Kriegs
bestimmung der Waffe wieder
verschoben. Das Verhältnis vom
Kaliber zur Länge der Seele ist
ähnlich dem bei den ersten Feuer
waffen ; wurde nun die Seele, wie
bei diesen, 3/s der ganzen Länge
mitPulver gefüllt, so erhielt man einen Pulvercylinder von 50mm
Höhe und 15 mm Durchmesser, auf welchen die Bleikugel
fest aufgesetzt wurde. Diese Pulverladung vermochte zweifei
7. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
los das Geschoss auf die angegebene kurze Entfernung mit
279
weissgekalkten Lederbandolieren getragene, cylindrische
der notwendigen Kraft abzuschiessen, um einen Menschen
oder ein Pferd empfindlich zu verletzen.
Die-Entzündung musste, da eine Entzündungsvorrichtung
fehlt, aus freier Hand mittels Lunte oder mittels eines bren
nenden Holzspans bewirkt werden.
Die vier Läufe werden durch drei Ringe zusammen
gehalten, welche ursprünglich sehr wahrscheinlich im glühen
den Zustande aufgesetzt wurden; ein Verfahren, welches in
ähnlicher Weise auch bei grösseren Hand- und Hakenbüchsen
üblich war.
Die Läufe endigen nach rückwärts gemeinsam in eine
Tülle, welche im 15. Jahrhundert sehr häufig vorkommt; in
diese Tülle wurde der «tangenartige Schaft eingesteckt, das
umgebogene Ende der Tülle lässt annehmen, dass der Schaft
stärker und vorne zugespitzt war.
Die Handhabung kann man sich derart vorstellen, dass
die Waffe mit einer Hand in gerader Richtung auf das Ziel
gehalten und mit der anderen Hand entzündet wurde; sollte
der zweite Schuss abgefeuert werden, so musste die Waffe
so weit um die Längsachse gedreht werden, bis der nächste
Lauf nach oben zu liegen kam. Man konnte daher mit dieser
Feuerwaffe vier Schüsse nacheinander abgeben.
Die vorliegende Waffe zeigt in der ganzen Konstruktion
nur bekannte und thatsächlich verwertete Prinzipien; dieselbe
ist eine mehrläufige Faustbüchse, welche sich später zum
Drehling und schliesslich zum Revolver entwickelte, als ur
sprünglicher Versuch bleibt die Waffe in ihrer Einfachheit
hochinteressant.
Die Zeit der Anfertigung dürfte mit der ersten Hälfte
des 16. Jahrhunderts annähernd richtig angegeben sein.
Es muss schliesslich bemerkt werden, dass Oberst
M. Thierbach in seinem Werke «Die geschichtliche Ent
wickelung der Handfeuerwaffen», Dresden 1888, p. 438 und
439 wie folgt schreibt:
«Zuweilen kam es auch, besonders bei Pistolen, vor, dass
drei, vier und mehr Läufe bündelartig zusammengefasst
waren, so dass dem Schützen mehrere Schüsse hinter
einander, je nach der Anzahl der Läufe, zu Gebote
standen ....
«Im Nationalmuseum zu München ist ein derartiges
Pistol erhalten.» S.
Frage 5: Unter den im «corps de logis» des 1. Stock
werks im herzoglichen Residenzschlosse zu Gotha aufgestellten
und als Wandschmuck aufgehangenen alten Waffen, Feld
zeichen und Ausrüstungsstücken finden sich zwei von breiten,
Messingblechbüchsen, deren ursprüngliche Bestimmung zwei
felhaft ist. Das «Inventar» des Schlossverwalters bezeichnete
sie — jedenfalls irrtümlich — als Proviantbtichsen. Eine
Anzahl (angeblich 20—30) gleichartiger, weniger gut er
haltener Stücke ist bei Räumung des sogenannten Zeughauses
im Gothaer Schlosse der Waffensammlung auf der Wachsen
burg überwiesen worden. — Untenstehende Skizze veran
schaulicht ein solches, innen durch Metallwand in zwei un
gleiche Abteilungen geschiedenes Gefäss mit Tragriemen in
Vorder- und Seitenansicht und den zweiteiligen, in gemein
samem Scharnier beweglichen Messingdeckel von oben ge
sehen. Die Büchse misst vom Deckel zum Boden 37,5 cm,
im Durchmesser 7,5 cm; das Bandolier ist bis etwa 1,30 m
Traglänge (vom Aufhängpunkte bis zum Biichsenboden ge
messen) zu verschnallen. Zum Ausschütten des Inhalts im
vorderen, kleineren Hohlraume dient eine durch entsprechende
Umkröpfung am Deckel geschützte Kannenschnauze. Die
Cylinder-Aussenfläche zeigt vier zur Tragriemenbefestigung
bestimmte Metallösen und das in dieser Ausführung wohl
spätestens 1750 gestanzte herzoglich sächsische Wappen. An
dem mittels breiter Gurtschnalle nach der Grösse des Trägers
zu bemessenden Bandolier sind aussen zwei Schlaufen und
zugehörige Schlaufenschuhe festgestochen. Den' Gebrauch
der von Schlaufen und Schuhen gehaltenen, augenscheinlich
stabartig gewesenen (fehlenden) Zubehörstücke gestattet ein
zu ihrer Befestigung bestimmter, im Bandolier innen ange
stochener, schmaler Riemen. Die Anstichstelle war aussen
durch eine (verlorene) Metallplatte verdeckt.
Ich halte die Büchsen für Geschtitzzubehörstiicke
und finde die Bestätigung dieser Annahme in Material
bestandlisten des ehemaligen Zeughauses im herzogl. Ge
heimen Haus und Staatsarchive zu Gotha In diesen zu
verschiedenen Zeiten aufgenommenen und nachgetragenen «In
ventarien» sind « Brändch enb iichsen », später «Lichter
f
laschen» in grösserer Zahl gebucht, die offenbar artille
ristischen Zwecken dienten und meines Erachtens mit den
geschilderten Büchsen identisch sind. Der Vorderraum mit
Schnauze dürfte zur Aufnahme und zum Aufschütten des
Ziindpulvers («Krauts») auf die Ziindpfanne, der Hinterraum
zum handlichen Mitfiihren der in etwa 38 cm Länge ge
bräuchlich gewesenen, mit zähbrennendem Satze ausge
schlagenen Ztindlichte bestimmt gewesen sein. Am schwachen
Riemen und in den Bandolierösen etc. mag der metallene
Ziindlochräumer (die «Raumnadel»), vielleicht auch eine die
Hand des Kanoniers vor Verbrennen schützende «Lichter
zange» getragen worden sein. — Die fürstlichen «Kon
37
II. Band,
280
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
stabler», deren für die artilleristischen Anschauungen
ihrer Zeit überaus bezeichnende Instruktionen das Gothaer
Archiv uns gleichfalls erhalten hat, wurden häufig zur Kunst
und Lustfeuerwerkerei herangezogen. Auch hierbei können
sie sich der Lichterflaschen bedient haben. Die verhältnis
mässig grosse Zahl und äussere Form der Büchsen spricht
aber für deren in erster Linie militärische Bestimmung. —
Gleiche oder ähnliche Ausrüstungsstücke sind, nach den bis
her angestellten Ermittelungen, weder in den Berliner, noch
Dresdener königlichen Sammlungen enthalten. Um so wert
voller erscheint mir die entgtiltige Beantwortung der auf
geworfenen Frage. . L—r.
Antwort auf Frage 5: Die Ansicht des Herrn Frage
stellers, dass es sich hier um ein artilleristisches Zubehör
stück handelt, dürfte zutreffend sein. Mit Rücksicht auf die
ganze Anordnung, des breiten, bandolierartigen Riemens, der
um die Büchse vollständig herumgreift, ferner im Hinblick
auf das als Zierrat hervortretende Wappen, kann man das
Stück als Bestandteil der Uniform und Ausrüstung eines
Kanoniers bezeichnen. Zugleich zeigt der weit Ubergreifende
Deckel, dass der Inhalt nicht nur bei der augenblicklichen
Verwendung des Gerätes, sondern dauernd vor Feuchtigkeit
geschützt werden sollte. Die Schlaufen und Schlaufenschuhe
fügen sich als Aufbewahrungsstellen für die Kartuschnadel
und den ZUndlochauftreiber dieser Erklärung zwanglos ein,
der dünne Riemen kann sehr gut zur Befestigung der häufiger
gebrauchten dieser beiden Nadeln gedient haben. Was nun
den vermuteten Inhalt der Büchse anlangt, so weist die an
der vorderen Abteilung angebrachte Kannenschnauze mit
Bestimmtheit auf eine flüssige oder staubförmige Substanz
hin, die in dünnem Strahl auf einen bestimmten Punkt ge
schüttet werden sollte, und es liegt nahe, hier an das Auf
schütten des Pulvers auf die ZUndpfanne eines Geschützes
zu denken. Gerade zu Beginn des 18. Jahrhunderts kamen
besonders an schweren Geschützen die langgestreckten Ziind
pfannen auf, bei welchen die eigentliche, das Zündloch um
gebende Pfanne durch eine Rinne mit einer zweiten ver
bunden war, in der wahrscheinlich die Zündung erfolgte.
Man kann wohl annehmen, dass das «Ziindkraut» in solchem
Falle aus langsamer brennendem Satz bestand, so dass der
abfeuernde Kanonier Zeit hatte, beiseite zu springen, bevor
der Schuss losging. Zum Füllen dieser Pfanne eignete sich
die Kannenschnauze sehr gut, weniger dagegen zum Ein
räumen des Pulvers in das Zündloch, auch dürfte die Trage
weise der Büchse an einem breiten Riemen mit nach seit
wärts zeigender Schnauze dem Verwendungszweck wenig
dienlich gewesen sein. Eine Zündkrautbüchse in dieser Ge
stalt ist jedenfalls ungewöhnlich, die gewöhnliche Form ist
die einer kleinen Flasche oder Büchse mit Ausflussröhrchen,
an einem dünnen Riemen zu tragen.
Setzt man für den vorderen Teil der Büchse einen staub
förmigen Inhalt voraus, so muss die hintere Hälfte mit Not
wendigkeit zur Aufnahme stabförmiger Gebilde von der Länge
der Büchse gedient haben, die sich ohne Kippen der letzteren
herausholen Hessen, da sonst der Inhalt der anderen Ab
teilung trotz des Deckels verschüttet worden wäre. Dass
dieses «Ziindlichte» gewesen, ist nicht unwahrscheinlich, in
dessen ist die Verwendung derselben bei der Geschütz
bedienung in jener Zeit (erste Hälfte des 18. Jahrhunderts)
noch nicht verbürgt. Bei der preussischen Artillerie waren
Ziindlichte noch um 1860 im Gebrauche und dienten, nament
lich bei Regenwetter, an Stelle der Lunte zur Erreichung
einer sicheren und raschen Entzündung von Geschützen,
sowie von Feuerwerkskörpern. Nach «Oelze, Lehrbuch der
Artillerie» (1856) waren es 15 Zoll lange, 0,6 Zoll starke,
mit besonders langsam brennendem Satz vollgeschlagene
Papierhülsen, sie mussten mit 2—3 Zoll langer Flamme 12
bis 13 Minuten brennen und durften durch Schnee und Regen
nicht verlöscht werden. Nur bei sehr schnellem Feuer
brauchte man bei jedem Geschütz ein brennendes Licht,
sonst konnten mit einem Licht vier Geschütze nacheinander
abgefeuert werden. Das ZUndlicht steckte dabei in einer
Klemme, die aus einem aufgeschlitzten Rohr mit Schiebering
bestand und an einem Stock befestigt war. Dass eine solche
Klemme in den Schlaufen des Bandoliers getragen wurde,
ist kaum anzunehmen. Unter dem äusserst zahlreichen Ge
schützzubehör, welches Oelze aufführt, befindet sich kein
Behältnis für Zündlichte, dieselben wurden also jedenfalls fin
den immerhin nicht häufigen Fall der Benutzung in der Protze
mitgeführt. Es muss daher auffallen, dass in früherer Zeit
eine als ständiges Ausrüstungsstück dienende Zündlichter
btichse mitgeführt worden sein soll.
Denkbar ist auch der Fall, dass die hintere Abteilung
der Büchse zur Aufbewahrung der Lunte diente, diselbe hätte
sich mit Hilfe der Kartuschnadel noch immer leicht genug
herausheben lassen, ohne die Büchse zu kippen. Ob dieses
der Fall gewesen ist, könnte eine weitere Untersuchung der
Büchse lehren. Die tiefen engen Hohlräume derselben lassen
sich offenbar nur sehr schwer und unvollkommen reinigen,
der einstige Inhalt derselben hat also wahrscheinlich dauernde
Spuren darin zurückgelassen. War der vordere Teil der
Büchse thatsächlich für Pulver bestimmt, so müssen die Wan
dungen desselben mit schwarzem Schwefelkupfer .-bedeckt
sein, das durch die Anwesenheit des im Messing enthaltenen
Zinks einen Stich ins Grüne erhält. Kupfer pflegt nämlich
in Berührung mit Schwarzpulver keinen Grünspan, sondern
Schwefelkupfer zu bilden, alte, in Pulverfabriken und Labo
ratorien viele Jahre gebrauchte Gefässe und Trichter aus
Kupfer oder Messing besitzen eine prachtvolle schwarzbraune
bezw. dunkelgrüne Patina von Schwefelkupfer. Hat dagegen
die andere Hälfte der Büchse zur Mitftihrung der Lunte ge
dient, so muss sich in derselben notwendig Grünspan gebildet
haben, da die Lunte seit alter Zeit aus einem mit Bleizucker
(essigsaurem Bleioxyd) getränkten Hanfstrick bestand und
das Kupfer in Berührung mit derselben sich allmählich zu
essigsaurem Kupfer (Grünspan) umwandelt.
Wenn auch viele Punkte für die Annahme sprechen, dass
diese Büchse eine Ztindkraut- und Lichterflasche gewesen,
so machen doch die erwähnten Bedenken allgemeinerer Natur
eine weitere Aufklärung recht wünschenswert. P. R.
Nachwort. Den in der Antwort gegebenen dankens
werten Anregungen folgend, habe ich die mir zugänglichen
beiden Büchsen nochmals besichtigt und den aus den vor
deren Hohlräumen geschütteten Staub chemisch untersuchen
lassen. Das Gutachten des Herrn Dr. Sänger (Vorstand des
chemischen Laboratoriums in Gotha) bestätigt die Annahme
in Frage und Antwort. Es lautet: «Die mir übergebene
Probe Staub aus einem Ausrüstungsstücke habe ich unter
sucht und bei der Prüfung eine schwache, aber deutliche
Reaktion auf Schwefel erhalten.» — In der besterhaltenen
beider Büchsen ist der hintere Hohlraum (wohl zur sicheren
Lagerung der Zündlichte oder Lunte, um Reibung an der
Metallwand und Eindringen von Pulverstaub aus dem Neben
raume zu verhüten) mit weissgarem Leder ausgeschlagen. —
Jedenfalls infolge häufiger Reinigungen seit dem Gebrauche
ist eine «Patina» im vorderen Raume nicht wahrzunehmen.
Die Grünspanbildung im Hinterraume wurde durch den Leder
ausschlag ausgeschlossen. — Wenn nach all dem Angeführten
die in der Frage ausgesprochene Annahme an Wahrschein
lichkeit gewinnt, bleiben gefällige Aeusserungen von be
rufener Seite zu erbitten. L—r.
7- Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde
28l
ein reichverziertes Geschützrohr, auf dem sich eine Inschrift
in portugiesischer Sprache befindet des Inhalts: «Luis de Melo
Sampajo iiess mich giessen zur Zeit da er Generalresident
für China war. December 1679.» Melo war von 1696 bis
1699 portugiesischer Gouverneur von Ostafrika. Am hinteren
Teil des Rohres befindet sich ein Wappen in Relief, in der
Ausführung massig, nämlich ein durch ein lothringisches Kreuz
geteilter Schild, das Kreuz begleitet von sechs Ringen. Auf
dem Helm ein unheraldischer, sitzender Adler. Das Wappen
Seine Königl. Hoheit der Grossherzog Wilhelm
Ernst von Sachsen-Weimar hat die Gnade gehabt,
wie sein verstorbener Grossvater, der Grossherzog
Karl Alexander, die Würde eines Ehrenvorstandes
des Vereins anzunehmen.
Dem Vereine neu beigetreten sind seit der Druck
legung des Mitglieder-Verzeichnisses:
v. Bredow, Rittmeister. Ehrenbreitstein, Villa Maria.
Gretschel, Heinrich Oskar Theodor Julius, Hauptmann
und Kompagnie-Chef im 9. königl. sächs. Infanterie-Reg.
No. 133. Zwickau.
Honig, August, Kaufmann und Fabrikbesitzer.
Königsberg, Preussen.
Pechwell, Alfred Julius Alexander, Leutnant im 9. kgl.
sächs. Infanterie-Reg. No. 133. Zwickau, Ostkaserne.
Teistler, Horst Rudolph, Oberleutnant und Regiments
Adjutant im 9. königl. sächs. Infanterie-Regiment No. 133.
Zwickau, Stiftstrasse 15 I.
v. Preradovic, Dusan, k. u. k. Fregattenkapitän.
Pola, San Plycarpo No. 192.
Trapp, Leutnant im Infanterie-Regiment No. 176, komman
diert zur Gewehr-Priitungs-Kommission.
Spandau, Plantage 16.
Winterhalter, Cesar, Architekt.
Strassburg i. Eis., Kalbsgasse.
Zwicker, Leutnant im 13. königl. sächs. Infanterie-Regiment
No, 178, kommandiert zum Bezirkskommando Freiberg i. S.
Freiberg i. S., Fischerstrasse 29I.
Das Tiroler Landesmuseum „Ferdinandeum“ in Innsbruck.
S. Kais. u. Kgl. Hoheit, der hochwürdigste Herr Erz
herzog Eugen wurde zum General der Kavallerie ernannt.
Dem zweiten Schriftführer des Vereins, Herrn Max von
Ehrenthal, Direktor des königl. historischen Museums und
der königl. Gewebrgallerie zu Dresden, ist von Sr. Majestät
dem König von Sachsen der Charakter als Major verliehen
worden.
Unser Mitglied, Herr Dr. W. Erben, Konservator des
k. u. k. Heeresmuseums in Wien, ist von der philosophischen
Fakultät der Universität Wien als Dozent für österreichische
Geschichte zugelassen worden und hat vom Unterrichts
ministerium die Bestätigung in dieser Eigenschaft erhalten.
Am 13. April, um 12 Uhr, folgten die Berliner Mitglieder
des Vereins einer Einladung des Herrn ersten Vorsitzenden,
Generalleutnants von Usedom, Excellenz, Kommandanten des
königl. Zeughauses, zur Besichtigung der Neuerwerbungen
dieser Sammlung im vergangenen Jahre. Seine Excellenz
hatte die Güte, die Führung selbst zu übernehmen.
Aus der reichen Zahl der ausgestellten Neuerwerbungen
heben wir nur die besonders interessanten und schönen Stücke
hervor. Vor allem fiel in die Augen ein Bronzerohr aus
Deutsch-Ostafrika, dort aufgefunden und dem Zeughause über
wiesen vom kaiserlichen Gouverneur von Liebert. Es ist
wurde von dem Berichterstatter leicht als das Familienwappen
des Gouverneurs bestimmt. Weiter sind zwei Schwerter her
vorzuheben, das eine aus dem 13. bis 14. Jahrhundert mit
schwerem, scheibenförmigen Eisenknauf nebst Nietspitze und
kurzer gerader Parierstange, im .Hohlschliff eine silbertau
schierte Inschrift, das andere mit scheibenförmigem Bronze
knauf und gerader Parierstange, aus dem 14. Jahrhundert.
Das letztere ist in Charlottenburg gefunden.
Ein sehr schönes Stück ist ein wohlerhaltenes. Panzer
hemd aus dem 15. bis 16. Jahrhundert mit in Messing ge
löteten Ringen.
Die Augen aller Anwesenden zog auf sich ein orientali
scher Dolch mit höchst kunstvoll gearbeitetem in Gold tau
schiertem Griff aus Kupfer und reicher, jedoch späterer
Klinge. Der Griff stellt einen Drachen- oder Löwenkopf dar.
Dicht unter dem Griff befindet sich auf der Vorderseite der
Klinge eine Inschrift in orientalischen Schriftzügen.
Eine interessante Büchse von Joh. Andreas Kuchenreiter
(Regensburg 1760 bis 1780), sogenannter «Wender» mit zwei
Läufen verschiedenen Kalibers, eine Radschloss-Revolver
pistole von 1694 mit drei um eine Axe drehbaren Läufen,
verziert mit dem gräflich Sporck’schen Wappen-, ein Paar
Reiterpistolen mit Steinschloss, Lauf, Schloss und Schäftung
reich verziert von Mortimer in London (1820 bis 1840) und
zwei schottische Besteckdolche aus der Zeit von 1820 bis
1840 verdienen als interessante Stücke noch besondere Er
wähnung.
Herrliche Stücke sind, wie auch in früheren Jahren, der
Sammlung von Sr. Majestät dem Kaiser und König zum Ge
Geschenk gemacht worden:
1. Am meisten Aufsehen erregte darunter bei den er
schienenen Herren ein italienischer Helm des 16. Jahr
hunderts aus getriebenem und gepunztem Leder. Der
Helm ist reich und höchst kunstvoll verziert, seine
Gestalt ist die eines Hutes, dem die Krempe ab
geschnitten ist.
2. Eine Kugelbrust von silbergrauem Stahl mit schöner
Silbertauschierung, die geflochtene Bandornamente dar
stellt: italienische Arbeit von 1520.
3. Eine herrliche Radschlosspistole italienischer Arbeit
aus der Zeit von 1700 bis 1720. Lauf und Schloss des
Stückes sind auf die kunstvollste Weise in Eisen ge
schnitten.
4. Ein Morion von gebläutem Eisen mit Silbertauschierung
aus dem 16. Jahrhundert.
5. Ein Pulverhorn von getriebenem Eisen, geschnitten,
ziseliert und vergoldet. Deutschland 1560 bis 1580.
6. Partisane, schlanker Form.
7. Partisane.
Beide Stücke sind in Lothringen um 1579 gefertigt,
reich graviert und vergoldet, geschmückt mit dem
Wappen des Henri I. de Lorraine Duc de Guise und
Inschrift: «Jesus Maria. Spes mea Deus.»
Zum Schlüsse wurden noch die von der Pariser Aus
stellung- zmiickgekommenen lebensgrossen Figurinen besich
tigt, welche einen Ueberblick über die Geschichte der Uni
formierung des Brandenburg-Preussischen Heeres gewähren.
Wie auch dort fanden sie allseitige Bewunderung.
S K. v. S.
37 *
11. Band.
28 2
Zeitschrift für historische Waffenkundc.
Sprechende Zahlen aus dem «Mitglieder-Verzeichnisse des
Vereins für Historische Waffenkunde*.
1. Mitgliederzahl (bis zur Drucklegung): 349 (darunter
21 Fürsten, 1 Ehrenmitglied, 279 Einzel- und 48
körperschaftliche Mitglieder). *)
2. Der Vorstand zählt 5 Fürsten im Ehren- und 14 Mit
glieder im ordentlichen Vorstande. «Pfleger» sind
ernannt: je einer für England, Oesterreich, Russ
land, Sachsen, Schweden, die Schweiz und Thü
ringen.
3. Die einzelnen Länder stellen
Einzel
Mitglieder :
a) Deutschland.. . 207
b) Oesterreich-Ungarn ... 39
c) Die Schweiz.18
d) Russland.12
e) Schweden und Norwegen 11
f) England. 4
g) Niederlande. 2
li) Italien. 1
i) Vereinigte Staaten von
Nordamerika. 1
körperschaftl.
Mitglieder:
23
10
6
5
4
4. Von den deutschen Bundesstaeten stellen (nach den
Wohnsitzen berechnet): Anhalt 1, Baden 6, Bayern 13,
Braunschweig 2, Bremen —, Eisass-Lothringen 6,
Hamburg 2, Hessen —, Lippe —, Lübeck —, Meck
lenburg-Schwerin 1, Mecklenburg-Strelitz —, Olden
burg —, Preussen 72, Reuss ältere und jüngere
Linie—, Sachsen 87,Saclisen-Altenburg i,Sachsen
Coburg-Gotha 5, Sachsen-Meiningen 1, Sachsen
Weimar-Eisenach 7, Schaumburg-Lippe —, Schwarz
burg-Rudolstadt 1, Schwarzburg-Sondershausen —,
Waldeck —, Württemberg 2 Einzelmitglieder.
5. Städte mit mehr als 10 Mitgliedern sind: Dresden
mit 55, Berlin mit 39 und Wien mit 20. Zürich
zählt 8, München und Düsseldorf je 6, Leipzig 5,
Pest und Weimar je 4 Einzelmitglieder.
6. Die unter den Mitgliedern meistvertretenen Stände
bezw. Berufe sind:
a) Berufs-Offiziere 105. (Hierzu stellen Deutsch
land 78, Oesterreich-Ungarn 10, die Schweiz 7,
Russland 5, Schweden 2, Niederlande I.)
b) Guts-, Fabrikbesitzer bezw. Leiter und In
dustrielle 33. (Hierzu stellen Deutschland 21,
Oesterreich 8, Schweden 2, Russland 1, dieSchweiz 1.)
c) Beamte und Angestellte an Sammlungen 30.
(Hierzu stellen Deutschland 16, Oesterreich und die
Schweiz je 4, Russland, Schweden und Norwegen
je 3-)
') «Körperschaftliche Mitglieder» sind Behörden, Biblio
theken, Sammlungen, Truppenteile, wissenschaftliche Ver
einigungen.
d) Hof- und Staatsbeamte 23. (Hierzu stellen
Deutschland 15, Oesterreich 6, Niederlande und
Schweden je 1.)
e) Gelehrte, Lehrer und Schriftsteller 17.
(Hierzu stellen Deutschland 7, die Schweiz 4, Oester
reich 3, England und Italien je 1, Amerika 1.)
f) Verwaltungsbeamte und Juristen 14. (Hierzu
stellen Deutschland 10, Oesterreich 3, dieSchweiz 1.)
g) Künstler und Architekten 10. (Hierzu stellen
Deutschland 8, Russland und die Schweiz je 1.)
Ferner gehören dem Vereine an:
Aerztc, Vcrlagsbuchhändlcr und Vertreter anderer
Stände in weniger hervortretenden Zahlen, auch
eine Dame.
Diese Zusammenstellung, welche die Schriftleitung der
Güte des Herrn Majors Lossnitzer in Gotha, eines warmen
Freundes des Vereins, verdankt, redet für den, der sich einen
Augenblick Zeit zu ihrem Studium gönnt, eine sehr deutliche
Sprache: Unter den Ländern fehlt ganz das ritterliche Frank
reich, dessen reiche Schätze an alter Kultur sehr wertvolle
Beiträge für unsere Zwecke bieten könnten; ganz fehlt auch
Spanien, dessen Madrider Waffensammlung für jeden auf
unserem Gebiet Arbeitenden nicht zu umgehen ist; es ist
Italien, wo die Waffenkunde von den glänzenderen Erschei
nungen der Schwesterwissenschaften allzusehr in den Schatten
gedrängt wird, nur durch ein Mitglied, England, das Land
der Sammler, nur durch vier Mitglieder vertreten. Das sind
Lücken, die ein internationaler Verein sehr schmerzlich
empfinden muss. Um so mehr erfreuen auf der anderen
Seite Zahlen, wie sie die Schweiz, Schweden-Norwegen und
Russland auf weisen. — In Deutschland, wo Sachsen an der
Spitze steht, fehlen mehrere Bundestaaten noch ganz, obwohl,
wie bei Hessen, reiche Sammlungen im Lande wenigstens
etwas Neigung für unser Fach voraussetzen lassen sollten.
Noch auffallender ist die geringe Beteiligung Süddeutsch
lands. — Auch ein Blick auf die Berufsarten überrascht in
mancher Hinsicht. Dass die Offiziere an der Spitze stehen,
erwartet wohl jeder. Vielleicht aber hat sich doch mancher
die Zahl noch grösser gedacht, und zweifellos wird sie
wachsen müssen, damit auf dem recht eigentlich angestamm
ten Boden der Armee der Verein einen möglichst starken
Stutzpunkt findet. Sehr erfreulich ist die Zahl der Guts
besitzer und Industriellen, wie denn überhaupt die Verschieden
art der Stände dafür spricht, dass die Waffenkunde doch
wohl nicht nur einen kleinen Kreis von Fachgenossen auf
seine Rechnung kommen lässt, sondern mannigfachen An
forderungen gerecht zu werden vermag, sei es, dass sie der
Waffenträger von Beruf oder der Kulturhistoriker, der Künst
ler, der Kunstfreund, der Techniker stellt. Möge das nächste
Mitgliederverzeichnis, das vielleicht dann in demselben For
mat wie die Zeitschrift gehalten und mit einer Städteschau
versehen, auch wohl, um Nachträge zu ermöglichen, nur ein
seitig bedruckt herausgegeben werden könnte, ein glück
liches Wachsen des Vereins verkünden!
Die Annahme von Beiträgen für Heft 8 des II. Bandes
wird spätestens am 1. September d. J. geschlossen.
Die Schriftleitung.
Herausgegeben vom Verein für historische WafTenkunde. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Veste Coburg.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
Abb. i. Grosse Waffenhalle im bayerischen National-Museum in München.
Die Waffensammlung des bayerischen National-Museums
in München.
Ein Ucberblick von Dr. E. Bassermann-Jordan.
m 30. September 1900 wur
den die Sammlungen
des bayerischen Natio
nal-Museums zu Mün
chen in ihrem neuen
und glänzenden Hause
an der Prinzregenten
strasse dem allgemeinen
Besuche wieder geöff
net. Bei allem Neuen,
bei aller Steigerung an
Reichtum der Ausstattung ist das Wesen des Museums
doch das gleiche geblieben. Beibehalten wurde auch
im neuen Gebäude die Teilung der Sammlungs
beständc in zwei grosse Gruppen, in eine allgemeine
kulturgeschichtliche Sammlung und in eine Anzahl
von Fachsammlungen.
Die allgemeine kulturgeschichtliche Sammlung,
im Erdgeschoss des neuen National-Museums, sucht
in entsprechend ausgestatteten Räumen die Gegen
stände in ihrer ursprünglichen Umgebung vorzu
führen, indem Wohnräume, Kirchen, Kapellen, Rüst
kammern u. s. w. aus verschiedenen Jahrhunderten
geschaffen werden. Einzelne Gruppen des Kunst
gewerbes dagegen, wie Metallarbeiten, Holzskulpturen,
Glas, Porzellan, werden ausgeschieden und als Fach
sammlungen aufgestellt.
Die Vorteile wie die Nachteile dieses unter dem
königlichen Direktor Dr. J. PI. von Hefner-Alteneck
bald nach 1870 eingeführten Systems sind leicht zu er
sehen: In der kulturgeschichtlichen Sammlung werden
einheitliche, übersichtlich ausgestattete Räume von
ausgeprägtem Zeitcharakter erzielt, die ihre Wirkung
auf die grosse Masse der Museumsbesucher nie ver
fehlen. Dagegen wird diese Wirkung stets beein
trächtigt durch die auch hier unvermeidlichen museums
mässigen Glaskästen, und auf eine streng wissen
schaftliche, systematische Anordnung des Stoffes muss
38
284
Zeitschrift ftir historische Waffenkunde.
überhaupt verzichtet werden. Die Fachsammlungen
II. Band.
gefüllt worden. In einem kleineren Raume, der sich
wieder enthalten nie den gesamten Bestand der be
treffenden Gruppe, da viele und meist sogar die
wichtigsten und repräsentabelsten Gegenstände zur
Bildung der kulturgeschichtlichen Sammlungen ver
wendet werden mussten.
Abb. 2. Kleinere Waffenhalle.
an den Barocksaal Max Emanuels anschliesst, sind die
türkischen Waffen aufgestellt, die dieser Kurfürst
vor Wien und bei der Erstürmung Belgrads erbeutete.
Die prähistorischen, römischen und mero
vingischen Waffen sind in den Sälen 1 bis 3 unter
gebracht, zusammen mit den
übrigen Fundstücken der be
treffenden Perioden. Im ersten
Stockwerke des Museums
schliesslich ist ein eigener
Saal den Jagdwaffen Vor
behalten.
Die Aufstellung der Kriegs
waffen in Zeughaussälen ent
spricht ungemein dem Cha
rakter der darin aufgestellten
Sammlungsgegenstände. Es
handelt sich im bayerischen
National-Museum ja weniger
als bei manchen andern grossen
Museen um eine eigentliche,
möglichst lückenlose «Waffen
sammlung». Es liegt vielmehr
in der Entstehungsgeschichte
der Sammlung begründet, dass
dies nicht der Fall ist. Wir
haben es in erster Linie zu
thun mit einer Vereinigung der
Waffenbestände des Staates,
des Münchener städtischen
Zeughauses, verschiedener an
derer bayerischer Städte und
Schlösser und nicht zuletzt der
älteren herzoglich bayerischen
Sammlungen. Hieraus erklärt
sich, dass das Münchener Mu
seum eine Menge Duplikate
ein und derselben Waffengat
tung, und zwar meist weniger
seltener Stücke enthält, neben
äusserst kostbaren Gegenstän
den, die interessant sind durch
ihren ehemaligen Besitzer oder
wichtig besonders durch die
reiche kunstgewerbliche Ar
beit, weniger aber vielleicht
in Hinsicht auf die Entwicke
lungsgeschichte der Waffen.
Im Verhältnis zu dieser
(Nach Photographie von F. Bruckmann A.-G., München.)
Die gleichen Vorteile und Nachteile des Systems
Hauptmasse der Waffen ist die
Zahl jener Stücke sehr gering, die durch Schenkung
sind auch bei den reichen Waffenbeständen des
Museums zu bemerken: das Material hat in mehreren,
zum Teil weit voneinander getrennten Sälen Auf
stellung gefunden.
Im Erdgeschoss, am Ende der gotischen Räume,
sind zwei grosse Säle, die den Charakter alter Rüst
kammern nachahmen, vorwiegend mit Kriegswaffen
oder durch systematischen Ankauf in den letzten
Jahren der Sammlung zugeführt wurden. Einiges
vom Wichtigsten wurde vom Verfasser in früheren
Nummern dieser Zeitschrift schon besprochen, anderes
ist durch Abbildung und Beschreibung schon aus
den grossen Auktionskatalogen bekannt geworden,
wie das wertvolle Stechzeugmodell vom Beginne des
8. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
16. Jahrhunderts aus der Sammlung' Kuppelmayr
in München.
Bei der Aufstellung' aller Sammlungen des
Museums, im Erdgeschoss ebenso wie in den Fach
sammlungen des ersten Stockes, war vor allem der
Gesichtspunkt massgebend, die Räume in einer Weise
auszustatten, die möglichst dem
Wesen der darin aufgestellten
Sammlungsgegenstände ent
spricht.1) Das bayerische Na
tionalmuseum zeigt sich nach
dem Willen seines Stifters, des
Königs Maximilian II., als ein
in besonderem Grade volks
tümliches Institut, es ist in
erster.Linie Rücksicht genom
men worden auf die grosse
Menge Derer, die in den
Sammlungen Anregungen und
Genuss, nicht aber strenge, wis
senschaftliche Arbeit suchen.
Der kleinen Zahl der Fach
gelehrten wird es ja in keinem
Falle schwer sein, sich ihr
Arbeitsmaterial in strengerer
und systematischerer Weise im
Geiste zu gruppieren.
So wurde auch in den
Waffensälen vor allem Gewicht
gelegt auf eine sinngemässe
und originelle Ausstattung der
Räume. Der erste Saal, die
grosse Waffenhalle (Saal 20,
Abb. x), enthält vorwiegend
Stücke aus der Zeit von etwa
1100 bis zum Ende des 16. Jahr
hunderts. Der grosse Raum,
dessen Gewölbe auf mächtiger
Mittelsäule ruht, ist eine Nach
bildung des berühmten Dol
lingersaales in Regensburg. Es
wurde hier besonders versucht,
den Charakter der Rüstkammer
zu wahren. Die Zahl der Glas
schränke ist so viel wie nur
möglich vermindert, die sonst
so beliebte Trophäe vermie
den. Schwerten, Hellebarden
u. s. w. stehen parallel zu ein
Die Sammlungsgegenstände im nächsten Saale
(Saal 21, Abb. 2) sind nach ähnlichen Grundsätzen
geordnet. Der Raum ist in Anlehnung an Motive
aus dem Rathause in Memmingen im Stile der
deutschen Frührenaissance gebildet und enthält die
Kriegswaffen des 17. und 18. Jahrhunderts.
Abb. 3. Saal 34 mit Beutestücken aus den Türkenkriegen Max Emanuels von Bayern.
ander reihenweise in Gestellen,
oder sind an den Wänden an
(Nach Photographie von F. Bruckmann A.-G., München.)
geordnet. Besonders wertvolle Stücke sind einzeln
auf Postamenten ausgestellt. An der Rückwand rechts
zeigt eine Anzahl ganzer Rüstungen deren Entwicke
lung vom Ende der Gotik bis zum Beginn des
17. Jahrhunderts.
') Aehnliches war, wenn auch mit bescheideneren Mitteln
und geringerer Kenntnis der Stilarten, schon im alten National
museum versucht worden.
Unsere Abbildung 3 gicbt den Museumsraum 34
wieder, der sich an einen grossen Saal mit Kunst
erzeugnissen der Zeit des Kurfürsten Max Emanuel
von Bayern anschliesst. Hier ist ein türkisches Zelt,
türkische Waffen, Sättel und Fahnen aufgestcllt, die.
von dem Kurfürsten in den Kriegen gegen die
Türken am Ausgange des 17. Jahrhunderts erbeutet
wurden. Auch die alten Gobelins an den Wänden
38*
286
Zeitschrift fUr historische Waffenkunde.
sowie die Stuccaturen an der Decke mit den Namen
II. Band
ständigen sinngemäss die Dekoration des Saales,
gewonnener Schlachten weisen auf Max Emanuels
türkische Feldzüge hin.
Fast die wertvollsten Stücke der ganzen Samm
lung sind im «Jagdsaale» des ersten Stockes auf
gestellt (Saal 75, Abb. 4). Das hier vereinigte Jagd
gerät von oft hervorragender kunstgewerblicher Arbeit
stammt zum grossen Teile aus dem Besitze des könig
lichen Hauses und weiss beredt zu erzählen von der
Jagdliebe der Wittelsbacher seit der Renaissance bis
auf die neuere Zeit. Der Saal selbst ist ausgeschmückt
mit den Originalstuccaturen aus dem ehemaligen
Sandhofe in Würzburg. Alte Gemälde — Jagd
bilder, Tierstücke, darunter Abbildungen von Ab
normitäten und solche mit Schussangaben, vervoll
dessen Wände in ihrem unteren Teil mit Jagdnetzen
bespannt sind.
Es ist eine Fülle von Waffenmaterial, das in
den Sälen des National-Museums in München ver
einigt worden ist. Für kunstgewerbliche Studien
wie für den Freund der historischen Waffenkunde
bieten die Sammlungen ein gleich reiches Material,
das noch keineswegs vollkommen gesichtet oder
in erschöpfender Weise wissenschaftlich bearbeitet
worden ist. Ein ausführlicher, gedruckter Katalog
über die Ausstellungsgegenstände der Waffensamm
lung besteht noch nicht. Dem Spezialisten für Waffen
kunde wie dem Kunsthistoriker steht also noch ein
weites Feld für ergiebige Arbeit offen.1)
Ein Nachwort, zugleich eine museumstechnische Skizze.
Von Karl Koetschau.
'or der Besprechung musealer Auf
gaben haben die Fachzeitschriften
eine seltsame Scheu. Sie erscheint
um so auffallender, als der von
den Museen ausgehende grosse
Nutzen von Jahr zu Jahr mehr
empfunden wird, und zwar nicht
nur von den Forschern und den
Freunden geistiger Kultur, sondern auch — hier
sagt die Phrase einmal wirklich das Bezeichnende
— von den «breitesten Schichten der Bevölkerung»,
wenn auch von ihnen freilich zunächst mehr ahnend,
als in klarem Bewusstsein. Doch wer weiss, ob
der Tag so fern ist, an dem die erste rein museo
graphische Zeitschrift erscheint, die dann nicht allein
die bestehenden kunstwissenschaftlichen Fachblätter
zu ergänzen, sondern auch die vornehmste Aufgabe
zu erfüllen haben wird, die von einem Museum ver
langt werden kann, die Aufgabe, zu erziehen. Mehr
darüber zu sagen, ist hier nicht der Ort; eine andere
Gelegenheit wird sich dazu ergeben. Jedenfalls wird
aber die Waffenkunde dann mit ganz besonderer
Hingabe sich einsetzen müssen, denn ih den Mu
seen hat sie, die ihrem ganzen Charakter nach eine
eigene Vertretung auf den Hochschulen nie haben
kann, den Sitz ihres Lebens. —
Wenn ich im Anschluss an den vorangegangenen
Ueberblick einige Worte sage, so geschieht es, nicht
um die dankenswerten Ausführungen des Herrn Ver
fassers für diesen besonderen Fall zu ergänzen, son
dern um ihnen einige allgemeine Betrachtungen
anzufügen. Wohl fast keinem Leiter einer Waffen
sammlung ist die trübe Stunde erspart geblieben,
in der er an der Romantik vom Anfang des 19. Jahr
hunderts, der wir gewiss viel Gutes in Dichtung und
Wissenschaft zu danken haben, grosses Aergernis
nahm. Denn die Waffe, mit der doch die von der
Romantik auf den Schild gehobenen Helden ihre
Thaten vollbrachten, wurde so schlecht als möglich
behandelt. Oder kann man einen Gegenstand mehr
schädigen, als wenn man seine Art, seine Geschichte,
seinen Zweck nicht achtet, dafür ihn aber zu Dingen
zwingt, die mit seiner Natur gar nichts gemein haben?
Als man — auch im Anschluss an die Wiederbe
lebung des Mittelalters in der Romantik — anfing,
phantastische Theaterschlösser, Theaterburgen zu
bauen oder ehrwürdige Reste ohne Ueberlegung
und Achtung dazu umzuwandeln, wurden die Waffen
zu Requisiten. An keiner Säule, keiner Wand durf
ten pomphafte Trophäen fehlen. So wurde die
Waffe dem Dekorateur ausgeliefert. In dessen
Händen aber hatte sie nur noch Wert, wenn er sie
zur Komposition von Gruppen verwenden konnte;
das einzelne Stück in seiner Eigenart blieb voll
kommen unbeachtet. Darunter leiden wir noch
heute. Wer je vor die Aufgabe der Neuordnung
einer Waffensammlung gestellt worden ist, wird
wissen, wie einen diese Unsachlichkeit quälen, einem
dieser Dekorationswust, durch den man sich hin
durchzuarbeiten hat, ebenso bald zum Ekel werden
kann, wie das verlogene altdeutsche Zimmer und
das Makartbouquet seligen Angedenkens. Freilich,
das Publikum wird den gequälten Museumsmann
nur zum Teil verstehen. Denn wie viele glauben
nicht heute noch, dass die Museen nur dazu da
seien, dass man. in müssigen Stunden «rasch mal.
durchgehen» kann? Sie sind diejenigen, welche
die Betonung des Dekorativen für durchaus gerecht
*) Vgl. dazu die Fachnotiz von Prof. E. Doepler d. j.
JiP
Abb. 4. Jagdsaal im bayerischen Xatiönal-Musemn
(Nach Photographie von F. Bruckmann A.-G., München.)
288
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
fertigt erachten. Schmeichelt es doch ihrem Auge,
II. Band.
That nur das unbedingt Zugehörige in den Raum.
bietet es ihm doch die Bequemlichkeit, nur auf das
Ganze sehen zu brauchen, legt es doch dem Ge
dächtnis keine grosse Last auf, lullt es doch das
Gewissen, das vielleicht ernsthaft mahnt, man sei
den Dingen ein ernsthaftes Betrachten schuldig, mit
der Beschwichtigung ein, dazu sei bei dieser Auf
stellung ja keine Möglichkeit gegeben. Aber für
f
lüchtige Besucher sind die Museen nicht da. Zwei
fellos ist ja schon ein Wandel zum Besseren ein
getreten. Die Besonnenen aber können verlangen,
dass die Museen ihnen gute Gelegenheit zu stiller,
ernster Arbeit geben, dass sie sich ihnen als Tempel
der Arbeit und damit als Stätten reinsten Genusses
darstellen, nicht als Schaubuden. Aber ich möchte
nicht missverstanden werden. Niemand glaube, dass
ich nur eine möglichst öde, langweilige Aufstellung
für einzig berechtigt erachtete. Der Geschmack
darf natürlich aus den Räumen eines Museums nie
mals verbannt sein, aber man dekoriere nicht
mit den Gegenständen, sondern man gebe
ihnen eine Umgebung, die sie für das Auge
des Betrachters heraushebt. Meist würden
eine vorsichtige, geschmackvolle Wahl der Farbe,
eine wohl erwogene Architektur, ruhige Hintergrund
f
lächen genügen. Selbst stumpfere Menschen werden
dann merken, dass ihnen hier mehr geboten wird
als dort. Nun sind freilich die meisten Waffen
sammlungen nicht in der Lage, unter ihrem Besitz,
wie etwa das Dresdener historische Museum, in
überwiegendem Masse Prachtstücke zu haben. Die
Versuchung, von einer grossen Anzahl gleichartiger
Stücke einen Teil zu Trophäen oder dergleichen
zusammenzustellen, ist in diesem Falle gross. Hier
habe man dann den Mut zu magazinieren, ich sage
den Mut und füge, wobei mich jeder Museumsleiter
noch besser verstehen wird, hinzu: die Selbstüber
windung.
Der Grundgedanke, der bei der Neuordnung
des Münchener Nationalmuseums festgehalten worden
ist, wie früher neben einer kulturgeschichtlichen eine
Fachabteilung einzurichten, wird gewiss nicht über
all ohne Widerspruch beurteilt werden. Ein kultur
geschichtliches Bild, das den Beschauer ganz in
seinen Bann ziehen könnte, wird doch nicht er
reicht, denn wenn auch die Räume noch so gut
nach trefflichen Vorbildern aufgerichtet sind, die
Gegenstände — darauf deutet ja auch der Herr
Verfasser des vorhergehenden Aufsatzes hin —
können darin nicht so untergebracht werden, wie
es früher der Fall war. Solche Räume als Kultur
einheiten, wenn ich dieses Wort gebrauchen darf,
uns zu vermitteln, überlasse man den Schlössern
oder Patrizierhäusern, wo man sie ja glücklicher
w’eise häufig genug noch in dem ganzen Reiz der
Unberührtheit finden kann, und wo man dann auch
nicht mehr in einem Raum stehen sieht, als früher
hineingehörte. Oder aber man halte an diesem zu
letzt angedeuteten Gedanken fest, stelle also in der
Das setzt freilich eine möglichst grosse Unbeschränkt
heit in der Raumverwendung voraus, hat dafür aber
auch das Freiwerden vieler bedeutsamer Stücke für
die Fachabteilungen zur Folge, denen sie vorher
nicht ohne Schädigung für deren Gesamteindruck
wie auch nicht ohne Beeinträchtigung der Lern
gelegenheit entzogen worden waren. Auch die grosse
Masse der Musenmsbesucher wird nur gewinnen: sie
kann, ohne dass sie sich dabei zu langweilen braucht,
mehr lernen, als bei der scheinbar eindringlicheren,
kulturgeschichtlichen Art der Aufstellung-, Zudem,
wer hat nicht schon beobachtet — auch in München be
merkte ich das — dass oberflächliche Besucher fast nur
auf die ausgestellten Gegenstände, kaum auf die Räume
achteten? Was aber ist dann erreicht? Verwirrung.
Diese Konstruktion von Kulturbildern hat nun
in den Waffenmuseen die «Rüstkammern» entstehen
lassen. Es ist eine merkwürdige Gedankenverschrän
kung, dass Waffen, über deren Bau, Verzierung,
Herkunft und Verwendung man sich am besten aus
möglichster Nähe unterrichtet, Waffen also, von
denen man jetzt voraussetzt, dass sie wenigstens
betrachtet, wenn nicht studiert werden sollen, so
aufgestellt werden, wie sie der ordentliche Rüst
meister vielleicht dereinst anordnete, nicht um sie
zur Schau zu stellen, sondern um sie, wenn nötig,
so bereit als möglich zum Kampfe zu haben.
Was gewinnt der Besucher davon? Ein kaum sehr
gut belegtes Bild einer alten Rüstkammer. Nun,
hoffentlich stellen die Armeemuseen späterer Jahr
hunderte unsere Waffen und Ausrüstungsstücke nicht
so auf, wie sie jetzt in unseren Magazinen und Re
gimentskammern aufgespeichert werden.
Auf der einen Seite die Waffe als dekorativer
Gegenstand, auf der anderen die Waffe als Inventar
stück der Rüstkammer, also gleichsam in Kampf
bereitschaft. Beides war abzuweisen, denn beides
entspricht nicht mehr dem Zweck, den jetzt die
alte Waffe für uns hat. Wendelin Boeheim trat
mit Eifer für das «Korridorsystem» ein, das ich
doch lieber «Galeriesystem» nennen möchte, weil
damit noch mehr der Begriff eines hellen, nicht
zu hohen Raumes verbunden ist, dessen Längen
ausdehnung wesentlich die Breitenausdehnung über
trifft. In diesen Räumen, die eine ganz ruhige
Architektur haben müssen, muss allein mit der
Farbe dekoriert werden. Mit der ist aber sehr viel
zu erreichen. Vor der Gefahr, die Waffen zu hoch
zu hängen, wird man hier vom Raume selbst be
wahrt, während die Prunksäle und Plallen das Gegen
teil bewirken. Das Züricher Landesmuseum hat
sich zu helfen gesucht, indem es die oberen Wand
f
lächen bemalen liess, richtiger noch wäre es ge
wesen, wenn dort, wo man neu baute, für die Waffen
nicht eine Halle, sondern Galerien bestimmt worden
wären. Und damit komme ich zu einem Punkt, bei
dem ich noch einen Augenblick verweilen muss.
Alles das, was ich vorgebracht habe, begegnet den
8. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
grössten Schwierigkeiten, wo man auf schon be
289
Emden kommt jetzt in diese Lage,' wenn freilich
stehende Räume angewiesen ist, denn kaum wird
dann der strengste Fachmann vermeiden können,
hie und da Zugeständnisse zu machen. Wo aber
ein Museum neu gebaut wird, da darf man wohl
billigerweise verlangen, dass aus den Nachteilen,
die man anderswo gesehen hat, eine Lehre gezogen
wird. Zwei Museen, das in Zürich und das in
München, waren so glücklich, die Freiheit der Raum
gestaltung und Raumanordnung zu haben. Die Stadt |
bei ihr schon von vornherein die beschränkten
Mittel manches Hindernis bereiten werden. Vielleicht
komme ich später einmal auf diese drei Samm
lungen zurück, da konkrete Beispiele mehr noch
als anderswo für die Museumstechnik von Nutzen
sind. Aber die theoretischen Erwägungen durfte
ich heute nicht hintanstellen, denn es lag mir daran,
in dieser wichtigen Frage einmal den Standpunkt
I der Zeitschrift klar zu legen.
Einiges über die Waffen der letzten Grafen von Zrin.
(1670.)
Von Johann von Ille.
Habent sua fata arma.
chon zu wiederholten Malen wurde
in der «Zeitschrift für histo
rische Waffenkunde» auf die im
«Nachlasse» des Grafen Peter
von Zrin (Zrinski)1) Vorgefun
denen Waffen hingewiesen.
Da eine deutsche Über
setzung der lateinischen Ver
zeichnisse des in Rede stehenden «Nachlasses»
meines Wissens bis jetzt noch nicht veröffentlicht
worden ist, so erscheint es nicht unzweckmässig,
eine solche hiermit zu bieten und auch überhaupt
etwas über die Waffen der letzten Grafen von Zrin
zu berichten. Diese Mitteilungen können auf das
Interesse von Waffenfreunden um so gewisser rechnen,
als der letzte legitime Besitzer dieser Waffen eine in
J) Für die Wahl dieser Namensschreibart an Stelle der
eingebürgerten «Zrinyi», war, abgesehen von sonstigen un
anfechtbaren Beweismitteln, J. Siebmachers «Grosses und all
gemeines Wappenbuch etc.» IV. Band, 13. Abteilung, Nürn
berg 1899, «Der Adel von Kroatien», Seite 211 (Tafel 153),
massgebend, sowie nicht weniger der Umstand, dass nahezu
sämtliche offizielle Akten im Hochverrats-Prozesse wider den
Grafen Peter von Zrin fast durchgehends diese Namens
schreibart aufweisen. Zieht man anderseits in Betracht, dass,
wie auch an anderer Stelle berührt wird, der Familienname
Zrin von der gleichnamigen Burg abgeleitet wurde, so konnte
er naturgemäss lateinisch nur de Zrin .(ab Zrin), und kroa
tisch nur Zrinski lauten. Spät erst meldet sich die ungarische
Schreibart Zrinyi, auch aus «Zrin» abgeleitet. In den latei
nischen Urkunden (des 14. und 15. Jahrhunderts) unterschreiben
sich die Zrins als comites de Zrin, doch kommen häufig auch
diese absonderlichen Varianten als: Zyrin, Zdrinio, Sringe,
Srynio, Zerin, Zeren, Serin vor; im 16. und 17. Jahrhundert:
de Zrin, de Zrinio, Zriniensis und selten (in lateinischen Ur
kunden) mit dem Genitiv Zrinij. Der Held von Szigeth
fertigte sich entweder kroatisch mit glagolitischen Buch
staben: «Miklouä Zrinski, ban» (Banus) oder mit lateinischen
Kampf und Streit bewährte historische Persönlichkeit
war, deren tragischer Ausgang trotz ihrer unleug
baren Schuld oder vielleicht eben deswegen noch
heute menschlicher Teilnahme sicher sein kann. Das
Geschick der Zrin’schen Waffensammlung als solche
entbehrt jedoch anderseits auch nicht der Tragik,
indem sie, die einst die Bewunderung der Zeitgenossen
erregte, wie weiter unten dargethan wird, später teils
dem Fiskus verfiel, teils in alle Winde verschleppt
wurde, so dass es heute schwer fällt, wenn ihre Be
standteile überhaupt als solche auffindbar sind, sie
als einmal der Familie von Zrin angehörig festzu
stellen.
Es sei an dieser Stelle ein ganz flüchtiger Rück
blick auf den Werdegang der kroatischen Magnaten
Familie Zrin (Zrinski) gestattet. Sie entstammte dem
geschichtlich hervorragenden, uradeligen, könig
Lettern Miklows Zrinsky; lateinisch: a Zrin, a Zrinio, de Zrini
und nur unter zwei Dokumente als Nikolaus Zriny. Dieser
selten nachzuweisenden Namensschreibart nachzugeben, ist
wohl nicht ganz gerechtfertigt, trotzdem die ungarische
Schreibart «Zrinyi» sich allenthalben eingeftihrt hat und die
Familie von Zrin als eine magyarische dargestellt und als
solche auch vielfach angesehen wird. Eine teilweise Magya
risierung dieser Familie hat wohl stattgefunden, aber erst,
nachdem sich einige ihrer Mitglieder dem evangelischen
Glaubensbekenntnisse zugewendet hatten, in Tschakathurn
wohnten und als Kapitäne von Gross-KaniZa und Ober-Ge
spanne von Zalad hinreichend Anlass fanden, sich mit rein
ungarischen Angelegenheiten zu befassen. Dies alles spielt
sich jedoch erst in den letzten 120 Jahren des Bestehens
dieser Familie ab. Trotzdem, war nun auch Banus Nikolaus
von Zrin (1620—1664) der hervorragendste ungarische Dichter
und Schriftsteller seiner Zeit und ein glühender magyarischer
Patriot, so blieb er stets seiner und seiner Familie Ab
stammung eingedenk, wie dies wohl schlagend genug aus
einem an einen seiner Freunde gerichteten Brief hervorgeht,
in dem eine Stelle lautet: . . . Ego mihi conscius aliter sum,
etenim non degenerem me Croatam et quidem Zrinium esse scio.
290
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
wählenden Geschlechte Subic von Bribir (genus
II. Band.
fallene Burgen wissen noch von ihrer Grösse und
Subich de Berberio) in Dalmatien, das schon früh
zeitig massgebend und schicksalschwer in die Ge
schicke des Königreichs Dalmatien-Kroatien, sowohl
zur Zeit der nationalen Dynastie, als auch nachmals,
besonders nach der Union mit Ungarn, eingegriffen
hatte. Hatten es die wechselvoilen Ereignisse im
Königreiche Ungarn, deren Herrschern es nicht
immer im gewünschten Masse und im Interesse der
Entfaltung ihrer Macht-Prärogative gestattet war, ihre
Aufmerksamkeit dem mit grosser Autonomie aus
gestatteten Schwester-Königreiche Dalmatien-Kroatien
zuzuwenden, so benutzten die Könige aus dem Hause
Anjou, Karl Robert, besonders aber dessen macht
voller, energischer Sohn Ludwig I., die Gelegen
heit, als sich die kroatischen Dynasten-Geschlechter
untereinander bekämpften und dadurch schwächten,
ihre Ideen des Centralstaates anzubahnen und auch
durchzuführen. König Ludwig gelang dies nach
harten Kämpfen mit der Familie Subic erst im
Jahre 1347.
Die Subic beugten sich nunmehr der königlichen
Gewalt, traten den Zankapfel, das feste Schloss
Ostrovica in Dalmatien, ab, wofür ihnen der ge
nannte König die grosse Herrschaft Zrin samt Burg
in Inner-Kroatien verlieh. Sie legten nunmehr auch
ihren alten Geschlechtsnamen ab und benannten sich
von da an nach ihrer neuen Heimat Zrin, Zrinski, d. i.
von Zrin.
Es musste natürlich viel Zeit vergehen, bis die
auf neuen Boden verpflanzte Familie dem neuen
Namen jene Bedeutung erringen konnte, wie sie
früher'den Subic von Bribir zukam; doch auch diese
Zeit reifte heran.
Wollen wir auch von den dem Königshause
Anjou von den Zrinskis in der Epoche der kroa
tischen Bewegung gegen die Tochter Ludwigs I.,
Maria und deren Gemahl, dem nachmaligen Kaiser
Sigismund, geleisteten Diensten, und von ihrer Teil
nahme, die Nachfolge auf den ungarisch-kroatischen
Thron Kaiser Maximilians I. und dessen Nachkommen
zu sichern, ganz absehen, so wird der ruhmvolle,
traditionelle jahrhundertelange Kampf dieser Familie
mit dem «Erbfeinde christlichen Namens», dem
Türken, seitdem er sich auf kroatischem Boden hatte
blicken lassen, unvergänglich in den Annalen der
Geschichte bleiben.
Die Familie Zrin hat nach ihrer Verpflanzung
nach Inner-Kroatien diesem Lande vier Banuse ge
geben, den Ruhm eines Leonidas mit' Nikolaus
Zrinski, dem Verteidiger von Szigeth, neu erstehen
gemacht, in dem Bruderpaare Nikolaus und Peter
von Zrin Dichter und Helden und in letzterem
leider auch einen Unglücklichen von namenloser
Tragik geschaffen.
Nach vielhundertjährigem Bestehen raffte ein
blitzartiges Verhängnis die Familie Zrin spurlos vom
Erdboden hinweg, und nur die Geschichte und ver
ihrem beispiellosen Falle zu berichten.
Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, wird
der Brief eines Zeitgenossen über das Schloss
Tschakathurn, als das Brüderpaar Nikolaus und Peter
noch in Machtfülle und in Glanz lebten (1660), um so
interessanter und aktueller. Der Briefsteller, der
Niederländer Jacob Tollius (geb. zu Utrecht 1640 (?)
und gestorben daselbst 1696) hat auf einer im
Jahre 1660 von Amsterdam aus nach Deutschland,
Oesterreich und Ungarn unternommenen Reise1) auch
obiges Schloss berührt und erzählt über das von
ihm daselbst Gesehene beiläufig wie folgt:
«Das Schloss ist höchst prächtig und sehr aus
gedehnt, bestens gegen Türkenangriffe bewehrt, bei
nahe von allen Seiten von Wasser umgeben und mit
unterirdischen Gängen versehen .... Wir bewunderten
von der Barbarei der umwohnenden Völker einge
schlossene Gebäude edelsten Stils, eine hervorragend
gebildete Familie, den reichsten Hausrat und überall
den höchsten Glanz. In den Säulengängen hingen
erbeutete Türkenrüstungen, Bogen, Köcher, Keulen,
Schilde und sonstige Waffen aller Gattungen, deren
Glanz jedoch von dem der Damascener Krummsäbel
übertroffen wurde. Es gab unter diesen solche, deren
Griff mit Gold und Silber geschmückt, solche, deren
Scheiden mit Edelsteinen reich geziert waren; wir
sahen in den Hallen die den Türken abgenommenen
mit Blut getränkten Fahnen hängen .... Ferner wurde
uns die Rüstkammer, welche mehr als man glauben
könnte mit ehernen Wurfmaschinen, Geschossen,
Wurfspiessen, Krummsäbeln und Waffen verschie
denster Art angefüllt war, gezeigt....» Doch nicht
nur dem Mars geweihte Stätten, auch solche, welche
von dem ernsten Streben und dem Kunstsinn seiner
Besitzer Zeugnis gab, bewunderte der Reisende, so
die Bibliothek, die Schatzkammer, die Münzen
sammlung und die Gemäldegalerie. Diese enthielt
viele Bildnisse von Regenten, Prinzen, berühmten
Männern und Frauen, worunter auch die Martin
Luthers und dessen Ehefrau Katharina, in besonders
kunstgerechter Ausführung u. s. w.
Diese Stätte einer verfeinerten Kultur, des Kunst
sinnes, der kriegerischen Erinnerungen und des trauten
Familienlebens verliess Peter von Zrin für immer,
als er, um sich mit seinem Schwager und Mit
schuldigen, dem Grafen Franz F'rangepan, dem Kaiser
auf Gnade undUngnade zu übergeben, am 13. April
1670 nächtlicherweise bei Tschakathurn die Mur
übersetzte und am 17. April in Wien eintraf.
Noch am sölben Tage wurden die beiden
Magnaten in Gewahrsam gebracht und bald darauf
hub der Prozess an, der mit der Plinrichtung der
beiden am 30. April 1671 zu Wiener-Neustadt endete.
Am 23. April 1670, sechs Tage nach der Ver
haftung der beiden kroatischen Edlen, schreibt die
*) Vergleiche: Jacobi Tolii epistolae itinerariae ex
auctoris scliedis postumis recensitae, suppletae, digestac etc.
cura et Studio Henrici Christiani Henniuii. Amstelodamii 1700.,
8. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
österreichische Hofkammer der Hofkanzlei, dass über
291
was der Kammer nach dem justifizierten Grafen Peter
kaiserlichen Befehl die ung arische Hof kammer«nomine
f
isci regni» die Güter genannter Magnaten und deren
Anhänger einzuziehen habe u. s. w.
Die auf die Konfiskation Bezug nehmenden Be
gehungen und Aufschreibungen wurden am 19. Mai
1670 begonnen und waren am 2. August genannten
Jahres beendet.
Es kann somit von einer Habe, einem Besitztum
der beiden Magnaten vom Augenblicke an, wo der
Fiskus die Konfiskation vollstreckte, füglich nicht
mehr die Rede sein; somit erscheint der Ausdruck
«Nachlass», als Bezeichnung für die Kontiskations
masse Zrins oder Frangepans, wohl nur als ein
Anachronismus, weshalb ich dieser, meines Erach
tens nach nicht glücklich gewählten Bezeichnung,
stets nur zwischen Anführungszeichen Erwähnung
thue. —
Immerhin lässt sich die Entstehung'sweise der
Bezeichnung «Nachlass» vielleicht dadurch erklären,
dass später, wie thatsächlich geschehen, die Hälfte
sämtlicher Zrinschen Güter dem Neffen des hin
gerichtcten Banus, Adam von Zrin, von der Hof
kammer zugesprochen worden waren, was (1673)
eine erneuerte Aufnahme des gesamten beweglichen
und unbeweglichen ehemaligen Besitztums dieser
Familie durch den Fiskus erforderlich machte. Da
hierbei ein Unterschied zwischen dem, was zu Leb
zeiten jedem der beiden Brüder (Nikolaus und Peter
von Zrin) speziell zu eigen war, gemacht werden
musste, um eine «reinliche Scheidung» zwischen dem,
Verzeichnis der gelegentlich der Aufnahme
bezw. konfis:
I. Auro et argento obducta Sceptra, Bozdohan,2 3 4)
Frameae et Gladii seu Pallas.
1. Sceptrum argento deauratum ex Iigno hebeni.5 6)
2. Sarcullus ex albo argento in extremitatibus rosis per
totum argento inanrato obductus.
3. Gladius Pallas dictus, cum ferro exigui valoris; vagina
bisto rubro obducta nullo ornata argento; manubrium
vero totum argenteum parvulis tirkissiis (quorum tres
desunt) ornatum; in extremitate manubrii Superiori caput
draconis in ore granuni corolae seu clarys rubrum gestans;
sine omni ligatura.
4. Alius gladius Pallas dictus, cujus vagina preter manu
brium in sex locis argento deauratis rosis ornata, et
crux similiter argentea deaurata cum ligatura et ferro
bonq.
’) Relatio confiscationis universorum bonorum comitum ab
Zrin, et Francisci aTersacz (Frangepan) nonnullorumquealiorum,
iisdem comitibus in detestabili rebellione contra suam sacra
tissimani Maiestatem adhaerentium, per nos Petrum Prasinsky
et Franciscum Spoliarich sacrae caesarae regiaeque maiestaiis
capitalis tricesimae Nedelicensis exactorem et contrascribam,
velut fisci regii mandatorios, cum patentitus litteris praefatae
suae sacratissimae maiestatis nec non inelytae camerae hun
garicae posoniensis commissione ac instructione adid is spe
cialiter exmissos et delegatos modo et ordine infrascripto,
partim simul, partim vero divisim peractae. — Dieser sehr
umfangreiche Bericht befindet sich im königlichen Landes
Archive zu Agram; eine verifizierte Abschrift bei der siid
slavischen Akademie der Wissenschaften ebendaselbst.
von Zrin zuzukommen hatte und dem, was dem
einzigen und letzten Erben gehören sollte, herbei
zuführen, ist es leicht möglich, dass man das nach
weisbar dem 1664 verstorbenen Nikolaus von Zrin
zu eigene Besitztum mit «Nachlass» bezcichnete;
jedenfalls ist dieser Ausdruck auf das konfiszierte
Besitztum, wie oben angeführt, nicht anwendbar.
Für die Zusammenstellung der Verzeichnisse
über die gelegentlich der Aufnahme der Zrinschen
Güter u. s. w. Vorgefundenen bezw. konfiszierten Waffen
dienten;
1. Die Aufschreibungen der Konfiskations-Kom
mission1) und
2. eine Spezifikation der in Tschakathurn Vor
gefundenen (konfiszierten) Kunst- und Wertgegen
stände, die einstens den Grafen von Zrin an
gehörten2) u. s. w. u. s. w. Hierbei sei ausdrücklich
hervorgehoben, dass im folgenden Ausweise sämt
liche von der Kommission Vorgefundenen und spezi
f
izierten Waffen, ohne Rücksicht auf den Umstand,
ob sie thatsächlich der Konfiskation unterzogen oder
nachträglich dem Erben Adam von Zrin zugesprochen
wurden, aufgenommen sind, um so mehr, als im Jahre
1670 von einer Erbabtretung schlechterdings noch
nicht die Rede war.
Der Vollständigkeit halber ist der deutschen
Uebersetzung der lateinische Urtext beigefügt.3)
Bei Bezugnahme auf einen der beiden citierten
Ausweise wird der Kürze halber der eine mit «Aus
weis 1», der andere «Ausweis 2» bezeichnet werden.
der Zrinschen Güter u. s.w. Vorgefundenen
erten Waffen.
I. Vergoldete und versilberte Szepter, Streitäxte,4)
Schwerter oder Pallasche.
1. Szepter aus Ebenholz mit vergoldetem Silber.5)
2. Streitaxt aus weissein Silber, am Stielende mit Rosetten
ganz aus vergoldetem Silber geschmückt.
3. Schwert, Pallasch genannt, mit Klinge von geringem
Wert; Scheide aus rotem Sammet ohne Silberverzierung,
der Griff jedoch ganz von Silber und mit kleinen Tür
kisen geziert, von welchen aber drei fehlen; am Knauf
ist ein Drachenkopf und in dessen Maule Korallen oder
eine rote Schelle angebracht. Ohne Gehäng.
4. Ein anderes Schwert, Pallasch genannt, welches, abge
sehen vom Griff, an sechs Stellen der Scheide mit silber
vergoldeten Rosetten geziert ist; die Parierstange ist
ähnlich silbervergotdet. Mit Gehäng. Gute Klinge.
2) Specificatio omnium Chaktornyae inventatarum et pro
s. c. r. maiestate reservatarum mobilium quondam comitis a
Zrin, Chaktornyae die 30 mensis Octobris 1671 etc. etc. etc.
Diese Aufschreibung wird im königlichen Landes-Archive zu
Agram aufbewahrt.
3) Bei den krausen, lockeren Formen des Lateins jener
Zeit, das namentlich in terminologischer Hinsicht durchaus
kein festes Gepräge trägt, ist die Uebersetzung keineswegs
einfach. Auseinandergehende Ansichten sind daher leicht
möglich.
4) Kroatische Form für das türkische Wort bozdogan
= Streitaxt; lateinisch clava.
6) Ist im «Ausweise 1« nicht angeführt.
39
292
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
5. Item gladius Pallas dictus, antiqui ferri boni cujus manu
II. Band.
5. Gleichfalls ein Schwert, Pallasch genannt, mit guter, alter
brium in partibus, crux vero totaliter argentea cum liga
tura ex serico caelestini coloris.
6. Gladii seu Pallas dicti quoram cruces et extremitates ex
argento deaurato.
Framea cum manubrio ex jaspide, tirkissiis et rubinis
granatisque ornata, et vagina purp auro noviter elabo
rata: in qua non nisi in cuspide et extremitate unicus et
medius lapis cum ferro damasceno aestimatur 6000 flore
norum.
8. Alia framea argento inaurato obducta lata, cum lapide
granato seu sanguineo Pluetstein dicto in manubrio ejus
dem frameae cum Zona sericea, novi operis cum ferro.
9. Item Framea cum ferro damasceno argento albo, et in
rosis deaurato obducta: antiquioris laboris cum Zona
sericea simili cerulea.
10. Frameae aequales noviter factae, et argento inaurato
in manubriis et extremitatibus copiose circumductae, in
quarum cujuslibet manubrio similis lapis ruber Pluet
stein vocatus, habens ferrum utriusque vel turcicum
vel damascenum.
11. Framea argento inaurato elaborata nova, habens manu
brium ex cornu bubali, ferrum turcicum cum zona nova
sericea caerulea.
12. Framea cum ferro damasceno in qua duo tirkissii et
unus ruber, lapilli eidem ferro apositi imediate sequenti
consimili praeter manubrium, etiam ex cornu bubali.
Crux vero argentea antiqui operis in extremitatibus
pridem inaurata; sine omni ligatura et zona.
13. Framea cujus manubrium et extremitates argento inaurato
obductae sunt, ferrum turcicum cum zona sericea coerulea;
sed framea attrita.
14. Framea in extremitatibus et per totum manubrium in
forma antiqua argento inaurato obducta, cum ligatura
correi veteris similiter argento inaurato, in certis locis
ornata, cum ferro Fringiae Genuae.1)
15. Aequales frameae fere aequaliter argento inaurato in
locis debitis obductae, ligaturae earundem aequales ex
coreo argento inaurato ornatae unius ferrum turcicum,
alterius latius antiquum ferrum.
16. Framea simplicis, antiqui argenti, sicut et corei ligatura
inaurata ornata, cum ferro turcico, valde attrita.
17. Framea cum ferro antiquo brevis albo argento simpliciter
ornata, cum ligatura ex correo.
18. Pugio turcicus cum vagina argentea, habens in fronte
manubrii tirkissium unum.
II. Arma.
1. Sclopi longi tessim inaurati, et matre perlarum ornati.2)
2. Sclopetum longum florentinum in extremitatibus ubique
argento obductum.2)
3. Sclopeta Brixiensia (3).2)
4. Carabina belgica in extremitatibus argento ornata.
5. Paria Pistolarum, interquae unum rakoczianum in extremi
tatibus puro auro obductum (14).2)
6. Sclopi longi cum fistulis ductilibus (23).
7. Sclopi Karabin dicti (16).3)
8. Pistolarum cum hebano et in extremitatibus argento
inaurato ornatarum (par i).3)
9. Item pistolarum gallici et germanici operis simplicium
(paria 29).3)
10. Item cum hebano (paria 2).3)
11. Pistolarum (paria 199).“)
12. Item Karabinae (270).3)
13. Sclopi longiores (5).*)
14. Sclopi longi cum fistulis ductilibus (20).3)
*) Im «Ausweise 1» steht «Fringia gemma».
2) Nur im «Ausweise 2» verzeichnet.
3) Nur im «Ausweise 1» verzeichnet.
Klinge; der Griff ist teilweise, die Parierstange jedoch
gänzlich aus Silber. Das Gehäng ist aus blauer Seide.
6. Zwei Schwerter, Pallasche genannt, deren Parierstangen
und Knäufe aus vergoldetem Silber.
7. Säbel mit Jaspis-Griff, der mit Türkisen, Rubinen und
Granatsteinen geschmückt ist; die Scheide, aus purem
Golde, erneuert, hat an jedem Ende und in der Mitte je
einen Stein. Damascener-Klinge. Schätzungs-Wert 6000 fl.
8.. Ein anderer breiter Säbel, silbervergoldet, geschmückt
am Griff mit einem Granatstein oder Blutstein (Hyazinth).
Tragschnur aus Seide. Mit neuer Klinge.
9. Ferner ein Säbel aus weissem Silber mit Damascener
Klinge und mit vergoldeten Rosetten. Alte Arbeit. Seiden
artige blaue Tragschnur.
10. Zwei gleiche neue Säbel, reich am Griff und an den
Spitzen mit vergoldetem Silber verziert; jeder Griff ist
mit je einem roten Stein (Blutstein, Hyazinth) geschmückt.
Der eine hat eine türkische, der andere eine Damascener
Klinge.
11. Neuer silbervergoldeter Säbel mit BUffelhorn - Griff.
Türkische Klinge. Neue seidene blaue Tragschnur.
12. Säbel; Damascener-Klinge, in ihr zwei Türkisen Und ein
roter Stein eingelassen. Dieselben Steine an der folgen
den Klinge, die zu einem bis auf den Griff ganz ähn
lichen Säbel gehört. Dieser Griff hier (von Nr. 12) auch
aus BUffelhorn (wie Nr. 11). Die Parierstange ist aus
Silber, an den Enden von früher her vergoldet. Alte
Arbeit. Ohne Gehäng und Schnüre.
13. Säbel, dessen Griff und Spitze silbervergoldet sind.
Türkische Klinge. Blaue Seidenschriüre. Der Säbel ist
abgenutzt.
14. Säbel von altertümlicher Form, an der Spitze und der
ganze Griff silbervergoldet; das Wehrgehäng von altem
Leder, ähnlich silbervergoldet, an einigen Stellen ge
schmückt, Klinge mit der Inschrift Fringia Genua.1)
15. Zwei gleiche Säbel, die fast an denselben Stellen silber
vergoldet sind. Beide lederne Wehrgehänge sind silber
vergoldet. Die Klinge des einen Säbels ist türkisch, die
breitere des anderen von altertümlicher Art.
16. Gewöhnlicher Säbel mit altem Silber. Das lederne Ge
häng vergoldet. Die Klinge türkisch, sehr abgenutzt.
17. Kurzer Säbel mit altertümlicher Klinge, mit weissem
Silber einfach verziert. Gehäng aus Leder.
18. Türkischer Dolch (Handzar) mit silberner Scheide; auf
der Griff-Stirnseite ein Türkis.
II. Gewehre, Pistolen, Bogen und Pfeile.
1. Zwei lange mit Gold und Perlmutter verzierte Gewehre.2)
2. Lange Florentiner-Büchse oben und unten allenthalben
mit Silber ausgelegt.2)
3. Drei Brescianer-Gewehre.2)
4. Belgischer Karabiner, oben und unten mit Silber verziert.
5. 14 Paar Pistolen, wovon eines von Rakoczi herrührend;
an den Enden mit Verzierungen aus purem Golde.2)
6. 23 lange Gewehre mit gezogenen Läufen.
7. 16 Karabiner.3)
8. Ein Paar Pistolen aus Ebenholz und an den Enden mit
vergoldetem Silber geziert.3)
9. 29 Paar einfache Pistolen von französischer und deutscher
Arbeit.3)
10. Zwei Paar Pistolen aus Ebenholz.3)
11. 199 Paar Pistolen.3)
12. 270 Stück Karabiner.3)
13. Fünf längere Gewehre.3)
14. 20 Stück lange Gewehre mit gezogenen Läufen.3)
8. Hett.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
15. Sclopus unus oblongus laboris italici, argenteis circum
293
15. Ein längeres Gewehr italienischer Arbeit, an geeigneten
ferenteis in locis oportunis ornatus (i).1)
16. Sclopus alter oblongus similiter italici simplex (i).1)
17. Item similis minor sclopus italici operis (i).1)
18. Item alii sclopi oblongi simplices cum fistulis ductilibus1).
19. Item sclopus Karabin dictus cum duabus fistulis (i).1)
20. Sclopi italici operis brassaniensis (2).1)
21. Item sclopi alii oblongi et breves cum ductilibus
f
istulis (13).1) *
22. Item sclopus bohemici operis Karabin dictus (i).1)
23. Item pistolarum operis germanici nobiliorum (paria 6).2)
24. Arcus et sagittae tartaricae cum thecis aureo et argenteo
f
ilo contextis.1)
25. Arcus tres cum sagittis.1)
Einen auf Pferdeausrüstungen bezüglichen dritten
Teil bringe ich aus Rücksicht auf den mir zur Ver
fügung gestellten Raum nicht; zumal er an dieser
Stelle und in dem Zusammenhang dieser Arbeit
nicht von dem Interesse ist, wie der erste und zweite
Teil. Zur besonderen Genugthuung würde es mir
aber gereichen, sollte es auf Grund der Mitteilung
dieses Verzeichnisses gelingen, durch Vergleich
wenigstens die hervorragenderen Stücke der ver
schollenen Waffensammlung wiederfinden zu helfen.
Zieht man in Erwägung, dass sich die Konfis
kation nicht nur auf Tschakathurn,' sondern auch auf
die nicht minder grossen und prächtigen Herrschaften,
wie Buccari, Ozalj, Ribnik und die übrigen zahl
reichen Güter, Schlösser, Jagd- und Zinshäuser er
streckte, die sämtlich Zrinsches Besitztum waren, so
müssen die im Verzeichnisse ausgewiesenen, absolut
wenig zahlreichen Waffen u. dgl. mehr als zu dem
Reichtum und dem ausgedehnten Konfiskations-Gebiet,
das die Zrinsche Habe einnahm, in keinem Ver
hältnisse stehend angesehen werden und dies mit
vollem Rechte.
Der Grund dazu ist wohl hauptsächlich darin
zu suchen, dass die Zrinschen Güter bei offen
kundigem Ausbruche der Magnaten-Verschwörung
vom Militär der zunächstliegenden Generalate besetzt
wurden, das die Habe der Rebellen, nach der An
schauung jener Zeiten, als vogelfrei ansah und dem
entsprechend vorging. Die z. B. Vorgefundenen un
geheueren Vorräte an Lebensmitteln jeder Art wurden
nach dem Grundsatz, dass der Krieg den Krieg
ernähre, teilweise zur Verpflegung der Truppen ver
wendet.
Liest man die offiziellen Stossseufzer in den
Konfiskations-Protokollen, so wird manches ver
ständlich, und auch der geringe Verbleib an Waffen
und Aehnlichem erklärlich. So heisst es bezüglich
des berühmten Zrinschen Schlosses Ozalj: «In eadem
arce res mobiles plane nullae sunt inventae, sed
omnes per officiales dicti praesidii3) hominesque
eorum, ablatae, distractae et abductae sunt, immo
') Nur im «Ausweise 1» verzeichnet.
2) Nur im «Ausweise 2> aufgenommen.
!1) d. i. der Festung Karlstadt.
Stellen mit herumgewundenen Silberornamenten verziert.1)
16. Ein anderes ähnliches, längeres, italienisches Gewehr.1)
17. Desgleichen ein ähnliches kleineres Gewehr; italienische
Arbeit.1)
18. Ferner zwei längere, einfache Gewehre mit gezogenen
Läufen.1)
19. Ein zweiläufiges Gewehr.1)
20. Zwei italienische Gewehre; Brescianer Arbeit.1)
21. 13 teils längere, teils kurze Gewehre mit gezogenen
Läufen.1)
22. Ferner ein Karabiner böhmischer Arbeit.1)
23. 6 Paar Edelmanns-Pistolen deutscher Arbeit.2)
24. Tartarische Bogen und Pfeile mit Gold und Silber durch
wirkten Köchern.1)
25. Drei Bogen mit Pfeilen.1)
nec portae nec fenestrae intactae remansisissent,
verum seräe reliquaque ferramenta cum summo damno
sunt ablata» u. s. w. Nichts Besseres wissen die
Akten über die Amtshandlung in Ribnik zu er
zählen: «In eodem castello res mobiles nullae in
ventae sunt».
Nichts als 80 Mass Getreide fand der königliche
Fiskus mehr vor!
Begiebt man sich endlich auf das Gebiet der
Frage, wohin die Waffen der Familie von Zrin hin
gekommen sein mögen, die konfiszierten und ver
schleppten, so ergiebt sich die Antwort betreffs der
letzteren aus dem über das Geschick der meisten
Zrinschen Güter Gesagten von selbst. Hierüber
Näheres in dem Anhang.
Bezüglich der konfiszierten oder später der
Kammer anheimgefallenen Waffen giebt, wenn auch
im negativen Sinne, die beste Antwort Dr. Johann
Szendreis bekanntes Werk: «Ungarische Kriegs
geschichte, Denkmäler in der Millenniums-Landes
Ausstellung», Budapest 1896.
Unter 8739 ausgestellten Objekten des Waffen
handwerks, von denen dieses Buch handelt, konnten
nur vier Gegenstände konstatiert werden, die ehemals
mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit der
gräflichen Familie Zrin zu eigen gewesen sind, und
zwar Nr. 817 der Hehn des Helden von Szigeth,
Nr. 818 dessen Säbel, Nr. 3045 ein Schwert der
Familie Zrin und Nr. 6538 eine Fahne.
Nachdem der Helm Nikolaus’ von Zrin (Nr. 817)
schon 1586 im Inventar des Ambraser Schlosses
f
iguriert, so kommt er demnach hier nicht weiter in
Betracht; ebenso kann füglich über die Jagd-Fahne
(Nr. 6538) wegen ihrer Wert- und Bedeutungslosig
keit hinweggegangen werden.
Das unter Nr. 3045 angeführte Schwert zeigt
auf seiner inneren Klingenseite folgende lateinische
Inschrift:
Hunc gladium | antiquum | persicum praeda |
in bello contra Turcas proprietas | erat Comitis |
Nicolai ultimis | ex stirpe | ZRINYI | decapitatis |
1680 | Deinde proprietas | Francisci Ultimi Comitis
Csikulinyi | postea in familia | Sermage | Comitum
Petri | I Troylli Henrici | Ottonis Arthuri.
39*
294
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Diese Inschrift weist zwei in die Augen springende
II. Band.
So lässt sich das Schicksal der Peter von Zrin
«Schnitzer» auf, denn erstens wird ein Nikolaus
als der letzte Zrin bezeichnet, und zweitens lässt ihn
die Inschrift im Jahre 1680 enthauptet werden.
Meiner unmassgeblichen Meinung nach könnte
das Schwert wohl ganz gut Besitz eines Mitgliedes
der Familie Zrin gewesen sein, doch führt die Ver
knüpfung der Namen Nikolaus Zrin und Ciccolini
auf eine ziemlich glaubwürdige Vermutung bezüglich
der Geschicke des fraglichen Schwertes. Nikolaus VI.
Graf von Zrin (1625) war ein arger Verschwender
und Trunkenbold gewesen. Anstatt als Haupt der
Familie Hab und Gut zusammenzuhalten, verschenkte
oder verschleuderte er zahlreiche seiner Güter in un
vernünftigster Weise; so verpfändete er beispielsweise
das einträgliche Gut Pribic um einen unverhältnis
mässig geringen Betrag an den Kapitän des kroatischen
Küstenlandes Georg Ciccolini (Cikulin, Csikulinyi),
nachdem er ihm früher schon das Gut Grobnik im
Rausche geschenkt hatte. Kann unter solchen Um
ständen nicht leicht der Fall eingetreten sein, dass
auch das fragliche Schwert durch diesen Nikolaus
an den erwähnten Ciccolini gekommen ist, woraus
im Laufe der Jahre eine gern geglaubte Legende
entstand, die auch zu der teilweise irrtümlichen und
anachronistischen Inschrift auf der Schwertklinge
führen konnte? Auch aus der knappen Thatsächlich
keit mit der Dr. Szendrei dieses Objekt angeblich Zrin
scher Provenienz kommentiert, lässt sich der Schluss
ziehen, dass er der supponierten Abkunft des
Schwertes nur kühlen Zweifel, in Schweigen um
gesetzt, entgegenbringt.
Der unter No. 818 des Szendreischen Werkes
verzeichnete angebliche Säbel des Helden von Szigeth
entspricht nach der gegebenen Beschreibung keinem
der in dem obigen Verzeichnisse erscheinenden Säbel,
was der Vermutung Raum verleiht, dass er entweder,
wie der Helm (Nr. 817), schon früher, d. h. vor der
Katastrophe der Familie von Zrin, in eine der kaiser
lichen Sammlungen gelangt oder aber der Kon
f
iskations-Kommission nicht Vorgelegen hat.
Nachdem die Millenniums-Ausstellung in Budapest
in nicht genug zu rühmender und nachahmenswerter
Tendenz alles, was auf die vaterländische Geschichte
und Vergangenheit im Laufe des verflossenen Jahr
tausends Bezug nahm, aus Nah und Fern heran
ziehend zu umfassen und zu umspannen trachtete,
und dies speziell bei den wenigen, die Grafen von
Zrin betreffenden Objekten in dankbarer Erinnerung
an diese für Ungarn und Kroatien gleich denkwürdige
Familie, wie dies aus Szendreis Werk hervorgeht, in
besonders pietätvoller Weise zu Tage tritt, so kann
man überzeugt sein, dass alles auf diese Familie Be
zügliche, also auch die von ihr herstammenden und
vorhandenen Waffen, in Budapest zur Ausstellung
gelangt sind. Wie aus dem von uns versuchten Nach
weise entnommen werden wolle, ist jedoch wahr
scheinlich keiner dieser wenigen Gegenstände als aus
der Konfiskationsmasse herrührend anzusehen.
schen Waffen kurz darstellen: Konfisziert, verdorben,
verschleppt, in Privatbesitz übergegangen, wo sie nur
ein untergeordnetes Dasein fristen dürften, da von
ihrem Vorhandensein nichts bekannt geworden ist.
Ich glaube noch hervorheben zu sollen, dass
in den angesichts des bevorstehenden nahen Lebens
endes verfassten letztwilligen Verfügungen Peter von
Zrin auch einige seiner Waffen erwähnt:
. . . Filio relinquo «frameam, quam in occa
sionibus portavi; fuit Solimani imperatoris, demum
Bathorii regis Poloniae et per Rakoczium devenerat
in meas manus; est apud dominum colonellum
tenentem civitatis guard. vienen. Petrum Hugart.
Praeterea «clavam argenteam •>, quae est apud
Spankau,1) «a sua maiestate mihi donatam, quam
avus meus Georgius Zrin. parens Georgii, patris
mei, a Sassuar-Passa in conflictu est lucratus ...»
Penultima die vitac meae.2)
Petrus a Zrin.
Ob Johann Anton, der «filius relinquus», in den
Besitz dieser Waffen seines Vaters getreten ist, ist
mir nicht weiter bekannt geworden. —
Anhang.
Die erwähnten, anlässlich der Katastrophe der
Geschlechter Zrin und Frangepan zu Tage getretenen,
durch die in Kroatien damals kommandierenden
Generale und höheren Offiziere, wie Herberstein,
Souches, Spankau, Paradeiser, Sauer, wie nicht
minder den Grafen Nikolaus Erdödi verübten,
Aergernis erregenden, von der Konfiskations-Kom
mission wahrheitsgetreu geschilderten Missbräuche,
veranlasstcn Kaiser Leopold I. 1672 im Wege des
Hofkriegs-Rates eine strenge Untersuchung nach den
Schuldigen einleiten zu lassen.
Die in dieser Angelegenheit vorhandenen Akten
liefern über das Schicksal der verschleppten Zrin
schen Waffen ein interessantes, reichhaltiges Material,
doch kann wegen Raumbeschränkung nur dies oder
jenes Detail gebracht werden.
So giebt ein beeideter Zeuge an, dass aus
Legrad auf der Mur-Insel die Untergebenen des
Generals Spankau und des Obersten Leslie Waffen
jeder Art (arma omnis generis) fortgetragen hätten;
in Buccari wurden zu Schleuderpreisen 280 schöne
lange Barbaresken-Gewehre vergeben; die Burg Kri
zanj giebt 18 lange Gewehre an die Beutelustigen
ab; das Schloss Bribir deren 43, sowie noch «plures
huius modi sclopos, pulveres et plumbum et unum
tympanum militare (Heerpauke)».
Aus Ribnik wurden unter andern fortgeschleppt
47 Musketen, 60 Pulver-Büchsen, zwei kleine Ge
schütze samt Lafette, zwei Mörser u. s. w.
Ozalj gab seiner Grösse und Pracht entsprechend
auch eine bedeutende Beute an Waffen und Aehn
*) General Spankau, der das Schloss Tschakathurn be
setzte.
2) 29. April 1671.
,8. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
lichem ab, unter andern seien erwähnt: ein silber
295
einfacherer Art; Hunderte von Säbelklingen ohne
verg-oldetes Pferdegeschirr, das mit kostbaren Edel
steinen geschmückt war; die Zügel ebenfalls silber
vergoldet und mit 59 Türkisen und 166 Rubinen
und Smaragden geziert; ein Schwert, silbervergoldet;
desgleichen ein solches, Kordec genannt; eine Säbel
scheide aus purem Silber; Armbrüste mit Pfeilen,
Köchern aus Silber- und Goldarbeit; andere ähnliche
Köcher von schöner Arbeit; Wehrgehänge von kost
barer Ausführung für deutsche und andere Schwerter;
acht prachtvolle Gewehre, viele Säbel und Gewehre
Griff; vier Stück vergoldete schöne Brustschilde;
Speere zum Erlegen von Bären; Hellebarden mit
ciselierter Arbeit; 30 Mörser und Kanonen, seidene
Fahnen; einfache Fahnen; Sättel, Schabracken sonder
Zahl u. dgl. m.
Tschakathurn, das als ständiger Aufenthaltsort
der Grafen Zrin in letzter Zeit wohl am besten ein
gerichtet gewesen sein wird, wird in diesen Zu
sammenstellungen nicht erwähnt; dort hatte General
Spankau längere Zeit sein Hauptquartier.
Eine alte Abhandlung über Geschossgeschwindigkeit.
Von A. Meyer,
Oberleutnant im königl. sächs. Infanterie-Regiment No. 178.
fm Besitz der Bibliothek des königlich
sächsischen Generalstabes in Dresden
befindet sich unter B VII 1045 e>ne
Handschrift, betitelt: «Kurtze und
Gründliche Abhandlung von
der wahren und Scheinbah
ren Bewegung derer Bomben.
Heraus gegeben von Heinrich
Kühn. Dantzig MDCCXXXV».
Ich benutze die mir seitens der
Generalstabsbibliothek erteilte Erlaubnis zu einer
Besprechung dieser Abhandlung, die in mancher
Beziehung Bemerkenswertes aufweist. Die bei den
Figuren in Klammern stehenden Zahlen geben die
Numerierung der Zeichnungen des Originals an,
welche keineswegs alle wiedergegeben werden
mussten, da einige von ihnen von Dingen handeln,
die heute jedem Gebildeten geläufig sind.
Dr. Heinrich Kühn, geboren am 19. Novbr.
1690 in Königsberg, war von 1733 bis zu seinem
Tode, 6. August 1769, Professor der Mathematik
am Akademischen Gymnasium zu Danzig1) und er
lebte die Belagerung, welche Danzig 1734 infolge
der polnischen Thronfolgewirren und seiner Partei
nahme für Stanislaus Leszczynski zu erdulden hatte.
Während und nach dieser Belagerung sind nun, wie
ich in vielen der mir von der Danziger Stadtbibliothek
freundlichst zur Verfügung gestellten Schriften nach
lesen konnte, die abenteuerlichsten Nachrichten über
Bewegung und Wirkung der Bomben von Mund zu
q Geschichte des Akademischen Gymnasiums in Danzig
von Dr. Theodor Hirsch, Professor. Diese Schrift ist mir
durch die Güte der Archivverwaltung und der Stadtbibliothek
zu Danzig zur Verfügung gestellt worden, wofür ich gern an
dieser Stelle meinen besten Dank ausspreche.
Mund gegangen und haben, wie es scheint, die Ge
müter ziemlich stark erhitzt. Zur Klärung der vielen
Zweifel und zur Bannung abergläubischer Ansichten
suchte Kühn durch seine Abhandlung- einer ver
nünftigen Ueberlegung Bahn zu brechen, und hierzu
scheint mir die Schrift auch sehr gut geeignet
zu sein, denn sie ist sehr klar geschrieben, und
wenn ich mir erlaube, in dem oder jenem Punkte
anderer Ansicht zu sein, so liegt es mir fern,
das Verdienst des seligen Professors verkleinern
zu wollen.
Zuerst giebt Kühn an, was -ihn zu seiner Ab
handlung veranlasst:
«Das traurige Anschauen der Bombardirung, welche
diese gute Stadt in dem verwichenen Jahr bey der auf
g Wochen langen Belagerung hat erfahren müssen, hat
sowohl damahls als auch nach der Zeit bey ihren Ein
wohnern zu einigen Streit Fragen gelegenheit gegeben,
worüber die meisten sich nicht haben vergleichen können.
Der grösste Haufen war der Meynung, die Bomben
kähmen nach einer geraden Linie herauf gestiegen, und
f
ielen nachdem sie ihre Höhe erreichet, gantz gerade zu,
oder senkrecht herunter. — Eben so stark wurde ge
glaubet, die Bomben wichen im Herunterfallen aus ihrer
vorigen Bahn, nach welcher sie sehr nahe auf den Zu
schauer anzukommen schienen, und dreheten sich nach
gehends vorwärts etliche.(unleserlich) weit nach
der Seiten weg. Dieses fand noch mehr Beyfall, als
von vielen berichtet wurde, sie hätten eine Bombe ge
radezu nach der rechten Seite eines gewissen Kirchthurms
ankommen sehen welche sich aber ohnweit des Thurmes
dergestalt gewendet, dass sie gleichsam einen halben
Circul umb denselben beschrieben, indem sie forne den
Thurm vorbey, darauf nach dessen linker Seite gegangen
und endlich sehr weit abwärts zur linken Hand des
Thurms niedergefallen; Wiewohl andere der Meynung
waren, man müsste diesen Zufall nicht zu der ordent
lichen Bewegung der Bomben rechnen, sondern ihn viel
mehr vor ein Wunderwerk annehmen wodurch Gott das
Unglück von dem Kirchthurm hätte abwenden wollen.»
2QÖ
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Gegenüber solchem Wunderglauben stellt nun
II. Band.
wesentlich von der wirklichen, so sehr sich mancher
Kühn zunächst fest: «Es ist bey den Gelehrten eine
ausgemachte Sache das alles seinen zureichenden
Grund oder Ursache haben muss, warum es so und
nicht anders ist.» Ob unser Professor, wie mannig
fach die Mathematiker, als gottlos verschrieen war,
weiss ich nicht, immerhin ist ein solcher Ausspruch
eines schlichten Schulmeisters bemerkenswert zu einer
Zeit, wo der Wunderglauben in der Vorstellung der
Massen wie in der Praxis der Gerichte noch keines
wegs überwunden war, und man gar wohl durch
freie Meinungsäusserungen in den Ruf eines Lästerers
kommen konnte.
Dem nicht mathematisch gebildeten Leser führt
Kühn nun die Gesetze der Trägheit, des Falles und
der Bewegung auf schiefen Flächen auf
und abwärts vor. Die Darstellung ist
etwas umständlich, doch liegt dies nur
an der damaligen Schreib- und Sprech
Fig. 4 (9)
weise, die logische Entwickelung der Gedanken ist
durchaus klar und ansprechend. — Indem er zu-
nächst ganz von dem Einfluss des Luftwiderstandes
absieht, zeigt dann unser Professor, dass, «wie solches
der berühmte Plorentinische Mathematiker Galilaeus
...schon vor mehr als hundert Jahren, zuerst aus
fündig gemacht hat», die Bahn der Bomben eine
Parabel sei. Kühn ist der Ansicht, dass hieran der
Widerstand der Luft auch sehr wenig ändere, und
geht deshalb auf diesen nicht näher ein. Der Grund
ist klar: es war damals ebensowenig wie heute der
Einfluss der Luft auf das praktische Schiessen so ge
klärt, dass man ihn mathematisch feststellen konnte.
Wir werden weiter unten sehen, dass Kühn die Nicht
beachtung des Luftwiderstandes etwas zu weit treibt.
Bis hierher reicht der vorbereitende Teil der
Arbeit, und Kühn geht vom 13. Abschnitt ab auf
die Nutzanwendung über. Die scheinbare Bahn der
Bomben, «die man, wie bekannt, wegen der an
gezündeten Brand-Röhre (Zünder), bey Nacht in
Augenschein nehmen kann», unterscheide sich
auch sträuben möge, das, was er mit eigenen Augen
gesehen habe, einfach als Täuschung hinzunehmen.
« .. . man trauet insgemein seinen eig nen Augen gar zu
viel zu, auch wo es nicht seyn solte, und bedenket nicht alle
mahl, dass man in grossen Weiten und Höhen, weder die
wahre Grösse eines Dinges, noch seine wahre Gestalt,
noch seinen wahren Orth, noch seine wahre Bewegung
durch den blossen Augenschein haben kan, sondern dass
darzu grosse Vorsichtigkeit von nöthen sey, um aus der
scheinbahren Vorstellung einer Sache auf die wahre ver
nünftig zu schliessen . . .«
Damit dieses der Leser könne, erklärt Kühn,
nachdem er eine Anzahl optischer Täuschungen aus
dem alltäglichen Leben angeführt, zunächst den Seh
winkel. Ein und dasselbe Ding — Fig. i (6) —
sieht von O kleiner aus, als von o;
und zwei verschieden grosse Dinge, D F
und d f — Fig. 2 (7) — erscheinen aus
O gleich gross, weil unter demselben
Sehwinkel gesehen. Und cs kann den Anschein
gewinnen, als sei ein Gegenstand H I grösser, als
ein anderer hi, während das Umgekehrte der Fall
ist, wie aus Fig 3 (8) ohne weiteres ersichtlich.
«Hieraus fliesset ferner,» fährt der Verfasser in
Abschnitt XVII fort, «dass grosse Höhen, nach oben zu,
immer je mehr und mehr vorwerts überzuhangen scheinen
müssen, und zwar solches desto merklicher, je näher das
Auge bey dem Fuss der Höhe sich befindet.»
Da in Fig. 4 (9) c e unter einem kleineren Seh
winkel gesehen wird, als CE, so muss es, obwohl
beide gleich sind, kleiner erscheinen,
«folglich lasset es nicht anders, als wenn der Punkt c
der senkrechten Linie eo näher, und also auch näher
über unseren Haupt wäre, als der vorige C, folglich
muss der obere Theil des Thurms Cc gegen den unteren
Theil CB gerechnet, vorwärts übergebogen zu seyn
scheinen».
Ich glaube, dass diese Ansicht Kühns nicht
ganz unbestreitbar ist, betone jedoch, dass es mir
sehr angenehm und interessant wäre, wenn ein
Mathematiker oder Physiker folgende Bemerkung
8. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
berichtigen oder widerlegen wollte: warum soll sich
297
meynt. Weil nehmlich das Auge in O die zwischen C
die optische Täuschung gerade derart äussern, dass
c näher an e herangerückt erscheint, und nicht so,
dass e näher an c rückt? c ist ein für das Gesicht
markierter Punkt, — Turmecke, — e dagegen ist
ein angenommener Punkt, auf dem das Auge nicht
ruhen kann. Folglich wird man, meiner Ansicht
nach, eher geneigt sein, die gedachte Senkrechte
Oe sich etwas vorwärts beugen, «überhangen» zu
lassen, als die feststehende, greifbare Senkrechte
B c, um so mehr, als es bekanntlich sehr schwierig
ist, ohne irgend welchen Ruhepunkt für das Auge
senkrecht in die Höhe zu blicken. — Auch muss
ich gestehen, dass ich bei freistehenden Bauten
nicht das Gefühl habe, als ob der obere Teil Über
hänge, selbst nicht bei dichtem Herantreten. Eher
scheint mir dies der Fall zu sein, wenn man an der
P
einen Seite einer engen Gasse steht, wo also der
Punkt e markiert ist. Ich komme weiter unten bei
der Anwendung von Kühns Satz noch einmal auf
diese Frage zurück.
Weiterhin wird sich auf grosse Entfernungen
— Fig. 5 (10) — eine krumme Linie PRSQ im
Auge nicht von der geraden Linie P T V Q unter
scheiden, ebensowenig wie die Teile der krummen
Linie von den entsprechenden Teilen der geraden.
Die bisher erwähnten optischen Täuschungen
bezogen sich auf einen Beobachter. Geradezu ein
Wirrwarr entsteht aber, wenn zwei oder mehr Be
obachter von verschiedenen Punkten aus verschie
denen optischen Täuschungen unterliegen und dann
vermeintlich wahrheitsgetreue Berichte machen:
«Endlich ist noch zu erinnern : Wenn eine Sache C —
Fig. 6 (11) — aus verschiedenen Orten O und o zugleich
von ihrer Zweyen gesehen wird, dass alsdenn keiner von
Beyden die Sache C in ihren wahren Orte siehet, sondern
dass jeder einen andern, oftmahls sehr weit abgelegenen
Punct D und E siehet, wo er die Sache C zu sehn ver
und D liegende Linie CD und das Auge in o die zwischen
C und E liegende Linie CE gar nicht erblicken kann,
und also die Oerter C und D ingleichen C und E vor
einerley gehalten werden.»
Nunmehr ist so viel Material zusammengetragen,
dass Kühn an die eigentliche Aufklärung der wunder
baren Nachrichten über die Bahn der Bomben gehen
kann. In Fig. 7 (12) ist ACDEFGB die wahre
Bahn einer Bombe, O das in der Schussebene be
f
indliche Auge des Beobachters. Es wird nun, wie
in Fig. 5 (10), der grossen Entfernung wegen den
Anschein haben, als sei A C D E eine gerade Linie
A c d E. In der zweiten Hälfte der Geschossbahn
hört diese Täuschung nach und nach auf. Das
Auge ist jetzt der Bahn der Bombe näher und kann
erkennen, dass sie eine gekrümmte Linie ist.
Damit ist eine durchaus brauchbare Erklärung
für die Täuschung gegeben, «die Bomben kämen nach
einer geraden Linie heraufgestiegen». Diese Ansicht
teilten übrigens damals auch Leute von Bildung;
man meinte, die Kraft des Pulvers sei so gross, dass
sie die Schwerkraft eine Zeitlang völlig aufhebe.
Um die Täuschung, als fielen die Bomben,
«nachdem sie ihre Höhe erreichet, gantz grade zu,
oder senkrecht herunter», zu erklären, führt Kühn
folgendes an:
«Ja es kan sich gebühren, dass es dem Zuschauer
Vorkommen muss, als wenn die Bombe, wenn sie in der
Bahn schon niederzusteigen angefangen, endlich gar
senkrecht herunterfiele. Es sei — Fig. 8 (13) — das
Auge in O und ohnweit B sey ein Thurm, oder anderes
hohes Gebäude BC, so lasset es (laut Num. XIX)1) nicht
anders, als wenn die Bombe F bey dem Puncte f und
die Bombe G bey dem Puncte g anzutreffen wäre, folg
lich muss es dem Zuschauer in O vorkomen, als wenn
die Bombe nach der senkrechten Linie f g B herunter
f
iele. Hergegen wenn das Auge in o wäre so würde
diese Erscheinung keine statt finden.»
*) Siehe oben Text zu Figur 6 (11).
29S
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
Bisher wurde nur von der Gestalt der Geschoss
II. Band.
veränderlich ist, weiss Kühn, darauf deutet sein «bey
bahn gesprochen. Jetzt geht es an die Erklärung
der verschiedenen verkehrten Ansichten über die
Geschwindigkeit der Bomben in den verschiedenen
Teilen ihrer Bahn. In Abschnitt XXII sagt Kühn
über dieses für den damaligen Stand der Wissen
schaft äusserst schwierig zu behandelnde Problem:
«Es ist aber auch die scheinbahre Geschwindigkeit
der Bewegung einer Bombe von ihrer wahren Geschwin
digkeit merklich unterschieden, und zwar auf ver
schiedene Art, nachdem man diesen oder einen andern Ort
wählet, woraus man dieselbe betrachtet. Man nehme
z. E. in der Bomben Bahn — Fig. 7 (12) — sechs gleich
grosse Theüe an, nehmlich AC, CD, DE, EF, FG GB,
und setze, die Bombe kähme in den drey ersten Secunden
von A bifs C. Weil nun die Bombe (wie man erweisen
kan) in ihrer Bahn bey nahe mit einerley Geschwindig
keit fortgehet, so wird sie in den andern 3 Secunden
von D bis E nach ihrer wahren Geschwindigkeit fort
rücken. Es sey aber das Auge in O, so ist der erste
Theil der Bahn AC weiter von dem Auge O entfernet,
als der andere Theil CD, diesser hinwiederum weiter,
als der dritte DE, folglich muss der erste Theil AC uns
kleiner Vorkom
men, als der an
dere Theil CD,
dieser hinwiede
rum kleiner, als
der dritte D E.
Da man also in
O dafür halten
muss, dass die
Bomben in den
3 ersten Secun
den einen klei
neren Theil von
ihrer Bahn zu
rückleget als in
den andern 3 Se
cunden, und in
diesen abermahl
einen kleinern
Theil, als in den
folgenden 3 Secunden, so kan man in O nicht anders meynen,
als dass die Bombe zu Anfänge langsam und nachgehends
immer geschwinder sich in ihrer Bahn fortbewege. Und
eben daher kommt es, dass man in einer bombardirten Stadt
(woselbst allemahl das Auge O näher bey B als bey A
ist) insgemein glaubet, eine Bombe bewege sich würklich,
so lange sie steiget langsam, hergegen im Fallen schiesse
sie herunter wie ein Pfeil. Die Belagerer aber, ausser
der Stadt, deren Auge in O allemahl näher bey A als
bey B ist,1) werden dieses nicht nachsprechen können,
sondern in O muss es ihnen Vorkommen, als wenn die
Bombe zu Anfänge, als wie ein Pfeil in ihrer Bahn
hinaufstiege, nachgehends aber immer langsamer herunter
f
iele. Und demnach hat keyner von beyden recht, sondern
wenn man von der Sache reden will, wie sie an sich
würklich ist, so muss man sagen, dass sie in ihrer Bahn
bey nahe immer mit gleicher Geschwindigkeit fortgehe.
Denn das ist, zum wenigsten bey den Mathematicis, eine
ausgemachte Sache, dass eine Bombe in gleicher Zeit
auch gleichweit vorwärts in ihrer Bahn-Weite kommen
müsse.»
Hier wird sich nun die moderne Ballistik kaum
mit unserem Professor einverstanden erklären können.
Dass die Geschwindigkeit des Geschosses nicht un
*) Nein! Denn es wird auch auf sie geschossen.
nahe» hin. Wenn er trotzdem seine Folgerungen
auf der Annahme stets gleicher Geschwindigkeit auf
baut, so mag das, wenigstens für den aufsteigenden
Ast der Flugbahn, insofern kein allzu schlimmer
Fehler sein, als die Verzögerung durch den Luft
widerstand bei Wurfgeschossen geringer ist, als bei
Flachbahngeschossen. Für den absteigenden Ast
jedoch hätte Kühn die Beschleunigung durch die
Schwerkraft berücksichtigen müssen, welche bei der
bedeutenden Höhe des Scheitelpunktes starke Wirkung
hat und die Ansicht, «die Bombe schiesse beim Fallen
herunter wie ein Pfeil», zu einer ganz berechtigten
macht.
Man sicht, dass selbst bei den Gelehrten die
ballistischen Kenntnisse zu jener Zeit noch keine
rechte Klärung gefunden hatten; die Artilleristen
hatten als einzig sicheres Mittel, um Schiessregeln
festzustellen, die praktische Probe, während heute
die theoretische Berechnung die Praxis wesentlich
vorbereitet und
abkürzt.
Betreffs der
Ansicht, dass die
Bombe zuerst aus
ihrer Bahn etwas
abwiche und dann
wieder in diesel
be zurückkehre,
äussert sich Kühn
in Abschnitt XXIII
folgendermassen:
«Wann aber
das Auge O oder
o Fig. 9(14)
sich ziemlich weit
seitwärts ausser
der Bahn-Weite AJ befindet, oder, wie man insgemein
redet, ziemlich weit seitwärts ausser der Linie» ist, so weicht
die scheinbahre Bahn der Bombe, noch viel merklicher von
der wahren Bahn ab, als Num: XX gedacht'2) worden. Es
lasset nemlich in O oder o nicht anders, (zumahl wenn
man beyde Örter A und J angemerket, von woher sie
geschossen worden, und wo sie würklich hingefallen) als
wenn die Bombe, so lange sie im Steigen war, immer
mehr und mehr, aus ihrer ordtentlichen Bahn vorwärts
nach dem Scheitel des Zuschauers hin sich gedreliet, im
Fallen aber sich mehr und mehr abwärts von dem
Scheitel des Zuschauers, nach ihrer ordtentlichen Bahn
wieder hingewendet hätte: so dass, nach diesen scheiii
bahren Zug der Bombe zu urtheilen, ihre Bahn-Weite
nicht mehr die gerade Linie AJ, sondern eine krumme
Linie AMXJ seyn würde. Die Ursach dieser wunder
bahren Erscheinung ist aus Xum: XVIII3) abzunehmen.
Es sey nemlich Fig. 9 (14) die Parabel ABCDEFGH,
die wahre Bahn einer aus A hergeschossenen und in J
hingefallenen Bombe, AJ ihre wahre Bahn-Weite.
Es sey ferner das Auge O oder o und o p1) in einer
Standt-Linic KL, welche von AJ allenthalben gleichweit
abstehet, so dass nehml: die Entfernungen ob, oc, 0I1,
2) Siehe oben Text zu Fig. 7 (12).
3) Siehe oben Text zu Fig. 4 (9).
*) = u. s. w.
8. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
gleich gross sind, Bb aber sey die Höhe der Bombe in B,
Cc die Höhe derselben in C, p1) welche Höhen von A bis
299
Zuletzt giebt Kühn eine sehr einleuchtende Er
an den Punct E, imer zunehmen, von E aber biss nach J
wieder abnehmen. Da also die Höhe B b, unter dem
Winkel Bob, die grössere Höhe Cc unter einen grösseren
Winkel Cocp1) gesehen wird, so muss, (laut Num: XVII)2)
die Bomben in C stärker vorwärts gegen O überzuhangen
scheinen, als vorhin, da sie in B war; in D noch stärker
vorwärts Uberhangend gesehen werden, als vorhin, da
sie in C war; in E — weiter vorwärts, als in D, her
gegen in F muss sie schon weniger vorwärts übergebogen
scheinen, als vorhin in D. Das ist, die Bombe in F,
scheint sich wieder rückwerts tiberzubügen; in G, lässet
sie noch weiter abwerts gebogen, als in F, in H noch
weiter abwerts gebogen als in G p.1) Wenn man nun
dieses zusammen betrachtet so kommt die gedachte schein
bahre Abweichung der Bombe von ihrer Bahn heraus.
Eben diese Erscheinung findet noch in grossem Grade
statt, wenn das Auge in der Linie KL beständig in O,
und zwar näher bey B als bey A angenommen wird,3)
nur dass alsdann die Bombe nicht eben in E, sondern
weiter gegen F oder G,2) sich erst abwerts zu wenden
scheinet...»
Kühn hat es bei Abfassung dieses Abschnitts
offenbar etwas eilig gehabt. Im Text sind ihm ver
schiedene Schreibfehler passiert und in der Figur hat
er wichtige Buch
staben vergessen.
— Sachlich komme
ich hier auf die
Zweifel zurück, wel
che ich oben bei
Besprechung der
Fig. 4 (9) äusserte.
Erschien mir schon
dort die optische
Erklärung für das
«Ueberhangen» an
fechtbar, so halte
ich die Darlegung nach Fig. 9 (14) für gekünstelt
und, was die Flauptsache ist, für unnötig. Eine
Erschwerung liegt ausserdem darin, dass der Ver
fasser viele Beobachter zugleich in seiner Zeichnung
angegeben hat. Thatsächlich brauchen wir, glaube
ich, überhaupt keine Erklärung für das scheinbare
Abweichen der Bombe aus ihrer Bahn. Nehmen wir
nämlich den Beobachter in o4 — Fig. 9 (14) — an, so
kommt die Bombe, bis sie E erreicht hat, nicht nur
scheinbar, sondern thatsächlich dem Beschauer
immer näher und entfernt sich dann wieder von
ihm. Wenn also die belagerten Danziger in ihrer
Angst und Aufregung in etwas übertriebener Weise
erzählt haben, «die Bomben wichen im Herunter
fallen aus ihrer vorigen Bahn, nach welcher sie sehr
nahe auf den Zuschauer anzukommen schienen, und
dreheten sich nachgehends... nach der Seiten weg»,
— — so liegt dem etwas ganz Thatsächliches zu
Grunde, und der Annahme einer optischen Täuschung
bedarf es wohl nicht.
*) = u. s. w.
2) Siehe oben Text zu Fig. 4 (9).
3) Hier muss man Fig. 7 (12) mit zu Rate ziehen.
klärung über Eindrücke, die das Auge empfängt,
je nachdem, ob die Aussicht frei ist oder nicht:
«Wenn man bey Erblickung einer Bombe, von ihrer
scheinbahren Höhe urtheilen will, so kommt es nicht
allein darauf an, ob man wenig oder mehr von ihrer
Bahnweite (das ist, von der Linie) entfernet ist, sondern
man muss auch einen Unterschied machen, ob die Aus
sicht nach der Bombe völlig frey, oder zum Theil ge
hindert ist. Es sey — Fig. 10 (15) — BA eine senkrechte
Linie, die man gantz übersehen kan; in B sey eine
Bombe, und A der zugehörige Punct in der Bahn weite
oder Linie, so ist AB ihre wahre Höhe, die sie in den
Punkt B hat; Es seyn ferner in verschiedener Weite von
A drey Zuschauer, einer in J, ein anderer in G, noch
ein anderer in H, welche in eben demselben Augenblick
nach der Bombe in B sehen; so siehet man die Höhe
der Bombe BA in J, unter dem Winkel BJA, in G unter
einen kleinern Winkel BGA, in H unter einen noch
kleinern BHA, demnach ist,.. klar, dass die Bombe inj
am höchsten, in G schon niedriger, und in H am niedrigsten,
zu stehen scheinen müsse. Wenn aber die Aussicht durch
ein vorstehendes Gebäude EF, zum Theil gehindert ist,
so verhält es sich mit den scheinbahren Höhen der
Bombe, Uber dem Gebäude gantz umgekehret. Denn
in J siehet man die Bombe B bey dem Punct E (weil
nehml: zwischen E
und B nichts vorhan
den ist welches in das
Auge strahlen könte)
und also scheinet die
Bombe B nur so hoch
zu stehen, als das
Gebäude FE ist; her
gegen in G siehet
man die Bombe schon
höher stehen, als das
Hauss FE ist, denn
der Punct c wird ge
sehen bey E und also
so hoch als FE, und
da B höher liegt als
C, so sieht man BE, als einen Ueberschuss der Höhe, über
die Höhe EF unter dem Winkel EGB oder CGB. Eben
so ist klar, dass in H noch ein grösserer Ueberschuss BD
über die Höhe EF unter einen grossem Winkel EHB
oder DHB gesehen wird.»
Nach Vorführung einiger Beispiele über die Be
rechnung der Flughöhe der Bomben nach Fig. 10(15)
schliesst Kühn seine Arbeit
«mit dem wohlgemeynten Wunsch, dass der liebe Gott,
vor dergleichen Land und Stadt-Plage, welche zu dieser
Untersuchung von den Bomben Gelegenheit gegeben,
diese gute Stadt bis auf ihre späten Nachkommen gnädig
lich bewahren, und ihr den dabey erlittenen Schaden,
durch einen gesegneten Frieden reichlich ersetzen wolle».
Kühns Schrift ist nicht die Hinterlassenschaft
eines epochemachenden Gelehrten. Aber sie ist uns
in ihrer ganzen Abfassung und ihrem einfachen In
halte nach ein Beispiel, wie viel Zeit und Mühe der
Menschengeist gebraucht hat, um wissenschaftliche
Lehrsätze, auf denen wir heute ganze Berufsthätig
keiten gründen, — wie hier die der Ballistik — klar
auszubilden. Ueber hundert Jahre vor Kühn hatte
schon «det berühmte Mathematicus Galilaeus» die
Gestalt der Flugbahn als eine Parabel wissenschaft
lich entwickelt, eine, wie wir heute wissen, nur be
40
300
Zeitschrift ftir historische Waffenkunde.
dingt richtige Ansicht. In Kühns Schrift sehen wir,
II. Band.
gedacht», aber wir müssen davor bewahrt bleiben,
trotz der Klarheit der Entwickelung des Themas,
so manche Lücke, die nach dem damaligen Stande
der Forschung noch nicht auszufüllen war; und heute,
fast 200 Jahre später, ist noch keineswegs ein Ab
schluss in den Hauptfragen der Ballistik erreicht:
man denke nur an den Luftwiderstand! Es ist lehr
reich, «zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann
uns in Selbstüberhebung zu rühmen, «wie wir’s dann
zuletzt so herrlich weit gebracht».
Professor Kühn hat seine Wissenschaft dazu ver
wandt, um der Mit- und Nachwelt zu nützen, nicht
um in Bücherweisheit und Formelkram unterzugehen.
Insofern ist er auch uns und unserer jungen Wissen
schaft ein Beispiel.
Noch ein Beitrag in der Fringia-Frage.1)
Von Dusan von Preradovic,
kaiserl. und königl. Fregattenkapitän in Pola.
|ch neige auch zu der Ansicht hin, dass
das auf Säbelklingen des 16. und
17. Jahrhunderts häufig auftretende
Wort «Fringia» höchstwahrscheinlich
türkischen Ursprungs sei und füge
hinzu, dass es auch bei den Süd
slaven, hauptsächlich bei den Kroaten
und Serben, nicht unbekannt ist.
Als unverdächtigen Zeugen hier
für führe ich das von der «Südslavi
schen Akademie in Agram» herausgegebene Lexikon
der kroatischen oder serbischen Sprache an.
Im III. Bande(S. 71) dieses monumentalen Wörter
buches wird für das Wort «Frendija» (lies Frend
schija) folgende Erklärung gegeben: «Frendija»
fern, im Volksliede unserer Zeit für die Bezeichnung
eines Turmes gebraucht, türkisch firengi d. i. fränkisch,
europäisch, also ein Turm nach europäischer, west
ländischer Art gebaut. Beispiel: Vjerne sluge kona
prihvatise, zeta vode na frendiju kulu (oder zu deutsch:
Die treuen Diener ergriffen das Pferd, den Schwieger
sohn führten sie zum fränkischen Turm).
Soweit das Wörterbuch. Natürlich ist hier nur
ein Beispiel von Tausenden geboten. Ich bin über
zeugt, dass, wenn man sich der Mühe unterziehen
wollte, die sehr zahlreichen kroatischen und serbi
schen Heldengesänge und Volkslieder auf das Wort
«frindija» oder «frendija» zu untersuchen, man auch auf
Zusammenstellungen wie frendija sablja (Säbel nach
fränkischer, europäischer Art erzeugt) u. s. w. stossen
würde.
Diese kleine auf das Gebiet der Sprachwissen
schaft weisende Andeutung kann uns vielleicht als
Fingerzeig dienen, den türkischen Ursprung des in
Rede stehenden Wortes festhaltend, dass es nicht
sowohl von Osmanen, als vielmehr von siidslavischen
Mohammedanern in Türkisch-Kroatien, Bosnien, der
Herzegowina u. s. w., aus dem türkischen firengi,
dem slavischen Lautgesetze folgend, Konsonanten zu
häufen, gebildet wurde.
Das Wort «fringia» kann meiner Anschauung
nach folgende Entstehungs- bezw. Verbreitungsge
schichte gehabt haben: Bei südslavischen Moham
medanern mag im 16. Jahrhundert oder auch früher,
eine erst noch nachzuweisende Säbelklingen-Gattung
westländischer Provenienz besonderen Anwert ge
funden haben, die, um von anderen Säbeln unter
schieden zu sein, von ihnen speziell frindija (fringia),
d. i. die Fränkische (da sablja, der Säbel, im Kroa
tischen femininum ist) genannt werden mochte.
Die mit diesen Mohammedanern in Kontakt
kommenden Nachbarn: Kroaten, Serben, Ungarn
*) Dass die Fringia - Klingen noch einmal in fernen Jahrhunderten, wenn auch nur in einem unblutigen Kampfe,
geschwungen werden würden, hat sich der Klingenschmied, den wir noch immer nicht dingfest machen konnten, um ihm seine
Herkunft und noch manches andere abzufragen, nicht träumen lassen. Aber zu eifrig wird ihm nachgesptirt, als dass es
auf die Dauer dem Geheimnisvollen gelänge, uns immer wieder, wenn wir ihn zu halten glauben, zu entschlüpfen. Ein
Rätsel wenigstens scheint mir jetzt gelöst: der Name Fringia wird sicherlich so zu deuten sein, wie Herr
Dr. Erben es vorschlug. Die letzten Zweifel, die vielleicht noch der oder jener gehabt haben mag, müssen den Aus
einandersei zungen gegenüber, die ich hier den Lesern zu bieten in der glücklichen Lage bin, verschwinden. Möchten sich
auch die anderen Fragen bald in befriedigender Weise beantworten lassen! Jeder, der Thatsächliches beisteuern kann,
sei willkommen! Denn eine junge Wissenschaft, wie die historische Waffenkunde, ist vor allem zu erschöpfender Bearbeitung
von Aufgaben verpflichtet, über die Meinungsverschiedenheiten herrschen, schon damit sie beweist, wie heiss und ehrlich
ihr Ringen um die Wahrheit ist. Das mögen die Leser bedenken, die vielleicht schon ängstlich seufzten: Fringia und
kein Ende! Die Schriftleitung.
8. Heft
Zeitschrift fiir historische Waffenkunde.
dürften nach und nach vom namhaften, geschätzten
301
vielfach, jedoch wohlgemerkt, da für den eigenen
Fringia-Säbel gehört und mit der Zeit, ganz über
sehend, dass es sich ja eigentlich hierbei nur um
einen aus Europa stammenden oder einen solchen
nachgebildeten Säbel handle, den fascinierenden
Namen Fringia für derlei Waffen aufgegriffen und ihn
für den leichtgekrümmten Säbel bei sich eingebürgert
haben. Um aber gewiss dieser Waffe den Stempel
des Exotischen unvergänglich aufzudrücken, mag sie
Gebrauch bestimmt, nur in lateinischen Lettern mit
der Klingenaufschrift «Fringia» u. s. w. versehen
worden sein.
Dies ist eine Hypothese, wie manche anderen in
dieser Frage. Sie hat vielleicht das Eine für sich,
dass auf das thatsächliche Vorkommen des viel
gedeuteten Wortes im Volksepos der Südslaven
mit Bestimmtheit hingewiesen werden kann.
Zwei mittelalterliche Büchsen.
Von Landgerichtsrat Engel in Thorn.
ur Ergänzung
Zeitschrift
der in dieser
erscheinenden
grösseren Abhandlungen
über mittelalterliche Feuer
waffen dürfte die Bekannt
gabe gleicher und ähn
licher Stücke aus Privat
besitz nicht unwillkommen
sein. Es sei mir daher
gestattet, zwei mir gehö
rige Büchsen vorzuführen; vielleicht folgen andere
meinem Beispiele.
I. Handbüchse aus Kupfer oder Bronze, Aus
grabung, mit dicker grüner Patina ungleichmässig
überzogen, aus Pest. (Fig. 1.) In Wahrheit ist die
Büchse etwas weniger zierlich, als sie sich auf der Ab
bildung darstellt; auch die Mündung liegt nicht genau
in der Mitte. Gesamtlänge 385 mm, Gewicht 1650 g.
Die Büchse ist zum Aufstecken auf einen runden
Holzschaft von 27 mm Durchmesser eingerichtet,
Fig- I (VA
Länge der Schafthülse 83 mm. (Vgl. Fig. 2, welche
des Schaftes beim Rückstosse zurückgeführt werden;
denn der Schaft ist wie bei der Marienburger Büchse
(Band I, S. 130 dieser Zeitschr.) als von hartem Holze
gefertigt und etwas dicker als die Schafthülse zu
denken. Füllte nun das in der Hülse steckende
vordere Schaftende nicht deren ganze Länge aus,
war es also etwa nur 80mm lang, so musste beim
Gebrauch der Büchse deren hinteres Ende 3 mm
tief in das übergreifende Schaftholz zurückgestossen
werden. — Eine zweite Möglichkeit, das beschriebene
Aussehen der Büchse auf das Scheuern eines eisernen
Bandes zurückzuführen, halte ich deshalb für aus
geschlossen, weil bei Einsteckschäften ein solches
Band zwecklos war, dasselbe auch eine regelmässige
Abscheuerung herbeigeführt hätte.
Das Kaliber beträgt 14 mm, jedoch ist diese
WTeite nur etwa innerhalb der zwei ersten Absätze
vorhanden; von da ab verjüngt sie sich nach hinten
zu bis auf 11 mm, ein scharfer Absatz für die Pulver
kammer ist innerlich nicht erkennbar, wohl aber mag
27Hvm
Fig- 2 (VA
dem Ladestocke der äussere Absatz als Merkzeichen
den Durchschnitt des hinteren Büchsenendes wieder
giebt.) Die Büchse verjüngt sich in drei verschieden
langen Absätzen von achteckigem Querschnitt mit
versetzten Kanten nach der Mündung hin, auch jeder
Absatz in sich ist hinten dicker als vorne; die Seite
des Achtecks am hinteren Ende ist 14, an der
Mündung 9 mm breit. Das äusserste hintere Ende
zeigt auf einer Breite von etwa 3 mm keine Patina,
auch sind die Kanten hier zum Teil unregelmässig
gebröckelt. Dies könnte wohl- auf eine Einwirkung
gedient haben. Daraus ergäbe sich für den Flug
eine Länge von ca. 190 mm, für die Kammer eine
solche von ca. 100 mm; die Scheidewand zwischen
Kammer und Schafthülse ist 11 mm dick.
Das trichterförmige, oben fast 4 mm weite Zünd
loch, welches äusserlich in der Mitte des hinteren
Absatzes erscheint, muss als oben angebracht ange
nommen werden. Dies ergiebt sich, abgesehen von
den Analogien, auch aus der Erwägung, dass das
Aufschüttpulver auf der schrägen Abflachung bei
40*
302
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
deren geringen Breite und bei dem Mangel einer
II. Band.
messer,' hinter welcher ein Absatz von gewundener
Pfanne ebensowenig Halt gehabt hätte, wie etwa an
der Seite. Ein Zielen würde die geringe Menge des
oben aufgeschütteten Pulvers nicht verhindern, viel
mehr bot darüber hinweg die obere Kante des
mittleren Büchsenabsatzes ein sehr geeignetes Ziel
150 mm
25 mm j
mittel, welches jede besondere Visiereinrichtung er
übrigte.
Zeitlich möchte ich die Waffe etwas früher als
die Tanneberger und die Marienburger Büchse setzen,
und zwar deshalb, weil das Mündungsende noch
keine Verstärkung aufweist, wie bei den zwei letzteren.
II. Grosse Hakenbüchse aus Schmiedeeisen,
angeblich vor Neuss gefunden, welches 1474 von
Karl dem Kühnen von
Burgund vergeblich be
lagert wurde. Die
Büchse mag etwa dieser
Zeit entstammen, dürfte
ihrem Aussehen nach
jedoch nicht ausgegra
bensein. (Fig. 3.) Auch
sie ist zum Aufstecken auf einen Holzschaft ein
gerichtet, von welchem das in der 120 mm langen,
74 mm weiten Hülse steckende Stück, anscheinend
Eichenholz, noch vorhanden ist. (Vgl. Fig. 4.) Ge
samtlänge 1070 mm, Gewicht ca. 12,5 kg. Die Hülse
sowie der vordere Teil der Büchse sind rund, das
Zwischenstück achteckig. Das Rohr verjüngt sich
nach der Mündung zu und ist hier 48 mm dick, jedoch
mit einer ringförmigen Verstärkung von 70 min Durch
Arbeit liegt. Auf der unteren Seite hat das Rohr
einen starken, aus demselben Stück geschmiedeten
Haken, welcher etwa in der Mitte liegt, so dass die
Büchse zur Gewinnung eines angemessenen Schwer
punktes einen ziemlich langen Schaft gehabt haben
70 mm
muss. Vgl. Bd. I dieser Zeitschr. S. 130, Fig. 5 und
S. 224, Fig. 14.
Das 12 mm weite Zündloch befindet sich aut
der rechten Abschrägung, welche hier 24 mm breit
ist, also dem Aufschüttpulver, zumal bei der Weite
des Zündloches, hinreichenden Halt gewährte. Oben
konnte das Zündloch nicht angebracht werden, da
die Büchse eine Visiereinrichtung besitzt. Der obere
Rand des Mündungs
ringes zeigt nämlich
einen Längsemschnltt.
(Fig. 6.) Vgl. S. 265,
Nr. 4 u. 11. Diesem
entspricht ein quadrati
schcs Loch (9 : 9 mm)
im oberen hinteren
Büchsenende, 25 mm vom Rande entfernt; hier hat
wohl ein Korn gesessen, denn zum Festhalten des
Holzstieles durch einen Nagel, dessen unteres Ende
noch in dem vorhandenen Holzreste steckt, diente
ein zweites rundes Loch auf der rechten Seite, 40 mm
vom Rande entfernt. (Fig. 3—5.)
Die Weite der Mündung (Kaliber) beträgt 34mm,
die Seelenlänge 925 mm, mithin die Dicke der
Scheidewand nach der Hülse zu 25 mm.
8. Heft.
Zeitschrift fiir historische Waffenkunde.
303
Die historische Waffensammlung der Stadt Wien im Zusammen
hänge mit der militärischen Organisation der Stadt.
Von Karl Schalk.
(Fortsetzung.)
I. Die Bürgerwehr und ihre Waffen in der Sammlung.
(Mit 4 Abbildungen.)’)
ie Wiener Verhältnisse zeigen
den typischen Charak
ter der Entwickelung in
deutschen Städten.2)
Die Geschichte der
Wiener Bürgerwehr lässt
sich in drei Perioden
teilen.
1. Die älteste Zeit
bis zum Jahre 1648,
die Periode der Har
nische. Alleiniges Bestehen einer Bürgerinfanterie.
2. DieZeitvon 1648 bis 1805, die Periode
der Geschütze. Seit der Gründung einer Bürger
artillerie im Jahre 1648 bis zur Reorganisation des Ge
samtinstituts unter dem Einfluss der Franzosenkriege.
3. Die Zeit von 1805 —1848, die Periode
der Uniformen. Einrichtung eines zweiten Bürger
regiments zu Fuss, von Grenadierdivisionen, einer
ständigen Bürgerkavallerie und Einbeziehung des
1741 gegründeten Korps der Akademie der bildenden
Künste in die Bürgerwehr, bis zu deren Auflösung.
’) Bemerkungen zu den abgebildeten Stücken.
Die dem Texte beigegebenen Abbildungen betreffen Waffen,
die ein allgemeines Interesse darum beanspruchen dürften,
weil sie wohl in Wien in Verwendung gekommen, aber da
selbt weder angefertigt, noch, wenigstens die beiden
Harnische, zunächst von Wienern getragen worden sein
dürften. Hans von Siergenstein, der ursprüngliche Be
sitzer des einen (Kat.-Nr. 382), soll nach Katalog S. 26 aus
Kempten in Schwaben stammen. Nun wurde allerdings im
Jahre 1639 ein Grossonkel Engelberts von Siergenstein, der
am 15. Dezember 1747 Flirstabt von Kempten wurde und am
25. Mai 1760 starb (Haggenmtiller, Gesch. v. Kempten,
Bd. II, S. 291—301) Christoph Giel von Gielsberg zum Abt
gewählt (ebenda S. 177). Dieser war aber ein Sohn von
Joachim Christoph, der seine altadelige Familie erst aus dem
Skt. Gallischen nach Schwaben verpflanzte. Die Siergenstein
kommen ihrerseits weder unter den bedeutenden Geschlechtern
der Stadt aus den Jahren 1400—1525 (l..c. Bd. I, S. 572)
noch unter dem Landadel der Umgebung vor. Auf dem
Harnisch befindet sich in der Mitte zwischen Vor- und Zu
namen als Schmiedezeichen ein Kleeblatt (Boeheim, Waffen
kunde, S. 653)?. Der Trabharnisch (Kat.-Nr. 382) mit dem
Spruche M o SOLA o SERA — EN MI o MEMORIA o A dürfte
vielleicht mit der in der Oberkammeramtsrechnung des Jahres
1560 zum 26. November (Uhlirz in Ber. und Mitteil,
d. A. V., Bd. XXX, S. 127) erwähnten identisch und beim
Turnier von 1560 in Verwendung gekommen sein, aus Fran
colin, Turnierbuch ist er aber nicht nachzuweisen.
Ueber die Helmbarte (Kat.-Nr. 968) und ihre beiden
AVappen vgl. den Text.
2) Liebe, Das Kriegswesen mittelalterlicher Städte in
Deutsche Geschichtsblätter, Bd. I, S. 12—17.
1. Periode: Die älteste Zeit bis 1648.
Die Bürgerwehr unterscheidet sich von den
anderen städtischen militärischen Organisationen
erstens durch den privilegierten, bürgerlichen
Charakter ihrer Mitglieder, und zweitens durch den
Umstand, dass sie allein auch in Friedenszeiten
fortbestand, von Zeit zu Zeit gemustert wurde und
neben einer kriegerischen, auch in Friedenszeiten eine
repräsentativ-patriotische Thätigkeit anlässlich wich
tiger, öffentlicher und privater Ereignisse im Herrscher
hause entwickelte. Nach den beiden Seiten ihrer
Thätigkeit zeigt sie einen verschiedenen taktischen
Verband und das Bedürfnis nach teilweise ver
schiedener Bewaffnung.
Zu bemerken ist, dass der Ausdruck Bürger
wehr ein durchaus moderner ist und dass es noch
im 18. Jahrhundert (1740) von der ausrückenden
Bürgerschaft heisst:8) „Die acht bürgerlichen In
fanteriecompagnien“, und dass keine Gesamtbe
zeichnung gewählt wird.
Im Falle kriegerischen Auftretens der Bürger
wehr wurde bis in die letzte Zeit ihres Bestehens
festgehalten an den Stadtvierteln als Grundlage der
untersten taktischen Verbände. Npr wurden im Laufe
der Zeit, nach Weiss im Jahre 1666,3 4) die Stadt
viertel in je zwei, ein altes und junges unterge
teilt und je ein Unterviertel zur Unterlage einer Kom
pagnie gemacht, deren Zahl infolgedessen auf
acht wuchs.
An den Fahnen werden wir diese Entwickelung
verfolgen.
An der Spitze der Bürgerwehr stand der Bürger
meister; ein oberster Hauptmann, der im Solde stand,
kann nur als ausnahmsweiser Vertreter betrachtet
werden. So wird im Jahre 1452 Niclas Teschler
als Bürgermeister und «obrister hauptman der stat
rossvolk und fussvolk»5 6 *) bezeichnet und noch im Jahre
1810 kommandiert der Bürgermeister als «Oberster
sämtlicher Bürgermiliz».0) Entsprechend dem Ober
kommando, gab es auch eine Fahne als Symbol
3) Akt im Wiener St.-A. alte Reg. 27/1740.
4) AVeiss, Geschichte der Stadt AA’ien, Bd. II, S. 404.
Im Jahre 1641 ist bei einer Musterung der allhiesigen Bürger
schaft noch von vier Vierteln die Rede (Uhlir2 1. c.
Bd. XXXI, S. 89.) Aus dem Jahre 1679 ist die Fahne der
Altwidmer-Kompagnie erhalten (Kat.-Nr. 756). Die Unter
teilung der ATertel fällt also zwischen die Jahre 1641 und 1679.
6) Schlager, AA'. Sk. Bd. X, S. 153.
“) Akt im AATener St.-A. Hist. 9/1810.
304
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
der gesamten bewaffnetenBürgerschaftneben
II. Band.
eine Fahne der Jungkärntner-Kompagnie aus
Viertelfahnen. Die Sammlung besitzt als eine
der ältesten Reliquien eine alte Bürgerfahne (Kat.
in Gruppe Nr. 385, derzeit restauriert in einem eige
nen Glaskasten im Vorsaal), die wir vielleicht in das
Jahr 1465 versetzen dürfen, ln der Kammeramts
rechnung des Jahres 1465 findet sich nämlich die
Ausgabenpost:1) Umb 12 eilen zendal von der stat
zu dem vann des guidein adlers, so unser
herr der Römisch Kaiser etc. gemainer stat
geben hat,2 3) ein eilen per 80 den. facit4pfd den.,
umb 3 eilen zendal von der stat zu ziph per 75 den.
facit 7 sol. 15 den. Von dem vann zu machen
14 den. Dem Kaschauer davon zu mailn 7-pfd
4 sol. den. Umb ain Stangen 3 sol. den. Gesammt
kosten: 12 pfd 6 sol. 29 den. Eine andere Fahne
wurde im Jahre 1529 von Leopold Maler gemacht
«von neuem mit vier gülden adlern und vier Wiener
schildt zu baiden saiten, auch ain alten fann ge
pessert 12 pfd den».8)
Bürgerfahnen allgemeiner Art sind in der Waffen
sammlung noch-aus den Jahren 1699 (Kat.-Nr. 726)
und 1740 (Kat.-Nr.- 1074) erhalten, vielleicht gehört
in diese Kategorie auch noch die Fahne mit Jahres
zahl 1825 (Kat.-Nr. 1139).4)
Ausser diesen Fahnen als Symbolen der gesamten
bewaffneten Bürgerschaft gab es noch Viertels
fahnen für die Mannschaften der Stadtviertel (Kom
pagnien). Auslagen für die «viertailvann» Weist schon
die Kammeramtsrechnung des Jahres 14775) aus und
zwar nach den Vierteln: «rot-weis, praun, grün und
plab».
Aus späterer Zeit enthält die Sammlung
eine Fahne der Altwidmer-Kompagnie aus dem
Jahre 1679 (Kat.-Nr. 756),
eine Fahne der Jungwidmer-Kompagnie aus dem
Jahre 1745 (Kat.-Nr. 1077),
eine Fahne der Altschotten-Kompagnie aus dem
Jahre 1745 (Kat.-Nr. 1076),
eine Fahne der Altkärntner-Kompagnie aus dem
Jahre 17646) (Kat.-Nr. 1141),
!) UhlirZ 1. c. Bd. XXVIII, S. 44.
2) Damit ist hinge wiesen auf die Wappenverbesse
rung des Doppeladlers durch den Wappenbrief vom
25. September 1461, besprochen von Graf Pettenegg
in Geschichte der Stadt Wien, Bd. II,, S. 25. Anm. 2, abge
bildet S. 24 Fig. 17.
3) UhlirZ 1. c. Bd. XXX, S. 106. Man wäre versucht
diese Stelle auf die alte Bürgerfahne zu beziehen, die in
vier Feldern vier Adler und vier Schilde (je zwei auf einer
Seite) zeigt, aber der Stil scheint die Fahne noch ins 15.
Jahrhundert zu verweisen.
*) Der Katalog bezeichnet als Fahnen der Btirgerwehr
auch Nr. 1378 und 1379, doch wohl nicht als solche des Ge
samtkorps, fraglich ist, ob es solche nach 1805 überhaupt gab.
3) UhlirZ, 1. c. Bd. XXIX, S. 40.
6) Im Jahre 1764 wurde Joseph II. zum römischen König
gekrönt. Damals dürfte die Bürgerwehr ausgerückt sein,
und die Kompagnien, die keine in gutem Stande befindlichen
Fahnen hatten, Hessen wohl aus diesem Anlass neue machen.
dem Jahre 1764 (Kat.-Nr. 1073),
eine Fahne der Jungstuben-Kompagnie aus dem
Jahre 1764 (Kat.-Nr. 1142).
Es fehlen also nur zwei Kompagniefahnen, näm
lich solche des Jungschotten und Altstuben
viertels. Eine Fahne der Schottenbrigade ist als
im Jahre 1840 verloren gegangen ausgewiesen.7)
Selbst als durch Schaffung des Regimentsver
bandes, zuerst nachweisbar im Jahre 1797, die
Kompagnieeinteilung und noch mehr die Viertel
einteilung in den Hintergrund trat, erhielt sich noch
die Erinnerung an die alten Viertel.
Die Nationalgarde der Stadt (der heutige erste
Bezirk) umfasste am 6. Oktober 1848 zweiundzwanzig
Kompagnien, deren jede 200 Mann Garden enthalten
sollte, in 4 Bezirke nach den alten Vierteln geteilt.8)
Im Jahre 1444 wurden auch die vor den Thoren
gelegenen Häuser, die der ersten Türkenbelagerung
1529 zum Opfer fielen, in Viertel mit je einem
Vieramt eingeteilt9) und deren Bewohnern die Ver
pflichtung zu «zirgkhen» (die Runde zu machen),
«wachten» (die Wache zu halten) und «raisen» (ins
Feld auszuziehen) auferlegt.10)
Aus der Aufgebotsordnung des Jahres 140s11)
ersehen wir, dass der taktische Unf.erverband der
einzelnen Viertel die Meisterschaft der einzelnen
Zünfte oder Zechen bildete, die den einzelnen
Vierteln zugeteilt waren.12)
Was nun die nicht Kriegszwecken dienende
Organisation der Bürgerwehr betrifft, ihr Auf
treten bei feierlichen Anlässen des Friedens,
so hat man dabei von dem geschlossenen Auftreten
der Viertelmannschaften abgesehen und die Waffen
kategofien gleichartig Bewaffneter zusammengefasst.
Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war für
Wien eine festfreudige Zeit und es fehlte nicht an
Gelegenheit zu friedlichem Ausrücken der Bürger
schaft. Kaiser Ferdinand wurde bei seinem Einzuge
nach der Kaiserkrönung in Wien am 14. April 1558
in feierlicherWeise von der Bürgerwehr einbegleitet.18)
Der Zug bestand aus 6 Stück Falconets auf Rädern,
6Büchsenmeistern, «einem Spill trummel und pfeiffen,
dem obristen hauptmann herrn von Pirsch, vier tra
banten in einer färb, Georg Frey einem fünfzehnjährigen
jüngling, zwey gliedern trabanten zu 6 personen,
iren hauptleuten, 67 gliedern schützen, 46 gliedern
’) Akt im Wiener St.-A. Oecon. 40/1857.
ä) D und er, Denkschrift über die Oktober-Revolution
in Wien S. 73.
9) Schlager, Wiener Skizzen. Bd. V, S. 109.
10) Schuster in Geschichte der Stadt Wien, Bd. II/i,
S. 465, Anm. 6.
• n) Schlager, Wiener Skizzen. Bd. V, S. 29.
12) \y;en gehörte also in die Kategorie der Städte mit
Heeresorganisation nach «Zünften und Bezirken», Nalimer,
Die Wehrverfassungen der deutschen Städte, S. 37 ff. (Ab
schnitt IV).
13) Schlager, Wiener Skizzen. Bd. I, S. 281 und UhlirB,
Jahrb. d. allerh. Kaiserh. Bd. XVIII, Reg.-Nr. 15764.
8. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
langspiesser,1) 13 gliedt kurzgewehr2) mit der
30S
Wahrscheinlich ist, dass diese Waffen von Trabanten
statt wappen, 15 haubtleuth, 10 fenderich, 10 leyte
nambt, 22 trabanten, 28 bäbel, 46 spilleut». Die
Summierung ergiebt 2781 Personen (Schlager
druckt 2881).
Es dürfte wohl mit diesem Aufzuge Zusammen
hängen, wenn im Jahre 1558 drei Personen eine
ganze Woche an der Instandsetzung eines «ross
kuriss» arbeiteten.3) Vielleicht ist dies der ganze
getigerte (soll wohl heissen geligerte) Streit
hengst unter Kat.-Nr. 505.
Die Jahreszahl 1558 tragen zwei Trabantenhelm
Landsknechtischer Harnisch des Hans von Siergenstein
aus der ersten Hälfte des lö.Jahrb. Kat.-Nr. 192.
barten mit F(erdinandus (R(ex) und burgundischem
Kreuz (Kat. in Gr. Nr. 640—642 und in Gr. 688
und 689), ferner ein Spiess mit Monogramm Ferdi
nands I. und gekröntem Andreaskreuz (Kat.-Nr. 674).
l) Damit sind kaum die mit Kat.-Nr. 41 zuerst ange
führten Langen Spiesse gemeint, da die Sammlung keine
Langspiesse ftir das Fussvolk besitzt.-) Ein Unteroffizierkurzgewehr mit dem Bilde des Ge
kreuzigten und Jahreszahl 1553 war vor dem Jahre 1848 in
der Sammlung, ist seither abgängig (Akt im Wiener St.-A.
Oecon. 40/1857. Das Kurzgewehr, eine Hälbpicke, ent
sprechend dem Sponton, war schon in der Landsknechtzeit
im Gegensatz zu den Langspiessen der Gemeinen die Waffe
der Gefreiten. Jähns, Trutzwaffen S. 269.
3) Uhlirfc, 1. c. Bd. XXX, S. 122.
und Leibwächtern Ferdinands 1. aus der Zeit seines
Einzugs herrühren, die später so wie die schon be
sprochenen Cousen durch Schenkung oder durch Ver
kauf an die Stadt kamen. Dagegen, dass die Stadt
sie machen Hess, sprechen die für diese und das
vorhergehende Jahr erhaltenen Rechnungen, die
keinerlei diesbezügliche Angaben enthalten. Die Stadt
dürfte diese Prunkstücke, welchen Ursprungs sie
auch waren, bei feierlichen Anlässen Bürgern zu
tragen gegeben haben.
Im Jahre 1560 wurden im Monat Juni in und
Wällischer Trabharnisch aus der Zeit von 1560.
Kat.-Nr. 968.
ausserhalb der Stadt Wien vier Turniere gehalten zu
Fuss und zu Ross,4) darunter ein Scharmützel, und
zwar letzteres auf dem Obern Werd (heutiger 9.
Bezirk) vor dem Schottenthore. Bei diesem war
auch die Bürgerwehr beteiligt,5) indem «sieben
fendiein knechte von der burgerschaft zu
J) Francolin, Turnierbuch.
#) Francolin 1. c. Fol. XXXVIII ff. Ob die Bürger
auch beim torneamentum des Jahres 1515, das Cuspinian
in seinem Tagebuch (Fontes rer. Austr. Abt. I, Bd. I, S. 408)
erwähnt, etwas, zu thun hatten, ist mir nicht bekannt. Ueber
ein im Jahre 1565 in Wien abgehaltenes Turnier berichtet
Wolf Wolfrath, siehe die Zeitschr. Sammler, Jahrg. 1811,
S. 322 ff.
3°6
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
fuess, ganz wol gerust in irer Ordnung» den Platz
II. Band.
Rüstungen die Prunkharnische der Sammlung Kat.
bewahrten. «Diese kriegsleut, so under den fendiein
gelegen, waren bey 3000, vast alle versuchte
khriegsleut, welche in aller früe von der statt in
gueter Ordnung hinausgangen und das (beim Schar
mützel verwendete) geschütz mit inen gefuert.»
Bei den Scharmützeln waren unter den Be
rittenen auch vertreten «Ihrer Rö. Kay. Maj. härt
schiere ».
Das Rossturnier, das am 16. Juni seinen Anfang
nahm, war ein Rennen «über die planckhen».
Nun kaufte die Stadt am 6. August 1560, also
nach beendetem Turnier, für die städtische Plarnisch
kammer eine ganze Turnierrüstung1) von «einem
der Kön. würde hartschier, Stephan Khitzinger, ge
nannt, so von der Röm. Kais. Mt. mit dinsten in
ander weg versehen worden, mit aller zugehörung
um 10 thaler', in geld 11 fl 5 sol. 10 den». Es
scheint also nicht unwahrscheinlich, dass wir in
dieser Rüstung den sogenannten «Löwenritter»
des Inventars vom Jahre 1821 (Kat.-Nr. 592),2) einen
Harnisch mit Schraublöchern zum Anbringen für die
Verstärkungsstücke zum neuen wällischen Gestech
über die Pallia («die plankhen»),3) zu erblicken
haben.
Ausserdem kaufte die Stadt im selben Jahre
von einem jungen Edelmann, «Röm. Kais. Mt hard
schär, Wolf Rabitz genannt, aus der Schlesy eine
schöne reiterische rüstung mit aller zuegehörung,
so seinem anzeigen nach 18 taler gestanden, um
9 taler, in geld 10 fl 4 sol. den.»,4) und am 4. No
vember «ein schönes, poliertes, gestreiftes Nürn
bergerisch harnusch mit aller zugehörung von einem
trabanten der Röm. Kais. Mt, so angezeigt, er hab
ims selbs zu Nürnberg lassen schlagen, das 16 taler
gekost, um 4 taler, in geld 4 fl 5 sol. 10 den.».5 *) Wir
wagen nicht zu behaupten, dass unter diesen beiden
») UhlirZ, 1. c. Bd. XXX, S. 126.-) Manuskript im Wiener St.-A. Rep. 184, Xr. 46,
S. 46 Xr. 11. «Dieser stellet einen deutschen Löwenritter
vom Jahre 1623 vor. Er hat lederne Brusttaschen und
ledernes Schurz mit blauen Bandeln eingefasst und eine
lederne Kuppel. Sein Harnisch ist blank mit gelben Xagerln
und bestehet aus einem Helm mit Visier, Halskragen, Brust
und Rücken, Achsel-, Arm-, Schenkel- und Knieschienen,
eiserne Handschuhe, mit Leder gefüttert und Beintaschen.
Der ganze Brustharnisch enthält einen vergoldeten, eingeätzten
Löwen. Das Visier, die Achsel, Ellenbogen, Handschuhe, Bein
taschen und Knieschienen haben ebenfalls vergoldete Theile
hievon. Zur linken Seite hanget ihm ein eisernes Schwert
in der Scheide, in der rechten Hand haltet er eine grosse
Turnierlanze, und hat Sporen an Stiefeln.» Auf diese Art
Beschreibung bezieht sich wohl Demmins abfälliges Urteil
über das bürgerliche Zeughaus in Kriegswaffen 2. Aufl. S. 14.
Eine Rüstung mit Löwenköpfen, l'armure aux lions im
Artilleriemuseum in Paris, Robert, Cat. Bd. II, S. 56, Xr. G. 50,
sie wird als italienisch aus der Mitte des 16. Jahrhunderts
bezeichnet. Ueber die Hartschiere siehe Ottenfeld und
Teuber, Die österr. Armee, S. 7.
3) Böheim, Handbuch der Waffenkunde S. 564.
4) Uhlir2, 1. c. Bd. XXX, S. 127.
5) Ebenda.
Nr. 593 und 594 zu begreifen seien.0)
Im Jahre 1563.fand am 16. März der feierliche
Einzug König Maximilians in Wien,7 *) und gleich
zeitig mit der Eröffnung des grossen Herrenschiessens
in Wiens) die Abreise von 6 Fendln Bürger nach
Pressburg zur ungarischen Krönung des römischen
Königs Maximilian unter dem Bürgermeister Herrman
Bäir,-«veltobrister iber sechs fendlen burger»
statt. Auch aus diesem Jahre besitzt die Stadt vier
Trabantenhelmbarten mit F. R. und Reichsadler (Kat.
in Gr. Nr. 643—645 und Nr. 647).
Anlässlich der Hochzeit des Erzherzogs Carl
von Steiermark mit Herzogin Maria von Bayern im
Jahre 1571 in Wien9) zog der Rat «mit zehn
fendlen; wolgeziert» unter Hans von Thaw,
Bürgermeister und Obrister, einem Leutenambt und
10 Hauptleuten dem Erzherzog, der von Wiener
Neustadt kam, entgegen. Auf Wirrichs Abbildungen
befindet sich je ein Berittener (der Bürgermeister
und die Plauptleute) umgeben von Bürgern mit
Sturmhauben und Helmbarten. Die Bürger waren
nach den Darstellungen überhaupt nicht in Rüstung,
oder «diese lag unter dem goller, der zerschnitten
war, so dass der harnisch durchscheinen konnte».10)
Jeder Gruppe schreitet aber ein Bewaffneter in
Halbrüstung mit Sturmhaube, Brust- und Rücken
harnisch, Bauchschienen und an diese geschnallten
geschobenen Schenkelschienen (Krebsen)11) und
langem Spiess voran.
°) Ein mit Jahreszahl 1560 versehener Harnisch aus der
Zeit des Turniers, der höchst wahrscheinlich dem Caspar von
Vels gehörte im Landeszeughaus von Graz, Graf Meran,
D. L. Z., S. 26 ff; im Inventar von 1590: «Geezter khyris»
genannt.
7) UhliräS, Jahrb. d. a. K. Bd. XVIII, Reg.-Nr. 15778.
Er wurde «von der burgerschaft mit freidenschüssen, zwaien
gegenziigen alter und junger kriegsleut ganz ansechenlichen
empfangen». Lanzknechtische Form «zu claidung»
wurden in der Zahl von 385 von Haus zu Haus geschickt
und ausgeteilt.
s) Flexel, Das grosse Herrenschiessen, herausgegeben
von Camesina, S. 45 und 75.
9) Wir rieh, Ordentl. Beschreibung des christl. Bey
lags des Erzherzog Karolen mit Maria, Herzogin zu Bayern
den 26. Augusti 1571.
10) Xach der Beschreibung der Turnierrüstung Erz
herzog Carls in Francolin 1. c. Fol. Xlb.
u) Xach dem Sprachgebrauche der Wiener Kammeramts
rechnungen bezeichnet Krebs einen Theil der Rüstung,
und zwar die geschobenen Brust- oder Schenkelschienen
oder beide zusammen. Zum erstenmale ist die Bezeichnung
erwähnt in der Rechnung des Jahres 1456: «Krebs oder
halbplatten». In der Rechnung Uber die Zeit vom 24. Ok
tober 1552 bis 1553 sind ausgewiesen als angekaufte «harnasch
von den lantzknechten in herzog Maritzen abzug an zahl
153, zum tail stuck und krebs, diechling', zum tail armbzeug
und Sturmhauben» (UhlirZ, 1. c. Bd. XXX, S. 118). Im
fahre 1559: «Harnasch mit aller zugehörung als: rück und
krebs mit paintaschen, stählen kragen und Sturmhauben».
(Ebenda S. 125.) Die ganzen Krebse sind im ganzen
geschobene Harnische, vgl. Böheim, Führer durch die
kaiserl. Waffens. Nr. 237, 243, 290, 293.
8. Heft.
Zeitschrift fiir historische Waffenkunde.
Charakteristisch ist namentlich die Gruppe des
3°7
und 967—970) mit je einer Wappendarstellung auf
Hauptmanns und Fleischhauermeisters Stänzl (Stanis
laus) Blaw. Der Harnisch des Bewaffneten in Halb
rüstung' entspricht der Kat.-Nr. 595- Bei diesem Ein
züge ist wie bei jenem im Jahre 1558 keine Spur
der Einteilung der Bürger nach dem taktischen
Viertelverbande zu finden, sondern er vollzog sich
in Gruppen nach Waffengattungen, wie «Die Ord
nung der Bürgerschaft beim einzug» (Fol. Dz)
beweist:
«Ihr führer trugen knebelspiess,*) zwei glieder
schützen sah ich wol, zwei
spiel ich hie auch nennen sol,
darnach der glieder also vil,
wie ich hernach anzeigen wil:
Ein glied spiess, 2 glied hel
barten; darnach sein geritten
etlich hauptleut, hernach wide
rumb 2 glied helbarten, ein
glied hackenschützen, her
nach widerumb 2 hauptmänner
mitsambtdem herrn obristen,
120 glied schützen, ein paar
spielleut, 38 glied spiess, 2 glied
knebelspiess, 2 glied schlacht
schwert» u. s. w.
Aber diese von den Vier
teln absehende Zugsordnung
beweist nichts gegen das Fort
bestehen der Vierteleinteilung,
die uns ja anderweitig bezeugt
ist, da Wirrich selbst die vier
Fendriche, als deren ersten
Hans Schilmaier, abbildet.
Beim hochzeitlichen Einzug
Erzherzog Carls am 24. August
wurden nach dem Zeugnisse der
Kammeramtsrechnung der «Bür
gerschaft harnisch und wöhrn
aus dem Zeughaus geliehen».* 2)
Mit Jahreszahl 1571 befinden
sich in der Sammlung eine
Helmbarte Kat.-Nr. 649, eine
zweite mit M(aximilian II.) und
jeder Seite des Beiles an. Der gespaltene Schild
mit geharnischtem Ritter und Löwen dürfte vielleicht
das Wappen des Johann Kalenberger bei Wirrich
Fol. G2 sein, das unter den «Wapenmessig wapen
etlicher befelchsleut, so ihren hauptleuten nachgesetzt
sein sollten», sich befindet. Das vierfeldige Wappen
erinnert an das des Tiroler Geschlechts der Fueger
von Friedberg.3)
Ueber die Feldzüge der Wiener im 15. Jahr
hundert haben Schlager und nach ihm Kutzlnigg
eingehend gehandelt. Hervor
zuheben scheint dabei nur, dass
es sich bei den Kämpfen ausser
Wien wohl zumeist um von
der Stadt gedungene Söldner
handelt, und die Bürger haupt
sächlich bei der Verteidigung
des heimischen Herds, der Stadt
selbst, in den Jahren 1477, 1485
und 1529 in Frage kommen.
Unter den Verteidigern der
Stadt gegen die Türken im Jahre
15294) befanden sich 19000
Mann zu Fuss und 2000 Reiter,
dann noch Spanier, deren Fahne
vom Jahre 1523 in die Samm
lung gekommen sein dürfte und
subKat.in Gr. Nr. 3 88 auf bewahrt
wird, und tausend Wiener
Bürger. Von den vier Biir
gerkompagnien standen an
fänglich zwei unter Johann von
Greiseneck und Leonhart Hauser
beim Schottenthore in Verwen
dung, während die anderen zwei
Kompagnien unter dem Bürger
meister Wolfgang Treu und dem
Stadtrichter Paul Pernfuss für die
Aufrechthaltung der Ordnung,
die Pflege der Verwundeten und
die P’euerwache zu sorgen hatten.
Von den Waffen, die die
Helmbarte aus der Zeit
Reichswappen Kat.-Nr. 604 und
Spiess Kat. in Gr. Nr. 60.
Kat.-Nr. 968.
Der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gehören
von 1571
Bürger während der ersten Pe
riode im Kriege trugen, kom
men in Betracht als Trutzwaffen:
Armbrust, Feuerwaffen und Schwert, und als Schutz
neun reichgeätzte Helmbarten (Kat.-Nr. 960—965
1) Jahns, Trutzw. S. 183. Abb. Taf. X, Nr. 8 und 9.
2) Uhliris 1. c. Bd. XXXI, S. 72. Die Bürger veran
stalteten auch dem König Mathias anlässlich seines Einzuges
als Statthalter Ungarns und des Erzherzogtums Oesterreich am
14. Juli 1608 einen feierlichen Empfang, bei dem sie aus
rückten, Ber. und Mitth. d. A. V. Bd. IX, S. I23ff. Die
damals in zehn Fähnlein ausgerückte Bürgerschaft umfasste
nach dem Berichte Holzmüllers 5000 Mann und 300 deutsche
Handelsleute, dann die gleiche Zahl WälsChe und Nieder
länder, die in Wien Niederlagen hatten, zu Pferde, «in einer
liberey geklaidt». Ueber die Ritterschaft der «löbl. burger
schaft war herr Daniel Moser des innern stattraths rittmaister».
waffen: Harnisch und Setztartsche (letztere auch als
Söldnerwaffe). Von den Feuerwaffen fallen in die Zeit
Hand- und Hakenbüchsen und Musketen mit Lunten
schlössern und Radschlössern.5) Die Sammlung besitzt
s) Siebmacher, Wappenbuch [1657] Teil I, S. 42. Das
letztere Wappen auch auf einem Spiess mit Jahreszahl 1573
im Grazer Landeszeughaus; Graf Meran 1. c. Taf. XXX,
Fig. 1, nicht erklärt.
4) Kutzlnigg 1. c. S. 336 und 342.
5) In Oesterreich seit 1518 nachweisbar, siehe Polizei
ordnung im Archiv für österreichische Geschichte
Bd. XIII, S. 239.
41
3°S
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
keine Armbrüste für den Kriegsgebrauch, sondern nur
II. Band.
Klingen mit Namen weisen auf einen Solinger Meister
zwei deutsche Jagdarmbrüste aus dem 16 Jahrhundert
(Kat.-Nr. 700 und 701) und drei Balästern (Kat.-Nr. 722).
Das Museum besitzt ferner nur einen messingenen
Hakenbüchsenlauf Kat.-Nr. 141; ‘) ein zweiter sub
Kat.-Nr. I32a (Eisen) ist dem Heeresmuseum ent
lehnt; sonst besitzt die Sammlung von datierten
Feuerwaffen vor 1648 nur eine Muskete mit Jahres
zahl 1556 in neuerer Schrift (Kat.-Nr. S87), italienische
Reiterpistolen mit Jahreszahl 1567 (Kat.-Nr. 703 und
704), zwei Radschlosspistolen mit Jahreszahl 1581
(Kat.-Nr. 720 und 721) und eine gezogene Rad
schlossbüchse von Mathes Mantl mit Jahreszahl 1648
(Kat.-Nr. 715).
Tausend Stück Musketen mit der Jahres
zahl 163g und «dem brand und bemerkung
der statt Wien» lieh diese im Jahre 1706 als
halber vierter 'Stand den niederösterr. Verordneten
nach dem ausgeschriebenen Aufgebot.* 2 3) Sie erhielt
dieselben nicht zurück, sondern wurde mit Geld ent
schädigt.
Im 18. Jahrhundert modernisierte man die
Schlösser der älteren Zeit; als Beleg dient das Ge
such des Rates an die Hofkammer, expediert den
15. November 1722,®) worin dieser daraufhinweist,
dass .«sich im burgerl. zeughauss an derzeit nicht
mehr üblichen mousqueten eine anzahl von 1350
circa befunden»; sie seien deshalb auf den Ge
danken verfallen «selbe ad modernam formam bringen
und mit flintenschlössern versehen zu lassen, zu
deren beyschaffung sie dann nicht allein von Zell
in Sachsen,4) sondern auch auf annoch ermanglende
500 stuck hinten und so vil abgängige bajonetes von
Augspurg die würkliche bestellung gemacht haben».
Ein zweites Ansuchen,5 6) expediert den 23. April
1724, betrifft 1200 Flintenschlösser, die in Zell
bestellt wurden, um damit 1200 Stück Mousqueten
mit Luntenschlössern umzuschäften.
Von Schwertern sind Bidenhänder oder
Schlachtschwerter in grösserer Anzahl (295 Stücke
und dazu 8 Klingen) vorhanden; die Meisterzeichen
auf denselben, wie auf Stangenwaffen, die im Katalog
publiziert sind, sind zum geringsten Teile erklärt.0)
*) Abgebildet zu Kutzlnigg 1. c. S. 330, Fig, 8. Unter
den Büchsenlieferanten war im Jahre 1497 Sebald Pögl am
Törl bei Aflenz (Uhliris 1. c. Bd. XXIX, S. 50). Ueber ihn
Böheim in Zeitschr. f. h. W. Bd. I, S. 171 und Bd. II, S. 239.
*) Akt im Wiener St.-A. alte Reg. 112/1706.
3) Konzept im Wiener St.-A. alte Reg. 127/1722.
*) Zelle im 16. und 17. Jahrhundert berühmt wegen
Gewehrfabrikation, Ossbahr, Kat.des Zeughauses in Schwarz
burg Xr. 870.
5) Konzept im Wiener St.-A. alte Reg. 55/1724.
6) Graf Meran 1. c. S. 86 teilte das im Kat. Fig. 12
abgebildete Schmiedezeichen dem in der Zeit von 1568—1599
als thätig nachweisbaren Peter Schreckseisen aus Wald-Neu
kirchen bei Steinpach an der Steyr und das als Fig. 69 ab
gebildete dem in den Jahren 1578—1607 nachweisbaren
Pangraz Taller, Bürger und Waffenschmied an der Sulz bei
Steyer zu (1. c. S. 88). Die Beschauzeichen der Städte Waid
hofen an der Ybs (Mohrenkopf) und Steier (Balkenschild)
Namens Stantler7) (Kat.-Nr. 83, 103, 119, 125, 128,
129, 132 und in Gr. Nr. 583); auf Nr. 83 ist auch ein
Schmiedezeichen (Kat. S. 15 Fig. 15). lyn Schwert
trägt die Jahreszahl 1628. Von Solinger Meistern
ist (Kat.-Nr. 1270) auch vertreten Peter Munich mit
der Klinge eines Haudegens aus der Zeit von 1615
bis 16288 *) und einer zweiten nicht datierbaren (Kat.
Nr. 789 und 790), dann mit einer Hirschfängerklinge
mit Bischofskopf (Kat.-Nr. 1270).
Die Sammlung besitzt nur vier ganze Harnische,
von welchen zwei unter den Prunkwaffen schon be
sprochen wurden (Kat.-Nr. 592 und 593).
Die ältesten ganzen Harnische der Sammlung
(«Kürisse») sind ein vollständiger gotischer
Rciterharnisch5) (Kat.-Nr. 24) und ein voll
ständiger Maximiliansharnisch10) (Kat.-Nr. 14).
Von diesen beiden Stücken ist nicht zu eruieren,
wann sie in die Sammlung kamen, und es lässt sich
auch keine Vermutung darüber anstellen, wer sie
getragen habe. Von den halben Harnischen aus der
Zeit Maximilians I. ist Kat.-Nr. 50 abgebildet.11)
Bedeutenderes Interesse beanspruchen die mit
Jahreszahl 1546 versehenen,, im Kataloge als
«Bürgerharnische» bezeichneten landsknechtischen
Halbharnische Kat.-Nr. 187—191, 195, 197, 198,
199, 285 in Gr. 296, 297, 298 und 299, zusammen
14 Stücke, und mit Jahreszahl 1571 Kat.-Nr. 306
bis 308, 326-329, in Gr. Nr. 390—404, 529 ad 532,
in Summa 12 Stücke, und ausserdem die Sturmhauben
Kat.-Nr. 302, 310, 311 in Gr. Nr. 312, 313, 314:
7 Stücke. Die Harnische des Jahres 1546 haben
«der Stadt Wappen, numero und jarzal» von Augustin
Hirschvogel cingeätzt. Es waren ursprünglich 68
Stücke, von diesen bezog die Stadt 60, und zwar
«rück und krebs sambt den achsein und sturm
erfahren wir aus Urkunde vom Jahre 1544 in Jahrbuch für
Landeskunde von Niederösterr. Jahrg. I, S. 129 Nr. 81.
Auch die Wiener Messerer führten den Balkenschild, zum
Unterschiede von den Steirern mussten sie den Schild rot
und den mittleren Strich weiss aufschlagen (Jahrb. d. a. K.
Bd. XVII, Reg. Nr. 15234).
7) Nach Ehrenthal, Führer durch das historische
Museum in Dresden S. 155 und 272, arbeitete er um 1560.
Bei Cronau fehlt der Name.
s) Beschrieben von Böheim, Meister der Waffen
schmiedekunst S. 149.
9) Böheim, Waffenkunde S. 149, abgebildet als Harnisch
der Bürgerwehr in Weiss, Geschichte der Stadt Wien Bd. I,
Taf. XVI zu S. 372, und zu Kutzlnigg 1. c. Taf. XVI. Als
naheliegendes Vergleichsmaterial: Böheim, Führer durch
die kaiserl. Waffens. Nr. 41, 43 und 45, Böheim, Ein goth.
Feldharnisch in Zeitschr. f. li. W. Bd. I, S. 210 aus der
Zeit zwischen 1480 und 1490, ferner eine St. Florian
brunnenstatue mit Jahreszahl 1498 vom Graben in Wien
in den städt. Sammlungen Abt. II, ygl. Engelmann im
Wien. Neuj. Alman. 1898, S. 65, und Dürer, Ritter, Tod und
Teufel aus dem Jahre 1513.
10) Böheim, Waffenkunde S. 152. Vergleichsmaterial:
Böheim, Führer Nr. 67, 121 und 128 und Kasser, Der
Harnisch des Lorenz Colman aus der Zeit zwischen 1490 und
1508 in Zeitschr. f. h. W. Bd. I, S. 34.
u) Zu Kutzlnigg 1. c. Taf. XVII.
.8. Heft.
Zeitschrift für historische Waffenkunde.
hauben» zum Einheitspreise von 7 fl 4 sol. den. per
309
Von den zahlreichen Setztartschen der Samm
Stück von Georg Zimerman.* * 4) Es ist aber bei Ver
gleich zwischen den Angaben der Rechnung und
den aufgesteliten Harnischen zu bemerken, dass in
der Rechnung von Sturmhauben die Rede ist, während
die Harnische der Sammlung geschlossene Helme,
zum Teil sogenannte Burgunderhelme, aufweisen,
die wohl nicht ursprünglich zur Rüstung gehörten.
Von den 48 Rüstungen, auf die Georg Schmidt
im Jahre 1571 das Stadtwappen eingeätzt hat, sind
12 Stücke vorhanden.2 6) Indem man Jahreszahl,
Wappen und Nummer auf den Stücken anbringen liess,
wollte man zweifellos den städtischen Besitz sichern,
wenn man die Stücke im Kriegsfälle oder bei feier
lichen Gelegenheiten an Bürger auslieh, wie dies für die
Hochzeitsfeierlichkeiten Erzherzog Carls bezeugt ist.
Man unterschied solche Harnische von anderen,
die man auf Wiederverkauf kaufte wie im Jahre 1556,
da man 127 Harnische «sarribt kragl und taschen
und 87 Sturmhauben und pekhenhauben», die man
in den letzten drei Jahren seitens der Stadt erworben
hatte, um 6 fl. per Harnisch verkaufte.8 9)
Man mag die Halbharnische des Jahres 1546
von dem Standpunkte aus Bürgerharnische nennen,
weil sie für den Gebrauch der Bürgerwehr dauernd
erworben wurden, nicht aber, um eine besondere Art
von Harnischen mit besonderer Facon damit zu be
zeichnen; in letzterem Sinne gab es keine besonderen
Bürgerharnische. Die Halbharnische des Jahres 1546
sind vielmehr Landsknechtharnische nach der Mode
der Zeit, wie überhaupt die Bürgerwehr jeweilig die
Waffen benutzte, die eben gang und gäbe waren.
Von den Kugelbrüsten sind noch 18 Stücke
aus dem 15. Jahrhundert und 35 aus dem 16. Jahr
hundert in der Waffensammlung.4)
•) Uhlirü 1. c. Bd. XXX, S. x 16.
ä) Uhlirü 1. c. Bd. XXXI, S. 72.
3) Uhlirü 1. c. Bd. XXX, S. 121. Erzherzog Mathias
weist auf diese Sitte aus zweiter Hand zu kaufen hin in
einem Kaiser Rudolf II. erstatteten Vortrage,
記載日
2025年10月22日