Zeitschrift für Historische Waffenkunde

Zweiter Band

著者
Karl Koetschau
初版
1899年
引用サイト
Internet Archive
Heidelberg University Library

Zeitschrift für Historische Waffenkunde Organ des Vereins für historische Waffenkunde Schriftleitung: Dr. Karl Koetschau, Direktor des Kgl. Historischen Museums und der Kgl. Gewehrgalerie zu Dresden Zweiter Band Mit i Lichtdruck-, 3 Farbendrucktafeln und 474 Text-Abbildungen Dresden Eigentum und Verlag des Vereins für historische Waffenkunde 1900-1902 L 202 Originalschild eines Deutschordens-Hochmeisters im Ferdinandeum zu Innsbruck. Vorderseite. Yierfhrbenbuehtlruck von Fr. Richter, G. m.b. H., Leipzig. I 1 . V.-'i !' 1. Inhaltsverzeichnis A. Abhandlungen und Fachnotizen. (Nach den Namen der Autoren alphabetisch geordnet.) Seite Anonym, Die Geschichte der Waffe im höheren mili tärischen Unterricht. Basse rmann-Jordan, E., Helm im bayrischen Nationalmuseum zu München. Derselbe, Modell einer Feldrüstung im bayrischen Nationalmuseum zu München. Derselbe, Faustschilde im Kgl. bayr. National museum in München. Derselbe, Die Waffensammlung des bayrischen Na tionalmuseums in München. Boeheim, W., Am Beginne des II. Bandes unsere Zeitschrift. Derselbe, Einzelheiten in der Ausrüstung zum alten deutschen Gestech. Derselbe, Eine Florentiner Karikatur aus den XIV. Jahrhundert. Derselbe, Kinderharnische. Derselbe, Zum Harnische des Herzogs Heinrich I von Montmorency in Paris. Derselbe, Ein Besuch der Waffensammlung im Kgl. Nationalmuseum zu Florenz. Derselbe, Die Rüstkammer der Stadt Emden . Derselbe, Über den Wert der Meistermarken 68 D o e p 1 e r d. j., E., Bayrisches Nationalmuseum : Ab teilung Waffen. v. Ehrenthal, M., Genuesische Klingen . . 25 Derselbe, Hirschhorn-Einlagen. Derselbe, Die fürstlich Radziwillsche Rüstkammer zu Nieswiez.i42> 22L Derselbe, Nicolaus Wilborn. Derselbe, Franz Grossschedel zu Landshut und einige seiner Werke. Engel, B.. Waffengeschichtliche Studien aus dem Deutschordens-Gebiet. I. Ein Original-Deutschordens-Hochnreisterschild II. Messingplatte des Vogtes zu Brathian, Kuno von Libensteyn in der kathol. Pfarrkirche zu Neumark, Westpr. ..100, III. Darstellung von Rittern auf einem Schranke aus dem XIV. Jahrhundert im Dom zu Marien werder, Westpr. IV. Krieger von einem Glasgemälde (Kreuzigungs gruppe) des XIV. Jahrhunderts in der kathol. Pfarrkirche zu Kulm a. M. V. Gedächtnistafeln in der St. Johanniskirche zu Thorn. Derselbe, Nochmals der Deutschordens -Hoch meisterschild . Derselbe, Zwei mittelalterliche Büchsen .... Derselbe, Zwei Rüstungen aus Fürstenwalde a. d. Spree . Derselbe, Steigbügel des IX. Jahrhunderts . . . Erben, W., Zur Deutung der Klingeninschrift Frin gia . Derselbe, Noch einige Worte über Fringia, Genoa und Sichelmarke . 37 81 120 173 283 1 9 28 89 161 320 74 83 276 252 366 94 174 348 349 '35° 214 3°i 402 418 151 270 Forrer, R., Gotisches Stossschwert von Mainz . Derselbe, Neuere Waffenfälschungen .... Derselbe, Zur Geschichte der Burgunderbeute . Derselbe, Alamanisches Kriegergrab. Derselbe, Studienmaterial zur Geschichte der Mittelalterwaffen.201, 262, 310, Derselbe, Über Waffen- und Burgen-Rekonstruk tionen . Derselbe, Karl Gimpel f. PI a m p e 1, J., Ein Helm von der panoni sehen Reichsgrenze. v. Hausen, E., Eine Arbeit des Goldschmiedes Hein rich Knopf ?. Derselbe, Die Heraldik und die modernen Fäl schungen auf dem Gebiete des Waffenwesens . . J ä h n s , M., Jelmän. v. Ille, J., Einiges über den letzten Grafen von Zrin Kluge, F., Armbrust oder Armrust ?. Koetschau, K., Am Beginne des II. Bandes unse rer Zeitschrift.-D e r s e 1 b e, Bibliographie der Waffenkunde . . . ! Derselbe, Nachwort zum Reimerschen Aufsatze über die historische Waffenkunde auf kultur geschichtlicher Grundlage . .. Derselbe, Wendelin Boeheim f. Derselbe, Max Jähns f. Derselbe, Ein Nachwort zu Bassermann-Jordans Aufsatz über das Münchner Nationalmuseum, zu gleich eine museumstechnische Skizze .... Derselbe, Nürnberger Ätzmaler der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts. v. Lenz, E., Perlen in Klingen eingeschmiedet . . Derselbe, Zur Frage über den Handschutz an orientalischen Blankwaffen . .. Derselbe, Mitteilungen aus der Renaissance-Ab teilung der Kaiserlichen Eremitage in St. Peters burg. I. Der angebliche Helm Heinrichs des Löwen II Ein Harnisch von Valentin Siebenbürger III. Eine mailändische Schallern. IV. Pavesen und Tartschcn aus dem XV. Jahr hundert . V. Stufen-Damast . .. VI. Stab-Runka. VII. Parierdolche und Springklingen. Liebe, G., Die Uniform der kursächsischen Lehns ritterschaft 1610. Derselbe, Das Turnier in den Briefen deutscher Fürsten am Ausgang des Mittelalters. Derselbe, Die soziale Wertung der Artillerie . . Derselbe, Waffenpreise. Derselbe, Die Anwendung der Setzschilde . . . Derselbe, Turnier- und Feldrüstung eines fürst lichen Hofes am Ende des XVI. Jahrhunderts Derselbe, Das Recht des Waffentragens in Deutschland. Seite 5° 83 84 84 404 37° 391 192 233 254 84 289 233 5° 57 L3i 134 283 323 48 80 i°3 156 158 224 231 3i4 35i 49 65 146 121 234 321 34° IV Inhaltsverzeichnis. Seite M eurer, H., Ultima ratio regum.417 Meyer, A., Friedrich der Grosse und seine Artillerie 207 Derselbe, Zwei Apparate zur Messung der Ge schossgeschwindigkeit in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts.256 Derselbe, Eine alte Abhandlung über Geschoss geschwindigkeit .295 MÖrtzsch, O., Die Ausrüstung sächsischer und thüringer Schlösser mit Feuerwaffen 1436 . . . 321 Petzsch, G., Das historische Museum in Dresden zum letzten Male als Rüstkammer. 19 Derselbe, Noch ein Wort über die genuesischen Klingen.217 v. P o t i e r , O., Etwas über das Vorkommen geöhrter Nadeln an Dolchmessern.32 Derselbe, Vom k. und k. Heeresmuseum in Wien 82, 234, 322 Derselbe, Auktion . 82 Derselbe, Noch einmal die geöhrten Nadeln an den Klingen von Dolchmessern.83 Derselbe, Glossen zum Rüstmeister-Vokabularium des Friedrich Leber.109 Derselbe, Zwei merkwürdige Handfeuerwaffen . 171 Derselbe, Ein Nachwort zur Versteigerung der Waffensammlung des Grafen Alfred Szirmay in Wien . 276 Derselbe, Waffenpreise.277 Derselbe, Armbrust oder Armrust?.322 Derselbe, Ein sonderbarer Mehrlader.338 v. Preradovifc, D., Noch ein Beitrag-in der Fringia .Frage . 300 Reimer, P., Die älteren Hinterladungsgeschütze . 3, 39 Reimer, P., Die historische Waffenkunde auf kultur geschichtlicher Grundlage. Derselbe, Das Geschützprobieren. Derselbe, Aus französischen Geschützgiessereien unter Ludwig XIV. Derselbe, Ein Stück Feuertaktik aus dem Mittelalter Derselbe, Die Erscheinung des Schusses und seine bildliche Darstellung.393, Rose, W., Das mittelalterliche Wurfbeil. Derselbe, Die Bedeutung des gotischen Streit kolbens als Waffe und als Würdezeichen . . . Schalk, K., Einrichtung eines Wiener städtischen Gusshauses im Jahre 1738. Derselbe, Die historische Waffensammlung der Stadt Wien im Zusammenhänge mit der militä rischen Organisation der Stadt . . . 247, 303, ’Schönberg-Diener, A., Kaiser Maximilians I. geheimes Jagdbuch. Shelesnow, W., Rossschweife an Lanzen .... Sixl, P., Entwickelung und Gebrauch der Hand feuerwaffen 13, 44, 77, 116, 163, 264, 316, 386, 407, Derselbe, Zur Geschichte des Schiesswesens der Infanterie.327, Thierbach, M., Die ältesten Radschlösser deut scher Sammlungen . Derselbe, Über die Entwickelung des Bajonnets Weyersberg, A., Solinger Schwerterschmiede-Fa Derselbe, Die Flintenlauffabrikation zu Burg a. d. Zschille, R., Einige Anmerkungen zu den Peters burger Pavesen und Tartschen. B. Litteratur. (Nach den Namen der Autoren der besprochenen Bücher alphabetisch geordnet.) Seite Angst, H., Jahresbericht des Schweizerischen Lan desmuseums in Zürich. Besprochen von W. Boe heim.I23 Avogrado di Quaregna, Luigi, Armeria an tica e moderna di S. M. il Re d’Italia in Torino. Besprochen von W. B o e h e i m.86 Beck, Theodor, Beiträge zur Geschichte des Ma schinenbaues. Besprochen von Paul Reimer . 52 Berchet, Frederico, Le sale d’armi del Consiglo dei X nel Palazzo Ducale di Venezia. Besprochen von W. Boeheim.51 Bruchet, Max, Trois inventaires du Chateau d’Annecy (1393, 1549, 1585). Besprochen von W. Boeheim..- ,.85 Buttin, Charles, Notes sur les armures ä l’epreuve. Besprochen von Koetschau.418 Cederström, Rudolf, Svenska Kunigla Hufvud baner samt Fälttecken. Besprochen von M. von Ehrenthal.175 Coltmann-Clephan, Robert, Notes on the devensive armour of medieval times and of re naissance. Besprochen von M, vonEhrenthal 23 Derselbe, The defensive armor, and the Weapons and Engines of War of mediaeval Times and of the «Renaissance». Besprochen von W. B o e h e i m 86 Derselbe, Notes on roman and medieval military ingines. Besprochen von M. von Ehrenthal 453 Deutsche Heeres-Uniformen auf der Weltausstellung in Paris 1900. Besprochen von Koetzschau . . 125 D e v e n s , F. K., Das deutsche Ross in der Geschichte, Sang und Sage. Besprochen von W. Boeheim 24 D i 11 o n, On a MS. Collection of Ordinance of Chi valry. Besprochen von M. von Ehrenthal 237 Doer, W. H., Die Frauenfelder Harnische im Schwei zer Landes-Museum. Besprochen von M. von Ehrenthal .. . . . . . 237 Duvernoy, Die Feldartillerie Friedrichs des Gewehr-Galerie zu Dresden. Besprochen von Erben, Wilhelm, Katalog des k. und k. Heeres Museums. Besprochen von W. Boeheim. . . Forrer, R., Zur Ur- und Frühgeschichte Eisass Lothringens. Besprochen von Koetschau . . Gauz, Paul, Geschichte der Heraldischen Kunst in der Schweiz im XII. und XIII. Jahrhundert. Be sprochen von R. Forrer. Gelli, Jacopo, Guida del raccoglitore e dell’ama tore di armi antiche. Besprochen von-1 . . Girand, J., B., Notes pour servir ä l’Histoire de la Sidörurgie en Lorraine: Arsenal de Nancy. Mines, Forges, Armes etc. Besprochen von W. Gross, Hans, Der Raritätenbetrug. Besprochen von v. Hefner-Alteneck, J. PI., Lebenserinnerungen. Besprochen von Koetschau. J ä h n s, Max, Entwickelungsgeschichte der alten Trutzwaffen. Besprochen von W. Boeheim . Lehmann, Gustav, Forschungen und Urkunden zur Geschichte der Uniformierung der Preuss. Armee 1713 bis 1807. I. Teil. Besprochen von Lossnitzer v. Lenz, E., Einige Worte über die alten Blank waffen. Besprochen von Meyer. Liebe, Georg, Das Kriegswesen mittelalterlicher Städte. Besprochen von Karl Koetschau . . v. Lippe rheide, Franz Freiherr, Corpus Cassi dum (Probe). Besprochen von Koetschau . . Ossbahr, C. A., Kongl. Lifrustkammaren och der med Förenade Samlingar. Besprochen von Koet vo Potier, O., Ein Besuch in der Werkstätte eines Fälschers alter Waffen. Besprochen von M. v o n Seite 57 71 179 343 435 239 359 170 380 433 2 33 441 374 138 423 milien . Wupper. Koetschau. Boeheim.. Dr. von Potier. schau .. Ehrenthal. v. Ubisch, Das Königliche Zeughaus. Führer durch Grossen. Besprochen von Paul Reimer . . . 55 v. Ehrenthal, Max, Führer durch die Königliche die Ruhmeshalle und die Sammlungen. Besprochen von W. Boeheim. 17 387 260 Seite S7 22 389 55 124 122 21 236 452 23 45i 388 357 85 Register (Die Zeitschrift verdankt die Zusammenstellung dieses Registers der Güte des Herrn Baron Dr. von Potier.) Seite Ätzmaler, Nürnberger . . . 323 Alba, Herzog. 90 Albert, König von Sachsen 364 Albrecht, Churfürst von Branden-bürg.65, 147, 375 — Erzherzog . 379 — V., Herzog von Baiern . 397 — V., Herzog von Oesterreich . 225 — von Preussen, Hochmeister 145 — Markgraf von Brandenburg . Alexander II., Kaiser von Russ-234 land . 103 Althaus, Inventar von . . 15 Ambras. 10, 162 Ammianus, Marcellinus, Ge schichtsschreiber . . . 311 Arcini, Pietro, Ciseleur . . 3° Armbrust 146, 233 ff., 322, 328 ff.. 407 Armeria real. 366, 367 Ascanio, Sforza, Cardinal . 364 Aubigny, Philippe Cordier d’ 138 Augsburg. 407 August, Churfiirst von Sachsen 219, 254, 368 — III., König von Polen 143, 144 Autharis, König .... 243 Bacinet. I IO, 202 Bajonnet. 423 Ballard, Geschützgiesser . . Banusring. 182, 185 235 Bathory, Andreas, Fürst von Sie benbürgen . — Stefan, König von Polen 154, 246 272, 294 Batista, Giovanni, Waffenschmied 315 Bavnehoi, Becher von . . 107 Bayeux, Teppich von . . 373 Beffart von Trier, Hochmeister 99) 215, 217 Bemelberg, Conrad von, Feld hauptmann . . . 156, 157 Bentivoglio, Annibale 160 — Antongaleazzo . . 160-— Ercole. 158 — Giovanni .... 159, 160 Berbigsdorf, General von . 429 Berg, Joseph . . . 425 Berlichingen, Götz von 146 Berlin, Giesshaus in . 180, 187 — Zeughaus in 5, 6, 7, 9. 4i, 42, 43, 85, 184, 188, 272, 346, 364, 386, 402, 443, 446 Bern, historisches Museum 27, 164 Berwulf . 115 Besangon, Geschützgiesserei in . 182 Bethlen, Gabor . . . 154 Bismarck, Otto Fürst von . 137 Blide. 13 Boeheim, Wendelin. Bolfe, de Lancuete (Siegmund Wolf), Plattner. Bologna, Museum zu .... Böntgen, Nathan, Büchsenmacher Boumerang. Bourgignotte . .. Bozdohan (Streitaxt) .... Brändchenbüchse . Bratspiess. Braunschweig.147, Breisach, Geschützgiesserei in 182, Breslau, Handschrift .... — Stadtbuch von .... 408, Budapest, Milleniumsausstellung in.293, 294, — Nationalmuseum in 192, 198, 267, 269, 3°3, 380, 10, 82, Burg, a. d. Wupper Bürgerwehr, Wiener Burgkmayr, Hans . Burgunderbeute . Büstindui, Laufschmied .... Buzogany ....... 246, Cenni, Cosimo, Gussmeister . . Chaligny, Giesserfamilie in Lo-thringen .125, Christian I., Churfürst von Sachsen . — II.233, Cirksena, Ullrich, Droste . . . Clauberg, Johann Caspar, Schwertfeger in Solingen . . Codex, theodosianus .... Col (Ivoll), Heinrich, feger in Solingen Colbert, Laufschmied Columbus, Christoph Cominazzo, Lazzarino . Conrad, von Thüringen meister .... — von Winterstetten . — von Würzburg . Cooperatura .... Couse. Cranach, Lucas, Maler Crecy, Schlacht bei . Custodier zum Sturme Czakany . Damad, Ali Pascha, Gi Damascirung Danzig .... Darake .... Darmgürtel . . Degenbrechgitter Deggendorf . . 227, 228, 229, Demmin, August, Kunstschrift steller 3, 151, 152, 174, Seite 131 366 159 387 246 ui 291 279 115 167 185 5 414 31s 444 387 382 149 84 1 6l 364 30 Schwert es, doch 245> vezier 114, 254 364 90 19 201 22 162 6 161 94 ui 113 114 250 254 114 114 246 235 231 295 216 115 174 231 224 Seite Dietrich von Bern.110 Doppelschussgewehr.338 Douai, Geschützgiesserei zu 180, 182 Drehbasse . 6 Drehling.338 Dresden, Altertumsmuseum in 129, 443 — Arsenal in.129, 423 — Hauptversammlung des Ver-eins .... 126, 132, 134, 177 — historisches Museum in 19, 26, 27, 75, 83, 87, 114, 122, 129, 141, 217, 219, 233, 252, 255, 274>. 288, 315, 325, 364, 367 — Kupferstichcabinet .... 252 Dsu-l-fakkar, Schwert Muham meds.232 Dümchen, Glocken- und Büchsen giesser. 15 Dürer, Albrecht . . 12, 224, 245, 254 Duguesclin.244 Dusägge.115 Edzard, Graf von Ostfriesland 91 Eisenhut . . . . III, 262, 402 Elbing, Rechenbuch der Stadt 14, 16 Elisabeth, Kaiserin von Oester reich . 83 Emden, Rüstkammer der Stadt 89, 326, 45° Enns, Stadt ..224 Erfurt, Büchsennleister-Verord nung von .147 Ernst, der Eiserne, Herzog . . 110 Eugen, Prinz von Savoyen . . 235 F allblockverschluss .40 Fälschungen von Waffen 254, 357, 388 Fanchon. 34 Fangkette.176, 236 Fasti Limpurgenses.m Faustschild.114, 173 Fechtdolch. 351 ff. Feraro, Andrea, Klingenschmied in Belluno.25 Ferdinand I., Kaiser 152, 251, 270 — III., Kaiser.250 162 343 240 82 28 246 Ferlach Feuerta ktik, mittelalterliche Fischamend ...... Flissa .. Florenz, Nationalmuseum zu Fokes.. Framea.153 Francini, Giovanni, Laufschmied 161 Francisca .... 242, 243, 245 Frangepan, Franz Graf .... 290 Frangia .... 153, 154, 217, 219 Frauenlob, Minnesänger .... 99 Frauenpreiss, Matthäus, Plattner 369 IV Register. Seite Freydal.245, 362 Friaul.155, 275 Friedrich, Churfürst v. d. Pfalz 66, 276 — von Sachsen, Hochmeister . 145 — Markgraf von Brandenburg . 66 — I., Kaiser.340 — II. Kaiser .247 — III., Kaiser.363 — IV., Kaiser.110, 248 — König von Preussen 207, 342, 417 — Prinz von Preussen .... 371 — - Wilhelm I., König von Preu ssen .151 Fringia 74, 151, 152, 153, 154, 155, 217, 219, 270, 272, 300, 355 Froissart, Jean, Chronist . . 5, 114 Frönsperger, Militärschriftsteller 149 Frühsorge, Lorenz.425 Fürstenwald'“, Rüstkammer zu . 402 Furttenbach, Ingenieur .... 150 Fussturnier.362 Galileo, Galilei. Physiker . . . 379 Gelote. 16 Generalsalve.375, 378 Geneva.220 Genoa 153, 154, 219, 270, 272, 274, 275 Genuesermesser.32, 36 Georg, Kurfürst von Brandenburg 145 Gereite.114 Geschossgeschwindigkeit 256, 295 Gestech, altes deutsches . . 9, 115 Girardon, Frangois, Bildhauer . . 180 Goliath.406 Gollir.110 Grabplatte, messingene .... 100 Graz, Zeughaus 90, 132, 154, 155, 220, 246, 274, 275, 276, 426 Gregor von Tours, Bischof und Geschichtsschreiber .... 243 Grieswärtel. 10 Grossschedel, Franz, Plattner . 366 ff. Gundestrup, Kessel von 106, 107, 108 Gustav Adolf, König von Schwe den.389 Hakenbüchse 264 ff., 302, 316 ff., 386, 409 Hallil, Leopold, Stückgiesser . 170 Halsberg.110 Handbüchse .301, 407 — mehrläufige.278 Handschutz an orientalischen Blankwaffen.80 Harnaschkammer.109 Harnasch(Rüst)meister . . . . no Harnischfeger.110 Harnischkappe . . . .112, 203 Hastings, Schlacht bei . .113, 243 Haubert ... 112, 203, 205, 405 Heinrich der Löwe, Herzog . . 103 — VI., Kaiser ....... 254 — IV., König von Frankreich . 366 Helmhang .254 Helmhaube. 10 Heimzageischraube . 13 Heraldik.254 Herle, Lenhard, Stückgiesser . . 276 Hermans, Johann Wilhelm, Schwertfeger in Solingen . . 19 Herold, Christian.425 Hcrpaly, Schildbuckel von . . . 201 Herrad, Äbtissin von Landsberg 311 LIersenir.111 Hildebrand, Waffenmeister . . no Hildesheim, Albanipsalter in . . 206 Hieder, Sebald, Stückgiesser . 276 Hirschhorneinlage.83 Hirt. Arnold. Stückgiesser . . . 276 —I Leonhard, Stückgiesser . . 276 Seite Hofkircher, Peter, Laufschmied 161 Hofmann, Plattner.237 Horta, Juanes de la, Klingen-schmied . 388 Hortus deliciarum .311 Hundekogel.174 Hundsgugel.111 Innocenz II., Papst.146 Innsbruck, Landesmuseum in 94, 141 Iselburg, Peter, Kupferstecher . 379 Jacobi, Johann, Broncegiesser . 180 Jahns, Max . . 21, 134, 239, 242 Jähns, Friedrich Wilhelm, Compo-nist.136 Jagdausrüstung . .433 Jellacic, Josef Graf, Ban von Croatien 235 Jelman.34 Jemgun, Schlacht bei .... 90 Joachim, Ernst, Markgraf zu Brandenburg.376 Johann Georg II., Churfürst von Sachsen.368 — — Herzog von Sachsen 233, 255, 256, 364 Jordanus, Abt von Lucelle (Lützel) 310 Josef I., Kaiser.250 — II., Kaiser.384 Judenburg.155 Jungingen, Conrad von, Hoch-meister .15, 16 Kalkan.114 Kammerschlange. 4 Kammerverschluss .41 Kampfschild, normannisches 205, 214, 215, 216 Kanz .115 Kara Mustapha, Grossvezier . 143 Karl, Herzog von Steiermark . . 157 — der Grosse . . . 152, 243, 340 — IV., Kaiser.76, 219 — Albert, Churfürst von Baiern 382 Karrenbüchse.116 . Kaschau, Museum in.267 Katzheimer, Hans, Maler . . . 362 Kehrwiederkeule.239 Keilverschluss. 9 Keller, Balthasar.180 — Jean, Geschützgiesser . . . 180 j Kettengugel.203 Kiefuss, Johann, Büchsenmacher 138 Kiel, Museum in.198 Kinderharnisch.20 Kinschal.82 Kirknerdeven, Damastgattung . 231 Kirschbaum, Schwertfeger in So-lingen . 17 Klagenfurt, Museum in . . . . 265 Klett, Sigmund, Büchsenmacher 31 Klingenfänger.352 Klingenthal.70 Klöden, Karl Friedrich von, Ge schichtsforscher .... 136, 137 Klosterneuburg, Waffensammlung zu .... 161, 267, 269, 320 Knipperdolling, Haupt der Wie-dertäufer .252 Kniperode, Winrich von, Hoch-meister .13, 328 Knopf, Heinrich, Goldschmied 233 Kinut der Grosse, König . . . 243 Kolbenturnier.362 Kolbenverschluss ...... 39 Königgrätz, Schlacht bei . . 132, 322 Kreuzenstein, Waffensammlung zu . . 140, 204, 267, 269, 320 Kriegergrab, alamanisches . . 84 Kuchenreuter, Laufschmiede . 162 Kugelbrust .402 Seite Kuler (Keuller, Koller), Clemens, Klingenschmied zu Solingen 76 Kuno von Libensteyn, Vogt zu Brathian.100 Kurländerschloss.142 Kürissbengel 115, 359, 360, 362, 364 Ladestockbajonnet.429 Landshut, Rüstkammer von 110, 411 Leber, Friedrich von .... 109 Lehnsritterschaft, sächsische . . 49 Leipzig, Völkerschlacht bei . . 19 Lendner.101, 115, 349 Lenhardt (Leonhardt), C., Guss-meister .221 Leoben.162 Leopold I., deutscher Kaiser . 294 Leszczynski, Stanislav, König von Polen.295 Lichterflasche.279 Linkehancl.174, 351 ff. Linz, Museum zu ... . 411, 425 Lochner, Plattner.22 Lopez, Laufschmied.161 Louvois, Frangois Marquis de, Staatsmann.180 Ludwig, Graf von Nassau . . 92 — der Reiche, Herzog . . . 244 — I., König von Ungarn . . 290 — XIV., König von Frankreich 179. 329, 417 Luther, Martin .148 Lüttich.162 Luxemburg, histor. Museum zu 386 Magdalena, Sibylla, Kurfürstin von Sachsen.. 256 Magdeburg, • Hofordnung von . 149 Magdeburg, Schützenrecht von 408, 417 Malchus .84 Maria, Herzogin von Baiern . . 306 — Theresia, Kaiserin .... 250 Marienburg, Ämterbuch .... 14 Marienburg.445 Marienwerder.348 Martinsvögel.360 Matthias, Hunyadi, König von Ungarn .225 — Corvinus, König.250 Max I., Kaiser 65, 66, 82, 113, 138, 149, 152, 221, 224, 245, 246, 254, 264, 275, 290, 332, 362, 364, 375, 433 — II., Kaiser '251, 367, 369, 370 — II., König von Baiern . . . 285 — Emanuel, Churfürst von Baiern 284 Medici, Alexander, Herzog von 29 Mehrlader .339 Meissen, Albrechtsburg in 129, 145 Memmingen .242 Mette, faule, Geschütz . . . . 147 Michael, Pawlowitsch, Grossfürst 158 Miniaturen.4°4» 4°6 Missaglia, Plattnerfamilie . . . 159 Mitteleisen .352 Mohäcs, Schlacht bei .... 270 Mola, Gasparo, Münzmeister . 30 Moltke, Hellmut Graf .... 136 Molzer, Herrnan, Stückgiesser 221, 223 Mönchsbüchse.141 Montecuculi, General .... 38 5 Montmorency, Heinrich, Georg von . 21 — Mathieu.373 Montpensier, Heinrich, Herzog von.21 Mordhacke.115, 245 Morgenstern .360 Moritz, Landgraf von Hessen 363, 375, 376 Register. Seite Seite Moritz, Prinz von Oranien . 375 Procopius. 242 Mühldorf, Annalen von .... 46 Pulver, rauchloses ....- 438 ff. Mufakkar. 232 Purrhindurch, Name eines Ge Münich, Peter, Schwertfeger 272 schützes. 6 Munsten, Peter, Schwertfeger in Radetzky, fosef Graf, Feldmar Solingen .22 76 schall. 235 München, Kunst- und Gewerbe-Radschloss . 138 ausstellung in. 133 Radziwill, Nikolaus, Fürst 142, 221 — Nationalmuseum in 120, 173, Rakoczi, Franz 11. 153, 2Q2, 382 175, 279, 283, 285, 289, 320, 355 Raritätenbetrug. 326 Muserie .109, 167 Rebhuhnmörser. 191 Musketier.376, 378 Reiterschwert. "5 Nadeln an Dolchmessern . . 32 83 Rennhaube . I I I Nationalgarde, Wiener .... 3°4 Rice, Oberst . 432 Nespola . 160 Richelieu, Cardinal .... 4'7 Neydecker, Hans, Harnisch-Ringgugel. 262 meister . I IO Rittergesellschaft .... 65 Nikolaus I., Kaiser von Russ-Rosskopf. "5 land.103, '57 Rossschweife an Lanzen . . 233 Xieswiez, Rüstkammer zu 142, 221, 276 Rudolf I., Kaiser .... 247 Nürnberg, Germanisches Museum — II., Kaiser. 364 in 42, 140, 149, 164, 227, Runka . 263 265, 317, 320, 403, 4'3> 442> 446 Rüsthose. I 12 — Heeresordnung von . 13, I IÖ Rüstkammer 89, 109, 110, 326, 402 — Inventar der Stadt . . 170, 414 Rüstmeister-Vocabularium . I I I — Zeughaus . 4'5 Rüxner. IO Olbernhau, Gewehrfabrikation 427 Sagen, Jaques, Glockengiesser . 184 Odilienkloster. 206 Schallern. I IO, 158 Orgelgeschütz. 4'5 Schefl, J. C., Laufschmied . 162 Ospel, Anton, Stuckhauptmann . 170 Schefflin. "5 Ostendorfer. IO Scheiger, Josef von, Postdirektor Osterstein, Waffensammlung zu 139 109, 246 Ottokar, König von Böhmen . . 99 Schiffchenmarke .... 75 Pallavicino, Gianlodovico . . . 160 Schiitknecht, Wendelin, Büchsen Panzerstecher. "5 meister. 150 Parierdolch.3 51 ff. Schirmbrett. IOO, "3 Paris, Arsenal. 181 Schirmer, Martin .... 425 — rnusee d’artillerie .... 3'6 Schläglerbund. 360 — Weltausstellung in . .. . 125, '33 Schraubenverschluss . . . 8 Parsche . "5 Schützenordnungen verschiedener Passau. '55 Städte.- 332 ff — Zeugregister der Stadt . 7« Schwarz, Berthold .... 4° 5 Pavese 94, 99, 102, 113, 114, Schwarzburg, Zeughaus zu 3'7, 425 115, 224, 226, 228, 260, 261 Schweinfurt. 4°7 Pavia, Schildfabrik zu ... . "3 Scramasax. 84, 242 375 48 184 "5 231 '55 Schlacht von Perlen, in Klingen eingeschmiedet Perdry, Geschützgiesser in Valen ciennes . Perschwert . Petersburg, St., Artillerie-Aka-demie zu .-Ermitage 197, 224, 226, 240. 3'4, 35', 354, 363, 364 Petrini, Antonio, Waffenschmied 29, 161 Pettau. Pfeilgift. Pfeersee, Helmfund von Pfertklaid . Philander von Sittewald .... Philipp, Landgraf von Hessen 121, 147, — II., König. Pignerol, Geschützgiesserei in . Pilsen, Historisches Museum in 119, 164, 165, 266, 267 Piripe, Treibarbeiten .... 30 Pisa, Sammlung Tiranti ... 20 Pistole . ..172 Plauen, Heinrich von, Comthur des deutschen Ordens . 14, Poitiers, Schlacht bei. Pögel, Peter, Laufschmied . . . Polstergugel.203, 262 Posilge, Johann von, Chronik . . 13 Potsdam, Klingenfabrik zu . . . 70 Prag, Museum in 163, 167, 265, 268, 318 26 34, 35 196 • "4 45 149 366 182 102 114 161 Seedorf, Reiterschild von 96, 216 Seelos, Hans, Geschützgiesser . 6 Sembach, Schlacht von .... 113 Setzschild 224, 226, 234, 249 Sforza, Bona.223 Sichelmarke 25, 28, 74, 76, 154, 155, 219, 220, 272, 274, 275 Sickingen, Franz von.146 Siebenbürgen, Valentin, Plattner 156 Sigmaringen, Sammlung von Waf-fen zu. Sigismund, Markgraf von Bran-denburg . 5 — Kaiser.290 — 1., König von Polen .... 223 — II., König von Polen . . . 223 Sirrico, Pirro (Pietro), Waffen-schmied- .29 Skorpionenmarke.315 Sobieski, Johann, König von Po-len .143, 223 Solingen, Verzeichnis der Fami lien von Schwertfegern in . 18 Soult, Marschall.145 Spangenhelm .105 Spangeröll.in, 156 Speyer, Museum in.107 Springklingen, Dolch .... 353 Stab-Runka 3'4, 3'5, 3'6, 355 Stechhelm.12, in, 112 Stechschild.114 Stechzeugmodel . .120 St. Gotthard, Schlacht bei . . . 385 Stifter, Hans, Laufschmied . . . 161 VII Seite Stockdegen,.314 Stockholm, Leibrüstkammer in . 272 Strassburg, Inventar von .... 15 Streitkolben 359, 361, 364, 365 Stufendamast.231 Stuttgart, Museum in . . . . 215 Subic von Bribir, kroatisches Adels geschlecht .290 Suhl.162, 425 Surzengel.115 Szigeth .290 Szirmay, Waffensammlung . . . 276 Tabor, Museum zu.413 Tab ul.143, 156 Targarona, Laufschmied .... 161 Tarrasbüchse 14, 15, 44, 45, 46, 47, 48, 77, 116, 148, 167, 409 Tartsche 83, 114, 214, 224, 249, 260, 261 Taucherrüstung.264 Teschinkschloss .142 Theodebert I., König .... 242 Theodelinda, Königin .... 243 Thomas von Azuino .... 366 Thorn, Museum zu . . . .35°, 418 — Sammlung Engel .... 445 Thorsbjerg, Helmfund von 198, 199 Todtenschild .215 Tomahawk.246 Tonnenharnisch .115 Topfhelm.203, 277 Topor.246 Torelli, Anastasia.160 — Barbara.160 Tresslerbuch.14, 15, 16 Triest, Museo Civico di Anti-chita.115 Tsarskoe-Sclo, Arsenal von 226, 228 Tummler. 13 Turin, Armeria Reale zu 28, 86, 226, 315 Turnayhelm.111 Ulrich, Herzog von Württem-berg .379 — von Zatzikofen, Dichter . . 243 Valturius, Manuscript des . 116, 118 Vauban, Scbastien le Pretre de, Festungsbaumeister .... 179 Verdun.125 Vestenberg, Inventar von 14, 47, 168 Vogelschiessen ..327 Waffengewicht . 310 Waffenpreise.121, 277 Wagenbüchse.116 Wagenburg.344 Wallhausen .... 377, 378, 379 Wappenmeister. 13 Weberinnung zu Deggendorf . . 261 Weisskunig .149, 364 Weiz. .... 154 Welser, Philippine .133 Wendergewehr.338 Wenger, Max, Laufschmied . . 161 Werner auf dem Berge, Giesser in Danzig. 14 Wernig, Jan, Schmied .... 16 Weyersberg, Schwertfeger in So-lingen .17, 18 Wien, Ambraser Sammlung in . 254 — städtisches Gusshaus in . . . 170 — Pleeresmuseum in 22, 82, '5', '53, '54, '7°, 220, 234, 246, 251, 272, 322, 412 — historisches Museum der Stadt 225, 247, 303 — Kriegsarchiv in.164 — Sammlung Windisch-Graetz in 12 — Schatzkammer in.254 VIII Wien, kaiserliche Waffensammlung in i o, 28,31,133,267,269,363,369, — Weltausstellung in .... — k. und k. Zeughaus in . . . — k. und k. Hofbibliothek in . Wiener-Neustadt . . 132, 133, •— Niederländer Gewehrfabrik in — Zeugstädel in. Wige. Wilborn, Nicolaus, Kupferstecher Wilczek, Sammlung. Wilhelm, Herzog von Baiern . — Markgraf von Meissen . . . Register. Seite Seite Wilhelm von Worms . . . 359, 367 413 133 259 433 155 23 110 116 252 239 367 215 Wolf, Sigmund, Plattner . 366, 367 Wolfdietrich . 243 Wolfspeitsche .171 Woher, Clemens, Schwertfeger in Solingen .22 Wurfbeil ...... 239 ff., 355 Wurfeisen . 239 Wurf hacke.246 Wurfhammer . 245 Wurfmesser . 243 Wurfring.246 Zagaye . ..115 Seite Zehner, Laufschmiede .... 162 Zeugstadel . 109 Zinna, Abtei.234 Zimier . 254 Zischägge.144 Ziska, Hussitenführer.414 Zittau, Museum zu.317 Zopf.114 Zrin (Zrinyi), Grafengeschlecht 289, 290, 293, 294, 295 Zündlicht . 280 Zürich, Landesmuseum in 28, 123, 237, 289 Am Beginne des II. Bandes unserer Zeitschrift. Wenn jeder Anfang- schwer ist, so war dieser um so schwerer in einer Zeitschrift, die ein Programm aufgenommen hat, das überhaupt noch nie in der periodischen Litteratur zum Thema gemacht worden ist, eine nur spärliche ältere Litteratur zur Grundlage und die Aufgabe hat, seinen Leitgegenstand zu einer Wissenschaft erst auszubauen. Der Unterzeichnete gesteht sich selbst, dass er in seinem Bemühen, der historischen Waffen wissenschaft eine Vertretung in der periodischen Litteratur zu schaffen, sicher gescheitert wäre, hätte er nicht zu seiner hohen Freude eine so bedeutende Zahl von für das P'ach begeisterten, kenntnisreichen Kollegen in aller Welt getroffen und um sich zu sammeln vermocht, treffliche Specialisten, die ihren Gegenstand voll beherrschen und den mannigfachsten Erwartungen zu entsprechen im stände sind. Erst durch dieses glückliche Zusammentreffen war die geistige Existenz der «Zeitschrift» gesichert. Die Leitung sah sich in die Lage versetzt, sich einen Plan zurechtzulegen, und' ihren Weg vorzuzeichuen, um der Ge schichtsschreibung, der Kriegswissenschaft, der Kunstarchäologie mit ihren verwandten Zweigen zu dienen. Es hat1 sich gezeigt, dass die historische Waffenwissenschaft von zahlreichen stillen Arbeitern bereits längst bebaut worden war und in ihren Elementen nur geschlummert hat. Drei Jahre sind seit dem Beginne unserer Zeitschrift verflossen, der I. Band derselben ist zum Abschlüsse gebracht. Dieser äussere Umstand gestattet eine Rückschau auf das Erstrebte, auf das Erreichte. Es wäre eine Anmassung, behaupten zu wollen, dass die junge Zeitschrift, herausgewachsen aus sich selbst, allen Anforderungen schon gerecht geworden wäre. Der Unterzeichnete ist sich wohl bewusst, dass noch manche Lücken klaffen, dass manches Erreichte von dem Erstrebten weit entfernt geblieben, dass manches noch der Pflege entgegensieht; aber Eines glaubt er mit seinen verehrten Mitarbeitern er reicht zu haben: die Ucberzeugung, dass die historische Waffenwissenschaft eine nicht unansehnliche Stelle in der geschichtlichen Wissenschaft einzunehmen berechtigt, nimmermehr aus dem historischen Programm zu streichen ist und an Wichtigkeit und Bedeutung in nächster Zeit nur gewinnen wird. Unter so günstigen Verhältnissen fällt es dem Unterzeichneten nicht leicht auf das Herz, dass er sich, bedenklich erkrankt, teils vom Alter gebeugt, gezwungen sieht, die Leitung der «Zeitschrift» zurückzulegen, aber er übergiebt sie in die Hände eines so kenntnisreichen, bewährten und von der Auf gabe voll durchdrungenen Kollegen, dass die kräftigste Weiterentwickelung der «Zeitschrift: nach jeder Richtung hin gesichert erscheint. Vom II. Bande an wird der Direktor der herzoglichen Kunst- und Altertümer-Sammlung der Veste Coburg, Herr Dr. Karl Koetschau, die Leitung der Zeitschrift übernehmen. Wer in einem Fache ein halbes Lebensalter rastlos gearbeitet hat, dem wird es schwer, wenn nicht unmöglich, seine Thätigkeit plötzlich einzustellen; der Unterzeichnete wird darum auch noch künftig hin nach Kraft und Vermögen als Mitarbeiter sich in den Dienst der «Zeitschrift» stellen und wird sich innig freuen, wenn seine Beiträge auch fernerhin willkommen erscheinen sollten. In letzterem Palle wird ihm nach jahrelangem Streben der Abschied von der Leitung leichter, und, indem er seinen bisherigen verehrten Mitarbeitern und Kollegen den innigsten Dank für alle Mithilfe entgegenbringt, stellt er sich nun als Genosse entschlossen in ihre Reihen, um unter kräftiger neuer Leitung an dem Ausbau unseres Wissenschaftszweiges sich weiter zu beteiligen. Wien, im November 1899. Wendelin Boeheim. 1 Der Waffenkunde war von Anbeginn unter den verwandten historischen Fächern ein besonders günstiges Geschick beschieden. Als vor wenig Jahren der Versuch gewagt wurde, sie als eine zur Selbständigkeit berechtigte Wissenschaft mit viel verheissenden Entwickelungskeimen in das reiche Gartenland geistiger Arbeit einzupflanzen, war der Boden, in dem sie geborgen wurde, ein schon in seinen Anfängen kräftiger Verein. Die befördernden Mittel zum Wachsen bot ihr eine Zeitschrift, die als einzige auf diesem Gebiete von vornherein den breitesten Wirkungskreis sich gesichert sah, und der sorgsame Gärtner, der mit einem von der Liebe zur Sache geschärften Auge alle Vorgänge des Wachs tums beobachtete, mit sorglich pflegender Hand sie regelte und aus der Sonne eines warmen Herzens Licht spendete, war ein Mann, den man wegen seiner zusammenfassenden und zu gesteigerter Entwicklung führenden Thätigkeit als den Organisator der historischen Waffenkunde jetzt schon bezeichnen darf, und dem einst die Geschichte dieses Wissenszweiges einen der Ehrenplätze zuerkennen muss: Wendelin Boeheim. Nun ist der erste Sturm gekommen und hat an dem kräftig wachsenden Stamm gerüttelt: der bisherige Leiter dieser Zeitschrift sieht sich gezwungen, anderen Händen sein Amt anzuvertrauen. Ich brauche nicht zu sagen, wie sehr die Mitglieder des Vereins und die Leser dieser Zeitschrift den Ent schluss zu beklagen alle Ursache haben, jeder wird hierin mit mir eines Sinnes sein. Aber auch darin weiss ich mich eins mit allen Freunden unserer Wissenschaft, dass, wenn wir schon der Klage keine Worte leihen, doch dem herzlichsten Danke wärmsten Ausdruck geben dürfen. Der Herr Vorsitzende unseres Vereins und bisherige Leiter seines Organs möge ihn sich gefallen lassen! Er ist wohl verdient in jahre langer, eifrigster Arbeit. Man wird es mir leicht nachfühlen können, wie ich nur zaghaft und nach manchen Bedenken mich entschloss, dem an mich ergangenen Rufe zu folgen. Ich würde es schliesslich doch nicht gethan haben, wenn mir nicht mein verehrter Herr Vorgänger versichert hätte, trotz seines Rücktritts von leiten der Stelle noch alle Kraft der Zeitschrift nach Möglichkeit zu widmen. Ich würde es auch nicht haben thun können, wenn nicht eine Reihe der anderen, schon bewährten Mitarbeiter, die mich kennen, mir ihre Unterstützung von vornherein zugesagt hätten. Ihnen allen gebührt mein herzlichster Dank. Aber es ist nötig, dass nicht nur einige der Vereinsmitglieder zur Arbeit bereit sind, es ist vielmehr zu wünschen, dass möglichst alle mithelfen, auf der gesteckten Bahn zum Ziele vorzudringen. Der Weg ist weit und nicht überall gleich gut zu begehen. Unverdrossene Ausdauer, engster Zusammenschluss aller Kräfte wird die Schwierigkeiten überwinden helfen. Und so bitte ich denn alle die verehrten Leser dieser Zeitschrift einzutreten in die Reihe derer, die die Waffe der Arbeit führen für die Geschichte der Waffe. Veste Koburg, im November 1899. Dr. Karl Koetschau. Die älteren Hinterladungsgeschütze. Von Pau! Reimer, Oberleutnant im Badischen Fuss-Artillerie-Regiraent No. 1.4. Es ist eine in der Technik häufig beobachtete Erscheinung, dass als neue Errungenschaften ge feierte Erfindungen sich plötzlich als alte Bekannte erweisen, die aus ihrer Vergessenheit hervorgeholt, von neuem der Menschheit dienen müssen. Heftig entbrennt dann der Streit, wem der Ruhm des Er f inders zuzusprechen ist. Einen geradezu typischen Fall dieser Art brachte vor nicht langer Zeit die Zeitschrift «Prometheus». Es wurde darin eine amerikanische Erfindung, die sog. Kettenfräse, be schrieben, eine mechanische Vorrichtung zur leichten Herstellung von rechteckigen Löchern in Holz, die bisher für Verzapfungen bei Möbeln etc. durch den Tischler mit dem Lochbeitel mühsam ausgestemmt werden mussten. Alsbald erhoben sich Stimmen, die den Erfinderlohn für andere in Anspruch nahmen. U. a. führte ein Arzt an, dass ein ganz auf dem selben Princip beruhendes Instrument, Osteotem ge nannt, bereits im Anfang dieses Jahrhunderts von den Chirurgen zur Oeffnung der Schädelhöhle be nutzt w mden sei. Mit Recht wies hier der Heraus geber des «Prometheus» darauf hin, dass die Merk male einer neuen Erfindung auch dann vorlägen, wenn ein schon bekanntes Mittel zur Erreichung' eines neuen Zweckes nutzbar gemacht werde. Der gleiche Fall liegt in unserer Artillerie Technik vor. Die beim Dreyse’schen Zündnadel gewehr, ums Ende der fünfziger Jahre beim Geschütz eingeführte Hinterladung wurde kaum als eine ausser ordentliche Erfindung betrachtet, denn Hinterladungs geschütze waren seit den ältesten Zeiten bekannt, unter ihnen sogar mit Drall gezogene. Und doch ist der Zweck der Hinterladung heute ein wesentlich an derer wie früher, ein Zweck, der nur durch die Hinterladung erreicht werden kann und an den selbst die Konstrukteure der alten gezogenen Geschütze nicht im Entferntesten gedacht haben: die Anwen dung der Pressionsführung der Geschosse. Der für die Entwickelung der Artillerie hierdurch herbei geführte Fortschritt wird vielfach völlig verkannt. Wie oft wird bei Berichten von der Auffindung irgend eines uralten Kanonenrohrs ganz besonders betont, dass dieses Rohr ein Plinterlader sei, und mitunter noch die Bemerkung daran geknüpft, wie doch das «Mittelalter» nicht allein in der Kunst, sondern auch in der Artillerie auf der Höhe unserer Zeit gestanden habe. Es wird eben dabei über sehen , dass das allbekannte Mittel heute einem neuen, wichtigen Zweck dienstbar gemacht ist. Um einen Vergleich zu gebrauchen, so verhält sich der moderne Plinterlader zu dem des Mittelalters, wie eine heutige Dreifach-Expansions-Maschine zu der atmosphärischen Dampfmaschine von 1705. Heute f inden wir eine bewusste, mit Hülfe aller bekannten Gesetze der Physik und Chemie herbeigeführte Aus nutzung der Naturkraft, im Mittelalter waren ähn liche Einrichtungen ein Notbehelf, um überhaupt zu einer Benutzung einer Naturkraft zu gelangen, deren Wesen noch wenig bekannt war. Wie heute der Hinterlader dem Vorderlader folgte, so war dies auch im Mittelalter der Fall — die ältesten Geschütze waren Vorderlader. Es dürfte hier der Ort sein, der Behauptung Demmins1) ent gegenzutreten, nach welcher nächst den Mörsern die an beiden Enden offenen Kanonen die ältesten Ge schütze waren. «Die Ladung wurde in das untere Ende gebracht, diese Oeffnung durch mittelst eines hölzernen Hammers eingetriebene Metall- oder Holz keile verschlossen.» Erst dieser Art sei das Ge schütz mit beweglicher Ladebüchse gefolgt. Aller dings hat es kleine, zu den Handfeuerwaffen zu rechnende Rohre gegeben, die hinten durch einen eingeschlagenen Pflock geschlossen waren, aus dem sich später die Bodenschraube mit dem Schwanz stück entwickelte und der nur ein Widerlager gegen den Schaft darstellte. Abgesehen davon, dass eine ballistische Begründung dieser Art von Hinterladung gänzlich unmöglich ist, lässt sie sich auch vom tech nischen Standpunkte nicht halten. Wie gross hätte die Kraft sein müssen, um den Pflock nach jedem Schuss zu entfernen, nachdem er dem Druck der Pulvergase widerstanden? Oder nahm man das Rohr nach jedem Schuss aus der Schäftung, um den Pflock zu entfernen? In moderner, wie in alter Zeit entsprang die Hinterladung dem Bedürfnis nach besserer Ge schosswirkung. Das durch seine grössere Spreng ladung wirksamere Langgeschoss verlangte, um es am Ueberschlagen zu verhindern, die Erteilung einer sehr raschen Drehung um die Längsaxe, also 1) Demmin, Die Kriegswaffen. . S. 108. 1 4 Zeitschrift für historische Waffenkunde. mit Drall gezogene Geschützrohre, deren ballistisch II. Band. also auch im Mittelalter lediglich ballistische Ueber und taktisch vollkommenste Ausnutzung nur die Hinterladung ermöglichte. Im Mittelalter suchte man das Verwendungsgebiet der Feuerwaffe, die in der ersten Zeit vorzugsweise durch Mörser schwer sten Kalibers vertreten war, durch grössere Beweg lichkeit zu erweitern und schuf kleinere Kaliber, deren Geschosswirkung durch vermehrte Anfangs geschwindigkeit gesteigert werden musste.. Diese konnte indessen nicht ohne weiteres durch ein fache Ladungssteigerung erreicht werden, da das damalige mehlförmige Pulver zu langsam verbrannte und seine Kraft nur zum Teil an das Geschoss abgegeben hätte. Dass in der ersten Zeit der Feuer waffe überhaupt die Ladungen reichlich gewählt wurden, könnte man vielleicht aus den gleichzeitigen Darstellungen entnehmen. Während bereits vom 16. Jahrhundert ab bis heute die Feuererscheinung einer abgefeuerten Kanone oder Büchse als scharfer, gerader Feuerstrahl gezeichnet wird, lassen die Dar stellungen der älteren Zeit, vornehmlich des 15. Jahr hunderts, aber auch noch in den Zeugbüchern Kaiser Maximilians, eine mehr oder weniger lodernde Flamme aus der Mündung schlagen. Wenn man eine einigermassen richtige Beobachtung des Zeich ners voraussetzt, so könnte man aus dieser Dar stellungsweise auf starkes Nachflammen des Pulvers, also zu grosse Ladung schliessen. — Um also die Vergrösserung der Ladung ausnutzen zu können, musste man die Rohre verlängern, um dem Pulver Gelegenheit zu geben, längere Zeit auf das Geschoss zu wirken. Wie bereits in einem früheren Artikel ausgeführt, trat nun die Schwierigkeit auf, durch das lange Rohr hindurch die Ladung einzubringen und mit dem Plolzpflock zu verkeilen. So trennte man einfach den hinteren Thcil des Rohres ab, lud ihn mit Pulver und verkeilte ihn, während das Geschoss wohl meist in das Rohr gesetzt wurde. Es waren legungen, welche zur Hinterladung führten. Die mit dieser verbundenen taktischen Vorteile der schnelle ren und gesicherteren Bedienung Hessen die Hinter ladung in manchen Fällen noch beibchaltcn, nach dem durch Verbesserung des Treibmittels der eigentliche Grund der Hinterladung fortgefallcn war. Man kann also bei den älteren Hintcrladungs geschützcn zwei Arten unterscheiden, nämlich 1. solche, deren Konstruktion durch Forde rungen der Ballistik bedingt ist, und 2. solche, bei denen die taktischen Vorteile massgebend waren. Im folgenden sollen die hauptsächlichsten Kon struktionen beider Arten besprochen und vorzugs weise an den im Königlichen Zeughausc zu Berlin befindlichen Typen der betreffenden Art erläutert werden. 1. Die Kammcrschlangen. Unter Kammerschlangcn versteht man Geschütze mit beweglicher Pulverkammer, welche, mit der Pulverladung versehen, an dem vorderen Rohrteil angesetzt wurden. So bequem diese Einrichtung für das Laden war, zumal man' durch Verwendung mehrerer Kammern bei einem Geschütz eine erhöhte Feuergeschwindigkeit erzielen konnte, so schwierig war es, Rohr und Kammer für den Schuss wieder zu einem einzigen Stück werden zu lassen. Es mussten zu diesem Zweck Massnahmen getroffen werden, einerseits die Kammer fest gegen das Rohr zu pressen, andererseits die unvermeidliche Fuge zwischen beiden Teilen gasdicht zu schliessen, d. h. modern gesprochen, eine Liderung herbeizuführen. Die erste Forderung ist im allgemeinen zufrieden stellend gelöst worden, und zwar lassen sich hier zwei Arten von Konstruktionen unterscheiden, nämlich: i. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 1. solche, bei denen der Riickstoss der Kam 5 Denkmäler der Eiscngicsscrei überhaupt darstellen mer von der Laffctierung aufgenommen wird, und 2. solche, bei denen das Widerlager für die Kammer konstruktiv mit dem Rohr ver bunden ist. Geschütze der ersteren Art sind zumeist die älteren. Das Rohr lag, durch eiserne Bänder fest gehalten, in einer hölzernen Lade, mit der cs seine Erhöhung erhielt und die zugleich der Kammer als Widerlager diente. Fig. i veranschaulicht diese Construction an einem Geschütz des Berliner Zeug hauses, allerdings ist die Lafetticrung nach Zeich nungen nachgebildct. Auf die Lade ist hinten ein Klotz aufgesetzt und durch seitliche, starke Winkel eisen befestigt, zwischen dieses Widerlager und die Kammer werden zwei hölzerne Keile geschlagen, die ohne Zweifel den bei der Leichtigkeit des Ge dürften. Das Berliner Zeughaus besitzt an der artigen Stücken 2 Rohre und eine Kammer, die in dessen nicht zu einander gehören. Eins dieser Rohre, sowie die Kammer sind in Fig. 2 und 3 wiedergegeben. Immerhin könnte der sehr breit gehaltene, ebene Boden der Kammer auf eine Ver wendung dieser Geschütze ohne besondere Lafette, nur mit einem Balkenlagcr hindcutcn, wobei das Rohr vielleicht mit Pfählen und Stricken befestigt und für die Kammer aus Pfählen und Bohlen ein bcwegliches Widerlager geschaffen wurde. Diese Verwendungsart scheint eine Abbildung1) aus der 1468 hergestellten Breslauer Prachthandschrift der Werke des Jean Froissart zu bestätigen, welche die Vermählung des Markgrafen Sigmund von Branden burg mit Maria von Ungarn darstcllt (1385). In dem Zeltlager im Vordergründe liegen am Boden L , . I'"1 •'"1 { L.... . t l in.1- '«ui Fig. 4. schosses verhältnismässig geringen Rückstoss aus ,—--—1 ----- auf hölzernen Rollen mehrere Rohre, die ihrer halten konnten. Ganz ähnlich ist die Konstruktion der jetzt ebenfalls im Berliner Zeughaus befindlichen, von Essenwein1) abgebildeten 45 Kaliber langen Kammerschlange, bei der zwei starke, senkrecht in die Lade eingeschlagene eiserne Haken, die sich noch gegen ein hölzernes Querstück lehnen, den Rückstoss aufnehmen. Zu dieser Klasse sind auch die verschiedentlich gefundenen gusseisernen Hinter lader zu rechnen, die zugleich wohl die ältesten ’) Essenwein, Quellen zur Geschichte der Feuerwaffen, S. A. XXXI. charakteristischen Form wegen unverkennbar dieser Art angehören, während mehrere Kammern, sowie eiserne Kugeln umherliegen. Die Verwendung einer hölzernen Lade würde sich bei der augcnschein j liehen Schwere dieser Geschütze von selbst ver bieten. Erwähnt sei hierbei, dass selbst I Iauptstücke unter Umständen aus zwei Teilen bestanden, an scheinend nur, um den Transport dieser schweren Geschütze zu erleichtern, ähnlich wie heute bei den auf Maultieren zu befördernden Gebirgsgeschiitzen. ) In E. Berner, Geschichte des prcussischen Staates. 6 Zeitschrift für historische Waffenkunde. So führen die Zeugbücher Kaiser Maximilians zwei II. Band. der das Widerlager, das ja lediglich auf Zugfestig derartige Stücke von Bronze auf, den «Weckauf» und den Pfabcnschwanz», deren beide Teile — der hintere Teil war der kürzere — ineinander geschraubt wurden. Zu diesem Zweck, sowie zur sonstigen leichteren Handhabung befanden sich in den hervortretenden Friesen an den Enden der bei den Teile rechteckige Löcher zum Einsetzen von Hebebäumen. Vielleicht hat man diese Konstruktion auch gewählt, um bei eingetretener Unbrauchbarkeit des der Abnutzung durch den Schuss in höherem Masse ausgesetzten Bodenstücks nicht gleich das ganze Rohr nmgiessen zu müssen. So goss Hans Seelos 1508 zu dem bronzenen Hauptstück «Purrhin durch» einen anderen 6 sh. 5 dn.» In der ersten Ausgabepost sind die Taras büchsen den Steinbüchsen gegenübergestellt; es ist daher wahrscheinlich, dass dieselben Lotbüchsen *) Dr. Karl Uhlirz, Stadtarchivar: «Der Wiener Bürger Wehr und Waffen (1426—1648). Auszüge aus den städtischen Kämmerei Rechnungen,» (Berichte und Mitteilungen des Altertums-Vereines zu Wien Bd. 27—31. Wien 1891—1897.) 2. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. waren; in der zweiten Ausgabepost, in weichereine 45 222 Handbüchsen, 90,000 Pfeile und 18,000 Feuer kupferne und eine eiserne Tarasbüchse, in Holz ge fasst und beschlagen, eingetragen erscheinen, müssen schon mit Rücksicht auf den Preis, kleinere Kaliber angenommen werden, und zwar zweifellos wieder Lotbüchsen, nachdem in demselben Jahre eine eiserne Handbüchse mit */g © bezahlt wurde. Weitere interessante Details über Feuerwaffen enthält der Frankfurter «reichstägliche Beschluss und «Verzeichnisse, wie man sich im künftigen Feldzuge wider die Ketzer verhalten soll vom 4. Mai 1427.»x) Die betreffenden Stellen lauten: «Item dy zwen herren vnd erczbyschöffe von Triere vnd von Colne sollen iglicher bringen 4 tarras buchsen, 20 hantbüchsen,2) vnd iglicher 10000 pfeyl, vnd iglicher 200 fewerpfeyl, vnd darczu puluers, stain vnd czeugs darzu ein notdurfft vnd iglicher drey büchsenmeyster. Item der erczbischoffe von Meincz 6 Kamer buchsen vnd 30 hantbüchsen, 4 tarrasbüchsen. . . (wie oben). Item glich souil sol der pfalczgraff bey Reyne bringen oder schicken an allen geczeugen als der erczbischoffe zu Meincz, vnd darüber ein grosz stein büchsen, die da schüsst anderthalben czentten. Item drey büchsenmayster. Item der marggraff von Brandeburg ain grosz stainbüchsen, 4 tarresbüchsen, 20 hantbüchsen ... Item dye herren von Beyeren im niderlande ein Steinbüchsen, dye da schüsst 2 czenttner, 4 kleine stainbüchsen, 22 hantbüchsen . . . Item herezog Johanns von Beiern ein grosz büchsen, 4 tarresbüchsen, 20 hantbüchsen . . . Item die bischofc von Babenberg vnd von Wirczburg sullen bringen buchsein klein vnd grosz ... j Item dye stat Nürenberg ein grosz stainbüchsen die da schiess auff 2 czentner, 6 chlein stainbüchsen, 12 tarresbüchsen, 60 hantbüchsen, 20000 pfeil, 600 feurpfeil .. . Item Regensburgk ein gut grosz stainbüchsen vnd fürter cleynbuchsen . . . Item dye von Eger ein stainbuchs vnd sust buchsen . . . Item die von Elnpogen, der burggraff vnd die stat Süllen körnen mit irer macht vnd bringen ein grosz steinbüchsen vnd ander buchsen grosz vnd klain . . . Item furbasz iglich stat sol haben buchsen, puluer, stain vnd geczeug nach irem vermügen.» Es wurden demnach in diesem Anschläge ver langt: 2 grosse Steinbüchsen, welche 2 Zentner, und 1 grosse Steinbüchse, welche ix/2 Zentner schiessen, überdies 3 grosse Steinbüchsen, 2 Steinbüchsen, ohne jede nähere Bezeichnung und 10 kleine Steinbüch sen; ferner 12 Kammerbüchsen, 36 Tarasbüchsen, 1) Andreas Ratisbon. Supplementa Fol. 431—33; — bei Palacky: Urkundliche Beiträge I, 503. 2) Im Abdruck: «haubtbuchsen»; wohl ein Druck- oder Lesefehler. pfeile; — die Bischöfe von Bamberg und von Würz burg, die Städte Eger und Ellbogen sollten noch grosse und kleine Büchsen bringen, so viel sie konnten. Die verlangten Tarasbüchsen waren, wie schon die Reihenfolge und die Zusammenstellung ergeben, bestimmt Lotbüchsen mittleren und grösseren Ka libers. Nach einem städtischen Rechnungsberichte hatte Nürnberg thatsächlich beigestellt: «ein grosse püch sen, die schoss einen zentner, 6 karren püchsen, 200 und 60 hantpüchsen, 12 tarrasspüchsen, 400 kugeln darczu, vier tunnen pulfers, zweliftausend pfeil, sechshundert fewerpfeil; . . .Von späterer Hand sind die «200 hantpüchsen» durchstrichen.' (D. Chron. d. d. St., Bd. II, 47.) Der Wert solcher Anschläge liegt vornehmlich in den Verfassern, zumeist kriegskundigen und kriegs erfahrenen Männern, welche einerseits die Leistungs fähigkeit der einzelnen Fürsten und Städte richtig abschätzten, anderseits in voller Kenntnis der herr schenden Kriegführung auf die Beistellung jener Kriegsmittel den Nachdruck legten, von welchem sie den grössten Erfolg erhofften oder zu erwarten glaubten. Nach dem obigen Anschläge sollten vier Heere von vier verschiedenen Seiten zugleich in Böhmen einrücken; die vorstehenden Angaben enthalten je doch nur die Ausrüstungsbestimmungen für die «vier kurfürsten vnd ander des heiligen Reichs fürsten, Graven Hern vnd Stete vom Lande des Reyns, von Elsaz, von Swaben, von Francken, von Beyern,» also nur für eines der zum Einfall bestimmten Heere; I nimmt man nun bei den drei andern Heeren: «Her czoge zu sachssen vnd Marggraf zu Missen», «die fürsten Hern vnd Stete uss Slezien», «Hochgeborn fürste Herr Albrecht Herczoge zu Österreich mit der obgenannten vnsers gnedigen Herrn des Römischen Königs Folcke Seinen Vettern Herezog Frederich von Österreich dem Bisschove von Saltzburg» eben soviele Feuerwaffen an, so kommt man bei den Tarasbüchsen in die Hunderte, bei den Handbüchsen in die Tausende. Die Ursache dieser Erscheinung liegt in den Erfahrungen, welche die Hussitenkriege bisher ge bracht hatten. Die böhmischen Heere, durch die genialen militärischen Qualitäten Zizkä’s von Trocznow geschaffen, ausgebildet und geführt, versuchten zu erst kleinere Feuerwaffen in grösserer Anzahl im Kampfe zu verwenden; durch die Art dieser Ver wendung gelangte der volle Kampfwert derselben zur augenscheinlichen Wirkung, wodurch ein neues, bisher nicht gekanntes Element in die Krieg führung eingeschaltet wurde. Der überraschte und geschlagene Teil sucht nun — wie fast immer — Bewaffnung und Organisation des siegreichen Geg ners aufzunehmen, wodurch die grosse Zahl der ge forderten kleinen Feuerwaffen erklärlich erscheint. II. Band. 46 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Auch in den Annalen von Mühldorf kommt die Bezeichnung «torrös puchsen» vor; die Stelle lautet: «Item anno domini 1400 im acht und zwain tigsten iar hat unser genadiger her pischove Johans von Reisperig zwo stainpüchsen mit wegken aus ge formt Und sünst auch ain torrös puchsen.»1) Diese Annalen sind in einer Handschrift des Münchener Reichs-Archivs enthalten; die Schriftzüge der Chronik selbst, vom Jahre 1313 bis zum Jahre 1404, verweisen auf das Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts; die Einträge von 1404— 1406 und von 1428' (obige) rühren von verschiedenen Händen her; überdies steht, jedoch an den äusser sten Rand des Pergamentblattes gesetzt und mit roter Farbe geschrieben; «Istam canonicam fecit scribere Nycolaus dictus Grill sub anno domini 1400 in sui memoria.» Nach diesen Angaben ist es zweifellos, dass obige Stelle nicht vor 1428 hinzugefügt wurde; es war notwendig, dies genau zu konstatieren, da wieder holt mit Hinweis auf obige Stelle behauptet wird, dass der Ausdruck «Tarrasbüchse» schon im Jahre 1400. in den Annalen von Mühldorf vorkommt. Die Bezeichnung «Tarasbüchse» wird von dem Worte «taras» abgeleitet, welches in verschiedenen Bedeutungen gebraucht wurde. In dem Schreiben des Rates von Olmütz an Herzog Albrecht von Oesterreich vom Februar 1425 heisst es: «Darczu heben sie nu an sich vnd das klastr mit bosteyen prustsczeinen vnd tarassen zufesten darczu sie die pawren rwffen laden vnd twingen mit arbeit halczfurung.»2) Die «tarassen» waren hier offenbar kleine Erd aufwürfe z. B. eine Wehr, ein Damm, welche zum Schutze der Thore vor denselben errichtet wurden. In diesem Falle steht die Bezeichnung «tarassen» in Uebereinstimmung mit dem böhmischen Worte «taras», welches Wall, B astei, Wehr, Damm bedeutet. In Deutschland hatte man einen ähnlichen Aus druck, das mittelhochdeutsche «terräs», welches eine Veranda, einen freien Erker, zu dem man auf einer Treppe emporsteigt, die heutige «Terrasse», bedeutet. (Jähns, Hdb. 801, Anm. 2). Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wird der Aus druck «Terras» für die Bezeichnung eines Erdwerkes zum Schutze des Thores — also wie oben — ge braucht; solche Erdwerke behielten diesen Namen auch dann, wenn dieselben später in Mauerwerk aus geführt oder selbst nur aus einem Turm bestanden. Der in Breslau vor dem Ohlauer-Thor im Jahre 1445—1446 erbaute grosse Türm wurde «Terras» genannt, ebenso eine aus einer Mauer mit Türmen bestehende Befestigung des äusseren Schweidnitzer Thors. (Köhler III, 1, 453). *) Die Chroniken d. d. St. Bd. XV, 382, Einleitung von Dr. K. Th. Heigel und 387. 2) Ms. Wenc. de Iglavia f. 8 a bei Palacky: Urkundliche Bei träge I, 373. Eine andere Bedeutung erhält das Wort «taras» in jener böhmischen Kriegsordnung, welche dem Unterkämmerer Häjek von Hodetin zugeschrieben wird. Bisher wurde angenommen, dass diese im Jahre 1413 auf Befehl des Königs Wenzel zusammen gestellt und dass die hier niedergelegten Vorschrif ten das Kriegswesen vorhussitischer Zeit darstellen. Nach dem Ergebnisse neuerer Untersuchungen ist diese Kriegsordnung eine Compilation späterer Zeit, welche bestimmt nicht vor dem Jahre 1420 ent standen und erst nach dem Hussitenkriegen den späteren Wortlaut erhalten hat.1) Im Artikel 46 dieser Kriegsordnung heisst es im Wortlaute: «dva ryce a taras s berlü.» In derselben Weise wird dieses Wort im Ar tikel 55 jener Kriegsordnung gebraucht, welche von dem berühmten cechischen Kriegsmanne, Ritter Wenzel Wlcek von Cenow im Jahre 1490 verfasst wurde; der Wortlaut sagt: «mä byti na krajnich radich taras s berlü a derü.» Nach der altcechischen Kriegsterminologie be deutet «taras» einen grossen Schild, welcher vor den feindlichen Geschossen schützen sollte; um den selben aufstellen zu können, war ein Stock, eine Krücke, berla, nötig; überdies war in dem Schilde ein Loch, dera, durch welches der Schütze visieren und schiessen konnte. In dieser Bedeutung ist der Ausdruck «taras» auch in einer Handschrift des Nürnberger Archivs S. I. L. 212 vom Jahre 1430 gebraucht; dieselbe enthält die Beschreibung einer Wagenburg und trägt die Ueberschrift: «Alte fragmenta von denen Geschichten König Wenceslai von Böhmen.» Die Stelle lautet: «Auch mancherlei Tarras, Schirme und gut Antwerk zum Stürmen werden wir im Felde ausrichten, wenn die Heere beisammen sind, dass jegliches mit Zuversicht dem Feinde ent gegen gehe, und dabei doch sicher bleibe.»2) Abermals eine andere Bedeutung erhält das Wort «taras» in folgenden Stellen, welche auf die Belagerung der Prager Brücke im Jahre 1421 Be zug nehmen:3) «et filius duobus castellani super asseres, alias taras ligatis» — «quendam enim Teu tonicorum captum asseri, qui vulgo taras dicitur, alligantes, cum eo impetu in castrum jacere vole bant.» Asser heisst ein rund gezimmerter dünner Bal ken, eine dicke Stange, eine starke Latte; es müssen demnach die «taras» diesen ähnlich gestaltete Balken gewesen sein. Es waren dies Werkzeuge zum Er brechen der Thore beim gewaltsamen Angriff, ge hörten zu den Ausrüstungsgegenständen zu einem Feldzuge und bestanden aus einem langen schweren *) Dr. Hugo Toman; IIusiLske väleCnictvi za doby Ziükovy a Prokopovy. V Praze. 1898. 32. 3) Würdinger, II, 379. 3) Vavfinec z Bfezove (Prameny V, 505 u. 506), — bei Toman 160. 2. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Holzbalken, welcher vorne eine zangenartige Spitze 47 auch die Karrenbüchse gehandhabt, welche 3pfün hatte und von der Mannschaft noch aus freier Hand geschwungen werden konnte. Eine Abbildung eines solchen Instrumentes mit der Ueberschrift «Terras» enthalten die Ausgabe des deutschen Vegez vom Jahre 1511 und mehrere Bilderhandschriften.1) In diesem Sinne ist das Wort «teras» in dem reichstäglichen Beschluss zu Frankfurt vom 4. Mai 1427 gebraucht. «Item iglicher kurfürste vnd stete sollen bestellen mit zukommen Steinmetzen, zymerleute, schuczen, buchsen, pulver, stain, pfeyl, toressen, layttern vnd ander gut were.».2 3 * *) Fronsperger bezeichnet mit dem Worte ? Dar rass » hölzerne, den spanischen Reitern ähnliche Gerüste. Der Ausdruck «tarassi» war auch bei den Ita lienern üblich; der Gussmeister Maso di Bartolomeo aus Florenz verpflichtet sich, am 6. Oktober 1455 der Gemeinde Ragusa gegen Bezahlung grosse, mitt lere und kleine Bombarden, sowie Tarassi und Cer botane zu liefern; man versuchte deshalb, das Wort «Tarassi» von dem altspanischen «tarasca» Schlange abzuleiten.8) Wenn man die bisherige Einteilung der Feuer waffen verfolgt, so findet man, dass zuerst die Rück sicht auf das Material der Geschosse eine solche in Lot- und Steinbüchsen herbeiführte. Die Steinbüchsen wurden ferner nach der Grösse der Geschosse in grosse, mittlere und kleine ein geteilt. Zu den grossen Büchsen zählte die «zentner puhsen», welche «zentnerstein», d. h. Steine von I Zentner Gewicht, schossen (Nürnberger Anschlag 1388); ferner alle jene, welche 1 bis 2 Zentner schossen, z. B. Anschlag zu Frankfurt, 1427, wo Steinbüchsen mit 1l/., und 2 Zentner Geschossgewicht verlangt werden; endlich gehören hierher jene gros sen Steinbüchsen, welche Steine von mehreren Zentnern schossen, wie z. B. die grosse Büchse von Nürnberg, jene von Braunschweig, die «grosen bochsen» beim Deutschen Orden, etc. Beim Gebrauche, zum Schiessen, wurden diese grossen Büchsen auf eine «wige» oder auf einen «bock» gelegt. Die mittleren oder kleinen Steinbüchsen wurden nach der Art der Handhabung beim Schiessen als «Wagen- oder Karrenbüchse» bezeichnet. (Nürn berger Anschlag 1388; derlei Konstruktionen auch schon in der Münchener Handschrift.) Die Wagenbüchse schoss 45 Pfund Stein, war auf einem Wagen mit 4 Rädern, welcher von 4 Pferden gezogen wurde, befestigt, und wurde auch von diesem aus abgefeuert. In derselben Weise wurde 1) Vgl. Köhler III, I, 133. 2) Palacky: Urkundliche Beiträge I, 505. 3) Gelcich, Josef: «Die Erzgiesser der Republik Ragusa». Mitteilungen der k. k. Zentral-lCommission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale. Wien 1891. dige Steine schoss; der Karren hatte 2 Räder und wurde von 2 Pferden gezogen. (Nürnberger An schlag 1388.) In ähnlicher Weise erfolgte die Einteilung bei den Lotbüchsen in grosse, mittlere und kleine. Die erste Unterteilung bezeichnete man nach der Nürnberger Kriegsordnung als «Handbüchsen» mit welchen einzelne Leute ausgerüstet waren, z. B. «Item 2 hantpuchsen, domit sollen schiessen dez Zengels gesellen». Die Handhabung durch diese Gesellen, ohne weitere Vorrichtung, aus freier Hand, konnte keiner Schwierigkeit unterliegen, da die Hand büchsen kurz und klein waren. Die Bezeichnung «Handbüchse» gründet sich somit, analog wie bei der Wagen- und Karrenbüchse, auf die Art des Ge brauches und steht in voller Uebereinstimmung mit den Darstellungen aus den Bilderhandschriften, Fig. 15, 18, 19 etc. Die mittleren und grossen Lotbüchsen, wie z. B. die Lotbüchse von Vestenberg oder jene beim Deutschen Orden u. s. w., mussten schon infolge ihrer Schwere in anderer Weise transportiert und gehandhabt werden. Die oben berührte rapide Zunahme der Feuer waffen, besonders der Lotbüchsen, und die zwingende Rücksicht auf die nötigen Fahrmittel (Wagen und Pferde) brachten es mit sich, dass man die mittleren und kleinen Steinbüchsen nicht immer als Wagen oder Karrenbüchsen ausrüsten konnte und dass man diese, sowie die mittleren und grossen Lotbüchsen, auf grössere Strecken, bei weiteren offensiven Unter nehmungen, auf Wagen verladete und transportierte, auf kurze Entfernungen, wie sich dieselben bei der Verteidigung von Oertlichkeiten ergaben, durch Mannschaft bis zu jenem Punkte tragen liess, von wo aus geschossen werden sollte. Beim Deutschen Orden z. B. wurden verrechnet: im Jahre 1403 «1 mark vor 17 lotbüchsen czu be slan ken Ragnith czu furen»; im Jahre 1416 «3 starke wagne, dy beslaen sind czu den buchsen czu faren mit allem gerethe». Die feldmässige Verwendung forderte ferner das Herangehen auf die eigene wirksame Schuss distanz und hierdurch oftmals das Eintreten in den feindlichen Schussbereich. Dieser Umstand nötigte zur Ausnutzung natürlicher oder künstlicher Deck ungen, wie z. B. Gräben, Terrain wellen, Mauern, Holz- und Erdwerke, «bosteyen, prustsczeinen vnd tarassen», — und zur Aufstellung künstlicher Deck ungsmittel, wie z. B. Schild, Setztartsche (pawesi), taras s berlü ad'ru, Schirme, Mantel, Mönchskutte. Diese schützen zumeist nur in der Zeit des umständ lichen Ladens und gegen kleinere Kaliber, jene ge währten auch beim Zielen, Richten und Abfeuern und oft auch gegen grössere Kaliber ausgiebige Deckung. Unter den künstlichen Deckungen benötigten die Mauern, Holz- und Erdwerke, die «bosteyen», II. Band. 48 Zeitschrift für historische Waffenkunde. hinten offene Halbtürme und die «prustsezeyne», Brustwehren, längere Vorbereitung und besonderes Material, welches oft in beschwerlicher Weise herbeigeschafft werden musste. Die aus Erde aufgeworfenen Tarassen konnten jedoch bei gutem Boden rasch und leicht, oft über Nacht, errichtet, mit dem Angriff vorgeschoben und sofort mit Feuerwaffen ausgerüstet und besetzt werden. «Uff denselben Dornstag hatten die von Erfurte ihre Tarrase alle umbestat mit viel steinen Buchsen, mit manchem Wappener, die dann viel Handbuchsen und andris getzugis die Menge hatten.» (Kammer-meisters Annalen von Erfurt zum Jahre 1447). Bei der Belagerung von Rapperschwyl im Jahre 1443 heisst es: «Also am Freitag zu Nacht schlügend sie aber ein Tarris noch näher der Stadt, dann der vorder was, und am Samstag fruy hatten die von Lucern auch zwo Buchsen in demselben Tarris und schussen mit denselben fünf Steinbuchsen bei acht Tage lang, Tag und Nacht, und beschachend in die Stat 320 Schuss uss den Steinbuchsen, ohne die Schüss uss den Tarrasbuchsen.» (Tschudi, Schweizer-Chronik.) Bringt man diese Darlegungen mit der oben gegebenen Einteilung der Feuerwaffen und den an geführten Erklärungen des Wortes «tarass in Ver bindung, so ergiebt sich mit grösster Wahrschein lichkeit, dass, wie bei den Wagen-, Karren- und Handbüchsen, auch hier aus der Art des Gebrauches die Bezeichnung «Tarasbüchse» entstanden ist. (Schluss folgt.) Betrachtung den, wie uns scheint, unumstösslichen Be weis dafür liefert, wie — verblüffend einfach die indi schen Waffenschmiede das schwierige Problem zu lösen wussten. Ein Blick auf das untere Ende des Schlitzes macht jede eingehendere Beschreibung überflüssig: die scharf abgezeichneten Ränder der Niete haben genau den Durchmesser der Seelenweite in den ausgekehlten Führungskanten des Schlitzes; die Perlen wurden also Perlen in Klingen eingeschmiedet. Unter den mannigfaltigen Arten der Verzierung, die wir an orienta lischen Waffen bewundern, erregt ein vorzüglich in Indien angewandtes Verfahren gerechtes Staunen, durch welches eine ganze Reihe von Perlen derartig in rinnenartige Durchbrechungen oder Schlitze von Lanzenspitzen, Säbel und Dolchklingen eingeschmiedet wurde, dass sie sich innerhalb der seicht ausgekehlten Führungskanten dieser Schlitze frei auf- und abwärts bewegen konnten. Wir können leider nicht sagen, ob die Technik dieses Verfahrens in der Fachlitteratur bereits behandelt worden ist, haben aber in den uns zugänglichen ein schlägigen Werken keine Andeutungen darüber gefunden und setzen eine noch nicht allgemein verbreitete Kennt nis dieser Schmiedekunstleistung mit um so leichterem Herzen voraus, als unser Altmeister W. Boeheim (Waffen kunde p. 279) bei Beschreibung eines derartig verzierten Säbels (Fig. 313) die Frage stellt: «Wie mussten diese Perlen eingefugt sein, ohne dass auch nur eine verletzt wurde ?» Ein glücklicher Zufall spielte uns dieser Tage eine orientalische Lanzenspitze in die Hände, deren genaue durch diese Oeffnung in den Kanal befördert, dessen überhängende Ränder ein Hinausfallen unbedingt ver hinderten, während der konkave Querschnitt der Seiten wände dem freien Hin- und Herrollen genügenden Spiel raum bot. Der kunstfertige Schmied hatte nach Ver schluss der Eintrittsöffnung nichts weiter zu thun, als die Fugenränder der Niete auf die eine oder die andere Art verschwinden zu lassen und half sich wohl gewöhn lich auf die Weise, dass er um die fragliche Stelle ein Muster in Goldtau sia aufschlug, in dessen Schnörkeln die verräterische Linie auch dem aufmerksamsten Auge entgehen musste. Sollte die Fläche jedoch blank bleiben, so liess sich die Perlenreihe, welche niemals den ganzen Schlitz in ununterbrochener Reihe ausfüllte, wohl in den meisten Fällen so weit zurückschieben, dass selbst ein sorgfältiges Verschweissen des eingesetzten Stückes mög lich wurde. Die Politur that dann noch ein übriges. Das vorliegende Exemplar hat stark gelitten. Perlen sind nicht mehr vorhanden, doch zeigen die Kehlungen der Führungskanten deutlich, dass der Schlitz zur Auf nahme dieses Schmuckes hergerichtet war. Auch die Flächen des Blattes waren verziert, wie aus den Spuren 2. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. von goldenen Arabesken auf schraffiertem Grunde zu er 49 Unterthanen verzichtet, die zur Landesverteidigung immer sehen ist, welche sich an den unteren Rändern des Spiessblattes und teilweise am Dillenhalse erhalten haben. Wir glauben endlich kaum nötig zu haben, dem Einwande begegnen zu müssen, dass die Oefinung am unteren Schlitzende eben in der Absicht gemacht worden sei, um die Perlen unbeschädigt ihrer Fassung entnehmen zu können und die eingeschlagene Niete nur die Spuren der That verwischen sollte. Der Wert des Objekts war zu gering, um einen Dieb zu solch kompliziertem und immerhin schwierigem Verfahren begeistern zu können, und ein Räuber hätte mit zwei derben Feilenstrichen sein Ziel ungleich leichter erreicht, ohne sich viel um anhaftende Indi cien zu bekümmern. Unserer Ansicht nach lässt sich an dem vorliegenden Stücke- ersehen, wie die orientalischen Meister beim Ein schmieden von Per len in rinnenartige Schlitze verfuhren. Ein genaueres Stu dium ähnlicher Exemplare wird die Ansicht bestätigen oder— widerlegen! E. v. Lenz. Die Uniform der kursächsischen Lehnsritterschaft 1610. Es ist ein charakteristischer Zug des deutschen Kriegswesens, dass die Gleichförmig keit der Tracht erst im letzten Dritte! des 17. Jahrhunderts im Anschluss an die landesherrliche Militärhoheit zur Gel tung gelangt. Weder für den sozialen und taktischen Indivi dualismus des Rittertums noch für den eigennützigen Partei wechsel des Söldnerwesens war sie geeignet. Die Unter ordnung unter eine Autorität, die sich in ihr ausspricht, konnte nur die allgemeine Wehrpflicht heischen, und so erscheint die Uniform zuerst bei den städtischen Kontingenten des Mittelalters, in den Territorien erst, als jene Idee Leben gewann. Es war um die Wende des 16. Jahrhunderts, als die dumpfe Ahnung kommenden Unheils in einer Reihe Landesfürsten die Erkenntnis weckte, dass dem drohenden Sturme mit den verrotteten Mitteln des Söldner wesens nicht zu begegnen sei.1) Die nassauischen Fürsten gingen voran in den Bestrebungen, auf die im Volke schlummernden kriegerischen Kräfte zurückzugreifen. Hatten doch die Landesherren auch in der Blütezeit des Söldnertums niemals auf Lehns- und Landfolge ihrer *) Vgl. Liebe, Zur Geschichte der Uniform in Deutschland (Zeitschrift für Kulturgeschichte Bd. II S. 51 f.). noch schätzbares Material bot. Aus den stets erneuten Bemühungen einer Friedensorganisation erwuchs das De fensionswesen, und es ist schmerzlich zu sehen, wie man sich anstrengte, in zwölfter Stunde mit unzureichenden Mitteln den Deich gegen die heranrollenden Fluten zu stützen. An der regen aber vergeblichen Thätigkeit hat auch Kursachsen redlichen Anteil genommen. 1610 legte Kurfürst Christian II. seinen Ständen den ersten Entwurf einer Defensionsordnung vor, indessen wurde erst der dritte rechtskräftig am 1. Januar 1613. Die Tendenz, an Stelle der berittenen Einzelkämpfer des Rittertums eine wirk liche Kavallerie formation treten zu lassen, erhellt aus der Organisation in zwei Regimentern zu je sechs Kom pagnien und der Vorschrift einer Uni form.1) Schon 1610 spricht der Kurfürst von der anlässlich der Musterung von 1608 geäussertenAb sicht, eine « sonder bare Liberey, wie bei andern Chur und Fürsten bräuch lich» einzuführen, «wie nachfolgendes Muster ausweiset». Als Bestandteile waren vorgeschrie ben : Schwarzer Sammetrock mit Goldborten, kurze schwarze Sammet hosen, gelbes Feld zeichen, Reitstiefel, hoher schwarzer Hut mit gelbem Federbusch, sowie Schwertgriff, Bügel und Sporen ver goldet; für den Knecht: Schwarzer Tuchrock mit gelb seidenen Litzen, keine Schärpe, statt der Vergoldung Silber.2) Es handelt sich also mehr um eine Hoftracht, wie sie bei feierlichen Gelegenheiten auch die nicht am Hofe weilende Ritterschaft anzulegen pflegte, und für welche die Haus farben beliebt waren. Die Feldtüchtigkeit solcher Aus rüstung freilich entspricht nur zu sehr der Schilderung, die Adam Junghans von der Olsnitz 1590 entworfen hat: «Der Hochdeutschen jetzt neu aufgekommener Brauch ist, wenn sie in den Krieg kommen oder einem Herrn zuziehen, so wenden sie all ihr Hab und Gut auf hoflartige Pracht, als wollten sie zu einer Braut, zu Wohl leben oder Jungferiren reiten. Sie kommen dahergeritten mit silbernen Dolchen zu sieben Pfund, in Sammetkleidem, 1) v. Friesen, Das Defensionswesen im Kurfürstentum Sachsen (Archiv für sächsische Geschichte I). ^ Ein Exemplar der dem Patent beiliegenden Federzeichnung hat sich im Staatsarchiv Magdeburg (Barby 437) erhalten. Die photographische Wiedergabe erfolgte durch die Offizin Baensch daselbst. 7 50 Zeitschrift für historische Waffenkunde. glatten Stiefeln, mit kurzen verbeinten Buffröhren, mit II. Band. Boeheim gedenkt ähnlicher Schwerter unter dem grossen weiten Aermeln voller gebauschtem Zeug, sie schämen sich einen Kürass oder Rüstung zu fuhren oder gar einen Speer oder ein anderes mörderisches Gewehr wie vor Zeiten die Alten.» Die kurze Vorschrift eines Harnischs im Felde, die die Defensionsordnung neben bei giebt, wurde denn auch bald für ungenügend er kannt und machte einer kriegsmässigeren Ausrüstung Platz. 1618 wurden Tuchröcke, deren Farbe die Kompagnien unterschied, eingeführt, Visierhelm, Kürass mit Arm schienen, Schwert und Pistolen. Trotz aller Verbesserungs versuche hat die spät getroffene und widerwillig auf genommene Massregel des Defensionswesens den kom menden Stürmen zu trotzen nicht vermocht. G. Liebe. Gotisches Stossschwert von Mainz. Im Rhein wurde bei Mainz ein gotisches Schwert gefunden, das eine gewisse Sorte von Schwertern repräsentiert, deren waffengeschicht liche Bedeutung noch nicht genügend gewürdigt worden ist. Unsere Mittel alterschwerter sind fast ohne Ausnahme für den Hieb bestimmt. Die breite, schwere Klinge diente in erster Linie dem Hieb, daher auch die Spitze bei den älteren Schwertern noch wenig ausgebildet ist. Im 14. Jahrhundert ist die Tendenz, das Schwert auch für den Stoss geeigneter zu machen, zwar deutlich erkennbar, allein in der Hauptsache ist es doch immer noch Hiebwaffe. Es bleibt das auch im 15. Jahrhundert, doch sind bekannt lich die Schwerter dieser Zeit bereits ebensosehr Stoss- wie Hieb waffe. Das Verhältnis der allmäh ligen Umwandlung lässt sich in Ziffern ungefähr folgendermassen ausdrücken: 12. Jahrhundert 90 Proc. Hiebwaffe 13 14. i5 12. i3 14. i5 80 70 > Jahrhundert 5° 10 20 3° 5° » » » » Proc. Stosswaffe » » » y> 4 Waä die gotische Hiebklinge des g 15. Jahrhunderts an Gewicht verliert, wird ihr durch Verstärkung des Knaufes und durch Verlängerung der Knaufstange, d. h. durch Schaffung ** eines Gegengewichtes, eines Hebels, ersetzt. Aber neben diesen Schwertern • erscheinen im 15. Jahrhundert Schwert waffen, welche für den Krieg bestimmt I waren, also weder blosse Parade-, noch einfache Fecht- oder gar nur Jagd waffen waren (demnach nicht mit den gotischen Jagd-Stossschwertem ver wechselt werden dürfen), aber für den Hieb absolut ungeeignet sind und ersichtlich lediglich und aus schliesslich für den Stoss berechnet waren. Namen der Bohrschwerter (perswerte, pratspiesse), «welche in der Form langer Pfriemen mit drei oder vier seitigem Querschnitte und stumpfen Kanten nur für den Stoss zu gebrauchen waren». Boeheim bildet unter Fig. 388 ein solches Bohrschwert der Zeit um 1500 ab, doch bilden diese Schwerter ersichtlich nur eine beson dere Abart der viel allgemeiner üblichen goti schen Stossschwerter, eines Schwertes mit langer und starker, aber wenig breiter, dafür um so spitzer zu laufenden Klinge, wie dies das bei Mainz im Rhein ge fundene Schwert (s. Abb.) als besonders typisches Bei spiel charakterisiert. Die dachförmige Klinge misst nur 2x/2 cm in der Breite, hat aber 1 cm Dicke und nicht weniger als 96 cm Länge. Analoge Klingen sind bei Boeheim (Waffenkunde) nicht abgebildet, finden sich aber bei Gimbel (Tafeln zur Entwicklungsgeschichte der Schutz- und Trutzwaffen) und in meinem Kataloge der «Waffensammlung Zschille». Während aber an diesen und ähnlichen Schwertern die Griffe bald unvollständig, bald noch mit starken Knäufen versehen oder ummontiert worden sind, zeigt das hier wiedergegebene Mainzer Schwert auch den Griff im Originalzustande resp. in einer dem Charakter des Schwertes als Stossschwert an gepassten Form. Der dem Hieb vorzüglich dienliche schwere grosse Knauf stört beim Stossfechten und ist daher hier lang und schmal gestaltet worden. Der Grift ist von ungewohnter Eleganz und misst nicht weniger als 26 cm, so dass sich für das Ganze eine Totallänge von 1,22 m ergiebt. Es ist ein Schwert, das, wie die langen Stossdegen des 16. Jahrhunderts, dem «Degen fechten» diente und stellt jedenfalls den direkten goti schen Vorläufer der Stossdegen des 16. Jahrhunderts dar. Schwerter dieser Art sind, wie bereits angedeutet, nicht vereinzelt, sondern kommen fast überall neben dem Hiebe dienenden gotischen Klingen vor. Bereits im 15. Jahrhundert muss sich also die Fecht weise in zwei gleichmässig gepflegte Arten ge trennt haben. Die eine pflegt Hieb und Stoss, ent spricht also den heute üblichen Säbeln, die andere pflegt ausschliesslich den Stoss, entspricht demnach dem Rapier späterer Tage. Dergleichen Stossschwerter finden sich sowohl in Deutschland, als in Oesterreich, Frankreich und Italien. Erst im 16. Jahrhundert tritt dann eine gewisse örtliche Teilung ein. Deutschland zieht das Hiebschwert vor, der Südwesten bildet das Stossschwert weiter aus, bis mit dem Einflüsse der Spanier auf unsere nördlichen Gebiete (Deutschland, Holland etc:) der lange Stossdegen auch hier zur Herrschaft gelangt. R. Forrer. Bibliographie der Waffenkunde. Gute biblio graphische Nachschlagewerke gehören zu dem nötigsten Handwerkszeug jeder wissenschaftlichen Forschung. Die Waffenkunde entbehrt noch ihrer Bibliographie. Am empfindlichstep wird diesen Mangel verspüren, wer zum erstenmale auf diesem Gebiete arbeitet, aber auch der, welcher es schon fleissig durchstreift hat, wird noch in Gegenden kommen, wo er sich vergebens nach Wegen umsieht, die zum Ziele führen. Hier muss Abhilfe ge schaffen werden. Als ich vor einigen Jahren unserem nimmer müden Ratgeber, Herrn Direktor Wendelin Boeheim, diese Angelegenheit vortrug, fand ich, wie man es ja bei ihm gewohnt ist, das liebenswürdigste 2. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Eingehen auf meinen Vorschlag. Schon auf der Berliner 51 Ausserdem sind im Texte des Aufsatzes die Ziffern Hauptversammlung im Jahre 1898 (vergl. Bd. I, S. 191) konnte darauf hingewiesen werden, dass die Arbeit in Angriff genommen worden sei. Der Bibliothekar des Ger manischen National-Museums, Herr Dr. Th. Hampe, war dafür gewonnen worden. Nun traten freilich zunächst äussere Umstände hindernd dazwischen. Jetzt aber ist, wie Herr Dr. Hampe mitteilt, Aussicht vorhanden, dass spätestens mit dem Ende des zweiten Bandes der Zeit schrift die Bibliographie bis zur Drucklegung fort geschritten sein wird. Es soll darin alles verarbeitet werden, was über Waffenkunde bis zum Jahre 1900 ge schrieben worden ist. Die Arbeit wird nicht klein sein, und ich glaube, mich mit Herrn Dr. Hampe eines Sinnes zu wissen, wenn ich die Bitte an die Leser der Zeit schrift richte, sie möchten die genauen Titel von seltenen Werken, namentlich aber von Abhand lungen in wenig verbreiteten Zeitschriften, von denen anzunehmen ist, dass sie so leicht nicht auf gefunden werden, auf einer Postkarte an den Be arbeiter der Bibliographie einsenden. Die Mühe ist gering und steht sicher in keinem gleichwertigen Ver hältnis zu dem grossen Nutzen, der unserer Wissenschaft daraus erwachsen kann. Nur so und mit der Hilfe von Fachgenossen, wie sie z. B. Herr Direktor Boeheim gern zugesagt hat, kann das Unternehmen darauf rechnen, so vollkommen als möglich sich auszuwachsen. Natürlich darf mit dem Jahre 1900 die Arbeit nicht still stehen. Deshalb plant die Schriftleitung Jahresberichte, die eine Fortsetzung des bibliographi schen Handbuches später bilden, aber nicht bis zu dessen Erscheinen warten, sondern schon nach Ablauf dieses Jahres beginnen sollen. Doch auch hier muss die Arbeit gemeinsam geleistet werden, wenn sie brauchbar sein soll. Zwar werden neu erscheinende Bücher nicht so leicht der Aufmerksamkeit entgehen, aber bei Aufsätzen in entlegeneren Zeitschriften, bei klei neren Artikeln, bei Fundnotizen, die oft sehr leicht in der Tagespresse sich verlieren, kann dies um so eher der Fall sein. Hier können die Leser dieser Zeit schrift, namentlich auch die im Ausland woh nenden Herren, durch fleissige Mitarbeiter schaft analog der oben angegebenen Weise sich den Dank unserer Wissenschaft verdienen. An sich selbst werden sie den Nutzen dieser Arbeit verspüren, und schon deshalb hoffe ich, dass meine Bitte auf fruchtbaren Boden fällt. Koetschau. Berichtigung. In dem Aufsatze «Ueber die erste Entwicklung der Handfeuerwaffen» S. 129 des 1. Bandes unserer Zeitschrift ist ein Irrtum vorgekommen. Der Lauf der in Fig. 8 dargestellten alten Hakenbüchse des KgL historischen Museums zu Dresden ist älter als der zu gehörige Schaft. Der den Lauf verschliessende Zapfen ist nicht massiv, wie in' der Zeichnung angegeben, son dern enthält rückwärts eine 118 mm tiefe, sich nach vorn von 54 auf 31 mm verengende Aushöhlung, jedenfalls als Hilfe zur Aufnahme eines Schaftstabes. Der Zapfen selbst ist aus einer, um einen kurzen, massiven Kem gerollten und geschweissten Platte hergestellt; eine Querbohrung derselben zur Aufnahme eines Stiftes zum Festhalten des Schaftstabes fehlt. Der Schaft, in welchem der Lauf gegen wärtig eingelassen, gehört aber einer spätem Zeit, wahr scheinlich der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an. der Fig. 7 und 8 miteinander verwechselt. Dresden, den 6. Februar 1900. Oberst Thierbach. Fundnotiz. In Strassburg im Eisass kamen an lässlich der Kanalisationsarbeiten zahlreiche Funde aus karolingischer Zeit zu Tage. Darunter befinden sich schwere Scramasaxe, eine breite Spatha, ein Sporn aus merovingischer Zeit und Kupferagrafen derselben Epoche, davon die eine Fibel St. Georg den Drachen tötend en relief trägt und jedenfalls eine der frühesten mittelalterlichen Darstellungen dieser Art repräsentiert. Berchet, Frederico, Le sale d’armi del Consiglio dei X nel Palazzo Ducale di Venezia. 8°. 1899. Wir haben heute über eine für die Waffengeschichte der altehrwürdigen Republik Venedig überaus wichtige Abhandlung zu berichten, welche ursprünglich in den «Atti del Reale Istituto di Scienze, Lettere ed Arti» Band LIX, 2. Teil erschienen ist und uns in einem ele ganten Sonderabdrucke gütigst zugesendet wurde. Der Autor, ein bewährter Historiker und tüchtiger Archäolog, ist der Direktor zum Schutze der Monumente Venetiens Federigo Berchet. Das Thema, welches er gewählt hat, die alten Inventare der Waffensäle des Rates der Zehn im Dogenpalaste wiederzugeben und wissenschaftlich zu beleuchten, ist für uns so wichtig, dass wir uns ver pflichtet erachten, diese eingehende Arbeit näher ins Auge zu fassen, denn wir halten selbe für eine grundlegende für die Geschichte des eigengearteten venetianischen Waffenwesens. Wir haben im 1. Bande unserer Zeitschrift, p. 184, ein Inventar der Waffen und Kunstgegenstände im Dogen palaste unter dem Dogen Alvise III. Mocenigo von 1726 gebracht, welches in der Bibliothek dalle Rose auf gefunden wurde. Es ist wenig eingehend gehalten und die Abhandlung Berchets hat wenig damit verloren, dass deren Verfasser mit dem nächsten und weit ein gehenderen Inventare von 1773 beginnt, das uns einen weit besseren Ueberblick gewährt. Berchet begnügt sich nicht mit einer sklavischen Wiedergabe der alten Dokumente, er fasst seine Aufgabe gründlich auf, beginnt mit einer historischen Einleitung über die Sammlungen des Dogenpalastes seit der ältesten Erinnerung 1317, und führt deren Geschichte mit allen, auch bedauernswerten, Schicksalen bis zur Gegenwart. Ein Plan der Sammlungsräume vom Anfang des Jahr hunderts bildet hierbei eine wertvolle orientierende Bei gabe. Diese geschichtliche Einleitung ist mit Noten be legt und für das richtige Verständnis der folgenden Inventare unerlässlich; sie erscheint auch in dieser zu sammenfassenden Form zum erstenmale in der Littera tur. Nebenher nicht uninteressant ist die Anführung der 7* 52 Zeitschrift für historische Waffenkunde Thatsache, dass das Reale Istituto in denselben Ge II. Band. der Harnisch stammt spätestens aus dem Jahre 1540. mächern der Sammlungen bis 1891 untergebracht war und dass nach dessen Uebersiedlung an den Wänden Inschriften entdeckt wurden, welche noch aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammen, in welcher die Räume als Gefängnisse gedient hatten. Diesem ausgezeichnet gearbeiteten geschichtlichen Abrisse der Sammlungen folgen nun zwei Inventare, das bereits erwähnte von 1773 und das sogenannte «Nuovo Registro» des Marcantonio Guerra von 1799, beide ergänzen sich gewissermassen und lassen erkennen, welche bedeutende Verluste die Sammlungen in der Zwischen zeit durch mangelhafte Obsorge, Verschleppungen und unverständige Veräusserungen erlitten haben. Nur ein winzig, kleiner Teil der Waffen und Skulpturen ist im Arsenale von all dem einstigen Reichtum mehr vor handen. Wie wenige Waffensammlungen ist jene im Arsenal zu Venedig eine unschätzbare Sammlung zur Geschichte des Staates, in dem sie sich befindet, als solche wurde sie bisher nicht aufgefasst; ihre Inventare erweisen das deutlich genug und die Bedeutung der letzteren wird erst klar werden, wenn ein genauer Vergleich mit dem Vorhandenen angestellt und jedes Stück fachwissenschaft lich festgestellt worden ist. Jetzt giebt es der Irrungen in schwerer Menge. Durchblättem wir die Inventare, so sehen wir, dass sie die verschiedensten KunstgegeDstände enthalten. Immerhin bilden die Waffen den grössten und wert vollsten Teil derselben. Eine nicht unbedeutende Zahl derselben enthält der Republik seit alter Zeit angebotene Erfindungen (invenzioni) die fiir die Geschichte der Ent wicklung des Waffenwesens von hohem Werte sind und auch meist in geheimster Verwahrung gehalten wurden. Sehr bedeutend erscheinen die aus den Türkenkriegen stammenden Trophäen, nicht minder die Andenken an hervorragende Geschichtsmomente. Der Verfasser nimmt bei der Aufzählung oft Gelegenheit, erklärend einzu springen und auf spätere Urteile hinzuweisen. Diese Bei gaben unterstützen den Leser ungemein. Der Verfasser ist mit Recht bestrebt, wo ihm dies möglich wird, auf noch vorhandene Gegenstände hin zuweisen und hervorragendere derselben auch in Ab bildungen zu bringen. Der immerhin trockene Text wird damit lebendig und interessant. Da wir nun nicht über den Raum verfügen, jede einzelne Inventarnummer zu besprechen, so möge uns der ausgezeichnete Autor ge statten, wenigstens von einigen Abbildungen einen Ver gleich mit dem bezüglichen Texte zu gestatten. Wir be nützen hierzu auch Notizen, die wir bei einer vor einigen Jahren vorgenommenen Besichtigung der Sammlung uns gemacht hatten. Saal II. Nr. 1. Das Schwert, die Sturmhaube und der Rundschild des Dogen Sebastiano Veniero verrät die Hand des Mailänders Lucio Piccinino um 1570. Saal IV. Nr. 1. Der halbe Harnisch mit dem Wappen der Contarini auf der Brust ist nur fachwidrig zu sammengestellt, der Kragen kaum dazu gehörig; die Brust datiert von ca. 1540; die in den Siglen PZC bezeichnete Persönlichkeit dürfte sich in Litta «Famiglie celebre ita lianes leicht finden lassen. No. 3. Prunkharnisch, dein Erasmo da Narni detto Gattamalata zugeschrieben, ist eine vollständige Irrung, wahrscheinlich durch eine spätere Verwechslung entstanden. Erasmo da Narni ist 1438 gestorben und Derselbe trägt an vielen Stellen ein Familienemblem, das nicht unschwer auf die eigentliche Persönlichkeit leiten könnte. Ein Löwenkopf mit zwei Schweinsköpfen zu dessen Seiten, darunter die Bandinschrift «Noscendum». Ein Helm und eine Doppelbrust, Wechselstücke zu diesem Harnisch befinden sich in der kaiserlichen Eremitage zu St. Petersburg. Beide sind in dem grossen Werke von Gille «Musöe de Tzarskoe-Selo 1835—1853 s Tafel CLXIV gut abgebildet. Aehnlich verhält es sich mit dem Corazzin No. 6, der dem Enrico Dandolo, gestorben 1205, zugeschrie ben wird und um 1470 gefertigt wurde. Bezüglich des Harnischs König Heinrichs IV. von Frankreich, Nr. 16, hat sich schon seit einiger Zeit Zweifel erhoben, ob nicht auch hier eine Verwechslung statt gefunden hat. Der Verfasser stellt die darüber ge äusserten Bedenken nebeneinander und bringt den jetzt diesem König zugeschriebenen Harnisch in Abbildung daneben, aber immer von dem obigen in der Form ver schiedenen, nach einer alten Handzeichnung von Graven broch. Die Frage ist noch heute ungelöst. Es sei uns erlaubt, derselben vom waffengeschichtlichen Gesichts punkte näher zu treten. Jener halbe Harnisch der Hand zeichnung datiert von ca. 1600, jener ganze des Arsenals von ca. 1570. Letzterer könnte demnach kaum dem König angehört haben, der 1555 geboren und 1610 ge storben ist. Vergleicht man beide Abbildungen genau, so erweist sich als gleichgeformt nur der Helm, alle übrigen Teile gehören nicht dazu. Der heilige Geist orden ist später auf der Brust angebracht worden. Bei diesen fachlichen Bemerkungen wollen wir es bis auf weiteres bewenden lassen und nebenher nur den Wunsch aussprechen, dass die in der Sammlung über Waffen des 15., 16. und selbst des 17. Jahrhunderts aufgestellte Tafel mit der Inschrift: «Armi del Secolo XIII5 entfernt wer den möge. Wenden wir uns wieder zu der Abhandlung Ber chets zurück, so geschieht es, um zu erklären, dass die selbe überall auf vorzüglichen Quellen beruht, eine tüchtige Litteraturkenntnis erweist und somit zu den tüchtigsten Arbeiten im historischen Fache gezählt wer den muss. In der Waffenwissenschaft reiht sie sich eben bürtig an die unübertrefflichen Leistungen Angeluccis und Bertolottis. Diese schlichte Abhandlung wird ein unentbehrlicher Behelf für denjenigen, der einst den Rest aus diesen unschätzbaren Sammlungen des Rats der Zehn, der Sammlung im kgl. Arsenal ordnen, studieren und beschreiben wird. Es wird sich ja doch für dieses dank bare Unternehmen ein unterrichteter Patriot finden. Bis dahin beglückwünschen wir den Verfasser zu dieser aus gezeichneten Vorarbeit. Wendelin Boeheim. Beck, Theodor, Beiträge zur Geschichte des Maschinenbaues, Berlin 1899, bei Julius Springer. Die historische Waffenkunde muss jedes Buch leb haft begrüssen, welches seinen Ausführungen die Werke der älteren Schriftsteller selbst zu Grunde legt und da mit neue authentische Einblicke in das Kulturleben ver gangener Zeit gewährt. Die Darstellungsweise von Be gebenheiten und Thatsachen war früher nicht so auf den einzelnen Gegenstand konzentriert wie heute, und der Einfluss der Waffe auf die meisten Gebiete des täglichen Lebens war so gross, dass man fast bei jedem älteren Schriftsteller Andeutungen über das Waffenwesen seiner 2. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Zeit findet, welche mitunter neue Thatsachen erschliessen. 53 wendung von Präzisionsarbeit möglich. Ueber das Laden Von ganz besonderem Interesse ist in dieser Beziehung das vorliegende Werk. Die Geschichte des Ingenieur wesens ist bisher ebenso spärlich zum Gegenstände ein gehender Forschung gemacht worden, wie die historische Waffenkunde, es war daher ein sehr dankenswerter Fort schritt, als der Herr Verfasser, Ingenieur und Privat dozent an der Techn. Hochschule zu Darmstadt, in einer Reihe in der Zeitschrift «Civilingenieur» erschienener Aufsätze die einschlägigen Werke der älteren Schriftsteller von Aristoteles bis in das 17. Jahrhundert hinein besprach und die interessantesten, einen wirklichen Fortschritt dar stellenden Lösungen mechanischer Probleme an der Hand von Abbildungen vorftihrte. Diese Aufsätze liegen jetzt gesammelt vor und erweisen sich, wie auch nicht anders zu erwarten, als eine reiche Fundgrube für die historische Waffenkunde. War doch in früherer Zeit der «Ingenieur» zugleich Artillerist und Festungsbaumeister. Wir erhalten allgemein einen tiefen Einblick in die Leistungsfähigkeit der Technik verschiedener Zeiten und werden besonders auf Wurf- und Schiessmaschinen, Hebezeuge und Geschütze hingewiesen. Auch der Fabrikation des Pulvers, sowie den technischen Einrichtungen zur Herstellung von Geschützen ist manche Seite gewidmet. Leider sind die zahlreichen Abbildungen nicht als Facsimiledrucke wiedergegeben, sondern unter Hervorhebung des technisch Wichtigen in moderne Darstellungsweise übertragen. Immerhin gestatten sie flir das Waffenwesen Schlüsse genug. Bei der Bearbeitung des in dieser Nummer abschlies senden Aufsatzes «Die älteren Hinterladungsgeschütze» konnte das vorliegende Buch noch nicht als Quelle be nutzt werden, es mögen daher einige Ergänzungen über diesen Gegenstand folgen, zugleich als Beispiel von der Reichhaltigkeit waffenhistorisch interessanter Angaben. Buonaiuto Lorini bespricht in seinem 1597 er schienenen Werke «Delle Fortificationi» u. a. auch die Hinterladungsgeschütze und sagt: «Geschütze, welche von hinten geladen werden, sind auf Galeeren und Kriegs schiffen zur Bequemlichkeit der Kanoniere sehr gebräuch lich, damit diese beim Laden eine gedeckte Stellung haben und schneller schiessen können; bei der üblichen Beschaffenheit aber werden sie durch das Entweichen von Pulvergas durch das Bodenstück in ihrer Wirkung ge schwächt und leisten nicht, was sie leisten sollten . . . Jene Fehler entspringen nur aus ungenügender Festig keit des Bodenstückes und schlechtem Einpassen des Ver schlussstückes in die Geschützkammer . . . Demzufolge vermindert sich die Kraft des Schusses im Verhältnis zur Gasentweichung. Wäre diese beseitigt, so würde der Schuss ebenso kräftig sein, wie bei Vorderladern. Sollte dies aber auch bezüglich eines minimalen Teiles nicht gelingen, so würde doch der Vorteil, welcher aus der Sicherheit der Bedienungsmannschaft beim Laden und aus dem schnelleren Schiessen entspringt, so gross sein, dass man einige Unvollkommenheiten dafür hinnehmen könnte.» Er empfiehlt darauf einen Kolben Verschluss mit cylindrischem Kolben und rundem, konischem Quer keil. Der Kolben verjüngt sich vorne in 2 Absätzen zur besseren Liderung. Die Kugel sollte bei dieser Verschluss art 8 @ Gewicht nicht übersteigen, «am nützlichsten aber sind solche von 6 und von 3 ®». Auf die Bearbeitung aller runden Teile mit Bohrer und Drehbank weist er im Interesse guter Abdichtung ganz besonders hin, ein Zeichen, dass dies sonst vielfach vernachlässigt wurde. Ist doch der heutige Hinterlader auch nur durch Ver sagt er dann: «Um das Geschütz zu laden, sind drei Dinge nötig, ein Hammer von Eichenholz, ein Wischer, welcher genügt, um die Hälfte des Rohres, wie gebräuch lich, auszuwischen, und die Pulversäcke oder Kartuschen, mit dem Pulver und der Kugel als Ladung darin. Diese werden so in die Höhlung des Bodenstückes gesteckt, dass ihr Ende in die Pulverkammer hineinreicht, und wenn man dann das Verschlussstück einschiebt, drückt es die Kartusche so weit wie nötig vor ...» Es geht hieraus klar hervor, dass man bereits damals Kartusche und Geschoss zu einem Ganzen zu vereinigen wusste. Ferner geht er auf die Keilverschlüsse ein: «Ge schütze nur mit einem Keil zu verschliessen, ist sehr bequem, aber keine so sichere Verschlussart, wie die so eben beschriebene; doch leistet sie bei kleinen Stücken von 3 @ Kugelgewicht genügende Dienste.» Auch hier empfiehlt er sauberste Bearbeitung von Keil und Keilloch und giebt die Stärke des Keils in der Mitte auf einen, die Höhe auf ix/0 Kugeldurchmesser an, damit die Seele oben und unten gut abgeschlossen sei. Folgenden recht interessanten Verschluss preist er als das Vollkommenste dieser Art: «Wenn wir aber ein besonders vollkommenes Hinterladungsgeschütz hersteilen und sicher sein wollen, dass kein Gas entweicht, so müssen wir die Teile, durch welche man sich die Kraft des Schusses sichert, mit Hilfe von Bohrern und der Drehbank in der Weise be arbeiten, dass sie so vollkommen aneinander schliessen, als ob sie ein Stück Wären, und dies kann man am besten erreichen, wenn man den Keil rund und ein wenig konisch, das Verschlussstück aber, der mittleren Dicke des Keiles entsprechend, halbmondförmig macht und das Kopfende mit Vorsprüngen versieht...» Es ge hört dieser auf Abb. 1 dargestellte Verschluss in die Klasse der Kolbenverschlüsse, nur ist der Kolben auf den vor dem Querkeil liegenden Teil zusammengeschrumpft und kann, hier «Verschlussstück» genannt, eher als Lide rungsteil bezeichnet werden. Die Liderung wird in ähn licher Weise, wie in dem vorgenannten Aufsatz in Abb. 16 gezeigt, durch einen in eine Nute greifenden, ringförmigen Vorsprung hergestellt. Ueber die Bedienung heisst es weiter: «Man muss jedoch darauf achten, dass die Weite der Bohrung nach aussen ein wenig grösser wird, als innen, damit das Verschlussstück herausgenommen werden kann, indem man mit zwei oder mehr Fingern in die Löcher greift (a, b der Abb.), nachdem man den Keil herausgeschlagen und den Arm in die Höhlung des Bodenstückes gesteckt hat. Wenn aber das Geschütz warm geworden ist, kann man dies nicht einfach mit der 54 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Hand thun, sondern bedient sich am besten eines eiser II. Band. barde, die man von hinten läd und die ein einziger nen Schlüssels, welcher am Ende mit etwas Schrauben gewinde, das aus einem einzigen Gange besteht, versehen ist und der einen Zoll tief mitten in das Verschlussstück hineinreicht Auf diese Weise kann man es leicht heraus nehmen und einsetzen, indem man den Griff des Schlüs sels so lang macht, wie die Bohrung des Bbdenstückes. Auch kann man vermittelst eines solchen Schlüssels sehr kleine Geschütze laden, während dies ohne einen solchen nicht möglich ist, weil man den Arm hineinstecken müsste ...» Da der kurze I-iderungsteil nur ungenügende Führung im Rohr hat, so ist diese Konstruktion nur mög lich, wenn das Keilloch derart gebohrt ist, dass die Vor derfläche desselben senkrecht zur Seelenachse liegt. Ein ähnliches Liderungsstück empfiehlt Lorini auch für den einfachen Keilverschluss. Auch bei diesem Kolbenver schluss muss der Keil mit einem hölzernen Hammer fest geschlagen bezw. gelockert werden. Damit nun der Keil beim Oeffhen nicht herausfallt, benutzt Lorini bereits die noch beute übliche Grenzkette, welche den Keil nur so weit aus dem Keilloch heraustreten lässt, dass das Lade loch freigegeben ist Der Keil soll gut mit Talg ge schmiert sein, ein Umstand, der die Verwendung des Fig. 2. Talges auch als Liderungsmittel sehr wahrscheinlich er scheinen lässt. Leonardo da Vinci (1452—15x9), ein Universal-Genie, sowohl als bildender Künstler, wie als Ingenieur einer der ersten Männer seiner Zeit, giebt in seiner äusserst inter essanten und umfangreichen Hinterlassenschaft auch die Skizze eines merkwürdigen Hinterladungsgeschützes, das wohl nur ein Vorschlag sein dürfte, aber trotzdem wich tig ist als Beweisstück, dass der Uebergang von den bis dahin allein gebräuchlichen Hinterladern mit beweglicher Kammer zu solchen mit Verschlüssen anderer Art bereits in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts begonnen haben muss. Das Geschütz ist in Abb.V wiedergegeben. Das anscheinend bronzene Rohr liegt in einem viereckigen, hölzernen Rahmen, der hinten zugleich das Wider lager für den Schraubenverschluss bildet. Zwischen den Rahmenwangen ist ein breiter Bronzering ge lagert, in welchem sich der cylindrische Verschluss vor- und zurückschieben kann, während eine am Boden desselben angebrachte Schraube durch das Widerlager greift. Der vordere Teil des Verschlusses ist mit einem Schraubengewinde versehen, entsprechend einem Muttergewinde im hinteren Ende des Rohres. Anstatt nun aber, wie bei der französischen Mitrail leuse, an der durch das Widerlager gehenden Schraube eine Kurbel anzubringen, bewegt Leonardo den Verschluss durch eine quer gestellte Schnecke, welche in die sehr breiten Zähne des zu einem Zahnrad um gestalteten hinteren Teils des Verschlusses eingreift. Zwischen diesen und das Widerlager trieb man schliess lich einen mit einem Ausschnitt versehenen Keil. Leo nardo bezeichnet dieses Geschütz als «eine grosse Bom Mann zusammen- und auseinanderschraubt,» und sagt zum Schluss: «Dies ist gut für Galeeren». In dem oben erwähnten Aufsatz wird auf Geschütze hingewiesen, welche aus zwei Stücken zusammengeschraubt sind. Leonardo giebt einen eigenartigen Apparat zum festen Anziehen dieser Verbindung an, den Abb.' 3 ver anschaulicht. In die an den Enden der beiden Rohr teile befindlichen Zahnkränze wurden zwei S-förmige Sperrhaken gelegt, zwischen die oberen, entgegengesetzt gerichteten Enden derselben ein langer Hebel gesteckt und dieser auf einer Bank durch das Seil eines Gang spills fest angezogen. Die Lade, in der hier das Rohr 1 $ \ A*“® $ Fig- 3 — —n * § liegt, dürfte nur für diesen Zweck untergelegt sein. Augen scheinlich hat man es hier mit einem schweren Stück, ähnlich dem in den Zeugbüchern Maximilians erwähnten «Pfabenschwanz» zu thun, also nicht mit einem Hinter lader. Bei den Geschützen mit beweglicher Kammer ist ferner eine besondere Art nachzutragen, bei -der die Kammer mit dem Rohr direkt verschraubt wurde, und zwar ist auch hier, wie bei den meisten Schraubenverschlüssen, die Schraube konisch. Einen solchen Verschluss giebt Leonardo in Abb. 4 wieder. Interessant daran ist die kugelige Gestalt der Kammer, wie sie in neuerer Zeit von Ballistikern als die für die Verbrennung der Ladung theoretisch günstigste vorgeschlagen wurde, vorausgesetzt, dass die Entzündung in der Mitte der Kugel erfolgt. Der gleiche Gedanke scheint Leonardo geleitet zu haben, denn er zeichnet den durch die spitze Kartuschnadel her gestellten, bis zur Mitte der Ladung führenden Kanal und daneben anscheinend eine Zündröhre, oben mit pfannenartiger Erweiterung, ähnlich den bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlichen Schlagröhren für Lunten zündung — denn als Kartuschnadel müsste das Gebilde entschieden einen Griff haben. Es scheint hier noch ungekörntes Pulver Verwendung zu finden und die weisse Stelle vor der scharf abgesetzten Ladung den vorge schlagenen Holzpflock zu bedeuten. Es sei ferner auf merksam gemacht auf den gegen den Kammerhals ex centrischen und anscheinend etwas konischen Geschoss raum, der zum Festhalten und gasdichten Ansetzen der von vorne zu ladenden Kugel sehr zweckmässig gewesen wäre. Durch den mehr von unten kommenden Stoss der Pulverladung würde der Kugel ein die Treffsicherheit wesentlich befördernder «Effet» gegeben worden sein. Der gleiche Zweck wurde ja später bei Hohlgeschossen durch die excentrische Anordnung der schliesslich ellip soidalen Höhlung erreicht. Selbst wenn die angeführte 2. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Konstruktion eines so durchgebildeten Hinterladers nur ein Vorschlag Leonardos wäre, gäbe er doch ein glänzendes Zeugnis für den genialen Scharfblick dieses vielseitigen Mannes. paul Reimer. Geschichte der heraldischen Kunst in der Schweiz im XII. und XIII. Jahrhundert, von Dr. Paul Ganz. Mit ioi Abbildungen und io Tafeln. Frauenfeld, J. Hu bert, 1899. Dr. Ganz hat da ein Buch geliefert, dem wir rück haltloses Lob zu teil werden lassen müssen, denn es zeugt ebenso sehr von gründlichem Studium, wie von Dem Vereine neu beigetreten sind: v. Biedermann, Freiherr Edgar. 55 Dresden, Marschallstr. 23. v. Cube, Max. Alt-Werpel bei Leal in Estland. grosser Sachkenntnis. Das Buch ist Prof. Rudolf Rahn, dem Lehrer des Autors, gewidmet, und ich darf wohl sagen,' dass es durch sich selbst ebenso den Schüler wie den Lehrer ehrt. Der Verfasser hat sich auf das Gebiet der Schweiz beschränkt und dadurch eine gewisse erschöpfende Voll ständigkeit erreicht. • Er vergisst allerdings nicht, auch ausserschweizerische Beispiele heranzuziehen, aber be kanntlich ist die Schweiz gerade an heraldischen Denk mälern überaus reich — ich erinnere hier nur an ihre heraldischen Perlen, die Züricher Wappenrolle und den Reiterschild von Seedorf. Die Entwickelung der Wappen und ihr Zusammenhang mit Helm, Schild etc. wird vor züglich geschildert, und ein reiches Material ist heran gezogen, das auch die Waffengeschichte aufs engste berührt. In der That ist gerade nach dieser Richtung das Ganz’sche Buch von hohem Werte, denn der Ver fasser belegt Schritt für Schritt und unter Beigabe zahl reicher Abbildungen nach Denkmälern aller Art die all mähliche Ausgestaltung des Schildes, des Helmes, der Helm decken und des Waffenrockes, der Achselschilde, der Pferdeäbzeichen u. s. w. Auch die alten Dichter werden nicht vergessen, deren Worte oft so prächtig Aufschluss geben nicht nur über die Sitten und die Thaten ihrer Helden, sondern auch über deren Bewaffnung und heral dischen Schmuck. Der Verleger hat das Buch vorzüg lich ausgestattet, und hoffen wir zuversichtlich, dass Dr. Ganz seiner Behandlung des 12. und 13. Jahrhunderts bald eine ähnlich gute des 14. und 15. Jahrhunderts folgen lassen wird. Vielleicht giebt er dort dann auch, was wir in diesem Bande vermissen, einen abschliessen den zusammenfassenden Rückblick. _ _ R. Forrer. Die Feldartillerie Friedrichs des Grossen. Unter dieser Ueberschrift bringt das « Militär-Wochenblatt» (Ber lin, bei Mittler .& Sohn), Jahrgang 1900 No. 8—14, einen Aufsatz des Majors Duvernoy vom grossen Generalstabe. Es wird hier in eingehender Weise die Entstehung, Aus rüstung und Organisation der Friedericianischen Artillerie geschildert und ihre Taktik auf Grund der seitens des grossen Königs schriftlich niedergelegten Direktiven er läutert. Besonders interessant ist es, zu sehen, mit wel chem Scharfblick der König die Verwendung der ver schiedenen Geschütz- und Schussarten der Leistungsfähig keit und Wirkung derselben anzupassen wusste. Der Auf satz bildet einen wertvollen Beitrag für die historische Waffenkunde. p r Forrer, Dr. Robert, Museumsbevollmächtigter. Strassburg i. E., Rosheimerstr. 10. Lauterbach, Camillo, Oberst z. D. Dresden, Carolastr. 5. Lindig, Paul, Kaufmann. Dresden-Strehlen, Residenzstrasse 34. Schlechte, Alwin, Rechtsanwalt. Dresden, Waisenhausstr. 32. Das Ehren-Mitglied des Vereins, Herr Geheimer Rat Dr. J. H. von Hefner-Alteneck in München, hat vor kurzem «Lebens-Erinnerungen» veröffentlicht, die er als Manu skript hat drucken lassen und die «seiner Familie, seinen Freunden und Fachgenossen» gewidmet sind. Die Güte des Herrn Verfassers macht es der Schriftleitung möglich, über den reichen Inhalt des wertvollen Buches zu berichten. Dies soll im nächsten Hefte geschehen; heute genüge die kurze Ankündigung. Die internationale Sportausstellung in München hat unseren Mitgliedern Herrn Stadtrat ZschiTle in Grossenhain und Herrn Dr. Robert Forrer in Strassburg für ihre Ar beiten über die Geschichte- des Reitzeuges, von denen die über «Die Steigbügel in ihrer Formenentwicklung» bekannt lich unserem Vereine gewidmet ist (vgl. dazu Bd. I, S. 54), wegen «des ungewöhnlich instruktiven Wertes» das Ehren diplom und die silberne Medaille verliehen. Vom 20. bis 23. Juni d. J. wird in Dresden die dritte Hauptversammlung des Vereins für historische Waffenkunde abgehalten. Die reiche Fülle dessen, was geboten werden soll, ist aus der unten abgedruokten allge meinen Tageseinteilung ersichtlich. Der Ruf der Dresdener Sammlungen ist so fest gegründet, dass es überflüssig ist, auf den Genuss und die Belehrung hinzuweisen, die unsere Mitglieder, von sachkundiger Hand geleitet, sich dort ver schaffen können. Hier möge es nur der Schriftleitung ge stattet sein, auf eine Ausstellung in einer Sammlung aufmerk sam zu machen, wohin nicht jeder, der sich mit Waffenkunde beschäftigt, seinen Schritt zu lenken gewohnt ist. Im Kgl. Kupferstichkabinet wird dessen Direktor, Herr Prof. Dr. Lehrs, graphische Blätter ausstellen, die für die Geschichte der Waffe von Bedeutung sind. Die seltenen Stiche des 15. Jahrhunderts, die wohl kaum irgendwo anders so studiert werden können wie in Dresden, werden dabei besondere Anregung bieten. Für die Entwicklung unseres Vereins sind die Ver sammlungen von grosser Bedeutung. Die Aussprache von Mund zu Mund, der persönliche Verkehr der Fachgenossen unter einander ist zu engerem Zusammenschluss durchaus nötig und durch nichts anderes zu ersetzen. Mit dem Wachs tum des Vereins ist aber, meine ich, der Fortschritt in der waffengeschichtlichen Forschung eng verbunden. Und des halb ist allein schon zu wünschen, dass die Dresdener Ver sammlung recht zahlreich besucht werde. Möge sie nach dem Wunsche ihrer eifrig thätigen Veran stalter, möge sie fruchtbringend und glücklich ver laufen! n. Band. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 56 An unsere verehrten Mitglieder! Der Vereinsvorstand gestattet sich, den verehrten Mitgliedern die vorläufig festgesetzte Tagesein teilung für die Hauptversammlung 1900 hier zur Kenntnis zu bringen, behält sich aber vor, etwa nötig erschienene Veränderungen und Ergänzungen noch rechtzeitig durch besondere Anzeigen zu vermitteln. Tageseinteilung für die Hauptversammlung des Vereins für historische Waffenkunde in Dresden IQOO. Mittwoch, den 20. Juni. 8 Uhr abends:1 Zusammenkunft auf dem Kgl, Belvedere (oberer Saal). Begrüssung der auswärtigen Herren durch die in Dresden und Umgegend wohnenden Mitglieder. Bierabend. Donnerstag, den 21. Juni. 10 Uhr vorm.: Vorstandssitzung im Kurländer Palais, Zeughausplatz 3. 11 Uhr vorm.: Hauptversammlung ebendaselbst. 1. Ansprache des stellvertretenden Vorsitzenden. 2. Geschäftsbericht des Schriftführers. 3. Rechenschaftsbericht des Schatzmeisters. 4. Vortrag. 5. Wahl der neuen Vorstandsmitglieder. Hierauf: Besichtigung des Königl. historischen Museums. S Uhr nachm.: Festmahl auf dem Kgl. Belvedere. (Gedeck M. 5.00 ohne Wein.) Freitag, den 22. Juni. 9 Uhr vorm.: Vorstandssitzung im Kurländer Palais. Aemterverteilung. u112 Uhr vorm.: Besuch der Sammlung im Königl. Arsenal. (Abfahrt n Uhr Schlossplatz.) 3 Uhr nachm.: Fahrt nach Meissen mit eigenem Dampfer. Besichtigung der Albrechtsburg. Gemeinsames Essen im Burgkeller. (Gedeck M. 2.50—3.00.) Rückfahrt auf der Bahn. Sonnabend, den 23. Juni. 10 Uhr vorm.: Vorstandssitzung im Kurländer Palais. Den nichtbeschäftigten Mitgliedern wird der Besuch der Gemäldegalerie, des Kupferstichkabinets, des Grünen Gewölbes und der Porzellansammlung anheimgegeben. 12 Uhr vorm.: Hauptversammlung im Kurländer Palais. Verkündigung der Aemterverteilung. Satzungsänderungen. Vorschläge aus der Versammlung. 2 Uhr nachm.: Gemeinsames zwangloses Mittagessen im Englischen Garten. Teilnehmerkarten M. 5-00. Anmeldungen zur Teilnahme wollen bis spätestens 12. Juni an das Vorstandsmitglied Direktor M. v. Ehrenthal, Dresden-Altstadt, Johanneum, gerichtet werden. Herausgegeben vom Verein für historische Waffenkunde. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Veste Coburg. Drnck von Oscar Brandstetter in Leipzig. Die historische Waffenkunde auf kulturgeschichtlicher Grundlage. Von Paul Reimer, Oberleutnant im Badischen Fussartillerie-Regiment Nr. 14. Mit einem Nachwort der Schriftleitung. ie Waffe war und ist der Träger der Kultur. Das erste Erzeugnis, des im Urzu stände lebenden Men schen war die Waffe, die ihn gegen die Tierwelt schützte und ihm Nah rung verschaffte. Erst aus der Waffe entstand behufs weiterer Produk tion das Werkzeug, doch die Waffe musste weiter wirken, wenn das Werkzeug thätig sein sollte. Die durch die Wechselwirkung beider gewonnene Kultur wurde mit Hilfe der Waffe hinausgetragen zu fernen Völkern, bis diese wieder mit der Waffe in der Hand ihrem Drange nach in dividueller Kulturentwickelung Geltung verschafften. Welche Bedeutung heute die Waffe auf allen Ge bieten des Kulturlebens hat, darüber braucht wohl kein Wort verloren zu werden, besteht doch der Grundsatz «Macht geht vor Recht!» unerschüttert fort, das Kennzeichen der Macht aber ist die Waffe. Trotz alledem ist die Waffe als Kulturfaktor wissen schaftlich noch immer zu wenig betrachtet worden. Die vorzugsweise militärischerseits bearbeitete Kriegs geschichte dient in erster Linie als Quelle für die Strategie und Taktik; die Waffe als solche, auf der sich doch erst die Taktik aufbaut, wurde dabei nur sehr spärlich betrachtet. Dagegen nahm sich der Kunstliebhaber, der Sammler, der Waffe an, so weit sie als Erzeugnis früheren, insbesondere des mittelalterlichen Kunstgewerbes hervorragenden Wert hat. Zur sachverständigen Verwaltung und Ergänzung unterstehen daher grössere Sammlungen dieser Art der Leitung von Kunstgelehrten, welche in der Litte ratur die Waffe wiederum vorzugsweise als Kunst gegenstand und Rarität behandelt haben. Immerhin haben auch zahlreiche andere Forscher sich ein gehend mit einzelnen Arten der Waffen von be sonderen Gesichtspunkten aus beschäftigt, wertvolle Arbeiten, die, soweit noch verborgen, an das Tages licht gezogen und an den ihnen gebührenden Platz in dem weiten Rahmen der «historischen Waffen kunde» gestellt werden müssen. Dieses sind Bau steine für unsere junge Wissenschaft, deren es aber in ungeheurer Menge bedarf und die, angesammelt, der ordnenden Hand des genialen Baumeisters harren sollen. Dass dieses Gebiet noch so wenig bearbeitet ist, liegt gerade an dem Umstande, der uns hier besonders wertvoll sein soll, an den intimen Wechsel beziehungen zwischen der Waffe und dem übrigen Kulturleben. Der Forscher, der in dieses einge drungen, hat nur selten die nötigen eingehenden Kenntnisse von der Waffe und ihrem Gebrauch, dem Waffenkundigen dagegen fehlt meist der Ein blick in die Tiefen des Kulturlebens früherer Zeiten. Hier müssen sich beide ergänzen, sich gegenseitig belehren. Zunächst sei nun das vor uns liegende weite Gebiet betrachtet, das der Bearbeitung harrt und es sei noch einmal wiederholend hervorgehoben: Der vornehmste Zweck der historischen Waffenkunde ist die Betrachtung der Waffe als Kulturfaktor. Es wird nicht unsere Auf gabe sein, die Waffe einseitig technisch oder einseitig kunstgeschichtlich' zu behan deln, mit anderen Worten, die Spezialwissen schaft um ihrer selbst zu betreiben, sondern das Waffenwesen soll uns der Leitfaden wer den, an dem wir Einblick gewinnen in das Kulturleben aller Zeiten und aller Völker. Es ergiebt sich als erster wichtiger Haupt abschnitt der historischen Waffenkunde die Waffen lehre, welche die Frage beantwortet: Was ist die Waffe? Es entspricht dem Wesen der Waffe, dass sich ihre Konstruktion, mehr wie bei allen anderen Ge brauchsgegenständen, eng an den mit ihr beabsich tigten Zweck anschliesst. Um ihre Form und Kon struktion zu verstehen, müssen wir daher in erster Linie die Anforderungen zu ergründen suchen, welchen die Waffe gerecht werden sollte. Aufschluss hierüber geben uns die Mängel der vor der Ein führung der betr. Waffe vorhandenen Schutz- und Trutzwaffen, welche zu einer Ergänzung oder Ver besserung aufforderten, dann aber auch die Taktik, d. h. die Art, wie jene Waffen geführt wurden. Ferner müssen wir Aufschluss suchen aus den Schutz und Trutzwaffen des Gegners und untersuchen, ob 8 58 Zeitschrift für historische Waffenkunde. ein Fortschritt in Art oder Führung- derselben zur II. Band. lichen kulturhistorischen Kenntnisse besassen, um Einführung einer neuen Waffe oder Verbesserung einer alten zwangen, und schliesslich muss sicher festgestellt werden, auf welche Art die Waffe gegen den Feind wirken sollte. Insbesondere wird die Erläuterung der gestellten Anforderungen zur Cha rakterisierung der Schutzwaffen herangezogen werden müssen, da sich diese in erster Linie nach den Trutz waffen des Gegners zu richten haben. Erst auf Grund dieser Thatsachen ist ein Urteil über die zu betrachtende Waffe möglich. Den festgestellten Anforderungen konnte die Konstruktion auf verschiedene Weise gerecht wer den, und zwar wird hier die Art des verwendeten Materials und das Mass der Beherrschung der Technik desselben zu berücksichtigen sein. Es bedarf also hier einer eingehenden Kenntnis der Gewerbe und Industrien der betr. Zeitperiode. Ausserdem wird aber die Konstruktion wesentlich beeinflusst durch die Ueberlieferung, die Gewohnheit des Arbeiters und durch praktische Erwägungen, indem man z. B. die neue Waffe der früheren möglichst ähnlich macht, um den Krieger schneller an ihren Gebrauch zu gewöhnen. Hier spielt der Volkscharakter eine wichtige Rolle. Auch der Einfluss, welchen die Notwendigkeit der Massenherstellung auf Gestalt und Konstruktion der Waffe ausübt, darf nicht übergangen werden, die zur Fabrikation notwendigen technischen Einrichtungen und die einzelnen Verfahren der Her stellung müssen studiert werden. Hierher gehört auch das Studium der Einführung, Herstellung und Verwendung von Treib- und Sprengmitteln, obwohl diese Stoffe oder Einrichtungen an sich keine Waffen, aber für dieselben notwendige Erfordernisse sind, deren Eigenart den bestimmendsten Einfluss auf die Ausgestaltung des Waffenwesens überhaupt ausüben. Schliesslich sind die Geschoss-, Hieb- u. s. w. Wirkung, die Durchschlagskraft, Streuung u. s. w., sowie die Arten der Verwundungen zu erörtern. Die durch vorstehende Betrachtungen und Stu dien gewonnenen Ergebnisse gestatten nun erst eine übersichtliche Darstellung des sachlich begründeten Entwickelungsganges der betrachteten Waffe nach Form und Konstruktion und geben als Fol gerung die Summe der waffentechnischen und bal listischen Anschauungen, also als kulturelles und wissenschaftliches Moment die Waffenlehre der betr. Zeit. Eine wissenschaftliche Waffenlehre ist erst mit der allgemeinen Einführung der gezogenen Feuer waffen ins Leben getreten, die wissenschaftliche Ballistik und Konstruktionslehre schufen eine breite Unterlage für das Verständnis auch der Schusswaffen älterer Zeit. Wenn trotzdem die historische Waffen lehre nur hier und da im Geiste moderner An schauungen gepflegt worden ist, so liegt dies wohl in erster Linie daran, dass eingehendere ballistische Kenntnisse nur verhältnismässig wenigen Kreisen zu gänglich sind und diese meist nicht die erforder sich in den Dienst der historischen Waffenkunde stellen zu können. Hier ist es vornehmlich der praktisch, theoretisch und technisch geschulte Ar tillerie- und Infanterie-Offizier, der als Mit arbeiter für die historische Waffenkunde gewonnen werden muss. Die Theorie der blanken Waffen, die heute eine nur sehr untergeordnete Rolle spielen, ist arg vernachlässigt worden, wirkliches Verständnis für die Konstruktion und den Gebrauch der Hieb und Stichwaffen dürfte in erster Linie bei tüchtigen, auf die verschiedensten Waffen eingeübten Fecht lehrern und bei Kavallerie-Offizieren zu finden sein. Zweck des ersten Abschnittes ist es ja vor nehmlich, die Waffe früherer Zeit, ihren Zweck und ihre Notwendigkeit unseren modernen Anschauungen näher zu rücken, ein richtiges Urteil darüber kann aber nur derjenige abgeben, welcher selbst praktisch und theoretisch mit den heutigen Waffen vertraut ist. Der zweite Hauptabschnitt der historischen Waffenkunde hat die Frage zu beantworten: Wie führt man die Waffe? Es muss hier zunächst die Einzelwaffe im Rah men der Ausrüstung und sonstigen Bewaffnung und Bekleidung des einzelnen Kriegers betrachtet werden, ferner ihr Einfluss auf Umgestaltungen in der Be kleidung und Ausrüstung u. s. w. Die genaueste Kenntnis des Umganges mit der Waffe, der Füh rung des Schwertes u. s. w., der Bedienung des Ge wehres, des Geschützes ist unerlässlich. Die Art der Bewaffnung des einzelnen Mannes ist von be stimmendem Einfluss auf die Bildung der Truppen körper nach Waffengattungen, und in diesen auf die Gliederung in kleineren Verbänden zum Zwecke der Ausbildung und taktischen Verwendung. Hierher gehören die in erster Linie kriegswissenschaftlichen Fragen, wie die der Zuteilung von Artillerie zu In fanterie- oder Kavallerie-Truppenteilen, der Rege lung des Munitionsersatzes durch Bildung von Ko lonnen u. s. w. Auch die Zusammensetzung der Heere wird zuweilen von der Art einer Waffe ab hängen, z. B. ist nicht nur in neuester Zeit die Frage der Zuteilung schwerer Artillerie zu den Feldheeren von grösster Bedeutung. Besonders wichtig ist die Führung der Waffe im Gefecht, die Taktik, auf der Grundlage der Be waffnung. Hier ist der Kampf Mann gegen Mann sowohl, wie die Feldschlacht im ganzen, die Art der Verwendung der Waffengattungen, die Gefechts formationen, Benutzung und Wert von Feldbefesti gungen zu betrachten, alles dieses mit Rücksicht auf Waffengebrauch und Waffenwirkung. Der Ein f luss der Waffe auf den Festungsbau, auf das Wesen der Belagerung und Verteidigung wird hier einen breiten Raum einnehmen, die verschiedensten Ge schütz- und Schussarten, sowie Minen und die be sonderen Feuerwerkskörper können hier ihre Begrün dung und Würdigung finden. Erwünscht scheinen hier kriegsgeschichtliche Abhandlungen, welche zur 3. Heft, Zeitschrift für historische Waffenkunde. Charakterisierung' dieser oder jener Waffe besonders 59 Rüstkammern in Staats- und Privatbesitz nach Ent geeignet sind. Auf die Entwickelung des Kriegs wesens zur See hat die Waffe einen ganz eminenten Einfluss ausgeübt, der auf dem Gebiete des Kriegs schiffbaues, des Seegefechtes, des Minen- und Tor pedowesens eingehend gewürdigt werden muss. Schätzenswerte Beiträge zur Kenntnis des Waf fenwesens liefert auch die Waffenübung im Frieden, vorzugsweise die Ausbildung des Kriegers im Waffen dienste. Hierher gehört der Dienst auf dem Schei benstand, das Exerzieren mit der Waffe, das Fechten zu Fuss und zu Pferde. Hierher dürften aber auch waffentechnische Behörden, deren Versuche und Organisation zu rechnen sein, sowie das waffentech nische Unterrichtswesen und seine Erfolge. Höchst wichtig für die Kulturgeschichte sind die Kampf spiele aller Zeiten, die Turniere und ihre Fortsetzung, der Fechtsport, sowie das Duell. Einiges Interesse können auch die Schützengilden beanspruchen, da sie dem Bürger den Umgang mit der Waffe ver traut machten, ebenso der Jagdsport mit seinen zum Teil ihm eigentümlichen Waffen. Ueber Gegenstände dieses Abschnittes ist zwar in der Kriegsgeschichte, der Uniform- und Heeres kunde schon recht viel veröffentlicht worden, in dessen ist dabei die Waffe als Grundlage der Ausrüstung, Heeresorganisation und Taktik zu wenig in den Vordergrund gerückt worden. Auf diesem Gebiete ist in erster Linie der taktisch ein gehend vorgebildete Offizier, der Kriegsakade miker zu erfolgreichster Thätigkeit berufen. Gerade in der neuesten Zeit hat die Verbesserung der Waffe in kurzen Zwischenräumen zu fast vollständigen Um wälzungen der Taktik, z. T. auch der Organisationen geführt, die Entwickelung derselben aus den Eigen schaften der Waffe heraus wird heute an den höhe ren Militärschulen zum Gegenstände ganz besonderen Studiums gemacht, welches auch auf frühere Zeiten auszudehnen, dem einzelnen anregend genug sein dürfte. Als dritter Hauptabschnitt wäre das Zeug wesen zu betrachten, d. h. die Einrichtungen zur Erzeugung, Verwaltung und Erhaltung von Waffen. Hier sind unabhängig von der Technik die Waffenfabriken nach Organisation, Umfang und Lei stungsfähigkeit zu besprechen, ferner der Lebensgang von Männern, die sich auf dem Gebiete der Waffen technik besonders ausgezeichnet haben, z. B. Stück giesser, Schwertfeger u. dergl. Von Wichtigkeit ist es auch, die sociale Stellung dieser Leute kennen zu lernen, das Wesen und die Gebräuche der ver schiedenen, hierher gehörigen Zünfte im Rahmen der übrigen, sowie die Vorrechte, deren sich z. B. die Büchsenmeister zu erfreuen hatten. Im An schluss hieran bedarf das Zeugwesen der Fürsten und Städte der Betrachtung, die Errichtung und Unterhaltung der verschiedenen Zeughäuser und Waffenniederlagen, ihre Verwaltung und Ergänzung. Hierher gehören auch die Waffensammlungen und stehung, Umfang und Zielen; die Geschichte einzel ner Stücke in breitestem Rahmen wird besonders interessant sein. Aus der Sammlungstechnik wird u. a. die Frage der Konservierung von Waffen be sprochen werden müssen, auch wird zu erörtern sein, inwieweit und auf welche Weise die Waffen sammlungen und die Waffenkunde überhaupt zum Unterricht an den Militärschulen heranzuziehen sind. Schliesslich spielt der Geldwert der Waffe eine nicht unbedeutende Rolle, bilden doch gerade die Zeug rechnungen der Städte eine Hauptquelle der Nach richten über das Waffenwesen. Der relative Preis einer Waffe wird stets einen einwandfreien Schluss auf ihre Wertschätzung in der betreffenden Zeit zu lassen. Auf diesem Gebiete liegen vereinzelt bereits Arbeiten vor, zerstreute Angaben sind vielfach vor handen, indessen ist ein abgerundetes Bild des Zeug wesens wohl noch für keinen Zeitabschnitt gewonnen. Es sei hier von der Einzelwaffe vollkommen abge sehen und das Waffenwesen als Ganzes in seiner Beziehung zu Industrie und Gewerbe, zur Kommunal und Staatsverwaltung, zur Stadt- und Landesvertei digung betrachtet. Die Bearbeitung dieses für die historische Waffenkunde so überaus wichtigen Gegen standes dürfte in erster Linie dem Kulturhistoriker zufallen, welcher in der Lage ist, der Waffe den ihr gebührenden Platz im Rahmen des Bürgertums u. s. w. anzuweisen. Aber auch der Offizier wird sich hier vielfach bethätigen können. Geschichte und Verwaltungs-Technik der Sammlungen fallen naturgemäss in das Gebiet des in diesem Fache thätigen Kunstgelehrten. Der vierte Hauptabschnitt wird sich mit den Beziehungen derWaffezu den weiteren Kreisen der Bevölkerung, beschäftigen müssen. Zunächst werden Betrachtungen anzustellen sein, in welch verschiedener Weise sich die Wertschätzung der Waffe überhaupt, sowie einzelner besonderer Arten und Stücke bei den Völkern äussert, auf die Waffen bezügliche Sitten und Gebräuche werden zu schildern sein. Je höher die Wertschätzung der Waffe, um so häufiger wird sie als Geschenkartikel Verwendung finden, die sich hierbei äussernden An schauungen und Gebräuche dürften viel Interessantes bieten. Einen Massstab, wie weit das Interesse an der Waffe in das Volk gedrungen, bilden die Spiele der Kinder mit der Waffe, die Waffe als Spielzeug darf daher der Betrachtung nicht unwert erachtet werden. Auch Waffendekorationen an Gebäuden und Denk mälern u. s. w. als ständiger Schmuck gehören hier her. Das Waffentragen ist bei den meisten Völkern üblich, entweder allgemein oder nur als Vorrecht besonderer Bevölkerungsklassen, die bezüglichen Sitten und Anschauungen, die Verbote des Waffen tragens u. s. w. werden wichtige Quellen für die Bedeutung der Waffe bilden. Schliesslich darf auch die Waffe als Mordwerkzeug nicht unerörtert bleiben, 8* II. Band. 6o Zeitschrift für historische Waffenkunde. die Beziehungen der Art dieser Waffen zum Volks charakter dürften ethnographisch recht interessant sein. Die allgemeine Wehrpflicht, welche der grossen Masse des Volkes die Waffe und ihren Gebrauch näher gebracht hat, beschäftigt in Preussen bald ein Jahrhundert lang die Geschichte. Es darf da her schon jetzt untersucht werden, inwieweit die Beschäftigung mit dem Waffenwesen auf die körper liche und geistige Leistungsfähigkeit des Volkes Ein f luss gehabt hat. Aehnliche Betrachtungen werden sich auch bei Völkern anderer Zeiten anstellen lassen. Weiterhin tritt uns die Waffe als Handels artikel entgegen. Das älteste gewerbliche Erzeug nis war die Waffe, der Handel mit ihr hat sich frühzeitig entwickelt, und trug die Waffe in die fernsten Gegenden, wo sie heute den Beweis für den Völkerverkehr ferner Zeiten liefert. Die Waffen funde geben uns Nachricht von den Verkehrswegen prähistorischer Zeit, sie bilden das wertvollste Hilfs mittel für die geschichtliche Forschung überhaupt. Auch der Bezug des Rohmaterials, das, wie das Zinn, nur in wenigen Landstrichen vorgefunden wurde, kann zur Erläuterung des Handelsverkehrs heran gezogen werden, der Weg desselben bis zur fertigen Waffe wird interessante Aufschlüsse liefern. Es ist eine bekannte Thatsache, dass nirgends bedeutendere Anstrengungen gemacht werden, als wenn es gilt, Mord- und Zerstörungsmittel herzu stellen und zu verbessern. So liefert die Waffen kunde Beispiele dafür, dass Techniken eigens für die Plerstellung von Waffen eingeführt wurden, welche dann weitesten Kreisen der Industrie zu gute kamen und das Kulturleben in bedeutender Weise beein f lusst haben. Es sei hier nur kurz auf den Tiegel Gussstahl verwiesen. In ähnlicher Weise bieten die Wechselbeziehungen zwischen Waffe und Hand werkszeug, die Entwickelung des einen aus dem anderen, viel Belehrendes. Die Waffe als solche hat auch in der politi schen Geschichte oftmals eine bedeutende Rolle ge spielt, ja, es hat sogar apolitische Waffen» gegeben, d. h. solche, die eigens zur Beherrschung politischer Konstellationen hergestellt wurden. Um nicht aus führlicher werden zu müssen, sei nur das preussische Infanterie-Gewehr 71/84 erwähnt, durch dessen über raschende Einführung (1887) ein Krieg mit Frank reich verhindert wurde. So ist häufig eine Waffe von ausschlaggebender Bedeutung für den Verlauf und Ausgang von Kriegen gewesen und hat be stimmenden Einfluss auf das Leben einzelner Völker, wie auf das Kulturleben überhaupt ausgeübt. Welche Aenderung nicht bloss der sozialen Zustände auf einem grossen Teil der Erde ist durch die Einführung des Schiesspulvers in die Kriegführung herbeigeführt worden! Zu dieser politischen Bedeutung der Waffe gehören auch die internationalen Abkommen über den Waffengebrauch, die Konventionen, welche, wie die Genfer Konvention, das Waffenwesen in ganz bestimmte Bahnen gedrängt haben. Schliesslich sei unter Uebergehung mancher wei terer Punkte auf die Waffe in der Litteratur hinge wiesen, und zwar nicht nur auf das, was als Teil der Waffenkunde bereits geschrieben ist, sondern auch auf die Wertschätzung, die der Waffe in Er zählungen, in Sage und Dichtung gezollt wird. Der dichterischen Uebertreibung entkleidet, können diese Nachrichten von einer gewissen Wichtigkeit für die Waffenkunde werden. Bei diesem weiten Gebiete auf besonders ge eignete Bearbeiter hinzuweisen, erscheint überflüssig. Jeder der in die Geschichte der Völker, in ihre Sitten und Gebräuche tiefer eingedrungen ist, kann schätzenswerte Beiträge liefern, der Weltreiscnde, der politische Geschichtsforscher, der Kulturhistoriker, der Archäologe, der Philologe — alle können hier ihr Scherflein zur Erzielung eines klaren Gesamt bildes über den Einfluss des Waffenwesens auf die Kultur der Menschheit beitragen. Der fünfte und letzte Hauptabschnitt beschäftigt sich mit den Beziehungen der Waffe zur Kunst. Als dem Gebrauchszweck in hervorragender Weise angepasste Erzeugnisse sind die Waffen im allge meinen an und für sich schon Kunstwerke, welche einer weitergehenden Verzierung um so weniger be dürfen, als diese die Brauchbarkeit der Waffe und ihren Charakter als der Beanspruchung in höchstem Masse ausgesetzte Gegenstände leicht beeinträchtigen kann. Wohl bei keinem Gerät hat sich durch Be tonung der Konstruktionselemente der Stilcharakter so deutlich herausgebildet, wie bei der Waffe, eine Thatsache, der bereits im ersten Abschnitt ausrei chend Rechnung getragen werden muss. Wenn Uebertreibungen in der Anbringung von Zierformen hier und da vorkamen, welche weder dem Gebrauchs zweck, noch der Würde der Waffe mehr entsprachen, so liegt doch in dieser Ausstattung immerhin ein sehr beachtenswerter Beweis der Wertschätzung, deren sich die Waffe zu erfreuen hatte. Auf diesem Gebiete wären in erster Linie im Anschluss an den ersten Hauptabschnitt die Grund sätze zu entwickeln, nach denen die künstlerische Ausgestaltung der Waffe vorgenommen wurde, die damit im engsten Zusammenhänge stehende Aus bildung besonderer Stil- und Zierformen müsste unter Berücksichtigung des Stiles der betreffenden Zeit beleuchtet werden. Dieser Zweig der Waffenkunde greift in die Geschichte des Kunstgewerbes hinüber und ist um so wichtiger, als gerade das Studium der Formen bei einem aus jedem Zusammenhang herausgerissenen Stück eine wichtige, wenn nicht die einzige Grundlage für die Altersbestimmung bildet. Unerlässlich ist ferner die Betrachtung der bei der Verzierung von Waffen üblich gewesenen Techniken, nebst ihren im Laufe der Zeit eingetretenen Ab änderungen und charakteristischen Merkmalen, welche geeignet sind, Fälschungen alter, wertvoller Stücke festzustellen. Schliesslich dürfte den Meistern auf diesem Gebiete, den Waffcnkünstlern, besondere 3- Heft. Zeitschrift fiir historische WafTenkunde. Aufmerksamkeit zu widmen sein, ihr Leben wird im 6l historische Waffenkunde noch keineswegs der Fall, Verein mit ihren Werken vielfach wichtige Aufschlüsse über das Waffenwesen ihrer Zeit liefern. In den weitaus meisten Fällen ist allerdings der Verfertiger der vorhandenen Stücke unbekannt, nur Marken weisen auf ihren Ursprung hin, das Studium derselben ist daher von grosser Wichtigkeit. Hier ist bereits erfolgreich seitens der den grösseren Sammlungen vorstehenden Kunstgelehrten, wie dies namentlich Boeheim in hervorragender Weise gethan hat, vorgearbeitet worden; die Ur sprungsbestimmung der Waffe auf Grund der künst lerischen Formgebung besitzt bereits eine sichere Grundlage. Dagegen scheint die Ableitung der Grundsätze für die weitere Ausgestaltung der Waffe noch nicht überall in Angriff genommen zu sein. Es bleibt auch hier noch ein weites Feld der Thätig keit offen. Das in diesen fünf Abschnitten nur flüchtig um grenzte, so ungeheure Gebiet, das fast alle Zweige des Kulturlebens der Völker von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart umfasst, ist durchaus noch nicht genügend durchforscht und bearbeitet worden. Zwar besitzen wir über die historische Waffenkunde eine Anzahl höchst schätzenswerter Bücher, deren Verfasser in dieser Wissenschaft eine führende Stellung einnehmen — es sei nur auf das vortreff liche Handbuch vonWendelinBoeheim hingewiesen — indessen umfassen dieselben das ganze Waffenwesen aller Zeiten oder doch sehr bedeutende Abschnitte desselben und stellen die unentbehrlichen Hand bücher auf diesem Gebiete dar. Naturgemäss können in derartigen Werken nur die charakteristischen Typen der Waffen jedes Zeitabschnittes berücksich tigt werden, während gerade die das Wesen der Waffe enthüllenden engeren Beziehungen der Waffen arten untereinander und zu den vielseitigen Er scheinungen des Kulturlebens in den Hintergrund treten mussten. Dagegen liegen bereits überaus zahlreiche Einzelarbeiten gerade über diese engeren Beziehungen vor, aber sie sind in den verschieden sten Büchern, Zeitschriften, ja sogar in Tageszeitungen zerstreut und in ihrer Gesamtheit selbst dem Spe zialisten für historische Waffenkunde unzugänglich. Es bedeutete daher einen ausserordentlichen Fort schritt, als im Jahre 1896 durch die Initiative Wendelin Boeheims in Wien der «Verein für historische Waffen kunde» ins Leben trat und in seiner Vereinszeit schrift Arbeiten der genannten Art eine Stätte gab, an der sie dem Kreise der Interessenten zugeführt und dauernd der Oeffentlichkeit erhalten bleiben können. Die Erfolge, welche der Verein bisher erzielt hat, sind bei der kurzen Zeit seines Bestehens immerhin beachtenswert, indessen bedarf cs bei einem derartigen Unternehmen immer einer gewissen Zeit, bis dasselbe in weiteren Kreisen bekannt und entsprechend gewürdigt wird und die zur Erreichung seiner Zwecke unbedingt nötige, grössere Mitglieder zahl aufweist. Dies ist nun bei dem Verein für zahlreiche in sein Faeh schlagende Aufsätze erschei nen nach wie vor in den verschiedensten, zum Teil schwer zu erlangenden Zeitschriften, vielfach ohne bei dem betr. Leserkreise die ihnen gebührende Beachtung zu finden und weite, sich für das Waffen wesen aus Beruf oder Neigung interessierende Kreise stehen dem Verein noch durchaus fern. Es darf daher nicht Wunder nehmen, dass auch der Kreis der bisher thätigen Mitarbeiter der Vereinszeitschrift ein nur begrenzter war und dass infolgedessen in den bis jetzt vorliegenden Heften die historische Waffenkunde erst in einzelnen Teilen betrachtet, auch die kulturhistorische Bedeutung der Waffe noch nicht genügend in den Vordergrund gerückt wurde. Aufgabe des jungen Vereins wird es nunmetr sein müssen, weitere Mitglieder und Mitarbeiter heran zuziehen und heranzubilden. Die Schwierigkeiten, welche sich bei der Be arbeitung der historischen Waffenkunde ergeben, sind wesentlich grösser, als auf jedem anderen Ge biete der Wissenschaft. Während dort alle der selben Wissenschaft Angehörigen eine gemeinsame Grundlage des Wissens erhalten, von der aus sie sich eist den Spezialzweigen zuwenden, und in jenem allgemeinen Wissen immer wieder den Boden für gegenseitige Verständigung finden und dadurch die Wissenschaft vor Zersplitterung schützen, befindet sich die historische Waffenkunde in viel ungünstigerer Lage. Abgesehen von der eingangs erwähnten Trennung der Interessenten in Waffenkundige und Kulturhistoriker, deren Wissensgebiete weit ausein ander liegen, beschränkt sich wiederum bei den ersteren in den weitaus meisten Fällen das Wissen und das Interesse auf eine oder einzelne Arten der Waffe unter mehr oder weniger vollständiger Ver nachlässigung der übrigen. Es hat diese auffallende Erscheinung darin ihren Grund, dass die historische Waffenkunde bisher in erster Linie von Liebhaber kreisen gepflegt wurde, von Sammlern, die, den verschiedensten Berufsarten angehörend, die Waffe jeder von seinem eigenen Standpunktaus betrachteten undeiner gemeinsamen Grundlage des waffcngeschicht lichen Wissens zum grossen Teil entbehrten. Zwar besitzen verschiedene, insonderheit die berufs mässigen Waffenhistoriker, in ihrem Studium der Kulturgeschichte einen gemeinsamen Boden der Ver ständigung, indessen bezieht sich derselbe doch nur auf eine besondere Eigentümlichkeit der Waffe, deren einseitige Betrachtung für die Allgemeinheit kaum erspriesslich sein dürfte und die, wie oben gezeigt, nur einen verhältnismässig geringen Bruchteil der historischen Waffenkunde überhaupt darstellt. Kurz um, man kann annehmen, dass, abgesehen von nicht zu zahlreichen Fällen, jeder sich für die Waffe Interessierende nur ein mehr oder weniger be schränktes Sondergebiet der historischen Wafifen kunde beherrscht und auf den anderen so gut wie Laie ist, ein Umstand, der den gegenseitigen Meinungs 62 Zeitschrift für historische Waffeukunde. austausch erheblich erschwert und bei der Heraus II. Band. sätze immer wieder dem Leser vor Augen zu führen gabe der Vereinszeitschrift sehr ins Gewicht fällt. Wohl thut die Schriftleitung ihr möglichstes, bei der Auswahl der Artikel kein Gebiet zu vernach lässigen und «jedem etwas zu bringen», indessen wird es sehr wesentlich darauf ankommen, den ein zelnen Artikel so zu gestalten, dass er auch für die Interessenten anderer Zweige des Waffenwesens in teressant und belehrend ist. Wenn oben versucht wurde, die historische Waffenkunde in Abschnitte zu theilen, also anschei nend in mehrere Sondergebiete zu gliedern, so ge schah dieses nur, um überhaupt eine Uebersicht über den der Bearbeitung harrenden, reichen Stoff zu geben, bei der praktischen Ausführung der einzel nen Arbeit aber würde eine zu eng begrenzte Be trachtung des Gegenstandes leicht dazu führen, dass sich das Interesse der dem betreffenden Sonderge biete fernstehenden Leser vermindert. Zwar wird man in zahlreichen Fällen nicht umhin können, lediglich Thatsachen anzuführen, diese bilden ja die notwendigen Grundlagen für jedes weitere Schaffen, und sie zu sammeln und der Benutzung zuzuführen, ist ja eine wichtige Aufgabe der Zeitschrift. Der Reiz der waffengeschichtlichen Forschung liegt in dessen vorzugsweise in den gegenseitigen Beziehungen der Waffenarten untereinander und zu den zahl losen Erscheinungen des Kulturlebens, erst die Ver bindung der einzelnen oben angeführten Abschnitte mit einander lässt das Wesen der Waffe in klarer Weise hervortreten. Um daher die Zeitschrift für alle Waffenfreunde und auch für ferner stehende Kreise in gleicher Weise belehrend und lesenswert zu machen, dürfte es sich empfehlen, bei Behand lung eines jeden Gegenstandes, ohne der Wissen schaftlichkeit irgendwie Abbruch zu thun, von all gemein interessanten Gesichtspunkten auszugehen und ganz besonders die kulturgeschichtliche Bedeu tung der Waffe im Auge zu behalten, um so all mählich eine Grundlage zu schaffen, von der aus alle Betrachtungen ausgehen und wo sie sich wieder treffen. Denn sowohl die induktive, wie die deduk tive Forschungsweise wird'hier am Platze sein, wir werden ebenso häufig von den einzelnen Stücken ausgehend zu allgemeinen Anschauungen kommen müssen, wie umgekehrt allgemeine kulturhistorische Gesichtspunkte die Beurteilung der Waffe unter stützen müssen. Wesentlich gefördert wird ferner das Interesse des Lesers dadurch, dass aus dem beigebrachten Material das den Fortschritt der waffenhistorischen Forschung darstellende Ergebnis in übersichtlicher Weise abgeleitet und hervorgehoben wird, denn erst dadurch tritt die Wichtigkeit des Angeführten auch für solche Leser, welche in dem berührten Gebiet nicht so bewandert sind, klar her vor. Insonderheit ist die technische und konstruk tive Seite, welche bei der Betrachtung des Waffen wesens von so hoher Bedeutung ist, geeignet, für die Beurteilung der Waffe wichtige Grund- und Lehr und sie so allmählich zum Gemeingute aller zu machen. Ebenso lassen sich auf kulturhistorischem Gebiete bestimmte Begriffe und Anschauungen ab leiten, meist in Anknüpfung an den behandelten Gegenstand, mitunter aber wird es wünschenswert sein, nur mittelbar mit dem Waffenwesen zusammen hängende Aufsätze zu bringen, um spätere Ausfüh rungen auf um so breiterer Grundlage behandeln zu können. Besonders der das Zeugwesen behandelnde Abschnitt dürfte hierzu vielfach Gelegenheit bieten. Wohl alle, welche sich mit historischer Waffen kunde aus Liebhaberei beschäftigen, sind hierzu durch das Studium der modernen Waffe angeregt worden und werden es daher dankbar begrüssen, wenn in den Ausführungen der Anschluss an mo derne Anschauungen nach Möglichkeit gesucht wird, gestattet doch z. B. selbst bei der ältesten Schuss waffe erst die Darlegung der ballistischen Eigen schaften in modernem Sinne ein wirkliches Urteil über ihren Wert auch in vergangener Zeit. Um auch die figürliche Darstellung zu erwähnen, so sei darauf hingewiesen, dass die Beibringung zahlreicher Abbildungen das Interesse an dem betreffenden Gegenstände in hohem Masse steigern wird. Es gilt dies nicht allein von Originalzeichnungen, son dern auch von Reproduktionen aus anderen nicht sehr verbreiteten oder kostspieligen Werken, da der blosse Hinweis auf diese wenig nützt und kaum je manden veranlassen wird, sich Umstände zur Be schaffung des betreffenden Werkes zu machen. Die Reproduktionstechnik ist ja heute so weit, dass die Kosten für Abbildungen nicht allzusehr ins Gewicht fallen. Schliesslich ist es wünschenswert, selbst gegenseitig Anregungen zu weiterer Thätigkeit zu geben. Wie häufig kommt es vor, dass sich bei der Ausarbeitung eines Gegenstandes neue inter essante Ausblicke eröffnen, die besser einer berufe neren Feder überlassen bleiben, oder aber, dass einzelne Gebiete nur berührt werden können, da hier die Spezialkenntnisse fehlen. In solchen Fällen wäre es angebracht, wenn der Autor auf diesen Mangel besonders hinweist und das Gebiet beson derer Beachtung empfiehlt. In gleichem Sinne würde ein in der Vereinszeitschrift eingerichteter Fragekasten wirken, der dem einzelnen Gelegenheit giebt, sich mit Fragen an die Gesamtheit der Leser und Mitarbeiter zu wenden und so einen Verkehr und Meinungsaustausch der sich vielfach persönlich fremden Mitglieder u. s. w. anzubahnen. Dadurch erhält die Arbeit besonderen Reiz und mannigfache Anregung und es kommt auf diese Weise mancher zum Wort, der sich sonst aus verschiedenen Grün den von der Mitarbeit fernhält. Eine erhebliche Schwierigkeit für den Mitarbeiter liegt darin, dass er keinen Anhalt hat, was bereits auf den verschiedenen Gebieten der historischen Waffenkunde in erschöpfender Weise bearbeitet wor den ist, oder wo noch Lücken auszufüllen sind. 3. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Wie aus der in der vorigen Nummer dieser Zeit 63 gar nicht einmal selbst gesehen haben, und wiede schrift erschienenen Notiz hervorgeht, hat es die Schriftleitung bereits in dankenswerter Weise über nommen, die Mitarbeiter zu unterstützen durch Schaf fung einer Bibliographie der historischen Waffen kunde , fortlaufend ergänzt durch Jahresberichte, welche das Neuerschienene und gelegentliche Ver vollständigungen enthalten sollen. Wie bereits ge zeigt, sind ja die neuesten bisher veröffentlichten, waffenhistorischen Arbeiten in den verschiedensten Zeitschriften, Zeitungen und Werken zerstreut und zum Teil sehr schwer zu finden, es darf daher wohl in diesem Zusammenhänge noch einmal auf den in voriger Nummer ergangenen Aufruf der Schriftlci tung hingewiesen werden, ihr kurze Mitteilung über gelegentlich in irgend einer Veröffentlichung auf tauchende, waffenhistorische Angaben zu machen, selbst die kleinsten Notizen sind von Wichtigkeit. ln sehr zahlreichen Fällen wird es nötig sein, auf die Urhandschriften u. s. w. znrückzugreifen und nun ergeben sich neue Schwierigkeiten: einmal sind die Originalhandschriften nur äusserst schwierig zu erlangen und zweitens ist das Entziffern bezw. Uebersetzen nicht jedermanns Sache. Man kann wohl bei jedem Mitarbeiter voraussetzen, dass er die französische und englische Sprache genügend beherrscht, um die bezügliche Litteratur verwerten zu können, darüber hinausgehende Sprachkenntnisse werden aber seltener vorhanden sein. Hier muss der Verein wiederum unterstützend eingreifen durch Veröffentlichung alter Handschriften bezw. fremd sprachlicher Werke u. s. w. in deutscher Ueber setzung. Indessen sind hierbei noch eine Anzahl Punkte zu berücksichtigen. Die Waffe ist ein so interessanter Gegenstand, dass er, wie oben gezeigt, vom verschiedensten Standpunkt aus betrachtet werden kann, und es ist kaum anzunehmen, dass selbst der verständnisvollste Uebersetzer allen Seiten seines Gegenstandes gerecht wird. Die Schwierig keiten beim Uebersetzen besonders mittelalterlicher Werke liegt darin, dass der Autor vielfach für neue Begriffe, auf die es uns gerade ankommt, neue Aus drücke erfand, oder vorhandene Worte dafür in an derem Sinne benutzte, der natürlich verschieden auf gefasst werden kann. Man muss daher in der Lage sein, den Uebersetzer bei solchen Stellen kontrol lieren zu können, es ist also notwendig, dass bei derartigen Veröffentlichungen der Urtext der Ucber setzung gegenübergestellt werde. Ebenso dürfen Abbildungen keineswegs vom Uebersetzer verdeut licht werden, sondern müssen ebenfalls am besten in guter, photomechanischer Reproduktion, die den Stift des Zeichners ausschliesst, wiedergegeben sein, da es mitunter gerade auf Einzelheiten ankommt, die dem Zeichner vielleicht unwesentlich erscheinen. Trotz alledem haben diese litterarischen Quellen nur einen beschränkten Wert, denn sie geben das Wesen der Sache nur im Spiegel der Auffassung von Menschen, welche das, was sie berichten, häufig rum von uns missverstanden werden können. Zudem sind die schriftlichen Quellen noch lange kein Be weis, dass das, was sie schildern, wirklich existiert hat, vielfach handelt es sich lediglich um von mehr oder weniger geistvollen Köpfen ausgegangene Vorschläge, die niemals zur That geworden sind und die uns häufig ein ganz falsches Bild der betreffenden Periode geben, da sie ihrer Zeit weit vorausgeeilt sind. Viel wichtiger sind die Originalstücke in Sammlungen, sie dürfen als lebendige Belegstücke für das in der Litteratur Gesagte in keinem Falle vernachlässigt und müssen immer wieder eingehenden Studien unterworfen werden. Leider sind diese nur in gros sen Städten oder einzelnen Burgen befindlichen Waffensammlungen nicht jedem Interessenten zur Hand, ein wirkliches Studium einzelner Gegenstände aber setzt einen längeren Aufenthalt an dem be treffenden Orte voraus, ein Umstand, der die Be nutzung solcher Sammlungen sehr erschwert und doch wohl kaum abgeändert werden kann. Häufig wird es genügen, wenn die Verwaltung der Samm lung photographische Aufnahmen zur Verfügung stellt; kommt es aber auf Einzelheiten an, so ist der persönliche Augenschein unerlässlich. Freilich ist auch hier zu bedenken, dass die einzelnen Stücke aus ihrer natürlichen Umgebung herausgerissen sind, es fehlt ihnen der historische Hintergrund, ohne den ihre Deutung und Beurteilung in vielen Fällen nicht viel mehr als Spekulation ist. Nur bei wenigen Stücken ist die Entstehungsgeschichte und die son stigen Schicksale bekannt, die Freude des privaten Sammlers an der einzelnen Waffe fragte früher lei der oft genug nicht nach dem Ursprung und so ging ihre Geschichte verloreu. Wenn auch jetzt seitens der Museumsleitungen bei neuen Funden diesem Uebelstande nach Möglichkeit begegnet wird, so dürfte es sich doch empfehlen, an dieser Stelle bei Besprechung solcher Funde neben dem eigent lichen Fundstück auch die Fundstelle eingehend zu berücksichtigen, insonderheit bezüglich ihrer geo logischen Beschaffenheit und der genauen örtlichen Lage, sowie der verschiedensten Nebenumstände, um auf diese Weise auch anderen an solchen Funden interessierten Wissenschaften zu nützen. Nicht selten werden die den Fund begleitenden Nebenumstände für die historische Waffenkunde wichtiger sein, als die gefundene Waffe selbst. Viel könnte auch zur Hebung des waffenhisto rischen Verständnisses in weiten Kreisen erreicht werden, wenn Schulsammlungen von Waffen an recht vielen Orten eingerichtet würden. Die Ent wickelungsgeschichte unserer heutigen Waffen ist leider selbst in den Kreisen der Armee sehr wenig bekannt, trotzdem sie erst die bis heute gemachten Fortschritte würdigen lehrt. Fast jede Stadt mit über 50000 Einwohnern besitzt heute ihr Museum, darin wohl überall einige verzierte Waffen; wie ver dienstvoll wäre es, hier eine aus überzähligen Stücken Zeitschrift für historische Waffenkunde. 04 der grossen Sammlungen zusammengestellte Schul II. Band. wo er will, muss unter allen Umständen gewahrt sammlung anzugliedern, welche die wichtigsten Stufen der Entwickelung der blanken Waffe, wie des Ge schützes und der Handfeuerwaffe an der Hand einer ausführlichen Bezettelung vor Augen führt. Die grösseren Sammlungen könnten hier ihre Doubletten und andere Stücke, welche sonst in Magazinen unter gebracht werden, nutzbringend verwenden, indem sie dieselben mit Vorbehalt des Eigentumsrechtes an die kleineren Sammlungen leihweise abgeben. Im Anschluss hieran sei darauf hingewiesen, dass waffengeschichtliche Vorträge in vielen Kreisen leb haftes Interesse finden, zumal wenn das Gesagte durch Lichtbilder erläutert wird. Hier könnte der Verein fördernd eingreifen, indem er allmählich eine umfangreiche Sammlung instruktiver Licht bilder aus allen Gebieten des Waffenwesens anlegt und die gewünschten Serien leihweise abgiebt, wie dies bereits im Kunstgewerbe vielfach geschieht. Die vorstehenden Ausführungen verfolgen den Zweck, weitere Kreise auf das Studium der histori schen Waffenkunde aufmerksam zu machen, ihr neue Freunde zuzuführen und die bisherigen zu gemein samem Streben zu vereinigen. Das dargelegte Gebiet unserer Wissenschaft ist so gross und vielseitig, dass fast jeder Gebildete, jeder in irgend einem Zweige menschlichen Wissens Bewanderte seinen Baustein beitragen kann zu dem mächtigen Gebäude der Waffenkunde, der Geschichte des edelsten mensch lichen Gerätes. Zu allen Zeiten stand die Waffe in ihrer technischen und künstlerischen Ausgestaltung auf der Höhe menschlichen Könnens, ihre Existenz, ihre Führung, ihre Veränderungen stehen in engstem wechselseitigen Zusammenhang mit dem gesamten Kulturleben aller Völker, mit der Geschichte der Waffe schreiben wir eine umfassende Geschichte der menschlichen Kultur.-7ST a c h. w o r t. Von Zeit zu Zeit wird die Erörterung methodo logischer Fragen auch derjenigen Wissenschaft noch von Nutzen sein, welche schon in selbst gebautem Haus eine planvoll angelegte Werkstatt für einheit liche Arbeit sich bereitet hat. Unbedingt nötig aber ist sie für die, welche noch mit dem Richten des Gebäudes beschäftigt ist* Diese Forderung bedarf meines Erachtens kaum der Begründung. Man denke nur daran, welche rasche und bleibende Erfolge sich z. B. die Archäologie dadurch gewann, dass gleich von Beginn an der Bebauungsplan des Arbeitsfeldes sicher angelegt und mit weit ausschauendem Blick bis in kleinste Einzelheiten hinein vorgezeichnet war, während die jüngere Schwester, die neuere Kunst geschichte, heute noch daran krankt, dass man ver säumte, sie von vornherein straff zu organisieren. Man glaube nicht, dass ich dem Zunftzwange damit das Wort reden will. Nein, die Freiheit des ein zelnen Forschers, mit seiner Arbeit da einzusetzen, bleiben. Aber der Punkt, wo sie einsetzt, muss auf dem Arbeitsplan auch ohne weiteres sich finden lassen, mit anderen Worten, seine Thätigkeit muss sich zwanglos dem Arbeitsprogramm seiner Wissen schaft einfügen, muss von dem Gesichtspunkt aus erfolgen, dass nicht das gewonnene Einzelresultat für sich selbst als Hauptsache sich darstellt, sondern dass dessen vornehmster Wert in dem Zusammen hang mit dem Ganzen zu suchen ist: der Baustein, mit noch soviel Sorgfalt aus dem schönsten Block herausgemeisselt, hat erst vollen Wert, wenn er sich leicht mit anderen am Bau zusammenbringen und einordnen lässt. Diese Erwägungen liessen mich schon mit Freu den in das letzte Heft die Skizze über «die Geschichte der Waffe im höheren militärischen Unterricht», eine Aeusserung zu der Boeheimschen Denkschrift in Heft 12 des i. Bandes, aufnehmen. Denn es ist nötig, dass über die Waffenkunde, an die so man cherlei Leute mit den verschiedensten Interessen herantreten, auch die verschiedensten Stimmen sich äussern, selbst auf die Gefahr hin, dass auch einmal eine einseitige Meinung zu Wort kommt. Denn auch sie ist, sofern sie ihren engeren Standpunkt nur mit stichhaltigen Gründen zu verteidigen vermag, inner halb ihrer Begrenzung berechtigt. Heute nun bin ich in der glücklichen Lage, den Lesern der Zeit schrift die Gedanken eines treuen Mitarbeiters zu unterbreiten. Eine Schriftleitung wird nicht selten sich mit einem Mitarbeiter über prinzipielle Fragen zu verständigen haben. Auch die vorangehende Ab handlung, mit deren Inhalt sich der Herr Verfasser schon seit Jahren beschäftigte, verdankt einem Brief wechsel der Art den unmittelbaren Anlass zur Nieder schrift. Der Ernst der Gedankenarbeit, die Wärme, mit der sich hier eine Persönlichkeit für die Sache und nur für sie einsetzt, bedarf keines Wortes der Empfehlung. Wenn ich trotzdem diese Nachschrift hinzufüge, so geschieht es nur, um zu bitten, dass man die Arbeit nicht nur lesen, sondern dass man die Ge danken, die dabei sich einstellen werden, auch öffent lich, nämlich in unserer Zeitschrift selbst, aussprechen möge. Denn die Erörterungen, die an solche Auf sätze sich anschliessen, machen sie erst recht frucht bar. Gewiss wird der Herr Verfasser sich selbst sagen, dass Einschränkungen, Erweiterungen und Variationen seiner Gedanken noch möglich sind, und er, der so warm für die Waffenkunde eintritt, wird sie am willig sten hören und prüfen. So möchte ich z. B. nur darauf hinweisen, dass eine notwendige Aufgabe die Inventarisierung der Waffenbestände auch ausserhalb der grossen öffentlichen Museen ist, eine Thätigkeit, die sich am leichtesten im Anschluss an die staatliche Inventarisierung der Kunstdenkmäler vollziehen dürfte, möchte ferner erinnern an die sehr wohl begründete Forderung eines terminologischen Wörterbuches der Waffenkunde, die Herr Baron von Mansberg schon auf der Berliner Hauptversammlung aufstellte. Wenn 3. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. derartige Wünsche geäussert, begründet und von 65 rigkeiten losmarschieren, werden sie dem ernsten verschiedenen erörtert werden, so wird daraus sich in nicht allzu ferner Zeit ein Arbeitsprogramm der Waffenkunde aufstellen lassen, das unbedingt zum Erfolge führen muss. Dazu eben bilden wir einen Verein, dass wir vereint danach streben, in sich selbst fest geschlossene Leistungen zu erzielen. Zunächst mag freilich manchem dies oder jenes unausführbar erscheinen, mag er angebliche Utopien belächeln, welche die Phantasie am Schreibtisch hervorgezaubert habe. Aber sobald wir festen Trittes auf die Schwie Willen gegenüber nicht standhalten. Freilich eines Hilfsmittels kann auch der nicht entraten, der sich ganz für eine Sache einsetzt: der. äusseren Mittel, des Geldes. So wenig erquicklich dies ist, so wenig lässt es sich hinwegleugnen: der Verein wird erst dann planmässig an die Lösung der im Vorher gehenden gestellten Aufgaben herantreten können, wenn die Zahl seiner Mitglieder sich bedeutend ge mehrt hat. Möge diese erspriessliche Wendung recht bald eintreten! Koetschau. Das Turnier in den Briefen deutscher Fürsten am Ausgang des Mittelalters. Von Dr. G. Liebe, Kgl. Archivar. eiten ist über einen Gegenstand allgemeinsten Interesses soviel Unbegründetes geschrieben worden, wie über das Turnier. Liefert es nebst dem Minne sang einen der Begriffe, mit denen die allgemeine Bildung ihre Kenntnis der Feudalzeit erweist, so konnten die Erörterungen darüber um so leichter ein Tummelplatz des Dilettantismus werden. Ungesichtet von wissenschaftlicher Kritik vermochte sich hier ein Wust veralteter Vorstellungen weiter zu schleppen, um so mehr, da man auch hier wie vielfach auf dem kulturgeschichtlichen Gebiet den litterarischen Quellen ein viel zu grosses Gewicht beimass. Erst in den letzten Jahrzehnten sind unsere Kenntnisse vom Turnierwesen durch Wendelin Boeheim, Quirin von Leitner und Cornelius Gurlitt auf wissenschaftliche Grundlagen gestellt worden. Man erkannte, wie reiches Material nicht nur die Rüstkammern, sondern auch die Archive bergen. Eine Quelle dieser Art von ganz besonderem Cha rakter ist es, welche Steinhausens Veröffentlichung deutscher Fürstenbriefe des ausgehenden Mittelalters erschlossen hat.1) Für den Mangel systematischer Belehrung, der nur zerstreute Einzelheiten zu sam meln gestattet, entschädigt reichlich die lebendige Färbung persönlichen Anteils. Die Kunde von der Denkweise des mittelalterlichen Menschen, die wir neben dem Reichtum der äussern Thatsachen häufig so schmerzlich vermissen, — hier quillt sie uns in reichster Fülle entgegen. Die modernen Anschauungen vom Turnier *) Deutsche Privatbriefe des Mittelalters. Mit Unterstützung der K. Preuss. Akademie der Wissenschaften. I. Fürsten und Magnaten, Edle und Ritter. Berlin 1899. lehnen sich zumeist an die Quellen der Hohen staufenzeit an, über denen der Schimmer höfischer Poesie ausgebreitet liegt, aber es ist kein Zweifel, dass diese ritterliche Uebung ihre kunstvollste Aus bildung erst gegen Ende des fünfzehnten Jahrhun derts erhielt. Erst als die militärische Unbrauch barkeit der feudalen Taktik erwiesen war, wurde aus der Schulung zum Kampfe ein vornehmer Sport, ebenso wie die Plattnerei die höchste Kunst an ihre Erzeugnisse verschwendete, als das Pulver sie über f lüssig gemacht hatte. Der veränderte Charakter des Turniers erhellt schon daraus, dass es seine Pflege nur noch an den Höfen fand. Mit der ritter lichen Kriegskunst waren auch die Turniergesell schaften der vier Lande, Franken, Schwaben, Bayern und am Rhein im Laufe des fünfzehnten Jahrhunderts zurückgegangen; Fürsten waren es, welche an seinem Ende eine Nachblüte hervorriefen, die bis zur Mitte des folgenden währte. Nicht wenige von ihnen waren selber berühmte Speerbrecher, vor allem Kaiser Maximilian und Kurfürst Albrecht von Bran denburg, als einer der letzten Kurfürst August von Sachsen, dessen Thätigkeit als Staatswirt so ganz modern schon anmutet. Man kann sagen, dafs nach den brieflichen Aeusserungen der Fürsten am Schlüsse des Mittelalters nächst der Jagd das Turnier den Hauptinhalt ihrer Interessen bildet. Immer weniger um ihrer selbst willen wird die Waffenübung gepflegt, als um den Glanz fürstlicher Hofhaltung zu erhöhen. Nur vereinzelt gehen noch Einladungen von den Rittergesellschaften und ihren «Königen» aus. 1438 hielt die vom Steinbock ihr Kapitel zu Koblenz und beschloss ein Turnier zu Mainz, 1485 turnierte die vom Einhorn zu Bamberg, i486 die vom Falken und Fisch zu Konstanz. Die fränkische vom Einhorn war erst 1481 durch Wieder 6Ö Zeitschrift für historische Waflenkunde. belebung einer der beiden früher dort bestehenden II. Band. Kürass» Begehren trägt, bittet ihn (1434) sein fran entstanden, worauf Kurfürst Albrecht eiligst auch die andere, der mehrere seiner Vorfahren angehört hatten, erneuerte. «Wir sind vor mit gots hilfif die fordersten im Turner gewesen und gedenkens aber zu bleiben.» Auch in Schwaben wird 1478 nach langer Zeit wieder ein Turnier gehalten als «alt löblich herkomen». Ueberwiegend erscheint das Kampfspiel jetzt als unumgänglicher Bestandteil jeder Festlichkeit, die dem fürstlichen Hofe Gäste zuführte, mochte dies durch die regelmässigen Fest zeiten, zumal Fastnacht und Martinsabend geschehen oder bei ausserordentlichen Gelegenheiten wie den Hochzeiten. Das Stechen, wie die gewöhnliche Be zeichnung ist, war eine den Gästen erwiesene Höf lichkeit. Der Besuch der Tochter Kurfürst Albrechts mit ihrem Gatten Eberhard von Würtemberg bei ihren Eltern 1481 wurde durch ein Gesellenstechen gefeiert, wobei der junge Markgraf Friedrich seinen Schwager herabrannte. Als Friedrichs jüngste Schwester mit Graf Wilhelm von Henneberg 1499 Hochzeit halten sollte, schrieb dieser seinem Schwager: «Als ir mir schreibt, dass är mit mir rennen wolt als ein gut geselle, so will ichs worlich auch dun und will nit allein mit euch rennen als mit meinem freuntlichen, lieben swager, sunder als mit einem guten gesellen.» Die ganze Freude eines glänzenden kraftbewussten Daseins strahlt aus den Worten Albrecht Achills (1480): «Ist konig Artes hofe hie mit jagen, beizen, hetzen, stechen, rennen und aller kurtzwil.» Waren die Einladungen ergangen, so galt es noch höchst sorgfältige und komplizierte Vorberei tungen. Sie gingen zunächst auf die Beschaffung passender Rosse, denn es mussten nicht nur un gewöhnlich starke, sondern auch besonders zuge rittene Tiere sein, um bei dem Getöse ein williges Werkzeug des Reiters zu bleiben. Seine Hoffnungen wurden wie beim heutigen Rennen nicht selten durch Ausbrechen des Rosses vernichtet. In den Briefen wiederholt sich daher ständig die Bitte, dem Schreiber ein «Stechpferd», «bestochen Pferd» zu leihen, die keineswegs immer leicht zu erfüllen war. 1496 antwortet Markgraf Friedrich von Brandenburg dem Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, dass er nur zwei Pferde zur Verfügung habe, der Fuchs sei eben erst von Worms zurück und so müde, dass er ihn beim Nürnberger Gesellenstechen erst zuletzt habe gebrauchen können, weil er es sonst nicht ausgehalten hätte; den Waldecker aber schicke er, auf dem er nur vier Treffen gethan. Eben so pein liche Aufmerksamkeit erforderte der Zustand der so kunstvoll zusammengesetzten Rüstung. Fürsten im Besitz einer wohlversehenen Rüstkammer werden daher häufig, auch von niedriger Stehenden an gegangen, Stechzeuge zu leihen. Dass die Rüstung für den Benutzer gefertigt, «ihm auf den Leib ge schlagen» war, wurde ja keineswegs erfordert, doch als Herzog Adolf von Berg nach einem «wälschen zösischer Agent um Uebersendung von Wams und Hosen zum Mass. Auch Maximilian schreibt (1479) seinem Getreuen Sigmund Prüschenk aus den Nieder landen: «Es ist in langer zeit kein hübscher fran zösischer harnisch gemacht worden, als ich jetzt hab. Er gesteet 3 cron allein von den platner.» Den Ansprüchen der Meisten zu genügen waren die kunstvollen Erzeugnisse deutscher Plattnerei wohl geeignet. Hauptstätten der Industrie waren Nürn berg und Augsburg, durch Maximilian gesellte sich Innsbruck, durch die sächsischen Fürsten Witten berg hinzu.1 2 *) Die nach der Ausrüstung verschie denen Arten des Turniers erforderten schon beim Ausschreiben genaue Angabe der Bedingungen. Die Briefe nennen neben dem üblichen Stechen nur das Rennen — in leichterer Rüstung — und das Stechen im hohen Zeug — in geschlossenen Sätteln. In dem eben angezogenen Brief erwähnt Maximilian die «Wallisch hoffweis», wahrscheinlich das Stechen über die Planke (Palia), das sich nachher vom öster reichischen Hofe über ganz Deutschland verbreitet hat. Bei den einzelnen Kampfarten wurden ganz gleiche Bedingungen vorgesehen und deshalb mit der Einladung die Masse für die Höhe der Pferde und die Länge der Spiesse mitgeschickt. Das ge rechte Abwägen aller Chancen scheint manchmal Mühe genug gemacht zu haben; 1476 schreibt Kurfürst Albrecht aus Cölln a. d. Spree seinem Schwiegersohn Eberhard von Würtemberg, wenn er zum Stechen komme, solle er Hader bei seinen Gesellen verhüten, es sei dort «ein hederisch volk, das auf irm mist niemand nachgiebt». Daher wolle er alles Gerät in der Harnischkammer anhängen lassen, «denn wir wollen selber harnaschmeister sein durch die unsern und es machen, das es gleich ist und niemands darin gribeln lassen nach alter Frenkischer weis. Dann die underrichtung findet man an den zetteln, wie man globt. Dann es köndt mit den leuten sonst niemands ausskommen, son derlich so es nach mittag wer». Ueberhaupt atmet der Brief Missvergnügen über den Mangel höfischer Sitte in der Mark: «Zu zehen Hochzeiten sticht man kaum einsten und wem wir nicht, so wurd ganz kein stechen nit»4) Auf glanzvolle Repräsentation bedacht Hessen Fürsten nicht selten ihr Gefolge in gemeinsamer Hofkleidung aufziehen, auch auf Gleichheit der Pferde sah man wohl; 1485 sucht Markgraf Fried rich vergeblich zwei Rotschimmel. Seinem Sohn Markgraf Johann verspricht Kurfürst Albrecht (1471) Kleider und Harnisch mitzubringen und fügt launig hinzu: «Doch so wag ein botenlon dorauff und schreib uns, vor was färb du begerst von claydern. Du bist ein armer kurfürgt, so du nit sovil hast, *) v. Ehrenthal. Eine sächsische Plattnerwerkstatt xu Witten berg (Neues Archiv f. sächsische Geschichte 1894). 2) Priebatsch, Politische Korrespondenz des Kurfürsten Albrecht Achilles II. No. 225. 3. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. das du clayder zuwegen bringen magst.» 1476 67 rechnet, setzt deren zwei aus und nimmt für je io schreibt er seinen Räten nach Ansbach, zehn nament lich genannte Ritter nach Cölln a.d. Spree zu schicken, wo sie mit zehn von seinem Sohn gestellten in einer Farbe stechen sollten.1 2 3 4) Vor dem Turnier wurde der Anlegung der Rüstung die grösste Sorgfalt zugewandt; die wich tigste Person war dabei der Harnischmeister. Als Auf seher der Rüstkammer überwachte er die genaue Befestigung aller Teile, von der, besonders was den Helm anging, das Leben abhängen konnte, und unterstützte gelegentlich den Herrn mit seiner Er fahrung. Gurlitt hat die ansprechende Vermutung aufgestellt, dass die Gunst Kurfürst Augusts von Sachsen für den Dresdener Oberrüstmeister Dehn, später als «von Dehn-Rothfelser« geadelt, in dessen erfolgreicher Belehrung ihren Grund gehabt habe.*) Albrecht Achilles wird (1482) um den Harnisch meister seines Sohnes Friedrich gebeten, der ein so guter Renner und Stecher sei nach dem Sprich wort: «der opfel geredt geren noch dem stamm». Ihn selbst bittet (1464) Eberhard von Würtemberg um Angabe «etwas subtiler, verborgner kunst dienende zu vorteil dem rennen und stechen». Die Kunst bestand in der Führung des Stosses, schwierig durch die doppelte Beweglichkeit des Stützpunktes wie des Zieles, sowie die Länge der Stechstange, deren Mass Albrecht (1481) auf 11 Schuh von der Brechscheibe bis zum Ende des Krönleins angiebt. Wurde der Gegner aus dem Sattel geworfen, «ab gerannt», um so besser, indessen wurden als «Fall» auch die verschiedenen Grade der Erschütterung gerechnet und von den «Beschauern» vermerkt, an gesehenen Männern, die als Unparteiische fungierten. In dem eben angezogenen Schreiben bestimmt Albrechts anerkannte Autorität darüber: «Weiher den schilt verleurt, hat ein fal; welher vom zäum kombt, hat ein fal; welher vom sattel feilt, hat ein fal; wen man heldt, hat ein fal; rossfallen wurdt nit gezelt Welher also am maynsten leut herab sticht und am myndsten feilt und am maynsten sticht und am lengsten harrt, das wurdt beschriben und von den Beschauern angesehen und darnach der dank gegeben.»8) Jeder «Fall» eines Gegners wurde dem andern als «Gewinn» angerechnet, so dass sich eine Anzahl von Points, wie wir heute sagen würden, zu Gunsten und Ungunsten ergab. Ein Beispiel liefert die erhaltene Liste des Gesellenstechens auf Franz von Seckendorfs Hochzeit 148$: bei dem Namen jedes Stechers sind «Gewinn» und «Fall» in Zahlen aufgeführt; es ist die Urform des Pauk buchsA) Das Resultat des Turniers fand seinen Ausdruck im Verteilen der Preise, Dank genannt. Das Ausschreiben Albrechts 1481, das auf 20 Stecher *) Priebatsch a. a. O. No. 228. 2) Deutsche Turniere, Rüstungen und Plattner des 16. Jahr hunderts S. 25. 3) Priebatsch a. a. O. No. 702. 4) Priebatsch a. a. O. III. No. 1152. weitere abermals einen in Aussicht. Die Chancen vorher wie das Resultat waren Gegenstand eifriger Erörterung. Als Kurfürst Albrecht sich 1476 zehn fränkische Stecher nach der Mark verschreibt, be merkt er dazu, der Dank werde gut zu erstechen sein, zu fürchten nur die Meissner und Thüringer, die etwa 20 an Zahl erscheinen würden, darunter mindestens 10 gute. «Mit den müssen es die unsern und unsers sons ausessen.»1) Sein Sohn Markgraf Friedrich berichtet ausführlich an Herzog Georg von Bayern über das Gesellenstechen zu Weihnachten 1481 beim Besuch seiner Schwester und ihres Ge mahls Eberhart von Württemberg am väterlichen Hofe zu Ansbach: «Haben wir und unser gesellen den dank mit gewalt erstochen, wiewol sein liebe viel guter sticher von Bayern und Swaben auf seiner seiten gehabt hat und ist unserm swager ein dank und Adam Thunnen einer, darnach uns einer, her Jorgen von Veilberg einer und Wiglesen von Secken dorf einer gegeben worden.» Mehr als das vom Fürsten gespendete Kleinod mochte manchen der- Kämpen der aus schönen Augen leuchtende Beifall locken. Die Übersendung von Stechpferden begleitet als ständige Formel der Wunsch, schöner Frauen und Jungfrauen Lob darauf zu erwerben und der Vortanz am Abend des heissen Tages bildete ein beneidetes Ehrenrecht des Siegers. Unter den Turnierbedingungen Albrechts (1481) ist auch die gegen solche, die sich unrechtmässiger Vorteile bedienen: «ist das pferdt der pfeiffer, und er hat der frauen undank erworben und ist des tanzs beraubt».) So gestaltete sich das Turnier zu einer Vereinigung aller geselligen Freuden der ritter lichen Gesellschaft. «Das jung gesind rennt, sticht und tanzt», schreibt Kurfürst Albrecht (1480) zu sammenfassend über seinen Hof halt an seinen Sohn Markgraf Johann. Freilich begleitet Reinhard von Heimstatt die Sendung seines Sohnes an Markgraf Friedrich (1493) mit der Bitte, ihn zum Ritterspiel zu brauchen «und ob er sich ander luder und spyelss f lissen wollt, im dess nitt zu gestatten». Schon in einem der ersten uns erhaltenen Fürstenbriefe spricht (1368) Gräfin Margarete von Nassau ihr Bedauern aus, ihre Tante Mechthild von Cleve auf dem Tur nier zu Herborn nicht getroffen zu haben «inde heyddes de weydelichgen rytter inde kneychte alle geseyn, de day weyren». Und am Ende der Epoche stehen die strahlend fröhlichen Worte des letzten Ritters Maximilian (1479), als ihm ein Sohn geboren war: «Ich bin gar fro, daz ich ein gesellen hab ahn meinen sohn und wars nur fried worn, daz ich rennen und stechen möcht.» In ihm, dem Meister alles Ritterspiels, verkörpert sich noch einmal aller Glanz des Rittertums, aber gerade er hat dessen Ueberlebtheit gegenüber der neuen Zeit auf das bitterste empfinden müssen. 3) Priebatsch a. a. O. No. 228.- 9* 68 Zeitschrift für historische • Waffenknnde. Ueber den Wert der Meistermarken. Von Wendelin Boeheim. Cm Gebiete des Waffenwesens ist die Meistermarke eine Erscheinung, welche I. Klingenmarken. II. Band. Die ältesten Marken treten wohl auf Schwert erst von der Periode der Renaissance an datiert. Im Mittelalter erschien jedes menschliche Werk als ein Ausfluss der göttlichen Macht, vor der jede schaf fende Persönlichkeit in ein Nichts ver sank. Erst mit dem 15. Jahrhundert trat der Mensch mit seinem Werke hervor und von da an wagt es der Meister, den Stolz auf seine Leistung zu äussern und sein Werk mit anfänglich geheimnisvollen und religiösen Zeichen zu versehen, bald aber mit seinem vollen Namen zu kennzeichnen. Urplötzlich gewahrte der Meister, dass in diesem Kennzeichen mehr als nur ein Wert der Selbstgefälligkeit, sondern vielmehr ein geschäft licher gelegen ist; seit dieser Ueberzeugung gelangte die Meistermarke zu einer immensen Ausbildung und Verbreitung und damit zu einer ungeahnten künstlerischen und fachlichen Bedeutung. Es ist auf dem Felde der historischen Waffen kunde genau so wie in der Kunstwissenschaft, dass der künstlerische Wert eines Werkes in erster Linie durch seinen Meister bestimmt wird. Das best erscheinende Bild schwankt in seiner Wertbestim mung, wenn dessen Meister nicht bekannt ist; so jst es auch bei Werken der Waffenschmiedekunst, bei welchen ebenfalls die Marke des Meisters als das sicherste Dokument des Kunstwertes er scheint. Kein Fachmann, dem die Beurteilung einer Waffe zur Aufgabe fallt, kein intelligenter Sammler sollte in seinem Urteile über den Grundsatz hinweg gehen, dass das Werk durch seinen Meister bestimmt wird. Abgesehen davon, dass hierdurch erst überhaupt eine feste Grundlage für den Wert geschaffen wird, gelangt der Fachmann wie der Liebhaber durch die konsequente Befolgung des selben erst zu einer tieferen Auffassung; ihm werden sich damit erst die nationalen und territorialen Typen, die Eigenschaften der verschiedenen Schulen ins Gedächtnis prägen und er wird im einzelnen frühere und spätere Arbeiten eines Meisters sicher unter scheiden und den Wert beider erkennen lernen. Selten ereignen sich die Fälle, dass der Meister einer Waffe durch eine litterarische Quelle, durch die Technik oder durch eine diesem eigentümliche Form oder Zier bestimmt wird; der allgemeine und sicherste Anhaltspunkt bleibt immer die Marke und es ist hierbei nur die Erfahrung, die über eine Klippe hinweghilft: die echte Marke vor der Nach ahmung und Fälschung zu unterscheiden. klingen auf; sie sind in der Regel sehr gross, stellen meist religiöse Embleme, Kreuze, Monogramme etc. nicht selten im Vereine mit kabbalistischen Zeichen dar. Auch heraldische Embleme finden sich dabei nicht selten und Sprüche, die sich aber nie auf den Erzeuger, sondern auf den Eigentümer beziehen. Solcher Art bezeichnete Schwertklingen finden sich bereits im 14. Jahrhundert. Sie sind mit scharfen Meissein roh eingehauen, die ältesten immer in Gold eingelegt. Erst im 15. Jahrhundert treten derlei Zeichen, die ersichtlich einen mehr dekora tiven Charakter an sich tragen, mit Messingeinlagen auf. Wenn in diesen Darstellungen ein Hinweis auf den Meister gegeben ist, dann ist er sehr versteckt darin und immer in Verbindung mit christlichen Symbolen. Unter diesen finden sich am häufigsten der Name Christi und Mariens, dann auch jene der Weisen. Hand in Hand mit den Zeichen des Glau bens gehen jene des Aberglaubens in der Heran ziehung kabbalistischer Sprüche, wie des Geheim wortes «agla» (Atha, Gibor, Leolam, Adonai, du bist stark in Ewigkeit Herr) oder auch christlich legendarischer Vorstellungen, wie jene der «Sieben schläfer» und solcher aus dem «Physiologus». Alle diese Motive — und das ist das Charakteristische an ihnen für das absterbende Mittelalter — stehen nicht hier in ihrer ursprünglichen Auffassung, son dern in einer abergläubischen; sie stehen hier als eine Versicherung des Waffenerfolges, als «Wund segen» und es wird ihnen hier eine geheimnisvolle Kraft beigelegt. In dieser Auffassung befinden sie sich bereits in einem Gegensätze zum Geiste der ver gangenen Heldenzeit. Die Anfänge dieser idealen Ausgestaltung dürften in den arabischen Werkstätten auf Sizilien zu suchen sein; in weiterer Ausbildung der Motive finden wir diese Bildgestalten in Spa nien, Südfrankreich und Italien, bald aber auch in Deutschland, wo sie sich in Passau am längsten erhielten. Im 15. Jahrhundert verkleinerten sich diese Darstellungen bei gleicher Technik bedeutend. Die Rippen- und Hohlschliffe, welche nun nach italieni nischen Vorbildern auf den Schwertklingen in An wendung kamen, boten solchen breiten Bildgestalten keinen Raum mehr; sie schrumpfen allmählich zu einfachen, kleinen Zeichen zusammen, die mittels einer Punze ins Gesenk geschlagen, aber dann mit Gold oder Messing eingelegt werden. Diese Zeichen von sehr einfachen Formen, etwa ein Herz, einen Dolch, einen Anker, eine Zange etc. darstellend, 3. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. sind als die ältesten Meisterzeichen anzusehen, 69 Marken wurden immer kleiner und zierlicher und wenigstens sind sie geeignet, in sicherer Weise die Werkstätten festzustellen. Sie treten zuerst auf italienischen und spanischen Klingen auf und werden auf deutschen erst spät nachgeahmt. In ganz eigen tümlicher Weise wird in Passau die Herkunft der Klinge durch den sogenannten «Wolf» bezeichnet. Um den Ursprung dieses Zeichens zu erklären, müssen wir etwas weiter ausholen: Es ist von einzelnen Historikern bestritten wor den, aber doch einer inneren Wahrheit nicht ent behrend und aus bestimmten Anzeichen als im all gemeinen richtig anzunehmen, dass die Passauer Waffenindustrie von flüchtigen norischcn Waffen schmieden begründet worden ist. Von den Avaren verdrängt, flüchteten sich die Eisenschmiede, wie es heisst, von Lorch1) mit ihrem Bischöfe an die Mündungen des Inn und der Ilz und bildeten dort eine Gemeinschaft, die ihren alten Stammescharakter das ganze Mittelalter hindurch zähe beibehielt. Das lässt sich auch als richtig heraldisch nachweisen. Das zu den ältesten zählende heraldische Wappen bild ist ein aufrecht stehendes, vierfüssiges, phan tastisch gestaltetes Tier, das bald als Greif, bald als Panther angesprochen wird. Tingierung und spätere Zuthaten, wie die flammende Zunge und Ohren des Tieres, haben nichts zu bedeuten. Nun sehen wir in Passau ganz dasselbe grimmende Tier, das aber in späterer stilistischer Ausgestaltung als «Wolf» erscheint. Dieser Wolf in ziemlicher Grösse wird nun, gewissermassen als Wappen der Genossen schaft und bald der Stadt selbst, zum Zeichen auf den sämtlichen Passauer Klingen. Die Figur, an fänglich aufrecht stehend (steigend), später laufend dargestellt, ist überaus roh mit kurzer Scharfmeissei eingehauen; auf dem Rücken werden sogar die Pelz haare darzustellen versucht. Die ältesten sind in Gold oder Messing dargestellt; vom 16. Jahrhundert an erscheinen die Linien nur mehr mit Schwarz lot eingerieben. Werkstätten des mächtigen Bi schofs, der auch .den gesamten Handelsbetrieb ein schliesslich der Waffen donauabwärts in seinen Händen vereinigte, fügten dem «Wolf» auch den «Bischofsstab» hinzu. Ueberaus selten wird man Meisterzeichen auf Passauer Klingen finden; hier hat sich der Geist des Mittelsalters am längsten erhalten. Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts gelang es den Werkstätten von Mailand, Brescia, Belluno und Serravalle durch die Schönheit und Güte ihrer Klingen den Weltmarkt zu erringen. Boten die Schwertklingen derselben mit ihren Blutrinnen schon wenig Raum für Meistermarken, so war dies noch viel schwieriger auf den später nach spanischen Mustern gefertigten Degenklingen der Fall. Die *) Etwa eine halbe Gehstnnde westlich der Stadt Enns an der Einmündung des gleichnamigen Hasses in die Donaa. Das Gebiet gehörte damals zur Steirischen Mark. man begann die langen Zeilen der Hohlschliffe und Blutrinnen ihrer Länge nach zu schriftlichen An führungen: Meisternamen, Sprüchen zu benützen. Beobachten wir diese Veränderung der Aeusser lichkeit genauer, so müssen wir gestehen, dass hier nicht mehr der Stolz des Meisters auf seine Leistung, sondern eine geschäftliche Reklame im modernen Sinne bemerkbar wird. Es bestätigt sich diese Auffassung auch dadurch, dass die ältesten der so markierten an Venetianer Klingen bemerkbar wer den, die samt und sonders in Belluno und Serra valle erzeugt wurden. Rasch darauf verbreitet sich diese Art der Markierung über Brescia, Mailand bis nach Toledo und Lissabon. In Toledo war für Klingen, bezüglich deren Güte, eine strenge Ueberwachung eingefiihrt worden. Tadelfreie erhielten die bekannte Beschaumarke T in- einem Wappenschilde. Ausserdem schlug der Meister noch seine Bildmarke bei. Ein Verzeichnis von 99 Toledaner Marken des 17. Jahrhunderts, aus Urkunden der Ayuntamiento, hat Don Manuel Rodriguez Palomino kopiert; es erschien in Jubi nals: Armeria de Madrid. Aber Palomino war ein schwacher Zeichner und man wird gut thun, sich nur an die Originale zu halten. Gerade in Venedig finden sich die ersten Spuren der Fechtkunst in der uralten «Scuola di San Marco»; sie hatte einen grossen Einfluss auf die Gestaltung der Seitenwaffe, namentlich auf deren Griffformen. Hier entstanden zuerst die «Faust schutzbügel», die später in Mailand und Toledo zu so übertriebener Ausgestaltung gelangen sollten. Die Absicht war, zu verhindern, dass der Hieb des Gegners unmittelbar auf die wenig deckenden Pa rierstangen fällt. Da bildete sich zwischen Parierring und Parierstangen ein überflüssiger Klingenteil von oft 6—8 cm, der sogen. «Ansatz», der sich für das Anbringen der Marken überaus günstig darbot. Die Inschriften der Länge der Klinge nach blieben des ungeachtet beibehalten. Eigentümlich wird jedem schon lange die Buch stabenform in diesen Längsinschriften angemutet haben. Sie kann als etwas bizarr, wenn auch nicht als unschön bezeichnet werden; ihre Lesung bedarf aber immerhin einiger Uebung. Diese charakteristi sche Form ist nicht der Absicht entsprungen, etwas Neues zu schaffen, sondern mit primitiven Mitteln die gewöhnliche Lapidarschrift, wenn auch unbeholfen, wiederzugeben. Jeder Buchstabe wurde nämlich durch Schläge mittels verschieden gestalteter Punzen gewissermassen erst zusammengestellt, deren nur wenige zur Ver fügung standen. Bedenkt man nun, dass die In schriften meist von Gesellen ausgeführt wurden, welche oft weder lesen noch schreiben konnten und selbe daher nur verstandlos kopierten, dass einzelne Buchstaben mit diesen Mitteln an und für sich schwer darzustellen waren, so wird es begreiflich, II. Band. 70 Zeitschrift für historische Waffenkunde. wenn auf Klingen so viele schwer oder auch gar nicht lesbare Inschriften vor Augen kommen. Solche Inschriften kommen in Spanien häufig, in Italien nur vereinzelt vor; in Solingen treten sie erst am Beginn des 17. Jahrhunderts auf. Zu den hervor ragendsten Werkstätten, welche sich dieser Art Schrift bedienen, zählen in Spanien Juan Martinez Vater und Sohn, Thomas de Aiala, Antonio Ruiz, Pedro de Arechiga und Hortuno de Aguirre; in Italien Andrea und Giandonato Ferrara. Bei den Mailändern und Brescianer Werk stätten war sie nicht üblich. Immerhin bildete die Bildmarke des Meisters das authentische Beweis mittel; jede Inschrift war eine erklärende Beigabe für den minder sachverständigen Käufer. Die um die Mitte des 16. Jahrhunderts all gemein auftretende Mode, im täglichen Umgänge leichte Degen zu tragen, brachte die spanischen Werkstätten, vor allem jene zu Toledo, plötzlich zu einem ungemeinen Ruf, der sich bald über die ganze Welt verbreitete. Mit ihnen wetteiferten nicht ohne Erfolg die Mailänder, voran Antonio Picci nino und Pietro Caino. Nicht lange darauf folgten die ebenso aufmerksamen als spekulativen Solinger, obwohl sich selbe nur schwer von der Schwertklingenerzeugung trennen konnten. Neben den spanischen Meistermarken bezw. der vorerwähnten Toledaner Beschaumarke findet sich zuweilen eine dritte, die Marke der «Espadero del Rey» oder königlichen Waffenschmiedes, die in einer ins Gehenk geschlagenen gekrönten Lilie be steht. Für die Mailänder Marken ist in einer be stimmten Zeit das savoyische Kreuz charakteristisch. In Venedig bestand nur im 15. und dem Anfänge des 16. Jahrhunderts eine behördliche Beschaumarke für Klingen, den Markuslöwen darstellend. Solingen, dieses Emporium der Waffenschmiede kunst, zeichnete sich nicht allein durch die Güte seiner Erzeugnisse aus, sondern auch durch seinen eminenten kaufmännischen Betrieb. Das System der Meistermarken wurde dort nicht begründet, nicht technisch verbessert, aber staunenswert vervielfacht. Immer aufmerksam auf die Bewegungen im Hand werksgebiete, bequemten sich die dortigen Werk stätten leicht an fremde Formen, so eigneten sie sich auch den Passauer «Wolf» an, den sie aller dings nur oberflächlich kopierten. Später, als die Spanier mit ihren Klingen hervortraten, suchten sie auch deren Stil in den Bildmarken nachzuahmen. Viele Meister besassen dabei aber die Aufrichtigkeit, den frappant den spanischen Marken ähnlichen Marken das Wort «Solingen» hinzuzufügen. Ein Uebelstand, der sich im 17. und 18. Jahr hundert in Solingen bemerklich macht, lag in dem Verkauf der Meistermarken. Durch diesen Vorgang wurde der Charakter derselben vollständig verändert und eine Verwirrung in der Beurteilung der Erzeug nisse hervorgebracht. Noch wäre der französischen Klingenmanufaktur zu Klingenthal im Eisass zu gedenken, die aber erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts leistungs fähig wird. Ihre Klingen tragen die Worte «Manu facture de Klingenthal» oder nur «Klingenthal» ein gestempelt. Die einst blühende Fabrikation erlag um 1830 der Konkurrenz Solingens. Bemerkens wert erscheint die königliche Klingenfabrik zu Pots dam unter König Friedrich II. IhrC Erzeugnisse tragen das Wort «Potsdam», auch «Potzdam». Eines Gebietes der Klingenfabrikation müssen wir noch erwähnen: des steirisch - kärtnerischen. Die Industrie, neben der altiberischen im Nord westen Spaniens gewiss die älteste im Abendlande, hatte von jeher einen bäuerlich-konservativen An strich und stand damit in vollem Gegensätze zu den anderen Betrieben, vorab jener Solingens. Die in den Gebirgsdörfern arbeitenden Klingenschmiede führten die rohesten Marken, deren Typus unschwer dem Gedächtnisse einzuprägen ist.1) Unbekümmert um die internationale geschäftliche Bewegung schafften sie empfindungslos weiter und lieferten ihre zuweilen ausgezeichneten Waren an die Kaufleute in Leoben oder Bruck an der Mur, die sich bei solchem Be triebe ungemein bereicherten. *) Die beste und zahlreichste Sammlung steirisch-kärnthne rischer Klingenmarken, und zwar meist für Stangenwaffen, findet sich in F. G. v. M. (Franz Graf von Meran), c Das steirische Landes zeughaus in Graz». Aus selber stellt der Verf. allerdings nur eine einzige, jene des Peter Schröckeisen in Leoben, fest, es be f inden sich darunter aber unzweifelhaft auch die Marken der be rühmten Pögel von Thörl bei Aflenz, welche die Ausrüstung der Heere der Kaiser Friedrich III. und Maximilian I. nahezu allein besorgten, und jene des nicht weniger bedeutenden Peter Hof kircher, alle aus dem 16. Jahrhundert. (Fortsetzung folgt.) 3. Heft. Zeitschrift für historische Waffenfcunde. Das Geschützprobieren. Von Paul Reimer, Oberleutnant im Badischen Fussartillerie-Regiment Nr. 14. olange die Technik noch so wenig 71 Vorschrift in Faksimile wieder (vergl. die verklei durchgebildet war, dass jeder gefertigte Gegenstand wegen der nicht zu vermeidenden Zu fälligkeiten bei der Herstellung, um diesen Ausdruck zu ge brauchen, ein technisches In dividuum war, musste jedes Stück, von dessen Haltbarkeit viel abhing, also ins besondere jedes Geschützrohr, einzeln auf seine Festigkeit geprüft werden. Bis in dieses Jahrhundert hinein war man nun der nicht unberechtigten An sicht, dass eine fortgesetzte normale Beanspruchung doch zur Zerstörung der Konstruktion führen könne, auch wenn dieselbe einer probeweisen, der nor malen entsprechenden Anstrengung standgehalten hatte. Man wählte daher zu der Haltbarkeitsprobe eine wesentlich höhere Beanspruchung, indem man annahm, dass das Geschütz etc., wenn es diese bestanden, die normale Beanspruchung ganz sicher auf die Dauer aushalten werde. Man bedachte da bei allerdings nicht, dass gerade die erhöhte Be anspruchung bei der Probe den Grund zu Schädi gungen der Konstruktion legen kann, welche dann auch der normalen Anstrengung nicht mehr ge wachsen ist, während sie ohne diese Kraftprobe lange Zeit ausgehalten hätte. Es wurde also bis in das 19. Jahrhundert hinein jedes Geschütz mit einer wesentlich erhöhten Ladung auf Haltbarkeit geprüft. Bei geschmiedeten Geschützen war dieses Verfahren nicht unangebracht. Das Gelingen einer guten Schweissnaht ist lediglich von der Geschicklichkeit des Arbeiters abhängig und dem besten Schmied läuft manchmal eine schlechte Schweissung mit unter, deren Natur erst bei sehr hoher Beanspruchung zu Tage tritt und meist verbessert werden kann. Weniger notwendig erscheint eine solche Gewalt probe bei gegossenen Rohren, deren homogenes Metall bei einmal als genügend erkannter Stärke stets dieselbe Haltbarkeit besitzen muss. Indessen scheint man in früherer Zeit zu der Giesskunst kein besonders hohes Vertrauen gehabt zu haben, man fürchtete Saigerungen (Ausscheidungen eines der legierten Metalle in Streifen oder Nestern) und Blasen und wollte daher auch hier nicht auf die Gewaltprobe verzichten. Bereits aus der ältesten Zeit, dem Ende des 14. Jahrhunderts, liegt uns eine authentische Nach richt über das «Beschiessen» von Geschützrohren vor und zwar giebt Essenwein1) eine bezügliche l) Essenwein, Quellen zur Geschichte der Feuerwaffen, Blatt A. 1. nerte Reproduktion auf S. 72).- Es heisst dort: «Eyn nevve puchsen sol man also beschissen. Item lad die püchsen wast wol mit pulu(er) an klotz. Vnd ver slach den pumhart vor mit ainem h(ar)ten klotz vnd sag den klotz var der püchsen abe vnd stell den podem vber sich und den pumhart vnder sich auf ain hertt (harte Unterlage) vnd lazz die püch sen sich selb(er) beschissen und weihe püchsen also bestet, die ist sich(er) gut und beleibt wol, man woll dann mutwil treiben.» Allerdings passt die darüber befindliche Zeichnung durchaus nicht zu dieser Beschreibung. Man sieht da ein bis zur Mündung mit Pulver gefülltes Geschützrohr auf einer viereckigen Unterlage aufrecht, also nicht, wie in der Vorschrift gesagt, mit dem Boden nach oben, hingestellt. Ein Mann, der sein Gesicht mit der vorgehaltenen Hand schützt, scheint im Begriff zu sein, das Geschütz mit einer Lunte oder glühendem Eisen abzufeuern. Wenn das Geschütz mit der Mündung nach unten aufgestellt wäre, würde er wohl nicht so nahe herangehen. Das Bild scheint sich also nicht direkt auf den Text zu beziehen. Das in der obigen Vorschrift angegebene Verfahren des Beschiessens von Geschützen ist, so merkwürdig es auf den ersten Blick erscheint, doch mit Verständnis den damaligen ballistischen Zu ständen angepasst. Man hatte es mit sehr kurzen Rohren zu thun, deren verhältnismässig grosse Ladung ungekörnten Pulvers mit dem vorgeschlage nen Holzklotz bereits einen grossen Teil der Rohr länge ausfüllte, das aufgesetzte Geschoss sass nicht mehr weit von der Mündung. Zudem bildete weniger das verhältnismässig leichte, wenn auch selbst mit Werg etc. festgesetzte Steingeschoss, als vielmehr der festgekeilte Holzpflock den von dem Pulver zu überwindenden Widerstand. Eine ge steigerte Pulverladung wäre bei der trägen Ver brennung des mehlförmigen Pulvers mit dem Holz pflock und dem Geschoss zum Teil unverbrannt herausgeschleudert worden, eine wesentlich schwerere Belastung war bei dem Mangel eiserner Geschosse und bei der Kürze des Rohres unthunlich. Man liess daher das Geschoss ganz fort, nahm eine möglichst grosse Ladung und verkeilte sie so fest wie möglich mit einem Klotz, den man dann vor der Mündung absägte. Die Belastung des Klotzes gab dann das Rohr selbst, indem man es auf den Kopf stellte. Je schwerfälliger und plumper die Konstruktion, um so grösser war hier also auch die Beanspruchung des Rohres bei der Probe, ein Um stand, der in kurzer Zeit die Auffindung einer Kon II. Band. 7 2 Zeitschrift für historische Waffenkunde. struktion zur Folge haben musste, deren Gewicht zu ihrer Haltbarkeit das günstigste Verhältnis hatte. In der That kann man die aus dem 15. Jahrhun dert stammenden Geschützkonstruktionen nicht ge rade als plump bezeichnen; berücksichtigt man die durch andere Anforderungen bedingte innere Ge stalt, so muss man zugeben, dass das Material, wo irgend möglich, gespart wurde. Die anscheinend ge gen Ende des 15. Jahr hunderts begonnene und im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts durch gefuhrte Verwendung des gekörnten Pulvers auch bei der Artillerie gestaltete, wie über haupt das Schiessen, so auch das Geschützpro bieren wesentlich ein facher. Die Verwen dung langer Rohre und schwerer eiserner Ku geln neben einem rasch verbrennenden Treib mittel ergab die Mög lichkeit, das Geschütz einer beliebigen Bean spruchung zu unterwer fen. Man scheint sich indessen zunächst ledig lich auf eine den Ver hältnissen des prakti schen Gebrauches an gepasste Geschützprobe beschränkt und hierbei nicht den vom Pulver zu überwindenden Wi derstand durch gleichzeitige Ver wendung mehre rer Kugeln ver mehrt , sondern nur die Pulver ladung erhöht zu haben, denn nur aus dieser konnten bei normalem Ge brauch des Geschützes Gefahren für dessen Haltbarkeit «Hans Christoff Loeffler hat mich gossen Und an der Prob kuglschwer beschossen.» Es dürften die letzten Worte dahin zu ver stehen sein, dass eine kugelschwere Pulverladung, also 1/1 Ladungsverhältnis, bei dem Beschuss ge nommen worden ist. Leider wissen wir nur sehr wenig über die Grösse der früher verwandten Ladungs verhältnisse. Zwar Hessen sich dieselben annähernd berechnen, wenn man bei gebrauchten Rohren durch Ausleuchten die Lage des meist stark ausgebrannten Kugel lagers feststellte, indes sen gehören zu derartig schwierigen und zeit raubenden Untersuch ungen besondere Ein richtungen und Mess instrumente. Man darf aber annehmen, dass bei der noch immer ziemlich primitiven Be reitung des Pulvers und einer demzufolge ge ringeren Kraftäusserung desselben das normale Ladungsverhältnis grösser gewesen ist, wie um die Mitte des 19. Jahrhunderts, wo das selbe bei Kanonen etwa x/4 war. Es erscheint daher ein Ladungsver hältnis von 1/1 beim An schiessen der Rohre im 16. Jahrhundert zweck entsprechend. Zum An schiessen von Wurfgeschüt zen mit Kam mer wählte man die kam mervolle La dung, welche späterhin als «Probier-La dung» auf der Mundfläche des Geschützes vermerkt erwachsen. Das Pulver wurde ja zu jener Zeit noch nicht nach einheitlichen Gesichtspunkten hergestellt, fast jede Pulvermühle arbeitete näch eigenem Rezept, die Kraftentwickelung der Gewichtseinheit dieser ver schiedenen Pulversorten musste also sehr verschieden ausfallen. Einen Anhalt für das angedeutete Verfahren bietet eine Inschrift auf dem langen Felde des be kannten, im königlichen Zeughause zu Berlin befind lichen, aus der Zeit von 1560—80 stammenden Rohres r> p. Reg. Nr. 133. Zwickau i. S., Carolastrasse, v. Friesen, Frhr. Ernst Georg Moritz, Generalmajor a. D. Dresden, Löwenstrasse 1. v. Hausen, Frhr. Erich, Major z. D. und Bezirksoffizier. Leipzig. Judenfeind-Hülsse, Oberstleutnant ä la suite des Fuss artillerie-Reg. Nr. 12, Direktor der Artilleriewerkstatt und Inspizient des Artilleriematerials. Dresden. Schroeder, Hauptmann im Kriegsministerium. Dresden. Ein neues Mitgliederverzeichnis wird zusammen mit Heft 4 ausgegeben werden. Ueber die Hauptversammlung des Vereins in Dresden, die erfreuliche Ergebnisse aufzuweisen hat, und an die alle Teilnehmer gern und dankbar sich erinnern werden, kann wegen der vorgeschrittenen Zeit in diesem Hefte nicht mehr berichtet werden; es soll im nächsten geschehen. Herausgegeben vom Verein für historische Waffenkunde. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Veste Coburg. Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. Das Rathaus der Stadt Emden von 1576. Die Rüstkammer der Stadt Emden. Von Wendelin Boeheim, Direktor an den kunsthistorischen Sammlungen des Kaiserlichen Hauses zu Wien, Ehrenvorsitzenden des Vereins für historische Waffenkunde zu Dresden. er Oberbürgermeister der dem Verein für historische Waffenkimde zu Dresden als Mitglied angehörigen Stadt Emden in der Pro vinz Hannover brachte in der im Juni d. J. zu Dresden tagenden Haupt versammlung dieses Ver eins den folgenden Be schluss zur Abstimmung: »Der Verein für historische Waffenkunde erklärt es für dringend wünschenswert,' dass die Stadt Emden durch staat liche Unterstützung in den Stand gesetzt werde, für ihre sehr reichhaltige historische Rüstkammer, die seit länger als drei Jahrhunderten in der nicht feuersicheren und dunklen Kammer im dritten Stockwerke des dortigen Rathauses unter gebracht ist, ein würdiges feuersicheres Museum zu bauen und die Sammlung durch einen kundigen Fachmann so zu ordnen, neu aufzustellen, in stand setzen, erhalten und ver walten zu lassen, dass sie zu ihrer vollen Bedeutung ge langen und zu fachwissenschaftlichen Studien besser aus genützt werden kann. Sie beschliesst, ihren Vorstand zu ermächtigen und zu beauftragen, dies in ihrer Zeitschrift zu vertreten und in einer Vorstellung an die königlich preussischen Herren Ressort minister warm zu befürworten.» Der Vereinsvorstand hat in seiner II. Sitzung am 20. Juni diese Anregung seines Mitgliedes in einer der Bedeutung des Gegenstandes voll entsprechen den Empfänglichkeit begrüsst und hat mit allem Eifer der Beratung derselben sich hingegeben. Das Ergebnis soll am Schlüsse dieser Fachschrift seine Stelle finden. Was nun den ersten Teil des Schlussantrages betrifft, so erschien er nach de'm hohen fachlichen Werte des in Frage gekommenen Gegenstandes so berechtigt, dass die Versammlung einstimmig be schloss, ohne weiteres einen der Fachmänner des Vereins mit der fachlichen Würdigung der «Rüst kammer» zu betrauen und diese m ihrer «Zeitschrift» an erster Stelle zu veröffentlichen. Dieser ehrenvolle Auftrag ist auf mich ge fallen und ich entledige mich desselben in gegen wärtiger Schrift im Bewusstsein meiner Verantwort lichkeit für die Richtigkeit und Stichhaltigkeit meines wissenschaftlichen Urteils. Wenn Sammlungen historischer Waffen über haupt in der Welt nicht gerade überhäufig angetrofifen werden, so muss es uns überraschen, eine solche von so ansehnlicher Ausdehnung und namhaftem 12 90 Zeitschrift für historische Waffenkunde. historischen, kulturgeschichtlichen und auch kunst II. Band. als Verständnis hingegeben haben, ob schon vor wissenschaftlichen Gehalte in einer kleinen Stadt Preussens anzutreffen, eine Sammlung, die durch ihren eigentümlichen Charakter, ihre Entstehung wie durch ihre ursprüngliche Bestimmung geradezu ein Unikum darstcllt, wie die «Rüstkammer» in Emden. Ganz an sich betrachtet, besteht ihre einzige Eigentümlichkeit in der Welt darin, dass sie, wie ihr Name schon ‘andeutet, vor Jahrhunderten zu einem bestimmten Zwecke, der Verteidigung der Stadt, ge gründet, nicht von Liebhaber- oder Kennerhänden zusammengetragen wurde und dass sie ihre alte Physiognomie, im grossen und ganzen genommen, * sich erhalten hat. Allerdings besteht noch eine zweite Stadt, die sich rühmen kann, eine solche Sammlung gleichen Charakters und selbst ziemlich gleichen Alters in ihren Mauern zu bewahren: es ist die steiermärkische Landeshauptstadt Graz; aber deren «Landes-Zeug haus» diente der Wehrhaftmachung eines ganzen Landes, des Herzogtums Steiermark und der soge nannten «petrinianischcn Grenzländer» und nicht dem Gemeinwesen einer einzelnen Stadt, und in diesem Sinne steht die «Rüstkammer zu Emden» einzig in der Welt da. Es ist eine müssige Frage, deren Lösung einige Autoren1) der «Rüstkammer» sich mit mehr Eifer 2) Die Rüstkammer in Emden hat schon im 17. Jahrhundert in der Litteratur teils in Urkunden, teils in Büchern Erwähnung und Beachtung gefunden. Eine erste kurze Erwähnung macht bereits die Reisebeschreibung des Herzogs Friedrich von Württem berg und Teck vom Jahre 1592. Die älteste urkundliche Quelle bildet aber das Artelery Boek von 1606. Bald darauf, 1617, wird sie in dem Reiseberichte des Utrechter Rechtsgelehrten Arnoldus Bochelius einer eingehenden Beachtung gewürdigt, welcher bemerkt, dass aus ihr leicht 3000 Krieger bewaffnet werden können. Die interessanteste und für die damalige Zeit treffliche kritische Be trachtung findet sie in der Reisebeschreibung des Schöffen und Ratsherrn von Frankfurt a. M., Zacharias Konrad von Uffenbach, von 1753, der Emden 1710 besuchte, und welcher bereits «un nötige Erfindungen» in derselben gewahrt hatte, die sich bis heute erhalten haben und welche wir auch im folgenden Texte nicht ganz mit Stillschweigen übergehen dürfen. Der älteste amtliche Katalog stammt aus dem Jahre 1839. In der Buchlitteratur geht voran: «Die antike Rüstkammer des Emder Rathauses» von Assessor Alexander Rolffs, Emden 1861, ein Werk, mehr für den Besucher der Rüstkammer berechnet. Der Verfasser beurkundet darin zweifels ohne eine genügende Kenntnis der Vergangenheit der Stadt; sein Wissen im historischen Waffen wesen ist aber so mangelhaft, dass das Buch bei einer etwas verworrenen Fassung gerade in seinem Thema nahezu unbrauchbar wird. Dabei verfällt er in den Fehler aller schwachen Autoren im Fache, sich in den kritiklosesten Ver mutungen in der Zuschreibung der Gegenstände an bestimmte historische Persönlichkeiten zu ei gehen. Die beigegebenen zwei Abbildungen sind unrichtig und damit völlig wertlos. Unstreitig viel gediegener und fachlich höher stehend sind zwei sich gegen seitig ergänzende Abhandlungen, welche in dem «Jahrbuche der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer in Emden», V. Band, 1. Heft, erschienen sind: «Zur Geschichte der Emder Rüstkammer» von Senator Schnedermann und mit beschrei bendem Texte von Ingenieur Starcke. Ungeachtet der gedrängten Form des geschichtlichen Teiles bringt Schnedermann neue und wichtige Daten zur Vervollständigung; Starckes Beschreibung aber beschränkt sich lediglich auf die reichst ausgestatteten Leistungen des deutschen Kunstgewerbes. Den Abhandlungen sind vier über der in Urkunden bemerkten Zeit eine städtische Rüst kammer in Emden bestanden habe? Wer sich die Verhältnisse einer selbständigen Seestadt im Mittel alter vergegenwärtigt, die sich fortwährend vor der Seeräuberei zu sichern hatte, der wird das Bestehen eines Wafifenvoriates für den Seedienst schon im frühen Mittelalter voraussetzen müssen. Das Schweigen der Urkunden beweist hier nichts. Senator Schneder mann verlegt in seiner trefflichen Abhandlung: «Zur Geschichte der Emder Rüstkammer» die Entstehung einer Rüstkammer in das Jahr 1465 im alten Rat hause unter dem gräflichen Drosten Ulrich 1. Cirk sena. Von dem damaligen Inhalte derselben ist aber leider nichts mehr erhalten geblieben, denn die ältesten Stücke reichen über das 16. Jahrhundert nicht hinaus, und in der That stimmt diese Beob achtung mit der Geschichte der Stadt insofern über ein, als die Rüstkammer nach der unglücklichen Schlacht bei Jemgum gegen Alba, 21. Juli 1568, ganz neu ausgestattet und nun mit den Waffen der Gleichzeit gefüllt, somit gänzlich umgestaltet wurde. Für die Richtigkeit dieser Annahme bringt gerade Schnedermann in Urkundentexten den vollstän digsten Bew’eis. Diese durch umfangreiche Ankäufe erworbenen Waffenstücke wurden anfänglich in einer «Rüstkammer» gesammelt, die den Gesamtteil eines grossen Hauses vor dem Faldernthore einnahm; es ist das heute noch bestehende sogenannte Packhaus (Halle) nächst der' Drehbrücke. Der bedeutende wirtschaftliche Aufschwung, welchen die Stadt um die Mitte des 16. Jahrhunderts unter der Regierung der Gräfin Anna genommen hatte, veranlasste zu einer namhaften Erweiterung derselben und zur Erbauung eines imposanten Rat hauses in dem neuen Stadtgebiete. So entstand das neue Rathaus 1576 durch den Baumeister Martin Arens aus Delft nach dem Vorbilde jenes zu Ant werpen; ein imposanter Baü von den besten Ver hältnissen.1) In die Bauperiode (1576 —1578) fällt der folgenschwere, nicht ohne niederländischen Einfluss entstandene Aufstand der' Bürger unter dem Holzhändler Gerhard Boiland gegen den Grafen aus gelungene Tafeln in Lichtdruck beigegeben. Ein Sonder abdruck beider erschien im Verlage von W. Haynel in Emden 1883. — Wenn auch in einem weiteren Werke die Rüstkammer nur nebenher beschrieben erscheint, so ist dieselbe darin doch in so ausgezeichneter Weise und verständig aufgefasst, dass ich dessen Erwähnung hier nicht umgehen darf. Es ist das vortreffliche Werk des jetzigen Oberbürgermeisters der Stadt: FUrbringer, «Die Stadt Emden in Gegenwart und Vergangenheit.» Emden 1891, Verlag von W. Schwalbe. Ungeachtet bescheidener Hinweise auf Rolffs und Schnedermann bringt der Verfasser in kürzester Fassung die klarste Schilderung des Entstehens und der Schicksale der Rüst kammer, so dass das Buch auch als wertvoller Litterarbeitrag der selben angesehen werden muss. Wichtig erscheint dieser Abschnitt für den gegenwärtigen Zustand. *) Vergl. über die geplante Wiederherstellung des Rathauses E. Ehrhardt, Das Rathaus in Emden in «Denkmalpflege» II. Jahrg., Nr. 10, S. 73IT. D. Schltg. 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Edzard II.; die Stadtregierung wurde nach nieder 91 Licht, um irgend einen Gegenstand genauer zu be ländischem Muster auf demokratischer Grundlage umgestaltet. Die erbittertsten Kämpfe gegen den Grafen zogen sich bis tief in das 17. Jahrhundert hinein und veranlassten den Rat, in der gefährlichsten Zeit ihren ansehnlichen Waffenvorrat vom Faldern thore weg in das gesicherter erscheinende neue Rat haus zu verlegen und ihn, offenbar in Eile, im drittenStockwerke, eigentlich in den Räumen des Dach bodens, zu bergen. In dieser vom Beginn an un trachten, um so weniger als das vor Alter gebräunte Holzwerk keine Lichtreflexe bietet. Die Gegenstände sind kunterbunt, ohne System, kaum das Gleichartige berücksichtigend, an den Langwänden aufgestellt, so dass für den Besucher nur ein mässig breiter Raum zur Bewegung übrig bleibt. Auf den ersten Anblick hin bietet das lichtlose geschwärzte Innere den Ein druck einer mit altem Zeug gefüllten Rumpelkammer; ein Eindruck, der nichts weniger als anmutet. Ein L*l Ein Blick in das Innere der Rüstkammer der Stadt Emden. passenden und gefährlichen, in unserer Zeit aber un i \ Gang durch die Räume überzeugt den fachvertrauten würdig erscheinenden Lage, ist der Waffenvorrat der Stadt bis zum heutigen Tage geblieben. Man denke sich lange Korridore, welche, mit dem Eingang von Osten, die vier Seiten des grossen Gebäudes entlanglaufen. Dieselben sind mit Zimmer werk verschlagen, aber an vielen Stellen treten die mächtigen Sparren des riesigen Dachstuhls zu Tage. Die Räume sind nur an den Eckpunkten notdürftig zu beleuchten, die wenigen Dachfenster und Oeffnungen an den Langseiten gegen die vom Dach beschattete rings um die Aussenseite des Rathauses sich hinziehende Galerie geben nahezu gar kein Besucher, dass er auch in keiner «Rüstkammer» sich befindet, denn die alte gegenständliche Ordnung ist in drei Jahrhunderten gestört worden, überdies sind ja zahlreiche Gegenstände als Schau-, nicht als Ge brauchsstücke in die Sammlung geraten, auch solche, die dem Waffengebiete ganz fernstehen, wie Reste von Seeungetümen, Folterwerkzeuge, Prägestöcke, Humpen, Holzgefässe, Gobelins, Glasgemälde u. dgl. Damit ist der ursprüngliche Charakter verwischt worden. Sie ist aber auch keine Waffensammlung im modernen Sinne, dazu fehlen ihr die wichtigsten Existenzbedingungen und eine leitende Fland. Freilich 92 Zeitschrift für historische Waffen kund: fällt ein dürftiger Lichtstrahl hier und da auf einen II. Band. teils reich mit Aetzwerlc gezierte Panzerrüstungen, 3 oder den anderen kostbaren Gegenstand von so hoher Seltenheit und Schönheit, wie man einen gleichartigen nur in den reichsten Sammlungen suchen wird, und da erhebt sich wohl ein tiefes Be dauern, dass solche erlesene Schätze in so wenig entsprechender Weise bewahrt werden. Wende ich mich zu dem Inhalte'dcr überreichen, ja unschätzbaren Sammlung, so muss ich von vorn herein die Schwierigkeit betonen, denselben mit fachmännischem Auge zu betrachten und zu be schreiben; ist er doch nie wissenschaftlich untersucht worden.1 * 3 *) Es fehlen da alle historischen und kunst historischen Anhaltspunkte, und was uns durch Rollfs angeblich aus der Tradition geboten wird, ist auf den ersten Blick hin ein dichtes Gewebe von unrichtigen Angaben und plumpen Erfindungen, er sichtlich zu dem Zwecke entstanden, um der Rüst kammer mehr Anziehung zu verleihen; ja schon vom Ende des 17. Jahrhunderts ist der kostbaren Sammlung von spekulativen Rüstmeistern (!) noch viel ärger mitgespielt worden. Eine Anzahl von Harnischen wurden für Hampelmänner benutzt; so f inden wir noch heute geharnischte Popanze mit greulichen Larven, welche auf einen verborgenen mechanischen Zug hin sich bewegen, um den Be- j Sucher das Gruseln zu lehren. Hier bläst ein Kriegs knecht in ein Horn, jener rührt eine Trommel; dort brennen andere das Pulver von der Pfanne ihrer Musketen ab, andere zücken gegeneinander ihre Schwerter u. dgl. Diese läppischen Scherze, welche die Sammlung nur verunzieren und nicht wenig den Ruf derselben unter den gebildeten Besuchern schädigen, sind es, welche der feingebildete und hochgelehrte Uffenbach bereits vor 200 Jahren schonend als «unnötige Erfindungen» bezeichnet.5 * *) Wie sollen wir sie heute bezeichnen, nachdem die historischen Wissenschaften eine so ungeahnte Ver tiefung erfahren haben: Ich folge den verlässlichsten Angaben Für bringers, wenn ich den Inhalt der Rüstkammer nach der letzten Inventarisierung von 1839 h'er anführe: Dieselbe enthält 14 Vollrüstungen,8) 54 sonstige *) Rolffs Beschreibungen sind unrichtig, laienhaft, daher nahezu unbrauchbar. ä) «Herrn ZachariasKonrad vonUffenbach merkwürdige Reisen durch Niedersachsen, Holland und Engelland.» Ulm und Mein mingen. 3 Bände. — «Ostfriesisches Monatsblatt» 1875. 3. Jahr gang, 1. Heft. 3) Diese Bezeichnung ist dem Fachmanne unverständlich; es können hier auch «ganze» Harnische, d. i. «ritterliche» mit voll ständigem Beinzeug, nicht gemeint sein, denn die Rüstkammer enthält keine solchen, sondern nur solche von «knechtischer.» Form (Allecrets) mit bis an die Kniee reichenden Schössen, ohne Unterbeinzeug und Schuhe. Ein terminologisch korrekt bearbeitetes Inventar wird wohl zunächst verfasst werden müssen. Einzelne Bezeichnungen vermochten die Emder Autoren selbst nicht zu deuten. So erscheint u. a. im Inventar von 1606 der Ausdruck «Kneuel spete». Rolffs hält sie für Sturrafackeln; es sind dieselben aber niederländische Knebelspiesse, die meist zur Ausrüstung der eichten Artillerie gehörten. Panzerkragen, 101 gemeine Harnische mit Pickel oder Sturmhauben, 1 spanischen (?) Helm, 10 Schilde, 38 Schlachtschwertcr, 33 Morgensterne und Flegel, 269" Piken, Partisanen, Helmbarten und Spiesse. 3 spanische Stossdegen, 990 alte Feuerwaffen, teils mit reichen Einlagen von Elfenbein in den Schäften, 28 alte Fahnen und F'ähnlein der Bürgerschaft, Sturmfackeln, 410 Schiessgabeln, 40 alte Bandeliere mit je 12 oder 16 Pulverbüchsen, 30 geprägte juchtenlcderne Patrontaschen der vormaligen Emder Grenadiere, 1 Pulverbüchse, 1 zierliche Pulverwage, 1 Pulverprobe, 4 alte hölzerne Pulvermörser, 9 Kugel formen, 2 kupferne Pauken, einige 30 alte Trommeln, 10 Signal- und Hifthörner, eine vollständige Jani tscharenmusik, 6 alte Laternen, I alte Steigleiter, 1 alten Steigbügel, 3 Paar alte Sporen; ferner, wie er wähnt, eine nicht unbedeutende Zahl von Gegen ständen, die nicht in eine Waffensammlung zu reihen sind. In neuester Zeit hatte weiland Kaiser Wilhelm 1. der Stadt moderne deutsche Waffen, sowie Kriegs beute von französischen Waffen aus den Kriegsjahren 1870—1871 gespendet und das königliche Kriegs ministerium dieselben aus seinen Vorräten ergänzt. Rolffs giebt in seinem genannten Buche den Stand der Rüstkammer 1861 mit 2267 Nummern an. Derselbe ist aber nach vielen Neuerwerbungen | gegenwärtig erheblich grösser. Wertvolle Gegenstände sind in den Jahr hunderten abhanden gekommen, so das gesamte Ge schütz. Das Inventar von 1606 weist noch 124 Kanonen von 3 bis 24 Pfund Kaliber auf, ferner die Erdsäcke, Sturmhaken, die Topständer etc. Ein un ersetzlicher Verlust! Ein Ausspruch über den heutigen Inhalt der 1 «Rüstkammer» kann im Hinblick auf seinen Total wert erst nach genauer Durchforschung derselben gewagt werden. Jetzt sieht man eben nur eine Fülle des überaus Wertvollen und Belehrenden kunter bunt und wüst übereinander geschichtet. Manches mag nach fachlicher Betrachtung anWert einbüssen; vieles aber nach solcher in hohem Masse gewinnen. In politisch historischer Beziehung werden z. B. die von Rolffs den Cirkse na zugeschriebenen Harnische diese gewaltsame Zueignung abstreifen müssen. Enno I., Eduard und Ulrich 1. Cirksena lebten ' im 15. Jahrhunden und die ihnen zugcteilten Schutz i wafifen gehören ausnahmslos dem Ende des 16. Jahr hunderts an. Gleichzeitig mit der Spanne des Lebens laufend, erscheinen die jetzt dem Grafen Ludwig von Nassau und dem Gerhard Boiland zuge schriebenen Kürassierrüstungen; allein auch hier wird der Fachmann ein scharfes Zeugenverhör vor nehmen müssen, bevor er die Stichhaltigkeit der Zuschreibung bestätigen darf. Derartige handgreifliche Irrtümer in der Zu schreibung an historische Persönlichkeiten dürfen uns nicht überraschen. Traten solche doch überall 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. auf, wo Waffensammlungen der unbeschränkten 93 in einer kleinen Stadt des Deutschen Reiches mit Aufsicht «erfahrener Zeugwarte» überlassen wurden. Ich kannte ein Zeughaus, in welchem noch vor 50 Jahren die Plattenharnische (!) Rudolfs von Habsburg, Attilas, des Königs Mathias Corvinus, der Libussa und ihrer Gürtelmagd Wlasta etc. vor gezeigt wurden. Hochinteressant erscheint die Rüstkammer in technisch-historischer Richtung, ja man kann nur in ihr allein Belehrung über den Stand der Ent wickelung des Waffenwesens Norddeutschlands und der Niederlande und nicht zum wenigsten der deutschen Hansastädte, von etwa 1550 an gerechnet, schöpfen. In den Harnischen treffen wir neben der sächsischen Schule jene stark irn Rückgänge be griffene Anm. I.) Auf der Fahrt nach Rom oder der Rückkehr von dort dürfte der Schild in einer Tyroler Ordensburg zu rückgeblieben sein. Der Schild ist nämlich aus der Burg Reifen stein in das Innsbrucker Museum gekommen. Diese Burg war aber erst 1469 bezw. 1470 an den Orden geraten. Der frühere Aufbewahrungsort des Schildes ist unbekannt; vielleicht war es die Kommende Sterzing, welche gegen Ende des 15. Jahrhunderts von einem grösseren Brande heimgesucht wurde (vgl. La durner, «Urkundliche Beiträge zur Geschichte des deutschen Ordens in Tyrol», Innsbruck 1861, S. 5 u, 113), bei welcher Gelegenheit die Ueberführung des Schildes stattgefunden haben mag, Zu erwähnen bleibt noch, dass auch die Form unseres Schildes der Zeitstellung um 1320 nicht widerspricht. Diese Form ist allerdings etwas ab sonderlich; denn der Reiterschild des 13. und 14. Jahrhunderts hatte im allgemeinen die Dreiecksform, wie sie uns in dem auf unserem Schilde angebrachten Wappen entgegentritt. Dagegen führt der Komtur Kuno von Libensteyn (-j- 1391) auf seinem Grabstein eine Pavese, ebenso der Hochmeister Heinrich von Plauen (1410—13) auf seiner bei Vossberg Taf. VI. abgebildeten Goldmünze. (Letzterer Schild zeigt nicht das ganze Hochmeisterwappen, Helm und Schild, sondern lediglich das Hochmeisterkreuz.) Unser Schild nun ist als Tartsche anzusprechen und bietet einen Beweis für das frühe Vorkommen derselben. Eine ganz ähnliche, nur schlankere Birnenform zeigt auch der Schild eines französischen Königs auf einer undatierten Pergament-Miniature, mitgeteilt vonHeide loff, «Ornamentik des Mittelalters», Heft XXI, PI. 2, und nach ihm von v. Mayer, «Heraldisches ABC Buch». Iieideloff schreibt die Darstellung dem 12. Jahrhundert zu. (?) 13 IOO Zeitschrift für historische Waffenkunde. Schliesslich sei bemerkt, dass es meines Wissens II. Band. Adler anf dem Herzschildchen fehlt oder ist wohl nur ausser derjenigen auf unserem Schilde nur noch eine zweite mittelalterliche Darstellung des heraldi schen Hochmeisterhelmes giebt, nämlich in dem Kodex Seffken («Wapenbouch van den Ersten») aus der Zeit um 1380. (Vgl. Engel a. a. O. T. I, Titel blatt.) Dort ist auch die Helmdecke mit dem Hoch meisterkreuz besetzt, das Schirmbrett ist etwas ab weichend geformt (ohne Auskerbungen) und steckt auf einem Hute mit aufgeschlagener roter Krempe, welche über Helm und Decke gestülpt ist. (Der abgeblättert.) Diese beiden Darstellungen beweisen zugleich, dass die Ansicht von Vossberg (S. 14) irrig ist, nach welcher die Helme selbst bei den Ordensgebietigern ohne allen Schmuck gewesen wären. Ich habe auch bereits a. a. O. T. I, S. 2 darauf hingewiesen, dass der Marschall in mehreren Siegeln auf dem Helme ein Schirmbrett mit Ordens kreuz trägt; ferner bildet Dudik a. a. O. Taf. I, Fig. 22 einen Brakteaten mit einem Ordensritter ab, dessen Helm als Kleinod einen Flug zeigt. II. Messingplatte des Vogtes zu Brathian, Kuno von Libensteyn, in der kathol. Pfarrkirche zu Neumark, Westpr. (Mit einer Abbildung.) Zu den Seltenheiten in der Provinz Westpreussen gehören die mittelalterlichen Messinggrabplatten. her kune de libenfteyn hält. Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Es sind deren nur noch zwei vorhanden, nämlich eine in der Johanniskirche zu Thorn (Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Thorn, Beilage 16) und die unten beschriebene. Ueber verloren gegangene Platten vergleiche Scmrau, Grabdenkmäler der Marien kirche zu Thorn S. 9 und Engel und von Haustein, Danzigs mittelalterliche Grabsteine S. 27. (Abhand lungen zur Landeskunde der Provinz Westpreussen, Heft IV.) Als besonders wertvoll muss es erscheinen, dass die Neumarker Grabplatte uns die Darstellung eines Ordensbeamten bringt, da wir über deren Bewaff nung verhältnismässig spärliche Nachrichten besitzen, welche durch dieses Denkmal eine dankenswerte Ergänzung erfahren. Die aus einer Anzahl verschieden grosser Stücke bestehende Platte von 2,53 m Länge und 1,40 m Breite liegt noch an der ursprünglichen Stelle in der Kirche unmittelbar an der Cherschwelle. Eine photographische Aufnahme war mithin nicht mög lich, würde auch — wie die Thorner Platte beweist — kein vollkommen deutliches Bild geliefert haben. Ich habe deshalb über der Platte eine Durchzeich nung auf Pauspapier gemacht, diese auf starkes Papier aufziehen und hiervon die Photographie nehmen lassen. So ist eine völlig deutliche und dabei sichere Darstellung gewonnen. Die Vertiefungen erscheinen schwarz; nur bei der Umschrift, welche erhabene Buchstaben im vertieften Felde aufweist, habe ich zwecks Erhöhung der Deutlichkeit die Vertiefungen nicht schwarz angelegt. Diese Umschrift lautet, in den vier Ecken von den Evangelistenzeichen unterbrochen: hic iacet dominvs kvne | de libenfteyn qvi fvit advocatvs in brathian qvi obiit a | nno do mini mccc°xci° in | feria qvinta octo dies poft feftvm santi borchardi ame(n). Ueber der Figur des Ritters schwebt auf stili sierten Wolken ein Engel, welcher ein Spruchband mit den Worten Löbau haben an beiden Stellen (Umschrift und Spruch band) den Lesefehler kunc statt kune. Kuno (nicht Kunz) von Libensteyn war 1367 Kompan zu Brandenburg, 1370—-75 Unterkompan des Plochmeisters, 1375—79 Oberkompan desselben, 1379 Küchenmeister zu Schlochau, 1379—82 Kom tur zu Osterode, 1383—87 Grosskomtur, 1387 Komtur zu Strasburg, 1387—91 Vogt zu Brathian bei Neumark. Vgl. v. Mülverstedt in der Zeitschrift des historischen Vereins für den Regierungsbezirk Marienwerder, Heft 8, S. 22. Daselbst wird das Todesjahr irrtümlich auf 1392 angegeben; nach der Grabinschrift ist es 1391. Als vermutliche Heimat -wird ebenda das Rheinland bezeichnet, und dies dürfte den Wappen nach zu treffen. Ich fahre jedoch zunächst in der Beschrei bung des Grabsteines fort: Innerhalb der Umschrift umzieht ein Rankenfries das Feld, dessen freier Raum gerautet ist. Die Rauten sind wiederum auf allen vier Seiten mit klei nen Strichen durchzogen, so dass jene, von weitem betrachtet, einen vierpassartigen Eindruck machen. In dem Felde steht, von dem gedachten Engel über höht, der Ritter auf einem schöngezeichneten Löwen, der auf einem durch Blätterzeichnung angedeuteten Rasen liegt. Vor dem Löwen sehen wir zwei klei nere Hunde, hinter ihm einen grösseren, welcher an einen Baum gebunden ist. Der Ritter selbst ist völlig geharnischt, nur un bedeckten Hauptes, mit vollem Haupt- und Barthaar; der Helm ist auch seitwärts nicht angebracht, was sehr zu bedauern ist. Der bis auf die Erde reichende Mantel trägt auf der linken Seite ein schmales Kreuz; er ist dem Ritter leicht auf die Achseln gehängt, ohne vorn zusammengehalten zu werden. Der Ober körper ist mit dem sogenannten Lendner bekleidet. Die Brust ist kugelig gewölbt, unten scharf in die Weichen geschnitten, der untere Teil eng anliegend, ähnlich wie auf dem Grabmal des schwarzen Prinzen (1330—1376), abgebildet bei Boeheim, Waffenkunde 4. Heft. S. 138. Ueber den ganzen Lendner hinweg erstreckt sich das Ordenskreuz der gestalt, dass die Querarme unterhalb der gewölbten Brust liegen. Es kann nun wohl nicht zweifelhaft sein, dass dieser sogenannte Lendner nichts anderes ist, als die in den Ordens quellen so oft genannte Platte, nämlich ein Leder kürass, welcher auf der Innenseite durch eine An zahl eiserner Spangen oder Platten verstärkt war. Ein Original ist leider nicht er halten. Das Kreuz haben wir uns auf das Leder gemalt zu denken wie bei dem Schilde, während es auf den Mantel aufge näht war. Unterhalb dieser Leib wehr sind drei Reihen eines Ringelpanzers sichtbar; doch erscheint es frag lich, ob das Vorhandensein eines ganzen solchen Pan zers unter dem Lendner anzunehmen ist. Vermut lich trug der Ritter nur von den Hüften ab einen «ummegeenden schos»1) aus Ringg'eflecht, weil wohl der untere Teil der «Platte» lediglich aus Leder be stand. Ebenso dürfte das in den Armbeugen sicht bare Ringgeflecht nur kleine zur Ausfüllung des Panzers dienende Stücke darstellen. Im übrigen stecken Arme und Beine in eisernen Röhren. Bei den Ober- und Unterarmen sowie den Oberschenkeln sind auf der Innenseite je zwei Scharniere sichtbar, nicht so bei den genau von vorn (mit einem Grat) gezeichneten Unterschen kelröhren, doch erscheint die gleiche Einrichtung bei ihnen unzweifelhaft. Ober und Unterarmröhren sind Zeitschrift für historische Waffenkunde. Messingplalte des Vogtes Kuno von Libensteyn zu Neumark, Westpr. (Nach einer Pause.) XOI ') ^er2b Engel, Nachrichten über Waffen aus dem Tresslerbuche des deutschen Ordens, in der Zeitschrift für historische Waffen kunde I, S. 196. 102 Zeitschrift für historische Waffenkunde. durch kugelförmige Ellbogenkacheln verbunden. II. Band. Der Schild ist eine (hölzerne) Pavese, wie sie der Diese Kacheln sind mit ihren Lappen an die Röhren genietet, die Mehrzahl der Nieten sind in dess nur Zier oder Futternagel. Der Schulterschutz ist durch den Mantel verdeckt. Die Hände stecken in «Blechhandschuhen» mit grossem Stulp, welcher am Rande ebenfalls Ziernägel1) aufweist, und ge schobenen, an den Mittelknöcheln mit Buckeln ver sehenen Fingern. Die Röhren der Oberschenkel umschliessen diese auch auf der Innenseite bis zum Spalt hinauf, eine Form, die sich — weil unprak tisch — nur während verhältnismässig kurzer Zeit erhielt, indem die Innenseite des Oberschenkels einen Ausschnitt der Röhren verlangte, um einen festen Anschluss an den Sattel zu ermöglichen. Die Kniebuckel stellen sich der Zeichnung nach als Halb cylinder mit halbkugelförmiger Austreibung dar,2) die Nägel sind wiederum nur Ziernägel, denn un möglich konnten die Buckel oben und unten an die Röhren angenietet sein, da dies ein Beugen der Kniee verhindert hätte.3) Nur an den Seiten war ein Annieten zulässig wie bei den Ellbogenkacheln; im übrigen pflegten die Kniebuckel auf der Rück seite mittels Riemen angeschnallt zu werden. Die Füsse stecken in geschobenen Eisenschuhen mit Spitzen. Die verschiedene Anzahl der Folgen bei der Schuhe ist auf eine Nachlässigkeit des Meisters zurückzuführen. Mit der Rechten stützt der Ritter sich auf das Schwert, mit der Linken auf den Schild. Jenes ist, wie das dem Ordensgesetz gemäss einfache Ortband beweist, in seiner Scheide dargestellt; die Parier stangen sind leicht abwärts gebogen; der Griff ge währt Raum für zwei Hände; unterhalb des länglichen Knaufs ist das Schwert mittels einer Kette an dem Bruststück befestigt. Irrigerweise hat der Meister die Schwertkette von der rechten Brustseite ausgehen lassen. Das Schwert hing an der linken, der Dolch an der rechten Hüfte. Alle sonstigen Dar stellungen zeigen denn auch die Schwert- und Dolchfesseln auf der umgekehrten Seite wie unser Grabstein. Hier hängt der Dolch an der linken Hüfte und ist mittels eines Ledersenkels auf der linken Brustseite befestigt. Senkel und Kette gehen von Metallrosetten aus, welche auf die «Platte» ge nietet sind. *) Bei dem rechten Handschuh hat der Meister das Gravieren einzelner Nägel vergessen; ich habe sie der Gleichmässigkeit hal ber eingezeichnet. 2) Vergl. Hefner-Alteneck, Trachten des christlichen Mittel alters II, Tafel 92 u. 106. 3) Es müsste denn sein, dass die Kniebuckel aus Leder waren, was sehr wohl möglich ist. Nach den Ordensgewohnheiten ge hörten «knilinge» zum Amte des Trapiers, während alles, was «zu den wäpenen gehöret», dem Marschall unterstellt war. Hochmeister Heinrich von Plauen auf seiner Gold münze hält; vgl. meine vorangehende Abhandlung über den Original-Hochmeisterschild. Nur zeigt natürlich der Schild unseres Vogtes das einfache Ordenskreuz. Der Querbalken des letzteren, sowie der obere und untere Schildrand sind perspektivisch gezeichnet und geben zugleich den Querschnitt des Schildes wieder. Das Charakteristische der Pavesen ist eben die von oben bis unten gehende Ausbauchung des Schildes. Zu beiden Seiten des Vogtes sind die Wappen seiner vier Ahnen in überaus schöner Form ange bracht. Jeder Schild und jedes Kleinod wird näm lich von einem Engel in bewegter Stellung gehalten. Die Wappenschilde haben Dreiecksform, die Helme sind Stechhelme. Die Helmdecken sind ausgezackt, ab f liegend und (mit Ausnahme von Nr.4) mit dem Kleinod zusammenhängend. Die Wappen, welche sämtlich dem Ritter zugeneigt sind, zeigen folgende Bilder: Nr. 1 (rechts1) oben). Schild: drei aneinander geschobene, abgeledigte, d. h. den Schildrand nicht berührende (vertieft geschnittene) Rauten. Kleinod: zwei Hörner, welche bis auf einen schmalen Streifen des Umrisses vertieft geschnitten sind. Nr. 2 (links oben). Schild: zwölfmal geständert. Kleinod: ein Mannesrumpf, welcher eine spitze, zweifarbige (durch teilweise Vertiefung dargestellte) Mütze mit grossem Stulp trägt. Nr. 3 (rechts unten). Schild: ein springender Löwe; die Umgebung der Zaddeln ist vertieft ge schnitten. Kleinod: gekrönter Löwenkopf zwischen zwei Flügeln. Nr. 4 (links unten). Schild: ein Ankerkreuz. Kleinod: dasselbe Kreuz auf einer kreisförmigen, mit einem Wulst umgebenen Scheibe (Schirmbrett). Dem Herkommen nach ist Nr. 1 das Sfamm wappen (Libensteyn), Nr. 2 das Wappen der Mutter, Nr. 3 dasjenige der Grossmutter väterlicherseits, Nr. 4 desgleichen mütterlicherseits, nach dem Schema folgender Ahnentafel: 1 __5 3_4 Vater Mutter Kuno v; Libensteyn. Das Wappen Nr. 2 ist dasjenige der Waldbott v. Ulmen, Nr. 3 der Beyer v. Boppard, Nr. 4 wahr scheinlich dasjenige des Geschlechts v. Edelkirchen; ein ähnliches Wappen (Helm: eine Kugel, auf der jedoch das Ankerkreuz nicht zu sehen ist) führten die Hofwart v. Kirchheim. Letztere Nachrichten ver danke ich Herrn Kanzleirat Seyler.2) ') Rechts und links sind im heraldischen Sinne zu verstehen. 2) Es sei noch bemerkt, dass bei dem Aufziehen der Pause das untere Stück derselben sich etwas verschoben hat; doch er scheint die Deutlichkeit dadurch nicht beeinträchtigt. 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Mitteilungen aus der Renaissance-Abteilung der Kaiserlichen Eremitage zu St. Petersburg. Von Staatsrat Eduard von Lenz. (Mit 20 Abbildungen.) ie Waffensammlung- des Arse 103 Ausschluss der Oeffentlichkeit innerhalb der vier nals von Zarskoe - Selo verdankt ihre reiche Ent faltung in erster Linie dem im besten Sinne des Wortes «ritterlichen» Geiste des Kaisers Niko laus I., dessen hervor ragend konservativer, kriegerischer und zu gleich romantischer Sinn in einer stark ausgesprochenen Freude an schönen Waffen der Vorzeit seinen natürlichen Ausdruck fand. Selbst eifriger Sammler, fand der Herrscher die regste Unterstützung bei seiner hohen Gemahlin, den übrigen Gliedern des Kaiserhauses sowie vielen Grossen des Reiches, deren Darbringungen das Ar senal auch unter der Regierung seines Nachfolgers, des Kaisers Alexander II., wesentlich bereicherten. Zu der Zeit fand eine wissenschaftliche Kata logisierung und Zeitbestimmung der einzelnen Stücke nicht statt, was bei dem damaligen Stande der Waffenkunde auch nicht wunder nehmen kann; nach Ueberführung des Arsenals in die Räume der Kaiserlichen Eremitage aber nahmen die Neuaufstel lung der Sammlung, die Einverleibung der grossen Kollektion Basilewsky und endlich die besondere Aufmerksamkeit, welche den russischen und orientalischen Alter tümern zugewandt wurde, die Arbeits kraft der Verwaltung zu sehr in Anspruch, um an Spezialfor schungen auf dem noch so neuen Gebiete der Waffen geschichte denken zu können. Jetzt ist es dem Schreiber dieser Zei len vergönnt, an die zwar sehr schwierige, aber doch äusserst dankbare und dabei hochinteressante Aufgabe der neuen Katalogisierung die ser hervorragenden Waffensammlung und Bestimmung der einzelnen Objekte heranzutreten, und wenn diese Arbeit auch sozusagen mit Fig Wände geschehen muss, so halten wir es doch mit ihrer Natur ganz gut vereinbar, von den dabei zu Tage tretenden Schätzen an hervorragenden Erzeugnissen der Wafifentechnik, Meistermarken, kultur- und kunst historischen Daten dieses und jenes in zwangloser Reihe von Zeit zu Zeit zur Kenntnis eines weiteren Kreises unserer Fachgenossen zu bringen: Studien, Skizzen oder Notizen, kurz lose Blätter, deren Zu sammenstellung und systematische Bearbeitung einer späteren Zeit Vorbehalten bleiben muss. Wir beginnen daher hier mit einer Serie von Mit teilungen aus der Renaissance-Abteilung der Kaiser lichen Eremitage zu St. Petersburg und hoffen, dass es den Publikationen nicht an dem Interesse der Leser unserer Zeitschrift fehlen wird, welches in schwierigeren Fragen in einem Meinungsaustausche berufener Fachleute seinen Ausdruck finden könnte. I. Der angebliche Helm Heinrichs des Löwen. Der in Fig. 1 abgebildete Helm der Kaiserl. Eremitage zu St. Petersburg kann wohl, als vielleicht einzig in seiner Art, ein erhöhtes Interesse der Spe zialisten im Waffenfache und nicht minder der Kunsthistoriker beanspruchen, und wenn er, wie es leider der Fall, bisher verhält nismässig wenig berücksichtigt worden ist, so findet das vermutlich seinen Grund sowohl darin, dass den Forschern nicht das Original selbst, sondern nur unzu verlässige Gipsabgüsse zu gänglich waren, als auch vielleicht in dem Um stande, dass im letz ten Jahrzehnte die Zuschreibung des Objektes an eine hi storische Persönlich keit gewissermassen einen Strich unter der Rechnung gemacht hatte und somit eine weitere Forschung überflüssig erschien. Wir fühlen uns durchaus nicht be rufen, an den Aus führungen und frci 1. lieh um viele Jahr 104 Zeitschrift für historische Waffenkunde. hunderte auseinandergehenden Zeitbestimmungen der II. Band. mit Löchern zur Befestigung des Panzerzeuges ver Fachgenossen, welche unserem Helme ihre Aufmerk samkeit zugewandt haben, Kritik zu üben und an dieser Stelle eine genaue Datierung des Stückes aufzustellen. Zweck dieser Zeilen ist vielmehr, eine bis her nicht veröffent lichte eingehende Beschreibung des Originales in Wort und Bild zu bringen und zugleich einiges Material zusammen zutragen, dessen Ver gleich mit den or namentalen Motiven des Helmes dem be rufeneren Sachver ständigen bei einer präziseren Prove nienz- und Zeitbe stimmung vielleicht manchen nützlichen Hinweis liefern könnte. Der fragliche Helm, von dem wir hier noch eine Schei tel- und eine Innen Ansicht geben (Fig. 2 und 3), ist eine Beckenhaube aus sechs in einer Spitze zusammenlau fenden Bronze bügeln, die im Scheitelpunkt von einer run den Scheibe mit jetz ab gebrochenem Helmzierfusse zusammenge schlossen wer den. Die unten beiderseits aus ladenden kon kav geschweiften Enden der Bügel stossen zusammen und sind mit einem breiten, eisernen Stirnreifen in Ver bindung gebracht, auf welchen ein dünner, verzierter Bronzestreifen aufgenietet ist. Der untere Rand des Stirnreifs ist zwar an vielen Stellen ausgebröckelt, doch lässt sich noch mit voller Bestimmtheit er kennen, dass er in seiner ganzen Ausdehnung, selbst an den bogenförmigen Ausschnitten über den Augen, sehen war. Die Felder zwischen den Spangen sind mit sechs entsprechend flach gewölbten Eisenplatten ausgefüllt, die an die Ränder der Spangen mittels vergoldeter Kupfer nieten befestigt sind. Ein Naseneisen war nicht vorhanden, es fehlt an derbetreffen den Stelle jegliche Spur sowohl einer Vernietung als auch einer Verstärkung oder Auftreibung im Metall. Wir lassen hier die nötigen Massan gaben folgen: Flöhe des Hel mes mit dem Fusse der Helmzier 18,5 cm, Längsdurch messer des Stirnreifs 22,3 cm, Querdurch messer des Stirnreifs 19,5 cm, innerer Um fang des Stirnreifs 65 cm, Durchmesser der Scheitelplatte 4 cm, Höhe des (hohlen) Fusses der Helmzier 1 cm, Länge der Bügel von der Platte bis zum Stirnreif 16 cm, Dicke der Bügel 2,5 mm, Breite des Stirnreifs 4 cm, Länge der Eisenplatten 17—18 cm, grösste Breite der Eisenplat ten 8—10 cm, Dicke der Eisenplatten 2,5 mm, Sehnen läng'e der bogen förmigen Augenaus schnitte 6 cm. — 3 Die Löcher für die Ringe des Panzer zeuges haben einen Durchmesser von 3,5—4 mm und sind in "einem Abstande von ca. 3 mm von einander und von dem unteren Rande des Stirnreifs angebracht. An der rechten Seite sehen wir acht Löcher über der ursprünglichen und an dieser Stelle offenbar schon früh brüchig gewordenen Löcherreihe eingeschlagen. 4. Hefl. Zeitschrift für historische Waffenkunde, Das Gewicht nach der Reinigung beträgt 3 Pf. 105 als Schutz gegen die feindliche Angriffswaffe dem 50 Sol. russ. — Ueber Fundort und Herkunft des Helmes ist nichts bekannt; in die Kaiserl. Eremitage gelangte er im Bestände der Sammlung Basilewski in Paris, in deren Verkaufskatalog (No. 409) er als «heaume du XVI. siede» (sic!) angeführt wird, Früher soll er zu der Sammlung des Freiherrn Zu Rhein gehört haben,1) der ihn, wie Freiherr R. v. Mansberg mitteilt,2) aus dem Nachlasse der Herzogin von Berry erstand.3) Die Angabe W. Boeheims, der Helm befinde sich gegenwärtig im Besitze des Herzogs von Cumber land,4) beruht auf einem Irrtum, denn nach Aussage des Herrn Bibliotheksrates Buck auf Schloss Cumber land, dem wir an dieser Stelle herzlichen Dank für die freundliche Auskunft sagen, befindet sich im Be sitze des Herzogs nur der von einem der Maler Kaulbach in München besorgte Gipsabguss des Ori ginals, sowie eine nach diesem Gipsabguss auf galvano plastischem Wege hergestellte genaue Nachbildung. W. Boeheim und Fr. R. v. Mansberg schreiben den Helm dem Herzoge Heinrich dem Löwen zu; letzterer bezeichnet ihn als «historisch beglaubigten Original helm», doch vermissen wir in beiden oben angeführten Werken die eine solche Zuschreibung begründenden Belege, welche, wie uns scheinen will, doch kaum als allgemein bekannt vorausgesetzt werden können, da z.B. eine Autorität wie L. Lindenschmit bei wiederholter und eingehender Besprechung des Stückes") dieser Zu gehörigkeit mit keinem Worte erwähnt und dessen An fertigung in die merovingische Periode zurückdatiert. Fassen wir nun zunächst die Konstruktion des Helmes ins Auge, so dürfen wir vor allem nicht übersehen, dass wir es mit einem sogenannten Spangenhelm zu thun haben, d. h. mit einer Kopf bedeckung, deren defensive Bedeutung überwiegend in einem Gerippe radial von der Spitze zum Stirn reif hinabreichender starker Metallbügel liegt, während die Füllung der zwischenliegenden Felder als Deck mittel erst in zweiter Linie in Betracht kommt und rJ Lindenschmit, Handb. d. deutsch. Altertumskunde, S. 257 t. “) Wäfen und wiegewaete der Ritter des deutschen Mittel alters, S. 33, Anm. 7. Vgl. Tafel IX mit dem erklärenden Texte. 3) Von den Versteigerungen der Kunstschätze der Herzogin ist uns nur der Katalog der Auktion vom 4.—6. April 1837 von Paillet bekannt, doch behandelt dieser ausschliesslich die Gemälde. 4) Handbuch der Waffenkunde, S. 27. 6) L. Lindenschmit, Handbuch der deutschen Altertumskunde, S. 257. Derselbe, Das Altertum unserer heidn. Vorzeit III, Heft 10, Tafel V. Derselbe, Römisch-German. Central-Museum Tafel 14. — Es ist wohl nur einem Missverständnisse auf Rechnung zu setzen, wenn A. v. Essenwein (Helme im Germ. Museum S. 3) die Ansicht ausspricht, dass Lindenschmit den Helm «mit Recht dem 10. Jahr hundert zuschreibt». Die Stelle in dem angezogenen Werke Linden schmits (Handbuch 1. c.) lautet: «Obschon die Herkunft und der Fundort des Helmes nicht mehr aufzuweisen ist und bei der über aus grossen Seltenheit von Schutzwaffen selbst noch des io. und 11. Jahrhunderts seine Altersbestimmung unsicher bleibt, so bietet doch seine nächste Verwandtschaft mit den beiden angel sächsischen Helmen und überhaupt mit der Schmiedearbeit der merovingischen Periode vollkommenen Anhalt für eine Vor stellung der Helme dieser Zeit, in welcher ja allenthalben das Vorwalten volkstümlicher Ueberlieferung erkennbar ist.» Bügelgerippe jedenfalls nicht gleichwertig ist. Der Unterschied zwischen diesen beiden Faktoren ist bei unserem Exemplare gerade weniger auffällig, da die als Füllung benutzten Eisenplatten selbst heute noch, trotz starken Röstens, bei 2,5 mm Dicke immerhin eine beträchtliche Widerstandsfähigkeit repräsentieren, doch müssen wir im Auge behalten, dass an Spangen helmen bei weitem nicht immer Metallplattcn zur Füllung der Zwischenfelder verwendet wurden; von den beiden uns erhaltenen, in England ausgegrabenen Exemplaren war der eine sicher — vielleicht aber auch beide — zwischen den Spangen mit einem Gefüge von Hornplatten versehen') und es ist ohne Zweifel zutreffend, was J. Hampel von fränkischen und angelsächsischen Helmen im allgemeinen sagt:2 * *) «Ueberall ist die Grundform und das Hauptstück des Helmes eine Mütze aus Filz oder ähnlichem Stoffe, welche durch Metallverkleidung widerstandsfähiger gemacht wird. Um den unteren Rand der Mütze läuft ein Metallstreifen, von welchem schmale Bänder gegen die Spitze zu aufsteigen.» Die Spangenkonstruktion giebt bei der Datierung von Helmen zweifellos ein mehr oder minder mass gebendes Moment ab, und gerade deswegen glauben wir besonders hervorheben zu müssen, dass dieser Helmtypus scharf zu unterscheiden ist von den spangen ähnlichen Metallbändern, welche bei Helmen, die aus mehreren Stücken zusammengenietet sind, die Naht stellen decken und, ohne die übrigen Teile der Glocke an Widerstandsfähigkeit erheblich zu übertreffen oder zu verstärken, teils als Bindemittel, teils dekorativen Zwecken dienen. Solche Naht- oder Nietenbänder, die mit dem konstruktiven Prinzipe der Bügelgestelle in gar keinem Zusammenhänge stehen, finden sich aber, besonders im Orient, sehr häufig, sowohl in vor- wie in nachchristlicher Zeit. Originale von Spangenhelmen sind nur in sehr wenigen Exemplaren erhalten und daher sind wir bei der Zeitbestimmung solcher meist auf die Hilfe bild licher Darstellungen derartiger Schutzwaffen ange wiesen. Es würde zu weit führen und den Rahmen dieser kurzen Abhandlung überschreiten, wollten wir hier näher auf die Darstellungsweise der Spangen und Nietenbandhelme eingehen; daher müssen wir uns auf die Andeutung beschränken, dass nur in den seltensten Fällen bildliche Darstellungen von Helmen dieser Art zweifellose Schlüsse auf die Konstruktions art gestatten, da Wollen oder Können der Bildner meist nicht ausreichten, um den Unterschied zwischen den beiden erwähnten Typen klar hervortreten zu lassen.8) *) Roach Smith, Collectanea antiqua. Vol. II, p. 238 sq. 2) J. Hampel, Der Goldfand von Nägy-Szent-Miklös, p. 10. a) Es seien hier nur einige Beispiele solcher Darstellungen angeführt: Trajanssäule, Elfenbeinskulpturen der Kisten von Xanten, Paris und Kronenburg, Eberhelme auf dem Gundestrup-ICessel und auf den Bronzeplatten von Björnhofda, das Helmfragment von Vendel, der Reiter auf dem Kruge Nr. 2 des Goldfundes von Nägy-Szent-Miklös, der Teppich von Bayeux, die Thürpfeiler der Kirche von Hyllestad u. a. m. 14 io6 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Die Konstruktion des Helmes zum Ausgangs II. Band. vier in einer horizontalen Reihe angeordnete Drei punkte nehmend, müssen wir also die Zeit seiner Entstehung innerhalb der allerdings recht weiten Grenzen suchen, welche nach den bisher bekannten Denkmälern die Gebrauchsperiode der Spangenhelme bezeichnen. Eine genauere Betrachtung der Orna mentierung unseres Objektes kann vielleicht dazu beitragen, den Kreis enger zu ziehen; wir wollen daher versuchen, einzelnen Motiven der Dekora tion analoge, an anderen Denk mälern vorkommende Elemente zur Seite zu stellen oder wenig stens auf verwandte Erschei nungen hinzuweisen. Am wenigsten Charakte ristisches bieten die stark ver goldeten Bügel (Fig. 4) und die runde Scheibe auf dem Scheitel punkte des Helmes. Ihre Ver zierung besteht in teils spitz-, teils rechtwinkligen, mit der Spitze gegeneinander gekehrten Dreiecken, deren Konturen in gehauener Technik durch punktierte Einien und aneinander gereihte Halbkreise bezeichnet sind; die Innenflächen der Dreicke sind umschichtig blank und geschuppt; in dem gebrochenen Zwischenfelde ist mehrfach eine Figur wiederholt, welche auf die primitivsten An fänge der Tierornamentik zurückzuweisen scheint. Reicher verziert ist das auf dem Stirnreifen auf genietete vergoldete Bronzeband, welches mittels F'g- 5 Stempel von der Innenseite herausgetriebene Figuren und Ornamente trägt. Den Mittelpunkt (Fig. 5) bildet ein grosser menschlicher, bartloser Kopf, zu dessen beiden Seiten zwei löwenähnliche Tiere in schreiten der Stellung; über dem rechts1) stehenden Tiere *) Rechts und links hier durchweg heraldisch zu verstehen. ecke, deren jedes an der Basis von dem Scheitel punkte des nächstfolgenden berührt wild; über dem linken Löwen eine im Zickzack gebrochene Linie. Rechts, an dem Kinn des Gesichtes ansetzend, ein Vogel, die entsprechende linke Seite ist weg Fig. 4. gebrochen; direkt unter dem Kopfe eine wegen der starken Lädierung dieser Stelle schwer zu deutende Figur, welche bei genauer Betrachtung des Originals das rankenartige Fragment eines Pflanzenornamentes darzustellen scheint. Suchen wir uns zunächst inner halb dieses Kreises von Darstellungen zu orientieren, so muss uns die Verwandtschaft einzelner Figuren mit den Typen auf dem Silberkessel von Gundestrup auffallen:1) Die Wahl eines im Verhältnisse zu den übrigen Figuren übergrossen Kopfes als Mittelpunkt, Form, Züge und Ausdruck des Gesichtes, Anordnung des Haa res, das Fehlen der Ohren — alles dieses weist uns in den Bilderkreis des Silberkessels und bietet namentlich gewisse Ana logien mit dem bei S. Müller auf Tafel IX dargestellten Bild nis des gallischen Gottes Cer nunnos, dessen Geweihstangen hier leicht wegen Raummangel in Wegfall gekommen sein können (Fig. 6). Die löwenähnlichen Tiere zu den Seiten des Kopfes (Fig. 7—8) finden freilich keine direkten Vorbilder auf dem Silberkessel, und wenn auch in der Anordnung, Stellung sowie Behandlung des Kopfes und der Krallen nicht zu leugnende An klänge an das Fundstück von Gundestrup vorliegen, so tragen doch die Tierfiguren des Helmes einen mehr römischen Charakter und nähern sich den Löwengestalten auf der grossen Reibschale des J) Wir folgen der Ausgabe Sophus Müller, Nordiske Fortids minder. Det störe s0lvkar fra Gundestrup i Jytland. 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Museums in Speyer, wo auch das Fragment des 107 in seinen Augen am meisten ankam, dem Götterkopfe Rankenornamentes eine Analogie findet (Fig. 9). Der Vogel unter dem Kopfe hat offenbar nur die Bestimmung, den leeren Raum auszufüllen; er ist ganz deutlich auf dem Originale und auf der bei gegebenen Photographie (Fig. 5) wahrzunehmen, und wenn Lindenschmit1), nach dem ihm vorliegenden unvollkommenen Abgusse schliessend, die Vermutung ausspricht, dass auf dem Originale sich an dieser Stelle nicht eine Wiederholung des häufig gebrauch ten Vogelstempels, sondern der rechte Arm der angedeuteten menschlichen Figur findet, welcher Fig. n. Fig. 13. den Löwen abwehrt oder am Barte fasst, so ist diese Voraussetzung freilich ein Irrtum, aber zugleich ein uns willkommener Hinweis darauf, dass dem gelehr ten Verfasser sich gleichfalls die Aehnlichkeit mit den Gundestrupbildern und ihnen verwandten Dar stellungen aufgedrängt hat. Eine, wenn auch durch aus nicht ungezwungene Erklärung für das Anbringen des Vogels an der angegebenen Stelle bietet viel leicht die Annahme, dass dem Künstler die Figur der Göttin auf PI. XIII des Gundestrupkessels vor geschwebt hat, welche einen ganz ähnlich gezeich neten Vogel (Fig. 10) auf der rechten Hand hält. Da nun Hals, Schultern und Arme hier in Wegfall kommen, so hat der Meister den Vogel, auf den es *) Die Altertümer unserer heidnischen Vorzeit III, 10. Heft. direkt an das Kinn, d. h. in Schulterhöhe ang'esetzt. Die reihenweise Anordnung von Vogelgestalten (Fig. 11) ist als Verzierung räumlich und zeitlich wohl zu verbreitet gewesen, um daraus Schlüsse auf die Zeit der Anfertigung des Blechbandes ziehen zu können; finden wir doch bereits eine ganz ähn liche Ornamentierung auf einer Brustplatte des Hall städter Fundes1) (Fig. 12). Wir wollen hier nur darauf aufmerksam machen, dass einzelne der Vögel ohne ersichtlichen Grund und jedenfalls nicht aus räumlichen Rücksichten umgekehrt, mit den Füssen Fig. 14. nach oben, gestellt sind, gerade so, wie auf dem Silberbecher von Bavnehoi auf Seeland2) (Fig. 13). Von den übrigen auf dem Bande vorkommen den Verzierungen scheinen uns noch die an der rückwärtigen Nahtstelle als Abschluss angebrachten Tangentenspiralen beachtenswert, deren Mittelfeder nicht als Spiralen eingerollt, sondern knopfartig auf getrieben sind3) (Fig. 14). Endlich möchten wir noch die Umsäumung des unteren Randes besonderer Auf merksamkeit empfehlen: es ist dieses ein horizontales 1) Fr. v. Sacken, Das Grabfeld von Hallstadt, Tafel VIII, Nr. 8. s) Mem. de la societd des antiq. du Nord. 1869. p. 269. 3) Ein ganz ähnliches Ornament an den Zierscheiben aus Bosnien und der Herzegowina bei Hoernes, Urgeschichte der bil denden Kunst in Europa, Tafel XX, Fig. 4 und Tafel XXI, Fig. 6. Vergl. auch die Goldhörner von Gallehns. 108 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Band aus ineinander geschobenenen stumpfwinkligen II. Band. Auf Grund obiger Ausführungen glauben wir Dreiecken, welches beiderseits in flache, birnenförmig gestaltete Schlangenköpfe ausläuft, denen unmittel bar hinter dem Halse je ein Paar kleiner, nach vorn gekrümmter Füsse beigegeben ist (Fig. 14). Die un gewöhnliche Zeichnung dieser appendices — halb rund gebogen und zugespitzt — legt unwillkürlich den Gedanken nahe, dass der Künstler seine Vorlage falsch aufgefasst und ein Paar Füsse dort angebracht hat, wo eine andere Figur hingehörte. Diese Vor aussetz. ng gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn wir den Ke sei von Gundestrup zum Vergleiche heran ziehen, dessen Darstellungskreis die Ornamentation unseres Helmes entschieden beeinflusst zu haben scheint. Wir finden hier auf verschiedenen Platten in dreimaliger Wiederholung (Fig. 15—17) das Bild Fig. 15. Fig. 16. zu folgenden Schlüssen gelangen zu können: 1. Der Plelrn der Kaiserl. Eremitage muss nach seiner Konstruktion als Spangenhelm zeitlich den beiden angelsächsischen Spangenhelmen nahegestellt werden, sowie denjenigen bild lichen Darstellungen solcher Helme, an welchen die Spangenkonstruktion (im Gegen sätze zu den Nietenbändern) zweifellos er kannt werden kann. 2. Da einer der angelsächsischen Helme einen Eber als Zier trägt, ähnliche Eberhelme aber auf dem Silberkessel von Gundestrup dargestellt sind, so ergiebt sich eine Ver bindung zwischen dem Silberkessel und unserem Spangenhelm, der zudem gleichfalls Fig. 17. Fig. 18. einer Schlange mit Hörnern, des dem Gotte Cernunnos geheiligten Tieres, und zwar nur einmal mit deut lich gezeichneten scharf gekrümmten Widderhörnern (Fig. 17), während die beiden anderen Darstellungen, darunter die der Schlange in der Hand des Gottes (Fig. 16), unklar genug sind, um es leicht verständ lich zu machen, dass diese Beigabe falsch aufgefasst und in ein dem Verständnisse des Künstlers näher liegendes Fusspaar umgewandelt werden konnte. Schlangenköpfe als Abschluss von Bandornamenten f inden wir nicht selten an dem Silberkessel nahe stehenden Denkmälern; als Beispiele führen wir hier an den Bronzegriff des eisernen Schwertes von Ul tuna1) (Fig. 18) und den Goldbrakteaten aus Asum in Schonen'2) (Fig. 19). Die Verwendung des Schlan genleibes aber als Band mit abschliessenden Köpfen ist vielleicht unmittelbar dem Wolfsbilde auf PI. XII des Silberkessels entnommen, wo der Leib zwischen den beiden Wolfsköpfen gleichfalls bandförmig aus gezogen ist (Fig. 20). l) Mont^lius, Temps prehnt. en Suede, p. 216, fig. 304. 2! Ibid, p, 206. eine, wenn auch nicht mehr festzustellende Zier getragen hat. 3. Diese Verbindung wird bestätigt durch die Ornamentation des Helmes, welche deutliche Anklänge an die Verzierungen des Kessels von Gundestrup aufweist. Dem Silberkessel zeitlich nahestehend, muss unser Helm aber doch jüngeren Datums sein, da auf ihm die Typen des Gundes truper Bilderkreises doch nur in verblassten, zum Teil schablonenhaften, zum Teil in ihrer Bedeutung missverstandenen Anklängen wiedergegeben werden. Die genauere Zeitbestimmung unseres Objektes aber wird in erster Linie davon abhängen, ob neue Funde den Gelehrten die Möglichkeit geben werden, sich über das Alter des Silberkessels zu einigen, dessen Anfertigung, je nachdem man sich der An sicht Bertrands, S. Müllers, Montelius oder S. Rei nachs anschliessen will, in dem Zeiträume zwischen den Cimbernkriegen und der Wikingerperiode zu suchen ist. 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 109 Glossen zum Rüstmeister-Vokabularium des Friedrich von Leber. Vortrag von Dr. Othmar Baron Potier. (Gehalten in der 3. Hauptversammlung des Vereins für historische Waffenkunde am 19. Juni 1900 in Dresden.) Hochverehrte Versammlung! ines der traulichsten Mär chen unseres Volkes ist die Geschichte von Prinzessin Dorn röschen , welche in tiefem Schlummer, umhegt von stache ligen Ranken, viele Jahre hindurch auf den erlösenden Kuss warten musste. Unter einem ähnlichen widrigen Schicksale, wie diese Lichtgestalt der deutschen Sa genwelt, hatte auch Jahrhunderte hindurch derjenige Zweig der Kulturgeschichte empfindlich zu leiden, in dessen Dienst wir, verehrte Anwesende, unsere Kräfte gestellt haben. Nicht, dass die uralte, gleichsam im Blute lie gende Freude an schönen Waffen, dieses Erbgut des germanischen Volksstammes, plötzlich unserem Volke abhanden gekommen wäre, dass man vielleicht mit der zunehmenden Gesittung verachtungsvoll auf das Handwerkszeug des rauhen Kriegers geblickt hätte. O nein! Nach wie vor stand des Mannes Handwehr bei unserem Volke in hohem Ansehen, und gar wohl wusste man den Wert einer formvollendeten Waffe, etwa einer wurmbunten Klinge, eines kunst voll gefügten Harnisches zu schätzen. Aber die unserem Volke eigentümliche Lust am Fabulieren, welche auch das praktische Gerät des täglichen Le bens mit sinnigen Gedanken zu umspinnen liebte, umkleidete sogar die Waffe in der Weise eines jugendfrischen Volkes mit einer gewissen gemüt vollen Poesie. Dem Deutschen war seine Waffe stets mehr denn ein blosses, von Menschenhand ge fertigtes gefühlloses Werkzeug. In seiner Einbildungs kraft personifizierte er die Waffe, indem er aus dem wesenlosen Ding ein belebtes Geschöpf gestaltete. Das Schwert zum Beispiel war dem Kriegsmann ein guter Kamerad, ein von ihm unzertrennlicher Gefährte in Freud und Leid, welchem er wie seinem Blutsbruder einen eigenen Namen beigelegt hatte. Treu stand das Schwert seinem Gesellen in harter Todesnot im Getümmel auf der Kampfheide zur Seite; es bahnte im küenlichen swertswanch dem Helden eine Gasse durch der Feinde Scharen; es redet zu dem Degen und warnt ihn vor drohendem Unheil durch klagendes Klingen und Klirren; auf der Dingstätte half es dem freien Manne wie ein Eideshelfer von Fleisch und Bein sein Recht suchen und finden, sei es, dass der Mann sein Wort da durch bekräftigte, dass er die Schwurfinger beteuernd auf den Schwertknauf legte, sei es, dass er sein Recht auf des Schwertes Spitze stellte und im Zwei kampfe ein Urteil vom Himmel heischte. Dieser dichterische Zug unseres Volkscharakters, dieser Hang zum Träumen barg jedoch auch die Gefahr in sich, dass man im Laufe der Zeiten immer tiefer in den Irrgarten der anmutigen Zauberfee Romantik hinein geraten musste, endlich das Verständnis für die Waffe als solche verlor und diese nur dann etwas gelten lassen mochte, wenn man mit ihr irgend eine hervorragende Persönlichkeit, oder ein geschichtliches Ereignis schlecht und recht in Verbindung bringen zu können vermeinte. In diese Zeit der Raritäten kabinette, in welchen man neben Seejungfrauen voll selbstzufriedenem Behagen des Hunnenkönigs Etzel Pistolen vorwies, fällt die tiefste Erniedrigung der historischen Waffenkunde. Sowie aber das Zuviel auf einem jeden Gebiete sein Gutes besitzt, indem es einem jeden, der über haupt sehen will, klar wird, dass es auf dem betre tenen Wege nicht mehr weitergehe, so bahnte auch um die Wende des vorigen und gegenwärtigen Jahr hunderts ein kleiner Kreis von Männern allmählich die richtige Erkenntnis von dem Wesen alter Waffen an, indem diese Freunde der Wahrheit mit dem Mute der Ueberzeugung gegen den Rattenkönig von Fabeln anzukämpfen begannen, welcher damals in den Waffenkabinetten Europas förmlich gemästet wurde. In Oesterreich war es neben dem verdienstvollen Josef v. Scheiger, von dessen Aufzeichnungen un sere Zeitschrift wiederholt Proben gebracht hatte, besonders Friedrich v. Leber, welcher unverdrossen das wüste Unkraut rodete, das auch in den grossen Waffensammlungen Wiens so üppig in die Halme geschossen war. In Lebers grundlegendem, ein tiefes Fachwissen, einen scharfen praktischen Blick verratendem Werke «Wiens kaiserliches Zeughaus» (Leipzig, Karl Franz Koehler 1846) bildet einen sehr lehrreichen Abschnitt das Rüstmeister-Vokabularium, weil dasselbe uns eine Uebersicht über die alten Benennungen vieler Gerätschaften ermöglicht, welche in längst verklun genen Zeiten zur Ausrüstung von Mann und Ross bestimmt waren. Zur Erklärung des Ausdruckes Rüstmeister sei hier die Bemerkung eingeflochten, dass der mittel alterliche Edle seinen Waffenvorrat in eigenen Räu men aufbewahrte, welche man Harnasch-, Rüstkam mer, Zeugstadel, Muserie nannte. Einer Erläuterung bedarf das Wort Muserie. Mit mus bezeichnete man HO Zeitschrift für historische Waffenkunde. ursprünglich den einzelnen eisernen Ring des Maschen II. Band. Herzog Friedrich, dem nachmaligen Kaiser Friedrich panzerwerkes (maille). Später übertrug sich die Bedeutung von dem Teil auf das Ganze, also auf den Harnisch selbst und endlich auf den Ort, wo die Harnische verwahrt wurden, d. i. das armamen tarium, das, was wir heute Zeughaus nennen würden. Hier, in der Harnischkammer, hingen die gewöhn lichen Harnische auf Gestellen, während man kost barere in eigenen Truhen sorgsam auf bewahrte; hier ruhten Stangenwaffen aller Art auf Gerüsten, hingen Schwerter und Sattelzeug an den Wänden oder auf eigenen Böcken; hier aber hantierten auch die Harnischfeger, die harnaschpiezer, mit Werg ballen an Wischbänken oder scheuerten das isen gewant ihres Herrn im vegevaz, um es von dem Rostanfluge zu säubern, welchen die Feuchtigkeit der Luft, der Schweiss des Trägers auf dem Eisen kleide hervorgerufen hatte; hier versahen die Knechte die Folgen der beweglichen Harnischteile mit neuen Geschübeledern, oder suchten die Beulen mit vor sichtig geführten Hammerschlägen zu glätten, welche ein kräftiger Stoss, ein harter Fall als sichtbare Merkmale an dem kostspieligen Kriegskleide des Ritters hinterlassen hatte. Mit scharfem Auge sah der Harnasch-, Rüstmeister, der custos thoracum ferre orum, in der Muserie nach dem Rechten und gönnte den dort Beschäftigten strafende oder ermunternde Worte, je nach Verdienst; er sorgte dafür, dass die seiner Obhut anvertrauten Waffenvorräte sich stets in einem guten Zustande befänden, dass nichts aus dem Zeugstadel verschleppt werde, zu welchem Zwecke er ein Inventar angelegt hatte und in Evidenz hielt. Der mit allem ritterlichen Waffenwerke wohl ver traute Mann überprüfte Ross und Waffen vor dem Turniere, er wappnete auch eigenhändig seinen Herrn, denn das Anlegen des Eisenkleides war eine um ständliche Sache, welche Genauigkeit und Erfahrung erforderte, sollte der Harnisch seinen Träger weder drücken noch wundreiben; der Harnischmeister, dessen gesellschaftliche Stellung dem Range seines Gebieters entspiach, begleitete diesen endlich regel mässig beim feierlichen Einzuge zum Turnier, in die Schranken. Wir sehen also aus diesen Umrissen, welche Vertrauensstellung ein seines Amtes kundiger Rüstmeister einnehmen mochte, dessen Urbild uns die deutsche Heldensage in der Gestalt des alten Hildebrand zeichnet, Dietrichs von Bern vielklugem und vielgetreuem Waffenmeister. Lebers Rüstmeister-Vokabular selbst schöpft aus sechs verschiedenen, einen Zeitraum von 126 Jahren umfassenden Quellen, welche Leber mit den Buch staben A bis F bezeichnet. Das erste unter A an geführte Verzeichnis ist das älteste, welches wir über haupt kennen. Es stammt aus dem Jahre 1436, als der Harnischmeister Hans Neydecker die ihm anvertrauten hernasch vnd zewg, welche aus der Verlassenschaft des 1424 gestorbenen Herzogs Ernst des Eisernen herrührten und die im Zeugstadel zu Wiener-Neustadt aufbewahrt wurden, dem jungen IV., übergab. Die Listen B und C gehören dem Jahre 1464 an und sind zwei Herausforderungen zum Zwei kampfe entnommen. Ungemein interessant ist der unter D angeführte Auszug. Zwei Ritter hatten sich zum Zweikampfe herausgefordert und dazu die Art der Rüstung genau verabredet. Als sie nun am festgesetzten Tage gegeneinander ritten, glaubte der eine zu bemerken, dass sein Gegner weit schwe rer gewappnet sei, als es nach seiner Auffassung der Vertrag gestattete. Er verweigerte es daher, sich zum Streite zu stellen und berief ein Schieds gericht ein. Vor diesem kommen nun alle Einzel heiten der damaligen Rüstungsweise zur Sprache, die Form, das übliche Mass der Harnischteile, die Erläuterung, was man damals (1465) unter diesem oder jenem Namen eigentlich verstanden habe, An gaben, welche mit Rücksicht auf diese Details für uns natürlich von höchstem Werte sind. Die Rubrik E bringt das Verzeichnis der harnaschkammer zu Landshuet und bekhanntnuss des harnaschmaister Khleberger de annis 1500—1508, diejenige unter F das Inventary über die harnischcamer im schloss Landshuet de anno 1562. Schreiten wir an die Betrachtung der einzelnen technischen Bezeichnungen für die Bestandteile, aus welchen sich dasjenige zusammensetzte, was wir nach dem heutigen Sprachgebrauche unter dem Begriffe Rüstung zusammenzufassen gewohnt sind, so muss erwähnt werden, dass das Rüstmeister-Vokabular diesen Ausdruck nicht kennt; als Gattungsnamen ge braucht es dafür beharrlich das Wort harnasch oder hernasch, worunter es eine jede wie immer geartete Schutzhülle des Leibes versteht. Von Helmen führen Lebers Listen folgende Arten an: Die hawbe, also diejenige Schutzhülle für den Kopf, welche in der zweiten Hälfte des 13. Jahr hunderts aufkommt und die wohl aus dem sphärisch spitz zulaufenden normanischen Helm hervorgegangen sein dürfte. Die puckhelhaube (beggelhübe, beckel huot, bacinetum,. bacinet). Diese liess das Gesicht frei bis über die Augenbrauen, reichte jedoch tief in den Nacken herab; Kloben an ihrem ranft (Rand), durch welche ein Eisenband gezogen wurde, ermöglichten es, an ihr das Maschenpanzerwerk, den rinkharnasch der Halsbrünne, (Halsberg, Halsveste, Goller, gollir) zu befestigen. Um 1330 erscheinen an den deutschen Beckenhauben die Nasenbänder, Streifen aus Ringgeflecht, welche das alte nasebant, das vintale, ein der Nasenform entsprechend zuge schnittenes Blechstück, ersetzen sollten, jedoch be reits 40 Jahre später wieder verschwinden. Neben der hawbe kommt die schelern (Schallern, salade, salata) vor, jene bekannte Form für den Helm, welche um 1420 auftritt und in ihrer Gestalt mit dem Süd wester der deutschen Seeleute eine so auffallende Aehnlichkeit besitzt. Ferner wird das helmlin erwähnt, ein leichter Feldhelm, mit welchem nicht der schwere oder ganze hauptharnisch, also der geschlossene 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Visierhelm zu verwechseln ist. Endlich wird des III Teiles des Hersenier vom oberen für den ersteren eisenhuet (isenhuot, chapel) gedacht. Das Wort eisenhuet gebrauchen die Rüstmeister-Inventare nicht im Sinne eines Gattungsbegriffes für die eiserne Schutzhülle des Kopfes überhaupt, etwa so wie die bekannte Inschrift auf dem Schlachtschwerte des schwäbischen Landvogtes Konrad Schenk v. Winter stetten (-J- 1243) Chvnrat • vil • Verder • Shenke • Hie bi • Dv • min • Gedenke • Von • Vinter • Stetten Hohgemvt • La • Ganz • Dehaine • Iisenhvt • Sie verbinden damit vielmehr die Vorstellung von einer ganz bestimmten Helmart, nämlich dem Eisen hute im engsten Sinne des Wortes. Der Eisenhut war ein tiefes, von einer breiten Krempe umgebenes Becken, auf welchem eine Schiftung, mitunter auch ein geleng von rinkharnasch angebracht war; für den Kriegsgebrauch wurde manchmal der ranft der Krempe mit scharfen Eisendrähten durchzogen vnd verzeint, eine Sitte, welche man jedoch bei Kampf spielen nicht duldete. Unter dem Ausdruck huncz kappen ist wohl die um 1350 auf kommende Hunds gugel zu verstehen, welche sich g'rosser Beliebtheit erfreute, denn «die Hundskugeln führte Ritter und Knecht, Bürger und reisige Leut», heisst es in den fasti limpurgenses; die Hundsgugel verschwand erst im 15. Jahrhundert. Das Landshuter Inventar er wähnt auch die Sturmhaube mit ihren zween Pagkhen, also jene Helmform, welche aus Italien über Spanien und Frankreich als bourgignotte in Deutschland Ein gang gefunden hatte. An Turnierhelmen werden aufgezählt: der Tur nayhelm, ein kugelförmiges, mit starkem gesottenen Rindsleder überzogenes Eisengerüste, dessen Scheitel stück auf einem Kreidegrund des Ritters Wappen tier in Temperafarben gemalt trug. Die Stelle des Visiers ersetzte bei diesen, für das im Beginne des 15. Jahrhunderts in Deutschland aufkommende Kolben turnier bestimmten Helmen ein starkes, weitmaschiges Drahtgitter. Dann folgt der Stechhelm, welcher mit seinen steilen Wänden, dem flachen Scheitelstücke an die alten Topfhelme erinnert und nur einen not dürftigen Ausblick durch den unter der Stirn ange brachten Sehspalt, Querriss, Querschrantz, gestattet; endlich geschieht noch der Rennhawbe Erwähnung; deren Form so ziemlich der Schallern entsprach, mit dem Unterschiede jedoch, dass das Visier fehlte und die Stirn durch zwei Platten verstärkt worden war; die Rennhaube, der Rennhut, diente für eine im Anfänge des 15. Jahrhunderts in Deutschland auftretende Art des Turniers, für das Rennen, wobei die Gegner einander bekanntlich vom Pferde stossen, abrennen, mussten. Hatte im frühen Mittelalter der Kämpe Kopf und Hals durch das Plersenier, die aus Ringwerk bestehende Kapuze geschützt, so kam mit der im 13. Jahrhundert eingeführten Trennung des unteren der Name gollir (coliarium) auf. Als man endlich anfing, auch den Hals mit Blechschienen zu um kleiden, wählte man dafür die Bezeichnung goller oder pantzerkhrägl oder part, welch letztere bei Feld harnischen — hier nennt sie die Liste F pärtl — in dem Augenblicke verschwinden, als die Plattner die Plelme mit einem Kinn ausstatteten; nur an Tur nierharnischen blieben die Bärte noch lange im Ge brauch. Die Schultern deckte ein Paar Spangeröls, eine Verbalhornung des italienischen Ausdruckes spalla gola, während die Achselhöhlen ein par pantzerne Flankhart schirmten. Für die Schutzrüstung von Arm und Faust führen unsere Quellen keine besonderen Namen an, sie unterscheiden bloss zwischen dem plechhandtschuch und dem kettenhandtschuch. Was nun die Schutzrüstung für den Rumpf an belangt, so muss es befremden, dass die Inventare, aus welchen Leber sein Rüstmeister-Vokabularium auszog, vorwiegend die Panzerhemden erwähnen, obwohl doch schon um 1430 in Italien das Streben deutlich zu Tage tritt, die Harnischbrust ganz aus Platten anzufertigen, mochte man dazu anfänglich auch zwei Platten verwenden, welche man anein ander schnallte. Vielleicht erklärt sich diese in den Rüstmeister-Inventarien befremdende Erscheinung daraus, dass der Plattenharnisch nicht nur ein sehr unpraktisches, weil ungefüges, sondern auch ein recht kostspieliges Kriegskleid war. So mochte der minder bemittelte Edle um so lieber an dem ele ganten und bequemeren Werke des Sarwürchers festhalten, als dieses vielleicht schon sein Aeltervater ruhmvoll getragen hatte, wenn es sich nur noch in einem guten Zustande befand, was ja bei der gedie genen Arbeit, welcher modernes schleuderhaftes Hasten fremd war, bei der sorgsamen Pflege, welche man allenthalben der nicht gerade wohlfeilen eisernen Schutzhülle angedeihen Hess, anzunehmen ist. Wenn man die in unseren Museen aufbewahrten Platten harnische des 16. Jahrhunderts frei von jeder ro mantischen Voreingenommenheit betrachtet, so wird man doch wohl zugeben, dass sie eigentlich eine verspätete Erfindung waren, welche nicht mehr recht in die Zeit des Schiesspulvers, des Verschwindens der kleinen Heere des feudalen Adels passen wollte. Wenn der Plattenharnisch trotz der ihm anhaftenden Nachteile dennoch durch halb Europa siegreich vor drang, so mag er dieses zum nicht geringsten Teile einer Modelaune der vornehmen Herren an den Höfen danken, welche begierig eine jede Neuerung auf griffen, die ihnen eine scheinbare Unverwundbarkeit sicherte; beim Landadel verschaffte sich der Platten harnisch nur sehr allmählich Eingang: seine rasche allgemeine Verbreitung hinderte vor allem sein ausser ordentlich hoher Preis. Dass mit dem Auftreten des Plattenharnisches auch das alte, echte Rittertum, welches im 13. Jahrhundert so voll und schön sich entfaltet hatte, aussterben musste, war wohl zu be II. Band. I 12 Zeitschrift für historische Waffenkunde. dauern, aber eine notwendige Folge des Aufkommens eines neuen Kriegsmittels, des Schiesspulvers; und die unscheinbar© anfangs verlachte Kugel, welche Gottes Ratschluss lenkte, zerbrach endlich auch des Harnisches feste Platten, der in dem Augenblicke einen jeden Wert verlieren musste, als auch der Feigste den tapfersten und bestgerüstetsten Ritter aus weiter Entfernung durch einen Fingerdruck nie derstrecken konnte. Das Inventar A erwähnt demgemäss auch bloss ain halb eisnein platte; die Listen D, E und F zählen die kürisprust auf und den khrebs, also das gescho bene Bruststück, welches entweder ein ganzer oder ein halber Krebs war, je nachdem die Folgen von den Hüften bis zum Halse, oder nur bis etwa über den unteren Teil des Bruststückes reichten. Bei leichter Wappnung begnügte man sich mit einem verkürzten Brustbleche, dem prüstl. An Ringharni schen dagegen zählen die Inventare auf: das siechte (geringe) panzir (von pantex — Bauch) im Gegen sätze zum maylanischen panzir, welches sich durch eine besonders feine Arbeit auszeichnete. Diese Gattung von Panzerhemden charakterisierte sich da durch, dass ein jedes Ringelchen wieder vier andere aufnahm, welche äusserst mühsame Technik im 13. Jahrhundert in Italien aufgekommen war, wo sie offenbar durch die Beziehungen der italienischen Handelsstädte zu dem Morgenlande Eingang ge funden hatte. Bald verdrängte das Panzerhemd den mit aufgenieteten Blechplättchen (schibe, schoupe, vlinke) besetzten Haubert und den lederstreifigen Harnisch, welcher sich dadurch kennzeichnete, dass eine Querreihe eng aneinander gefädelter flacher Ringe mit einem Lederstreifen abwechselte, jedoch so, dass dieser Streifen die Nahtstellen der Ringe deckte. Was das Gewicht dieser Kettenhemden anbelangt, so verabredeten nach der unter C ange führten Liste die Parteien, dass dasselbe zweintzigk muncher pfunt vnd nit mer schwer sein sollte. Die Lendengegend deckte der Schurz aus Panzerwerk (tablier de mailles), welches über den oberen Teil des payngewantt herabhing, das nun an die Stelle der alten isenhose getreten war. Der painharnasch bestand aus dem eisnein pruch, dem diechharnasch oder Dichling (cuissard, cosciali), wie man jetzt die iserkolzen (caligae, ocreae) benannte. Den Uebergang von dem Oberbeinzeug zu den under painrören, welche Schienbein und Wade umgaben, vermittelten die kniepuckl (genouillieres, ginocchielli), die ainer spann langk sein durften. Beachtenswert ist der Umstand, dass die Inventare, sobald sie das Wort Schiene anwenden, darunter immer nur die Schutzrüstung für den Unterarm oder den Unter schenkel verstehen; so erwähnt die Liste E ain par halbschien, d. h. Beinschienen, welche nur die Aussen seite der Unterschenkel schützten. Es ist also nicht ganz richtig, wenn man gegenwärtig mitunter die Ausdrücke Folge und Schiene als Synonyma ge braucht. Als Fussbekleidung kennen Lebers Listen eisneine schuch (soleret), schienenschuch, d. h. ge schobene Blechschuhe, über deren Form jedoch nichts Näheres erwähnt wird; dann khüresschuech und stifal aus Leder, den leichten ledernen Sommer schuhen, welchen die Minnesänger als stiväl, stivalekin kennen. Das Inventar von 1562 zählt auch ein Paar Rennschuhe auf, welche man mitunter auch Wachtel stiefel nannte. Lebers Inventarauszüge führen uns aber nicht nur die einzelnen Benennungen für die Bestandteile des ritterlichen Eisenkleides auf, wie dieses im 15. und 16. Jahrhundert üblich war, sie entwerfen uns auch ein anschauliches Bild von denjenigen Gewän dern, welche der Ritter unter dem Harnisch trug, deren Bestimmung es war, den Druck der schweren Rüstung auf den Körper zu mildern, insbesondere aber ein Wundscheuern der Haut zu verhüten. War schon im frühen Mittelalter, als das Eisen kleid noch nicht der steifen Schale eines Krusten tieres glich, daz anschütten dez gewaete eine be schwerliche Arbeit, wobei sich der Edle mit dem Rücken auf den Boden legen und an den in die Höhe gestreckten Beinen die Rüsthosert hinabrollen lassen musste, worauf von unten nach aufwärts über einen Körperteil nach dem anderen das Kettengeflecht des Harnisches gezogen wurde, so gestaltete sich das Anlegen des Plattenharnisches zu einer für alle daran Beteiligten körperlichen Anstrengung. Das Haupt umgab schützend eine leinene, ab gesteppte Haube, die kleine bunthawbn, auch har naschkappen genannt, die Nachfolgerin der alten batwät, welche nur Gesicht und Kinn frei liess. Komplizierter, gebaut als dieses käppl war die dick gepolsterte turnayhawbe, welche ausser einem wulst artigen Stirnbund an den Schläfen mit zwei Polstern, den mit Rinderhaaren gefüllten schlafküsslin, einer Anzahl von Riemen und Schnüren ausgestattet war, und die bis zum Brustbeine herabreichte. Schon dieser aus der Werkstätte des Tapezierers hervor gegangene Kopfpanzer lässt uns die Qualen ahnen, welche an einem heissen Tage der ritterliche Dulder in seinem Eisenkleide ausstehen mochte, sobald der gewichtige Stechhelm über das so bandagierte Haupt gestülpt und am Brustharnisch festgeschraubt wurde, und die metallene Hülle nun ihre Eigenschaften als guter Wärmeleiter voll und ganz entwickelte. Da mochte wohl trotz des geöffneten Plelmfensters das Blut pochend die Schläfen des Geharnischten durch toben und es ist begreiflich, wenn so mancher Rittersmann in schwerem Falle erstickt vom Rosse zur Erde niedertaumelte. Bereits Conrad von Würz burg ( } 1287) weist in seinem »Trojanischen Krieg« auf diese dem Ritter von seiner Schutzwehr drohende Gefahr hin: sich huop von der storien so hurteclich gedrenge, das genuogen wart als enge, daz si vor tampfe erstickten. (33 856.) 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Bei Sempach (9. Juli 1386) fielen nicht weniger 113 des Mittelalters Schilde nur mehr die von den Rei Herren der österreichischen Ritterschaft dem Hitz schlage zum Opfer, als den Messern in den Fäusten der ergrimmten Bauern. Wie unbehaglich der Ge wappnete sich unter seinem Helme fühlte, geht daraus hervor, dass er diesen erst unmittelbar vor dem Ge brauche über den Kopf stürzte. Bis dahin trug das schwere helmvaz stets ein Knappe im Arme, so dass das üfbinden des Helmes die Bedeutung annahm fertig zum Streit, sei cs zu glimpf, sei cs zu schimpf, gerüstet zu sein; das abbindcn des Helmes war da gegen ein Zeichen dafür, dass die Feindschaft ab gethan, der Friede gesichert sein solle; so hiess es nach dem Kampfe zwischen Hettel und Hagen: «Hettel band den Helm ab und Friede ward aus gerufen.» Die turnayhawbe musste auf den eisen huet gericht seyn, d. h. die obenerwähnten Riemen und Lederschnüre hatten in der Weise an der Ober f läche der Haube angenäht zu sein, -dass sie sich mühelos durch die korrespondierenden und meist mit Messing gebüchseten, also gefütterten Oeffnungen im Helme ziehen liessen, worauf man die Enden der Bänder und Schnüre zu Knoten schürzte. Ueber die Beschaffenheit der Unterkleidung, welche Rumpf und Beine des Edlen deckte, geben uns die Listen B, C und D Aufschluss. Danach ein wamas, ein Leibchen aus zwei bis drei Lagen ; von Leinwand oder Barchent, über welches das ln- ! ventar B ausserdem noch ein seidenes, eng anlie gendes, ärmelloses Röcklein, also eine Art Weste, zu tragen erlaubte, das jedoch by einer spann zu j dem knye nit gereichen durfte. Die Beine fuhren | in leinene oder barchentene Hosen, während Binden und Bandagen um die Lenden gewickelt wurden. Für den Kriegsgebrauch nähte man in die Unter kleidung an besonders gefährdeten Stellen ein leich tes Ringgeflecht ein, welcher Gepflogenheit zu folgen jedoch die Listen aus den Jahren 1464 und 1465 für Kampfspiele ausdrücklich untersagen. Die beiden Zweikämpfer treffen nämlich das Uebereinkommen, dass in die joppen vnd hosen darauf noch dar under nichtz gebraucht werde von ab näen ring harnasch noch von abgeneteten dingen vngeheuer lichen. Als eine Ergänzung der Schutzhülle für den Leib des Mannes stellt sich die tragbare Wand gegen die Waffenwirkung des Feindes, der Schild dar, welcher während des Mittelalters im allgemeinen in zwei Hauptformen auftritt: als der rechteckige, später nach unten spitz zulaufendc Langschild, das scirmbret, die germanische Urform des Schildes, und als der kreisförmige Faustschild oder bucler, welcher jedoch romanischen Ursprungs ist. Es erscheint natürlich, dass mit der Ausgestaltung des Eisenkleides einer seits, mit den Fortschritten der Waffentechnik an dererseits der unbequeme, seinen Träger in der Bewegungsfreiheit arg hindernde Schild immer mehr an Bedeutung verlieren musste, so dass am Ausgange sigen verachteten Fussknechte im Kriege führten, während der ritterbürtige Edle sich ihrer bloss im Turnier oder im Fechtsaale bediente. An Kriegsschilden kennen unsere Inventare die Pavese, also den grossen Setzschild, welcher nach einer weitverbreiteten und durch die Zeugbücher des Kaisers Max I., des letzten Ritters, gestützten Ansicht eine czechisc.he Nationalwaffe gewesen sein soll, da sich besonders die wilden Heerhaufen der hussitischcn Taboriten seiner mit Vorliebe bedienten. Dieser landläufigen Annahme steht jedoch der Um stand entgegen, dass der pedites pavesati schon im 14. Jahrhundert als einer romanischen Einführung gedacht wird, wozu noch die Thatsache hinzukommt, dass schon die Normanen einen Schild mit dem Ausdrucke pavois bezeichnet hatten. Es erscheint vielmehr die Ansicht unseres verehrten Altmeisters auf dem Gebiete der Waffenkunde, des Herrn Di rektors Boeheim, viel innere Wahrscheinlichkeit zu besitzen, nach welcher wir es mit einer oberitalieni schcn Erfindung zu thun hätten, wie ja schon im Altertum in Pavia eine Schildfabrik bestand, deren j Erzeugnisse geradezu Weltruf besassen. Der Zweck der Pavese war der, die Widerstandskraft des Fuss volkes in der Verteidigung und beim Beschlossen fester Plätze möglichst zu erhöhen. Dazu zimmerte man aus Brettern einen viereckigen, in seiner Ober f läche leicht gewölbten, fast mannshohen Schirm zusammen, den man mit einer Kuhhaut überspannte, worüber eine Lage gefirnisster Leinwand kam. Lies Mittelalters farbenfreudiger Sinn schmückte diese grosse Fläche mit bunten Emblemen, Wappentieren, mit religiösen Sinnsprüchen, mitunter auch mit heil bringenden Waffensegen aus. Eine eiserne Spitze ermöglichte es, dieses 10 bis 12 kg schwere Schirm brett in den Erdboden zu rammen, während an seinen Langseiten angebrachte Haken es den «Häk lern» erlaubten', ein festes Gehege dadurch schnell herzustellen, dass sie ihre Pavese mit denen ihrer Nachbarn durch Klammern verbanden; der Söldner witz nannte das einen Gartenzaun errichten. Dieser Verwendung der grossen Heerschilde begegnen wir bereits im frühesten Mittelalter: Das Fussvolk bil dete aus seinen Langschilden einen Wall und schleu derte, hinter diesem gedeckt, seine Geschosse auf die Sturmkolonncn des Gegners. Schon bei Hastings Sachsen gegen die Normanen auf diese Weise, und Conrad von Würzburg erwähnt ähnliches: si büten vür die buggeler da hinder stuonden si gebogen und heten üz die swert gezogen. Nicht selten hatte man in die Wand der Pavese ein Guckloch geschnitten, durch das man den Gegner beobachtete. Neben der grossen Pavese gab cs noch die kleine, einen Handschild, welcher etwas leichter gebaut war und der den vordringenden «5 ”4 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Fussknecht während des Bewegens schirmen sollte. II. Band zum Festhalten bedurfte. Um nun den Stürmenden — Hatte das Schiesspulver den Schild auch aus dem Feldlager der abendländischen Heere verdrängt, so gelangte er doch als Tartsche, welches Wort die einen von dem nordischen tiarga, dem althochdeut schen zarga, andere wieder von dem maurischen adarga ableiten, in den ritterlichen Kampfspielen während des 15. Jahrhunderts in allgemeine Auf nahme. Mittels eines «Zopfes», einem dicken Hanf stricke, schnürte man nämlich beim Gestech an die Brust des Plattenharnisches eine oben rechteckige, unten abgerundete, nach vorn etwas geschweifte Platte aus hartem Holze an, die mit Hirschhornplättchen belegt war, um das Brechen derselben unter dem Stosse der Stechstange zu verhüten. Dunkel ge färbtes Kalbleder, mitunter auch ein mit der Ross decke in der Farbe übereinstimmender Stoffbezug verhüllte das Gefüge der Tartsche. Unsere Inventare führen mehrere Gattungen von Tartschen an: die vergäderte, vergaderte, gäderte, d. i. gegitterte — um das Abgleiten der Rennstange zu verhindern — Renntartsche, auch Renntartschar genannt, und die Stechtartsche. Der Faustschild (rondelle, brochiero), welcher in den Ländern romanischer Zunge seit alters her vielleicht als ein Ueberbleibsel orientalischer Einflüsse im Gebrauche war, erwarb sich endlich im 14. Jahr hundert in Deutschland gleichfalls Freunde, wo man mit ihm allerdings nur im Fusskampfe des Gegners Streiche zu parieren suchte. Das Rüstmeister-Vo kabular nennt ihn tartsche oder tertschl; als eine ganz leichte Gattung dieser Art von Schilden er wähnt das Inventar A die targe, einen mit Büffelleder überspannten Rundschild aus Flechtwerk, welcher sein verfeinertes Analogon in dem türkischen kalkän oder der daräke findet, dessen konzentrisch ange ordnete Kreise aus Ruten vom Feigenbäume Silber und Seidenschnüre Zusammenhalten, wodurch eine ebenso feste, wie leichte und höchst geschmackvoll aussehende Faustwehr geschaffen wurde. Ausser dem kennen die Inventare den Stechschild und das custodier zum sturme. Der erstere charakterisierte sich durch eine schmale, lange Gestalt, welche, ähn lich wie bei der Pavese, ein Grat durchzog, in wel chem die eiserne, in spitze Enden auslaufende Trag stange steckte; letzteres war vermutlich ein mit Stacheln an Faust und Ellenbogen bewehrter, mit einer Stossklinge versehener Armschild aus PIolz, etwa demjenigen ähnlich, welcher im königlichen Historischen Museum in Dresden im Kriegswaffensaal aufbewahrt wird. So eigenartig auch diese Formen von Schilden beim ersten Anblick erscheinen mögen, so verständlich wird uns ihre Verwendung, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass der über die Mauer trümmer der Bresche kletternde, oder auf der Sturm leiter emporklimmende Soldat sich einerseits gegen Wurfgeschosse aller Art durch einen Schild schützen musste, andererseits aber in der rechten Faust keine Blankwaffe führen konnte, da er der Hand notwendig seines Charakters der Wehrlosigkeit zu entkleiden, ver band man die reine Defensivwaffe, also den Schild, mit einer Offensivwaffe, also mit einer Stossklinge oder einem Stachel. Jetzt brauchte der Mann sein Schwert erst in dem Augenblicke zu zücken, wenn er auf der Mauer droben stand, da ihm wäh rend der mühseligen Kletterei ein Stoss mit dem klingenbewehrten Armschilde immerhin etwas Luft schaffen mochte. Soweit wir auch in der Geschichte zurückblicken mögen, allenthalben war das Pferd dem Menschen ein treuer, hilfreicher Gefährte im Frieden wie im Kriege. Es war daher nichts natürlicher, als dass der Kriegsmann, so wie er seinen eigenen Körper unverwundbar zu machen suchte, auch bemüht war, das Streitross, welches gewissermassen ein Stück seines Selbst bildete, von dessen Unverletzlichkeit des Reiters Wohl und Wehe, der Sieg über den Gegner nicht zum geringsten Teile mit abhing, nach Möglichkeit gegen die feindliche Waffenwirkung zu schirmen. Der Mangel einer ausreichenden Schutz rüstung für das Ross kam bekanntlich der französi schen Ritterschaft bei Crecy (1346) und bei Poitiers (1356) sehr teuer zu stehen, und die Bilder in der Chronik von Froissard stellen es sehr lebendig dar, wie die von den Pfeilen der englischen Bogenschützen verwundeten Streitrosse durch ihr wildes Umsich schlagen die Verwirrung in den Reihen der Franzosen vermehren. Vom Beginne des 13. Jahrhunderts an hielt die Ausgestaltung des Rossharnisches mit dem Mannes harnische so ziemlich gleichen Schritt. Begnügte man sich anfänglich bei diesem mit einem ledernen Leibrocke, welcher nach und nach durch Plättchen, Schuppen, aufgenähte Ringe verstärkt, endlich durch das Maschenpanzerwerk verdrängt wurde, so lässt sich diese stufenweise Entwickelung auch bei des Rosses Schutzrüstung, dem gereite, der isercovertiure (cooperatura), mitunter geradezu die iserin genannt, dem pfertklaid verfolgen. Ursprünglich hüllte man den Gaul in eine von den Nüstern bis zum Schwänze reichende lederne Decke ein, welche man Parsche nannte. Ueber diese erst lederne, dann später aus Maschenpanzerwerk bestehende Schutzhülle des Rosses zog man ein weites faltiges Schleppkleid, den sakh des Inventars A. Dieser farbige Behang diente jedoch nicht nur Zwecken des Schmuckes; er milderte das dem Ohre unangenehme, durch die gegenseitige Reibung der Eisenringe hervorgerufene Rasseln und trug zur Erhaltung des Flämisches we sentlich bei: denn bei regnerischem Wetter drang das Wasser zwischen den auf der Lederunterlage festgenieteten Plättchen oder Ringelchen ein, be günstigte also das Rosten derselben und verdarb auch die ledernen Parschen, welche sehr leicht beim Trocknen einschrumpften. Das lange Kleid gewährte endlich auch einigen Schutz gegen Pfeile und Bolzen, die sich in den weiten, flatternden Falten desselben 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. gar nicht selten verfingen. So blieb es mit wenigen US heissen. Die Vorläufer der Panzerstecher, die pfrie Wandlungen bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts, da der Plattenharnisch sich das Feld eroberte; flugs biirdete man dem Streithengste neben dem Gewichte des gewappneten Mannes noch die Last des Ross harnisches aus Eisenplatten auf, welcher ein voller (Tonnenharnisch) genannt wurde, sobald die eiserne Rüstung das Ross vollständig umhüllte; bestand da gegen die Rüstung bloss aus einzelnen eisernen Schienen, so sprach man von einem durchbrochenen Rossharnisch. Wie schmerzhaft die grellen, von der blinkenden Eisenrüstung zurückgeworfenen Licht reflexe das Auge des armen überbürdeten Pferdes berühren mussten, das bedarf wohl keiner besonde ren Versicherung. Schon zu der Zeit, da man sich mit Parschen aus Leder oder aus Kettengeflecht begnügte, suchte man den Kopf des Rosses, welcher ja den Streichen des Gegners am meisten ausgesetzt war, zu schützen, indem man ihn in den Rosskopf ein hüllte, dessen Vorläufer das guegerel (chamfrein), ein kapuzenartiger Kopfüberzug war. Unsere Listen zählen an Rossköpfen auf: Den Rosskopf schlecht hin, welcher Stirn und Kinnbacken des Pferdes deckte; dann das hauptstierl oder sturl, also die halbe Stirn, welche nur bis zu den Augen reichte und das Nasen bein halb bedeckte. Die kanz oder der pantzerne rosshals schirmte des Pferdes Hals, dessen Brust man im deutschen Gestech durch den Stechsack schützte, einem eigentümlich geformten und mit Stroh ausgepolsterten Kissen von grober Leinwand, welches am Sattel mittels Gurten befestigt war. An Sätteln, den «Heersesseln der Helden» (Berwulf 1050), welche ein zweifacher Gurt, der eigentliche Bauch gurt, darmgürtel, und der diesen deckende, schön gestickte Uebergurt, surzengcl (subcingulum) in un verrückbarer Lage am Rosse erhielt, kennen unsere Listen den turnay satl mit hoher Vor- und Rücken lehne, den hoch stecksatl, endlich den khüress satl, welcher auch fechtsatl genannt wird und der sich durch einen Leder- oder Sammetüberzug auszeichnete. Grossen Nachdruck legte man in den Kampfspielen auf die gleiche Flöhe der Sättel und der Turnier rosse, wobei noch ausdrücklich auf das Unstatthafte aufmerksam gemacht wird am Zaum, Sattel oder an der sonstigen Ausrüstung des Rosses irgend etwas anzubringen, des stech oder sneyd. In dem Inventar C bietet sich der eine der Kämpen zu folgendem an-. Item wil ich zwen gleich sättel furlegen mit aller zugehörung, der ainen soltu nemen, mit nichte verändern, sunder also beieiben lassen. Dann heisst es weiter: Es sol mein ross deins ross hoch haben. Einen verhältnismässig engen Rahmen nehmen in Lebers Rüstmeister-Vokabularium im Gegensätze zu den Schutzwaffen die Angriffs Waffen ein. Unter den Blankwaffen erwähnen die Inventare das swert schlechthin, also das lange deutsche Reiterschwert, welches die Listen von 1500 an das khürisswert menartigen, drei- oder vierkantigen langen Stoss schwerter, welche am Ende des 14. Jahrhunderts eingeführt wurden, als die breiten und biegsamen Klingen des alten Reiterschwertes an dem nun durch Platten verstärkten Lentner machtlos abprallten, traten als perswert, pörswert, pratspiss auf, während wir unter dem schürtzer des Inventars vom Jahre 1562 wohl den eigentlichen Panzerstecher verstehen dürfen. Endlich wird des Rapiers und der dusegkhe, tyseckhe, gedacht, des eigenartigen Säbels, welcher weniger auf dem Felde der Ehre, als auf dem Fechtbodcn gebraucht wurde. Wie in der Pavese, so will man auch in der Dusägge eine czechische Nationalwaffe, tesäk, erblicken; doch könnte sich ihr Name auch von dem althochdeutschen tusic, stumpf, oder von twoseax. Doppelmesser, ablciten. Wenn die älteren Inventare von degen sprechen, so meinen sie darunter immer nur den Dolch. Im Inventar B heisst es zum Beispiel: Item die wer sol seyn ein swert, das man nennt ein pratspiess, das sol nit sneiden, vnd ain degen, und im Inventar D wird die Ausrüstung in folgender Weise verabredet: Item dy wer sol seyn: Swert, degen vnd ein spiess. Der moderne Begriff Dolch für eine Blankwaffe wird erst vom 16. Jahr hundert an üblich und lässt sich auf doln (fühlen), tolg (Wunde) oder dollich (von Schmerzen ergriffen sein), gotisch thulan (von etwas Schlimmem berührt werden) zurückführen, wobei wieder der Begriff von der Wunde auf das Werkzeug selbst, welches diese schlägt, überging. An Schlagwafifen, welche ja niemals als eigent lich ritterliche Waffen im strengsten Sinne des Wortes angesehen wurden, zählen unsere Listen nur die mordhacke und den khürissbcngel auf, während von Stangenwehren der reisspies, das schäfflin, auch archegaie, zagaye genannt, angeführt erscheinen. Das Schefflin war eine Art Wurfspiess, dessen lan ges, geripptes, aber sehr dünnes und daher ausser gewöhnlich leichtes Spiesseisen an einem dünnen über 1,5 m langen Schaft befestigt war; Leinwand oder feines Leder umgab den Schaft, welcher an seinem unteren Ende, dem hinderst ort, eine Be f iederung trug. Erwähnenswert ist, dass die Schäfte der Stangenwaffen wiederholt mit heissem Oele an gestrichen wurden, um ein Werfen des Holzes zu verhüten. Wie die Ilclmbartc und die Partisane, so kennt das Inventar von 1562 auch eine ganze Menge von Feuerwaffen, welche jedoch hier keine nähere Erwähnung verdienen, da nur Bekanntes wiederholt werden müsste. Noch viel des Lehrreichen bietet Meister Lebers verdienstvolles Werk, zu dessen eingehenderer Wür digung die hier gebotene Skizze anregen soll. Wenn auch seit seinem Erscheinen mehr denn 50 Jahre verflossen sind, so birgt es, wie so viele ariflere Yr beiten auf diesem Gebiete aus neuerer und neuester Zeit, unter welchen diejenigen von Mitgliedern un seres Vereins nicht den letzten Rang einnchmen. n6 Zeitschrift für historische Waffenkunde. wahre Schätze für die historische Waffenkunde. Und II. Band. kunde, zu einer hehren, kräftigen Maid sich ent so wie das lang verkannte Aschenbrödel des Mär chens sich endlich in eine jugendfrische Prinzessin verwandelte, so möge auch das vernachlässigte Stiefkind der Kulturgeschichte, die historische Waffen wickeln, welche uns mahnt, liebevoll die Erinnerung an die Geschichte unseres waffenfrohen Volkes zu pflegen und mittelbar damit auch die Begeisterung für deutschen Ruhm und deutsche Grösse! Entwickelung und Gebrauch der Handfeuerwaffen. Von k. u. k. Oberstleutnant P. Sixl in Kaschau. (Fortsetzung.) och eine weitere bemerkens werte Erscheinung liess die Noch in der Beschreibung «Der Zug für Lichten burg» im Jahre 1444 heisst es: «man must auch Handhabung der Feuerwaf fen hervortreten, und zwar die notwendige Abschwä chung des Rückstosses. Bei den grossen Stein büchsen sollte die Art der Konstruktion der «wigen» oder des «bock> verhindern, 1 dass dieselben durch die Kraft des Rückstosses aus der gegebenen Aufstellung verdrängt werden, weil ein neuerliches Vorführen und Richten mit grossem Kraft- und Zeitaufwande verbunden war. Die Münchener Handschrift giebt hier keinerlei Aufklärung; die Nürnberger Kriegsordnung enthält nur die Angabe: «Item zu der wigen 12 pfert», durch welche die grosse schwere Holzlast angedeutet wird; beim deutschen Orden sind überdies für die Her stellung des grossen Bockes eingetragen: «erynne schwy wen>, «grosse clinkennageL, «cleyne nagel», «11 steyne hanff», «korcze stroppen - etc. Diese Angaben ermög lichen noch keine Vorstel lung von den Wiegen oder Böcken; dieselben werden je doch deutlich illustriert durch Darstellungen in den Bilder handschriften Cod. germ. 599 altag haben grofser paum 3 oder 4 zu ansetzen an die Kaltenburgerin, dann sie die holczer hinter sich zustifs und verrücket sich al schufs.» (D. Chr. d. d. St. II, 67.) Die Kaltenburgerin schoSs 1 Zentner 80 Pfund Stein. Bei den Wagen- und Karrenbüchsen, also bei den mittleren und kleinen Steinbüchsen, wurde das Rohr vorerst in Holz gefasst, gleichsam geschäftet, und sodann auf dem Wagen oder Karren mittels eiserner Bänder befestigt. Der Rückstoss wurde dadurch auf das Gewicht des Wagens oder Karrens übertragen und weiter noch durch Anwendung von Strebeständern, Unterlagen, Rädersperren oder durch in den Boden eingerammte Holzpflöcke abgeschwächt. Die Münchener Handschrift enthält die Ab bildung einer Karrenbüchse, dieselbe ist jedoch schwer verständlich. Toll vermutet in dem langen Fig. 58. Bock-Stembüchse aus Codex H 49 der Kgl. öffentlichen Bibliothek zu .Dresden. u. 734 der Kgl. Bayr. Hof- und Staatsbibliothek zu München und im «Mittelalterlichen Hausbuches. Diese Bilder sichelförmigen Ansatz, der knapp hinter der Mündung unter der Holzfassung her vorsteht, einen Haken zum Brechen des Rückstosses; ein auf vier Blockrädern ste hendes Holzgestell derselben Handschrift, auf welchem eine gefasste mittelgrosse Büchse befestigt ist, zeigt Strebeständer; ein gleiches Gerüst wird für die im Jahre 1375 zu Caen angefertigte «grand canon» beschrieben. (Fave I, 97.) Aehnliche Konstruktio nen , bei welchen der Rückstoss durch einen in handschriften enthalten zweifellos auch die bekannten älteren Konstruktionen und die Abbildungen derselben zeigen, welche gewaltigen Holzmassen erforderlich waren und welche riesigen, nach bestimmten Regeln zusammengesetzte Holzgerüste hinter den grossen Büchsen in den Boden eingcrammt werden mussten, um die Wirkung des Rückstosses abzuschwächen. den Boden eingetriebenen Plolzpflock aufgenommen wurde, sind in den Handschriften von Valturius, Marianus Jacobus und Paulus Santinus enthalten. (Fave pl. 5, 6, 7 u. 8.) Bei den grossen und mittleren Lotbüchsen wurde die Abschwächung des Rückstosses, wie schon bei den Tarasbüchsen dargelegt, in der Weise bewirkt, 4. Heft. Zeitschrift für historische Warenkunde. dass man dieselben rnit einer Unterlage in feste ii 7 Die erste urkundliche Erwähnung der Bock Verbindung' brachte und die Wirkung des Rück stosses auf diese hinüberleitete. Während nun die Tarasbüchsen nur die Ver wendung auf der Deckung, dem «Taras», zuliessen, brachte das praktische Kriegsbedürfnis bald die For derung nach Feuerwaffen, welche man hinter den üblichen Deckungen aufstellen und mit welchen man über diese hinwegschiessen konnte. Dies er reichte man in der einfachsten Weise dadurch, dass man die bisherigen Unterlagen, auf welchen die Büchsen befestigt waren, mit Ständern aus rüstete, die in ihrer Höhe der gestellten Be dingung entsprachen. Durch diesen Vorgang erhielten die Unterlagen die Form von Holz böcken und die auf denselben aufgelegten und befestigten Feuerwaffen wurden «Bockbüchsen» genannt, analog wie bei den Hand-, Karren-, Wagen- und Tarasbüchsen. Diese Konstruktion mit Ständern musste aber die grösseren Kaliber ausschliessen, und dieser Umstand sowie die durch das thatsäch liche Kriegsbedürfnis sich ergebende geringe Beweglichkeit brachten es mit sich, dass die Bockbüchsen in der Kriegführung des 15. Jahr hunderts zumeist nur bei Ausrüstung von Türmen und Befestigungen Verwendung fanden. Die Kaliber mussten jedoch immer noch so gross sein, dass man über den Wirkungsbereich der damals üblichen Handschusswaffen hinausreichte und das Vorfeld wirksam bestreichen konnte. Die Darstellung einer Bockbüchse aus der ersten Zeit der Entstehung derselben enthält der Kodex H 49 der Kgl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden auf Folio 277.1) (Fig. 58.) Die Abbildung zeigt Fig. 60. «Geuasst pokhpuchsn» aus dem Landshuter Zeughausinventare. 1485. eine Bock-Steinbüchse kleinen Kalibers, welche auf einem mit vier Füssen versehenen Holzbalken be festigt ist und von dem Schützen mittels eines brennenden Zündschwammes oder mittels eines brennenden «Luder»-Lappens abgefeuert wird. *) J. Schön, Geschichte der Handfeuerwaffen. Dresden 8 n. Tafel 1, Fig. I. 858. büchsen findet sich in den Stadtbüchern und Rech nungen der Stadt Nürnberg. «Paul Vorchtel lässt i. j. 1423 für den Rat an fertigen 50 Bockbüchsen, 200 kleine Handbüchsen.»1) Die weitere Entwicklung der Bockbüchsen ist durch die Abbildungen aus dem Kodex 719 des Germanischen Museums zu Nürnberg, circa 1450 (Fig. 59), aus dem Cod. ms. 2952 der K. K. Hof Bibliothek zu Wien (1457), dem Cod. germ. 734 der Kgl. Hof- und Staats-Bibliothek zu München (1460—1470), dem Cod. germ. 599 derselben Biblio thek und endlich durch die Abbildungen aus dem Landshuter Zeughausinventare vom Jahre 1485 (Fig. 60) gegeben. In den amtlichen Inventarien vom Jahre 1449 über die Ausrüstung und Bewaffnung von Nürnberg werden in sechs von acht Vierteln 2 Bockbüchsen mit dem a, 5 Bockbüchsen mit dem a und «aim kreucz dahinter» und 48 Bock büchsen mit dem b genannt.2) Nach dem «Aufzeichnis» der Büch sen und des Zeugs in allen Festungs werken der acht Stadtviertel und in den Zeughäusern von Conrad Gürtler, angefertigt im Jahre 1462, waren in sämtlichen Zwingern, Türmen und Zeughäusern 8 Bockbüchsen mit a+, 99 Bockbüchsen mit b und 10 Blei büchsen mit a+ auf Böcken vorhanden. Die «simwel» Bockbüchseri hatten nach diesem Verzeichnisse ein Gewicht von 21 Pfund und schossen nach dem «zaichen auf der püchsen» 31/2 Lot Blei. Bei den- kleinen Lotbüchsen, den Handbüchsen, wurde der Rüclcstoss von dem Schützen selbst auf J. Baader, Beiträge zur Geschichte des Kriegswesens. A. F. K. d. d. V. 1862, 159 u. 160. 2) J. Baader,. Nürnbergs Stadtviertel im Mittelalter hinsicht lich ihrer Festungswerke und deren Verteidigung und. Bewaffnung. 32. Jahresbericht des histor. Vereins in Mittelfranken. Ansbach 1864, S. 5 2 ff. 118 Zeitschrift für historische Waffenkunde. genommen und empfunden; dieser Rückstoss war II. Band. Abbildungen entnehmen, dass die Schützen bemüht um so lästiger, als derselbe vorläufig nur durch die Art der Handhabung abgeschwächt werden konnte. Die Bilderhandschrift, Cod. ms. 2952 der K. K. Hof-Bibliothek zu Wien (1457), sagt in der schon einmal erwähnten belehrenden Abhandlung: «Lass die Büchs anzünden und wenn du empfindest, dass sie hinter sich stösst, so widerheb nicht zu stark, doch halt den Stab in der vordem Hand fest und damit lass die vordere Hand, also den Stab darinnen haltend, gegen die hintere Hand gehen und lass den Stab durch die hintere Hand hinter sich aus schliefen.» Diese Anweisung bezieht sich offenbar nur auf Handbüchsen mit rückwärts eingesetztem stangen ’artigen Schaft ohne Abzugsvorrichtung (Fig. 18, 19, 20); der Schütze sollte mit der vorderen Hand den Rückstoss aufnehmen und gegen die hintere Hand nachgeben; die vordere Hand hatte die Handbüchse waren, durch Herabdrücken des Schaftes auf die Schulter, Vorsetzen eines Fusses und feste Körper stellung, dem Rückstoss zu begegnen. Die grossen Handbüchsen, welche von einem einzelnen Manne noch getragen und gehandhabt, jedoch infolge des Gewichtes nicht aus freier Hand oder von der Schulter aus abgeschossen werden konnten, wurden, wie sohon oben aus einandergesetzt, auf eine in den Boden eingesteckte Gabel oder auf einen Dreifuss oder auf ein Gestelle aufgelegt. Beim schiefen Anschläge, also in der ersten Zeit der Feuerwaffen, war das Schaftende am Boden aufgesetzt, der Rückstoss wurde daher durch den Schaft in den Boden abgeleitet. Beim wagrechten Anschläge jedoch musste das rückwärtige Schaft ende gehoben werden, was entweder durch den Schützen oder durch einen zweiten Stützpunkt ge schehen konnte. Im ersteren Falle übertrug sich Fig. 61. Handbüchse mit eingeschnittener rechtwinkeliger Stufe an der Unterseite des Schaftes itn Historischen Museum der Kgl. Stadt Filsen. festzuhalten, in der hinteren Hand hingegen sollte der Stab (Schaft) «ausschliefen» können. Bei der Handhabung jener Handbüchsen, bei welchen der Lauf in die muldenförmige Rinne des Schaftes eingelegt war (Fig. 23—26), wurde das breite kolbenartige Schaftende an die Armbeuge angelegt; die breitspurige Stellung des Schützen deutet an, dass derselbe bemüht war, durch eine feste sichere Körperstellung dem Rückstoss zu be gegnen. Noch empfindlicher musste die Wirkung des Rückstosses bei der Handhabung jener mittelgrossen Handbüchsen sich gestalten, welche, wie aus den Abbildungen (Fig. 27, 28, 30 u. 32) zu ersehen ist, von dem Schützen zur Abgabe des Schusses auf die Schulter gehoben wurden. Diese Art der Hand habung war deshalb so ermüdend und anstrengend, weil nebst dem Rückstoss auch das Gewicht der Waffe auf die Schulter des Schützen übertragen wurde. In dem Manuskripte des Valturius (Fig. 30) ist der Schaft unterhalb für das Aufsetzen auf die Schulter sogar ausgeschnitten; man kann auch den die Wirkung des Rückstosses auf den das Schaff ende haltenden Schützen, im letzteren Falle musste die nur lose aufliegende Handbüchse durch die Erschütterung von dem Gestelle herabgeworfen werden. Wenn auch das umständliche Laden dem Schützen Zeit zur Erholung gab, so mögen doch die andauernde beschwerliche Thätigkeit beim Schiessen und besonders die Aufregung im Kampfe den Schützen oft veranlasst haben, die Handbüchse nicht immer aus freier Hand von der Wange oder gar von der Schulter abzuschiessen, sondern dieselbe auf Unterlagen, wie sich solche hinter Deckungen von selbst ergaben, aufzulegen und abzufeuern; in diesem Falle kam nun der Rückstoss in ähnlicher Weise zur Wirkung, wie bei den grossen Hand büchsen. Dieser «aufgelegte Anschlag» musste in seiner praktischen Anwendung bald von selbst zu einer Vorrichtung führen, durch welche der Rückstoss wenigstens teilweise auf die Unterlage übertragen werden konnte und durch welche für den Schützen die Handhabung sich erleichterte. 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Die erste Erfahrung beim aufgelegten Anschläge 119 unregelmässig roh gearbeitet; es ist auch mög mag die Erkenntnis gewesen sein, dass schon durch starkes Aufdrücken oder Anlegen der Handbüchse an die Unterlage der Rückstoss abgeschwächt wurde und dass man durch konstruktive Verbesserungen am Schafte oder Laufe dieses Anlegen oder An drücken fördern könne. Die ersten Versuche in dieser Richtung wurden wohl infolge des weicheren Materials am Schafte vorgenommen; bei zunehmender Vervollkommnung der Handbüchsen mussten diese Vorrichtungen schon wegen des stärkeren Rückstosses solider und stärker gemacht und schliesslich mit dem Laufe in feste Verbindung gebracht werden. Dieser'natürliche Ent wicklungsgang lässt sich auch an einzelnen erhal tenen Handbüchsen nach weisen. Im Historischen Museum der Kgl. Stadt Pilsen befindet sich unter den vielen und hochinteressanten Handfeuerwaffen — 378 Stücke, darunter 25 älterer Konstruktion — eine Handbüchse, welche dem An fang des 15. Jahrhunderts angehört und zweifellos eine derartige Verbesserung an dem Originalschafte aufweist.1) (Fig. 61.) Die Handbüchse ist 10,37 kg schwer, daher eine mittelgrosse Handbüchse, welche für die Ver wendung aus freier Hand infolge des Gewichtes weniger geeignet war, jedoch von einem einzelnen Schützen anstandslos getragen und auf Unterlagen aufgelegt und abgeschossen werden konnte. Die Handbüchse besteht aus dem Laufe, dem Schafte und zwei Laufringen. Der Lauf ist 5,77 kg schwer, 31,5 cm lang, aussen achteckig, cylindrisch, an der Mündung auf etwa 4-5 cm verstärkt, aus Schmiedeeisen *) Wir müssen mit grossem Danke hervorheben, dass das löbliche Kuratorium des Historischen Museums der Kgl. Stadt Pilsen die photographischen Aufnahmen der Handbüchsen uns be reitwilligst zur Verfügung stellte, dass der Herr Sekretär Fr. H. Franc die mühevollen genauen Abmessungen freundlichst besorgte und uns die interessanten verlässlichen Resultate seiner Arbeit in liebenswürdigster Weise überlassen hat. — Profossor Jan Kaula hat das lobenswerte Verdienst, in seiner Abhandlnng «V^voj cesk^ch pugek od dob husitsk^ch böhem XV. stoleti.» (Svötoror XXII, v Praze, 1898) auf die hochinteressante Waffensammlung im Historischen Museum der Kgl. Stadt Pilsen aufmerksam gemacht zu haben. lich, dass der Lauf der Länge nach zusammen geschweisst ist. Die Länge der Seele beträgt 26,2 cm, der Durchmesser derselben 26 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Länge 1 : 10. Das Zündloch befindet sich oberhalb und ist trichterförmig eingetrieben. Der Schaft steht der Form nach in voller Ueber einstimmung mit der Abbildung aus Cod. ms. 53 der kunsthistorischen Sammlungen des A. H. Kaiser hauses, Fig. 4, und mit der Plandbüchse im Histo rischen Museum zu Bonn, Fig. 5. Die ganze Länge des Schaftes beträgt 130 cm, die Länge des Stieles 90 cm. An der unteren Seite des Mittelschaftes ist nach der Breite desselben eine beiläufig 6 cm tiefe Stufe rechtwinklig eingeschnitten, welche mit Eisenblech ausgelegt und beschlagen ist. Mittels dieser Stufe konnte die Handbüchse an eine entsprechend geformte kantige Unterlage, z. B. einen Balken, eine Mauer etc. angesetzt, durch festes Anziehen an die Unterlage angepresst und dadurch der Rückstoss zum Teile auf diese hinübergeleitet werden. Der vordere Laufring, ein ca. 3 cm breites Eisen band, umfasst Schaft und Lauf, der 'rückwärtige, 6 cm breite Laufring umfasst nur das Rohr am rück wärtigen Teile, ist an das Rohr angeschweisst und oberhalb des Zündloches ausgeschnitten, geht mit beiden Enden durch einen schlitzförmigen Ausschnitt des Schaftes und ist unterhalb desselben verriegelt. Durch diese Verriegelung wird der Lauf in die Rinne des Schaftes eingepresst und Lauf und Schaft fest verbunden. Es ist natürlich, dass Handbüchsen mit Original Schäften aus dieser ersten Zeit äusserst selten sind, weil der Schaft schon durch die Länge der Zeit und insbesondere durch den Gebrauch im grössten Masse der Zerstörung unterworfen ist; allein einzelne ge schäftete Handbüchsen aus der späteren Zeit zeigen, dass man dieses Konstruktionsprinzip auch noch in der Folge und in verschiedener Form in Anwendung brachte. (Fortsetzung folgt.) 120 Zeitschrift für historische Waffenkunde. II. Band. mit Gräte und leichtem Gänsebauch; rechts einfacher Rüsthaken. Die Schiebungen am Vorder- und Hinter schurz durch Aetzung angedeutet. % Armzeug mit grossen, keulenförmigen Achselstücken und geätzten Ellenbogenkacheln. Handschuhe fehlen. Einfaches Landsknechtsschwert ohne Scheide. Beinzeug entsprechend, und Entenschnabelschuh. Sattel aus Holz, Vorder- und Hintersteg beschlagen Modell einer Feldrüstung im Bayerischen Natio rtaimuseum zu München. (Mit zwei Originalaufnahmen des Verfassers.) In die Waffensammlung des Bayerischen Nationalmuseums, das schon ein prächtiges Stechzeug modell der ehemaligen Sammlung Kuppelmayr besitzt (Abb. im VersteigeruDgskataloge dieser Sammlung, Taf. XI u. XII, München 1895), gelangte in neuester Zeit das schöne Modell einer Feldrüstung, das wir heute nach Photographien wiedergeben. Der Heim mit niederem Kamme hat ein hohes Kinnreff, aufschlächtiges Visier mit Augenschlitz und durch Aetzung angedeutete Luftlöcher. Visier und Kinnreff sind um dieselbe Rosette drehbar. Auf dem Scheitel der Glocke eine Oeffnung zum Anbringen der Federn. Vorder- und Hinterstückpanzer durch Aetzleisten verziert, an den Schultern keine Brechränder. Die Brust und geätzt. Rossstirne mit grossen Seitenklappen und Ohren bechern; die Federhülse fehlt. Mähnenpanzer siebenmal geschoben, Halsstück aus Schienen und Maschenwerk, alles durch Aetzung angedeutet. Brustpanzer in Tonnen form mit zwei getriebenen Löwenköpfen. Einfacher Flankenpanzei. Der gerippte Grat des Krupppanzers geht in den Schwanzriemenpanzer in Form eines Drachenkopfes über. Alles reich geätzt. Die Entstehuugszeit des Modells, dessen Gesamthöhe 0,42 m beträgt, ist etwa zwischen 1560 und 1570 zu setzen. Die Holzfigur des Reiters ist mit einem Unterkleid aus gelber Seide versehen; Arme im Ellenbogen und in der Schulter, Beine im Knie beweglich. Das kunstlos ge schnitzte Pferd ebenso wie der hölzerne Reiter aus etwas späterer Zeit, etwa um 1620. 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Das interessante, wertvolle und sehr gut erhaltene 121 Ihre Ausrüstung pflegte sonst aus den landesherrlichen Stück stammt aus dem Kunsthandel. Alles weitere über seine Herkunft ist unbekannt. Dr. E. ßassermann-Jordan. Waffenpreise. Soweit sie nicht als Bestandteile um fassender Rechnungen, z. B. der Städte, auftreten, pflegen Preisangaben für Waffen in älterer Zeit nur selten ver zeichnet zu werden. Eine Sammlung solcher zerstreuten Funde an einer Centralstelle empfiehlt sich besonders. Im Jahre 1537 sah sich der Kurfürst von Magdeburg, Kardinal Albrecht, infolge der drohenden Haltung des Kurfürsten von Sachsen zu Rüstungen genötigt. Auf sie bezieht sichern «Verzeichnis was Isaak Meiger, der Jude, vor Harnisch ins Amt Groningen geliefert».1) Es waren anderthalb Hundert Harnisch, nämlich Rücken, Krebs mit Scheren, Armschienen, Kragen und Hirnhaube, jeder zu 31/a Thlr., 100 Helparthen zu einem halben Thaler, 50 Handrohre zu 1 Thlr., «mit gefassten Laden, Kratzern, Stöcken, Formen und Ladungen zugerichtet», im Gesamt beträge von 625 Thlr. Die Waffen waren obiger Bezeich nung nach für die Landfolge des Amtes bestimmt, welches als Bestandteil des Stifts Halberstadt Albrecht unterstand. *) Staatsarchiv Magdeburg, Akten Halberstadt 745 Zeughäusern zu erfolgen, wo die eigenen Waffen nicht ausreichten. Zum Vergleich seien die Preise angeführt, die Landgraf Philipp von Hessen den eigentlich zur Selbstausrüstung verpflichteten Landsknechten anzurechnen pflegte. Es waren 9 Albus für den Spiess und 2—3 Gld. für den halben Haken, Preise die 1546 auf 1 Gld. bezw. 3 Thlr. erhöht wurden.1) Die mangelhafte Rüstung Kardinal Albrechts 1337 erhellt auch daraus, dass er schleunigst einen Artilleriepark beschaffen musste. Am 30. April quittiert ihm Herzog Georg von Sachsen über 2000 rheinische Gulden für 16 Stück grobes Geschütz, nämlich 2 Karthaunen, 4 ganze, 5 halbe Schlangen, 5 Doppelhaken auf Böcken, mit dem Hinweis darauf, dass auf etlichen Büchsen sein fürstliches Wappen gegossen sei.’2) G. Liebe. Berichtigung. In der von Herrn Dr. E. Basser mann-Jordan verfassten Notiz in Heft 3 ist der Wohnsitz des Geschenkgebers bedauerlicherweise infolge eines Druck fehlers falsch angegeben worden. Herr Gutsbesitzer B.-J. wohnt nicht in Rüdesheim, sondern in Deidesheim. y) Paetel, Organisation des hessischen Heeres unter Philipp dem Grossmütigen, 1897, S. 97. 2) St. A. M. Urkunden Sachsen XIII, I. 122 Zeitschrift für historische Waffenkunde. II. Band. spruch, der vielleicht durch die heutige Schreibweise des Ortes Ayala in der Provinz Alava, wohl dem Geburtsorte unseres Meisters, veranlasst worden ist. Ausser mit dem Namen signiert derselbe häufig noch mit einem auf seinen Vornamen bezüglichen Stempel, einem T mit einem S darüber in spanischem Schilde. Die Aiala-Klingen waren ausser ordentlich gesucht und wurden daher vielfach gefälscht. Nachahmungen sind jedoch unschwer sowohl an der weniger sauberen Arbeit als auch an der geringen Güte des Materials zu erkennen. Aber auch durch die Typen der Buchstaben, mit denen der Name eingeschlagen ist, sowie durch dessen Frage i: Herr A. v. S. in P. fragt an, welches die richtige Schreibweise der Namen Ferrara (Ferraro, Feraro), Ayala (Aiala) und Piccinino (Picinino) sei, und ob hieraus wohl auf die Echtheit der mit gedachten Namen bezeichneten Klingen geschlossen werden könne. Antwort auf i: Die Beantwortung dieser Frage ist durchaus nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick viel leicht den Anschein hat; auch ist es unmöglich, sie in dem eingeschränkten Rahmen, der in der Zeitschrift dafür ver fügbar ist, gründlich zu behandeln. Der Fragesteller möge sich daher mit der folgenden kurzgefassten Antwort begnügen. Der Name des zuerst genannten Klingenschmiedes findet sich am häufigsten Feraro geschrieben; mit dieser Bezeichnung bewahrt das Historische Museum zu Dresden zwei echte Klingen. In der Leibrüstkammer zu Stockholm dagegen ist eine Klinge, an deren Echtheit nicht zu zweifeln ist, Andrea Ferrara signiert. Mit der Bezeichnung Ferraro, bez. Andrea Ferrara, finden sich wiederum Nachahmungen im Historischen Museum zu Dresden. Nach Boeheim, «Meister der Waffen schmiedekunst», kommt der Name, der vom Handwerk ab geleitet ist, sowohl in den angeführten als auch noch in anderen Schreibweisen in den Büchern der Kathedrale zu Belluno vor. Es dürfte daher die Echtheit der gedachten Klingen weniger an der Schreibweise des Namens als an ihrer Struktur zu erkennen sein und empfiehlt sich in zweifel haften Fällen ein Vergleich mit fraglos echten Feraro-Klingen, Der Meister führte überdies noch eine Marke, ein gekröntes S mit Auge zwischen Buchstaben und Krone in einem spa nischen Schilde, die zumeist mit dem Namen zusammen, hier und da aber auch allein auf seinen Klingen vorkommt. — Der Schreibweise des Namens Ayala mit y sind wir auf echten Klingen des Meisters noch nicht begegnet; die Inschrift lautet vielmehr auf diesen stets Tornas de Aiala, mit i ge schrieben. Es erscheint uns daher zweifelhaft, ob ein Degen im Musee d Artillerie zu Paris, J. 126, Catalogue par L. Robert, en 1889, mit der Jahreszahl 1570 am Knauf des Gefässes, echt, bez. ob der in spanischen Schrifttypen eingeschlagene Meistername richtig gelesen worden ist. Im Catalogo de la Real Armeria de Madrid vom Conde de Valencia de Don Juan, 1898, wird der Name im Text auf S. 232, 239, 243 Aiala, im Verzeichnis aber Ayala geschrieben, ein Wider Schreibweise, z. B. Thomas — anstatt Tornas, dAyala _ anstatt de Aiala, in Toledo — anstatt en Toledo, sind die Plagiate leicht von den Originalen zu unterscheiden. — Als Schreibweise des dritten Namens erscheint uns Picinino mit einem c als die allein richtige; eine echte Klinge mit der Bezeichnung Antonio oder Federico Piccinino, mit cc, haben wir noch nicht gesehen. Da, wo der Name innerhalb einer ovalen Kartusche auf Klingen vorkommt (vergl. Boeheim, Meister der Waffenschmiedekunst, oder Catalogo della armeria reale, di Angelo Angelucci), ist er stets mit einem c wieder gegeben; trotzdem aber schreiben fast alle Fachgenossen Piccinino. So lautet der Name des Meisters in dem illustrierten Werke über die Kgl. Leibrüstkammer zu Stockholm von C. A. Ossbahr, so in dem Guida- del raccoglitore e dell amatore di armi antiche di Jacopo Gelli, Milano 1900, und anderen Fachschriften. Worauf diese Schreibweise sich stutzt, ob auf archivalische Unterlagen, ob etwa Antonio Petrini in seinem Manuskript über Mailänder Waffenschmiede den Namen so schreibt, oder ob ein etymologisches Moment für gedachte Orthographie vorliegt, da piccinino auf deutsch «sehr klein» heisst und der Name von diesem Worte hergeleitet sein dürfte, ist'uns unbekannt. Bevor wir aber nicht eines anderen belehrt werden, können wir uns nur an die uns auf Klingen allein bekannte Schreibweise Picinino mit einem c halten und bestätigt unseres Erachtens dieser Stempel auch deren Echtheit, während Klingen mit der Bezeichnung Piccinino oder Piccinio oder gar Piccino, bez. Pichinino als Nach ahmungen anzusehen sind. — Erwähnt sei Insbesondere für den Fall einer Entgegnung, dass es uns natürlich nicht un bekannt ist, wie häufig in der damaligen unorthographischen Zeit es vorkam, dass die Namen eines und desselben Meisters, bez. einer und derselben Familie in verschiedener Schreib weise erscheinen. Es möge hier nur auf die Namen der Solinger Klingenschmiede Koller, Keuler, Kuler, an die Paether, Pather, an den Büchsenmacher Balthasar Dressier, Drechsler in Dresden, der als Marke eine Eule mit den Buch staben B. T. gebrauchte, hingewiesen werden. Ja, wir halten es sogar nicht für unmöglich, dass der Plattner Valentin Siebenbürger während einiger Zeit einen Stempel führte, der neben dem «Stechhelm mit einer heraldischen Lilie als Zimier» die Buchstaben F. S., also Falentinl zeigt, obgleich dies von anderer Seite bestritten wird. M. Die Schriftleitung glaubt mit dem «Meinungsaustausch» eine Einrichtung zu treffen, die den Lesern der Zeitschrift willkommen sein wird. Möge sie fleissig von allen Seiten benutzt werden! Um die Ungezwungenheit im Fragen und Antworten zu ermöglichen, wird vorgeschlagen, dass Fragesteller und Antwortgeber sich nur mit einer Chiffre bezeichnen, wie es hier bereits geschehen ist. denen jetzt schon eine Uebersicht über die Entwicklung der letzten hundert Jahre, sei es im grossen und ganzen, sei es Uber einzelne Kulturzustände, zu geben versucht wird. Denn ganz anders wird sich die Zeit in einer Selbstbiographie darstellen, wo sie in ihren mehr oder minder dramatischen Beziehungen zu einer scharf ausgeprägten Persönlichkeit ge schildert wird, als in der wissenschaftlich zergliedernden Abhandlung des Gelehrten, der ebenso wie die weiter zurück liegenden Jahrzehnte, auch die kaum schon Vergangenheit zu nennende Periode in ein ausgeklügeltes Paragraphen-System Hefner-Alteneck, Dr. J. H. v., Lebenserinnerungen. München 1899. (Nicht im Handel.) 404 S. Die Memoiren-Litteratur ist in den letzten Jahrzehnten eifrig gefördert worden. Sie wird von den späteren Histo rikern wohl mehr zu Rate gezogen, sicherlich aber mehr genossen werden, als die stattliche Reihe von Werken, in hineinzwängt. Derartige Gedanken stellten sich ein, als ich eben von dem Studium eines solchen gelehrten Werkes kam und mir ein freundliches Geschick die Leb ens er inner un gen von Dr.J.H. v. Hefner-Alteneck auf den Schreibtisch legte. Der warme Ton der schlichten Erzählung fesselte mich bald ganz. Und 4. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. mit herzlichem Dank, den ich dem Verfasser schuldig zu sein 123 S. 115 : Die bei der Belagerung der Burg Tannenberg in An fühlte, schied ich von dem Buche. Die wenigen Zeilen, die ich ihm hier widmen möchte, sollen diesem Danke die Sprache leihen. Es ist in den Schilderungen nicht allzuviel von Waffen die Rede. Aber trotzdem, meine ich, darf sie die Zeitschrift eines Vereins, welcher den Verfasser sein Ehrenmitglied nennt, nicht unbeachtet lassen. Denn sie bilden einen Beitrag zur Geschichte der historischen Waffenkunde, indem sie uns von dem Bildungsgang eines Mannes unterrichten, der als einer der ersten versuchte, in das düstere Durcheinander leichther zig ersonnener Fabeln Lichtstrahlen fallen zu lassen, deren Quelle eine aus streng sachlichem Studium und ausgebreiteter Denkmälerkenntnis hervorgegangene Erfahrung war. Es scheint uns heutzutage so leicht, bei der Sache zu bleiben, uns, den Kindern einer historisch streng geschulten Zeit. Wir unter liegen nicht mehr dem Zauber, seltsame Mär von Ritterspielen und Waffenthaten zu erfinden, wir umwinden nicht mehr die Rüstungen eines Waffensaals mit novellistischen Kränzen und dichten auch dem schönsten Schwert kein Epos mehr an. Anders war es in Hefners Jugendzeit. Da blühte die «blaue Wunderblume der Romantik». Und wenn es sicher ist, dass sie manchem die Pforte zum Tempel historischer Erkenntnis erschloss, so ist es doch leider ebenso gewiss, dass sie vielen nur den Eingang zu Irrwegen öffnete. Unsere Burgen, die sich oft so seltsame Herstellungsversuche gefallen lassen mussten, geben noch heute davon betrübliche Kunde. Und wie sich hier eine willkürliche Phantastik einnistete, so nahm sie auch von dem, was innerlich mit ihnen in Beziehung stand, Beschlag: Ritter und Waffen waren für Dichtung, nicht für historische Erkenntnis da. Den wenigen, die sich nicht auf diesen bequemen Pfad drängen Hessen, gebührt unsere auf richtige Verehrung. Sie haben dornige Wege, die sie sich nicht zu betreten scheuten, uns geebnet, damit wir nun weiter vorwärts schreiten können. Hefners grosse Ehrfurcht vor allen Kulturäusserungen unseres Volkes und namentlich vor den feinsten darunter, den Kunstwerken, hat ihn davor bewahrt, auf falsche Bahn zu kommen. Dass er diese Ehrfurcht besass, dankt er dem El ternhause. Es geht ein alttestamentlich-patriarchalischer Ton durch die Erzählung von Hefners Jugendjahren. Die Vor fahren sind uralte Leute geworden, wie der Verfasser nun auch selbst schon in das höchste Greisenalter eingetreten ist. Man glaubt nicht, dass ein .Zeitgenosse zu uns spricht, wenn er in lebendigster Form uns Erinnerungen mitteilt, die ihm in der Kinderzeit erzählt wurden und in denen noch die Allonge-Perticke des Urgrossvaters eine Rolle spielt. Zu dem historischen Sinn, der in der Familie lebendig war und in dem Vater, einem hohen Beamten Dalbergs, dann des bayrischen Staates, in besonders verfeinerter Form sich äusserte, kam die Lust des Jünglings, mit dem Zeichenstift sich auch in seiner Erscheinungsform zum Eigentum zu machen, was ihn mit seinem geschichtlichen Inhalt gereizt hatte. Die Folge war eine strenge Schulung des Blicks, ein reif ent wickelter Sinn für Stil unterschiede, ein seltenes Geschick, wertvolle Dinge aufzufinden, an denen oft ein anderer acht los vorbeiging. Es giebt in dem Buch eine Fülle von Bei spielen, zu welchen glücklichen Erfolgen ihn diese Eigen schaften führten, auf literarischem Gebiet wie auf dem praktischer Thätigkeit. Ich brauche für das eine den Waffen historikern die wichtigen Werke, zu denen man immer wieder greift, nicht zu nennen, und für das andere steht als monu mentales Zeugnis das Kgl. Bayrische Nationalmuseum in München da. Ihm galten Hefners beste Jahre. Man begreift es wohl, dass er die Entwicklung desselben ausführlich schildert, man begreift auch, wenn sich ihm dabei ein Wort des Unmutes gegen die auf die Lippen drängt, die sich seinem hejssen Bemühen entgegenstemmten oder ihn um die Früchte seines rastlosen Fleisses bringen wollten. Ich muss mich damit begnügen, die Grundlagen von Hefners Entwicklung und das betont zu haben, was mir für seine Stellung innerhalb unserer Kultur als besonders wichtig erscheint. Mehr kann ich an diesem Orte nicht geben. Wohl aber möchte ich noch der Stellen gedenken, an denen Waffen und darauf Bezügliches erwähnt werden. Ich thue es in kürzester, einfach registrierender Form. S. 64: Waffensammlung des Grafen Erbach-Erbach. — S. 76: Der Zustand der Wiener Waffensammlung und Fr. von Lebers Verdienst. — S. 100: Die früher Lassbergsche Bilderhandschrift: Les voeux du Paon als Quelle für Waffen. — S. 111: Waffen auf dem Schlosse Mainberg bei Schweinfurt. — S. 113: Waffenfunde auf der Burg Tannenberg in Hessen. — wendung gekommenen mannigfachen Geschlitzgattungen des-14. Jahrhunderts. — S. 119f: Helme des 14. Jahrhunderts, ge funden auf Euböa. — S. 124 f: Drei Schilde des 13. Jahrhunderts in der Marburger Elisabethkirche. — S. 126: Prachtrüstung im Schloss zu Weimar. — S. 133: Prinz Karl von Preussen als Waffensammler. — S. 162: Die Waffen der Sammlung in Sigmaringen. — S. 163: Das Turnierbuch Burgkmairs ebenda. — S. 201: Die von Freybergsche Rüstung (später in Paris) beim Antiquar Pickert in Nürnberg. —- S. 225ff: Die Versteigerung der Rüstkammer des Schlosses Hohenaschau in Bayern. — S. 235!: Deutsche Waffen im Pariser Musöe d’artillerie. — S. 241 ff u. 247ff: Entwürfe deutscher Meister ftir Prachtrüstungen der Könige von Frankreich. — S. 251 f: Entwürfe deutscher Waffenschmiedemeister für Könige von Spanien. — S. 254ff: Jost Ammans Aquarell, ein Turnier der Nürnberger Patrizier vom Jahre 1561 darstellend, im Mün chener Kupferstichkabinett. — S. 323 u. 328: Die Waffen im Kgl. Nationalmuseum zu München. — S. 358: Waffen im Kloster Neustift in Tirol. — S. 366: Der Verein für historische Waffenkunde. Generalleutnant von Ising. — S. 368: Georg Hiltl, Quirin von Leitner, Wendelin Boeheim, Graf'von Meran, Graf Hans von Wilczek. Koetschau. Schweizerisches Landesmuseuxn in Zürich. Sie benter und achter Jahrgang 1898 und 1899. Dem Departement des Innern der schweizerischen Eidgenossen schaft erstattet im Namen der eidgenössischen Landes museums-Kommission von Direktor H. Angst. Zürich 1900. Unser heutiger Bericht Uber diese an sich wertvolle Veröffentlichung eines Museums geht über die Grenzen einer fachlichen Besprechung hinaus; er verbreitet sich Uber das Institut in seiner Bedeutung und Verdienstlichkeit im all gemeinen und für unsere Spezialwissenschaft, er enthält die Summe unserer freudigen Gefühle bei einem erhebenden Augenblicke: der Eröffnung des neuen Palastes des schweizerischen Landesmuseums in Zürich. Was uns hierzu drängt, das ist zunächst in dem nicht geringen Anteil gelegen, den die historische Waffenwissen schaft in diesem herrlichen Museum nimmt. Letzteres pflegt immerhin alle Kulturgebiete des Landes, aber es wird gewiss der Werkzeuge nicht vergessen oder diese auch nur minder schätzen, die die Eidgenossenschaft geschaffen und erhalten haben; dafür bürgen uns in erster Linie die erfahrenen Orga nisatoren und in Beziehung auf die Durchführung im einzel nen der weite historische Blick, die tiefe Kenntnis und die Thatkraft seines Direktors H. Angst. Was in der Schweiz für das Studium und die Pflege der heimischen Waffengeschichte bisher gethan wurde, musste unzulänglich bleiben; es fehlte an einem musealen Ver einigungspunkte, denn die kleinen Sammlungen in Solothurn, Murten u. a. O. boten kein Material für ein umfassenderes Studium. Wir haben uns diese uns so prächtig darbietende Gelegenheit nicht entgehen lassen und stehen seit längerer Zeit in inniger fachlicher Verbindung mit dem reichen Museum und seinem gelehrten Leiter. Der vorliegende Bericht über zwei denkwürdige Jahre giebt uns einen Ueberblick über die letzten riesigen An strengungen zur Neuorganisation, Neuaufstellung und somit zur Vollendung der vaterländischen Anstalt. Wer zwischen den Zeilen liest, wird es gewahr, dass das edelste Herzblut der wackersten Patrioten an dem Werke klebt, dass eine Unsumme von Mut, Kraft und Ausdauer aufgewendet werden musste, letzteres zu vollenden. Damit halten wir auch diese eben erschienene Veröffentlichung der Kommission und Di rektion ftir die bedeutendste, inhaltreichste und wertvollste! Mögen in der Zukunft für das Museum sonnige Tage er wachen: seine Leitung wird nie mehr in die Lage kommen, einen so gehaltreichen Bericht über ihr Wirken zu erstatten. Bei den tiefen Teilnahmsgefühlen, die uns für das schweizerische Landesmuseum beseelen, konnte die Durch lesung des vorliegenden Berichtes nur erhebend wirken. Das Interesse vor dem fachlichen Inhalte tritt zurück vor der Mitfreude an dem festlichen Augenblicke der Erschliessung der neuen Pforten; sie löst sich auf in den wärmsten Glück wünschen für das Gelingen des Werkes und sein kräftiges Gedeihen. «Vivat,'floreat, crescat!» Das Hauptinteresse an dem Berichte konzentriert sich für uns begreiflicherweise auf die Installation der Waffen 16* II. Band. 124 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Sammlung, deren Kern bekanntlich die reiche kantonale Kollektion aus dem Züricher Zeughause bildet, und wir aner kennen mit Befriedigung den Nachdruck, welchen die Kom mission auf die Ausstattung des hierfür bestimmten Raumes, der » Honorare . . . . 1852 >> 76 JJ Schreibmaterialien . 55 )) IO Sonstige Ausgaben 445 n 90 Porti. 72 >1 35 Drucksachen . 290 n 20 >> Summa: 7457 M. 02 Pf. Zusammenstellung. Einnahmen . . . 8246M. 35 Pf. Ausgaben . . . . 7457 02 >> Bestand ult. Mai 1900: 789M. 33 Pf. Mül er Major z. D und Schatzmeister. III. Ergänzende Nachrichten. 1. Aeusserer Verlauf der Hauptversammlung. Der Bericht über die Hauptversammlung in Dresden würde unvollständig sein, wollte er sich auf die Wiedergabe des Protokolls und des Kassenberichtes beschränken. Das würde vor allem die Unterlassung der Abtragung einer Dankesschuld bedeuten. Denn die Versammlung war so wohl vorbereitet, den Teilnehmern wurde so viel Gastfreundschaft erwiesen, dass nicht anders als mit herzlichem Danke derer gedacht werden kann, auf deren Schultern die nicht kleine Arbeitslast ruhte. Der an dieser Stelle schon oft betonte feste Zusammenschluss der Dresdener Vereinsmitglieder zei tigte nun die angenehmsten Folgen: in diesem Kreise fühlte man sich wohl geborgen. 4- Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Wärmste Anerkennung und herzlichsten Dank haben sich 129 reichen kulturgeschichtlichen Vergangenheit Sachsens, oft in besonders die Herren verdient, welche in den ihnen unter stellten Sammlungen die Führung der Mitglieder übernommen hatten. Am ersten Tage erklärte Herr Direktor von Ehren thal die Schätze des Kgl. Historischen Museums und der Kgl. Gewehrgalerie. Beide nehmen unter den Waffen sammlungen Deutschlands eine so hervorragende Stellung ein, dass jeder Hinweis auf ihren Wert überflüssig erscheint. Freilich war es ein besonderer Genuss, sich desselben aufs neue unter so sachkundiger, umsichtiger Führung bewusst zu werden. Das Kgl. Arsenal, wohl kaum der Allgemeinheit so bekannt wie das Historische Museum, nahm am zweiten Tage die Teilnehmer an der Versammlung auf. Herr Oberst Thierbach und Herr Major Müller, deren eitrige Arbeit j dieser musterhaft eingerichteten Sammlung zu gute gekommen ist und noch kommt, waren hier die Führer, und nur allzu rasch verging über ihren Erklärungen die knapp bemessene Zeit. Man schied mit dem Bewusstsein, dass hier ein sehr wert volles Material für die Waffenkunde in bester Obhut geborgen i ist, und dass nirgends sonstwo etwas Gleiches besteht wie die Thierbachsche Sammlung zur Entwicklung des Gewehr schlosses, die deutscher Gründlichkeit und deutscher Geschick lichkeit ihre Entstehung verdankt. Der Nachmittag desselben Tages führte die Mitglieder nach Meissen zur Besichtigung der Albrechtsburg und des Domes, wo die vielgestaltigen Eindrücke des Tages einen harmonischen Ausklang fanden, wie ihn wohl niemand erwartet hatte: Orgelton und ein vortrefflich gesungenes Lied begrlisste die Lintretenden. Den freundlichen Bemühungen des Herrn Max Grünewald in Meissen möge in diesem Zusammenhänge besonderer Dank gezollt werden. Am dritten Tage wurde das Kgl. Kupferstichkabinett be sichtigt. Dessen Direktor, Herr Prof. Dr. Max Lehrs, hatte hier eine Ausstellung von Blättern veranstaltet, die als Quellenbeiträge zur Waf fenkunde dienen sollten. Es war dies um so mehr des Dankes wert, weil sicherlich mancher, der sich mit der Geschichte der Waffen be schäftigt, kaum daran ge dacht haben mag, welche Fülle reichster Belehrung ihm eine derartige Sammlung ver mittein kann. Die Ausstellung bot dem Betrachter — es seien hier einige kurze Ausführungen eben wegen der Seltenheit einer derartigen Veranstaltung gestattet — graphische Blätter und Reproduktionen nach ihnen vom 15. bis zum 18. Jahrhundert. In richtiger Erkenntnis von dem Werte dieses Materials als Quelle waren Darstellungen herausgegriffen worden, deren Bestim mungen eine Gewähr dafür boten, dass auf die Richtigkeit in der Wiedergabe der Waffen besonderer Wert gelegt worden sei. Denn nicht kritiklos darf jedes Blatt als eine durchaus gesicherte Grundlage für weitere Schlüsse angesehen werden. Oft auch, wenn der Künstler weniger auf die strenge Nachbildung der Wirklichkeit zu achten brauchte, hat die Phantasie Waffen geschaffen, wie sie niemals von einem Manne geführt worden sind. Dass es nun auch an einigen Blättern, die ohne weiteres als dieser Gruppe zugehörig sich erkennen Hessen, nicht fehlte, macht dem pädagogischen Sinn, mit dem die Auswahl getroffen war, alle Ehre: denn so wurde dem Besucher, der sich zum erstenmal genauer mit den graphischen Blättern be kannt machte, nahegelegt, dass er nicht gleichmässig alles, was sich ihm darböte, benutzen könne, wurden ihm neben dem grossen Reichtum, der ihn hier erwartete, auch die Grenzen der Mittel gezeigt. Uebrigens kamen die Besucher der Aus stellung auch rein künstlerisch auf ihre Rechnung; die kost baren Blätter des 15. Jahrhunderts und die herrlichen Probe drucke des Burgkmairschen Triumphzuges mögen als Zeugnisse dafür genannt werden. Einen bleibenden Gewinn aber wird diese Ausstellung haben, wenn man künftighin aus den Kupferstichkabinetten, deren kulturgeschichtlicher Wert immer noch nicht genug beachtet wird, sich mehr, als jetzt üblich, j Rats erholen wird. Namentlich für die Kenntnis der Waffen führung möge dies berücksichtigt werden. Am Nachmittag des dritten Tages begleitete mit dankenswerter Bereitwilligkeit Herr Freiherr von Mansberg eine Anzahl Mitglieder in das Altertums-Museum im Grossen Garten, welches einen deutlichen Beweis für die segensreiche Wirksamkeit des Kgl. ! Sächs. Altertums-Vereins und eine klare Anschauung von der Stücken von grösster Seltenheit, giebt. Dass die Geselligkeit im gastfreundlichen Dresden be sonders gepflegt wurde, bedarf wohl kaum eines Wortes. Einer Ueberraschung aber sei zum Schlüsse noch gedacht, welche bei den Teilnehmern am Festmahl viel Freude her vorrief und sie zu herzlichem Danke verpflichtete. Bei jedem Gedeck lag in grünsainmetem Kästchen eine Gedächtnismünze, die Herr Kommerzienrat Max Hirsch in Radeberg, ein eifriges Mitglied des Vereins, gestiftet hatte. Sie möge für die jenigen, welche nicht in Dresden sein konnten, hier wenigstens abgebildct werden. Eine kurze numismatische Erklärung, die Herr Geh. Hofrat Dr. J. Erbstein in Dresden für den von ihm redigierten «Münz- und Medaillen-Freund» geschrieben hat und deren Abdruck gütigst vor dem Herrn Verfasser gestattet wurde, sei hinzugefiigt: «Diese in Form der Kontentions thaler hergestellte Denkmünze, welche der zum Vorbilde ge wählten Münzsorte auch durch einen zierlichen Laubrand sich anpasst, hat folgendes Gepräge: Vs. Auf rechtshin sprengendem Rosse mit fliegenden Decken ein Turnierritter mit umgegürtetem Schwert, Fahne und dreieckigem Schild, worin ein fl (Armis), das auch auf dem Helme als Kleinod erscheint. Ausserhalb einer durch das Bild mehrfach durchbrochenen Kreislinie (oben beginnend): VEREIN • FVR Hl —STOR1SCHE • WAFFEN — KVNDE .189fr (als das Stiftungsjahr) — Rs. Ansicht von Dresden, von der Albert-Brücke aus gesehen, mit der Carola-Brücke und der Brühlschen Terrasse im Vordergründe und dem dahinter erscheinenden Stadtbilde von der Frauenkirche bis zur katholischen Hofkirche unter dem strahlenden göttlichen Drei eck. Oben herum IN ARMIS und im Abschnitte, an dessen Leiste R. D. (Richard Diller in Dresden) in zwei Zeilen DRES DEN | 1900. Die Rs. erinnert an Nürnberger Konventions thaler von 1765 bez. 1780. Von dieser gefällig ausge führten silbernen Denkmünze, von welcher nur 100 Exem plare geprägt worden sind und weitere Exemplare nicht hergestellt werden, gelangen nicht zur Verwendung ge kommene 28 Exemplare durch die Numismatische Gesellschaft zu Dresden (Vorsitzender Geh. Hofrat Dr. J. Erbstein) zum Verkaufe. Der Preis des Exem plars ist auf 15 Mark festgesetzt.» Ktsch. 2. Schicksal der Satzungsänderungen. Wie schon oben erwähnt, wurde die nur von 25 (statt 30) Mitgliedern besuchte und daher für Satzungsänderungen un zuständige Hauptversammlung vom 21. Juni aufgehoben und nach Satzung 21 sofort eine neue anberaumt, in welcher nun nach eben dieser Satzung eine Beschlussfassung ohne Rück sicht auf die Zahl der Mitwirkenden möglich schien. Aller dings konnten von diesem Verfahren nicht sämtliche Vereins mitglieder benachrichtigt werden, weil das eine Verzögerung von mehreren Tagen herbeigeführt hätte und die Anwesenden nicht so lange in Dresden zu halten waren. Wegen dieser fehlenden Benachrichtigung hat nun das König], Amtsgericht in Dresden den in jener zweiten Sitzung gefassten Beschlüssen die Anerkennung und Eintragung versagt. Es ist deshalb notwendig, dass wir zur Feststellung der Satzungsänderungen auf Grund der den Herren Mitgliedern bereits im Mai zugegangenen Vorschläge noch einmal beraten und schlüssig werden. Die Unterzeichneten richten deshalb an alle Herren Mitglieder die ebenso ergebene wie dringende Bitte, sich am Sonntag den 28. Oktober Vormittag um 12 Uhr abermals im Kurländer Palais zu Dresden einfinden zu wollen, um in hoffentlich ganz kurzer Erörterung die Beschlüsse vom 21. Juni zu bestätigen. Wohl sind wir uns bewusst, dass wir damit den Herren Mitgliedern ein grosses Opfer zumuten; allein die Entwicklung unseres Ver einslebens nötigt dazu, es zu erbitten. Ausser dieser Benachrichtigung werden noch an alle Mitglieder besondere Einladungen gesandt. Der Vorsitzende. Der I. Schriftführer, v. Usedom, Dr. Jähns, Generalleutnant und Kommandant Oberstleutnant a. D. des Zeughauses. 17 II. Band. 130 Herr . Louis Berger in Harkortshof, Zeitschrift (Ur historische Waffenkunde. Der Verein hat einen schweren Verlust erlitten: am 30. Juli d. J. verschied auf Schloss Rosenau bei Coburg einer seiner hohen Protektoren, Seine JCSnigliche Roheit jCerzog flfteö von Sachsen-Coburg und 6otha. Ein warmherziger Freund von Kunst und Wissenschaft ist mit ihm dahingegangen. Auch den Zielen unseres Vereins schenkte er jederzeit seine gütige Teilnahme und über sein gedeihliches Wachstum äusserte er herzliche Freude. Selbst eifrig im Sammeln, wobei ihn ein fein ausgebildeter Geschmack und ein reifes Verständnis der Kultur früherer Zeiten leiteten, selbst im Besitz einer der besten Waffensammlungen Deutschlands, wusste er es zu würdigen, dass der Verein sich bemühte, der Waffenkunde als historischer Wissen schaft Geltung und Förderung zu verschaffen. Sein Name, der diesen Bestrebungen Schutz lieh, wird in den Annalen des Vereins immerdar einen Ehrenplatz einnehmen. Nachdem das vorliegende Heft bereits abgeschlossen war, traf die Kunde von einem Verlust ein, der für die Entwicklung unseres Vereins schwer ins Gewicht fällt. Am 20. September entschlief in Berlin, seinem Wohnsitz, der Oberstleutnant a. D. Herr Dr. Max Jähns, erster Schriftführer des Vereins. Im nächsten Hefte soll dem Entschlafenen ein ausführlicher Nachruf ge widmet werden. Für jetzt möge nur der Trauer gedacht sein, die jeden erfüllen wird, der Max Jähns kannte. Denn er weiss, dass nicht nur ein grosser Gelehrter in ihm uns genommen wurde, sondern auch ein edler, feinfühlender, warmherziger Mensch. Friede seiner Asche! Dem Vereine neu beigetreten ist: Barop bei Dortmund. In der Mitgliederliste muss es statt v. Arsenius heissen: v. Arseniew, Georg, Staatsrat, Konservator des Kaiser). Waffenmuseums im Kreml. Moskau. Das neue Mitgliederverzeichnis wird nach Feststellung der Satzungsänderungen zugleich mit dem Neudruck der Satzungen ausgegeben werden. —ns*- Redaktionelle Mitteilung. Laut Beschluss der Hauptversammlung kann von Heft 5 des II. Bandes ab jeder Mitarbeiter 10 Sonderabzüge bekommen. Ich bitte um Mitteilung bei Uebersendung der Manuskripte, ob solche Abdrücke gewünscht werden oder nicht Die Annahme von Beiträgen für Heft 5 des II. Bandes wird am i. Dezember d. J. geschlossen. Herausgegeben vom Verein für historische Waffenkonde. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschan, Veste Coburg. Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. |—I erbe Verluste hat in den letz ten Monaten unser Verein erlitten. Zu der noch ' jungen Trauer um Max Jäh ns gesellte sich bald die um Wen delin Boeheim. Zwei der Besten sind uns in ihnen entrissen worden, und der Verein wird nun sehen müssen, wie er ohne sie fertig werden wird. Gewiss wird das nicht leicht sein. Denn beide Männer sind jeder in seiner besonderen Art un ersetzlich. Aber schon ist die histo rische Waffenkunde stark genug ge worden, um ihren Platz unter den ge schichtlichen Hilfs wissenschaften zu behaupten, ohne, wie früher, fürchten zu müssen, dass man ihr höchstens ein Winkelchen im grossen Saale der Kulturgeschichte vergönne. Wird nur in dem Geiste weiter gearbeitet, wie es Boeheim und Jähns thaten, so können wir getrosten Mutes in die Zukunft blicken. Vor wenig Jahren noch wäre das un möglich gewesen. Dass jetzt am Ende des Jahrhunderts die Verhältnisse so viel günstiger lie gen, das ist das Verdienst Wen delin Bocheims. Als ich bei Be ginn des zweiten Bandes die Schrift leitung aus seinen Händen übernahm und meinem Vor gänger einige dank bare und anerken nende Worte wid mete, schickte ich sie, dawirgewisser massen vereinigt zu den Lesern spra chen, in der Kor rektur an ihn zur Durchsicht. Ich hatte ihn in dieser Einführung, von der Erwägung aus gehend, dass er der historischen Waf fenkunde die Da seinsberechtigung als Wissenschaft er kämpft und die Forschung auf die sem Gebiete metho disch eingerichtet hatte, den «Vater der historischenWaffenkunde» genannt, und noch heute glaube ich, dass ich trotz mancher tüchtigen Vorarbeiten wie der von Ouirin von Leitner, Viollet 18 II. Band. 132 Zeitschrift für historische YVaffenkunde. le-Duc u. a. damit nicht zu viel gesagt habe. Boeheim aber w Ute in seiner auch sonst vielfach erkennbaren Bescheidenheit eine derartige, wie er meinte, allzu hoch gegriffene Schätzung nicht gelten lassen. Ich gab damals dem verehrten Manne nach. Heute aber, wo er nicht mehr unter uns weilt, bin ich sicher, dass die Fachgenossen, die ja alle von ihm gelernt haben, mir beipflichten werden, wenn ich in dieser Zeitschrift, deren Bestehen und Ergehen ihm so am Herzen lag, doch diese ehrende Bezeich nung zum Gedächtnis nunmehr niederschreibe. — Boeheims Gesundheitszustand erfüllte die, welche ihn persönlich kannten, schon länger mit ernsten Bedenken. Bereits ein Jahr vor seinem Tode hatte der Arzt ihm dringend geraten, in der Arbeit, in der allein er sich keine Mässigung auferlegen mochte, Mass zu halten. So gab er denn die Schriftleitung der Zeitschrift zunächst ab und bei der dritten Hauptversammlung in Dresden bat er schriftlich auch noch um Enthebung von dem Amte eines zweiten Vorsitzenden des Vereins. Trotzdem glaubte wohl keiner, dass er, dessen Ernennung zum Ehren vorsitzenden des Vereins man in der Hoffnung ausgesprochen hatte, dass er sich dieser Stellung noch recht lange erfreue, so bald uns verlassen werde. Ein Mann, der nicht ersetzt werden kann, stirbt immer zu früh und immer unerwartet, denn man glaubt, dass der, welcher jederzeit selbstlos sich für einen idealen Zweck einsetzt, dass der, auf den man sich immer unbedingt verlassen kann, stets für uns und die gemeinsame Sache bereit stehen müsse. Eben wenn man die Grösse eines möglichen Verlustes von vornherein beurteilen kann, ihn also besonders fürchten muss, wird man sich — das ist eben menschlich — scheuen, ernstlich an ihn zu denken. Freilich ist dann der Schmerz um so herber, wenn er wirklich eintritt. Von Waldegg aus, dem geliebten Sommeraufenthalt, der schon mehr als einmal ihm die Kräfte verjüngt hatte, schrieb mir Boeheim noch Ende August, dass er sich bedeutend gestärkt fühle, obwohl er, wie er in seinem auch sonst nicht versagenden Humor hinzufügte, für den Arzt ein «wahres Ver suchskaninchen» sei, und noch konnte er mir von litterarischen Plänen für den Winter sprechen. Ehe er sie aber ausführen konnte, erlahmte die regsame Hand für immer: am I. November 1900 erlöste Wendelin Boeheim der Tod von seinem Leiden. — In gewissem Sinne war Boeheim ein glücklicher Mensch. Denn am Abend seines Lebens konnte er sich sagen, dass das, wofür er vor allem gewirkt hatte, auf dem richtigen Wege zum ersehnten Ziele sei, dass die Waffenkunde, nicht mehr auf die zu fällige Neigung eines kulturgeschichtlichen Forschers angewiesen, als gefestigte selbständige Wissenschaft methodisch betrieben werden würde, so lange es überhaupt geschichtliche Forschung und als deren Vorbedingung Sinn für das Leben der Vergangenheit giebt. Der Anfang von Boeheims öffentlicher Lauf bahn hatte zunächst nicht darauf hingewiesen, dass er sich als Gelehrter seinen Ruhmeskranz verdienen werde. Wie wohl alle von uns kam auch er erst auf dem Umweg über einen anderen Beruf, über andere Beschäftigungen zur historischen Waffenkunde. Wendelin Boeheim ist am 17. September 1832 zu Wiener-Neustadt geboren worden.1) Sein Vater war ein Beamtter der Stadt. Er Hess den Sohn das Gymnasium besuchen und gab dann seinem Wunsche, sich auf der Knnstakademie in Wien der Bildhauerei zuzuwenden, Folge. Das unruhige Jahr 1848 entzog Boeheim aber dem Dienste der Kunst: er trat als Expropriiskadett in das Pionier-Corps ein, also in einen Truppenteil, wo seine vortreffliche technische Begabung bald genug Gelegenheit zur Bethätigung f inden musste. Die theoretischen Kenntnisse ge wann er auf der Pionierschule zu Tulln, die prak tischen im Dienste des Bataillons zu Pressburg. Als Leutnant — er wurde es 1854 — nahm er an den verschiedensten Punkten seines Vaterlandes an wich tigen und lehrreichen Arbeiten teil, und für den strebsamen jungen Offizier war die Versetzung nach Verona ein anspornender Beweis von dem Vertrauen seiner Vorgesetzten. 1859 zum Oberleutnant be fördert, sah er sich bald vor die ernstesten Aufgaben gestellt, die der Feldzug dieses Jahres brachte. Nach dessen Beendigung wurde er als Lehrer des Pionierdienstes an dieTheresianischc Militär-Akademie in Wiener-Neustadt versetzt, wo er sein Talent, anderen von seinem reichen Wissen in klarer Form mitzuteilen, bald soweit ausgebildet hatte, dass er an die Abfassung eines praktischen Lehrbuches denken konnte. Lehrend und fortgesetzt sich selbst weiter bildend blieb er bis zum Jahre 1864 in seiner Vaterstadt. Dann aber wurde ihm das Kommando der Regiments - Kadettenschule in Klosterneuburg anvertraut. Hier wurde er 1865 Hauptmann, kam aber 1866 bereits zum Infanterie-Regiment Hoch und Deutschmeister Nr. 4 und hatte als Kompagnie chef sowohl wie als stellvertretender Führer eines Bataillons Gelegenheit, in der Schlacht bei Königgrätz sich auszuzeichnen. Aber auch bei diesem Regimente, mit dem ihn so ernste Erinnerungen verbanden, konnte er nicht lange Dienst thun. Noch einmal sollte er als Lehrer wirken, diesmal an der neu er richteten Kadettenschule in Graz, wohin er 1869 übersiedelte. 1872 wurde er auf seine Bitte .wieder zum Truppendienst nach Tulln kommandiert. Nach dem er 1874 mit Wartegebühr beurlaubt worden >) Herr Dr. Baron Poti er, der Boeheim in verschie denen Zeitungen Nachrufe widmete, vermittelte mir die Kenntnis der biographischen Daten, wofür ihm ebenso ge dankt sei, wie für die Beschaffung des wohlgelungenen Bild nisses. Beim Begräbnis vertrat er den Verein und legte in dessen Namen einen würdigen Kranz an der Bahre nieder, herzliche Worte dem Entschlafenen nachrufend. Auch ein Kranz der Stadt Emden, der Boeheims letzter grösserer Beitrag in der Zeitschrift galt, schmückte sein Grab, gewidmet «in treuem Gedenken». 5. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. war, schied er 1875 als invalid aus dem aktiven 133 Jugend unserer Sonderwissenschaft nicht bilden, wohl Militärdienste aus. Von da ab beginnt die schriftstellerische Periode in Boeheims Leben, und seiner allzeit fertigen, sorg fältig geschulten Feder wusste man sich bald auch von Amtswegen zu bedienen. So arbeitete er an dem amtlichen Bericht über die Wiener Welt Ausstellung mit, ging dann als Sekretär der öster reichischen Abteilung zur ersten internationalen Kunst- und Kunstgewerbe-Ausstellung nach München und 1878 nach Paris. Was der Knabe ersehnt hatte, das sollte jetzt dem gereiften Manne beschieden sein: er konnte sich dem Dienste der Kunst widmen, wenn nun auch nicht mehr als ausübender Künstler, so doch als Kunstforscher. Mochte ihn nun die Kunstgeschichte zunächst zum Studium der alten Waffen geführt haben, so erscheint es mir doch zweifellos, dass daran sein Beruf als Soldat nicht geringeren Anteil gehabt hat, und auch das ist ein Umstand, der meine Aeusserung rechtfertigt, dass Boeheim ein glücklicher Mensch gewesen sein muss. Denn auf dem Gebiet der Waffenkunde konnten sich ohne Störung jene beiden hauptsächlichen, an scheinend so weit auseinander liegenden Neigungen begegnen, die seinem Leben äusseren Verlauf wie Inhalt schufen, die Liebe zur Kunst und die Liebe zum Waffenhandwerk. Sein Kaiserlicher Herr, der übrigens, um das gleich hier zu bemerken, es ebenso wenig wie andere Fürsten an äusseren Ehrungen Boeheim gegenüber fehlen liess, wusste diese glück liche Harmonie für seine reichen Schätze zu nützen: 1878 ernannte er Boeheim zum Kustos der Waffen sammlung des Allerhöchsten Kaiserhauses, der er dann in den letzten Jahren' unter dem Titel eines Direktors Vorstand. Mit dem lebhaften Eifer, der Boeheim bis zu seinem Tode nicht verliess, nahm er sich der neuen Aufgabe an. Das reiche Material machte er sich bald zum geistigen Eigentum. Seinen Fleiss unter stützte eine auf den Besuch aller bedeutenden Sammlungen sich gründende, weit ausgedehnte, von einem scharfen, stilkritischen Blick unterstützte An schauung und sein streng historischer Sinn, der sich nicht mit gefälligen, leichtherzig ersonnenen und auf romantisch-sentimentale Wirkung gestimmten Märchen zufrieden gab, sondern den Dingen auf den Grund ging, sich auch nicht scheute, immer und immer wieder, wie das zahlreiche Abhandlungen in den «Jahrbüchern der Kunstsammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses» beweisen, die Archive zu befragen. So reifte er in gewissenhafter Selbst zucht rasch zum Führer in seiner Wissenschaft heran, und er dürfte es wagen, den gesamten Stoff in einem «Handbuch der Waffenkunde» (Leipzig, 1890) zu bearbeiten. Heute noch, wo unterdessen, wiederum meist unter Boeheims Vor gang, mancherlei klärende Forschungen angestellt worden sind, behauptet es den ersten Platz in der Faehlitteratur. Einen Schlussstein kann es bei der aber wird cs für alle Zeit der Grundstein sein. Neben dieses Werk tritt ein zweites, ebenso wichtiges und wertvolles, die «Meister der Waffen schmied'; war er ohne vorhergehende Kaiserkrönung angenommen worden, wie es seit dem von Maximilian I. gegebenen Beispiel regel mässig der Fall war, so pflegte man diesen Worten noch das «electus» voranzustellen; hinter dem kaiser lichen Titel werden die dem Flerrscher etwa zu stehenden königlichen Würden angeführt. Ferdi nand I. also nannte sich als Kaiser (1558—1564) electus Romanorum imperator semper augustus ac Germaniae Hungariae Bohemiae etc. rex». Daraus kann unmöglich Fringia werden und ebensowenig aus den königlichen Titeln, die er vor dem Jahre 1558 führte (von 1526 bis 1531: Hungariae, Boe miae, Dalmatiae, Croatiae etc. rex; von 1531 bis 1558: Romanorum, Idungariae, Boemiae, Dalmatiae, Croatiae rex).3) Man wende nicht ein, dass der Klingenschmied sich nicht um Kanzleibrauch und Staatsrecht gekümmert habe. War ihm überhaupt so viel politisches Verständnis beschieden, um zum erstenmal in jener angeblichen Kürzung den Namen ') So zuerst in der 3. Auflage seiner Kriegswaffen S. 1022, wo im übrigen die von Boeheim, Handbuch S. 281, auf gestellte und von demselben in dieser Zeitschrift 1,56 berich tigte Deutung angenommen, aber nicht beachtet ist, dass eine Auflösung von I. N. durch «in» unzulässig ist. 2) Ausser den von Ehrenthal citierten Beispielen kann ich mich auf sechzehn derartige Klingen berufen, die das Heeresmuseum besitzt; zehn hiervon sind in meinem Katalog (Wien 1899) I. Saal Nr. 91, 152, 155, 279 bis 282, 343, 351 und II. Saal Nr. 109 beschrieben, die übrigen teils in den Wandgruppen, teils im Depot untergebracht. ;!j Vgl. die Legenden der Siegel Ferdinands bei Heffner, die deutschen Kaiser- und Königs-Siegel S. 35, jene der Mün zen bei Schulthess-Rechberg, Thaler-Cabinet I. Bd. Nr. 127 bis 158, und Nr. 2375, 2376, 2378 bis 2384 und insbesondere die in ungarischen Angelegenheiten ergangenen Schreiben Ferdinands bei Fraknöi, Monumenta comitialia regni Hun gariae IV. Bd. S. 39, 125, 195, 203 u. s. w., welche erweisen, dass auch in Ungarn die gleichen Formeln üblich waren. Eine Ausnahme scheint die zu Hermannstadt im J. 1552 ge schlagene Klippe zu bilden, deren Initialen F. R. V. mit Fer dinandus rex Ungariae aufgelöst werden (Schulthess-Rechberg 1 2377) aus Münzen, Urkunden und Flugschriften diese richtige Form des Titels geläufig sein; die Kür zung konnte im besten Falle F-R-I S A- oder F-R-IMP-S-A- lauten;1) aber nirgends begegnet diese oder eine ähnliche Variante unserer Klingen inschrift. Und selbst wenn wir dem Schmied der ersten Fringia-Klinge die Seltsamkeit zumuten, dass er sich, obwohl Beispiele des richtigen Titels aller Orten zu finden waren, nach eigener Phantasie eine neue Formel zurechtgelegt und dabei merkwürdiger weise den Kaisertitel nachgcstellt und den bekannt lich im Range tieferstehenden Königstitel vorange rückt haben sollte, so bleibt doch noch ein unüber windliches Hindernis. Es handelt sich um ungari sche Säbel; bedeutet Fringia den Titel Ferdinand i., so müssen diese Waffen, wie Ehrenthal auch an nimmt, von den ungarischen Anhängern Ferdinands geführt worden sein. Und diese auf alle nationalen Rechte so eifersüchtigen Magyaren sollten Klingen getragen haben, auf denen zwar des Kaisertitels und der deutschen Königswürde, aber nicht des ungari schen Königtums gedacht war? Um dieser unmöglichen Annahme aus dem Wege zu gehen, haben Boeheim und Ehrenthal in ihrer Auflösung hinter rex in Klammern Hun gariae beigefügt. Sie beziehen also den Königstitel auf Ungarn, so dass die darauf folgenden Worte «in Germania» nicht zu rex sondern zu «imperator augustus» gezogen werden müssten; «König Ferdi nand, in Deutschland Kaiser» würde demnach die Uebersetzung zu lauten haben. Dieser Auffassung widerspricht aber die geschichtliche Bedeutung des alten Kaisertums, welches seinem Wesen nach kei neswegs auf Deutschland beschränkt war, sondern einen universellen Machtanspruch in sich schloss. Einen «Kaiser in Deutschland» oder einen «Deutschen Kaiser» hat es im 16. Jahrhundert ebensowenig ge geben als im Mittelalter, es gab nur «römische Kaiser , die als ideelle Nachfolger der Imperatoren des Altertums und der Weltherrschaft Karls des Grossen galten. Es wäre ein Hineintragen moderner Vorstellungen, wenn wir einem Waffenschmied des 16. Jahrhunderts Zutrauen würden, dass er sich von dieser Grundanschauung losgesagt und von einem «imperator in Germania» gesprochen hätte. Die Worte «in Germania» können daher, wenn sie über haupt unter jener Kürzung verborgen sein sollen, nur auf das vorausgehende rex bezogen werden, wobei dann rex in Germania als eine zwar unge bräuchliche, aber vielleicht doch nicht ganz unmög *) Die Abkürzungsform R. I. S. A. war im 17. und i8.Jahrh. auf Kanonenrohren gebräuchlich, so steht sie auf den Oesterr. Geschützen Nr. 35 und 57 bis 66 des Heeres Museums, die den Jahren 1657 bis 1738 angehören; zur Zeit Ferdinands I. hingegen u. auch unter seinen nächsten Nach folgern liest man auf den Geschützrohren den Titel meist ungekürzt; die aus Münzen u. Siegeln ersichtliche beliebteste Abkürzungsform des 16. Jahrhunderts war: el. Ro. imp. s. (oder semp.) aug. G. (oder Ger.) H. (oder Hung.) Bohem. etc. rex. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 5- Heft. liehe Wendung- für rex Germaniae anzusehen wäre. U3 Freilich setzt auch die Herlcitung des Wortes Dann aber ist die Deutung- von rex als ungarischer König ausgeschlossen, und es fehlt somit in der ganzen Klingeninschrift jeder Hinweis auf Ungarn — und das ist undenkbar bei den von ungarischen Patrioten geführten Waffen. Das ungarische Seitenstück zu der bisher be sprochenen Auflösung bildet die Beziehung der In schrift auf Franz Rakoczi II. Zwei Möglichkeiten, nämlich: Franciscus Rakoczi In Nomine Gentis Im petit Austriam, oder: Franciscus Rakoczi In Nomine Gentis Insurgit Armis sind hier erwogen worden. Was oben über das Fehlen der Kürzungszeichen gesagt ist, würde sich ebenso diesen Vorschlägen entgegenstellen lassen. Aber es ist unnötig, sie weiter in Betracht zu ziehen, da schon ungarische Forscher ihre chronologische Unzulässigkeit erkannt haben.1) Franz Rakoczis II. Aufstand fällt in den Be ginn des 18. Jahrhunderts, Fringia-Klingen aber sind schon zu Ende des 16. Jahrhunderts nachweisbar. Mit Recht hat unter solchen Umständen Bärczay darauf verzichtet, hinter dem rätselhaften Worte eine gekürzte Inschrift suchen zu wollen.2) Aber auch sein Hinweis auf die Aehnlichkeit des Wortes Fringia mit frangere (brechen) oder framea (Schwert, Säbel) führt zu keinem brauchbaren Er gebnis. Weder Fringia noch die Nebenform Frangia karin als eine Verballhornung von Framea ange sehen werden. Ausser der lautlichen Verschieden heit zeigt dies der Umstand, dass sich die ursprüng liche Form framea weiter erhalten und gerade in Verbindung mit fringia Anwendung gefunden hat.3) Fringia bezeichnet, wie hieraus hervorgeht, eine be sondere Abart von Klingen oder Säbeln, es kann nicht identisch sein mit dem Gattungsnamen framea. An frangere aber könnte doch nur in dem Sinne von infragilis (unzerbrechlich) gedacht werden, da die aktive Deutung dieses Verbums im Sinne von «Spalten, Durchhauen» für die Zeit, als die P'ringia Klingen auftauchten, nicht mehr zulässig ist. Solange also nicht Klingen mit der Inschrift infragilis oder einer ähnlichen Form nachgewiesen sind, wird es gut sein, von einer Konjektur abzusehen, die von den überlieferten Varianten so weit abweicht.1) 4) Bärczay, A hadiigy fejlödesenek törtenete 2, 607 und Szendrei, Ungarische kriegsgeschichtliche Denkmäler S. 322 u. 844. Wann 11. von wem diese Erklärungen von Fringia zum ersten Male aufgestellt wurden, konnte ich nicht fest stellen. 2) a. a. O. 2, 606. 3) S. die von Szendrei S. 404 und darnach von Ehren thal oben S. 74 angeführte Stelle aus dem 1672 angelegten Verzeichnis des Zrinyschen Nachlasses. 4) Eine Stütze würde diese Annahme nur dann erhalten, wenn die von Dcramin, Kriegswaffen 3. Aufl. S. 741 Anm. 1 angeführten Formen 1NFRINGIA und INFINIA sich bestätigen sollten. Vorläufig bin ich geneigt, hierin blosse Verlesungen oder allenfalls Entstellungen des vielleicht doppelt gesetz ten Wortes FRINGIA oder auch der an einem Panzerstecher des Heeres Museums (1, Saal Nr. 91) nachweislichen Marke F1NA FRINGIA zu erblicken. F'ringia von frengi, der türkischen Bezeichnung für fränkisch und abendländisch überhaupt, eine sprach liche Veränderung voraus, aber sie nötigt nirgends zu unwahrscheinlichen Annahmen. Am einfachsten zu erklären ist die schon im 16. Jahrhundert nach weisbare F'orm FRANGIA (Szendrei S. 559 u. 814); hier beruht das Eintreten des a im Stamme an Stelle des im türkischen Adjektiv stehenden e auf einer Wiederaufnahme des zu Grunde liegenden deutschen Stammes frank, eine Veränderung, die jedem Abendländer, der den Sinn des türkischen frengi kannte, sofort in den Mund kommen musste; das a der Endung aber ist entweder durch mecha nische Nachbildung anderer ähnlicher Klingenmarken (GENOA, VENECIA) zu erklären oder als eine ab sichtliche Latinisierung aufzufassen, sei es nun, dass hierbei frangia als Adjektiv zu einem zu ergänzenden Hauptwort weiblichen Geschlechts gedacht war (etwa zu framea), oder dass es nur als der aus frengi ge bildete Ländername zu betrachten, also mit «Franken» d. i. «Abendland» zu übersetzen ist. Für diese letztgenannte Annahme spricht besonders die (bei Szendrei S. 865) überlieferte Variante FRANCIA. Aber auch die weit stärker verbreitete Form F'RINGIA bietet keinerlei Schwierigkeiten. Aus dem türkischen und levantinischen frengi (ferengi, firengi) kann sehr leicht firingi, fringi geworden sein, ja es muss diese dialektische Umformung geradezu erwartet werden. Die Gleichstellung von Fringia und frengi unter liegt also keinem lautlichen Bedenken, und sie bildet nur einen neuen Beleg für die auch anderwärts be obachtete Erscheinung, dass im Handelsverkehr zwi schen Orient und Occident oftmals die von dem einen Teile entlehnten Warenbezeichnungen in merk würdig veränderter Gestalt in ihre alte Heimat zu rückgekehrt sind. So sind beispielsweise die in Italien und anderen Teilen des Abendlandes nach orientalischen Mustern gearbeiteten Gewebe (Seiden brokate), welche man hier Sarazinois nannte, im Wege des Handels in den Orient gelangt und dort als «Säräsina» bezeichnet worden — ein Wort, dessen Erklärung gleichfalls Schwierigkeiten bereitete, so lange man nicht auf jene Handelsbeziehungen und die dabei unvermeidlichen Wanderungen und Wandlungen der Namen aufmerksam geworden war.J) Sprachlich steht also nichts im Wege, unsere Inschrift als eine geographische Herkunftsbezeich nung aufzufassen, wozu ja von vornherein die Ana logie der in ganz derselben Weise in die Klingen eingeschlagenen Marke GENOA die meiste Berech tigung giebt. Und diese Erklärung lässt sich auch mit den geschichtlichen Verhältnissen des 16. Jahr *) Der türkischen Sprache u. Litteratiir unkundig, muss ich mich für das oben Gesagte dankend auf die wertvollen Mitteilungen berufen, mit welchen mir der Direktor der k. k. Hofbibliothek, Hofrat Professor Karabacek, in freundlichster Weise an die Hand gegangen ist. 154 Zeitschrift für historische Waffenkunde. hunderts und den hieraus erwachsenden Bedingungen II. Band. Aufsatz einnimmt. Nach Ehrenthals Ansicht deutet des Waffenhandels sehr wohl vereinbaren. Fränkische, d. h. abendländische Klingen waren im Morgenlande neben den indischen seit alters her rühmlich bekannt. Es ist daher nicht zu verwun dern, wenn die Türken, als sie im Laufe des 16. Jahr hunderts sich den grössten Teil Ungarns unterwarfen und so die nahezu unmittelbaren Nachbarn der durch eine alte Eisenindustrie berühmten österreichi schen Erblande wurden, anfingen aus diesen Ge bieten ihren Waffenbedarf zu decken, und wenn umgekehrt österreichische und steirische Waffen schmiede ihre Handelsverbindungen nach Osten ausdehnten. Von dem siebenbürgischen Fürsten Bethlen Gabor ist es bezeugt, dass er im Jahre 1620, mitten in seinem Kampfe mit dem Kaiser, zu Weiz in Steiermark Säbel und Klingen hundert weise ankaufte, so dass die steirischen Stände sich genötigt sahen durch ein Ausfuhrverbot diese Unter stützung des Feindes zu verhindern.1) Diese That sache kann aber nicht vereinzelt dastehen, sie darf als ein Beispiel und Beweis lange fortbestehender Flandelsbeziehungen aufgefasst werden, welche den unmittelbar angrenzenden, unter habsburgischer Herrschaft stehenden Rest Ungarns und die weiten, daranstossenden türkischen Teile des Landes gewiss ebenso lebhaft mit dem Westen verbanden, wie das ferne Siebenbürgen, das zwar von Zeit zu Zeit mit Oesterreich verbündet, in der Hauptsache aber doch von türkischer Politik und Kultur abhängig war. Wie aber, sollte man im türkischen Ungarn oder in Siebenbürgen diese Einfuhrartikel aus dem Westen nennen, wenn nicht fränkisch? Wie anders sollte der Fabrikant seine Ware, um sie von orientalischen und italienischen Erzeugnissen zu unterscheiden, in diesen Gegenden empfehlen, wenn nicht als abend ländische?«Deutsch», «österreichisch»oder «steirisch» wäre genauer gewesen und uns heute bequemer. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass für die Bezeichnung der Ware die geographischen Begriffe des Erzeugers weniger massgebend sind, als der ge läufige Sprachgebrauch des Abnehmers. Von den politischen Abgrenzungen des Abendlandes hatte der Orientale keine Vorstellung, nur der Gesamt name frengi war bei ihm eingebürgert, an ihn also musste sich derjenige halten, der in Deutschland oder in seinen südöstlichen Teilen erzeugte Waffen im türkischen Ungarn an den Mann zu bringen ge dachte. Die heute in Ungarn gebräuchliche Be zeichnung Schwaben für Deutsche ist den Türken fremd gewesen, und der türkische nicht der unga rische Sprachgebrauch war in dieser Frage mass gebend. Mit dieser Darlegung entferne ich mich freilich noch in anderer Hinsicht von dem Standpunkte, welchen Ehrenthal in seinem oben angeführten *) Pichler-Graf Meran, Das Landeszeughaus in Graz 1, S. 109. das häufige Vorkommen von Fringia-Klingen in Ungarn auf den Handelsverkehr der Genuesen mit den Magyaren; er sucht also die Entstehung we nigstens der älteren Fringia-Klingen in Genua, wo nach seiner Annahme der persönliche Auftrag' König Ferdinands den Anstoss zu der Einführung dieser Inschrift gegeben haben dürfte. Ich muss gestehen, dass mir der Beweisgang, der hierzu führen soll, nicht zwingend erscheint. Dass die genuesische Klingenindustrie einen Weltruf genoss, dass einzelne ihrer Erzeugnisse den Weg selbst bis nach Ungarn fanden, soll nicht geleugnet werden, aber weder die von Ehrenthal als wichtigstes Kennzeichen genue sischer Klingen behandelte Sichelmarke noch auch die eingeschlagene Inschrift GENOA möchte ich in allen Fällen als vollgültigen Beweis der behaupteten Herkunft hinnehmen. Und was die Bezeichnung Fringia betrifft, so sehe ich sie vielmehr als einen Beweis nichtgenuesischer Erzeugung, als eine Marke an, die in bewusstem Gegensatz zu der genuesischen aufgekommen ist. Dafür scheint mir schon der interessante Fall der beiden Waffen Stefan Bathorys charakteristisch, den Ehrenthal S. 75 bespricht. Die genaue Uebereinstimmung, welche Schwert und Säbel in Bezug auf die geätzten Verzierungen auf weisen, lässt mich nicht daran zweifeln, dass beide von derselben Hand, oder doch in derselben Werk statt in solcher Weise ausgeschmückt sind. Aber von der Aetzung abgesehen zeigen beide Waffen unter einander nichts, was dazu führen müsste, ihre Er zeugung demselben Waffenschmied zuzuschreiben; der Säbel mag, wie die eingeschlagene Schrift be sagt, wirklich in Genua geschmiedet sein, bei dem Schwert spricht nichts dafür. Hat nun also derselbe Aetzmaler zwei so verschiedenartige, aller Wahr scheinlichkeit nach an verschiedenen Orten erzeugte Waffen in ganz gleicher Weise geziert und über dies mit einer neuen Marke «Frangia» versehen, so liegt doch kein Grund vor, diesen Aetzer in Genua zu suchen; vielmehr ist es mir wahrscheinlich, dass der, welcher neben das GENOA des Klingen schmieds sein FRANGIA auf die für den Osten be stimmte Waffe gesetzt hat, hiermit hervorheben wollte, dass die Aetzarbeit an anderen Orten ent standen sei .als die Schmiedearbeit. Und nach dem Stil der Zeichnung wird die Entstehung dieser Aetz arbeit doch wohl in Deutschland und nicht in Italien zu suchen sein.1) Wenn dann auf den ge q Ganz ähnlich dürfte es sich mit der framea cum ferro Fringiae Genuae verhalten haben, die sich im Zrinyschcn Nachlasse (vgl. oben S. 153 Anm. 3) fand. Etwas anders muss die auf einem ungarischen Säbel des 18. Jahrh. (Heeres Museum I Nr. 343) vorkommende Form FRINGIARAB erklärt werden. Die Klinge ist damasciert u. in eleganter Weise mit Nachahmungen türkischer Schriftzeichen geschmückt, also eine Fringiaklinge, der man das Ansehen orientalischer Her kunft zu geben trachtete. Demgemäss möchte ich die In schrift jetzt FRINGI-ARAB lesen, also als das Bekenntnis einer abendländischen Imitation orientalischer Arbeit auf 5 . Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. wohnlichen, aller künstlerischen Ausschmückung ent i5S grösste Interesse und eine so willkommene Stütze behrenden ungarischen Säbeln, die in ihrer Form aufs engste mit jenen übereinstimmen, welche die Marke GENOA tragen, in ganz gleicher Weise FRINGIA eingeschlagen wird, so sehe ich hier nichts anderes als die Nachahmung genuesischer Klingen durch deutsche Werkstätten, die, sobald ihre Handelsbeziehungen genügend gesichert waren, im Interesse ihres Absatzes mit Absicht die italie nische Herkunftsbezeichnung durch die deutsche ersetzten. Einen Hauptgrund für meine Ueberzeugung, dass Ehrenthal den genuesischen Klingen eine zu grosse Verbreitung zugeschrieben hat, bildet das häufige Vorkommen der Sichelmarke und der Be zeichnungen Fringia und Genoa aiif den Säbeln des Grazer Zeughauses.1) Es ist ja bekannt, dass diese Anstalt keine im kunstwissenschaftlichen oder historischen Interesse zusammengebrachte Waffen sammlung ist, sondern in ganz einziger Weise die Vorräte erhalten hat, welche im 16., 17. und 18. Jahr hundert von der steirischen Landschaft zum Zweck der Landes- und Grenzverteidigung aufgehäuft wur den.2) Wie nun soll das landschaftliche Zeughaus zu einer so bedeutenden Zahl genuesischer Klingen gekommen sein? Von vornherein ist ja die An nahme abzulehnen, dass die Stände, welche an dem Blühen der Waffenindustrie im eigenen Lande das fassen. Die hierzu nicht passende Abteilung- des Wortes vor RAB, welche ich, ohne dass die Waffe selbst dazu einen An halt bietet, im Katalog (1899) S. 167 eingeführt habe, wäre demnach zu verbessern. *) Vgl. Ehrenthal oben S. 75 (Szendrei N. 2587, 2645 und ausserdem Nr. 2795j 3456), Pichler-Graf Meran, Das Landeszeughaus in Graz, 2,78 und Lacher, Führer durch das Landeszeughaus in Graz (1898) S. 30. Nach einer auf meine Bitte von Herrn Direktor Lacher vorgenommenen und mir freundlichst mitgeteilten Berechnung beträgt die Zahl der im Landeszeughaus befindlichen Klingen mit FRINDIA (FRINGIA) 14, jener mit GENEVA 18 und jener mit Sichel marke 367. 2) Vgl. jetzt auch Boeheim in dieser Zeitschr. 2,90. hatten, im fernen Welschland Waffenbestellungen gemacht haben sollten. Aber es bedarf keiner indi rekten Schlüsse, denn wir besitzen die urkundlichen Belege über die Art, wie jener stattliche Kriegs vorrat zustande kam.1) Mit voller Klarheit ergiebt sich aus ihnen, dass die Stände ihre Säbel zum Teil in Passau und Wiener-Neustadt, zumeist aber in Steiermark selbst bestellten; von den steirischen Erzeugungsstätten waren in erster Linie Weiz, da neben auch Graz, Judenburg und Pettau' an der Lieferung von Säbeln beteiligt. Auch den Bedarf welscher Rapierklingen deckte nicht das fernere Italien, sondern Friaul. Von einem Import von Klingen aus Genua findet sich keine Spur. Sehen wir also von der höchst unwahrscheinlichen Annahme ab, dass alle in Betracht kommenden Waffen auf dem Wege der Erbeutu-ng aus Ungarn ins Land gekommen wären, so ergiebt sich die notwendige Folgerung, dass die mit Sichelmarken versehenen oder mit GENEVA oder FRINGIA bezeichneten Säbel und Klingen des Grazer Zeughauses in Passau, Neustadt oder in Steiermark verfertigt worden sind. Die grösste Wahrscheinlichkeit spricht für Steier mark selbst.2) An dieses Land dürfte daher auch bei den anderwärts vorkommenden Klingen der selben Art zunächst zu denken sein, und getrost kann ihre Beliebtheit als ein Ruhmestitel für die rührige Waffenindustrie der deutschen Alpenlän der angesehen und ihre starke Verbreitung in Un garn als ein Beweis dafür geltend gemacht wer den, wie sehr dieses Land auch im Waffenwesen von seinen unmittelbaren westlichen Nachbarn ab hängig war. 1) S. die von Pichler a. a. O. 1, ioöff. veröffentlichten Aktenauszüge Uber Erwerbungen blanker Waffen für das Zeughaus; sie beginnen mit dem Jahre 1577.-j Dieser Ueberzeugung ist auch schon in dem Werke von Pichler und Graf Meran deutlicher Ausdruck gegeben, siehe die Beschreibungen zu Tafel XXIV Fig. 4, 6 und 9, a. a. O. 2, S. 75, 77 und 78. 156 Zeitschrift für historische Waffenkunde. II. Band. Mitteilungen aus der Renaissance-Abteilung der Kaiserlichen Eremitage zu St. Petersburg. Von Staatsrat Eduard von Lenz. (Fortsetzung.) II. Ein Flämisch von Valentin Siebenbürger. andsknechtsharnisch, blank mit ge ätzten Rändern, des Nürnberger Plattners Valentin Siebenbür ger, in Form und Auszierung ganz ähnlich dem Harnisch des Conrad Bemelberg desselben isters.1) Das nicht zugehö rige Beinzeug ist an der Figurine belassen, da der Verfertiger vielleicht mit Siebenbürger zusammen gearbeitet, jedenfalls aber zu ihm in näherer Beziehung gestanden hat. Die geschlossene Sturmhaube hat einen auf schlächtigen, an der rechten Seite durch ein Stängel chen gestützten Gesichtsschirm und ganze Backen s'tücke mit aufgetriebenen, gelochten Gehörrosen; am Scheitel ist eine scharfe, etwas nach hinten ge krümmte Spitze kunstvoll ausgetrieben, hier nicht, wie an der Sturmhaube des Bemelberg, durch die Zeichnung des Aetzkünstlers zum Schnabel eines Vogels ausgebildet. An dem viermal geschobenen Kragen, mit aufgetriebenem Rande für die Verbin dung mit einem Burgunderhelm, sind die gleichfalls viermal geschobenen Spangröls befestigt. Die Arm kacheln haben ungewöhnlich grosse Dimensionen, die Unterarmröhren sind geschlossen (an der Innen seite nicht durchbrochen). Die Hentzen mit vor springenden Knöchelreifen zeigen an der Aussenseite der Handwurzel den für die deutschen Plattner charakteristischen, mandelförmig aufgetriebenen klei nen Buckel. Die Brust mit Grat hat bereits den aus gesprochenen «Tapul», der scharf vorspringende Ober rand ist leicht konvex geschnitten, die Armausschnitte mit beweglichen Einsätzen versehen; einRiisthaken ist nicht erhalten, doch sind die beiden Schrauben für einen solchen vorhanden. An die drei Bauchreifen sind kurze, viermal geschobene Beintaschen ge schnallt, deren unterste Schienen Drehbolzen zum An stecken der jetzt abgängigen Schösse tragen, (Fig 1.) Diese unzweifelhaft zusammengehörigen Stücke sind fünfmal, und zwar am Gesichtsschirm, beiden Achseln, Brust und Rücken mit der mehr oder weniger scharf ausgeprägten, aber jedesmal deut lich erkennbaren Marke Valentin Siebenbürgers gezeichnet; die beistehende Abbildung zeigt den Stempel auf einer der Achseln. (Fig. 2.) *) Siehe W. ßoeheim, Nürnberger Waffenschmiede u. ihre Werke etc. (Jahrbuch XVI, 1895). dessen Darstellung wir hier im Wesentlichen folgen. Das nicht zum Harnisch gehörige, Beinzeug be steht aus Diechlingen, geschobenen Kniebuckeln, ge schlossenen Beinröhren und geschobenen, breit ausladenden Schuhen. Auf beiden Oberdiechlingen ist die gleiche Marke eingeschlagen: der nach rechts Fig. 1. 5. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. gewandte Stechhelm mit der Lilie als Zimier und 157 Zeichnung nach zu urteilen, wohl kaum als Reichs den Buchstaben F. S. an den Seiten, daneben das geteilte Nürnberger Wappen. Es ist zu beachten, dass über der hier abgebildeten Meistermarke auf dem rechten Diechling vier, über der des linken sechs in horizontaler Linie liegende Punkte ein geschlagen sind, eine Beigabe, die wohl kaum zufällig genannt werden kann und deren Vor kommen auf anderen mit dem selben Zeichen des unbekannten Meisters versehenen Arbeiten festgestellt zu werden verdiente. (Fig. 3-) Die Randauszierungen des Harnisches bildet schwungvoll adler aufgefasst werden kann. Ueber die Provenienz des Harnisches, der die Ka talognummer I. 523 trägt, ist leider nur bekannt, dass er aus dem Bestände der Sammlung des ehemaligen kais. russischen Gesandten in Wien Tatischtschew, in den Besitz des Kaisers Nikolaus I. über ging. Abgebildet findet sich die Rüstung in dem Prachtwerke «Musee de Zarskoe Selo von Gille und Rockstuhl», pl. 145, woselbst der Harnisch dem Erzherzog Karl von Steiermark zugeschrieben wird. Es geschieht dies wohl kaum mit Berechtigung, denn Fig-, 4. gezeichnetes Rankenwerk in Schwarzätzung auf ausgespartem Tupfgrund; Spuren von Vergoldung lassen sich nirgends nachweisen. Auf dem Strei fen am oberen Brustrande ist ein Gigantenkampf dargestellt, bei dessen Ausführung dem Aetzmaler augenscheinlich ein Stich eines der Nürnberger Kleinmeister als Vorlage gedient hat; entschieden misslungen ist dem Meister die im Verhältnis zu den übrigen Gestalten zu klein geratene Reiterfigur in der Mitte des Bildes. (Fig. 4.) Am Rücken sehen wir zwischen Ranken zwei in Schnörkel aus laufende Hirschfiguren und eine bizarre Vogelgestalt mit überlangem Halse, am Plarnischkragen einen doppelköpfigen Vogel, welcher, der unheraldischen wenn beim Ableben Siebenbürgers der Erzher zog Karl auch bereits im 24. Lebensjahre stand, so lässt sich doch kaum annehmen, dass dieser der Besteller oder erste Besitzer des fraglichen Stückes gewesen ist. Abgesehen selbst von der auffallenden Aehnlichkcit mit dem um 1533 geschlagenen Har nisch des Conrad von Bemelberg, kann dieses Werk Siebenbürgers nach seinen typischen Formen wohl nicht später als um 1540 entstanden sein und ist die noch frühere Fertigung um so wahrschein licher, als ein Zurückgreifen des Meisters auf vor Jahren bereits einmal ausgeführte und den letzten Anforderungen der Mode doch nicht mehr ganz entsprechende Formen kaum vorauszusetzen wäre.

III. Eine mailändische Schallern.

 Aus dem Nachlasse des Grossfürsten Michael Pawlowitsch im Jahre 1866 überkommen und in das Inventar des Arsenals von Tsarskoje-Selo unter J. 615 eingetragen ist eine interessante Schallern, deren Vorder- und Seitenansicht die beistehenden Abbildungen Fig. 1 und 2 zeigen.

 Die Glocke mit niedrigem Kamm, aus einem Stücke getrieben, ist 22 cm hoch, in der Längsachse 21 cm, im Ouerdurchschnitt 17,5 cm breit; das Gewicht beträgt 4 Pfd. 88 sol. russ. Gew. An der Stirn ist ein muschel- oder fächerförmiges, flach gekehltes, geätztes und vergoldetes Verstärkungsblech festgenietet, der Nackenschutz ist dreimal geschoben; rückwärtig links am Scheitelstück findet sich eine leider undeutlich ausgeprägte Meistermarke eingeschlagen.

 In dem von F. v. Gille 1842—61 zusammengestellten Kataloge des Arsenals wird (nach einer späteren handschriftlichen Notiz) diese Schallern, freilich ohne jegliche Belege und offenbar nach einem älteren, nicht mehr vorhandenen Kataloge, dem Ercole Bentivoglio von Bologna (1459 — um 1507) zugeschrieben, und zwar, wie eine eingehendere Prüfung ergeben soll, mit vollem Recht.1)

  1) Vgl. Georg v. Kämmerer, Arsenal de Tsarskoé-Sélo ou collection d’armes de sa Majeste L’Empereur de toutes les Russies. St. Petersbourg 1869. — Der Autor kommt im grossen ganzen zu einem mit dem vorliegenden Artikel übereinstimmenden Resultat.

 Was zunächst die Form betrifft, so entspricht sie durchaus der angegebenen Zeit; ganz gleich gestaltete Schallern kamen im XV. Jahrhundert auch ausserhalb Italiens vor, wie das in Fig. 3 abgebildete ganz analoge Stück aus der Sammlung Meyrick zeigt, welches als in England zur Regierungszeit Heinrichs VI. und Eduards IV. gebräuchlich bezeichnet wird.1)

  1) G. Finke, Abbildungen und Beschreibung von alten Waffen und Rüstungen, welche in der Sammlung von Llewelyn Meyrick zu Goodrick-Court in Herefordshire aufgestellt sind. Berlin 1836. Cf. pl. 74 No. 4.

Dass auch die zeitgenössischen Glieder der Familie Bentivoglio diese Kopfbedeckung ohne Bart trugen, ist an einer im Museum von Bologna aufbewahrten Medaille des Giovanni II. Bentivoglio (1443—1509) ersichtlich, wenn auch hier die Schallern in der Form etwas von unserer abweicht, indem sie, soweit sich aus der Zeichnung Littas2) beurtheilen lässt, mit einem Visier und tief herabreichendem, nicht geschobenem Nackenschirm versehen ist (Fig. 4).

  2) Die beistehenden zu Vergleichen herangezogenen italienischen Medaillen, Schaumünzen und Wappen, chronologischen und genealogischen Daten entnehmen wir dem Capitalwerke: Litta, famiglie celebri italiane. (Fase. XXXI Bentivoglio di Bologna, XLI Pallavicino u. a.)

 Die Meistermarke (Fig. 5) deutet ebenfalls auf dieselbe Periode, und wenn sie uns auch in dieser Form (H? A) noch nicht begegnet ist, so glauben wir doch nicht fehlzugehen, wenn wir sie einem Mailänder Plattner und zwar einem der älteren Missaglia zuschrciben.

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 Endlich aber bieten die Verzierungen des Stirnschildes genügende Anhaltspunkte, um die Persönlichkeit des Besitzers mit Sicherheit festzustellen; es sind nämlich an den Schmalseiten: rechts der ovale schrägrechts dreizehnmal mit Spitzen geteilte Schild (Fig. 6) und links das vollständige Wappen der Bentivoglio — der geviertete Schild mit nach rechts gewandtem Adler in 1 und 4 und der schrägrechten Spitzenteilung in 2 und 3 (Fig. 7) — eingeätzt, letzteres genau in der Form, wie es sich auf den von Giovanni II. Bentivoglio geprägten Münzen vorfindet (Fig. 8). An der Spitze des Stirnblechs sieht man noch: rechts die Wappenfigur der Bentivoglio — den Adler auf einem Nest, über dem Haupte ein fliegendes Band mit Inschrift NUN MICHI (Nunc mihi), (Fig. 9) links einen Stier, ein Schwert und einen zweiten, nicht mehr zu bestimmenden Gegenstand (Blatt? Garbe?) haltend, mit einer Lilie zwischen den Hörnern (Fig. 10). Den Adler mit dem angeführten Wahlspruch sehen wir auf zwei dem Museum in Bologna und der Kollektion Schiassi daselbst gehörigen Schaumünzen (Fig. 11 u. 12), letztere mit den Namen der beiden Söhne Giovannis II., Annibale (1469—1540) und Aütongaleazzo (1472—1525); die Figur des Stieres hat nuu zwar mit dem Wappen der Bentivoglio nichts gemein, lässt sich aber, wie uns scheint, ungezwungen aus dem Umstande erklären, dass der Inhaber des Helmes Ercole Bentivoglio mit Barbara Torelli vermählt war, aus deren Wappen die Figur entnommen sein könnte. Ein Beispiel der Entlehnung derselben Wappenfigur gelegentlich einer Rankenwerk eingestreute, als ornamentale Beigabe dienende Wappentiere und Figuren werden wohl kaum mit heraldischer Präzision behandelt worden sein.
 Es erübrigte nun noch, das Wort «Nespola» zu deuten, welches sich viermal in einer der Einkehlungen und je einmal an den schmalen Seitenrändern des Stirnschildes eingraviert vorfindet, doch sehen wir uns vorläufig ausser stände, eine stichhaltige Erklärung dafür zu bieten. Die in dem Familienallianz finden wir an dem Grabmale der Pallavicino in der Parochialkirche von Corte-maggiore, woselbst der Stifter Gianlodovico Pallavicino (1425—1481), vermählt mit Anastasia Torelli, das vereinigte Wappen beider Geschlechter am Monumente anbringen liess (Fig. 13).
 Allzugenau freilich mit der Blasonnierung der Wappen nahmen es weder der Steinmetz noch der Aetzmaler, allein es braucht den verschiedenen Abweichungen und Freiheiten in dieser Richtung kein besonderes Gewicht beigelegt zu werden, denn in Werke von Litta gegebenen Daten aus der Familiengeschichte der Bentivoglio lassen keine Beziehungen zur Mispel (nespola) als dem bevorzugten Symbol des Geschlechtes erkennen, und wenn das Wort, wie in der oben erwähnten handschriftlichen Notiz gesagt ist, einen Kriegsruf, ein Feldgeschrei bedeuten sollte, so müsste es wohl im übertragenen Sinne von «dare nespole = Prügel geben» aufzufassen sein, und dann bliebe es wieder unverständlich, warum hier die Singularform nespola statt nespole angewandt wurde.

IÖT 5. Heft. Zeitschrift für historische Warenkunde. Ueber den Wert der Meistermarken. Von Wendelin Boeheim. (Fortsetzung.) 11. Laufmarken. den über den Dorn ge schmiedeten eisernen Hakenbüchsenläufen des 15. Jahrhunderts f inden sich die ältesten derlei Marken. Sie stel len selten Buchstaben, sondern meist Wappen schild Herzen, Pfeile u. dgl. dar, welche tief ins Gesenk geschlagen sind. Zunächst, um 1500, traten die zwar geschmie deten, aber gebohrten Läufe auf, mit ihnen aber häufig schon die Marken einer behördlichen Be schau. So treffen wir bei Nürnberger Läufen das N, bei Augsburger den Pinienapfel, den sogenannten «Stadtpyr», bei den Wiener Läufen das Stadtwappen mit dem Kreuz etc. eingeschlagen. Bald darauf fügt der Laufschmied die Anfangsbuchstaben seiner Namen bei. Was nun die im ganzen sehr roh gearbeiteten, achtkantigen und in der Mitte gotisch «abgesetzten» geschmiedeten Läufe des 15. Jahrhunderts betrifft, so machen sich in Westeuropa verschiedene Er zeugungszentren bemerklich, deren Thätigkeit nahezu noch völlig unbekannt ist, und die besonders nur durch die Sichtung der Marken und mit Hilfe von Archivstudien aufgehellt werden kann. Der Um stand, dass in der Waffensammlung des Chorherren stiftes Klosterneuburg bei Wien eine Anzahl von über 20 Hakenrohren, der Zeit von etwa 1450 bis 1490 bewahrt wird, und ein weiterer, dass, wie sich aus den Klosterrechnungen ergiebt, die Haken rohre bei bestimmten Eisengewerben in Steiermark bezogen wurden, leitete die Aufmerksamkeit auf dieses damals in der Eisenbearbeitung an der Spitze stehende Land. In der Sammlung entdeckt man vorwiegend nur zweierlei Marken: eine ältere von ca. 1450 und eine jüngere von ca. 1480 bis 1490. Für die ältere ist nur auf Peter Pögel am Thörl nächst Aflenz hinzuweisen, der nach den Rech nungen dem Stifte liefert. Die Gewerkschaften des Pögel waren damals die bedeutendsten und leistungs fähigsten der ganzen Welt. Sie arbeiteten für den Kaiser, für Ungarn, Russland und Polen, für die freien Städte, ja ein Rechnungsbeleg belehrt uns, dass Pögel seine Rohre bis nach Danzig versen dete. Die jüngere Marke dürfte dem Peter Hof kircher in Mürzzuschlag zuzueignen sein, der nachweislich von 1470 an, als die Gewerkschaft des Pögel ersichtlich im Rückgang war, die Kriegs ausrüstung des Stiftes besorgte. Mit der Einführung der meist reicher ausge statteten Jagdgewehre, die vielfach schon mit dünn wandigen Läufen auftraten, beginnen die italienischen Laufschmiede an der Mella oberhalb Brescia ihre Erzeugnisse mit bildlichen Marken auszustatten, durch welche sie gewissermassen ihre Werkstätte kenn zeichnen. Dieser Gewohnheit folgen bald die Lauf schmiede der übrigen Länder, und wir erhalten von da an eine Uebersicht der Produktion der verschie denen Nationen. Antonio Petrini bringt in seiner «Arte fabrile» 1642') eine Anzahl solcher älterer Bildmarken, selbst arabischer und türkischer, allein die wenigsten finden sich mehr an Läufen unserer Sammlungen. An Brescianer Läufen bildete sich später die Uebung heraus, selbe blos mit dem An fangsbuchstaben der Meisternamen zu bezeichnen, wie z. B. Giovanni FranCini mit G F, oder aber mit den der Länge nach laufenden vollen Namen, wie die zahlreichen Meister Cominazzi. Alle diese Marken erscheinen eingeschlagen. Eigentümlich und untereinander verschieden bil deten sich vom Ende des 17. Jahrhunderts die Markenformen in Spanien und Deutschland heraus; sie bilden in sich Typen, die schon auf eine ziem liche Entfernung vom Auge voneinander zu unter scheiden sind. Die spanischen Marken sind läng lich, unterhalb eckig abschliessend und enthalten oberhalb eine einfache Figur: Krone, Löwe u. dgl., unterhalb abgeteilt den vollen Namen des Meisters, so die Lopez, Targarona, Bustindui etc. des 18. Jahrhunderts. Alle diese Marken sind im Grunde stark vergoldet. Nicht selten führen die spanischen Meister zweierlei Marken, wovon die eine das Bild, die andere den Namen enthält. Es ist nun bei dem grossen Einflüsse, welchem die spanische Industrie vom Orient ausgesetzt war, leicht zu erkennen, dass diese Markenform von arabischen Werkstätten ent nommen ist die ganz ähnliche Typen aufweisen und gleichfalls vergoldet erscheinen; nur sind diese oben zugespitzt und enthalten meist nur die «Tughra», selten einen Namen. Anders bildete sich die Markenform auf Läufen in Deutschland und Oesterreich heraus. Sie sind in der Regel quadratisch oder kreisförmig und ent halten eine gewählte Figur, zumeist eine Tiergestalt. Daneben oder darüber erscheinen die Anfangsbuch staben des Meisternamens. So führt Max Wenger das Kreuz, Hans Stifter den steigenden Löwen, *) Manuskript, Biblioteca, Magliabecchiana, Florenz (CI. XIX, 16). Im Auszüge auch in Pion, Benvenuto Cellini, Paris 1883. IÖ2 Zeitschrift für historische Waffenkunde. J. C. Schefl den steigenden Panther, die späteren II. Band Lederetui eingebettet, das an die Etuis unserer heu Zellner das Zelt, die Kuchenreuter eine Reiter f igur etc. Die Franzosen bequemten sich im allgemeinen dieser Bildersprache nicht an. Erst seit Colbert zu Ansehen und Ruf gekommen, treten sie mit grossem Selbstbewusstsein auf und bringen ihre vollen Namen, zuweilen selbst mit ihren Titeln und Adressen auf ihren Läufen an. Die Schrift wird in Gold eingelegt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die fertigen Feuerwaffen, fast von ihrem ersten Auftreten an ein Produkt der Arbeitsteilung sind. Das Rohr bedurfte zu seiner Handhabung eines, wenn auch nur roh gearbeiteten Schaftes, damit trennte sich schon da mals der «Rohrschmied» vom bäuerlichen «Schäfter». Später als die «Gewehrschlösser» allgemein wurden, verwickelte sich das Verhältnis immer mehr. Eine kunstreiche Zeit forderte eine reiche ornamentale | Ausstattung der Schäfte durch Einlagen in Elfen- | bein, Hirschhorn, gewöhnlichem Bein und später selbst Perlmutter, Schildpatt, der oft bewunderns werten Gravierungen und Schnitzarbeiten gar nicht zu gedenken. Damit traten die verschiedenartigsten Kunstarbeiter hervor; aber auch in der allgemeinen Fertigung der Handfeuerwaffe tritt ein neues Element hinzu: der «Feuerschlossmacher», dem naturgemäss dann die gesamte endliche Zusammenstellung zufiel und der als eigentlicher Verkäufer seine Mitarbeiter in den Schatteu stellte. In jener Zeit des 17. und l8. Jahrhunderts wird es immer schwieriger, die Marke des Rohrschmiedes von jener des Büchsen machers zu unterscheiden. Zwar besass eine ansehn liche Zahl hervorragender Büchsenmacher eigene Rohrschmieden wie die Zellner eine solche bei Krems an der Donau. Der Rest versorgte sich durch Händler mit Waren aus Italien, Spanien und selbst aus dem Orient durch die Venetianer. Man sieht also, dass mit der Verbesserung der Hand feuerwaffe eine sichere Bestimmung der Laufschmied marke immer schwieriger wird, umsomehr als die Büchsenmacher sich angewöhnten, ihre Marke gleich falls auf den Läufen anzubringen. Wir werden aber sogleich sehen, dass sich durch Hinzutreten anderer Arbeiterelemente das Studium der Markenfrage noch verwickelter gestaltet. Bei dem stets steigenden Bedarfe an Luxus gewehren von etwa 1680 an entwickelte sich der Handel mit Läufen zu nicht geringer Bedeutung, besonders waren es die leichten, dünnwandigen Schrottläufe, dann Entenläufe, welche bei den kleinen Büchsenmachern reissenden Absatz fanden. Die Lieferungen erfolgten in Gebünden von 12 Stück mit Emballagen, die an Eleganz einen fast modernen Anstrich besassen. Besonders feine Läufe wurden zu zweien in Lederetuis feinster Arbeit versendet. In der Waffensammlung im Schlosse Ambras bei Innsbruck finden sich zwei unmontierte Messing Pistolenläufe, ersichtlich Brescianer Herkunft, in ein tigen Reisszeuge erinnert. Die Schwierigkeit des Studiums der Lauffabri kation, so bedeutend bei Jagdgewehren, vermindert sich zwar bei der Massenware für den Kriegs gebrauch, also für Musketen und Reiterpistolen be deutend, da für derlei Massenlieferungen doch nur wenige Fabrikanten brauchbar erschienen. I11 Deutsch land stehen da Suhl und im Luxemburgischen Lüttich voran. In Italien hatte sich das Gebiet von Brescia siegreich jeder Konkurrenz erwehrt. Die Fabrikation wird aber nicht in der Stadt, son dern in der Nähe an der Mella betrieben. In Oesterreich lieferte das Gebiet von Leoben, dann auch Ferlach vorzügliche Ware. In Russland ent wickelte sich die Lauffabrikation im grossen Stile erst seit dem 18. Jahrhundert. Auch in Schweden hatte man es mit Erfolg versucht in dem Bedarfe an Kriegsfeuerwaffen sich unabhängig vom Auslande zu stellen; leider fehlen uns darüber geschichtliche Daten. In Spanien bestanden viele kleine Rohr schmieden an der Pyrenäengrenze, die an Frank reich lieferten, welches Land jedoch den Hauptteil seiner Musketen aus Lüttich bezog. England war bis ins 18. Jahrhundert auf Deutschland angewiesen. In der Verfolgung der Geschichte der Lauf fabrikation ist es geboten, die Industrie für den Kriegsbedarf von jener für die Jagd von etwa 1540 an völlig zu trennen, erstere ist eine fabriks mässige, letztere eine handwerksmässige, die allmählich bis zu hoher und selbst künstlerischer Entwickelung gedeiht. Besitzt man für die Ge schichte der Industrie der Kriegsfeuerwaffen gewisser führender Linien, so ist das auf dem Gebiete der Luxusindustrie im Feuerwaffenwesen nicht der Fall. Schreiber dieses hat in Jahrzehnten an 500 Meister der letzteren mit ihren Namen und meist mit ihren Wohnorten und Marken gesammelt. Der Erfolg für eine Spezialgeschichte des Handwerksgebietes bleibt dennoch gering, in so lange es nicht gelingt, die Gesamtleistung jedes Einzelnen an sich und im Vergleiche zu allen übrigen zu beurteilen. Da fehlt es noch überall; da ist noch jungfräulicher Boden. Für die Lauferzeugung für Jagdwaffen vom 18. Jahrhundert herwärts erschwert sich das Stu dium noch durch eine Beobachtung, die wir vor längerer Zeit schon gemacht haben und die teil weise selbst rätselhaft erscheint. Nimmt man näm lich den Lauf von derlei Jagdflinten und Kugel büchsen aus seiner Nut, so entdeckt man bei den meisten derselben an der Unterseite der Schwanz schraube eingestempelte Marken. Viele bezeichnen ohne Zweifel die Rohrschmiede, andere aber sind nicht zu deuten, wenn man nicht annehmen will, dass sich hier der Arbeiter bezeichnet hat, welcher die Schwanzschraube erzeugt und eingefügt hat. Wir werden erst dann über den Wert einer Feuerwaffe mit Sicherheit urteilen können, wenn wir 5. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. mit einem Blicke auf die Marken der Meister, seine 163 vielen Bedürfnisse unserer jungen Wissenschaft zählt Fähigkeit und Leistung in seiner Zeit bezeichnen können. Jetzt kennen wir zumeist nur trockene Namen, mit denen wir nichts anzufangen wissen. Wir müssen den Meister in seiner Thätigkeit und seinen Lebensverhältnissen genau kennen, bevor wir über ihn urteilen und die Kenntnis seiner Marke ist allerding's eine erste Bedingung dazu. Unter die auch ein «Meisterlexikon».1) ') Anm. der Schriftltg. Der Verfasser des Aufsatzes hatte noch eine zweite Fortsetzung und zwar über die Ge wehrschlossmarken angekündigt. Der Tod hinderte ihn daran, sie einzusenden. Ob sich Material in seinem hand schriftlichen Nachlass findet, kann zur Zeit noch nicht fest gestellt werden. Entwickelung und Gebrauch der Handfeuerwaffen. Von k. u. k. Oberstleutnant P. Sixl in Kaschau. (Fortsetzung.) weiteren Fortschritt in dem Bestreben, den Rückstoss abzu schwächen, zeigt eine Handbüchse aus dem Museum des König reichs Böhmen in Prag.1) (Fig. 62.) Bei dieser Pland büchse ist die Ver bindung von Lauf und Schaft wie beim rückwärtigen Laufringe der Pilsener Flandbüchse bewirkt, jedoch die Ver riegelung unterhalb des Laufes in der Weise durch geführt, dass man mittels dieser die Handbüchse an jede Unterlage ansetzen oder anlegen konnte. Die Handbüchse hat 7,5 kg Gewicht, ist daher eine mittelgrosse Handbüchse, welche, obwohl leichter .als die Pilsener Flandbüchse (10,37 kg), für die Ver wendung aus freier Hand noch nicht die volle Eignung J) Wir erfüllen eine angenehme Pflicht, wenn wir den Herren Beamten des Museums des Königreichs Böhmens, — insbesondere dem Herrn Dr. Wenzel Rezniöek und Herrn Prof. Dr. Koula — für die wiederholte liebenswürdige Unterstützung bei unseren Studien an dieser Stelle den innigsten Dank sagen. hatte, auf Unterlagen jedoch aufgelegt, leicht ab geschossen werden konnte. Die Handbüchse besteht aus dem Laufe, dem Schafte und einem Laufringe. Das Gewicht des Laufes konnte nicht festgestellt werden, weil derzeit eine Trennung des Laufes vom Schafte unthunlich ist. Der Lauf ist 29,5 cm lang, aussen achteckig, cylindrisch, an der Mündung verstärkt, aus Schmiede eisen roh gearbeitet. Die Länge der Seele beträgt 27 cm, der Durchmesser derselben 33 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Länge der Seele i : 8,5. Das Zündloch befindet sich oberhalb, 26 cm von der Mündung entfernt und ist scharfkantig gebohrt. Der Schaft ist 113 cm lang und zeigt eine neue Konstruktion; vorn oben befindet sich die mulden förmige Längen-Vertiefung zur Aufnahme des Laufes, so wie es bei den bisher beschriebenen Handbüchsen der ältesten Zeit der Fall war, hingegen ist der bei Fig. 4, 5 und 6, sowie auch bei Fig. 1, 2, 3, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 27, 28, 29, 30, 31 und 32 vorhandene stangenartige Schaft bei dieser Handbüchse kolben artig verstärkt, massiv und augenscheinlich für den aufgelegten Anschlag eingerichtet. Diese Form des Schaftes steht in Uebereinstimmung mit den Ab Fig. 62. Handbüchse mit verriegeltem Ringhaken aus dem Museum des Königreiches Böhmen in Prag. 164 Zeitschrift für historische Waffennunde. bildungen aus dem Codex der Bibliothek Hauslab II. Band. getrieben; derselbe steht unterhalb 9,2 cm hervor und Liechtenstein, jetzt k. u. k. Kriegs-Archiv, Wien, Fig. 22, 23 und 24 (1430—1440) und mit der Hand büchse aus dem Codex 719 des Germanischen Mu seums in Nürnberg, ca. 1450. (Fig. 26.) Aus den genannten Abbildungen geht hervor, dass derart geformte Schäfte um das Jahr 1430 schon bei klei nen und grösseren Handbüchsen in Verwendung waren. Vorne links unten und seitwärts ist eine Nut ein geschnitten, welche nach aussen mit zwei Metallringen abschliesst; in dieser befindet sich ein ca. 40 cm langer hölzerner Ladstock. Derselbe hat an dem einen Ende einen eisernen scheibenartigen, mit einer her vorstehenden Querleiste versehenen Kopf eingesetzt, welchen man sehr wahrscheinlich beim Laden zum Einpressen des Pulvers und Ansetzen des Geschosses benützte, und welchen man auch beim Herausziehen des Ladstockes aus der Nut anfassen konnte. Der Ladstock wurde schon oben bei Besprechung der Klotzbüchse aus dem Cod. ms. 3069 der k. k. Hof-Bibliothek zu Wien (begonnen i. J. 1411), Fig. 3, ist, wie oben beschrieben, am Schafte befestigt. Durch das Eintreiben eines Hakens oder Ein schneiden einer Stufe in den Schaft wurde zweifellos die Festigkeit desselben verringert; ähnliche Nach teile hatte die Konstruktion der Prager Handbüchse; das Einschneiden des Schlitzes war auch umständlich, durch das Anbringen des Hakens in der Mitte bei einem Laufringe musste ferner die feste Verbindung von Lauf und Schaft bald verschoben werden; es war einfacher und praktischer, bei den geschäfteten kleineren Handbüchsen den vorderen Laufring nach unten in einen Haken endigen zu lassen. Durch diese Einrichtung wurde die Handhabung der kleinen Handbüchsen wesentlich erleichtert, weil man diese nun an jede Unterlage leicht einhaken oder anlegen konnte. Eine derartig konstruierte Handbüchse befindet sich im historischen Museum der Kgl. Stadt Pilsen, (Fig. 63.) Die Handbüchse besteht aus dem Laufe, zwei Laufringen und dem Schafte. Fig. 63. Handbüchse mit Ringhaken im historischen Museum der kgl. Stadt Pilsen. und bei Besprechung der Abbildung aus dem Cod. Hauslab-Liechtenstein, Fig. 25, erwähnt. Die Verbindung von Schaft und Lauf ist — ähnlich wie beim rückwärtigen Laufringe der Pilsener Handbüchse — durch ein 3,5 cm breites Eisenband hergestellt, welches 12 cm von der Mündung entfernt um den Lauf fest herumgelegt, mit beiden Enden unten zusammenschliesst, durch eine schlitzartige Oeffnung des Laufes hindurchgeht und unterhalb des Schaftes 9 cm weit hervorsteht. Die beiden Enden sind daselbst zusammengeschweisst, haben unterhalb das Schaftes einen Längenschlitz, sind mit einem eisernen Querband verriegelt und bilden dadurch, dass dieselben unterhalb hervorstehen, da selbst an dem Schafte einen Haken. Dieser Haken konnte, ähnlich wie die in den Schaft eingeschnittene Stufe, an die Unterlage an gesetzt werden; die Länge des Hakens erleichterte dieses Ansetzen und ermöglichte die Abschwächung des Rückstosses. Diese Handbüchse war seinerzeit in der Pachli schen Sammlung und soll aus Pilsen stammen. Bei der Handbüchse im historischen Museum zu Bern, Fig. 5, ist ein 15 cm langer eiserner spitzer Haken im Mittelschaft, von oben nach unten, hindurch Der Lauf ist 31,5 cm lang, sechskantig, cylin drisch, beim Zündloch im äusseren Umfange verengt, aus Schmiedeeisen, möglicherweise auch der Länge nach zusammengeschweisst, sonst roh gearbeitet. Das Gewicht des Laufes beträgt 3,87 kg. Die beim Zündloch verengte äussere Form des Laufes erinnert an die Abbildung Fig. 20 aus Cod. lat. m. 197 der Kgl. Hof- und Staats-Bibliothek zu München (1420—1450). Es fehlt ferner der bisher bei den meisten Hand büchsen vorhandene verstärkte Kopf; es ist möglich, dass der Lauf vorne abgenommen oder abgeschnitten wurde. Die Länge der Seele beträgt 29,2 cm, der Durch messer der Seele beträgt gegen die Mündung 36 mm, gegen das Zündloch 33 mm; die Seele ist daher gegen die Mündung hin erweitert. Das Verhältnis des Kalibers zur Länge der Seele ist 1: 8,4. Das Zündloch befindet sich oberhalb und ist trichterförmig eingetrieben. Die zwei Laufringe sind der äusseren Arbeit nach wahrscheinlich ebenso alt als der Lauf. Der rückwärtige Laufring umfasst Lauf und Schaft um das Zündloch herum und hat oberhalb desselben einen viereckigen Ausschnitt; zwei Eisen 165 5- Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. stifte sind durch den Laufring in den Schaft ein getrieben und dienen zur Befestigung desselben. Der vordere Laufring ist ein ca. 3 cm breites Eisenband, welches Lauf und Schaft umfasst und unterhalb des Schaftes zu einem etwas nach rück wärts zurückgebogenen spitzen Haken zusammen geschweisst ist. Die Befestigung am Laufe erfolgt durch einen Querstift. Der Schaft ist augenscheinlich bedeutend jün geren Datums; vielleicht ist der neue Schaft den | Fragmenten des alten Schaftes beiläufig nachgebildet. Nach den Abbildungen in den Biiderhandschriften war der Schaft in dieser Zeit entweder stangenförmig, wie in Fig. 18, 20 und 38, oder kolbenartig geformt, wie in Fig. 22, 23, 24 und 25. Es ist wahrscheinlich, dass von dem alten Schaft den von den Laufringen umfasste vordere Teil noch das Zündloch jedoch abnehmend, so dass auch hier eine Erweiterung der Seele gegen die Mündung vor handen ist; das Verhältnis des Kalibers zur Länge der Seele beträgt 1 : 13,5. Das Zündloch befindet sich oberhalb und ist trichterförmig vertieft; knapp hinter demselben befindet sich ein kurzer Zapfen, um welchen ein eiserner Deckel drehbar war, mittels welchen man das Zündloch verschliessen konnte; der Deckel fehlt. An der Mündung ist der Lauf leistenförmig ver stärkt und hat vorn oben eine Rinne eingeschnitten, welche augenscheinlich zum Zielen diente. An der äusseren Peripherie des Mündungskopfes und an weiteren zwei Stellen des Laufes sind Ver zierungen, bestehend aus gekreuzten Stäben, ein geschnitten, welche den Lauf der Länge nach in drei Felder einteilen. Im Mittelfeld und im rückwär Fig;. 64. Handbüchse mit Ringhaken im historischen Museum der kg). Stadt Pilsen. vorhanden war und dass man den fehlenden rück- i wärtigen Teil nach Gutdünken ersetzte. Nach dem geringen Gewicht des Laufes von 3,87 kg war diese Handbüchse bestimmt eine eigent liche Handbüchse, d. h. dieselbe konnte zweifellos aus freier Hand abgeschossen und gehandhabt werden. Jetzt wiegt die ganze Handbüchse 6,2 kg und • dürfte von dem ursprünglichen Gewichte nur wenig abweichen. Im historischen Museum der Kgl. Stadt Pilsen befindet sich noch eine zweite Büchse, welche in ihren Einzelheiten ebenso interessant ist als die vorige. (Fig. 64.) Diese Handbüchse besteht aus dem Laufe, zwei Laufringen und dem Schafte. Der Lauf ist 41,5 cm lang, achtkantig, cylindrisch, wahrscheinlich aus Gusseisen, gut gearbeitet und hat 5,49 kg Gewicht. Die Länge der Seele beträgt 39,3 cm, der Durch messer derselben 29 mm an der Mündung, gegen tigen Feld vor dem Zündloch ist je ein Kreuz ein geschnitten; im rückwärtigen Feld vorne oben ist ein Wappenschild mit einem einköpfigen Adler en relief aufgesetzt. Die beiden Laufringe sind von einfacher Arbeit; der vordere ist ein Ringhaken, der Lauf und Schaft umfasst; der rückwärtige Laufring verdeckt jedoch teilweise das Zündloch, und nachdem dieses mit einem verschiebbaren Deckel versehen war, so muss angenommen werden, dass entweder der Lauf ur sprünglich nach rückwärts in einen massiven ein geschweissten Eisenkern endigte, auf welchen der Laufring g'elegt wurde, oder dass die Laufringe mit dem Lauf und Schafte erst später in die vorliegende Verbindung zusammengestellt wurden. Der Schaft ist nahezu von derselben Konstruktion, wie bei der vorhergehenden Handbüchse; die dort gemachte Bemerkung hat auch hier volle Geltung. Nach dem Wappen und den gekreuzten Stäben könnte man annehmen, dass diese. Handbüchsc ur 22 [66 Zeitschrift für historische Waffenkunde. sprünglich zum Bestände der Waffenkammer von II. Band. eingerichtet; nachdem es bisher nicht möglich war, Eger zählte oder dort erzeugt wurde. Die ganze Handbüchse hat jetzt ein Gewicht von 7,85 kg; dieselbe konnte von einem einzelnen Schützen aus freier Hand noch gehandhabt und ab geschossen werden, allein ein länger andauernder Gebrauch war doch nur auf Unterlagen und mittels des Ringhakens möglich. Auch dieses Konstruktions-Prinzip — der Ring haken — erscheint später und in verbesserter Form wieder. Bei öfterem Schiessen, auch nach längerem Gebrauche, insbesondere aber bei zunehmender Stärke des Rückstosses mag es oftmals vorgekommen sein, dass der Ringhaken sich lockerte, zum festen Anlegen oder Ansetzen an die Unterlage nicht mehr mit Sicherheit benutzt werden konnte und dass derselbe schliesslich durch die Wirkung des Rückstosses von der Handbüchse abgestreift wurde. Dieser Ubelstand führte schliesslich dahin, dass man anstatt des Ringhakens einen einfachen eisernen Haken direkt an die untere Seite des Laufes an setzte und mit diesem in feste Verbindung brachte. Dieses V erfahren konnte nicht nur bei den geschäfteten Handbüchsen son dern auch bei jenen angewendet werden, welche ganz von Eisen waren oder eine solche Haken-Steinbiichse oder eine derart kon struierte kleine Haken-Lotbüchse aufzufmden und in einer zweiten Darstellung ein sonst gleich aus gerüsteter Reiter mit einer Feuerlanze erscheint, so wird man zur Annahme gedrängt, dass die dar gestellte Haken-Steinbiichse nicht der Wirklichkeit entnommen, sondern nur ein vom Darsteller skizziertes Projekt war, welches dadurch veranlasst wurde, dass man schon frühzeitig, also gewiss noch vor Ent stehung der Zeichnung, gewöhnliche eiserne Hand büchsen von einfacher Konstruktion mit dem Idaken ausrüstete, was auch durch eine erhaltene ältere eiserne Hakenbüchse bestätigt wird. Diese Plakenbüchse befindet sich im Ger manischen Museum zu Nürnberg, Fig. 65, und ist augenscheinlich für Bleigeschosse eingerichtet.1) Die Hakenbüchse besteht aus dem Laufe und dem eisernen stabartigen Schafte. Der Lauf ist aus Schmiedeeisen, von mittlerer Arbeit, cylindrisch, rückwärts bis auf circa 19,5 cm achteckig, nach vorne leicht verjüngt; an der Mündung befindet sich innen eine beiläufig 1 cm tiefe trich terförmige Oeffnung und aussen eine ring förmige Verstärkung. Das trichterför mige Zündloch ist oberhalb angebracht und hat scharfe Fig. 65. Eiserne Hakenbüchse im germanischen Museum welche den rück wärts eingesteckten stangenartigen Schaft hatten. zu Nürnberg. Kanten. Unterhalb am Laufe, 10,3 cm von der Mündung entfernt, ist ein Haken angeschweisst; Dieser Haken war nach den Abbildungen aus Cod. lat. m. 197 der kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München, ähnlich dem Ringhaken, länglich, unten spitzig und nach rückwärts gebogen, Fig. 21; später erhielt derselbe für das bessere und festere An setzen an den Lauf eine breitere Basis und infolge dessen stärkere Dimensionen. Nach einer zweiten Darstellung derselben Hand schrift trägt auch ein Reiter eine Hakenbüchse, Fig. 42; auch hier ist der Haken länglich und nach rückwärts gebogen, die Spitze jedoch ist unten ab geschnitten. Derselbe Reiter ist auch im Cod. lat. 7239 der National-Bibliothek zu Paris enthalten, Fig. 43; der Haken ist wie vorhin länglich, unten spitzig und nach rückwärts gebogen; in der Handschrift des Marianus Jacobus findet man dieselbe Darstellung wieder. Es wurde schon oben hervorgehoben, dass unter diesen nahezu gleichen Darstellungen jene des Cod. lat. m. 197 die älteste ist und dass in diesem Kodex, einem Skizzenhefte, nebst Kriegsmaschinen und Waffen öfters zweifellos nur Projekte abge bildet sind. Die Hakenbüchse in Fig. 42 ist als Steinbüchse die Form des Hakens steht noch in gewisser Uebcr einstimmung mit Fig. 42 und 43; die untere Spitze ist wie in Fig. 42 abgenommen; die rückwärtige Länge beträgt 7,8 cm, die obere Basis ist zum festeren besseren Ansetzen an den Lauf schon 4,4 cm breit. Die Länge des Laufes beträgt 37,5 cm, die Länge der Seele 32,5 cm, der Durchmesser der Seele 21 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Länge der Seele 1 : 15,4. Die Seele ist gleichmässig und, so weit sich erkennen lässt, nicht mit der Hand gebohrt. Der eiserne stabartige Schaft ist 62,5 cm lang, wellenförmig gebogen, fest und von quadratischem Durchschnitte, vorne 2 cm, am rückwärtigen Ende I cm breit und in das hintere Ende des Laufes ein geschweisst. Die ganze Länge der Hakenbüchse beträgt 1 m, das Gewicht 4,65 kg; es konnte demnach diese Hakenbüchse zweifellos von einem einzelnen Mann getragen und gehandhabt werden; der Haken sowie die wellenförmige Form des stabartigen Schaftes J) Die genauen Abmessungen verdanken wir einer freund lichen Mitteilung der Direktion des Germanischen Museums in Nürnberg. Vgl. Quellen 110 u. 7 B. I. 167 5. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. erleichterten die Handhabung; auch die Verwendung | zu Pferde wäre nicht ausgeschlossen. Eine andere augenscheinlich geschäftete Flaken biiehse, bei welcher der Haken schon direkt .an den Lauf angesetzt ist, und wclclie ebenfalls der älteren Zeit angehört, befindet sich im Museum des König reiches Böhmen in Prag. Der Lauf dieser Plakenbüchse ist aus Schmiede eisen, einfache Arbeit, cylindriscb, 54 cm lang. Die Länge der Seele beträgt 51 cm, der Durch messer der Seele 24 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Länge der Seele 1 :21,3. Der Lauf ist rückwärts durch einen eingetriebenen oder cingeschweissten Eisenkern geschlossen; das Zünd loch befindet sich rechts seitwärts und ist als mulden förmige Vertiefung eingetrieben. Der Schaft fehlt. Dass die Entstehung der Plakenbüchsen bei läufig diesem hier bezeichneten Wege gefolgt ist, j geht auch aus dem Umstande hervor, dass bei allen bisher bekannt gewordenen Hakenbüchsen das Ver hältnis des Kalibers zur Länge der Seele zwischen 1: 28 bis 1 : 40 und darüber beträgt, diese demnach schon einer Zeit angehören, in welcher die langen [ Läufe allgemein üblich waren, während die hier oben | beschriebenen Hand- und Hakenbüchsen noch zu den kurzen Läufen gerechnet werden müssen, da bei diesen das Verhältnis des Kalibers zur Länge der Seele nur 1 : 8 und 1 : 10, und schliesslich erst 1:15 und 1 : 21,3 erreicht. Der in verschiedener Form vorkommende unter halb an den Lauf angesetzte Haken führte schliess lich zur Bezeichnung «Flakenbüchse», mit welcher, ähnlich wie bei den Wagen-, Karren-, Taras- und Handbüchsen eine bestimmte Art der Handhabung ausgedrückt werden sollte. Die Bezeichnung «Haken büchse» schliesst die Verwendung eines Hakens bei der Handhabung in sich; es waren Feuerwaffen, welche beim Abschiessen an eine feste Unterlage eingehakt oder mittels des Flakens an diese an gelegt werden mussten. Diese Unterlagen waren verschieden, z. B. eine Mauer, ein Holzbalken u. s. w. — Dieselben mussten so stark sein, dass sie den Rückstoss aufnehmen konnten; später wurden für grössere Hakenbüchsen besonders konstruierte Unterlagen, «Böcke», mit ins Feld genommen und die dazu gehörigen Flaken büchsen «Pockhackenpüchsen» genannt. Urkundlich werden die Flakenbüchsen zuerst im «museriebok» der Stadt Braunschweig erwähnt.1) Dieser Papierkodex wurde im Jahre I4°9 von Plans Porner angelegt und alle Eintragungen bis zum Jahre 1415 von diesem persönlich besorgt. Zu Polycarpi (16. Januar) des Jahres 1415 wurde Stacius Velehower in Braunschweig «musemester»,2) welcher *) Die Chroniken der deutschen Städte, Bd. VI, 214 u. Anm. 6; 246 Anm. 1; 247 Anm. 1 und 3, 248 Anm. 2 und 7. 2) «Mus» hiess von alters annulus ferreus, ein eiserner Ring, macula loricae eine Panzermasche, darnach brauchte man’s für den Panzer selbst; Mus-eisen, lorica. Daher als solcher auch die weiteren Eintragungen übernahm. Thatsächlich sind auch die nach dem Jahre 1415 und unten angeführten Stellen von der Fland Stacius Velehowcrs geschrieben; es darf daher die erste urkundliche Erwähnung nicht vor dem Jahre 1415 angenommen werden. In den städtischen Kämmerei Rechnungen der Stadt Braunschweig ist zum Jahre 1419 eine Ausgabe enthalten, welche sich augen scheinlich auf die im «museriebok» eing-etragenen Flakenbüchsen bezieht, so dass es wahrscheinlich wird, dass die ersten Flakenbüchsen im Jahre 1419 in Gebrauch kamen. Es war notwendig, dies eingehend darzulegen, weil behauptet wird, dass die Flakenbüchsen schon um 1400 erwähnt werden. Im «museriebok» heisst es auf Blatt 13: «. . Ok sin dar 9 hakenbussen. item 1 haken busse, de mester Nikel got, de enwech lep ...» «Ok sin tippe dem welwe 5 lotbussen, dat lode wecht U/2 mrc.» «Ok sint dar uppe 3 grote lotbussen, dat lode wecht 71/2 lib.» «Ok sin uppe dem welwe 17 hantbussen;» dies durchstrichen, als weiterhin 35 (etwas spater in 37 korrigiert) aufgeführt werden. «Ok sint dar blyen lode to dussen bussen alle, de sin in einer Kesten up dem welwe.» Diese Angaben, welche von einem Fachmanne, einem «musemester» herrühren, werden teilweise noch ergänzt durch Angaben in Hans Porners Ge denkbuch (1417—1426) und durch Eintragungen in den städtischen gemeinen Kämmereirechnungen. Im Gedenkbuche sind zum Jahre 1417 und 1418 folgende Angaben enthalten: «Ok is dar 3 lodbussen de Heysterbom ghot to dersulven tid. jowelk wecht 3 cyntenere, unde dat lod wecht 71/2 lib. «Ok is dar 26 klene donnerbussen unde lodes ennoch.» «hantbussen.» «Ok is dar clene lodbudele ennoch dar to.» «Item 19 lodbussen in anno 1417 Egidi. Unde vele mere ghot me dar to in 1421.» Die Kämmereirechnungen enthalten folgende Eintragungen: «1415. Item 5 fert. minus 9 den. vor 6 lod bussen to ghetende.» «1416. Item 3 lot vor 1 lotbussen Ilinrik Kannenghetere.» «Item 11 güldene 1 ort vor 2 syntener kopperes to 2 bussen item 2x/2 fert. vor 1 verndel tens dar to.» «1417. Item 3 mrc. 5 lot. öden, dem bussen meistere vor 18 hantbussen.» Muserie, armainentarium, das Zeughaus, wo die Panzer ver wahrt wurden, wo die Muse-Meister das Geld zur Muserie verwahrten u. a. m. — Musemeister: Curatores armamen tarii. — (F. v. Leber: Wien’s Kaiserliches Zeughaus. Leip zig, 1846, I, 3. . i68 Zeitschrift für historische Waffenkunde. « 1419. Primo 46 sol. 3 den. mester Henninge 11. Band. nehmender Länge der Seele auch das Rohrgewicht vor IO bussen, de weghet 67 pund 1 verndel.» «1420. Primo 1/2 mrc. vor 2 hantbussen mester Henninge.». Aus diesen Angaben lässt sich für die Ent wickelung der Lotbüchsen für die vorliegende Zeit und speziell für Braunschweig folgende Darstellung ableiten. Die Lotbüchsen werden eingeteilt in grosse Lotbüchsen, Lotbüchsen, Hakenbüchsen und Pland büchsen. Gegenüber der bisher nachgewiesenen Einteilung sind die Hakenbüchsen neu hinzugekommen, hin gegen fehlen die Tarasbüchsen; es ist sehr wahr scheinlich, dass diese, wie beim Deutschen Orden, bei den grossen Lotbüchsen mitgezählt wurden. Die grossen Lotbüchsen haben ein Gewicht von drei Zentner;') das Bleigeschoss wiegt 71/2 Pfund, das Verhältnis zwischen Rohr- und Kugelgewicht ist demnach 46:1. Dem Gewichte des Bleigeschosses entspricht ein Kaliber von nahezu 80 mm; das Rohr war gegossen und aus Kupfer mit stärkerem Zusatze von Zinn. Die Lotbüchse von Vesterberg schoss 6 Pfund Blei; bei gleichem Verhältnisse des Rohr- zum Kugel gewichte würde diese Lotbüchse 276 Pfund ge wogen haben. Diese grossen Lotbüchsen entsprechen daher den oben angegebenen Gewichtsmengen der Taras büchsen, welche hier unter die grossen Lotbüchsen eingereiht sind. Die Lotbüchsen hatten ein Geschossgewicht von I1/. Mark oder ®/4 Pfund oder 0,35 kg. Bei demselben Verhältnisse zwischen Rohr- und Geschossgewicht entspricht diesem Geschossgewichte ein Rohrgewicht von circa 35 Pfund oder 17 kg und ein Kaliber von nahezu 40 mm. Es waren demnach die Lotbüchsen zweifellos tragbare Feuerwaffen, welche geschäftet 40—5° Pfund Gewicht hatten, während zur Fortbringung der schweren grossen Lotbüchsen Scheiben und später hohe Räder notwendig waren. Die 10 Hakenbüchsen waren offenbar kleiner als die Lotbüchsen und grösser als die Hand büchsen. Zum Jahre 1419 sind IO Büchsen mit einem Gesamtgewichte von 67 Pfund und ein Viertel (29 Pfund), daher 96 Pfund, angeführt; das Gewicht einer Büchse beträgt somit 9,6 Pfund oder 4,5 kg; war dieses angegebene Gewicht das Rohrgewicht, so entspricht dasselbe einem Kugelgewichte von 6,6 Lot oder 0,098 kg und einem Kaliber von circa 26 mm; eine geschäftete Hakenbüchse konnte daher 15—20 Pfund oder 7—IO kg Gewicht gehabt haben. Diese obigen Zahlen mussten sich aber in dem Masse verändern, in welchem das Verhältnis zwischen Länge der Seele und Kaliber sich veränderte; es ist natürlich, dass bei gleichem Kaliber und bei zu l) Der Braunschweiger Zentner hatte 116 Pfund. zunehmen musste, daher die Hakenbüchsen in der folgenden Zeit, in welcher die Länge der Seele über 15 — 20 Kaliber hinaus bis 30 und bis 40 Kaliber vergrössert wurde, entsprechend schwerer werden. Zwischen dem Rohrkaliber und dem Durch messer der Bleikugel bestand überdies noch eine kleine Differenz, welche das anstandslose leichte Laden ermöglichen sollte. Das Gewicht der Handbüchsen ist aus diesen Daten nicht zu entnehmen; die Kämmerei-Rechnungen der Stadt Wien1) jedoch enthalten zum Jahre 1426 folgende Angaben, welche auch für die Handbüchsen ein beiläufiges Kalkül zulassen. «Kupher 9 cent. per 4 guld. 3 örtt facit 32 ® 15 dn. «ain zentn. zinn darzu pro 7 ® dn.» «aus dem benannten Kupher und zinn sind worden 171 puchsen wegent 9l2!/2 ®.» «von jedem zentn. ze giessen 3 ® 6 sh. dn. facit 341/2 ® dn-s «von den benantep puchsen anzeschifften, von jeder 6 dn. facit 6]/„ ® 6 dn.» «so hab wir kaufftvon maisterErhartten eissenein hantpuchsen 40 stukeh per 1/2 ® facit 20 ® dn.» «aber eisnein hantpuchsen 22 stukeh per 33 sh. dn. facit 8 ® 60 dn.» Werden die 171 Büchsen vollkommen oder nahezu gleich angenommen, so beträgt das Gewicht einer Büchse 5»3 Pfund oder 21/2—3 kg; diese Feuerwaffen müssen demnach schon infolge des Gewichtes als eigentliche Handbüchsen bezeichnet werden. Dem ermittelten Rohrgewicht entspricht ein Geschossgewicht von 3,6 Lot oder 0,054 kg und einem Kaliber von circa 20 mm; eine geschäftete Handbüchse müsste demnach ein beiläufiges Gewicht von 7—10 Pfund oder 4—5 kg gehabt haben. Vergleicht man diese Angaben mit den obigen Darstellungen aus den Bilderhandschriften, so war es gewiss möglich, dass ein Schütze eine Handbüchse von 4—5 kg aus freier Hand, sei es im schiefen oder im geraden Anschläge abfeuern konnte. Die Hakenbüchsen mit 7—10 kg Gewicht müssen dem Gewichte nach als Handfeuerwaffen bezeichnet werden, welche von einem einzelnen Manne an standlos getragen, jedoch nicht aus freier Hand, wohl aber von der Schulter oder von einer Unter lage abgeschossen werden konnten; nach der Aus rüstung mit dem Haken war die Handhabung un- % gemein erleichtert, wenn das Gewicht der Waffe dasselbe blieb. Wurde hingegen das Gewicht ver grössert, so musste dadurch die Beweglichkeit der Fortbringung durch einen einzelnen Mann beein trächtigt werden; es trat die Notwendigkeit ein, für Transport und Handhabung einen zweiten oder dritten Mann hinzutreten zu lassen, oder wie bei den Tarasbüchsen, für mehrere Hakenbüchsen einen be sonderen Wagen bereitzustellen. l) Dr. K. Uhlirz, Der Wiener Bürger Wehr und Waffen. 5. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Die Hakenbüchsen stehen somit sowohl in 169 Auch hier stehen die Flakenbüchsen in der Bezug auf ihre Grösse als auch in Bezug auf ihre Verwendbarkeit den eigentlichen Handbüchsen zu nächst und werden auch in dieser Reihenfolge in den Inventarien dieser und der späteren Zeit angeführt. In dem Verzeichnisse über Verluste an Waffen, welches Graf von Wertheim, Besitzer der Schweins burg, im Jahre 1438 an seinen Lehensherrn, den Pfalzgrafen, einsendete, werden folgende Feuerwaffen genannt:*) «an armbrusten: L guter armbruste, L vinden, achtdusent pfyl.» «an Buchsen: «ein yserin tarreszbuchsen, die ein blyen Kogel schoss by 15 pfunde. «dry gegossen schirmbuchsen, die igliche schoss ein blyen Kogel bei 8 pfunden; «vier steinbuchsen mit jren Karnern und laden wol beslagen, die igliche Büchse schosse als gross steyns als ein quecke Bosskugel.* «vier fogeier; «60 hokenbuchsen; «60 hantbuchsen; «60 sprinkbuchsen; «8 turne pulffers, 11 zentner blys.» Hier stehen die Hakenbüchsen unmittelbar vor den Handbüchsen, und aus der Art der Aufzählung geht hervor, dass die Hakenbüchsen sowohl an Grösse als auch in Bezug auf Geschossgewicht den Handbüchsen zunächst standen. Die «sprinkbuchsen» waren sehr wahrscheinlich kleine, kurze eiserne Handbüchsen ältester Kon struktion; diese Bezeichnung kommt sonst nuräusserst selten vor, und lässt eine andere Erklärung nicht zu. Bei der Uebergabe des Schlosses zu Wernigerode an den Grafen von Schwarzburg wurden ausführliche Inventarien aufgenommen, welche folgende Angaben über Feuerwaffen enthalten: «1441 und 1445. 4 hant buchsen, 6 hake buchsen dii werden gegossen von eyn czubirchen (brachen) stein buchsen, 2 tarrasz buchszen, 1 stein buchsze, 1 zcu birchen steinbuchsze, 2 feschen mit salpet. etc. x feschen mit philen, Geschucze myns hem v. Stolberg. 1442 und 1445. Geschuzze myns hern v. Schwarcz burge. 3 steyn bochszen, 2 tarres bochszen, 9 hakin bochszen, 7 hant bochszen der ist eyn zcu brachen, 2 schog Steyn darczu, 1/2 schog steyne darczu, 1/2 schog groszer bly czu den tarris bochszen, 27 dy cleyn sind vnd ouch czu den kleyn bochszen bly by 3 Schogken, 7 stepphele yserin czu den bochszen. Puluer, 2 tonnen vnd 1 eymerig fasz vol puluers, 1 cleyn veszchin halp vol etc. Armbrost. 11 arm brost . . . vnd 6 krige .. ,2) *) Alex. Kaufmann und Dr. Th. H. Warnkönig-, «Nach träge und Ausführungen zu Jos. Aschbachs: Geschichte der Grafen von Wertheim» im A. f. K. d. d. V. 1857, 246. 2) B. G. v. St. Nachrichten über die älteren Feuerwaffen im Schloss zu Wernigerode. A. f. K. d. d. V. 1871 69 ff. Reihenfolge vor den Handbüchsen und hinter den Tarasbüchsen; aus der Beschreibung der Munition geht auch hervor, dass die Hakenbüchsen von kleinerem Kaliber waren. Krige — kriege oder Kriecher sind eine Art Kratzeisen zum Reinigen von Feuerwaffen; Grimm Wbch., 2211, 4; Adelung II, 1784; — mit diesem Zwecke dürfte auch teilweise der eiserne oben be schriebene Kopf am Ladstocke der Prager Hand büchse in Verbindung zu bringen sein. Auch die Kämmerei-Rechnungen der Stadt Wien geben über die Hakenbüchsen einigen Aufschlufs.1) Zum Jahre 1444 f. 150 heisst es: «Darnach ander stukch und zeug. «zwo kuphrein virtailpuchsen und 9 klain kuphrein püchsen auf redlein, vir alt eisnein püchsen ain alte eisneine virtailpüchsen, ain alte grosse eisneine püchsen, ain kuphreine klaine püchsen, ain kuphreirie püchsen scheust drei kugln mit aim züntloch (wurde im Jahre 1445 als «tarraspüchsen» bezeichnet) fünf kuphrein hagkenpücbsen, 98 kuphrein hantpüchsen und eisnein, 18 alt eisnein püchsen an Stil und in lad gefasst, item 9 mülterl und zwai sekchl mit grossen und klainen pleikugeln.» Auch hier ist die Reihenfolge dieselbe wie oben, die Hakenbüchsen rangieren zwischen den Taras und den Handbüchsen. Im Jahre 1445 fol. 163 wurde eingetragen: «zwo kuphrein virtailpuchsen und 9 klain kuphrein püchsen auf redlein» und 7 kuphrein püchsen sind neu gefasst;» «5 kuphrein hagkenpuchsen und 98 kuphrein handpuchsen mit etlichen peutln» «vir alt eisnein püchsen und ein alt eisnein virtailpüchsen und ain grosse alte eisneine püchsen;' — 3 alt eisnein hagkenpuchsen und 18 alt eisnein püchsen an Stil und lad gefasst.» Die 18 alten eisernen Büchsen wurden ebenfalls schon oben erwähnt, hingegen erscheinen hier drei alte eiserne Hakenbüchsen neben den fünf kupfernen ; die alten eisernen waren augenscheinlich noch ge schmiedet, die fünf kupfernen gegossen. Im Jahre 1449 sagt eine Post auf fol. 59: «1/2 centner plei zu kugeln in die hagkenpuchsen zu giessen», und zum Jahre 1451 fol. 79 heisst es: «vom ersten umb püchsen und kupher maister Thoman Kren umb 7 hakenpüchsen wegent 1 centner 5 ®.» Aus diesen Angaben geht hervor, dass der Lauf einer Hakenbüchse 15 Pfund Gewicht hatte und dass die Hakenbüchsen Bleikugeln schossen, welche gegossen wurden. Im Jahre 1449 befinden sich zu Ettenheim fünf neue Hakenbüchsen, deren jede ebenfalls 15 Pfund wog. (Mone VI, 61.) *) Dr. K. Uhlirz: Der Wiener Bürger Wehr und Waffen. 170 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Im Inventar der Stadt Nürnberg' vom Jahre 1462 II. Band. sollte die Hakenbüchse jederzeit durch einen einzelnen werden alte Hakenbüchsen mit 8 und 13 Pfund, neue Hakenbüchsen mit 21 Pfund Gewicht genannt. Diese Angaben aus den amtlichen Eintragungen bestätigen das oben berechnete Gewicht, welches um das Jahr 1419 mit 9,6 Pfund beginnt und um die Mitte des 15. Jahrhunderts infolge der ein getretenen Verlängerung des Laufes bis 15 und 20 Pfund vergrössert wurde. Man hat während der ersten Hälfte des 15. Jahr hunderts zweifellos sowohl leichtere als auch schwerere Feuerwaffen, Lot- und Steinbüchsen mit dem Haken versehen und als Hakenbüchse ausgerüstet; allein so wie bei den eigentlichen Handbüchsen ein be stimmtes Gewicht nicht überschritten werden durfte, damit dieselben jederzeit von einem einzelnen Schützen aus freier Hand gehandhabt und ab geschossen werden konnten, ebenso durfte man bei den Hakenbüchsen über bestimmte aus der Praxis sich ergebende Gewichtsgrenzen nicht hinausgehen, Einrichtung eines Wiener städtischen Guss hauses im Jahre 1738. Nach Erben, Katalog des K. u. K. Heeres-Museums Wien 1899 befinden sich in der Abteilung österr. Geschützrohre des 15.—r8. Jahrh. unter Nr. 56, 58, 60 und 61 (Kat. S. 378) vier halbe Kartaunen gegossen von dem Wiener bürgerlichen Stück- und Glocken giesser Leopold Hallil. Es mag daher der Kontrakt nicht ohne Interesse sein, den die Stadt Wien mit diesem im Jahre 1738 abschloss, wodurch ihm die Arbeit in dem auf der Alsterbachergstetten neuerbauten städtischen Gusshause1) übertragen Wurde. Bis dahin hatte die Stadt, wenn es sich darum handelte, einige Stücke umzugiessen oder neue anzuschaffen, dies in dem Kaiserlichen Guss hause besorgen lassen. Allein da die Stadt daselbst jedes mal sowohl einen neuen Ofen erbauen lassen, als auch ver schiedenes andere Zugehör und Werkzeug mit über 1000 fl sich belaufenden Unkosten anschaffen musste, welches man sich nach vollendetem Gusse zueignete und von welchen der Stadt nichts zurückgekommen ist, so beschloss die Stadt als wirtschaftlicher, ein eigenes Gusshaus zu errich ten, da sie ohnehin über einen übrigen Grund am Alster l) Das Gusshaus lag im heutigen IX. Bezirke, der früheren Vorstadt: Alservorstadt, und hatte Konskriptions nummer 192 = heutige Nummer Spitalgasse Nr. 17, vgl. Hofbauer, Die Alservorstadt, 78, und Schlager, Wiener Skizzen I, 126. Männ getragen und mittels des Plakens gehandhabt werden können. Der praktische Gebrauch führte demnach auch bei den Hakenbüchsen zu einer Einheit, dem «Haken», welche bei sonst gleichen Dimensionen einem be stimmten Kaliber und einem bestimmten Geschoss gewichte entsprechen sollte; in natürlicher Folge dieses Umstandes entstehen später der «Halbhaken» und der «Doppelhaken». Die Erzeugung der Waffen durch Handarbeit hinderte jedoch das genaue Einhalten dieser Ge wichtsgrenzen, trotzdem die Kriegsherrn und Städte diese Gleichheit forderten; auch das praktische ver suchsweise Bemühen, die Waffen handlicher und wirksamer zu gestalten, brachte eine weitere grosse Verschiedenheit in Gewicht und Kaliber, welche auch bei den vielen aus dieser Zeit erhaltenen Hakenbüchsen vorkommt und beobachtet werden kann. (Fortsetzung folgt.) bach hinter dem Armenhause verfügte. Die im Wiener Stadtarchiv Alte Registr. 35/1734 erliegende kalligraphische, nicht unterschriebene Copie des Kontraktes hat folgenden Wortlaut: Demnach ein wohledl hoch weisser stattrath alhier in Wienn sich entschlossen hat, das in dem bürgerl. zeughaus beftindlich ohnbrauchbahre geschüz nach und nach umbzugiessen, als ist von darumben auch einofdent liches gueshaus auf der Alsterbachergstetten hierzu erbauet und anheunt zu end gesetzten dato zwischen ob wohlermelten löbl. Stattmagistrat an ainem dann dem Leopold Hallil, burgerl. stuckh und glokenguessern nach folgender contract aufgerichtet und verabredet worden also: Erstlichen so übernimbt er, Leopold Hallil alle von einem löbl. Stattmagistrat ihme vorgebende stuckh, haubizen oder auch polier, umb solche auf seine gefahr in dem neu erbauten güeshaus nach dennen ihme zu jeder sort eingehändigt und gefertigte riissen zu giessen und in guett und brauchbahren standt zu sezen, dahin gegen solle Andertens an seithen eines löblichen stattraths ihme, stuckhgüessern nicht nur allein das hierzue erforderliche mettal nach proportion des ihme zum giessen anvertrauten geschüz, sondern auch was etwan zu erfrischung des bruchs metalls an blattenkupfer und Schlakawalter zünn oder auch mössing nöthig seyn möchte, demselben dargegeben und bis zu dem güesofen gelüffert und, was er an mettal und zuesatz Überkomet, in beysein der buechhalterey und herrn stukhhaubtmanns Ospel1) abgewogen und hierumbn von ihme, stuckhgüessern quittiert werden. *) Anton Ospel, kaiserl. Stuckhaupt mann, gern. Stadt Wien Zeugwart und Architekt hatte als Kommandant die Aufgabe, den Nachwuchs der bürgerl. Artillerie herauszubilden. .Diese bestand im Jahre 1734 aus Feuerwerkern, an Zahl 45 und aus Büchsenmeistern, an Zahl 90. Bei Abgängen wurden 5. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Drittens So verschaffet auch ein löbl. Stattmagistrat 171 wogen, das gewicht auf das stuckh, haubizen oder polier nicht nur allein die hierzue erforderliche formbretter, kern stangn und pohrer, dann die pohrbanckh sambt den schlütten, welches aber er, stuckgüesser, wie sie zu ver fertigen seynd, anzugeben hat, sondern auch die eyserne raiff oder schiinnen zu abbündung deren stuckhformen, ingleichen auch allen hierzue benöthigten werckh- und heeb-zeug, saillerflaschen und dergleichen; zu dem ende dann über erst ermelte Sachen wie ein kleines inventa rium aufgerichtet wie auch was er, stuckhgüesser an alten und neuen eysen empfanget, berechnet werden solle. Was nun Viertens wegen Zurichtung deren pohrer und kern stangen oder insonsten bey einem gufs an fchlosserarbeit gemacht werden mues, hierzue wird mau die ihme, stükh güessern anständige gesöllen auf magistratische Unkosten ebenfahls beyschaften. Darauf aber derselbe zu sehen hat, auf das die arbait in all weeg beförderet und nicht etwan die zeit zu etwas andern anwenden und also der statt ein ohnnöthige ausgaab verursachet werde, was aber ihme, stückhgüessern anbeianget, so verobligiret sich derselbe Fünftens alles hierzue benöthigte brenholz, kollen, dratt, wax, inslicht, laimb, flax oder härz, item schmölz tögln, rührstangen, auch seine gesöllen und handlanger bey jedweder vornehmenden guls aus eigenen säckl zu bezahlen und also auch die stuckh, haubizen oder polier nach dessen ihme behändigten rissen und darauf gezeich neten delphinen, ziratten und verstabungen zu modelliren, mithin bis auf den darauffolgenden guss ohne endtgeldt der statt in vollkommenen standt zu sezen. Umb aber Sechstens nach vollenden gufs das geschüz aus der thambgrueben anwiderumben herauszubringen, weillen ein folches etwas beschwärliches ist, als will ein statt rath auf ein halben tag ihme sechs tagwerker pafsiert haben, nicht weniger folle das zum probiren kom mende geschüz auf magistratische Spesen auf und abge laden, wie auch hin und hergeführt, und was an pulver gebraucht wird, aus dessen Pulvermagazin, dann die gra naten, pomen und stuckhkugln dazue gegeben und also auch das veifchneiden und ausfaillen extra bezahlet, das calibermässige ausporen aber von ihme, stukhgüessern allein bestritten werden. Nachdeme nun Sibentens das gegossene geschüz visitiret und ge wöhnlichermassen mit 16 oder höchstens 17 grättigen pul ver nach vorhero beschehener ausflamung, und zwar die haubizen und polier mit angefülter cammer und vest darauf gesezten spörspiegln, die stuckh aber das erste mahl mit halb, das änderte mahl mit drey viertl und das vierte mahl mit ganz kugelschwörer ladung zu ebener erd auf einer walzen, nach dem langen feld gelegter, 10 bis 12 gradt elevir ter — wann es die gstötten, wohin mann stuekh richtet, dise höche leydet — beschossen, und nachdem folches die probeschufs ausgehalten, gebräuchigermassen gebum pet ohne grueben gegossen, nach dem caliber accorat gepohrter, folglichen verguett und authentisch erfundten worden, solle das geschüz in gegenwarth der buechhal terey und des herrn stukhhaubtmanns Ospel abge neue Scolaren in «ordentliche Lehr» genommen und dann die «Prob» vorgenommen. Abbildungen der Probeschiessen aus den Jahren 1724 und 1734, erschienen bei Ign. Heyinger, Universitätsbuchhändler, in den Wiener städt. Sammlungen. Ospel war auch der Erbauer der Parade des noch bestehen den Zeughaus-Gebäudes am «Hof» im Jahre 1732. (Weiss, Katalog des Waffenmuseums S. IX.) hinaufgestochen, mit ihme, stukhguessern aber über das empfangen und verbrauchte metall ein ordentliche abrech nung gemacht und was über die von jeden centn pafsierte 8 pfundt feuerabgang sich vorräthig beftindten wird. Damit aber er, stukhguesser auch wisse, was derselbe vor seine müehe und arbeit wie auch wegen der gefahr als ein güesserlohn zu empfangen habe, so verspricht Achtens ein löblicher Stattmagistrat vor jeden cen ten eines gegosseneu und approbirten stuks, haubizen oder polier acht gülden1) aus gemeiner statt obercammerambt demselben gegen quitung bezahln zu lassen. Da aber Neuntens — so Gott gnädiglich verhüeten wolle — ein fählgufs sich eraignen oder aber wegen anderen umb ständten der herr stukhhaubtmann und gemainer statt zeichwarth das geschüz demselben nicht annehmen und also zurukhschlagen thätte, in solchen fahl hätte er nicht nur allein wegen seines güesserlohn nichts anzuforderen, sondern derselbe müeste auch den insonsten pafsirten feurabgang, und zwar dem geld nach den Centn per 46 11 in allweg ersezen. Damit aber Zehentensund fchluesslichen ein löblicher magistrat mit ihme, stukhgüessern in ein und anderen sicher stehe, alfs solle von demselben entweder eine annehmliche cau tion verschaffet oder aber ein Obligation per 800 fl ein geleget werden. Alles getreulich und ohne gefährde. Zu wahren urkundt dessen seynd dises contracts unter gemeiner statt mitteren secretinsigl und sein, stukhgüessers fertigung vier gleichlauthende exemplaria aufgerichtet, das erste hiervon in das obercammerambt gegeben, das änderte dem herrn stukhhauptmann und gemainer statt zeugwarth zugestellet, das dritte ihme contrahenten be händiget, das vierte aber auf der buechhalterey beybehal ten worden. So beschehen den . . . Datum und Unterschriften fehlen. Da dieses Schrift stück eine Beilage zu der Eingabe bildete, die die für das städt. Wirtschaftswesen bestellte städt. Ratskommision an die kontrollierende Hof-Kommision richtete und letz tere den Akt am 19. Dezember 173.8 erledigte, ist auch der Kontrakt in dieses Jahr zu versetzen. Das Dekret an den städt. Oberkämmerer, das diesem die völlige Direktion und Inkumbenz über den Bau des Gusshauses überträgt, datiert vom 30. Juni 1738. v, Karl Schalk. Zwei merkwürdige Handfeuerwaffen. Nicht so sehr den Waffenhistoriker, als vielmehr den Waffenkon strukteur dürften die beiden eigenartigen Handfeuerwaf fen interessieren, welche ein Beispiel dafür sind, auf eine wie einfache Weise ein findiger Kenner der mechanischen Gesetze durch das Zusammenwirken mehrerer Hebel voll kommen wirksame Schusswaffen herzustellen vermag. Die erste hier abgebildete (Fig. 1) Schiessvorrichtung entstammt der Privatsammlung von Waffen unseres ver ehrten Vorstandsmitgliedes, des Herrn Staatsrats Eduard v. Lenz, und bildete den Stiel einer sogenannten Wolfs peitsche. Die 36,5 cm lange, einst mit ziegelroter Farbe *) Gulden waren Rechengeld; geprägt wurden Thaler, Halbthaler und Viertelthaler. Da aber in den Jahren 1700-1750 der Thaler konstant zu 2 fl gerechnet wurde, entsprach fak tisch der Gulden einem Halbthaler mit einem Werte von 2 Kronen 26 Heller in Kronen Währung, vgl. Mitth. d. Clubs d. Münz- u. Medaillenfr. in Wien IV, 388 u. Wiener Numismat. Zeitschr. XXVIII, 270. 23 172 Zeitschrift für historische Waffenkunde. angestrichene Röhre weist nahe an ihrer Mündung (Ka II. Band baut. An einem krückenartig gebogenen 20 cm langen liber 1,7 cm) zwei auf der Abbildung jedoch nicht sicht bare Löcher auf, in welche ein stark federnder halbkreis förmiger Bügel eingreift, der Träger zweier etwa 50 cm langer, kräftiger, mit einer Birne aus Blei beschwerter Peitschenriemen. Dieses mit gehacktem Blei geladene Werkzeug befestigte der kleinrussische Jäger, sobald er zur Wolfshetze aufbrach, am Sattel. Das aufgespürte Wild wurde so lange verfolgt, bis den Wolf die Kräfte ver liessen. In dem Augenblicke, in weichem das verzwei felte Tier mit fliegenden Flanken, einknickenden Hinter läufen gegen seinen Peiniger Front machte, streckte Meister Isegrim ein wuchtiger Hieb der schweren Peitsche nieder. Fig-, Nur im alleräussersten Notfälle, wenn nämlich der Wolf den erbarmungslosen Reiter ansprang, erhielt der Grau rock die tödliche Ladung gehackten Bleies aus nächster Nähe in den geifernden Rachen.1) Das charakteristische Gepräge verleiht jedoch unserer Waffe die Bauart des Schlosses. Eine Schraube hält die gerade, an einem Ende des leichteren Spannens wegen zu einer Art Handgriff umgebogene .Schlagfeder am Laufe fest, welche mit ihrer unteren Fläche auf ein in den Lauf eingeschraubtes Piston schlägt. Wir sehen also, dass an dieser Waffe die Schlagfeder zugleich die Funktion des Flintenhahnes übernimmt. Eine v-förmig gekrümmte Abzugsfeder hält die 7,5 cm lange, um eine Achse dreh bare Abzugstange in ihrer Lage; die roh ausgefeilte Fratze am oberen Ende dieser Abzugstange legt gewiss Zeugnis ab von der humoristischen Ader des russischen Dorf schmiedes, welcher diese etwas mehr als ein russisches Pfund schwere Waffe verfertigt hatte. Das am Laufe erkenn bare Loch dient nur zum Hindurchziehen eines Hand riemens. Noch einfacher als die oben beschriebene Waffe ist eine in meinem Besitze befindliche Pistole (Fig. 2) ge l) Brehm, Tierleben, Ausgabe 1893, II., S. 31. Rohre aus blankem Eisen ist mit zwei Schrauben ein 7 cm langes gekrümmtes Eisenstück befestigt. Durch einen in demselben angebrachten Schlitz geht das 8 cm lange Züngel, in dessen oberes Ende drei Stufen eingefeilt sind. Auch an dieser Waffe ist die Spannfeder zugleich Schlag feder und Flintenhahn; denn an ihrem vorderen Fnde befindet sich ein kreisförmiges Eisenstück angenietet, in dessen Höhlung ein Piston hineinpasst. Das Kaliber der Pistole beträgt 14 mm, ihr Gewicht 35t Gramm. Der wesentliche Unterschied zwischen der Schiessvorrichtung an der Wolfspeitsche und dieser Pistole besteht, abgesehen von der äusseren Gestalt beider Waffen, in dem Mangel einer Abzugsfeder. Während dort zwei Federn in Ver wendung kommen, genügt hier eine einzige, die sogar drei Funktionen verrichten muss. Will man den Mechanismus dieser Pistole spannen, so umklammert man mit den vier Fingern der linken Hand den Lauf der Waffe, während der Daumen auf dem Rücken des Ztingels ruht. Daumen und Zeigefinger der Rechten fassen das Ende der Schlagfeder und ziehen es nach rechts; gleichzeitig übt der Daumen der linken Hand einen Druck auf den Rücken des Ztingels aus, wodurch dessen oberer Arm gegen die schmale rückwär tige Kante des in der Schlagfeder befindlichen Schlitzes gedrängt wird, bis endlich eine der eingefeilten Stufen 5- Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. in diese Kante einschnappt. Nun erst kann das Zünd hütchen auf das Piston aufgesetzt werden. Diese Art des Spannens ist zwar die bequemste, aber auch, sobald die Waffe geladen ist, die gefährlichste, denn die Mündung der Pistole ist in diesem Falle schief nach abwärts gegen den Unterleib des Spannenden gerichtet. Der Umstand, dass die Mündung der Waffe weder aussen, noch innen Spuren von Schraubengängen aufweist, lässt den Schluss zu, dass wir es hier wirklich nur mit einer Pistole und nicht etwa mit dem Bruchstücke eines Abschraubgewehres oder einer Stockflinte zu thun haben, wie solche oft in erstaunlich sinnreicher Konstruktion von den Wildschützen verwendet werden, so dass der Aus spruch eines alten Waidmanns «Ein geschickter Wilderer trägt sein Gewehr zusammengelegt in der Westentasche bei sich» viel von seiner scheinbaren Unwahrscheinlich keit verliert. Sieht man endlich diese Pistole genauer an, so ge winnt man fast den Eindruck, als ob es sich um eine Wette gehandelt hätte, wie weit man es im Weglassen von überflüssigem Beiwerk bringen könne, ohne die Brauch barkeit der Waffe zu beeinträchtigen. Der Erzeuger dieser Pistole war gewiss ein intelligenter Mensch, denn er löste die Aufgabe: eine Pistole auf die denkbar einfachste Art herzustellen, nicht nur in geschickter Weise, sondern man merkt auch deutlich das Streben, die Waffe zu einer hand samen, zu einer gut in der Hand liegenden zu machen. Und das ist sie auch. Ergreift man die Pistole, so kommt die Krümmung der Schlagfeder gerad in den Winkel zu liegen, welchen Daumen und Zeigefinger miteinander bil den, und findet dort vermöge ihrer der Hand scharf sinnig angepassten Abmessungen einen festen Rückhalt, Fig.I. der die Abgabe eines sicheren Schusses wesentlich be günstigt. Der Vater dieser Pistole war gewiss auch ein peinlich genauer, ja kunstsinniger Mensch; dies beweist der allerliebste Schnitt des Schlangenkopfes am Ende des krückenartig gebogenen Handgriffes. Diese Waffe bietet also nicht nur dem Waffentechniker manches Ueber raschende, sie bietet auch dem Psychologen reiche An regung, da hier einer der seltenen Fälle vorliegt, der aus dem Charakter des Werkes Rückschlüsse auf den jenigen des Erzeugers dieses 'Gegenstandes zu ziehen er möglicht. Dr. Potier. Faustschilde im Kgl. Bayr. National-Museum in München. Das Bestreben, beim Degenfechten durch ein mit der linken Hand geführtes Instrument die Waffe des Gegners festhalten oder sogar abbrechen zu können, um gleichzeitig mit der Rechten einen Stoss gegen den ungeschützten Partner führen zu können, hat die aben teuerlichsten Formen von Faustschilden veranlasst, öfters auch wurden Dolche mit Vorrichtungen zum Festhalten oder Abbrechen des Degens versehen, so dass hier die ng. 2.. 4 174 Zeitschrift fiir historische Waffenknnde. Waffe noch zum Faustschilde und zum Degenbrecher II. Band. 1893), fasst S. 14 Vorstollen als Schutzwaffen «für den wurde. Wir bilden hier zwei derartige Stücke aus der Waffen sammlung des bayrischen Nationalmuseums zu München nach Originalaufnahmen ab. Das eine (Fig. i) (Invent. Nr. 1481) ist ein Faustschild von 0,21 m Höhe, aus Eisen gearbeitet, auf der Rückseite mit Leder, auf der Vorderseite teilweise mit rotem Sammet überzogen. Ein kräftiger Griff an der Rückseite dient als Handhabe des Schildes; auf der Vorderseite sind Spitzen, rosetten- u. hufeisenförmige Aufsätze geschickt so angeordnet u. ge formt, dass die Klinge des Gegners leicht für Augen blicke darin festgehalten werden kann. Der eine der hufeisenförmigen Ansätze ist abgebrochen. Die Entste hungszeit dieses Faustschildes dürfte gegen Mitte des XVI. Jahrhunderts zu setzen sein. Das zweite Stück (Fig. 2) (Invent. Nr. 1497) ist ein grosser Dolch, eine sogenannte Linkehand, von 0,58 m Gesamt länge, den Demmin1) in seinen «Kriegswaffen» schon in Umrisszeichnung wiedergegeben hat. Die geätzte. Klinge zeigt auf der Vorderseite einen Trommelschläger, die Büste eines bärtigen römischen Cäsaren u. die Inschriften: WIL, SIG, A, F, VINCERE AVT MORL Auf der Rückseite Rankenwerk mit Tieren. Der grosse Korb ist mit Degenbrechergitter und zwei ein wärtsgebogenen u. zwei nach innen zu gezahnten u. der Klinge parallel laufenden Stangen versehen. Eine grosse Schraube mitten in der Fläche des Korbes lässt auf das frühere Vorhandensein noch einer anderen Vorrichtung zum gleichen Zwecke schliessen. Der Daumen ist noch besonders geschützt. Die Klinge war wohl kaum von vornherein für diesen Korb bestimmt, ist aber mit diesem annähernd gleichzeitig, um 1640 ca., entstanden. Dr. E. Bassermann-Jordan. Nachträge und Druckfehlerberichtigungen zu den «Waffengeschichtlichen Studien aus dem Deutschordens-Gebiet>. A) Zu dem Aufsatze «Nachrichten über Waffen aus dem Tresslerbuche des deutschen Ordens»: Bd. I, S. 195 rechte Spalte Zeile 13 von unten lies «Vor stollen» statt «Vostollen». „ „ 196 rechte Sp. Z. 10 v. u. lies «die» statt «dre». Daselbst Z. 4 v. u. «Swittirgals hauwe» statt « Swittirgalohauwe». „ „ 230 linke Sp. Z. 23 v. o. «erwähnt» statt «eawähnt». „ ,, 230 rechte Sp. Z. 9 v. o. «Zu» statt «In». „ „ 230 rechte Sp. Z. 13 v. o. «4 scot» statt «Vocot». ,. „ 231 linke Sp. Z. n v. o. «94» statt «84». „ „ 231 linke Sp. Z. 24 v. o. «Pulvergehäuse» statt «Pulverhäuser». „ „ 231 rechte Sp. Z. 9 v. u. «Kegelkugeln» statt «Hagelkugeln». „ „ 232 linke Sp. Z. 10 v. u. «identisch» statt «deutsch». „ „ 232 rechte Sp. Z. 26 v. o. «snetemesser» statt «onetemesser». — Nachtrag zu S. 195. Baltzer, «zur Geschichte des Danziger Kriegswesens im 14. UDd 15. Jahrh,» (Danzig *) A. Demmin, die Kriegswaffen in ihrer geschichtlichen Entwickelung, 1891. S. 769, Abb. 36. Unterleib» auf, also wohl = Beintaschen. Die von ihm in Anm. 1 für 1387 gegebene Verordnung zeigt aber unzweideutig, dass es sich um einen Schutz der Unter arme handelt. Jene lautet: «welch man eyn werk ge wynnin wil, der sal haben eyn panczir und eyn hund kogil, eynen isenhut und eyn brust, eyn par musisen und eyn par forstollen und eyn par blechhanczken»; also die 3 letzten für Oberarme, Unterarme und Hände. — Nachtrag zu S. 196. Köhler III 1, S. 67 fasst Hunde kogel als gleichbedeutend mit Ringelkapuze auf, während sonst allgemein (z. B. Boeheim, Waffenkunde, S. 35) jener Name der Beckenhaube mit Schnauzenvisier beigelegt wird. Aber es muss zugegeben werden, dass im Tresslerbuche wohl die Ringelkapuze gemeint ist. Dafür spricht das häufige Zusammennennen-von Hundekogeln mit anderen aus Ringen gefertigten Waffen stücken wie Schurz und Gehänge. Bart ist dann als jenes Schnauzen visier auf zufassen und Helm gleichbedeutend mit Beckenhaube. Auch die Bezeichnung «Panzer» ist wohl in einzel nen Fällen auf den Ringelpanzer zu beziehen. Jeden falls aber irrt Weber, Preussen vor 500 Jahren (Danzig 1878), wenn er S. 622 Platte, Brünne und Panzer für gleich bedeutend erklärt. Gerade die von ihm angeführte Be stimmung einer Verschreibung von 1322 beweist das Ge genteil. Danach soll der Beliehene dienen mit einem Hengst und mit leichten Waffen, «als eysern hut oder eyn preusch heim, schilt, sper und platen sind, ader an der platen stad ein gut panzer oder brunie». Die Platte wir also in Gegensatz zu Panzer und Brünne gestellt. Ob die beiden letzteren hier gleichbedeutend gebraucht wer den, ist nicht ganz klar. Ich behalte mir ein näheres Eingehen auf diese ganze, sehr interessante Frage für später vor. B) Zu dem Aufsatze «Messingplatte des Vogtes Kuno von Libensteyn» Band II, S. 100. Herr Regierungsbaumeister Bernhard Schmid in Marien burg Wpr. teilt mir mit, dass er auf dem Grabsteine des Die therich von Bronisberg (Braunsberg) | 1517 im Kreuzgange der Abtei Kommersdorf bei Neuwied das gleiche Wappen gefunden habe wie unser Wappen Nr. 1. Derselbe weist mich darauf hin, dass im Neuen Siebmacher VI 7, ab gestorbener Adel von Nassau, als Burgmänner von Lieben stein (gegenüber Boppard am Rhein) aufgeführt sind:- a) Liebenstein schlechthin; Schild — Balken; Kleinod — 2 Büffelhörner. b) Schenk von Liebenstein; Schild — 3 aneinander geschobene Rauten, schrägrechts gestellt. c) Fransz von Lebenstein, Herr zu Ulmen (! vgl. unser Wappen Nr. 2 Waldbott von Ulmen), an der Kanzel der Kirche zu Camp bei Lieben stein 1581; Schild — 2 Sparren. d) Senheim von Lebenstein, 1370 mit einem v. L. und einem Schenk v. L. im Mitbesitze der Burg; Schild — 3 schreitende Leoparden; Kleinod — wachsender Löwe zwischen einem Fluge. Hierzu bemerke ich: Es muss daran festgehalten werden, dass, unser Wappen Nr. 1 seiner Stellung nach das Stammwappen des Kuno v. L. ist. Es ist daher dem Ge schlechte Schenk v. L. zuzuweisen. Eine Verschiedenheit in der Stellung des Wappenbildes ist im Mittelalter nichts Sel tenes, ebenso wie in der Anzahl der Figuren; es könnte daher das Wappen Nr. 3 auch sehr wohl dem Geschleckte der Senheirn v. L. angehören. Das Geschlecht von Brauns 5. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. berg mag derselben Abstammung sein wie die Schenk 5 veranstaltet worden, welche auch die im i. Band v. L., keinesfalls aber ist das Wappen Nr. i ersterem zu zuschreiben. Engel. Von den «Waffengeschichtlichen Studien aus dem Deutschordens-Gebiet» ist unter dem glei chen Titel eine Sonderausgabe von dem Vereine Rudolf Cederström, Svenska Kunigla Hufvudbaner samt Fälttecken vid i Sverige, Finland och öfriga svenska Provinser staende Trupper förvarade i Kunigl. Lilrust kammaren och Kunigl. Artillerimuseum M. Fl. in- och utländska Samlingar. Stockholm 1900. Im Aufträge des Intendanten der Königlichen Leibrüst kammer zu Stockholm hat der Verfasser, Assistent am ge nannten Institute, sich der mühevollen Arbeit unterzogen, die in dortigen sowie in ausländischen Sammlungen bewahrten Fahnen und Feldzeichen zu inventarisieren, und die Auf zeichnungen der Oeffentlichkeit zu übergeben. Das Werk, welchem eine grössere Anzahl trefflich in Lichtdruck aus geführter Illustrationen beigefügt ist, beginnt mit einer Fahne, die zur Krönung des Königs Sigismund am ! 9. Februar 1594 Frage 2: Die Abbildung zeigt ein eigenartiges Kriegs werkzeug von der Form eines vierläufigen Handfeuerrohres, das kürzlich aus dem Kunsthandel in den Besitz des bay rischen Nationalmuseums zu München gelangte. Die Waffe ist vollkommen geschmiedet, die Läufe wer den durch drei Ringe zusammengehalten, von denen der mitt unserer Zeitschrift erschienenen «Nachrichten überWaffen aus dem Tresslerbuche des deutschen Ordens» enthält. Diese Sonderausgabe kostet 2,80 Mark und ist von der Kgl. Sachs. Hofbuch handlung H. Burdach in Dresden zu beziehen. Die Schriftleitung. benutzt wurde und endet mit (Nr. 1110) einer Standarte, auf der sich die denkwürdigen Namen Grossbehren, Dennewitz und Leipzig befinden. Schon diese beiden Objekte, zwischen denen ein Zeitraum von mehr als 200 Jahren liegt, lassen j erkennen, welche Fülle geschichtlich wertvollen Materials das besprochene Werk in sich schliesst. Aber auch in Be zug auf Grösse, Form und Ausstattung der Fahnen enthält die Schrift eine Menge ansprechender und belehrender An gaben. Da nun gerade in neuerer Zeit, besonders in den Armeesammlungen, die Wiedererlangung vaterländischer Fah nen mit Eifer betrieben und auf deren Erhaltung grosse Sorg falt verwendet wird, so erscheint die Anregung, welche durch das Werk des Freiherrn Cederström gegeben ist, besonders dort, wo noch ein reicher Schatz von Kriegsfahnen vorhan den ist, wohl der Nacheiferung wert. Immer wird es aber das Verdienst der in jeder Beziehung vortrefflich geleiteten Königl. schwedischen Leibrüstkammer bleiben, die Inventa risierung der vaterländischen Fahnen zuerst angeregt und durchgeführt zu haben. M. v. E. Wegen Raummangels mussten weitere Litte raturberichte zurückgestellt werden. Die Schriftleitung. lere heute verschiebbar ist und ursprünglich wohl dicht hinter dem vordersten befestigt war. Die Zündlöcher sind etwas an der Seite angebracht und haben keine trichterförmige Mün dung. Der Schaft ist hohl, zum Einstecken einer Stange ge eignet. Die Gesamtlänge des Objektes beträgt 0,285 m. Friiher als etwa in der Mitte des XVI. Jahrhunderts dürfte die Waffe, nach der Art der Arbeit zu schliessen, kaum entstanden sein. Auch dieHandliabungsteht nicht unzweifelhaft fest. Sollte das Feuerrohr nicht zum Abgeben von Signalen, zum Inbrandstecken von Gebäuden oder zu ähnlichen Zwecken eher gedient haben als zum Feuergefecht? Vielleicht kann einer der Leser auf Grund einer alten Abbildung die Bedeutung des Kriegswerkzeuges klarlegen Dr. E. B.-J. Zu Frage, 2. i;6 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Frage 3: Ist die Scherenmarke mit den Buchstaben j II. Band. kleineren von beiden ist ein starker Lederriemen befestigt, der M • S • I • über der Schere, die neben dem Nürnberger Beschau zeichen auf Harnischen und Rundschilden vom Ende des 16. ! und Anfang des 17. Jahrhunderts ziemlich häufig vorkommt, be reits auf einen Meister gedeutet? Die Marke ist im Ehrenthalschen Führer 3. Aufl. Seite 34 abgebildet, jedoch nicht erklärt. H. G. Frage 4: Die Ab bildung giebt eine Kette wieder, welche die Her zogl. Kunst- und Al te r t ü m e r-S a m m 1 u n g auf der Veste Co burg aufbewahrt. Nach der Ueberlieferung ist sie eine auf der Jagd ge brauchte «Fangkette». Jedenfalls lässt sich mit dieser Bezeichnung keine irgendwie befrie digende Vorstellung von dem Gebrauch des Ge genstandes verbinden. Die reichen Hilfsmittel, welche gerade die Veste Coburg für die Ge schichte der Jagd dem Forscher bietet, lassen hierbei den Fragenden völlig in Stich. Viel leicht weiss einer der Leser das Rätsel zu lösen. Die Kette ist 7 m 58 cm lang. Jedes Glied hat eine Länge von 4 und eine Breite von 1 cm. Sie sind so an einandergefügt, dass ein 7 mm langer, mit dem Glied selbst aus einem Stück gearbeiteter, un gefähr keilartiger An satz in einen entspre chend geformten Ein schnitt des nächsten 1 m lang und vielfach durchlocht ist. Das andere Ende des Riemens ist durch die Oese eines Instrumentes so durchgezo gen, dass jeden Augenblick leicht eine Lösung beider bewirkt werden kann. Dieses In strument mm ist eine Art Messer, 21 */3 cm lang-, 2,7 cm breit. Der Rücken ist 11 mm breit und hat in seiner ganzen Längs ausdehnung eine 5 mm tiefe und ebenso breite Rinne. Die Schneide ist jetzt vollständig stumpf und kann überhaupt nie mals besonders scharf und fein gewesen sein. Am hinteren Ende des Messers ist jene vorhin erwähnte Oese, die üb rigens in der Mitte der Biegung ein Scharnier hat und also auseinan der geklappt werden kann, mittels einer Schraube angebracht. ' Aus der Spitze ist der obere Teil rechtwink lich ausgeschnitten. Da durch wird die eine Backe einer Art Beiss zange gewonnen, wäh rend die andere an dem ganz regelmässig gebil deten Zangenschenkel angebracht ist, der, mit einem vernieteten Stift an dem Rücken des Mes sers befestigt, mittels einer von seinem Ende aus nach der Rinne lau fenden Feder in die Höhe gedrückt werden kann. Die Backen sind innen nach vorn zu leicht gerieft, um feste res Halten zu ermög lichen. Was hat nun diese Vereinigung von Zu Frage 4. Gliedes eingeschoben ist und durch einen gut vernieteten Stift so festgehalten Messer und Zange in Verbindung mit der Kette zu bedeuten? Welcher Zeit mag dieses «Jagdgerät» wird, dass wohl eine Bewegung nach auf- und nach ab wärts, nicht aber nach den Seiten erfolgen kann. Diese bedingte Bewegungsmöglichkeit dürfte bei der Erklärung vor allem zu berücksichtigen sein. Die beiden Enden der Kette sind mit bimförmig gebogenen Oesen versehen. An der entstammen? Gern dächte man an die letzten Jahrzehnte des 16. und die ersten des 17. Jahrhunderts, also an jene Zeit, wo Herzog Johann Casimir (f 1633) so eifrig das Jagdwesen in thüringischen Landen ausbildete, aber ein Beweis dafür lässt sich zunächst nicht erbringen. K. K. 5. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 177 vor ihrer Veröffentlichung (zum Beweis ihrer Rich tigkeit) zu unterzeichnen haben. (Die Jahresrech nung ist mit Rücksicht auf die in der Regel im Monat Juni abzuhaltende Haupt Versammlung mit Ende Mai eines jeden Jahres abzuschliessen.) § 17. Anträge auf Aufnahme in den Verein werden von dem Vorsitzenden und dem ersten Schriftführer ent schieden. Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen wird der zweite Vorsitzende zu Rate gezogen Protokoll der ausserordentlichen Versammlung in Dresden am 28. Oktober 1900. Dresden, den 28. Oktober 1900. Eine ausserordentliche Versammlung des Vereins für historische Waffenkunde war für den 28. Oktober 1900 nach Dresden einberufen worden und wurde an diesem Tage mit tags 12 Uhr im Kurländer Palais eröffnet. Infolge Behinderung der beiden Vorsitzenden des Vereins übernahm nach § 11 der Statuten das älteste Vorstandsmitglied, Herr Oberst a. D. Thierbach, den Vorsitz und begriisste die Versammlung. Mit warmen Worten gedachte der Herr Vorsitzende zunächst des am 20. September dieses Jahres verstorbenen hochver dienten ersten Schriftführers des Vereins, des Herrn Oberst leutnants Dr. Jäh ns in Berlin, zu dessen ehrendem Gedenken sich die Versammlung von den Sitzen erhob. Sodann wurde dem zweiten Schriftführer, Herrn Direktor von Ehrenthal das Wort erteilt, welcher zunächst die Beschlussfähigkeit der Versammlung jm Sinne des § 21 der Statuten konstatierte, da 41 Mitglieder erschienen waren, während weitere 25 durch schriftliche Vollmachten sich hatten vertreten lassen. Punkt 1 der Tagesordnung betraf die bereits früher ge machten Abänderungsvorschläge zu den §§ 2, 7, 9, 15 und 17 der Statuten, sowie einen Antrag auf Hinzufügung eines § 22. Nach einer Vereinbarung in der Vorstandssitzung vom 21. Juni dieses Jahres hätten diese §§ folgendermassen vzu lauten: § 2. Der Sitz des Vereins befindet sich in Dresden. § 7. I. Absatz. Der Vorstand des Vereins besteht aus fünfzehn bis zwanzig Mitgliedern, die von einer Ver sammlung des. Vereins gewählt werden und unter sich die Ämter des ersten und zweiten Vorsitzen den, des ersten und zweiten Schriftführers und des Schatzmeisters verteilen. § 9. Von den Mitgliedern des Vorstands müssen stets mindestens elf Angehörige des Deutschen Reiches sein. § 15. Der Vorstand beruft alljährlich zwei Vereinsmit glieder als Rechnungsprüfer, welche die vom Schatz meister abgeschlossene Rechnung zu prüfen und und entscheidet. — Anträge, zu'deren Erledigung die Einberufung einer besonderen Vorstandssitzung dem Vorsitzenden unnötig erscheint, hat er auf -die Tagesordnung der nächsten aus sonstigen Gründen berufenen Vorstandssitzung zu bringen. § 22. Für die einzelnen Länder, über die sich schon der Verein erstreckt, können durch den Vorstand Pfle ger ernannt werden, denen die Organisation des Vereins innerhalb bestimmter politischer Gebiete und die Anwerbung neuer Mitglieder übertragen wird. Diese Pfleger sind berechtigt, den Vorstands sitzungen beizuwohnen. — Der § 2 wird in derselben Fassung wieder einstimmig angenommen, ebenso die §§ 7 und 9. jedoch wird bez. des 6 9 seitens des Herrn Direktors von Ehrenthal ein Antrag auf spätere Streichung desselben, da er thatsächlich über f lüssig geworden ist, Vorbehalten. In derselben Fassung wie früher, werden ferner die §§ 15, 17 und 22 von der Versamm lung einstimmig angenommen. Die vor einigen Tagen an den Vorstand des Vereins eingesandten Anträge des Dr. Freiherrn von Potier in Wien, welche einen vollständig neuen Entwurf der Satzungen repräsentieren und viele schätzenswerte Gesichtspunkte ent halten, werden mit Dank zur Kenntnis genommen und für eine spätere Berücksichtigung Vorbehalten; jedoch können sie statutengemäss nicht auf die heutige Tagesordnung gesetzt werden. Der dritte Punkt der Tagesordnung betraf die Neuwahl eines Vorstandsmitgliedes, das zugleich geneigt sein würde, das Amt eines ersten Schriftführers zu übernehmen. Als solches wurde Herr Kammerherr Dr. Kekule von Stradonitz einstimmig von der Versammlung gewählt, welcher die Wahl annahm. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben. Dresden, am 28. Oktober 1900. Als Protokollführer: gez. Moritz Thierbach, gez. Dr. Petzsch. Oberst a. D. gez. Lotze, Geh. Reg.-Rat. Nach den beiden Dresdener Versammlungen in diesem Jahre sind also die Aemter im Vorstande foigendermassen verteilt: erster Vorsitzender des Vereins: Se. Excellenz Generalleutnant von Usedom, Kommandant des Kgl. Zeughauses, Berlin; zweiter Vorsitzender: Franz Freiherr von Lipperheide, Berlin; erster Schriftführer: Dr. Stephan Kekuie von Stradonitz, fürstl. lipp. Kammerherr, Grosslichterfelde; zweiter Schriftführer: M. von Ehrenthal, Direktor des Kgl. Histo rischen Museums, Dresden; Schatzmeister: Otto Müller, Major z. D., Dresden-Blasewitz. i7S Zeitschrift für historische Waffenkunde. Am 27. Oktober 1900 verschied in Wien Herr Baron Gustav Suttner. II. Band. Seine Neigung zur historischen Waffenkunde äusserte sich nicht nur in treuer Anhänglichkeit an unseren Verein, sondern auch in gehaltvollen schriftstellerischen Arbeiten. Sein Name wird unter uns unvergessen bleiben. Dem Vereine neu beigetreten sind: Andrej ew, Wassili, Leutnant im kaiserl. russ. Alexander Newski-Regiment St. Petersburg, v. Bardeleben, Karl, Excellenz, Generalleutnant z. D., Vorsitzender des «Herold». Berlin W, Kurfürstendamm 240II. Belewskoy, Graf Alexis, kais. russ. Stabsrittmeister. Moskau, Dournowsky Perenlok, Maison Dimkoff. Fahrmbacher, Major z. D., Vorstand des kgl. bayr. Armee museums. München, Zeughaus, Oberwiesenfeld. Müller, Walther, Leutnant im 2. königl. sächs. Train Bataillon Nr. 19. Leipzig, Trainkaserne. Nägel, Karl, Leutnant im 2. königl. sächs. Train-Bataillon Nr. 19. Leipzig, Trainkaserne. Sheiesnow, Wladimir, Unter-Jesaul und Adjutant der Leib-Garde-Sotnje des Ural-Kosackenheeres St. Petersburg. Struve, Hans, Privatier. Dresden, Reichsstrasse 30. Venn, Dr. Otto, Zahnarzt. Dresden-Blasewitz, Friedrich Auguststrasse 27. Personalnachricht. Herrn Louis List, Kassendirektor, Prokuristen der k. k. österr. Kreditanstalt, wurde vom Kaiser der Titel eines Regierungsrates verliehen. Nach erfolgter Bestätigung durch das Kgl. Amtsgericht werden die neuen Satzungen im Druck erscheinen können. Da mit ihnen das Mitgliederverzeichnis versandt werden soll, so wird sich auch dessen Ausgabe noch etwas verzögern, etwa bis Ende Januar oder Februar. Die Annahme von Beiträgen für Heft 6 des II. Bandes wird am 1. März d. J. geschlossen. Herausgegeben vom Verein für historische Waffenkunde. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Veste Coburg. Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. Aus französischen Geschützgiessereien unter Ludwig XIV. Von Paul Reimer, Oberleutnant ä la suite des Badischen Fussartillerie-Regiments Nr. 14. ie zahlreichen Kriege, welche Ludwig XIV. für den Glanz seiner Krone ge führt, sind weniger aus gezeichnet durch grosse Feldschlachten, als durch fortwährende Märsche und Gegenmärsche der Heeresmassen, durch die damit verbundene Ver wüstung und Aussaugung ganzer Landstriche, sowie besonders durch äusserst zahlreiche Belagerungen fester Plätze. Die damals an Kavallerie besonders reichen Heere überschwemm ten das Land und nahmen, was sie in Dörfern und offenen Ortschaften fanden, Befestigungen je doch, und bestanden sie auch nur aus einer Linie, bildeten für diese Scharen ein Hindernis, welches nur durch Verwendung schwerer Artillerie zu über winden war. Es besass daher fast jeder wichtigere Ort seine Umwallung einerseits zum eigenen Schutz gegen Ueberrumpelungen durch Streifkorps, anderer seits um als Stapelplatz für Kriegsvorräte aller Art zu dienen. So finden wir denn in den Kriegen am Ausgang des 17. und Beginn des 18. Jahrhunderts fortwährende Kämpfe um die festen Plätze in Flandern, Artois, an der Maass, der Mosel, im Eisass, der Pfalz und in Baden, wobei die Rollen des Vertei digers und Angreifers bei demselben Platze oft in kurzer Zeit wechselten. Dies war die Zeit des genialen Ingenieurs und Festungsbaumeisters Vauban, der allein 33 Festungen erbaut, 300 veraltete feste Plätze nach seiner «Manien» umgebaut und 53 Be lagerungen mit bestem Erfolg persönlich geleitet hat. Er rühmte sich, in den meisten Fällen vorher bestimmen zu können, am wievielten Tage nach Er öffnung der ersten Tranchee die Festung fallen müsste. Sein Belagerungssystem, das erst nach den Erfahrungen im Kriege 1870/71 völlig abgeschafft wurde, war eine überaus geschickte Verbindung der Artilleriewirkung mit der Thätigkeit des Sappeurs und Mineurs, die ihren Gipfelpunkt fand in der «Krönung des Glacis», d. h. der Anlegung der Breschbatterien auf der Plöhe des Glacis über dem gedeckten Wege, und in der Legung der Bresche in die Eskarpenmauer. War der Belagerer erst so weit gekommen, dann war der Fall des Platzes un vermeidlich und der Kommandant desselben glaubte in vielen Fällen genügend Widerstand geleistet zu haben, um die Festung mit Ehren übergeben zu können. Wie erwähnt, fiel ein sehr bedeutender Teil der Thätigkeit bei den Belagerungen der Artillerie zu, die Mortier-(Mörser-/Batterien überschütteten das Innere der Werke mit Bomben, Kanonen mittleren Kalibers bestrichen die langen Linien der Wälle, um den Verteidiger an einer wirksamen Störung der ^ngriffsarbeiten zu hindern, während die langen 24-Pfünder aus ihren auf der Höhe des Glacis ver^ senkten Stellungen durch direkten Schuss auf sehr kurze Entfernung die Bresche herstellten, d. h. einen wagrechten und zwei senkrechte Schlitze in die Grabenmauer schossen, so dass das hierdurch um grenzte Mauerstück herausfiel und samt der nach 24 iSo Zeitschrift für historische Waffenkunde. rutschenden Erde des dahinter ansteigenden Walles II. Band. Die Gebrüder Keller, Schweizer von Geburt, einen Aufgang auf letzteren bildete, dessen Erstür mung, wenn nötig, den Schluss des Angriffs bildete, falls der Verteidiger nicht unterdessen weiter rückwärts ein «Retranchement» hergestellt und besetzt hatte. Der erfolgreiche Fortgang der Belagerung hing also in erster Linie davon ab, dass die Artillerie den an sie gestellten Anforderungen voll entsprach, eine Verminderung ihrer Leistungsfähigkeit musste einem rührigen Verteidiger Gelegenheit zu wirk samen Gegenmassregeln bieten und das Gelingen des ganzen Angriffs gefährden, jedenfalls aber den endlichen Erfolg beträchtlich verzögern. Ein solcher, die ehrgeizigen Pläne Ludwigs XIV. störender Fall trat zuerst im Jahre 1688 bei der Belagerung der kleinen Reichsfestung Philippsburg ein, die im Sep tember jenes Jahres den räuberischen, von so trau rigen Folgen für diese blühenden Länder begleiteten Einfall in die Pfalz und Baden einleitete, mit dem Ludwig Deutschland empfindlich zu schädigen suchte, als dessen Heere noch in Ungarn siegreich gegen die Türken fochten. Mitten im Frieden überfallen, also ohne umfassende Vorbereitungen getroffen zu haben, konnte sich Philippsburg trotz seiner geringen Hilfsmittel dem weit überlegenen, sehr energischen Angreifer gegenüber vier Wochen halten, weil bei der Artillerie des Belagerers auffallend viele Ge schütze sprangen oder auf andere Weise unbrauch bar wurden. Die gleichen für Ludwig sehr ärger lichen Vorkommnisse traten auf bei dem im selben Jahre stattgefundenen Bombardement von Coblenz und wiederholten sich bei der Belagerung der Festung Mons im Jahre 1691, vor Namur und beim Bombardement von Charleroi im Jahre 1692, bei der Belagerung des letzteren Platzes im Jahre 1693, sowie endlich bei den Kämpfen der Franzosen in Ober-Italien und den Wirren in Irland, welchen Ludwig zur Zerrüttung der englischen Macht seine Unterstützung lieh. Es erwies sich hierbei der weit aus grösste Teil des französischen Artillerie-Materials anscheinend als durchaus unbrauchbar, so dass man sich schliesslich im Jahre 1694 genötigt sah, fast die gesamte Artillerie mit neuen Geschützen aus zurüsten, wobei man sogar zu den damals wenig geschätzten eisernen Rohren seine Zuflucht nehmen musste, eine Notwendigkeit, die um so unangenehmer war, als das ausgesogene Land die Mittel für die bereits ins Ungeheure angewachsenen Ausgaben für Heereszwecke kaum mehr zu liefern vermochte. Die Verantwortung für diese Vorkommnisse, die sich z. T. unter Ludwigs Augen selbst abspielten und den Zorn des Sonnenkönigs in hohem Masse er regen mussten, verstand der damalige Komman dierende der französischen Artillerie, Herr de Vigny, der auch die artilleristische Oberleitung bei den meisten Belagerungen der letzten Jahre gehabt hatte, auf den Geschützgiesser Jean Keller abzuwälzen, welcher mit seinem jüngeren Bruder Balthasar die Königliche Geschützgiesserei in Douai betrieb. waren von Zürich wahrscheinlich Anfang der 50 er Jahre, wenig über 20 Jahre alt, nach Frankreich eingewandert und scheinen 1654 in königliche Dienste getreten zu sein. Im Jahre 1659 waren sie in Oude narde mit der Ausbesserung gebrauchter Geschütze beschäftigt und erhielten, wie später gezeigt werden wird, nicht lange darauf den grössten Teil des fran zösischen Geschützgiesserei-Wesens, dessen Haupt stätte damals Douai gewesen sein dürfte. Zu Be ginn des Jahres 1694 hatte Balthasar Keller in Paris alle Vorbereitungen für den Guss des 21 Fuss hohen Reiterstandbildes Ludwigs XIV., eines Werkes des Künstlers Francois Girardon, getroffen, welches fünf Jahre später auf dem Vendöme-Platz aufgestellt wurde und wegen seiner Abmessungen das grösste Staunen über die Leistungen der französischen Giess kunst erregte. Kein Wunder, dass sich unser genialer Schlüter 1696 zum Studium dieses Wunderwerkes nach Paris begab, von wo er einen Gehilfen Kellers, den Bronzegiesser Johann Jacobi, mitbrachte, welcher zwei Jahre später in dem Königlichen Giesshause zu Berlin die berühmte Reiterstatue des grossen Kur fürsten goss, ein Werk, welches lange Zeit hindurch den Namen des Giessers in aller Mund brachte, während derjenige Andreas Schlüters, des eigent lichen Schöpfers, damals ganz in den Hintergrund trat. Erst die Nachwelt hat das Verhältnis wieder richtig gestellt und Schlüter zu seinem wohl er worbenen Ruhme verholfen. — Jedenfalls hatten die Gebrüder Keller, die sich als Bronzegiesser des höchsten Ansehens erfreuten, viele Neider, und man benutzte gerne die Gelegenheit, welche das auffallend häufige Springen von Geschützen während der letzten Kriegsjahre bot, üm bereits 1693 die Entfernung der beiden Brüder aus ihrem Amte zu betreiben. Da aber durch eine solche Massnahme die Fertigstellung der Reiterstatue Ludwigs, an deren Modell bereits seit den 80 er Jahren gearbeitet wurde, gänzlich in Frage gestellt worden wäre, so schritt hier der König selbst energisch ein, und machte den In triguen ein Ende. Herr de Vigny, welcher den Gebrüdern Keller besonders feindlich gesinnt ge wesen sein muss, nahm alsbald die Treibereien gegen dieselben wieder auf, es erschienen Flugschriften, in welchen behauptet wurde, dass Keller minderwertige Legierungen zu den Geschützen verwandt, die ihm ge lieferten guten Metalle aber unterschlagen habe u. s.w. Es gelang Herrn de Vigny schliesslich, den Marquis de Barbesieux, den allerdings weniger einflussreichen Sohn und Nachfolger des Ministers Louvois, von der Schuld des älteren Keller zu überzeugen und diesen aus seinem Amte in Douai zu verdrängen. Sein Nachfolger wurde zunächst sein Bruder Balthasar, zu dessen Kunst man ein grösseres Vertrauen ge habt zu haben scheint. Ausserdem aber wusste man den König zur Berufung einer Konferenz zu be stimmen, welche aus zahlreichen Sachverständigen des ganzen Reiches bestand und feststellen sollte, b. Heft. Zeitschrift ftlr historische Waffenkunde. ob die Erscheinung des häufigen Springens der Ge l8l hierbei, dass de Chaligny und seine Vorfahren einst schütze thatsächlich auf die Verwendung minder wertiger Legierungen zurückzuführen sei. Hierin lag für den älteren Keller eine öffent liche Anschuldigung des Betruges, die er durch eine im Jahre 1694 erschienene Verteidigungsschrift ebenso öffentlich zuwiderlegen suchte. Dieses Buch,1) wel ches der vorliegenden Arbeit zu Grunde liegt, führt den Titel: Memoire de ce qui s’est passe au Fait des Fontes des pieces de canons depuis 1666. avec des Remarques sur le bon et mauvais usage qui en este fait, tant aux Guerres precedentes, qu’en celle d’ä present; Et ce pour servir de iustification ä Keller l’aine et ä son frere, accusez par quelques-uns de PArtillerie d’avoir fait de mechans Alliages de meteaux. M. DC. LXXXXIV. Verfasser, Verleger und Drucker sind nicht an gegeben, und wenn auch in dem ganzen, 93 Gross quartseiten umfassenden Werke von den Gebrüdern Keller nur in der dritten Person gesprochen wird, so darf man wohl mit Sicherheit annehmen, dass der ältere Keller selbst der Verfasser ist. In recht schwülstiger, an Ciceronianische Reden erinnernder Form, die gelegentlich mit lateinischen und grie chischen Sentenzen geschmückt ist, sucht Keller zu beweisen, dass er lediglich das Opfer des Neides und der Ränkesucht seiner Widersacher geworden sei. Ohne sich zunächst auf Einzelheiten einzulassen, giebt er ein übersichtliches Bild über die Ereignisse in den französischen Geschützgiessereien seit dem Jahre 1666. Die nach selbständiger Uebernahme der Regie rung (1661) erwachende Ruhm- und Vergrösserungs sucht Ludwigs XIV. vcranlasste denselben zu einer durchgreifenden Reorganisation des gesamten Heeres, die durch die Hand des damals noch jungen, aber sehr energischen Marquis de Louvois zu den besten Erfolgen führte. Nachdem die Bewaffnung der In fanterie gleichmässiger und besser geworden, wandte sich der König der Artillerie zu, die ziemlich ver wahrlost gewesen zu sein scheint und umsomehr besonderer Fürsorge bedurfte, als sie in dem bevor stehenden, gegen die spanischen Niederlande ge richteten Eroberungskriege wegen der dort zahlreich vorhandenen Festungen eine hervorragende Rolle zu spielen berufen war. Der König befahl daher im Jahre 1666, die Geschützgiessereien wieder in Betrieb zu setzen. Zuerst erfolgte dies nach be sonderer Anweisung des Marquis de Louvois bei der Giesserei des Arsenals in Paris, wo Herr de Chaligny, Generalkommissar des Giessereiwesens der Artillerie, die Leitung hatte. Keller erwähnt l) Das Werk, welches ziemlich selten geworden zu sein scheint, wurde dem Verfasser von Herrn Oberstleutnant a. D. Simon in Karlsruhe in liebenswürdigster Weise zur Ver fügung gestellt, wofür demselben hiermit der schuldige Dank erstattet sei. die berühmtesten Bronzcgiesser Europas gewesen seien und sich sowohl beim Guss von Geschützen, wie von Bildwerken ausgezeichnet haben, wie die von ihm gegossene, damals in Dünkirchen befind liche Coulevrine von Nancy bezeuge und ein bron zenes Pferd in Paris. De Chaligny begann also 1666 mit dem Guss von Geschützen, da er aber dem Be darf allein nicht genügen konnte, so zog man auf seinen Wunsch noch zwei Giesser aus Deutschland heran, die sich des Rufes tüchtiger Meister erfreuten und sich auch bei der Herstellung der üblichen Geschützarten bewährten. Leider sind die Namen dieser deutschen Giesser nicht genannt. Als nun aber Herr de Louvois einige besondere Rohre von grösserer Länge in Bestellung gab, wollten sich de Chaligny und die deutschen Meister nicht mit dem Guss befassen, da sie hierin noch keine Er fahrung hätten. Man muss annehmen, dass Keller, der, wie er selbst sagt, damals bei der Artillerie angestellt war, zu jener Zeit im Arsenal in Paris beschäftigt wurde und von diesen Vorgängen ge naue Kenntnis hatte, denn er legte alsbald dem König und Herrn de Louvois Zeichnungen von Ge schützen der gewünschten Art, langen Coulevrinen, vor und machte sich anheischig, dieselben zu giessen. Dass Keller hierzu in der Lage war, lässt darauf schliessen, dass er sich in den Vorjahren praktisch und theoretisch mit dem Artillerie-Wesen beschäftigt hat, an anderer Stelle erwähnt er auch, dass er wie sein Bruder durch hervorragende Lehrer in den Artilleriewissenschaften von Jugend auf eingehend ausgebildet worden sei.1) Kellers Vorschläge fanden des Königs Beifall und Keller erhielt den Befehl, diese Geschütze so bald als möglich fertigzustellen. Der Erfolg seiner Bemühungen war glänzend, der König selbst begab sich nach dem Arsenal in Paris, um sich neun neugegossene Stücke anzusehen. Wahr scheinlich als Erinnerung an diesen den Giesser in höchstem Masse auszeichnenden Besuch wurden die sieben schönsten dieser Geschütze von Le Pautre in Kupfer gestochen. Das Blatt, welches S. 183 verkleinert reproduziert ist,2) hat im Original eine Grösse von 74,5 X 54 cm und ist unterzeichnet: «Keller invenit le Pautre sculp.» Interessant an den abgebildeten Rohren ist die verschiedenartige Behandlung des Bodenstücks mit der Traube, worin Keller viele Nachahmer gefunden hat, sowie der Umstand, dass die Rohre noch statt eines Namens einen lateini schen Sinnspruch tragen mit darauf bezüglichem Bild. Bereits in den 70 er Jahren finden wir überall *) Leider war es dem Verfasser nicht möglich, genauere Daten aus dem Leben der Gebrüder Keller zu erhalten. Es wäre sehr zu wünschen, dass von kundiger Seite einige er gänzende Angaben hierüber gebracht würden. 2) Da das dem Buche beigefügte Blatt bereits ziemlich schadhaft ist; wurde die Reproduktion nach einem in der Ornamentstich-Saramlung des Königl. Kunstgewerbemuseums zu Berlin befindlichen Abdruck hergestelit, der seitens der Direktion in dankenswerterweise zur Verfügung gestellt war. 24* 102 Zeitschrift für historische Waffenkunde. auf den französischen Rohren die Nainensbezeich II. Band. dürfen, liess man ihn im Arsenal zu Paris durch nung. Auf den gelungenen Guss der 15 Fuss langen 16 pfündigen Coulevrine thut sich Keller nicht wenig zu gute. Alle Sachverständigen der Artillerie begutach teten diese Rohre und fanden sie in jeder Beziehung tadellos, glaubten aber in Ansehung des Umstandes, dass es die ersten Stücke eines neuen Giessers waren, von der Beschussprobe nicht absehen zu können. Auch hierbei bewährten sich die Rohre gut. Keller betont ausdrücklich, dass man bei den von de Chaligny und den deutschen Giessern her gestellten Rohren die Beschussprobe zunächst unter lassen hatte, da der Ruf dieser Giesser für ihre Güte genügend zu bürgen schien, nachträglich wurden diese Rohre aber doch beschossen und bekamen zum grössten Teil Risse, erwiesen sich auch sonst nicht einwandfrei. Als nun an de Chaligny und die deutschen Giesser das Ansinnen gestellt wurde, gleich vorzügliche Rohre herzustellen, erklärten diese es für unmöglich und scheinen darauf ihr Amt nieder gelegt zu haben, denn die Gebrüder Keller führten den Betrieb der Giesserei drei Jahre lang weiter. Im Jahre 1669 erhielten sie den Befehl, in der durch den Frieden zu Aachen im Jahre vorher an Frank reich gefallenen Festung Douai in Flandern eine Geschützgiesserei zu bauen und einzurichten. Hier waren sie 25 Jahre lang mit bestem Erfolge thätig, ihre Geschütze leisteten bei allen Belagerungen und Gefechten der folgenden Jahre ausgezeichnete Dienste, so dass sich der König veranlasst sah, den Gebrü dern Keller aus freien Stücken im Mai 1674 vom Lager vor Besangon aus Naturalisationsbriefe zu schicken und sie zu nötigen, sich in Frankreich an zukaufen, aus Furcht, dass er sie durch Auswande rung verlieren könnte. Ausserdem erhielten sie den Auftrag, auch an verschiedenen anderen Orten Ge schützgiessereien einzurichten und zu betreiben, so in Besancon, Pignerol und in Breisach. Diese letzte Giesserei sollte den Gebrüdern Keller wenig Freude bereiten. Wie noch später näher zu betrachten sein wird, zeigten alle Rohre damals den Uebelstand, dass die Zündlöcher sich bei fortgesetztem Schiessen stark erweiterten und so die Rohre vor der Zeit unbrauch bar wurden. Man schenkte daher einem Goldschmiede gehilfen aus Turin, namens Ballard, grosse Aufmerk samkeit, als dieser behauptete, an den Geschützen, welche er giessen könne, seien die Zündlöcher wesent lich haltbarer, die Legierung sei besser und die Schussweite grösser. Keller hatte bei seinen fort gesetzten Erfolgen viele Neider und Feinde, die leicht geneigt waren, den Ballard gegen ihn auszu spielen, wie sie ihm schon bei den Geschützabnahmen, seiner Ansicht nach auf nicht zu rechtfertigende Weise, zahlreiche Geschütze zurückgewiesen und ihm durch diese übertriebene Strenge grossen Schaden zugefügt hatten. Als nun Ballard darauf bestand, einen Versuch mit seiner Erfindung ausführen zu einen Gehilfen Kellers aus bestem Material einen 24-Pfünder giessen und zum Beschuss nach Douai bringen. Zwischen den Zeilen lässt Keller lesen, dass Ballard die massgebenden Personen durch Be stechung für sich gewonnen habe, so dass sie so gefällig waren, über grobe Unregelmässigkeiten bei der Probe hinwegzusehen und trotz des Springens dieses Geschützes dem Ballard zu gestatten, in Valenciennes drei neue 24-Pfünder zu giessen, die ebensowenig eine der vorgeschriebenen noch keines wegs entsprechende Probe aushielten. Trotz alledem erreichte es Ballard, dass man ihm die von Keller eingerichtete Giesserei in Besangon anvertraute, wozu ihm Keller aus der Giesserei in Breisach die nötigen Werkzeuge und Geräte, sowie geschulte Arbeiter abgeben musste, obwohl Herr de Louvois ausdrück lich verboten hatte, dass sich die Giesser gegenseitig die Arbeiter abspenstig machten. Wie vorauszusehen, gelang es Ballard nicht, wirklich gute Geschütze herzustellen, trotzdem fand er Mittel und Wege, dass sie als brauchbar abge nommen wurden. Als aber diese Stücke bei der Be lagerung von Luxemburg in Thätigkeit traten, sollen sie fast alle gesprungen sein, obwohl die Geschütz bedienungen für Ballard gewonnen waren. Ferner soll sich Ballard schon damals bedeutender Unter schlagungen schuldig gemacht haben, indem er für 25000 Thaler Geschützmetall, welches ihm vom Staat geliefert war, durch einen Kupferhändler in Besancon verkaufen liess und an dessen Stelle min derwertiges Material zu seinen Geschützen verwandte. Obwohl er sich gar nicht sonderlich Mühe gab, diese Unterschleife zu verbergen, trat keine Straf verfolgung gegen ihn ein, im Gegenteil, man über gab ihm die wichtigere Geschützgiesserei in Breisach, in die Keller bedeutende Summen gesteckt hatte. Man zwang letzteren, in grösster Eile alle ihm ge hörigen Geräte etc. aus der Giesserei zu entfernen, und requirierte Soldaten, welche die Räumung be schleunigen mussten. Als man aber Keller sogar hindern wollte, noch 24 bestellte Rohre zu giessen, deren Formen bereits fertig in der Dammgrube standen, und hierfür die Unterstützung des Komman danten von Breisach, Herrn de Monclar, nachsuchte, weigerte sich dieser, hier einzugreifen, 12 fertige Mörserformen musste aber Keller zerstören, obwohl Ballard dieselben Mörser alsbald erneut in Auftrag bekam. Zu jener Zeit hatte Generalleutnant Marquis de la Freseliere, Gouverneur von Stadt und Fort Salins, das Kommando über die Artillerie im Eisass, sowie die Aufsicht über die Giesserei in Breisach. Ballard scheint sich nun die Gunst dieses seines Vor gesetzten alsbald erkauft zu haben, denn man hatte alle erdenkliche Nachsicht mit ihm, liess ihm auch auffallend viel Zeit, sich in der Giesserei einzurichten. Auch hier hatte Ballard bei dem Guss grober Ge schütze — es war dies im Jahre 1687 — wenig 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 183 184 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Glück, nur wenige konnten ihm abgenommen werden. II. Band. fahren1) Geschützgiesser gewesen, so viel Vertrauen, Trotzdem schritt man nicht dagegen ein, auch dann nicht, als sich Keller beschwerdeführend an Herrn de Louvois gewandt hatte, der sich damals gerade in Breisach befand und nach einer Rück* spräche mit Herrn de la Freseliere ebenfalls ein Auge zudrückte. Ballard machte hier zunächst keine so guten Geschäfte wie früher, weil ein Herr de Vaux leger, Provinzial-Kommissar der Artillerie, welcher in Douai, wo Herr du Mets in durchaus unpartei ischer Weise die Abnahme leitete, die vorgeschriebene Beschussprobe kennen gelernt hatte, bei der Abnahme Kommission war und den Bestechungsversuchen Ballards gegenüber kühl blieb. Man wusste ihm aber Ungelcgenheiten zu bereiten und ihn zu ent fernen. Sein Nachfolger, der Provinzial-Kommissar de la Tour-Camailliere, duldete im Hinblick auf die drohende Ungnade seiner Vorgesetzten die vorkom menden Unregelmässigkeiten, machte aber schliess lich doch Schwierigkeiten und wurde ebenfalls ent fernt. Als Ballard nun freies Spiel hatte, wurde der weitaus grösste Teil seiner Stücke abgenommen, und jeder, der mit Ballard zu thun hatte, musste ihm sehr gefällig sem. Er arbeitete hinter ver schlossenen Thüren und liess seine Erzeugnisse als bald fortschaffen, damit niemand Gelegenheit hatte, sie sich genauer anzusehen. Auch hier unterschlug Ballard königliches Geschützmetall, und ein Wagen mit Zinn, den er nach Basel geschickt hatte, wurde ihm von den französischen Zollbeamten beschlag nahmt, doch entging er dank der Gunst des Herrn de la Freseliere, der seine Leistungen besonders dem Hofe gegenüber bei jeder Gelegenheit heraus strich, jeder Strafe. Bitter beklagt sich Keller, dass Ballard sich ohne weiteres in den Besitz eines ihm gehörigen Hauses, das er sich dort auf eigenem Grund und Boden erbaut, gesetzt und sogar den dort lagernden Wein unter seine Leute verteilt habe. Als aber Ballard merkte, dass die Versetzung des Herrn de la Freseliere bevorstand und seine Unter schleife ans Licht kommen würden, zog er es vor, heimlich über die Grenze zu gehen und in seiner Heimatstadt Turin das auf so unredliche Weise er worbene bedeutende Vermögen in Ruhe zu ver zehren. Inzwischen hatte ein anderer Schwindler, der Glockengiesser Jacques Sagen aus Liege, wohnhaft in Lille, der einige Zeit bei Keller gearbeitet hatte, durch zahlreiche Versprechungen, wie durch Geld die massgebenden Persönlichkeiten zu bestimmen gewusst, ihm versuchsweise den Guss einiger Ge schütze zu übertragen. Indessen hatte er damit noch weniger Glück, als Ballard, trotzdem ver traute man ihm doch die ebenfalls von Keller ein gerichtete Geschützgiesserei in Pignerpl in Sa voyen an, wo er gar keine Erfolge zu verzeich nen hatte. Darnach schenkte man im Jahre 1684 einem gewissen Perdry aus Valenciennes, dessen Vor dass man ihm den Guss einiger Geschütze gestattete. Obwohl dieselben aber bei der Probe schon nach wenigen Schuss sprangen, gab man ihm eine Grati f ikation von 600 Livres (etwa 3600 Mark) und ver schaffte ihm eine gute Stellung bei der Artillerie. Indessen scheint Perdry der Boden zu heiss ge worden zu sein, denn er desertierte nach kurzer Zeit und wandte sich nach Brüssel. Ausserdem er wähnt Keller noch einen gewissen Bercan, der in derselben betrügerischen Weise arbeitete, wie Ballard und Genossen, sowie einen des Falises2) in Douai, dem Keller einen Teil der gegen ihn gerichteten Schmähschriften zuschreibt. Als Ergebnis dieser Ausführungen kommt Keller zu dem Schluss, dass die von diesen durchaus un fähigen Leuten hergestellten Geschütze, welche in grosser Zahl in die Bestände der Artillerie und in die Festungen gelangten, naturgemäss schlecht waren und beim Ernstgebrauch mit Sicherheit springen mussten. Aber auch den Vorwurf, dass von ihm selbst gegossene Geschütze, deren Güte Keller bei jeder Gelegenheit hervorhebt, bei den Belagerungen vielfach sprangen, weiss er zu entkräften, indem er behauptet, dass die Geschützbedienungen, welche mit seinen Widersachern im Einverständnis waren, die Geschütze mit Absicht zum Springen gebracht hätten. So habe man vor Philippsburg und beim Bombardement von Coblenz seine Geschütze mit zwei Kugeln und ungewöhnlich grosser Ladung eines sehr kräftig wirkenden Pulvers derart überladen, dass ein Springen unvermeidlich war. Mit starker Ueber treibung sagt hier Keller, dieses Pulver habe mehr als viermal so viel Wirkung gehabt, als das in der vorhergehenden Zeit gebrauchte, und fügt hinzu, man habe es ausserdem unterlassen, die Rohre nach jedem Schuss auszuwaschen. Es ist ja bekannt, dass das Pulver noch zur Zeit Friedrichs des Grossen soviel Rückstand gab, dass das Laden erschwert wurde und die Wahl der Artilleriestellungen im Gefecht durch die Notwendigkeit beeinflusst wurde, Wasser zum Auswaschen der Rohre in der Nähe zur Verfügung zu haben. Ausserdem sollte durch das häufige Aus waschen einer zu starken Erhitzung der Rohre vor gebeugt werden, da bei derselben Ausbrennungen und Narbenbildung in der Bronze in stärkerem Masse eintreten mussten. Es wird erwähnt, dass man zum Auswaschen der Rohre das Wasser mit Essig ver setzt hat. Wahrscheinlich geschah dies, um die Pulverrückstände leichter zu lösen, ein besonders günstiger Einfluss des Essigs auf die Erhaltung des Rohrmetalls ist nicht einzusehen. — Zum Beweis für seine ungeheuerlichen Behauptungen führt Keller eine Anzahl Augenzeugen an, unter anderen auch *) Ein mit «Opus Jacobi Perdry Valencenis» bezeich netes Rohr vom Jahre 1638, ein Geschenk an König Philipp IV. von Spanien, befindet sich im Berliner Zeughause. 2) Ein anderes im Berliner Zeughause befindliches Rohr trägt die Inschrift: «Berenger d. Falize fecit Duaci 1715». 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. fünf deutsche Zimmerleute, welche nach dem Falle I85 durch das Springen der Geschütze dem Verfolger von Philippsburg die Geschütze aus den Batterien ziehen und von Hand entladen mussten. Sie fanden in den meisten Geschützen zwei Kugeln und ausser ordentlich starke Ladungen. Wie parteiisch man gegen Keller vorging, ergiebt sich daraus, dass Herr de la Freseliere, gleich nachdem in den ersten Tagen der Belagerung Kellersche Geschütze ge sprungen, in für Keller sehr ungünstigem Sinne an Herrn de Louvois berichtet und behauptet hat, dass schlechte Legierungen verwandt worden seien. Dar auf wurden aus Breisach eben gegossene Geschütze von der Art Ballards geholt, dieselben sprangen aber trotz aller Vorsicht nach einigen Schüssen derart, dass die Stücke davonflogen, ein Umstand, der bei den Geschützen Kellers nicht eingetreten war. Letztere bauchten sich vielmehr auf, verbogen sich oder bekamen höchstens Risse, sprangen jedoch unter normalen Umständen niemals am Boden, auch blieben die Zündlöcher intakt. Jetzt beschuldigte aber Herr de la Freseliere den abnehmenden Offizier, Herrn de Vauxleger, der sich in Breisach ihrer Ab nahme widersetzt, dass er diese Geschütze böswillig gesprengt habe, berichtete aber nichts davon an die Vorgesetzte Behörde. Des weiteren führt Keller aus, in welch ver schiedenartiger Weise man Geschützrohre ganz un auffällig sprengen könne. So müsse ein Rohr unter allen Umständen springen, wenn man bei nicht zu kleiner Ladung das Geschoss nicht bis ganz auf das Pulver führe. In der That hat man auch in der Neuzeit bei Handfeuerwaffen ähnliche Erfah rungen gemacht, über die Ursachen gehen aber die Ansichten noch auseinander. So pflegen Ge wehrläufe zu springen oder sich aufzubauchen, wenn der Schütze vergessen hat, vor dem Schuss den Mündungsdcckel abzunehmen, oder wenn Schnee in die Mündung gekommen ist. Ferner erwähnt Keller eiserne oder hölzerne Keile, welche man vor die Kugel in das Rohr warf, die Kugel lief dann auf den Keil auf, wurde gehemmt und das Rohr musste springen. Als Beweis hierfür will Keller noch Stücke von derartig gesprengten Rohren nach weisen, in denen die Keile Eindrücke hinterlassen hatten, sowie solche, in denen die Eisenstücke noch fest eingedrückt waren. In manchen Rohren, bei denen auf solche Weise das Bodenstück gesprengt war, sassen die Kugeln so fest, dass man sie seitlich herausmeisseln musste. Das Vernageln der Zünd löcher vorübergehend eroberter Geschütze war von jeher die übliche Art, sie zeitlich unbrauchbar zu machen. Daneben führten auch noch in späterer Zeit die zum Sturm auf ein mit Geschützen ver teidigtes Werk vorgehenden Truppen mitunter der artige eiserne Keile mit, um sie in geladene Ge schützrohre zu werfen und so deren Springen her beizuführen, falls der Feind wieder in deren Besitz gelangen sollte. Ein gleiches that vielfach der Ver teidiger, wenn er das Werk verlassen musste, um noch Schaden zuzufügen. Es ist dies ein recht heimtückisches Verfahren, das sich durchaus unauf fällig anwenden lässt, heute würde ein derartiger vor das Geschütz geworfener Keil mit Sicherheit einen folgenschweren Rohrkrepierer hervorrufen. Dass ein Springen seiner Rohre nicht vorkam, wenn derartige Schurkereien ausgeschlossen waren, weist Keller an einer Batterie von 20 8-Pfündern nach, die vor Mons mit glühenden Kugeln schoss. Denn da nach dem Ansetzen der «roten Kugel» auf das nasse Wergpolster, welches vor der Pulverladung lag, Ge fahr im Verzüge war, so hütete sich die Bedienung, darnach noch irgend welche Manipulationen vor der Mündung vorzunehmen, die auf ein Sprengen des Rohres abgezielt hätten. Ohne auf die langwierigen Beweisgründe ein zugehen, mit denen Keller weiterhin nachzuweisen sucht, dass er ganz unmöglich schlechte Legierungen genommen haben könne, sei nur zusammenfassend gesagt, dass dabei die damals in Frankreich herr schende Korruption ins hellste Licht gezogen wird. Wenn es ja auch im einzelnen nicht möglich sein dürfte, die Wahrheit seiner Angaben zu prüfen, und die Beschuldigung, dass die eigenen Geschütze im Felde absichtlich unbrauchbar gemacht worden seien, uns heutzutage geradezu ungeheuerlich Vor kommen mag, so entspricht trotzdem alles dieses doch dem Charakter jener Zeit, in welcher als letztes Mittel, die Finanzen zu heben und den Staat vor dem drohenden Bankerott zu bewahren, alle Beamtenstellen, also auch diejenigen der Geschütz giesser, käuflich waren und daher alle höheren Stellen ein Interesse daran haben mussten, dass die Beamten möglichst oft wechselten. In diesem Sinne hatte Keller sein Amt damals schon viel zu lange. — Alle diese Verhältnisse sind indessen mehr für die Sitten- als für die Waffengeschichte interessant, es gehen aber aus den Schilderungen, welche Keller hier entwirft, eine recht grosse Menge Einzelheiten hervor, welche sich auf die Organisation und den Betrieb der französischen Geschützgiessereien da maliger Zeit beziehen und in Anlehnung an den geschilderten Hintergrund für den Waffenhistoriker von hoher Wichtigkeit sein müssen. Das gesamte Artilleriewesen unterstand dem Grossmeister (Grand Maitre) der Artillerie, in jenem Jahre (1694) bekleidete anscheinend Herr de Vigny diesen Posten, wie er auch den artilleristischen Teil der Belagerung von Namur geleitet hatte. Ihm unter stellt war der Generalkommissar des Giessereiwesens, dem wiederum die ordentlichen Giesskommissare (Commissaire ordinaire des fontes de FArtillerie) als Direktoren der einzelnen Giessereien zugeteilt waren. Ein Untergebenenverhältnis scheint hier indessen nicht bestanden zu haben, vielmehr fungierte wahr scheinlich der älteste der Giesskommissare als Generalkommissar, sein Name findet sich als der jenige des Giessers in späterer Zeit vielfach auf i86 Zeitschrift für liistorische Waffenkunde. französischen Rohren angegeben. Die Organisation II. Band. in der Artillerie gehörig auszubilden. Zwar erwähnt der einzelnen Geschützgiessereien entsprach in der Hauptsache derjenigen, wie wir sie im 18. und z. T. noch im 19. Jahrhundert in den nicht militärisch organisierten staatlichen Fabriken in Preussen hatten. Der Staat Hess die nötigen Gebäude, die Oefen, die grösseren Maschinen etc. nebst der etwa notwendigen Wasserkraft einrichten, der Leiter der Fabrik lieferte die nötigen Werkzeuge und Geräte aus eigenen Mitteln, wahrscheinlich gegen eine jährliche Pausch vergiitung. Das Metall zu den Güssen gab wiederum der Staat, und der Giesser wurde für jedes abge nommene Geschütz nach festen Sätzen bezahlt, es war daher seine Sache, an Material, Holz, Geräten und Arbeitskräften nach Möglichkeit zu sparen. Wurden dem Giesser bei der Abnahme Geschütze zurückgewiesen, so hatte er natürlich einen beträcht lichen pekuniären Nachteil und eine mit übertriebener Strenge vorgehende Abnahmekommission konnte den Giesser in hohem Masse schädigen, wie sie anderer seits durch grosse Nachsicht bei Beurteilung der Fehler den Giesser zum reichen Manne machen konnte. Da im übrigen der innere Betrieb der Giessereien einer staatlichen Kontrolle nicht unter worfen war, so war es dem Giesser leicht, statt des ihm gelieferten guten, minderwertiges Material zu verwenden, falls er der Nachsicht der Abnahme kommission sicher war. Diese zu erkaufen, musste daher das Bestreben aller jener Schwindler sein, deren unheilvolle Thätigkeit Keller so eingehend schildert. Wie verrottet überhaupt damals die Zu stände in dem durch die fast ununterbrochenen, wenn auch meist siegreichen Kriege völlig ausge sogeneri Frankreich waren, zeigt eine Stelle, in der Keller sagt: «Wenn Se. Majestät durch Leute von Erfahrung und bekannter Rechtschaffenheit ein gehendeJRevisionen des Zustandes aller seiner Plätze vornehmen Hesse, so würde man da noch beträcht liche Unterschleife entdecken. Denn der grösste Teil der guten Festungen ist sehr schlecht mit Kanonen und anderem Artillerie-Inventar versehen und es ist nirgends dem Umstande Rechnung ge tragen, dass die verschiedene örtliche Lage der Plätze eine verschiedenartige Artillerie bedingt. Das ärgerlichste aber ist, dass es in mehreren Festungen auch nicht einen einzigen Menschen giebt, der kunst gerecht einen Kanonenschuss abzufeuern versteht, und dass sich in vielen eine beträchtliche Zahl von Geschützen befindet, die ganz fehlerhaft sind und nur unnütz Pulver und Kugeln verschlingen.» Keller glaubt diese Uebelstände auf die durchaus mangel hafte Ausbildung der höheren Artillerieführer zu rückführen zu sollen. Er beklagt es, dass die Artillerieoffiziere in ihre Stellungen gelangten, ohne im geringsten dafür ausgebildet worden zu sein, und sich nur zur Artillerie drängten, um hier mög lichst schnell ihr Glück zu machen. Sie seien daher unfähig, bei den Abnahmen der Geschütze ein zu treffendes Urteil abzugeben oder ihre Untergebenen Keller die «Artillerieschulen», die hin und wieder abgehalten wurden, doch scheinen dieselben mehr unseren Artillerie-Schiessschulen entsprochen zu haben. Er sagt, dass bei diesen Schulen seine Geschütze sich gut bewährt hätten oder gesprungen wären, je nachdem ein Gegner oder ein Freund Ballards die Leitung gehabt hätte. Trotz des Vorhandenseins der betreffenden höheren Stellen wurde eine sach verständige Aufsicht über das Artilleriewesen nicht geübt, und Keller geht so weit, zu verlangen, dass die Academie frangaise sich nutzbringender darum kümmern solle, dass keine Unterschleife stattfänden, anstatt neue Sterne, Pflanzen oder Insekten zu ent decken. — Zum Guss der Geschütze diente in erster Linie das Metall gesprungener und unbrauchbar gewor dener oder solches eroberter Geschütze, die ihrem Kaliber nach nicht in das bestehende Ärtillerie system passten. Da nun aber diese Bronzen viel fach von geringerer Güte waren, so korrigierte man das Metall durch Zusatz von Kupfer und dürfte als Qualitätsprobe wohl lediglich das Aussehen des Bruches gehabt haben. Keller erwähnt, dass das häufige Umschmel^en der Bronze dieselbe ver schlechtere, sie mager (sec) mache, während wir heute an der Bronze gerade den Umstand schätzen, dass sie durch häufiges Umgiessen homogener, also besser wird. Allerdings oxydiert sich, wenn die Bronze in Berührung mit der Luft geschmolzen wird, verhältnismässig mehr Zinn als Kupfer, die Bronze wird daher bei jedem Umschmelzen ärmer an Zinn. Es ist möglich, dass Keller diesen Vorgang meint, wenn er von «Magerwerden» der Bronze spricht. Bei dem grossen Bedarf an Geschützen — die Ge brüder Keller haben allein über 3000 Stüc& ge gossen — wurde aber auch neue Bronze in be trächtlicher Menge verwendet, welche man aus Kupfer und Zinn, ohne Verwendung von Zink, zusammen schmolz. Das Rotkupfer (cuivre de rosette) war hierbei besonders geschätzt, während das Rohkupfer (cuivre de barbarie), das aus Norwegen bezogen wurde, sich weniger für Geschützbronze eignete. Keller beklagt sich, dass ihm derartiges Rohkupfer für seine Güsse von seinen Vorgesetzten geliefert worden sei, das gute Rotkupfer dagegen habe man den Schwindlern gegeben, die selbst daraus keine brauchbaren Geschütze herzustellen vermochten. Ferner erwähnt Keller, dass man in den Büchern der Baseler Kaufmannschaft habe nachsehen lassen, ob ihm von dieser 'S.eite Topfmetall (potain) ver kauft worden sei, welches daher den Namen habe, dass man daraus Töpfe giesse. Es sei unvorteilhaft in seiner Anwendung, weil beim Giessen desselben in grossen Oefen beträchtlicher Abgang entstände, und der starke Bleigehalt die übrigen Metalle der Legierung verderbe, so dass die mit Zusatz von Topfmetall gegossenen Geschütze hart und unsauber würden und das Nacharbeiten schwierig und kost 6. Heft. Zeitschrift «für historische Waffenkunde. spielig'. Es scheint diese «potain» genannte Legie 187 vielmehr zahlreiche Gruben und Vertiefungen (cham rung aus einer sehr viel Zinn und Blei enthaltenden Bronze bestanden zu haben, denn es ist bekannt, dass schon geringe Beimengungen von Blei manche Legierung hart und spröde machen, wie ja auch eine Bronze mit 35—50°/0 Zinngehalt kaum mehr von der Feile angegriffen wird. Einmal musste Keller zwei alte Rohre umgiessen, welche aus einer Legierung von gleichen Teilen Gusseisen und Kupfer bestanden, sich aber nicht be währten. — Neben Geschützrohren wurden in den staatlichen Gie ssereien auch sonstige einschlägige Artilleriebedürfnisse, wie die Fla schen zu Winden und Hebezeu gen, Giesskessel u. dergl. gefertigt, alles Gegenstände, die sich tadellos aus Topfmetall herstellen Hessen, trotzdem aber von Keller aus echter Bronze gegossen wurden. Die Bestellungen erhielten die Giesse reien durch Vermittelung des höheren Artilleriekomman deurs, der auch sonst Vor gesetzter der Giesserei seines Befehlsbereichs war. Das Giessen der Ge schütze ging anscheinend mit einer gewissen Feierlichkeit vor sich, da der Giesser — wenigstens war dies bei Keller der Fall — alle am Orte an wesenden Artillerieoffiziere dazu einlud und auch sonst niemandem den Zutritt wehrte. Ballard und Genossen gossen aller dings hinter verschlos senen Thüren, wie Keller hervorhebt. Der Guss selbst er folgte nach dem sog. ver A «Verfahren mit verlorener Form», wie es heute bei Bildwerken noch allgemein üblich ist, und zwar goss man über einen Kern, brauchte also das Rohr nicht auszubohren.1) Von einem Nachbohren der Seele ist an keiner Stelle etwas erwähnt, dürfte auch nach dem folgenden unwahrscheinlich sein. Die Flauptschwierigkeit des Geschützgusses be stand nämlich damals darin, dass die Seele kaum vollständig glatt herzustellen war, es bildeten sich i) Aus einer andern Originalquelle sei hier entnommen, dass im Giesshause zu Berlin zuerst im Jahre 1755 eine leichte 12 pfündige Probekanone von Wetzel massiv ge bohrt wurde. bres) darin, welche Gelegenheit zu Ausbrennungen gaben und bei grösserer Tiefe die Haltbarkeit der Rohre gefährdeten. Ausserdem wurden sie die Ur sache für manches Unglück, denn nach dem Ab feuern des Geschützes setzten sich leicht glimmende Teile der Ladung hinein, die beim Einbringen des nächsten Schusses diesen, trotz voraufgegangener .Auswaschung des Rohres, entzündeten, so dass die vor der Mündung beschäftigten Be dienungsleute zerrissen wurden. Die Entstehung derartiger Gruben kann man sich erklären, wenn man bedenkt, dass die Hohlformen der Rohre mit der Mündung nach oben in der Dammgrube eingebaut und die die Seele aus sparenden Kerne von oben hineingehängt waren. Das eingegos sene heisse Metall dehnte nun die in dem Formlehm noch vor handene Luftaus,diese konnte zwar durch die poröse Aussenform entwei chen, im Kern war dies aber nicht möglich, die Luft musste in das Metall austreten und erzeugte um den Kern herum Blasen, die sich nach Ent fernung desselben als Gruben darstcllten. Vielfach mag sich auch die Luft beim Eingiessen der Bronze um den Kern A B herum gefangen haben, da in diesem Windpfeifen nicht A anzubringen waren. Dieser Uebelstand, welcher vor zugsweise zur Bean standung der Rohre führte, veranlasste die Gebrüder Keller zur Einführung eines eigentümlichenGiess verfahrens, welches Keller kurz andeutet: «Diese Art des Gusses von Ge schützen besteht darin, dass man sie durch den Boden giesst, anstatt sie wie früher durch die Mündung zu giessen, aber sie ist viel schwieriger, als die vordem geübte, denn man muss ausserordentliche Kosten auf wenden, eine grössere Menge Metall eingiessen und die Stücke an mehreren Stellen mit der Säge bearbeiten, während an den nach alter Art gegossenen nur ein einziger kleiner Sägeschnitt notwendig war.» Diese neue Erfindung soll niemals vor Keller von einem Giesser angewandt- worden, noch damals anderswo in Gebrauch gekommen sein wegen ihrer Schwierig keit. Dafür hat man sie aber in neuester Zeit noch 25 i88 Zeitschrift für historische Waffenkunde. einmal erfunden und wendet sie heute unter der II. Band. Metall in dem Trichter ebenso hoch stehen, wie in Bezeichnung «aufsteigender oder Trichterguss» vor zugsweise beim Giessen von Martinstahl an, um grosse blasen- und schlackenfreie Blöcke zu ge winnen, welche nach erfolgter Verdichtung unter dem Dampfhammer oder der Schmiedepresse weiter verarbeitet werden sollen. Die Figur (s. S. 187) giebt eine lediglich schematische Darstellung dieses Verfahrens. Auf dem Boden der Dammgrube liegt eine eiserne Bodenplatte C, in der mit sog. basischem Futter ausgemauerte Kanäle ausgespart sind, welche bei diesem Beispiel ein Kreuz bilden. Auf der Mitte dieses Kreuzes steht der Eingusstrichter B, über den vier Enden der Kanäle je eine viereckige, etwas konische Giessform (Coquille) A von Eisen, Festhaften des Stahls mit die zum Schutz gegen das Kalkwasser ausgestrichen ist. Wird nun das flüssige Metall in den Trichter B ge gossen, so steigt es, die Luft vor sich verdrängend, durch die Kanäle in den Formen auf. Letztere wer den, sobald der Inhalt er starrt ist, abgehoben, so dass die Abkühlung der ge gossenen Blöcke sehr be schleunigtwird. Auf Bronze lässt sich dieses Verfahren natürlich ebenso anwenden, und es ist interessant, dass daselbe bereits 200 Jahre früher, wenn auch nur vor übergehend , Anwendung gefunden hat. Dass dies thatsächlich der Fall war, bezeugen zwei von Keller gegossene, im Königl. Zeug haus zu Berlin befindliche 24-pfündige Rohre «Le Combatant» vom Jahre 1674 und «La Curiosite» vom Jahre 1679. Während nämlich die Rohre jener ganzen Zeit eine einem Pinienzapfen oder einem Knopf ähnliche Traube oder aber an ihrer Stelle ein Phantasiegebilde mit jedenfalls schlankem Hals besassen, wie er zum Untergreifen mit dem Hebebaum beim Richten notwendig war, zeigen jene beiden Rohre einen ganz plumpen, cylindrischen bezw. einen sich etwas nach hinten verjüngenden Ansatz, dessen Endfläche deutlich zeigt, dass man ihr die Gestalt mit Meissei und Feile gegeben hat. Es ist das auf der obenstehenden Abbildung des Bodenstücks des «Le Combatant» recht gut zu er kennen. Augenscheinlich hat Keller diese unschöne, dem eigentlichen Zweck der Traube kaum ent sprechende F'orm lediglich deswegen gewählt, um den sonst üblichen engen Traubenhals zu vermeiden, welcher dem Aufsteigen des Metalles in der Form sehr hinderlich gewesen wäre. Natürlich musste das den Formen, das in ersterem, wie in den Kanälen erstarrte Metall ging daher für den eigentlichen Guss verloren, das Verfahren war also, wie Keller betont, sehr kostspielig. Dazu kam noch, dass das ge gossene Rohr an beiden Enden von dem über schüssigen Metall befreit und an der Traube nach gearbeitet werden musste. Es wäre interessant, zu erfahren, ob auch noch andere vorhandene Rohre von Keller eine ähnliche Eigentümlichkeit zeigen, ferner wann sie zuerst auftritt und wann sie wieder verschwindet. FZine weitere bedeutende Schwierigkeit bei der Geschütztechnik damaliger Zeit lag, wie bereits kurz erwähnt, in der geringen Haltbarkeit der Zündlöcher, die sich in verhältnismässig kurzer Zeit unzulässig erweiterten, sei es nun, dass das Metall wegbrannte oder beiseite gedrückt wurde. Auch bei den Keller’schen Rohren trat dieser Uebel stand auf, «wie das auch ganz allgemein bei . allen anderen Stücken vorkam, welche seit der Erfindung des Artilleriewesens gegos sen worden sind, und wo gegen man noch kein wirk sames Mittel hat finden können». Es ist häufig davon die Rede, dass die Zündlöcher ausgebessert wurden, doch ist das Ver fahren leider in keiner Weise angcdcutet. An einer Stelle wird erwähnt, dass meiner Rohre so gut hielten, dass sie zwei Zündlöcher brauch ten, man scheint also das ausgebrannte Zündloch ver schraubt und verhämmert und daneben ein neues gebohrt zu haben. Vorhandene Beispiele derartig behandelter Rohre sind dem Verfasser nicht be kannt. Ein Mittel, die Zündlöcher dauerhafter zu machen, bestand darin, dass man sie schräg, also durch eine grössere Metallstärke bohrte und an der oberen Kante des Seelenbodens ausmiinden Hess, eine Anordnung, die zugleich eine günsti gere Entzündung der Pulverladung gewährleistete. Man hielt es damals bereits für eine hervor ragende Leistung, wenn die Rohre 900 Schuss ohne Zündlocherweiterung aushielten. Keller’s Rivale, Ballard, hatte, wie erwähnt, das Vertrauen der lei tenden Stellen hauptsächlich durch die Behauptung zu gewinnen gewusst, dass er ein Verfahren kenne, die Zündlöcher wesentlich haltbarer zu machen. Er erreichte dies dadurch, dass er in die Bronze ein eisernes Röhrchen mit eingoss, und Keller muss zugeben, dass die so ausgestatteten Rohre etwas 189 6. Heit. Zeitschrift für historische Waffenkunde. haltbarere Zündlöcher hatten, als seine eigenen. In dessen lösten sich bei einigen auch sonst verun glückten Versuchsrohren Ballards die eisernen Röhr chen von dem Metall los. Diese an sich noch nicht besonders glückliche Lösung der Zündlochfrage ist insofern immerhin interessant, als das von Ballard benutzte eiserne Röhrchen im Prinzip einen Vor läufer des späteren kupfernen Zündlochstollens bil dete. Wann dieser letztere aufkam, scheint noch nicht mit Sicherheit festgestellt zu sein, um die Mitte des 18. Jahrhunderts war er aber bereits all gemein bekannt und bestand aus einer cylindrischen Schraube aus geschmiedetem, also verdichtetem Kupfer, die unten in einem schwachkonischen Zapfen endigte. Derartige Stollen wurden auch gleich in die neugefertigten bronzenen Rohre eingesetzt und im Bedarfsfälle ausgewechselt. Wo sich, wie ge wöhnlich, in Rohren des 17. Jahrhunderts kupferne Stollen befinden, sind sie wohl später angebracht worden. Es sei hier bemerkt, dass in einer im Zeughause zu Berlin befindlichen Hohenzollernschen Serpentine v. J. 1580 ein eiserner Zündlochstollcn von etwa 5 cm Durchmesser vorhanden ist, der eine flach trichterförmige Pfanne enthält. Ob dieser Stollen von vornherein eingegossen wurde oder erst später eingesetzt ist, lässt sich ohne Beschädigung des Rohres nicht entscheiden, dem Aussehen nach könnte man aber das erstere annehmen, auch hätte man in späterer Zeit zum Stollen nicht gerade das so leicht zum Ausbrennen neigende Eisen gewählt. Die gegossenen Rohre wurden nach Entfernung aller überflüssigen Metallteile und Herstellung des Zündlochs der Abnahmekommission vorgestellt. Nach der vom Könige gegebenen Anweisung be stand dieselbe aus dem Grossmeister der Artillerie, dem Generalkontrolleur und dem Provinzialkommissar und musste ihres Amtes in Gegenwart des Giessers walten, war also ähnlich zusammengesetzt, wie später in Preussen die Artillerie-Revisionskommission. Der Grossmeister konnte sich durch einen seiner Offiziere vertreten lassen, der Generalkontrolleur entsandte seinen Bevollmächtigten (Commis), den Kontrolleur, der «die Persönlichkeit ist, welche das Interesse des Königs wahrnehmen muss«. In Breisach hatte z. B. Herr de la Freseliere die Abnahmen zu leiten und wohnte denselben persönlich bei oder liess sich von einem Artillerieleutnant vertreten, als Kontrolleur wird ein Ilerr de la Brosse genannt, die Provinzial kommissare de Vauxlegcr und de la Tour-Camailliere sind bereits genannt worden. Der Plauptteil der Ab nahmcarbeiten scheint auf den Schultern des Pro vinzialkommissars geruht zu haben, von dessen Pflicht eifer die Strenge der Untersuchung in erster Linie abhing. Die Abnahme selbst zerfiel in eine ein gehende Besichtigung der Rohre aussen und innen, den Beschuss und nochmalige Besichtigung nebst Anwendung der Wasserprobe. Die Rohre wurden auf Gruben, Risse und Schön heitsfehler hin untersucht, besonders kamen, wie schon besprochen, die in der Seele befindlichen Gruben in Betracht. Wie primitiv diese Untersuchung war, erhellt daraus, dass man lediglich mit Hilfe einer Kerze hineinleuchtete und zufrieden war, wenn keine dem Auge sichtbaren Gruben vorhanden waren. Dies wurde jedoch anders, nachdem die Erfolge der Gebrüder Keller in Douai den Neid ihrer Wider sacher erregt hatten. Man bediente sich von da ab (etwa 1671) zur Untersuchung der Seele auf Gruben sehr spitzer Flaken an einer langen Stange und konnte so die geringste Vertiefung in der Seele feststellen, eine Verschärfung der Abnahme, durch welche die Gebrüder Keller zur Anwendung des aufsteigenden Gusses veranlasst wurden. Wie sie behaupten, wurden hierbei grössere Gruben voll ständig vermieden, nur ganz kleine von 2—3 Linien Tiefe traten noch auf, konnten aber keinen ernst lichen Schaden anrichten. Die Ausführung des Beschusses ist in dieser Zeitschrift auf Grund anderen Materials bereits be sprochen worden,1) das dort Gesagte wird durch die Kellerschen Angaben voll bestätigt. Damals wurde von einem auf dem Löfflerschen Geschütz «die schöne Taube» (aus der Zeit von 1560—1580) befindlichen Spruche darauf geschlossen, dass man die neuen Rohre mit kugelschwerer Pulverladung probierte, und ein Jahrhundert später finden wir in Frankreich thatsächlich noch genau dasselbe Ver fahren. Es wurden aus den neu gefertigten Rohren mehrere Schuss mit verstärkter Ladung gethan, und zwar der erste Schuss mit kugelschwerer Ladung, also 1 /j Ladungsverhältnis,'2) der zweite Schuss mit 5/e, der dritte mit 2/.{ Ladungsverhältnis, stets aber wurde nur eine Kugel dazu verwendet. Während, wie oben bereits erwähnt, beim Ernstgebrauch die Seele der Rohre zur grösseren Schonung gut ausgewaschen wurde, geschah dieses bei den Proben nicht, man wollte hier dem Geschütz eben grössere Anstren gungen auch nach dieser Richtung hin zumuten. Um nun festzustellen, ob sich Risse in dem Rohre ge bildet hatten, liess man es, mit Wasser gefüllt, einige Zeit stehen und beobachtete, ob Wasser aus der Aussenseite der Rohre herausdrang. In dem soeben angezogenen früheren Artikel wurde schon darauf hingewiesen, wie wenig geeignet dieses Verfahren zur wirklichen Feststellung von Rissen war. Durch gehende, klaffende Risse mussten sich allerdings auf diese Weise bemerkbar machen, sie wären aber auch wohl durch Schwärzung infolge des durch gedrungenen Pulverschleims kenntlich geworden, die für den späteren Gebrauch aber so sehr gefährlichen Haarrisse in der Seele, welche keineswegs die ganze Metallstärke durchdringen, mussten bei diesem Ver fahren natürlich verborgen bleiben. Wie manches gute Rohr mag bei diesen Gewaltproben bereits den *) Band II, Heft 3, Seite 71 ff.-) LadungsVerhältnis , ... Pulverladung. Geschossgewicht. 25* 190 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Grund für sein späteres Zerspringen erhalten haben, II. Band. 9 24-Pfünder brauchbar und fehlerlos, sowie 3 ohne dass die pflichteifrigste Abnahmekommission selbst eine Ahnung davon hatte, dass sie an dem Ruin der französischen Artillerie mitarbeitete. — Hatte das Rohr die Wasserprobe bestanden, so wurde es nach gründlicher Reinigung nochmals aus geleuchtet und event. mittels des erwähnten spitzen Hakens auf Gruben etc. untersucht. Traten hierbei Zweifel an der Güte des einen oder anderen Rohres auf, so wurde dasselbe in vielen Fällen einer noch maligen, «ausserordentlichen» Probe unterworfen, genügte es dann nicht, so wurden die Henkel abgeschlagen, um zu verhindern, dass ein bereits beanstandetes Rohr bei einer späteren Liefe rung noch einmal mit vorgestellt werde. Darüber gerade beklagt sich Keller an vielen Stellen, dass ihm auf diese Weise zahlreiche Rohre unbrauchbar gemacht worden seien, obwohl die Kommission sich nicht die Mühe gegeben habe, diese Geschütze nach allen eben angeführten Gesichtspunkten hin eingehend zu prüfen. Er hat daher seinen Aus lassungen eine Vignette vorangestellt, welche auch an die Spitze dieses Aufsatzes gesetzt ist und sehr anschaulich den Vorgang darstellt, wie von zahl reichen Rohren die Henkel mittels Stielmeisseis und Vorschlaghammers abgeschlagen werden. Im Vorder gründe steht die aus drei Personen bestehende Kom mission im Gespräch, daneben ein Mann mit den Abnahmegeräten, nämlich dem Licht in der Laterne und einer Stange, an der gleich einem Hechthaken drei auswärts gebogene Spitzen angebracht sind. Augenscheinlich ist dieses Instrument der erste Vor läufer des späteren Seclenspiegels gewesen. — Nach dem Beschuss wurden die abgenommenen Rohre dem Giesser zur Nacharbeitung der Ornamente, so wie zur Ausbesserung kleiner Fehler zurückgegeben und dann dem Artillerieoffizier des Platzes gegen Quittung zur Aufnahme in die Bestände überwiesen. Ueber jede Abnahme wurde dem Giesser ein Zeugnis ausgestellt. Keller führt als Ausweis für die von ihm bewiesene Leistungsfähigkeit in seiner Schrift eine Anzahl derartiger Atteste an, von denen eins hier folgen möge: «Wir, der Marquis de la Freseliere, General leutnant der französischen Artillerie, bezeugen dem König, Sr. Durchlaucht dem Grossmeister, und allen, die es angeht, dass uns Herr Keller, ordentlicher Giesskommissar in Frank reich. 27 gegossene Geschütze vorgestellt hat, um sie zu probieren, nämlich 4 33-Pfünder, 13 24 Pfünder, 4 16-Pfünder und 6 8-Pfünder. Die selben wurden beschossen, der erste Schuss mit so viel Pulver, als das Geschoss wiegt, der zweite Schuss den sechsten Teil weniger, als das Ge schossgewicht beträgt, und der dritte Schuss mit ~l3 des Geschossgewichts. Von diesen Geschützen bestanden die 4 33-Pfünder die Probe und wurden nach der Untersuchung für durchaus brauchbar und ohne Fehler befunden, ebenso erwiesen sich S-Pfünder, so dass von den 27 geprüften Ge schützen nur 4 24-Pfünder und 3 S-Pfünder fehler haft gefunden wurden, wir haben ihnen die Henkel abschlagen lassen. Plerr Keller hat uns ferner 10 Mörser neuer Erfindung vorgestellt, deren Kammern 12 @5 Pulver halten. Wir haben sie jeden mit drei Schuss probiert, pro Schuss 15 $t> Pulver. Von diesen sind 6 gesprungen, 4 haben diesen Proben wider standen und wurden von uns ohne Nacharbeitung der Ornamente abgenommen. Wir bezeugen ferner Sr. .Majestät und allen, die es angeht, dass uns Herr Keller 30 Mörser der alten Art vorgestellt hat, welche wir in gleicher Weise jeden mit drei Schuss zu je 5 ® Pulver probiert haben, welches gerade die kammervolle Ladung ist. Von diesen sind 20 abgenommen worden, 2 wurden beanstandet und ihnen die Henkel abgeschlagen, und bei 8 wurden die Zündpfannen nicht brauchbar genug befunden, um sie abnehmen zu können. So geschehen zu Breisach, den 16. März 1683. gez. La Freseliere.» Einer modernen Geschützgiesserei würde eine solche Verhandlung, aus der die Beanstandung von über 1/g der vorgestellten Geschütze hervorgeht, allerdings nicht zu besonderem Ruhme gereichen. Auffallend ist, dass das Verhalten der 4 16-Pfünder gänzlich verschwiegen ist. Es ist gerade dieses Zeugnis herausgegriffen worden, weil darin von einer neuen Art Mörser, einer Erfindung Kellers, die Rede ist. Im Königl. Zeughause in Berlin befinden sich nämlich zwei von Keller gegossene bronzene Mörser besonderer Art v. J. 1685. Dieselben zeichnen sich durch grosse Weite (Kaliber 42,2 cm) und Dünnwandigkeit des Fluges aus und man nimmt an, dass sie zum Werfen ganzer Körbe voll Steine oder Kugeln gegen die in den Annäherungswegen arbeitenden Angreifer einer Festung bestimmt waren. Anscheinend zum Einsetzen eines hölzernen Treibspiegels hat die Kammer an ihrem vorderen Ende eine rechtwinkclig ansetzende Erweiterung. Bei der Gestaltung der äusseren Form dieser Mörser hat sich Keller sicher die ihm sehr wohlbekannten schmiedeeisernen Mörser des 15. Jahrhunderts, von denen damals, wie er sagt, noch sehr viele vorhanden gewesen sind, als Vor bild genommen, denn der ganze Flug ist, wie bei jenen, mit flachen Reifen umgeben, die zur Belebung dieser auch sonst recht hübsch verzierten Stücke beitragen. Ob aber diese Mörser der in dem an geführten Zeugnis genannten Art angehören, möge dahingestellt bleiben, doch spricht manches dafür. Keller beklagt sich öfters, dass man ihn durch mangelnde Unterstützung verhindert habe, zahl reiche wichtige Erfindungen auf dem Gebiete des Artilleriewesens zur Durchführung zu bringen. Ueber haupt scheint auch damals das Erfindertum sehr in 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Blüte gestanden zu haben, und Keller weist ver 1 Qi eines zu offensiven Pulvers. Durch rationellere Ver schiedentlich nach, dass angeblich neue Erfindungen seiner Rivalen thatsächlich alt waren. So suchte ein gewisser Petri, Giesser aus Florenz, zwei Neuerungen als seine Erfindungen auszugeben, nämlich Mörser mit konischer Kammer und die sog. Rebhuhnmörser, bei denen um das Flugstück eines grossen Mörsers zahlreiche kleine gruppiert sind, welche zusammen mit dem grossen Mörser kleine Bomben werfen. Die erstere Erfindung schreibt Keller dem Infanterie oberst Zolicofre aus St. Gallen zu, der im Jahre 1634 die Belagerung von Konstanz durch die Schweden mitgemacht hatte und bald darauf in Zürich Mörser mit konischen Kammern giessen liess. Die Reb huhnmörser dagegen sollen bereits in der «Ars magna Artilleriae» des Sicmienowicz, gedruckt 1650 in Holland, erwähnt sein. Schliesslich wird in einem der Abnahmeatteste (v. J. 1684) von der Abnahme von 41 kurzen «Geschützen ä Carabines nach der neuen Erfindung des Kapitän Espagnol» gesprochen, wovon ein Teil 8-Pfünder, der andere 4-Pfiinder waren. Man echt mit Rücksicht auf den Ausdruck «ä Carabines» wohl nicht fehl, wenn man hierunter gezogene Geschütze versteht, die ja auch schon früher durchaus nicht selten waren, während eine Beziehung zwischen dem Namen des Kapitäns Es pagnol und den im Anfang des 19. Jahrhunderts aufgekommenen, als «Espignols» bekannten Kugel spritzen etwas gewagt erscheint. * * * Während uns so durch die Kellersche Ver teidigungsschrift eine Reihe wertvoller Aufschlüsse über das Leben und Treiben und die dienstlichen Angelegenheiten in y.en französischen Geschütz giessereien gegeben werden, bieten die eigentüm lichen Vorgänge, welche die Schrift veranlasst haben, Gelegenheit, noch kurz auf ganz ähnliche Vorkomm nisse hinzuweisen, welche, allerdings in wesentlich geringerem Umfange auftretend, in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts in Preussen den Mittelpunkt des Interesses für die Artilleriekreise bildeten. Es zeigte sich nämlich in dieser Zeit, dass die Geschütz rohre durch scharfe Schüsse in sehr erhöhtem Masse angegriffen wurden, und wenn auch dank der ver vollkommneteren Einrichtungen zur Untersuchung das Springen der Rohre bei den Friedensübungen nicht gar häufig war, so mussten diese Erscheinungen doch für den Kriegsfall ernste Bedenken erregen. Man beschuldigte nun allerdings nicht die Geschütz giessereien der Lieferung minderwertiger Rohre, son dern erkannte den Grund für die hervorgetreterie geringere Haltbarkeit derselben in der Verwendung fahren in der Pulverfäbrikation war man ganz all mählich zu einem in seiner Zusammensetzung keines wegs geänderten, aber trotzdem etwas rascher ver brennenden Pulver gelängt, dessen nur unerheblich vermehrte Offensivität doch genügte, dauernde Ver änderungen an den Rohren hervorzurufen und sie schliesslich sogar zu sprengen. Obwohl also das Verfahren des Bronzegusses und der Geschützfabri kation wesentlich ausgebildeter war, wie unter Lud wig NIV., so war auch bei Verwendung normalen Pulvers der Sicherheitsüberschuss der Rohre gegen Zerspringen keineswegs gross — wie gering muss er daher erst bei den Kellerschen Rohren gewesen sein zu einer Zeit, als ein einigermassen blasenfreier Guss die grössten Schwierigkeiten bereitete! Man braucht daher als Grund für das häufige Springen der Geschütze in damaliger Zeit gar nicht alle jene hochverräterischen Massnahmen, welche Keller von seinen Widersachern behauptet, vorauszusetzen, es hätte auch damals die Verwendung eines schärferen Pulvers, als es vordem üblich war, genügt, um zahl reiche Rohre zu sprengen. In der That erwähnt Keller, dass man bei seinen Rohren während der Belagerungen ein wesentlich kräftiger wirkendes Pulver angewandt habe, als das bei den Probe schüssen gebrauchte. Wenn man bedenkt, dass das auffallende Springen der Geschütze erst mit dem Beginn des Pfälzischen Erbschaftskrieges auf trat, und mit den in den früheren Eroberungs- und Raubzügen besetzten P'estungen grosse Mengen fremden Pulvers, dessen Offensivität in einwandfreier Weise festzustellen man gar nicht in der Lage war, in die Bestände der französischen Artillerie gelangt waren, so kann man wohl ermessen, dass zahlreiche Geschütze auch ohne den bösen Willen der Bedie nung springen konnten, wenn es auch keineswegs ausgeschlossen ist, dass die letztere hier und da etwas nachgeholfen hat. Jedenfalls entsprach es ganz dem Charakter jener Zeit, dass man die Schuld an dem Springen der Geschütze ohne weiteres dem Giesser auflud, und die Einberufung einer Konferenz von Sachverständigen zur Aufklärung der Angelegen heit darf schon als eine ganz besondere Massnahme angesehen werden. Uebrigens scheint deren Thätig keit im Sande verlaufen zu sein oder gar nicht erst begonnen zu haben, denn Keller sagt am Schluss seiner Schrift, dass man schon lange nichts mehr von der Sachverständigenkonferenz gehört habe, da seine Gegner wohl fürchteten, dass durch eine an gestcllte Untersuchung ihre eigenen betrügerischen Manipulationen an die Oeffentlichkeit kommen würden. 192 Zeitschrift für historische Waffenknnde. Ein Helm von der pannonischen Reichsgrenze. Von Professor Dr. Joseph Hampel in Budapest. J. II. Band. Der Helm besteht aus Eisen und die Aussen er Helm, dessen Chromobild hier beiliegt,1) ist Eigen tum des ung. National Museums und wurde am 25.Juni 1898 in Budapest beim Bau des Donau ufer-Pfeilcrs der neuen Kettenbrücke, welche vom Schwurplatz aus geht, in der Tiefe von 3,5 — 3,8 m gefunden. Da derselbe in eine Sand und Kiesel führende Schichte eingebettet lag, hatte sich an demselben innen und aussen viel Kies angesetzt. Die bei liegenden Abbildungen zeigen den Helm in dem jetzigen Zustande, nachdem der angerostete Kiesel, so weit als es ohne Schädigung der Plelmwand mög lich war, entfernt worden ist. *) Die photographischen Aufnahmen und chromatischen Zinkstöcke des Bildes sind von der Firma A. Weinwurm in Budapest hergestellt worden; wir verdanken die Benutzung derselben der von Herrn Prof. Hampel geleiteten Redaktion des «Arch. Ertesetö», wo der Helm von ihm zuerst besprochen wurde. Die Schriftleitung. Fig. 1. Die rechte Längsseite des pannonischen Helmes. seite ist mit einer daran fest haftenden Schichte von vergoldetem Silberblech überzogen; diese Ober f läche zeigt Relicfverzierungen; auch sitzen darauf farbige Glaspasten, welche wie Halb - Edelsteine wirken. Die Form des Helmes lässt sich etwa mit einem in der Längenachse entzwei geteilten Ei vergleichen; zu unterst ist der längere innere Durchmesser 23 cm, der kürzere 17 cm. Die Dicke der Wand ist an gut erhaltenen Stellen, wo der Rost dieselbe nicht angefressen oder zerstört hat, 5 mm. Die Aufstellung in der farbigen Abbildung ist keine genau rechtwinkelige, auch steht der Helm nicht genau in der Horizontalen, sondern die Seite links von der Mittelachse neigt etwas tiefer nach unten, als es die richtige Stellung auf dem Kopfe erforderte; auch sieht man von der Frontseite desselben auf dem Bilde etwas mehr als die Plälfte. Strenger sind die Aufnahmen orientirt, welche den Abbildungen Nr. 1—4 als Unterlage dienten. Fig. 1 zeigt die linke Längenseite des Helmes; Fig. 2 die rechtsseitige Längenseite. Fig. 3 ist die Front seite. Fig. 4 zeigt die Rückseite. Am besten ist der obere Teil des Helmes er halten, welcher auf dem Scheitel sass und den Kopf beiläufig bis zu den Augenbrauen und bis zu den Ohren bedeckte, ln der Richtung der Längenachse Fig. 2. Die linke Längsseite des pannonischen Helmes. Ein Helm von der pannonischen Reichsgrenze im Nationalmuseum zu Budapest. Dreifarbenbuchdruck von Fr. Richter, G. m.b. H., Leipzig. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. erhebt sich auf der Scheitellinie ein breiter Kamm, 193 nächst dem Kamme an der Vorderseite sitzt ein welcher die ganze Oberfläche in zwei seitliche Fel der teilt. Die untere Einrahmung der beiden Felder ist beinahe in ganzer Länge erhalten. Fig. 5 zeigt ein Stück von der rückwärtigen Seite (in aus gestreckter Ansicht), wo die Ecken beider Felder am besten erhalten sind. Der Rahmen besteht aus zwei gekerbten, parallel laufenden Leisten, zwischen welchen in Relief quer gestellte gleicharmige Kreuz chen als Füllornament sich aneinanderreihen; der Rahmen säumte die beiden Seitenfelder nicht nur Fig. 3. Der pannonische Helm, von vorn gesehen. unten ein, sondern setzte sich längs des Kammes fort. Ober dem wagrechteu Teile der beiden Rah men schliesst sich an denselben ein Reliefornarnent von kleinen Halbmonden, deren Oeffnung gegen das Feld zu gerichtet ist und über deren Enden je drei Reliefpunkte in Dreieckstellung schweben; in gleicher Weise begleitet den Rahmen, welcher neben dem Kamme aufsteigt, eine Reihe von Reliefkreisen mit Reliefpunkt darin. Die beiden so eingerahm ten Felder sind mit je zwei Reihen von gefassten Glassteinen geziert. Die farbige Tafel gewährt einen guten Anblick der acht Steine, die auf der rechten Seite sassen; die Zahl, Form und Stellung der Steine war auf der entgegengesetzten Seite dieselbe. Zu ovaler Glasstcin, welcher einen dreischichtigen Onyx nachahmt, darauf folgt in der wagrechten Reihe eine grüne, halb durchscheinende viereckige Glastafel, in der Mitte der Reihe sass ein ovaler Stein, der an beiden Seiten fehlt, der vierte in der Reihe war eine viereckige grüne Tafel und die Reihe schloss eine kleine blaue Glasscheibe, welche auf der linken Seite ausgefallen ist. Die oberen Glassteine sind in gekrümmte Linien gestellt; an den beiden äussersten Enden sitzen Fig. 4. Der pannonische Helm, von rückwärts gesehen. jederseits je zwei grüne viereckige Tafeln, daneben nach innen und in tieferer Stellung je zwei Onyx imitationen von ovaler Form — alle acht Stücke sind erhalten. Die Einfassungen sind an den viereckigen Steinen stufenartig, an den rundlichen Steinen einfach dar auf gebogen; die Einfassungsbleche selbst sind stets mit einer Reihe von erhöhten Punkten verziert. Der mässig erhöhte Kammstreifen war mit einem separaten Band aus dünnem Silberblech belegt, welches man mit Stiftchen darauf befestigte; an vier Stellen sind diese Stiftchen mit rundem Köpfchen noch an ihrer ursprünglichen Stelle erhalten. Die Silberkruste selbst ist zufolge der Rostbildung, welche 194 Zeitschrift für historische Waffenkunde. sie gehoben hatte, zum grossen Teile abgefallen II. Band. stens das Deckblatt noch an der ursprünglichen und nur an den beiden Enden, vorn und rückwärts, sowie auf der Höhe verblieben davon noch Ueber reste. Fig. 5 zeigt einen Ausschnitt der Rückseite. Hier sieht man, dass den Bandstreifen eine gekerbte Leiste einrahmte, und je eine Reihe kleiner Kreise Fig. 5. Ausschnitt von der Rückseite des pannonischen Helmes. begleitet den Rahmen von aussen, während inner halb desselben je eine Reihe von Kreisen mit mittlerem Punkte sich hinzieht. Zu unterst zierte an beiden Enden je ein viereckiger grüner Glas stein den Streifen. Neben dem Steine sass jeder seits eine Silberschnalle mit nach aufwärts gerichtetem Rahmen. Diese Schnallen, sowie die zwei Schnallen, die beiderseits in der Mitte der oberen Schmucksteine sitzen, dienten dazu, um auf dem Helm scheitel den Helmbusch mittelst Spannriemen festzuhalten. Von den beiden Riemen wurde der längere von den beiden Schnallen Fig. 6a. Glasstein von der rechten Seite des pannonischen Helmes. Stelle erhalten. Der untere Teil des Helmes ist bei weitem nicht in so gutem Zustande, als der obere; doch lässt sich trotzdem die Raumgliederung auch hier noch gut erkennen. Es liefen zwei Bänder ober ' Fig. 6. Ausschnitt von der rechten Seite des pannonischen Helmes. dem Rande herum, welche von einander durch einen leeren Raum getrennt sind; das obere Band ist breiter (2,4 cm), das untere schmäler (1,6 cm); beide Bän der sind mit gekerbtem Leistenrande eingesäumt. Am besten ist die Randverzierung auf der linken Seite in der Nähe der Frontöffnung erhalten; dieses Stück zeigt Fig. 7 in der Krümmung und verkleinert, Fig. 7. Ausschnitt von der linken Seite des pannonischen Helmes. vorn und rückwärts, der kürzere von den beiden seitlichen Schnallen festgehalten; die rückwärtige Schnalle ist noch zur Hälfte erhalten, das Deck blatt ist mittelst dreier Stifte auf die Unterlage befestigt (Fig. 5), von den seitlichen Schnallen ist die rechtsseitige (Fig. 6) beinahe noch voll ständig, von der linksseitigen (Fig. 2) ist wenig Fig. 8 hingegen in natürlicher Grösse, jedoch mit ausgestreckter Oberfläche. Den Rahmen des oberen Streifenfeldcs begleitet an der Innenseite, oben und unten je eine Punktreihe, verziert war derselbe mit frei aus der Fläche hervorstehenden Reliefen, mit kleinen eingerahmten Reliefbildern, sowie mit vier eckigen und rundlichen Glassteinen, -von welchen 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. noch drei erhalten sind. Fig. 8 gewährt einen 195 gekerbte Leiste in ein oberes schmäleres und ein klaren- Ueberblick der erhaltenen Verzierungen. Links beginnt im schmalen Raume ober der linken Augenbrauenrundung ein oblonges Reliefbildchen in gekerbtem Leistenrahmen, welches eine nach links eilende Victoria darstellt; in der erhobenen Rechten hält sie den Kranz, während die Linke den Palmenzweig fasst. Der Rahmen ist an der linken Seite von einem Dreieck flankiert, welches aus Reliefpunkten besteht; offenbar sollte daselbst das dreieckige Feld einigermassen belebt werden. Daneben steht ein viereckiger Glasstein und etwa 14 cm weiter folgte wieder ein Glasstein, dieses Mal von ovaler Form; rechts und links von demselben sah man das Relief je eines dem Steine zugekehrten schreiten den Löwen, der Löwe links ist ziemlich gut erhalten, doch von dem rechtsseitigen ist nur ein Stück der einen hinteren Pfote und die Schweifspitze geblieben. Neben der Einfassung des Steines wiederholte sich beiderseits das punktierte Dreieck. Wieder auf 14 cm Distanz folgte eine Onyximitation in Scheibenform, mit gekerbter Einfassung. Daneben stehen drei oblonge, eingerahmte Reliefbildchen von ungleicher Grösse. Von dem ersten ist nur mehr ein Teil des Rahmens zu sehen. Das zweite stellt eine schreitende Victoria, dieses Mal von vorn gesehen, dar, sie hält beide Hände empor, in der rechten ist ein Kranz; es bleibt unentschieden, ob auch die linke einen Kranz hielt. In einem kleineren Rahmen sitzt Jupiter nach links, in der ausgestreckten Rechten hält er vermutlich die Weltkugel, mit der emporgerichteten Linken fasst er das auf dem Boden stehende Szep ter. Hier ist der obere Streifen abgebrochen. Auf der linken Seite des Helmes haben sich in dem selben Streifen, dem Augenausschnitt zunächst und in der rückwärtigen Halsgegend je ein Bildchen er halten (Fig. 8 a und b). Das eine (a) stellt eine nach rechts schreitende Victoria dar und dieses Bild ent sprach dem schon beschriebenen auf der entgegen gesetzten Seite; rückwärts steht in freiem Felde eine doppelhenkelige Vase (b), deren Fuss fehlt. Der untere Streifen wird durch eine mittlere unteres etwas breiteres Feld geteilt. Das obere ziert eine Reihe von quergestellten Reliefkreuzchcn. Sehr zu bedauern ist die schlechte Erhaltung des unteren Feldes, weil daselbst eine Inschrift in Re lief stand, von der jetzt nur mehr zwei Buchstaben zu erkennen sind. Im ganzen mögen auf dieser Seite (Fig. 8), soweit die Kontinuität des Silber streifens reicht, 14—15 Buchstaben solcher Grösse gestanden haben, wie die vorhandenen, vorausgesetzt, dass die Buchstaben in gleichen Abständen auf ein ander folgten. Bei dieser Annahme war R, einer der vorhandenen Buchstaben, der sechste in dfer Reihe von der Augenöffnung gerechnet, während das ebenfalls noch leserliche M, etwa der drei zehnte Buchstabe derselben Reihe war. Beide sind römische Kapitälbuchstaben von guter Form. Der untere Randstreifen lief wagerecht um den Helmesrand herum und wurde jederseits nur in den beiden Schläfengegenden unterbrochen; daselbst er hob sich der Rand jederseits mit aufsteigender Krümmung bis zur Nasenwurzel und entsendete von da aus aller Wahrscheinlichkeit nach zum Schutz des Nasenrückens ein schmales Blatt, welches eben sowenig vorhanden ist, wie der grössere Teil des Augenrandes. Längs des noch vorhandenen Randes ziehen zwei parallele Streifen empor, welche mit ge kerbten Leisten eingerahmt sind und im Felde je einer Reihe von Reliefpunkten Raum gewähren. Den Helm ergänzten beiderseits Backenklappen. Ein grosses Stück der rechten Backenklappe ist er halten. Als man den Helm fand, war dasselbe an die innere Seite des Helmes angerostet gewesen, doch könnte man ein grösseres Stück davon mit grosser Mühe lostrennen. Die zwei Fragmente zeigt unsere Fig. 1 beiläufig in der Stellung, die sie ur sprünglich einnahmen; nur müssen wir uns an den oberen Rand derselben Charniere oder Riemen und Schnallen hinzudenken, welche die Klappe an dem Helmrand festhielten, so dass der Klappenrand dem Helmrande näher stand, als die Lage der Abbildung zeigt. Während der obere Rand und teilweise auch 196 Zeitschrift für historische Waffenkande. die Seitenränder die einstige Form der Klappe II. Band. in der Mitte der Oberfläche (Fig. 1); es ist wieder deutlich zeigten, kann man von dem unteren Ende nur mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen, dass dieselbe gegen das Kinn hin schmäler wurde; da Fig. 9. Abschnitt von der Fig. 10. Eckstück von der rechten Backenklappe. rechten Backenklappe. selbst näherten sich die beiden Klappenenden ein ander und wurden offenbar durch einen Riemen und eine Schnalle oder in anderer Weise so fest mit ein ander verbunden, dass sich beide Klappen, welche man sich mit Leder unterlegt zu denken hat, an das Antlitz anschmiegten. Ebenso pflegte man die innere Fläche des Helmes mit Leder zu füttern. Auch von der zweiten Klappe hat sich ein ziem lich grosses Stück erhalten (Fig. 2); es hatte sich unter die Helmwand geschoben ünd der Rost mit Kiessand und Kieselsteinen hat die Klappe mit der Wand zu einem schier untrennbaren Konglomerat verbunden, in welchem vermutlich auch noch andere Fragmente, von der Kiesschichte bedeckt, sitzen mögen. Beide Klappen sind aus starkem Eisenblech und an der Aussenseite mit vergoldetem dünnen Fig. 11. Die Breitseite des Helmes vom Pferrsee im Germanischen Mnseum (Nürnberg). Silberüberzug bedeckt. Sowohl die Reliefornamente am Rande, als auch die Glassteine sind in Ueber einstimmung mit der Zier am Plelme. Fig. 9 und 10, zeigen die beiden Ecken der besser er haltenen Klappe; der grösste Glasstein sitzt beiläufig die Nachahmung eines Onyx von drei Schichten, ausserdem ziert den schmalen Winkel eine grüne Glastafel, und in dem rechten Winkel sitzt eine kleine Glasscheibe mit drei Lagen und in der näm lichen Fassung, wie die gleichen Steine am Helme. In seinem ursprünglichen Zustande machte der von Gold und farbigen Glassteinen erglänzende Helm mit dem wallenden Federbusch auf dem Haupte eines Kriegers gewiss einen prächtigen Eindruck. Der jetzige Zustand giebt davon nur einen annähern den Begriff; denn das Gold ist verblasst, der Rost hat an vielen Stellen die vergoldete Silberkruste zerstört, die bunten Gläser sind zum grossen Teile blind geworden, und von den vielen zarten Reliefs, welche als Fries den Helmrand zierten, sind viele ruiniert oder mit dem eisernen Untergründe zusammen verschwunden. Fig. 12. Die Schmalseite des Helmes vom Pferrsee im Germanischen Museum (Nürnberg). Doch legen die noch vorhandenen genügendes Zeugnis ab dafür, was auch die noch vorhandenen lateinischen Buchstaben bekräftigen, dass wir es hier mit einem Helme römischer Zeit zu thun haben, welcher für die Zeitstellung ähnlicher, anderwärts vorhandener Helme massgebend ist. II. Zwei ähnliche Helme wurden einige Jahre vor dem Auftauchen des Budapester Helmes im Pferrsee bei Augsburg auf einstigem römischen Grenzgebiete im Jahre 1896 gefunden. Wir be sitzen durch die Güte der Firma J. Rosenbaum in Frankfurt a. M. Photographien der Plelme, welche zuerst in den Besitz dieser bekannten Firma ge langten. Nach diesen Aufnahmen wurden die Kontur zeichnungen, Fig. 11—14, welche wir hier beifügen, hergestellt. Dieselben geben einen annähernden Begriff von dem besser erhaltenen Exemplar, das zur Zeit eine Zierde des Nürnberger Germanischen Museums ist. Fig. 11 zeigt die eine Längsseite, Fig. 12 die eine Schmalseite; Fig. 13 die eine Backenklappe und Fig. 14 das Fragment, welches vom Nasen 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. dcckel erhalten ist. Ohne der Monographie vorzu 197 Als vierten Helm in der Reihe erwähnen wir greifen, welche das Germanische Museum über den interessanten Helm vorbereitet, wollen wir nur auf Fig. 13. Backenklappe des Helmes vom Pferrsee. Fig. 14. Nasenlappen des Helmes v. Pferrsee. einige Charakterzüge hinweisen, wodurch sich diese Helme an den Budapester Helm auf das Innigste anschliessen. Vor allem sind die Helme aus dem Pferrsee vqn Eisen und mit Silber über zogen , wenn auch dieses Mal die Ver goldung fehlt; auch fehlen Glassteine und f igurale Verzierungen, doch auch hier ist die Silberkruste mitRelief ornamenten geziert. Ausser der Technik stimmt die Form und Ausrüstung überein; nur ist die Wölbung dieses Mal etwas f lacher, dagegen der Kamm etwas kräftiger und schmäler. Soweit nach den Photogra phien zu urteilen ist, fehlt an dem Kamme jede Vorrichtung, um festigen. einen Busch darauf zu be Die Ornamentik ist wohl einfacher, doch ist die Verteilung der Ornamentstreifen neben dem Kamme, sowie an dem unteren Saume die gleiche. Die gekerbten Leisten, sowie die Reliefkreise mit centralen Reliefpunkten kehren wieder; andere Zier motive fehlen wohl, doch tritt ein neues Motiv hin zu, die gereihte S form in stehender Stellung und dieselbe Form auf der Klappe (Fig. 13) in liegen der Stellung. Endlich stimmt an allen dreien die Verwendung von Stiftchen überein, deren halbkugel förmige Köpfchen als Ziermotive mit verwendet wurden. Wie man sieht, ist alles an den Helmen von Pferr see einfacher, aber in der Hauptsache sind alle drei Stücke als eng verwandte Analogien zu betrachten. einen interessanten Helm in der Eremitage in St. Petersburg, dessen Abbildung bereits seit dem Jahre 1859 bekannt ist und welche wir hier (Fig. 15) nach den Antiquites du Bosphore cimmericn (XXVIII.Tafel) wiederholen. Der Abbildung ist eine ziemlich genaue Be schreibung beigeschlossen und es lohnt sich, dieselbe hier einzuschalten, da das zitierte Werk nicht über all zugänglich ist. PI. XXVIII. Armes 5. Larg. o ™ 258. Casque en fer avec ornements en argent. Ce casque est indique en termes vagues par Dubrux parmi les objets decouverts ä Koul Oba (p. XXI). Sa forme tout ä fait insolite dans l’antiquitd, ne se retrouve guerc que dans certains cas ques du moyen äge; il peut donc y avoir erreur sur la provenanc.e. La callotte est formee de six cötes (quatre grandes et deux petites) en fer plaque d'argent, avec ornements graves et dores. Ces cötes sont reunies par des clous d’argent rives. La piece qui forme la crete se compose de deux feuilles d'argent avec ornements dores, recouverts sur la legue de jonction d’une bande d’argent formant ourlet, maintenue par des pattes rivees de chaque cöte de la crete. Le bord in ferieur formant la pourtour de l’ouver ture du casque est en argent avec ornements repousses et dores; il est fragmente sur le devant de maniere qu’au ne peut deter miner, si un gardevue y etait adapte. S. Reinach liess in seiner bekannten Bibliotheque des mo numents figures grecs et romains diese Be schreibung unverän dert Abdrucken und schloss nur eine Be rufung auf S. 14 von Benndorfs Antike Ge sichtshelme bei. Auf der erwähnten Tafel XXVIII ist unter b die Backenklappe eines Helmes abgebildet, deren Abbildung wir hier gleichfalls wiederholen (Fig. 16). Es scheint wünschenswert, auch die Beschreibung und alles, was die Autoren des erwähnten Wer kes über diese Backen klappe sagen, hier wortgetreu ebenfalls wiederzugeben. PI. XXVIII. b. Cette piece a sa correspon dante moins bien con servee. Toutes les deux sont en argent, Sans Fig. 16. Wangenklappe des Helmes in der Eremitage in St. Petersburg. 26* 198 Zeitschrift für historische Waffenkunde. addition de fer; il semble qu’elles formaient des gardes II. Band derjenigen des Budapester Helmes sehr nahe kommt. joue tres developpes, car on distingue du cante droit du bord du casque les restes de la charniere en fer, ä clous en argent rives, ä laquelle devaient etre sus prenant les gardes-jou; on reconnait au bord superieur de la piece la place de la charniere et un petit frag ment de son attache; il existe en outre, des deux cötes de la partie posterieure du bord du casque des restes oxydes de boucles en fer qui devaient etre articulees (cf. Musee de Tsarkoe Selo pl.LXXXIII. 1. Casque oriental). Des fragments en argent, ayant evidemment appartenu au meme objet et d’autres fragments en tres petit nombre, dont une boucle en argent munie de son ardillon ayant probablement servi ä attacher une courroie, font supposer qu'ä ce casque etait jointe quelque autre piece d’armure Dubois, dans sa relation de l’exploration de Koul-Oba (A. V. p. 2x4) parle du corps du serviteur du roi et de ses armes en argent deposees avec les ossements de cheval dans l’enfoncement du caveau. On ne sait oü il a puise ces renseignements. Ohne weiter auf jene Teile des zitierten Textes einzugehen, welche sich mit dem Ursprung der bei den abgebildeten Stücke und der übrigen noch er wähnten kleineren Fragmente befassen, genügt es für unsere Zwecke, zu konstatieren, dass alle er wähnten Teile zu einem und demselben Helme ge hören. Für die abgebildeten Stücke bezeugt dies die Aehnlichkeit des Materials, der Technik und der Ornamente, und was die kleineren Fragmente be trifft, so ist das Vorhandensein des Nasenbleches und von Riemenschnallen durch die vorhergehenden Analogien bezeugt. Was die Form des südrussi schen Helmes betrifft, so ist dieselbe mehr kegel förmig, als es die Helme von Budapest oder vom Pferrsee sind, auch in der Gliederung der Oberfläche ist ein Unterschied wahrnehmbar, doch sind dieses verhältnismässig geringfügige Abweichungen, und Stoff, Technik, sowie die Ornamentik lassen wieder keinen Zweifel aufsteigen über den engsten stilisti schen Zusammenhang des Bosporaner Helmes mit den schon erwähnten drei anderen Helmen. Wegen der Einfachheit der Ornamentik schliesst sich der selbe näher den Helmen vom Pferrsee an, doch tritt hier als neues Motiv die doppelte einander querende Zickzacklinie auf; andererseits ist der Helm gleich wie dasBudapesterExemplar vergoldet, und darin über trifft derselbe die einfacherenSilberhelme vom Pferrsee. Noch einen fünften Helm kennen wir, welcher der angeführten Reihe anzuschliessen ist: auch einer der beiden Helme von Thorsbjerg im Kieler Museum gehört hierher. Es ist zwar auch jetzt noch Sitte, die beiden wohlbekannten Helme in der unnatür lichen Verbindung zur Darstellung zu bringen, in welche sie seiner Zeit der Restaurateur gebracht, auch in der nordischen Altertumskunde (Bd. II 1. H.) von S. Müller ist die Gesichtsmaske eines römischen Helmes noch mit dem Stücke verbunden, welches Müller «Nackenstück» nennt; doch kann wohl kein Zweifel mehr darüber bestehen, dass dieses «Nacken stück» selbst ein Helm für sich ist,1) dessen Form ') Vgl. Benndorf, «Antike Gesichtshelme», Wien 1878, XV. Taf. 3, a—b, die auf den Helm bezügliche frühere Litte Allerdings ist zwischen den beiden Helmen ein wesentlicher Unterschied vorhanden. Dem Thors bjerger Stücke fehlt die Leder- oder Fellmütze, über welcher das Netz silberner Bänder gespannt war, das erhalten blieb. Von diesen Bändern oder Spangen zieht eine die Scheitellinie entlang und eine andere sitzt quer über der kürzeren Achse; andere Bänder beugen sich schräg über die Zwischenräume und ergeben zusammen eine ovale Gesamtform. Die Enden sämtlicher Bänder stehen auf dem wagerecht zu denkenden, diademartigen Reifen, welcher den unteren Helmrand vertritt. So wohl der untere Reif, als sämtliche Spangen sind mit Reliefornamenten verziert und vergoldet. Die Ornamente auf den Bändern sind kugelsegmentartige Erhöhungen, und auf dem unteren Reif, welchen fünf parallel laufende gekerbte Leisten in vier Zonen teilten, gleichen die aneinander gereihten Motive dem fallenden Tropfen. Aehnlichkeit der Form, Technik und der Orna mente bilden auch im vorliegenden Falle die sichere Grundlage, auf welche gestützt auch dieser Helm den früher genannten angeschlossen werden muss. Auf der Suche nach Analogien zu dem der pannonischen Donau entstiegenen Helm geben wir uns vor der Hand damit zufrieden, im ganzen eine Serie fünf ähnlicher Stücke zusammengestellt zu haben; einige Andeutungen in der Litteratur lassen hoffen, dass damit die Anzahl der Analogien noch nicht erschöpft ist; nur sind die Abbildungen oder Beschreibungen hier übergangener Stücke nicht ge nügend, um als Basis zu einer sicheren Vergleichung dienen zu können. III. Für die chronologische Feststellung bietet die beschriebene Serie im allgemeinen genügende Anhaltspunkte. Für den Thorsbjerger Helm hatte man seit langem ein gesichertes Datum, welches man demselben auf Grund der begleitenden Alter tümer zuschrieb; dieselben deuteten auf das IV. bis V. Jahrhundert p. Chr. Von dem Bosporaner Helm wusste man zwar nicht genau, ob derselbe denselben Jahrhunderten angehöre, wie die Grabstätte von Koul-Oba, doch nahm man an, dass der Helm aus dem Altertum stamme, wenngleich derselbe in der Form nicht mit den gleichzeitigen antiken Helmen übereinstimmt. Ganz und gar ohne Orientierung war man bezüglich der Helme vom Pferrsee, solange man nur diese allein und für sich betrachtete; denn weder boten sie selbst, noch irgend welche sie begleitende Fundstücke eine Handhabe zu ihrer Datierung. So sehr war man im Unklaren über ihre wirkliche Ent stehungszeit, dass sie beispielsweise dem ungarischen Nationalmuseum als «Helme der ungarischen Heiden zeit» angeboten wurden, weil man annahm, dass ratur ebendort, S. 12, ferner Müller, «Ordning af Danmarks oidsager II. Jernalderen», Taf. XXIII, N. 344. Allerdings ist es ein Miniaturhelm. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. dieselben ungarischen Kämpfern angehörten, welche 199 Pflanzenornamente, ferner geometrische Muster her im Jahre 955 in der bekannten Schlacht auf dem Lechfelde gefallen waren. Mit dem Erscheinen des jüngst gefundenen pannonischen Helmes wich jeder Zweifel. Die römische Inschrift, die Victorien und die sitzende Jupitergestalt, sowie auch die Edelstein imitationen zeigen deutlich, dass dieser, sowie die verwandten Elelme Produkte der römischen Kaiserzeit sind. Wie sich jedoch die einzelnen Glieder der Reihe in zeitlicher Folge zu einander verhalten, darüber ist wohl noch kein abschliessendes Urteil möglich. Zwischen dem pannonischen Helme und dem Thorsbjerger dürfte wohl der Zeitraum wenigstens eines Jahrhunderts liegen; denn, wenn wir für die Datierung den Stil und die Ausführung der kleinen f iguralen Reliefs benützen' und dabei die Münzfolge der römischen Imperatoren zum Vergleiche heran ziehen, deren Reversbilder denkleinen Reliefs als Vor bilder gedient haben mögen, so müssen wir über das IV. Jahrhundert hinauf gehen, während man für den Thorsbjerger Helm das IV. oder V. Jahrhundert als Entstehungszeit angenommen hat. Vermutlich stehen die Pferrseer Helme zwischen diesen beiden Alters grenzen; doch lässt sich darüber ebenso wenig bereits etwas Sicheres sagen, als über die nähere Alters bestimmung des Bosporaner Helmes. Dieser hat ausserdem die Eigentümlichkeit, dass er mit seiner beinahe spitz aufsteigenden Form den Uebergang zu der Gruppe konischer Helme »bildet, welche man mit dem Namen «sarmatische Helme» bezeichnete, besonders deshalb, weil auf der Trajanussäule die Sarmaten konische Helme tragen; doch tragen auf der Marcussäule manchmal auch andere barbarische Hülfsvölker solche Helme und vielleicht bezieht der Künstler, welcher die Trophäen an der Basis der Trajanussäule darstellte, diese konischen Helme nicht nur auf die Sarmaten. Benndorf1) weist in den Fresken aus Gräbern der krimschen Halbinsel Reiter mit konischen Helmen nach; doch zeigt Benndorf zugleich, dass der Gebrauch konischer Helme auch durch Vasenbilder aus vorchristlicher Zeit zu be legen ist. Andererseits reicht die Form im Westen bis in das Mittelalter hinein, da auch die Nor mannen, welche im X. Jahrhundert England erober ten, spitz zulaufende konische Eisenhelme trugen. Unlängst hat in dieser Zeitschrift Lenz einen interessanten konischen Helm zur Darstellung ge bracht,2) welcher bis dahin nur durch eine un vollkommenere Abbildung bei Lindenschmit be kannt war. Derselbe scheint dem frühen Mittel alter anzugehören und wir heben denselben deshalb hervor, weil die Ornamente darauf und auch die Technik daran lebhaft an unseren pannonischen Helm erinnern. Der untere wagerechte Umkreis ist nämlich mit vergoldetem Silberblech belegt und darauf sind menschliche Formen, Tiere, sowie *) Benndorf, «Antike Gesichtshelme», Wien 1878, 14 S. 2) «Zeitschrift für hist. Waffenkunde», If. Bd. 103 —108. ausgetrieben. Es erscheinen unter anderem zwei einander entgegengesteilte Löwengestalten, die trotz ihrer mehr barbarischen Ausführung den beiden Löwen an dem Budapester Helme (vgl. Fig. 8) nahe stehen, und schon diese Verwandtschaft ver rät uns die Nachwirkung klassischer Motive, ob gleich den Petersburger Helm gewiss bereits mehrere Jahrhunderte von dem Ausgange des Altertums trennen. Nur nebenbei sei bemerkt, dass die konische Helmform im Osten auf uralte Zeiten zurückgeht und bei mittelasiatischen Völkern bis in die neuere Zeit typisch geblieben ist. Alle diese Bemerkungen sollen nur dazu dienen, anzudeuten, dass der bosporanische Helm wohl innerhalb der hier besprochenen Serie seine Stelle f indet, doch vermöge seiner mehr konischen Form als Verbindungsglied zu einem weit verbreiteten Helmtypus betrachtet werden kann, dessen mono graphische Behandlung noch aussteht.1) IV. Zu der geschlossenen Reihe von Helmen zurückkehrend, welche wir hier speziell im Auge haben, möchten wir nunmehr auf den Umstand Ge wicht legen, dass sie alle an der äussersten europäi schen Peripherie des römischen Reiches zu tage traten, oder, wie der dänische und südrussische, ausserhalb des Imperiums gefunden wurden. Ferner ist zu betonen, dass bis jetzt in den Centralgegen den des römischen Reiches Helme dieser Art weder in Originalen Vorkommen, noch in Darstellungen antiker Helme, die wir in reichlicher Anzahl kennen, erscheinen.2) Man kann deshalb mit Recht annehmen, dass der Typus kein streng klassischer ist; wenngleich ohne Zweifel Reminiszenzen an griechische und römi sche Helme zu erkennen sind. Von den römischen Formen trennt sie zunächst das Blech zum Schutze der Na*se, auch finden wir an römischen Helmen der Kaiserzeit nicht die Superciliarbögen an der Vorderseite angedeutet. Beide Eigentüm lichkeiten erinnern vielmehr an griechische Vorlagen, besonders des korinthischen und demselben ver wandter Typen. Andererseits weichen sie aber von der griechischen Form darin ab, dass die Backen klappen mit der Helmwand nicht aus einem Stücke angefertigt sind, sondern wie an römischen Helmen aus separaten Stücken gearbeitet und mittelst Char nieren oder Riemen lose an den Rand des Helmes angefügt wurden. Wenn diese Erscheinungen nicht Zufälle sind, so wird man sie wohl am besten so *) Vgl. darüber Lenz, «Zeitschr. f. hist. Waffenkunde» II, S. 105, 3. Anmerkung.-) Eine gute Uebersicht über antike Helmformen giebt S. Reinach in Daremberg et Saglio’s Dictionnaire des Anti quites etc. 1895 unter «Galea»; doch ist die daselbst ge gebene Uebersicht noch weit davon, vollständig zu sein, so blieben z. B. die interessante Reihe von Helmdarstellungen an Reliefs im Turiner Museum unerwähnt. Lipperheide’s Band über antike Helme war mir leider noch nicht zugänglich. 200 Zeitschrift für historische Waffenfcunde. erklären können, dass der Typus zuerst unter grie II. Band. nicht mehr klassisch, doch auch nicht ganz barba chischem, später unter römischem Einflüsse stand; dass aber die Grundform selbst eine barbarische war. Diese Annahme wird jedoch erst dann als sichergestellt zu betrachten sein, wenn es gelungen ist, die Grundform in dem Verbreitungsgebiet des Latenestiles, eventuell noch weiter hinauf, bis zu den Zeiten des Hallstattstiles zu verfolgen. Es ist hier nicht der Ort, das Material, welches eine solche Untersuchung erfordert, aus allen Ecken und Enden zusammenzutrag'en. Wir müssen uns damit be gnügen, das «Barbarische» an den Helmen unserer Serie in betreff der Technik und einiger Ornamente kurz anzudeuten. Im allgemeinen ist es ja bereits wohlbekannt, dass die Treib- und Punziertechnik zu den charakteristi schen, sehr hoch entwickelten und sehr beliebten Metallbetrieben der vorrömischen Metallzeit in Mittel europa gehören. Die barbarischen Metallarbeiter der Spät-Latenezeit hatten es speziell in der Inkrustation von Eisen mit feinem Bronzeblech, oder von Eisen und Bronze mit Blech aus Edelmetall zu hoher Fertigkeit gebracht. Barbarische Arbeiten sol cher Art sind in den Museen Mittel und Nord europas noch ziemlich reichlich vor handen und sie mehren sich, je näher wir der römi schen Kaiser zeit kommen, was wohl dar auf schliessen lässt, dass der Export von römischer Fig. 17. risch genannt werden kann. Am stärksten erhält sich Barbarisches in geometrischen Motiven, welche in langen Reihen die Helme zieren; der Kreis mit dem Punkte darin (Fig. 5, 11 und 12) ist seit ur vordenklichen Zeiten ein beliebtes Motiv bei den Barbarefi. Von den Kreuzein und Halbmonden (Fig. 5 —10) kann behauptet werden, dass es keine in der klassischen Kunst ausschliesslich benützten Formen sind, dasselbe gilt von den einander queren den Zickzacklinien (Fig. 15 und 16). Für das Ur alte, noch aus der Hallstattzeit stam mende Motiv der aneinander ge reihten S-Formcn (Fig. 11 —13) hat erst unlängst wieder das Grabfcld von Idria ein Beispiel geliefert,1) und das Motiv des fallenden Tropfens auf dem Thorsbjerger Helme ist auch eine beliebte Form der barbarischen Kunst. Wie wir sehen, treten auf unse rem pannonischen Helme klassische Einwirkungen am entschiedensten auf. Der untere Streifen mit figuralen Darstellungen bringt rein römische Typen zur Geltung; doch verrät sich in der Art der Aufreihung dieser Friesbilder und auch in der ver schiedenen Grösse derselben etwas weniger ge bildeter Ge schmack; • ferner verrät es barbari schen Ge schmack, die Oberfläche der Helm haube sowie der Backen klappen mit Glassteinen zu zieren. Wir Umbo von Herpäly (Ungarn) im ungarischen National-Museum. Metallware in barbarisches Gebiet, die schon seit Jahrhunderten vor kennen nur einen römi schen Helm, einen eisernen Helm von Idria, an dem handeneWerkthätigkeit der Barbaren nicht untergrub, sondern vielmehr stimulierte. Ueberall in Europa, wo Römer sich niederliessen, fanden sie diese lokalen Fertigkeiten vor. Damit sei nicht gesagt, dass die Barbaren von den römischen Handwerkern nichts zu lernen hatten. Die Barbaren befreundeten sich, wie es die Monumente bezeugen, mit klassischem Ge schmack, sie lernten, tektonische Gliederung, Formen, und übernahmen auch Figurales, manche Tier- und Pflanzenornamente in die Reihe ihrer von Alters her gewohnten Ornamente auf und es entstand in der Epoche der römischen Kaiserzeit in den Provinzen und ausserhalb derselben ein Mischstil, welcher etwas Aehnliches vorkommt.2) An demselben sassen nämlich auf beiden Backenklappen je drei rote ge wölbte Scheiben von rotem «Blutemaii», das man zur Zeit des Latenestiles in allen von Kelten be wohnten Gegenden liebte. Werke des römisch-barbarischen Mischstilcs, speziell Arbeiten von Bronze oder Eisen mit Silber inkrustation und gepunzten oder getriebenen Orna menten darauf, mit oder ohne Vergoldung sind im ’) J. Szombathy, Das Grabield von Idria, Mittig, der prähist. Kom. der k. k. Akad. d. Wiss., Wien 1907, S. 296, Fig. 12. 2) Szombathy, 1. c. S. 338, Fig. 179. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Westen und Nordwesten Europas, sowie gegen Osten 201 Grenzländern während der späteren Jahrhunderte hin bis zum Schwarzen Meere aus der römischen Kaiserzeit ziemlich häufig. Hier möge es genügen, auf zwei interessante ungarische Funde des III. bis IV. Jahrhunderts hinzuweisen, welche auf barbari schem Gebiete gefunden und seit langem bekannt sind; wir meinen den Schildbuckel von Herpaly, und den zweiten Grabfund von Osztropataka; letzte rer ist durch eine Münze der Herennia Etruscilla (III. Jahrhundert) genauer datiert.1) Da der Schildbuckel von Herpaly zu den besten Beispielen des barbarisch-römischen Mischstiles zu zählen ist und da derselbe auch zu kriegerischer Aus rüstung gehörte, scheint es wohl motiviert, dessen Abbildung in dieser Zeitschrift zu wiederholen (Fig. 17). Sowohl die Grillusfiguren, als die Tiergestalten daran sind antiken Vorbildern entnommen; doch in den einfachen Saumverzierungen kommen, wie an den Helmen unserer Serie, unklassische Motive zur Ver wendung und es ist interessant, zu beobachten, dass auch hier das schon an dem Thorsbjerger Helme beobachtete Motiv des «fallenden Tropfens» sich wiederholt. Das Studium dieser Denkmäler trägt manches bei zur Kenntnis des Geschmacks in den römischen *) Zuletzt erschienen Beschreibung und Abbildungen davon im Arch. Ert. 1894; XIV. Bd. S. 395—404 mit Text von S. Reinach. Der Schildbuckel ist aus Bronze und mit vergoldetem Silberblech überzogen. des Reiches. Ganz speziell der pannonische Hehn, gleichwie der Umbo aus dem Barbaricum sind zu treffende Beispiele dafür, wie in den römischen Waffenfabriken dieser Grenzländer gearbeitet wurde. Barbarische Metallarbeiter sind gewiss auch von Amts wegen hochgeschätzt worden und die Bezeich nung «barbaricarii»/) welche in der Notitia dignita tum von Metallarbeitern in staatlichen Waffenfabriken gebraucht wird, hat sich thatsächlich auf Bar baren bezogen, die sich in gewissen Zweigen der Metalltechnik, speziell in der Inkrustation besonders auszeichneten, und der Budapester Helm ist eine vor treffliche Illustration zu dem oft zitierten Passus des Codex theodosianus (X, 22, 1), welcher von dem Verzieren der Helme mit Gold und Silber spricht. Diese Spezialisten hiessen «barbaricarii sive argen tarii», weil Sie die Waffen mit Silber belegten (ar gento tegere). So hätte man auch für das oft erwähnte «opus barbaricum» die entsprechende Er klärung gefunden; es bezieht sich auf solche Erzeug nisse, wie wir sie in dieser Arbeit behandelten, nicht aber auf das Damaszieren, wie noch Marquardt annahm. ’) Vgl. die Zusammenstellungen und Erklärungen bei Marquardt-Mau, Das Privatleben der Römer, II. Bd. 1886. S. 541 u. ff., sowie S. 653. — Bllimner-Termin u. Techniologie der Gr. u. Römer, 1887. IV. S. 319. — Zuletzt Seeek, «Bar baricarii» in Pauly, Wissowa’s Realencycl. 1896, II. Bd. S. 2856. Studienmaterial zur Geschichte der Mittelalterwaffen. Von Dr. R. Forrer- Strassburg. ine bekannte Sache, dass Kostüme und Waffen sehr wichtige Alterskennzeichen zur Datierung alter Pergamentminia turen, Manuskripte, Gemälde, Fresken u. dergl. m. abgeben. Ebenso bekannt ist aber auch, dass eben derlei Denkmäler, seien sie aus Stein, Holz, Pergament oder Papier, für die Waffenkunde selbst oft unschätzbar wichtig sind, denn sie ergänzen die vielfach nur noch frag mentarisch erhaltenen Originale — in manchen Fällen sind wir sogar ganz auf jene bildlichen Dar stellungen angewiesen, d. h. fehlen Originale gänz lich und geben uns einzig und allein jene Denkmäler Aufschluss über Form und Handhabung gewisser Waffen. Was bleibt uns zum Beispiel an thatsäch lich en Kenntnissen über die Form der karolingischen Helme übrig, wenn wir von dem absehen, was wir in dieser Plinsicht aus den alten Miniaturen lernen können? Was wüssten wir, um eine näher gelegene Zeit heranzuzieheo, über die Handhabung der ersten Feuerwaffen und die Art und Weise ihrer Aufstellung vor dem Feinde, wenn nicht alte Miniaturen und Handzeichnungen uns zahlreiche Abbildungen ge schäfteter Feuerrohre,- Darstellungen der Geschütz schutzwände u. s. w. erhalten hätten. Ist nun der Wert der alten Miniaturen etc. für die Waffenkunde ein unbestrittener, so muss doch konstatiert werden, dass immer noch nicht unter diesem Gesichtspunkte an eine Sammlung solcher Dokumente gedacht worden ist. Die Waffenwerke ziehen die Miniaturen 202 Zeitschrift für historische Waffenkunde. nur als Notbehelf heran, und wer sich mit ernsten II. Band. Dass, wie überall, so auch hier, kritische Aus Waffenstudien beschäftigt, muss notgedrungen zu einer Unzahl anderer Publikationen greifen, wenn er ein grösseres Vergieichsmaterial aus ein- und derselben Zeit haben will. Manches findet man in Kostümgeschichtswerken, aber in diesen ist im all gemeinen der Waffenkunde ein beschränkter Raum zugewiesen und leider geben zahlreiche Kostüm werke nicht die alten Kostümquellen im Faksimile, sondern in modernisierter Ueberarbeitung, was zwar oft recht schön aussieht, aber kritischen Studien einen Riegel vorschiebt. So ist es bei vergleichenden waffengeschichtlichen Studien nur in den seltensten Fällen möglich, Waffenwerke und Kostümgeschichts werke allein zur Hilfe zu ziehen — man muss noch eine Unmenge anderer Publikationen durchblättern, Werke, welche alte Grabdenkmale wiedergeben, Bücher, welche mittelalterliche Miniaturen reprodu zieren, Schriften, welche alte Siegel, Bracteaten, alte Wappen u. s. w. veröffentlichen. Da scheint es mir an der Zeit, dass die «Zeitschrift für historische Waffenkunde» auch dem gerügten Mangel allmählich abhilft, indem sie immer mehr zu einem Archiv sich ausgestaltet, in welchem alle waffen geschichtlich merkwürdigen oder lehrreichen Bildwerke, seien sie in Stein, Holz oder Per gament etc., genau faksimiliert wie'derge geben werden. Prächtige Anfänge sind in dieser Richtung ja bereits gemacht; ich erinnere nur an die vielen so überaus instruktiven Faksimiles alter Handzeichnungen in den wertvollen Aufsätzen unseres Mitgliedes P. Sixl. Aber, was ich erstreben resp. vorschlagen möchte, geht weiter: Dergleichen Mate rial soll in dieser Zeitschrift gesammelt werden auch wenn es gar nicht gerade den einen oder den andern Aufsatz zu illustrieren bestimmt ist. So soll es nicht dem Moment dienen, son dern der zukünftigen Forschung die Wege ebnen! In diesem Sinne gebe ich von nun an eine Folge von Beiträgen, welche Denkmäler der oben angedeuteten Art veranschaulichen, teils bisher ganz unbekannte, unedierte, teils auch solche, welche in wenig bekannten und wenig verbreiteten Publi kationen unter anderen Gesichtspunkten veröffent licht worden sind, aber auch hier unser Interesse beanspruchen. Vielleicht folgen Kollegen von der Waffenkunde meinem Beispiel und stellen in ähnlich gedrungener Behandlung (genaue Faksimilierung mit kurzem Text, der die nötigsten Daten giebt) das ihrerseits gesammelte Studienmaterial der Redaktion dieser Zeitschrift zur Verfügung.1) l) Die Schriftleitung braucht wohl kaum zu versichern, wie sympathisch ihr der Vorschlag des Herrn Verfassers ist. Möge der dankenswerteii Anregung eifrig Folge gegeben werden! Gleichzeitig möchte sie darauf hinweisen, dass von ihr — ob im Zusammenhang mit der Zeitschrift oder nicht, lässt sich noch nicht sagen — ein Atlas des mittelalterlichen Waffenwesens geplant ist, dessen Grundgedanke sich mit dem berührt, was Herr Dr. Forrer hier ausftihrt. wahl zu treffen ist, ist klar, denn ob Kupferstich, ob Miniatur oder ein anderes Denkmal, stets muss man sich die Frage vorlegen, wie weit die Dar stellung auf der einstigen Wirklichkeit basirt und wie weit eventuell der Autor dabei seiner Fantasie die Zügel hat schiessen lassen. Jeder weiss, wie Dürer und andere Künstler in dieser Hinsicht (vom waffengeschichtlichen Standpunkte aus) «gesündigt» haben, indem sie teils damals bestehende Waffen formen fantastisch umbildeten, teils damals nicht mehr in Uebung befindliche Waffentypen heranzogen und gleichfalls fantastischer Ausgestaltung unter worfen haben (ich erinnere nur an die Dürerschen Bacinets!). — Wie ich schon in meiner kürzlichen Besprechung der Teppichentwürfe des «Trojanischen Kriegs» nahegelegt habe (Z. f. hist. Waffenk. I. p. 317), geschahen diese Umformungen bald im Bestreben, den im Gewände der Zeit dargestellten Personen dadurch einen archaischen Charakter zu geben, sie damit zu Figuren des Altertums zu stempeln, bald im Bestreben, damit die abgebildeten Gestalten als «Türken», «Römer», «Trojaner» u. s. w. zu charak terisieren. Diese Versuche sind im XVI. Jahrhundert allgemein unter den damaligen Künstlern Uebung geworden, kommen seltener schon im XV. Jahr hundert zur Erscheinung und fehlen in noch früheren Jahrhunderten fast gänzlich. Es ist für uns ein Glück, dass es so und nicht anders ist, da uns aus dem XVI. Jahrhundert blanke Waffen ja noch in grossen Mengen erhalten sind, wogegen Originale immer seltener werden, je mehr wir vom XV. Jahrhundert abwärts zurückgehen; so sind wir beim Mittelalter auf alte Miniaturen und ähnliche Bildwerke als waffen geschichtliche Quellen gezwungenerweise förmlich angewiesen und dürfte also eine Mehrung des Ver gleichsmateriales nur willkommen sein. 1. Die Goliath-Miniatur in den Münchener «Davidis Psalmi» des XIII. saec. Waffengeschichtlich von ganz ausserordentlichem Werte ist die Figur des Goliath in den Davidis Psalmi des XIII. saec. der Münchener Kgl. Hof- und Staats bibliothek (Cod. cum pict. 61. Cod. lat. 3900), ab gebildet in dem schönen, aber seltenen Werke L. v. Kobells «Kunstvolle Miniaturen und Initialen» (München, W. Albert) auf Taf. 19. Das Blatt zeigt König David die verschiedensten Instrumente spielen, unten rechts ihn als jungen Hirtenknaben gegen den schwer gerüsteten Goliath die Schleuder erheben; in der Mitte oben sehen wir Davids Krönung, dar unter die Szene, wo er dem Goliath das Haupt abschlägt. Zur Geschichte der mittelalterlichen Musik instrumente mögen die ersterwähnten Bilder sehr interessant sein, für uns kommen hier nur die zwei Darstellungen in Betracht, auf denen Goliath jedes mal in detailliert gezeichneter Rüstung erscheint, ln der kleinen Eckminiatur, auf welcher David den 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Stein schleudert, erhebt Goliath gegen David seinen 203 verborgen sitzt oder, wenn kein solcher, sondern Speer und schützt sich durch einen oben breiten und stark gewölbten Schild. Goliath trägt einen Topfhelm, einen Ringpanzer mit breitem Ledergürtel und ein Schwert, an den Knieen durch Lederriemen festgehaltene Kniescheiben (Kniebuckel). Besonders wichtig ist die grosse Mittel f igur, welche die dem Kampfe folgende Enthauptung des Riesen darstellt (vergl. Fig. 1). David hat das ungeheure Schwert des Gegners aus dessen Scheide gezogen und erhebt mit beiden Händen das Schwert zum Schlage (beach tenswert am Schwert das ab gerundete Klingenende, die entwickelte Parierstange und der breite Knauf), Goliath hat auf diesem Bilde den Topf* heim verloren und gewährt uns damit einen Einblick in ein nur äusserst selten sichtbares und uns in Originalen aus dieser Zeit noch ganz fehlendes ritter liches Kleidungsstück, die Polstergugel. Es ist das jenes Rüststück, welches mit oder ohne Kettengugel über den Kopf gestülpt dem Topfhelme als Unterlage diente; es war bestimmt, dem Helme einen festen Sitz zu geben und die Wirkung des auf jenen ge führten Hiebes, die Erschütterung, abzuschwachen. Gewöhnlich ist dieses Rüststück auf Bildwerken nicht sichtbar, da es als «Helmpolster» beim fertig ge rüsteten Kriegsmanne entweder unter dem Topfhelme nur ein Kopfhaubert getragen wurde, unter diesem direkt auf dem Kopfe befestigt wurde. Es ist dasselbe RüststüCk, wie es später noch beim Turnierzeug sich erhalten hat und dürfte wohl grosse Aehnlichkeit mit der «Harnischkappe» des XV. Jahrhunderts gehabt haben, welche W. Bo ehe im in seiner «Waffenkunde» pag. 541 abbildet und mit folgen den Worten beschreibt: «aus doppeltem mit Werg gefütter tem Zwilch, der an den Rän dern noch durch Riemen ver stärkt wird». Auch die Helm gugel des Münchener Goliath ist ersichtlich an den Rändern ^ur Verstärkung eingefasst; ob aus Leder oder aus Leinenzwillich bestanden und ob mit Eisen ringen besetzt, muss dahin gestelltbleiben (beachtenswert ist, dass dieFussbekleidung des Goliath in gleicher Weise dar gestellt ist). Ob der Haubert sich unter jener Gugel über den Kopf fortsetzt oder schon am Halse aufhört, bleibt eben falls eine offene Frage. Be achtenswert sind ferner der in drei Teile endigende Ledergürtel, die mit Scheiden kappe verstärkte Schwertscheide, der von innen ge sehene Schild, die Wehrstrümpfe aus anscheinend ringbelegtem Leder und endlich die eisernen Knie buckel, die auf den Hosen festsitzen und allem Anschein nach nicht wie im ersterwähnten Bilde durch Riemen gehalten werden, sondern auf den Stoff aufgenäht sind. 204 Zeitschrift für historische Waffenkunde. 2. Eine Auferstehungsminiatur mit II. Band. mi-parti-Tracht und zwar zinnoberrot und blau, die Centaurenkampf der Zeit um 1300, aus der Sammlung Forrer. In meiner Sammlung mittelalterlicher Pergament miniaturen besitze ich u. a. ein italienisches Anti phonarienblatt der Zeit um 1300, mit grosser Dar stellung der Auferstehung Christi als Schmuck der An fangsinitiale R (Resurrexi) und mit reichem figuralen Bordürenschmuck. Christus entsteigt prunkvoll ge kleidet der Gruft und schwingt die langgestielteErlöser fahne (weisses Kreuz auf rotem Feld), deren Form ich hier abbilde (Fig. 2 a). Oberhalb Christi, in einer Ornamentspirale, sitzt ein Engel, unten eine Menschen f igur mit übermässig hoher Stirne — Personifikationen des Guten und des Bösen. Uns interessieren hier die Gestalten der untern Ouerbordiire (Fig. 2), welche bewaffnete Unholde zeigen. Der eine, links (in grüner Jacke), interessiert uns durch das schön gezeichnete Fig- 3 Fig. 3 a. Schwert mit breiter Parierstange und grossem breitem Knauf, sowie durch den prächtigen (fleischfarbenen) Schild, dessen Verzierung Beachtung verdient. Der Centaur, der gegen den grossen schwarz-weissen Vogel vorgeht.(und von diesem anscheinend nicht gerade als besonders gefährlich erachtet wird), hat dieselbe übermässig hohe Stirn, wie die oben er wähnte Figur; er ist mit einer ovalen Tartsche (mit Hand- und Armfessel) und mit einem Schwerte bewaffnet, das sich durch breite, wuchtige Klinge und entsprechend gewaltigen Knauf auszeichnet. Wichtig ist aber das Kolorit des Centauren, der nach Art der heraldischen Gewänder mi-parti be maltist: Unterteil und rechte Jackenhälfte zinnoberrot, Oberteil des Leibes grün und Bauchpartie nebst hinterer Jackenhälfte fleischfarben. Dieser mi-parti Tracht entspricht nun auch eine mi-parti-Musterung des Schildes, dessen Rand abwechselnd fleischfarben und grün bemalt ist. Wir haben hier also durch geführte «heraldische Livree». Auch der bogen schiessende Engel (als Verteidiger des Guten) trägt Farben, welche auch der oben erwähnte Engel der R-Initiale aufweist. So steten sich hier die grüne und fleischfarbene Couleur der Unholde und die zinnoberrot-blaue Couleur der Vertreter des Guten gegenüber — zweierlei «Uniformen». 3. Eine Schachfigur der Zeit um 1200 aus der Sammlung Hanns Graf Wilczek. Wem es vergönnt gewesen ist, einen Blick in die an Kunstschätzen so reichen Schlösser des Grafen Wilczek zu thun, weiss, welch ein Schatz an waffen geschichtlich wertvollem Material dort zukünftigen Geschlechtern zum Studium aufgespeichert liegt. Heute will ich nicht der auf dem prächtigen Schlosse Kreuzenstein aufgestellten unermesslichen Schätze an Mittelalterwaffen gedenken, sondern einer elfen beinernen Schachfigur, welche Excellenz Hanns Fig. 3b. Graf Wilczek auf Schloss Seebarn bewahrt und meine Aufmerksamkeit ebenso durch das hohe Alter und die Seltenheit des Gegenstandes, wie durch die Schönheit der Patina und die interessante Darstellung fesselte. Diese ist für uns hier aus mehreren Gründen von ganz ungewöhnlichem Wert, haben wir in ihr doch eine der ersten, wenn nicht die älteste Abbildung einer unverkennbaren Plclmdecke vor uns! Die Schachfigur zeigt die in jener Zeit so beliebte Darstellung des Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen. Ein romanisch stilisierter Drache steht im Begriffe, einer sitzenden Frauen f igur, der Personifikation des «Guten», das Genick durchzubeissen. Zwei schwer gerüstete Ritter eilen ihr zu Hilfe, allerdings nach unseren Begriffen etwas zu spät, denn dem Beschauer macht es den Ein druck, als wären Genick und Hals der armen «Guten» durchgebissen, bevor die beiden gemächlich hcran sprengenden Ritter mit den erhobenen Schwertern dem «Bösen» den Garaus gemacht haben. Beide Ritter sind mit konischen flelmen mit Nasen 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. bergen analog denen der Tapete von Bayeux aus 205 XIII. Jahrhundert» berichtet Dr. P. Ganz, dass die gerüstet. Wie jene, so sind auch beim Schachstein Wilczek die Helme durch auf dem Scheitel zusammen tretende, am untern Helmrande durch einen Quer reif gehaltene Spangen oder Platten verstärkt. Unter dem Helm tragen die Ritter den Haubert, der aber durch einen langen Rock verdeckt ist, welcher bis zum Steigbügel reicht. Das Schwert ist breitklingig, hat eine Parierstange, welche nur wenig über die Klingenbreite herausragt, und einen breiten, schweren Knauf. Es ist das Schwert des XI. Jahrhunderts, entsprechend dem Helme und dem durchaus «nor mannischen» Schilde, den die Ritter mit der linken Fig. 4. Hand Vorhalten, anscheinend unterstützt durch einen über die Schulter gelegten Tragriemen aus Leder. So weist die ganze Figur (auch die frühe Form des Schachsteines) durch ihre Kennzeichen auf das XI. oder XII. Jahrhundert und eine Datierung in die Zeit «um 1200» ist ersichtlich die Spätestmögliche. Ich betone das, weil diese beiden Ritterfiguren eine sonst erst im XIII. Jahrhundert auf tretende Erscheinung, die «Helmdecke», in unverkennbar deutlicher Darstellung vor führen. In seiner vorzüglichen «Geschichte der heraldischen Kunst in der Schweiz im XII. und Helmdecke schon 1212 bei den Dichtern erwähnt wird, dass sie ihm aber eher zu Anfang eine Art Zeug überzug des Helmes gewesen zu sein scheint. «Erst im Partonopier und Mcliur wird sie als hinter dem Helme fliegend beschrieben.» Unsere Schachfigur lässt nun über diese, wie man sieht bis jetzt offene Frage keine Zweifel mehr. Die Plelmdecke erscheint somit schon spätestens um 1200 und zwar als ein am Plinterteile des Helmes auf der Innenseite an genähtes Zeugstück, ähnlich dem Schleier oder der Decke, welche der Europäer als Soldat sowie als Reisender im heissen Orient als Schutz des Nackens Fig. 4 b. gegen die Sonne zu tragen pflegt. In vielen Fällen mag auch der ganze Helm mit Stoff überzogen worden sein, ebenso wie man in den Kreuzzügen den Panzer mit einem Stoffmantel zu schützen begann. Auch die Schachfigur Wilczek gehört in die Zeit der Kreuzzüge, und damit erledigen sich die Ein sprücheHohenlohe’s u.A.(Ueber den Gebrauch der Helmzierden), 206 Zeitschrift für historische Waffenkunde, welche die Helmdecke für jene frühe Zeit nicht II. Rand. die beiden hitzigen Kämpfer sich bereits gegen anerkennen wollten. Aus jenem «praktischen» Nackenschutz wurde dann später eine mehr ornamentale Beigabe zum Helme. Die nach P. Ganz erste Darstellung einer Helmdecke auf einem Siegel, auf dem Reitersiegel des Grafen Gottfried von Habsburg-Lauffenburg (1271) (ab gebildet bei Ganz, a. O. auf Tafel V, Fig. 5), zeigt die Decke bereits oben am Topfhelme angebracht und, bereits mehr ornamentales Beiwerk des Helmes geworden, als schmales Band in drei Fransen oder Zipfel endigend. Die ornamentale Seite wird auch im Tänzelet betont, wenn es dort von der Helm decke heisst: Die sach man schone fliegen | hinden von dem Helme dane | da hiengen riehen väsen (Fransen) ane j üz golde wol gespunnen. Fig. 5. Fig. 5a. 4. Waffenminiaturen aus dem XII. Jahrhundert im Hildesheimer Albanipsalter Zwischen 1119 und 1146 entstanden, bietet das Albanipsalterium der St. Godehardskirche zu Hildesheim eine Reihe waffengeschichtlich beachtens werter Miniaturen. Adolf Goldschmidt hat diese Handschrift 1895 einer Schrift «Der Albani-Psalter in Hildesheim» (Verlag von Georg Siemens in Berlin) behandelt und insbesondere ihre Beziehungen zur symbolischen Kirchenskulptur des XII. Jahrhunderts beleuchtet. Für uns haben mehrere der bei Gold schmidt abgebildeten Miniaturen besonderen Wert, weil sie sich bis auf wenige Jahrzehnte genau datieren lassen und weil ebenso sicher der Herstellungsort, England, festzustellen ist. Auch hier erscheint wieder die beliebte Darstellung des Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen. In der grossen J-Initiale, Fig. 4, zielt das Böse in Gestalt eines mit Haubert und normannischem Helm ausgerüsteten Sagittarius auf das Gute, einen Oranten. Aehnlich gerüstet, aber mit langen Spiessen und normännischen Schilden ausgestattet, sind die Kriegerfiguren einer Q-Initiale (Fig. 4a). Interessant ist ein Reiterduell, bei dem seitig die Lanzen in den Leib gerannt haben und nun mit den Schwertern unter dem Schutze ihrer langen normännischen Schilde und Nasenhelme weiterfechten (Fig. 4 b). Wichtig sind hier die bogenförmigen Parirstangen, die detailliert ge zeichneten Steigbügel und Sporen mit Kugelspitze. Eine andere Miniatur desselben Psalters zeigt das Martyrium des hl. Albanus (Goldschmidt, a. O., Taf. VII). Der Henker zieht eben sein Schwert aus der Scheide — ein Schwert, das wie die der oben erwähnten kampfwütigen Reiter gebogene Parier stange mit Endknöpfen und einengrossen anschei nend viereckigen Knauf aufweist (Fig. 4c). In Ueber einstimmung mit diesen letztem Abbildungen stehen die seltenen Schwertdarstellungen mit gebogenen Parierstangen der Bibel von Canterbury (Boeheim, a. a. O. p. 239) und diejenige der Emailleplatte von Mans aus circa 1150 (Boeheim, a. a. O. p. 240). 5. Die Centaurenfliesen der St. Fideskirche zu Schlett stadt. Im Schutte der um die Mitte des XII. Jahrhunderts vollendeten St. Fidesfliese zu Schlettstadt im Eisass fand sich vor Jahren eine Anzahl von Bodenfliesen, welche nach Stil, Bewaffnung und Technik gleichzeitig sind mit der Erbauung jener Kirche, d. h. wie diese dem XII. Jahrh. angehören. Sie sind leicht reliefiert, gelbbraun glasiert und entsprechen technisch einer romanischen Fliese derselben Epoche aus dem St. Odilienkloster. Ich habe sie von der keramischen Seite in meiner kürz lich erschienenen «Geschichte der europäischen Fliesenkeramik vom Mittelalter bis zum Jahre 1900»1) behandelt; hier interessiert uns nur ihre waffen geschichtliche Seite, von der aus diese Fliesen ein paar beachtenswerte Momente bieten. Auch hier haben wir es wie in den Nummern 2 und 4 mit einem Verfolger und einem Verfolgten zu thun, davon der eine das Gute, der andere das Böse symbolisiert. Der «böse», mit einem Panzerhemd bekleidete Sagittarius flieht, schiesst aber, im Davon eilen sich rückwärts wendend, seinen Pfeilbogen auf den Verfolger ab. Letzterer, der Vertreter des siegenden Guten, trägt ein Ringhemd und einen spitz zulaufenden, nach vorn geneigten normännischen Helm, der anscheinend eine Nasenstadge hat. ln der einen Hand führt er ein breites Schwert mit dreiteiligem Knauf und abwärts gebogener Parier ') Forrer, Geschichte der europäischen Fliesenkeramik vom Mittelalter bis zum Jahre 1900, mit 107 Tafeln, 900 Ab bildungen. Strassburg 1901. Verlag von Schlesier & Schweik hardt. pag. 62 u. 63 und Tafeln II 11. III. j. I lett. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Stange; mit der andern Hand hält er schützend seinen 207 im Original vorftnden (vergl. z. B. Essenwein, Kultur* normannischen Schild vor, der nach zwei Rich tungen unser Interesse fesselt, durch die schon ganz «heraldische» Schrägbalkenzier und durch den ausgeprägten, weit vorspringenden Schildbuckel, dessen Spitze hier in eine Kugel ausläuft. Dieser seltsame Schildbuckel erinnert lebhaft an manche ähnlich geformte der Merovinger- und Caro lingerzeit, wie sie sich gelegentlich noch in Gräbern histor. Bilderatlas, Leipzig 1883, Taf. II, Fig. 2), aus dem XII. Jahrhundert aber bis jetzt in dieser Form nicht auf uns gekommen sind. Gewöhnlich ist, wie bekannt, in dieser Epoche der Schildbuckel bereits ganz verschwunden oder zumeist nur noch in Form einer mehr oder minder stark gewölbten Scheibe ohne den Endknauf erhalten, wie ihn hier die St. Fidesfliesen bieten. (Fortsetzung folgt.) Friedrich der Grosse und seine Artillerie. An der Hand der militärischen Schriften des Königs betrachtet von A. Meyer, Oberleutnant im Königl. Sächs. 13. Infanterie-Regiment No. 178 Diesen Artikel habe ich darum gesagt, dass man das fürstliche, ;treue Herz erkennen mag. L a n g e n n, Albrecht der Beherzte. Arbeit ist die Betrach tung einer grossen Per sönlichkeit im Hinblick auf einen ganz bestimm ten Gegenstand. Ich will aus den Schriften des grossen Königs darzulegen versuchen, wie er, der getreue Diener seines Staates, der sor gende Vater seines Volkes, der scharfblickende Kriegsherr seines Heeres, sich alles zu eigen machte, was die Wehrkraft Preussens erhöhen konnte, mochte es ihm auch zunächst etwas ferner liegen und die Finanzen seines sparsamen Staatshaushaltes stark in Anspruch nehmen. Die Charaktere sind das Fesselndste, was uns die Geschichte in ihren wechselnden Bildern bietet. Das innerste Fühlen und Denken sowohl des Volkes, wie auch der einzelnen bedeutenden Persönlichkeit machen das Studium der Geschichte zu einem immer neuen, veredelnden Genuss. In ganz bedeutendem Masse wird dies der Fall sein, wenn dem Forscher eine so überreiche Menge schriftlicher Hinterlassen schaften zur Verfügung steht, wie die des grossen Königs. Was Friedrich in seinen militärischen Schriften über die Artillerie gesagt hat, ist verhältnismässig wenig. Gerade deshalb ist es lehrreich, das Wenige nachzulesen und nach Jahren geordnet miteinander zu vergleichen. Dieser Vergleich giebt ein Bild, wie scharf Friedrich auch hier zu beobachten ver stand, von seinen Feinden lernte, sich neue Erfin dungen zu nutze machte, sobald er, was sehr schnell geschah, ihren Wert erkannt hatte, so dass viele seiner Grundsätze trotz völlig veränderter Verhält nisse noch heute mustergiltig sind. Andererseits aber sehen wir auch das rein Menschliche in der Gestalt des Heros: auch er ist abhängig von seiner Zeit, und wenn er sich von gewohnten und ererbten Anschauungen losmacht, so ist auch stets ein ein facher Anlass zu finden. So liegt in unserem Thema eine Verbindung zwischen geschichtlicher Waffenkunde und Geschichte überhaupt, hergestellt in einfachster Weise durch die Persönlichkeit des grossen Königs. Ich erwähne dies ausdrücklich, da ich mich später noch einmal über diese Verbindung und ihre natürliche Her leitung aus dem Studium geschichtlicher Charaktere äussern möchte. Bei Friedrichs Regierungsantritt kann man ein besonders grosses Interesse für die Artillerie von seiner Seite kaum erwarten, — soweit man von diesem umfassenden Geist überhaupt so sprechen darf. Sein Vater war Infanterist durch und durch und hinterliess bekanntlich seinem Sohne diese Waffe in glänzender Leistungsfähigkeit. So musste menschlich natürlicherweise auch Friedrichs Interesse sich zunächst der Infanterie, als der schlachten entscheidenden Waffe, zuwenden. — Die erste Kriegserfahrung — Mollwitz — liess ihn ferner die Mängel seiner Kavallerie erkennen — da gab es denn hier wieder Arbeit in Hülle und Fülle, um auch diese Waffe den Anforderungen entsprechend zu verbessern. Und endlich war damals die Artillerie numerisch so schwach, dass sie schon deswegen kaum als bedeutende Waffe erscheinen konnte. Friedrich hat auch offenbar zu dieser Waffe weniger Zuneigung gehabt, als zu den anderen, um so bemerkenswerter muss später der Wert erscheinen, 208 Zeitschrift für historische Waffenkunde. den er ihr beilegt. Aber noch 1768 schreibt er:1) II. Band. Betrachtung der feindlichen Kavallerie als Haupt «Seitdem man die Laune hat, die Lager mit Ar tillerie zu verpallisadiren und mit ihrem Gebrauch sehr freigiebig zu sein, kann man sich nicht mehr davon entbinden, deren viel zu besitzen. Mein Vater hatte nur 1 Bataillon Feld-Artillerie. Ich verdoppelte dasselbe 1742, da die Armee vergrössert worden war, und ich glaubte viel zu haben. In dem letzten Kriege ist dieses Korps auf 6 Bataillone angewachsen und noch haben wir nicht zu viel, obgleich wir ausser dieser Zahl noch 2 Garnison-Bataillone für die Festungen unterhalten.» Ein gewisser Widerwille gegen die Stärke dieser Artillerie ist aus diesen Worten wohl zu entnehmen. Weiter unten werden wir sehen, dass der Kosten punkt das Seine zu diesem Widerwillen beigetragen hat. — Was die Wurfgeschosse betrifft, so hat viel leicht auch deren ziemlich geringe Wirkung Friedrichs geringe Meinung veranlasst. So lesen wir hierüber a. a. O.: «Aber welche Mühe man sich auch geben mag, um die Genauigkeit dieser Schüsse zu ver vollkommnen, so wird man dies doch niemals er reichen, weil die Luftdichtigkeit und die Windrich tung hierauf von grossem Einfluss sind.» Das klingt ziemlich resigniert. Und es scheint auch berechtigt gewesen zu sein. Finden wir doch 1740 bei Dulacq2 3 *) den ernsthaften Vorschlag, die Wurfmaschinen der Alten an Stelle der Steilfeuer geschütze wieder einzuführen, da ihre Leistungen doch zu unregelmässig seien! In der ersten Instruktion, welche der König für seine Artillerie erliess,8) finden wir denn auch bei weitem noch nicht das tiefe Eingehen in das Wesen und Können der Waffe, welches seine späteren Auslassungen, besonders die auf den Erfahrungen des siebenjährigen Krieges aufgebauten, charakte ristisch zu Tage treten lassen. Die Verteilung der Artillerie auf der gesamten Front der schlachtbereiten Armee ist noch ganz schematisch gleichmässig. Das erste Hauptziel ist noch nicht die feindliche Artillerie, sondern auf den Flügeln die Kavallerie, mit deren Attaken damals die Schlacht begann, sonst die feindliche Infanterie. Doch werden auf beiden Flügeln, wie auch in der Mitte, die Batterien einem «Capitain von der Artillerie» unterstellt, und «bei den 24-pfündigen Kanonen, so auf den Flanken stehen, wird auf jede Flanke ein vernünftiger Lieutenant von der Artillerie com mandiret«. Wir sehen also ganz charakteristisch, wie sich Friedrich einerseits von bisherigen Gebräuchen — gleichmässige Verteilung der Artillerie auf die Front, *) Das militärische Testament Friedrichs des Grossen, herausgegeben und erläutert von A. v. Taysen. Berlin, Mittler & Sohn, 1879. a) Theorie nouvelle sur le mecanisme de l’artillerie. Par M. Dulacq, pp. Paris 1740. 3) Disposition, weichergestalt sich die Artillerie bei einer Hauptaktion mit dem Feinde zu verhalten hat. August 1744. ziel — noch nicht frei machen kann, weil ihm der Anlass, die schlechte Erfahrung mit dem bisherigen Brauch, fehlt; andererseits hat der scharfe Blick des geborenen Truppenführers schon einen Fehler, den der Zersplitterung der Wirkung, erkannt, und es beginnt ein Anbahnen der einheitlichen Leitung der Artillerie, welche heute einer unserer wesent lichsten Grundsätze ist. Auf diesem Standpunkt bleibt Friedrich im grossen ganzen zunächst stehen. Wenn man seine Generalprinzipien vom Kriege1) liest, so findet man alles aufgezeichnet, was vom damaligen Stand punkt für die Truppenführung wichtig ist; von Ar tillerie ist das sehr wenig. So steht in dem äusserst wichtigen «Vlllten Articul. Von den differenten Lägern» — wofür wir nach dem heutigen Sprach gebrauch in diesem Falle besser «Stellungen» sagen würden — über Artillerie nichts! Wir dürfen deshalb nicht annehmen, dass sie Friedrich in ihrer Thätigkeit und Wirkung missachtet habe, es ist uns nur ein Zeichen, dass selbst das Genie der Er fahrung nicht entbehren kann, um schöpferisch zu wirken; ein Hinweis darauf, dass man die Er fahrung suchen muss. An einzelnen anderen Stellen ist übrigens auch schon in den Generalprinzipien die Wichtigkeit ver nünftiger Artillerieverwendung hervorgehoben. Im 7. Abschnitt des XV. Artikels lesen wir, dass man bei «Retraiten, wenn man Flüsse zu passiren hat, .. . Trouppen und viel Canons auf das andere Ufer des Strohms» schicken solle, «um von dar das vorwärts liegende Ufer zu dominiren». Auch bei den «Passagen über Flüsse» soll der Ueber gang dadurch erleichtert werden, dass man auf der eigenen Seite «so viele Canons als man kan placiret». Im «XXII. Articul: Von denen Treffen und von Bataillen» findet man begreiflicherweise das meiste von der Artillerie, was überhaupt in den General prinzipien zu entdecken ist. Aber doch ist dieses Thema, welches bei Betrachtungen moderner Ge fechte den breitesten Raum einnehmen muss, nur kurz und an wenigen Stellen gestreift. Einen ganz eigentümlichen Eindruck macht im 8. Abschnitt «von denen Posten» der Vorschlag, den Friedrich zur Wegnahme einer besonders wirksamen feindlichen Batterie macht: «Bey denen Posten2) ist nichts redoutablerer, als die Batteries von Canons mit Cartetschen ge laden , so eine erschreckliche ravage in denen Bataillons machen; Ich habe bey Soor und bey *) Die General-Principia vom Kriege, appliciret auf die Tactique und auf die Disciplin, derer Preussischen Trouppen. 1753. Siehe auch: Friedrich der Grosse. Militärische Schriften, erläutert und mit Anmerkungen versehen durch v. Taysen, Generalleutnant. Dresden 1893, Carl Höckner. Dieses Werk habe ich bei der ganzen Arbeit benutzt. s) So viel wie «Stellung» und zwar besonders günstige. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenknnde. Kesselsdorff Batteries attaquiren gesehen, und nach 209 Er kannte wohl die menschliche Schwäche, die sich dem ich remarquiret habe, dass die Feinde einerley Fauten in beyden Aktionen gemachet, so hat Mir dieses eine Idee erwecket, welche Ich hier auf allen Fall anzeigen will. Ich supponire, dass man eine Batterie von 15 Canons wegnehmen müsse, die man nicht tourniren kan; Ich habe gesehen, dass das Feuer derer Canons, und das von der Infanterie so die Batterie souteniret, solche inabordable machet; Wir haben die Batterien der Feinde nicht anders genommen, als durch ihre Fehler; Unsere Infanterie die solche anfiel, wich nachdem sie halb ruiniret war, zu zweyen mahlen zurück, die feindliche In fanterie wolte solche verfolgen, und quitirte ihren Posten, durch dieses Mouvement wurden derselben ihre Canons unnütz, und unsere Leute, die den Feind auf den Fusse folgeten, kamen mit* ihn zu gleicher Zeit an die Batterie, und bemeisterten sich derselben. Diese beyden Erfahrungen haben mir den Gedanken gemachet, dass man in dergleichen Cas dasjenige imitiren müste, was Unsere Trouppen dermahlen gethan .haben, nehmlich eine Attaque in 2 Linien en echiquier zu formiren, und hinter die selbige einige Escadrons Dragoner zu setzen, um sie zu souteniren, sodann der ersten Linie die Ordre zu geben, nur schwach zu attaquiren und sich in die Intervallen der 2ten Linie zu retiriren, damit der Feind, durch diese simulirte Retraite betrogen, zum verfolgen eile, und seinen Posten abandonnire, dieses Moment dienet alsdenn zum Signal, dass man vorwärts marchiren und vigoureusement attaquiren muss.» Das ist ein Zugeständnis eigener artilleristischer Schwäche. Treffend bemerkt hierzu Taysen, dass bei der Schwerfälligkeit der damaligen Artillerie unser heutiges Verfahren, durch überlegenes Ar tilleriefeuer die feindliche Batterie zum Schweigen zu bringen, nicht angängig war. — Auch können wir aus dieser Aeusserung Friedrichs entnehmen, wie er stetig darauf bedacht war, in jeder Beziehung und gerade für schwierige Fälle seine Offiziere und Truppen zu unterweisen, eine um so dankbarere Aufgabe, als gedruckte, Jedermann zugängliche Reglements in unserem Sinne damals nicht vor handen waren. Und wie vortrefflich müssen Drill und Disziplin im preussischen Heere gewesen sein, wenn man solche auch für damalige Zeiten höchst künstliche Manöver trotz jener ravage glatt durch führen zu können glaubte. Uebrigens liest man auch aus Aeusserungen über die Artillerie Friedrichs Grundsatz, möglichst alles angriffsweise zu entscheiden, mannigfach heraus. So schreibt er über die Einnahme von Verteidigungs stellungen: «Ich glaube, dass die Preussische Trouppen eben sowohl, als wie andere, Posten nehmen und sich dererselben auf einen Moment, bedienen können, um von den Vortheilen der Ar tillerie zu profitiren, sie müssen aber, auf einmahl solchen Posten verlassen, und fierement attaqiren;...» darin äussern würde, dass Führer und Truppe, durch die schwere Beweglichkeit der Artillerie verleitet, gar zu leicht in der Stellung verharren würden, um des Vorteils der Artilleriewirkung nicht verlustig zu gehen, auch dann, wenn der Moment zum ent scheidenden Angriff aus der Verteidigungsstellung heraus gekommen sein würde. Der sehr kurze 12. Abschnitt des XXII. Artikels «von der Artillerie» lautet: «Ich distinguire die grossen Canons, von denen Feld-Stücken, so zu denen Bataillons gehören; die grossen Stücken werden bey Anfang der Action auf denen Höhen gepflanzet, die kleinen aber 50 Schritt vor der Fronte, beyde müssen zielen und accurat schiessen. Wenn man bis an 500 Schritt an den Feind ist, so werden die kleinen Canons durch Menschen gezogen, und können bey denen Bataillons bleiben, auch beständig im avanciren schiessen. Wann der Feind fliehet, so avanciren die grossen Canons und geben ihn noch einige decharges, um ihn eine glückliche Reise zu wünschen. Bey jeder Canon des ersten Treffens müssen 6 Canoniers und 3 Zimmer-Leuthe von den Regimentern seyn. Ich habe noch vergessen zu sagen, dass die Canons auf 350 Schritt mit Cartetschen schiessen müssen.» Dass «Zielen» und «accurat schiessen» extra verlangt wird, giebt zu denken. Es ist das wohl keine beabsichtigte Schärfe in diesen Worten des Königs, sondern es ist einfach die Anerkennung der Thatsache, dass einerseits die technische Aus gestaltung des Geschützmaterials nicht eine stete, gleichmässige Wirkung verbürgen mochte, anderer seits der Artillerist noch nicht in demselben Masse eine gründliche Ausbildung genoss, wie Kavallerie und Infanterie. Der König weist denn auch mehr fach, besonders in dem schon erwähnten militärischen Testament, auf die Notwendigkeit gründlicher Aus bildung der Artilleristen hin. Von der Thätigkeit der schweren Artillerie im Festungskrieg ist einiges gesagt im Kapitel «von der Attaque und von der Vertheydigung derer Plätze». Später hat sich Friedrich darüber genauer geäussert. Am 9. Dezember 1753 wurde die «Instruction für den Obersten Lattorff, als Comman danten in Cosel» erlassen. Hierin finden sich einige interessante und charakteristische Bemer kungen, von denen die folgende im Vergleich zu heutigen Verhältnissen erwähnenswert ist: «Kanonen müssen nicht nach einzelnen Leuten schiessen, son dern kleines Gewehr und Wallmusketen sind dazu gut genug.» So sagt der König, als er davon spricht, dass «keiner vom Feinde der Festung zu nahe komme, um solche zu recognosciren». An näherung an moderne Schicsstechnik zeigt die Wei sung: «. . . einige Kanonen müssen des Tages so gerichtet werden nach des Feindes Batterie, dass sie des Nachts noch darnach schiessen können.» 210 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Es kommen der Zeitfolge nach «Gedanken II. Band. wörtlich anführen, weil man aus jedem Abschnitte und allgemeine Regeln für den Krieg» vom Jahre 1755, in denen die Gedanken der General prinzipien zu Friedrichs eigener Fortbildung weiter ausgeführt und an praktischen Beispielen erläutert wiedergegeben sind. Eben diese Anwendung prak tischer Beispiele mag es denn auch gewesen sein, die Friedrich dazu geführt hat, sich mehr als bisher der Wirkung, Thätigkeit und Verwendung der Ar tillerie zuzuwenden. Neue Erfahrungen des Ernst falles waren zwar noch nicht gewonnen, aber die preussische Artillerie hielt ihre jährlichen Schiess erkennen kann, wie scharf der König Wert und Verwendung der Artillerie übersah. Um besser zurückgreifen zu können, versehe ich die Abschnitte mit Nummern: «1. Die Obersten von Dieskau und Möller er halten hierdurch Anweisung, was sie im Falle der Schlacht zu thun haben. Die Armee wird nur, wie beiLeuthen, mit einem Flügel angreifen; 10 Bataillone werden den Angriff vor der Armee machen. Wenn es der rechte Flügel ist, werden die zwei Haupt batterien auf diese Art gebildet: m m m m m m m m m i[i i|] tji ||i «ji |[i {1 m 40 Kanonen, Batteriestucke _ 10-pfUnd. Haubitzen und zwar 12- u. 24-PfUnder. 9 Bataillone. und Kanonen. 1 Bataillon. 0 Übungen ab, so dass an ihrer Vervollkommnung auch in Friedenszeiten von dem nie rastenden Kriegs herrn erfolgreich gearbeitet werden konnte. So sagt Friedrich bezüglich der Wirkung: «Wenn man in geschlossenen Kolonnen marschiert, soll man 1500 Schritt vor dem Feinde aufmarschieren, und dieselbe dort entwickeln, niemals näher, da sonst die verheerende Wirkung der Ge schütze zu fürchten ist.» Logisch auf der Kenntnis solcher Wirkung weiterbauend, muss er dazu kommen, auf noch gründlichere Wirkung seiner eigenen Artillerie zu sehen, besonders, wenn der Feind in guter Stellung ist: «Stets wenn man Truppen in einer Position angreifen will, zehn Mörser bei sich führen, um zwei Batterien zu bilden, welche hinter der Linie über Kreuz aufgestellt werden, um die feindlichen Batterien in der Zeit, während man zum Angriff vorgeht, zu bewerfen.» Wir finden ferner, dass Friedrich in dieser Schrift klarer und treffender, als es wohl je bisher geschehen war, Grundsätze ausspricht, welche heute als Elementarwissenschaft gelten, die Grundsätze nämlich von dem Zusammenwirken der Waffen: «Die Hauptsache ist stets, dass eine Waffe durch eine andere unterstützt, die Kavallerie durch die Infanterie nnd die Artillerie verstärkt wird, sowie dass man stets Kavallerie zur Stelle hat, um der Infanterie beizustehen.» Das klingt äusserst einfach, und wir be trachten es heute als selbstverständlich; aber der ist von jeher ein Genie gewesen, der zu erst ewig wahre Wahrheiten einfachster Art in den einfachsten Worten aussprach, wie wir es bei Friedrich so oft finden. Im Jahre 1758 erliess Friedrich die «Dis position für die Artillerie-Obersten Dieskau und Möller», welche im höchsten Grade bezeich nend ist für die Fortschritte, die Friedrich selbst in der Verwendung der Artillerie gemacht hatte. Er lag damals zur Deckung der von Keith geleiteten Belagerung von Olmütz im Lager zu Prossnitz. Zu den Truppen, die ihm Keith gegen einen Entsatz versuch der Oesterreicher schicken sollte, gehörte auch diese Artillerie. Wir müssen diese Disposition 2. Greift der linke Flügel an, so hat man das nur links zu setzen, was hier auf der rechten Seite ist und man wird die grosse Batterie immer vor der Armee placirt haben; die andern Geschütze bringt man auf den Flügel, der nicht angreift. NB. Die sieben Haubitzen werden unter die IO Bataillone des ersten Angriffs vertheilt. 3. Die Geschütze müssen in einem fort feuern, Urft die Kanonen des Feindes zu demontiren. So bald sie deren Feuer zum Schweigen gebracht haben, müssen sie sowohl auf die Infanterie, als auf die Cavallerie, welche angegriffen wird, ein Kreuzfeuer richten. 4. Die Batterien werden immer, wie bei Leuthen, weit vorgeschoben sein, und kann besonders die von 40 Stücken von grosser Wirkung sein, wenn die Kanoniere gut zielen und auf achthundert Schritt beginnen mit Kartätschen1) zu schiessen. *) Taysen übersetzt: «mit Kartuschen zu schiessen» und bemerkt hierzu: Der Ausdruck »tirer ä cartouche» dürfte nicht »Schiessen mit fertig gemachten Ladungen» bedeuten im Gegensatz zu «Schiessen mit losem Pulver», sondern es ist hiermit höchst wahrscheinlich gemeint, dass das Feuer nicht eher, als auf 800 Schritt, also auf der besten Kugel schuss-Distance, zu beginnen habe. Dem gegenüber ist zu bemerken, dass «cartouche» die Bedeutung «Kartätsch-Schuss» hat. Es ist auch nicht an zunehmen, dass Friedrich freiwillig und ausdrücklich auf die grosse Wirkungsweite dieser schweren Geschütze mit dem Kugelschuss sollte verzichtet haben. Wie würde das stimmen mit dem, was er am n. 3. 1758 an den Prinzen Heinrich schreibt: «Ich habe für Euch eine Kompagnie Kanoniere, deren Ihr bedürfen werdet, ausheben lassen, und gebe Eurem Corps 20 schwere 12-PfUnder bei (also dieselbe Geschützart, von der oben u. a. in jener Batterie von 40 Stück die Rede ist); diese haben eine staunenswerte Wirkung. Wenn Ihr mit dem Feinde handgemein geworden seid, dann müsst Ihr diese Geschütze in einer Batterie aufstellen und sie alle gegen denjenigen Flügel des Feindes wirken lassen, welchen Ihr anzugreifen beabsichtiget; ohne Zweifel werdet Ihr den Vorteil dieser Massregel bald verspüren. Die Geschütze sind zwar etwas schwierig fortzuschaffen, aber sie schiessen dafür auch auf 5400 Schritt und auf 1000 Schritt mit Kar tätschen.» Im französischen Text steht hier allerdings «Mitraille», nichtsdestoweniger ist auch cartouche der Kar tätschschuss. — Es wird also der Kugelschuss auf weit mehr als 1000 Schritt, der Kartätschschuss unter 1000 Schritt an gewendet worden sein. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 5. Die zwanzig Kanonen, welche sich auf dem 211 werden muss, will man mit grossen Armeen ent Flügel, der nicht attaquirt, befinden, können schliess lich auch herangezogen werden und von guter Wir kung sein, um den Feind in Verwirrung zu bringen und den Stoss unserer Leute zu erleichtern. 6. Man muss die ganze Anzahl der Geschütze beisammen halten, damit die Herren Obersten von vornherein darüber verfügen können. 7. Sie nehmen 6 Zwölfpfünder mit und kommen gleich mit den Artilleristen her, um schneller zur Stelle zu sein und alle Anordnungen rechtzeitig treffen zu können, auch werden sie in Folge dessen den Offizieren und Soldaten ihre Befehle im voraus ertheilen. 8. Die Herren werden mit ihren Leuten nicht eher aufbrechen, als bis es ihnen der Marschall befiehlt. Lager von Prossnitz, den 30. Juni 1758. Friderich.» Aus dem 1. und 2. Abschnitt sehen wir, dass das schematisch gleichmässige Verteilen der Artillerie auf die Front, wie es 1744 angewiesen war, und welches aus einer gewissen Hilflosigkeit bei der Verwendung dieser Waffe entsprang, völlig über wunden ist. Hier haben wir ein Erstreben von Massenwirkung überhaupt, ein heute durchaus anerkannter Grundsatz. Es ist ja selbstverständlich, dass man der weitaus grössten Zahl der im Gefecht stehenden Leute kein ruhiges Zielen Zutrauen kann, das einzige Mittel, diesen Nachteil auszugleichen, ist das Entfalten der Massenwirkung. Aus dem 3. Abschnitt ist ersichtlich, wie der König schon längst zu der Erkenntnis gekommen war, auf der die Vorschriften unserer heutigen Artillerie verwendung aufgebaut sind. Die feindliche Artillerie ist zunächst das Hauptziel, nach deren Nieder kämpfung ist der Angriff der eigenen Infanterie zu unterstützen. Im 5. Abschnitt sehen wir den Grundsatz, alle Kräfte, die erreichbar sind, zur Entscheidung zu sammenzufassen; der 6. zeigt das Bestreben, eine Formation zu bilden, die den Führern trotz der Schwerfälligkeit der Waffe durch räumliche Ver einigung leicht in die Hand spielt. Das «Befehle im voraus erteilen» des 7. Abschnittes weist auf selbständiges Handeln der Unterführer im Sinne der Lage und des angestrebten Zweckes hin. Ganz dieselben Grundsätze finden wir bald darauf in der «Ordre an den General-Lieutenant Grafen zu Dohna» vom 20. Juli 1758, der den Russen angriffs weise entgegentreten sollte. Mag nun auch zu jener Zeit die Thätigkeit der österreichischen Artillerie den König schon viel ge lehrt haben, die Erfahrung also, welche, wie schon erwähnt, auch das Genie zum schöpferischen Wirken braucht, vorhanden gewesen sein, so gehört doch trotzdem ein eminenter natürlicher Scharfblick dazu, um in so kurzen, treffenden Worten Grund sätze aufzustellen, nach denen noch heute verfahren scheidende Schlachten schlagen. Gewiss wird mit solchen Grundsätzen nicht allen Fällen gedient, es giebt kein Rezept für jede Lage; aber, wie schon erwähnt, ist es immer ein Zeichen der Grösse, wenn ein Mann zum erstenmal einfache Thatsachen nach weist, die dann zum Gemeingut der Menschheit werden. Hier gilt dies noch besonders, wenn man die Aeusserungen mancher Zeitgenossen Friedrichs über Truppenführung liest.1) Im Winter 1758/59 findet nun das, was der König selbst gelernt hat, seinen Ausdruck in den «Betrachtungen über die Taktik und einige Seiten der Kriegführung oder Betrachtungen über einige Veränderungen in der Krieg führung». Schon das Wort «Veränderungen» weist darauf hin, dass hier mitten im Kriege Er fahrungen desselben nutzbar gemacht werden sollen. Bedenkt man aber ausserdem, dass der König nur die trübsten Aussichten in die Zukunft haben konnte, dass er selbst krank war, das Bündnis gegen ihn gefährlicher denn je drohte, das Jahr 1758 mit einem Misserfolg geendet hatte und der alte Stamm seines tapferen Heeres schon bedenklich zusammen geschmolzen war — so müssen wir die Elastizität dieses Riesengeistes bewundern, der in schärfster Logik seine Kriegserfahrungen und die daraus zu ziehenden Folgerungen zu Papier brachte und sich selbst, wie anderen ungeschminkt gestand, was denn eigentlich von Erfolgen und Misserfolgen eigenes Verdienst und eigene Schuld war. Es ist dem grossen Manne eigen, dass er eigene Schwächen nicht verhehlt und die Vorzüge des Feindes rückhaltslos anerkennt. Der König sagt: «Die vorzüglichsten Verände rungen, die ich in diesem Kriege bei dem Verfahren der österreichischen Generale bemerkte, sind ihre Lager, ihre Märsche und ihre bewundernswerthe Artillerie, welche beinahe schon allein, ohne andere Unterstützung, genügen würde, 11m ein angreifendes Heer zurückzuweisen, zu zerstreuen und zu vernichten.» Und kurz darauf lesen wir: «Wann hat man jemals 400 Kanonen amphitheatralisch auf den Höhen und in verschiedene Batterien getheilt derart aufgestellt ge sehen, dass sie die Fähigkeit besitzen, weithin zu treffen und dabei doch nicht den Ilauptvortheil des verheerenden rasanten Feuers verlieren?» Trotz der grossen Geschicklichkeit der Oester reicher in der Wahl von Stellungen lässt aber der König doch nicht von seinem Grundsätze ab, die Entscheidung durch den Angriff zu suchen. Aber er mahnt zur Vorsicht. Und hier sehen wir *) Man lese z. B. Luther, Anlangsgrlinde der Artillerie (Dresden und Leipzig, Hilscher’sche Buchhandlung, 1789), II. Teil, § 424!!:.: «Eine Armee ist ein aus Menschen maschinen mässig (1) zusammengesetzter Körper, mithin ist bey derselben wie bey andern Körpern die Kralt das Produkt von der Masse und ihrer Geschwindigkeit» u. s. w. 28 212 Zeitschrift für historische Waffenkunde. zum erstenmal in vollster Deutlichkeit den Gedanken II. Band. sind, sogar eine ganz bestimmte Hoffnung und sagt, ausgesprochen, den bei der heutigen Leistung der Artillerie jeder Truppenführer beim Eintritt in den Kampf zuerst hat: wie und wo verwende ich meine gesamte Artillerie? Friedrich sagt: «Das Erste, was er (ein geschickter General) zu thun hat, ist: sich jedes Erdhügels und jeder Anhöhe zu ver sichern, von denen aus sein Geschütz das jenige des Feindes beherrschen kann, dort soviel Kanonen als Platz finden aufzupflanzen und dann, während er seine Angriffskolonnen formirt, die feindliche Armee mit Geschützfeuer zu über schütten. Ich habe bei mehreren Gelegenheiten gesehen, wie geringe Festigkeit österreichische Truppen beim Kanonenfeuer zeigen. Weder ihre Infanterie noch ihre Kavallerie widerstehen dem selben. Um sie das Verheerende der Artillerie recht empfinden zu lassen, sind Anhöhen oder ein vollkommen ebenes Terrain von Nöthen ...» Das Aussuchen dominierender Höhen ist auch etwas, was uns mit unseren Feldkanonen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Auch dieser Grundsatz hat sich selbst bei Friedrich nur langsam und mit Hilfe der Erfahrung Bahn gebrochen. Von solcher Wertschätzung der Höhen war in den bisherigen Schriften und Instruktionen nicht die Rede, was bei der geringen Wirkungsweite der damaligen Artillerie begreiflich ist. Also die starke Hilfe, die eine gut verwendete Artillerie dem Führer bringt, wird anerkannt. Trotz dem kommt immer wieder ein Missbehagen durch, wenn Friedrich an die mit dem Besitz starker Ar tillerie verbundene Unbequemlichkeit denkt. Und mit Recht: noch heute ist trotz aller technischen Vollendung jedes Fahrzeug unbeholfener als Mensch oder Tier allein. Friedrich sagt: «Das System einer zahlreichen Artillerie muss man, so unbequem es auch sein mag, annehmen. Ich habe die unserige beträchtlich vermehrt, so dass sie im Nothfall unsere Infanterie ersetzen kann, deren Material sich, je mehr sich der Krieg in die Länge zieht, verschlech tern wird.» Also besseres und zahlreicheres Material soll den verschlechterten inneren Gehalt der Truppen aufwiegen, stets ein gewagtes Experiment, aber in der Not der einzige Ausweg, der stets eingeschlagen wurde, wenn Feldherren in der Verlegenheit waren, in der wir hier Friedrich sehen. Napoleon sagte 1813 : «Eine Truppe braucht um so mehr Artillerie, je weniger gut sie ist. Es giebt Armeekorps, mit denen ich nur ein Dritttheil der Artillerie fordern würde, welche ich mit anderen Armeekorps nöthig habe.»1) Und wieviel Lydittbomben haben die Engländer am Paarde-Berg verschossen! Friedrich knüpft an den Umstand, dass zur Ausnutzung einer starken Artillerie Höhen nötig Napoleon als Feldherr. Von Graf Yorck v. Warten burg, Berlin. Mittler & Sohn, 1887, 2. Teil 1888. Teil II, Seite 228. dass, wenn die Oesterreicher ihre Truppen nach Niederschlesien schickten, sie dann genötigt sein würden, «ihre feste Stellung aufzugeben» und «weder von der Stärke ihrer Schlachtordnung noch dem gewaltigen Apparat ihrer Artillerie viel Vorteil haben» würden. Zwar heisst das den Feind ins eigene Land locken, aber: «Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das vortheilhafte Terrain da zu wählen, wo es sich gerade befindet, ohne uns um sonst Etwas zu bekümmern.» Die Erkenntnis also: «erst die Ent scheidung suchen, der Rest kommt von selbst» — blickt überall durch, und keiner seiner Gegner hat es vermocht, diesem an sich als richtig erkannten Gedanken durch die That Folge zu geben, — zu Friedrichs Glück, wie er selbst offen gesteht. Der siebenjährige Krieg hatte der technischen und taktischen Ausgestaltung der Artillerie viele Vorteile gebracht. Sogleich nach dem Krieg fasste Friedrich seine Erfahrungen und Gedanken in der «Instruction für die Artillerie» zusammen, welche schon am 3. Mai 1763 herausgegeben wurde. Die Beschleunigung lässt darauf schliessen, dass Friedrich dem Gegenstand grossen Wert beilegte und darnach strebte, den Nutzen der Kriegserfahrungen in orga nisierender Friedensarbeit dauernd festzulegen. Hier f inden wir die bisher gewonnenen Grundsätze — starke Artillerie, einheitliche Leitung und Wirkung, Ausnutzung des Geländes, gegenseitige Unterstützung der Waffen — im Zusammenhang wiederholt, und, was wir heute als so wichtig und lehrreich anerkennen, an Beispielen durchgeführt. Mannigfach ist der Hinweis auf selbständige Verantwortlichkeit der Unter führer, hier der Artillerieoffiziere, im Sinne der Ab sichten des höchsten Führers. Zweierlei ist von Friedrich hier zuerst schriftlich erwähnt und wohl auch praktisch im siebenjährigen Krieg zum ersten mal angewendet worden: die reitende Artillerie an sich und ihr Zusammenwirken mit der Kavallerie. Also wiederum ein schöpferischer Gedanke! Hatten Friedrichs bisherige Arbeiten sich fast nur mit der taktischen Seite der artilleristischen Fragen beschäftigt, so finden sich ausserdem noch die wirtschaftlichen Rücksichten berührt in dem schon erwähnten Militärischen Testament des Jahres 1768. Es mochte auffallend erscheinen, den sparsamen König für die Artillerie so bedeutende Ausgaben machen zu sehen. Er giebt daher auch folgende Aufklärung, aus der man ohne Mühe einer seits das Streben nach sparsamer Wirtschaft, anderer seits den Wunsch, die Waffe stets kriegsbereit zu halten, herausliest: «Seit dem letzten Kriege ist die Artillerie für die Kosten des Staats ein wahrer Schlund gewesen. Mit den letzten 300000 Thlrn., welche ich im Juni bezahlte, haben wir 1450000 Thlr. ausgegeben. Diese Summe erscheint ungeheuer; man bedenke aber, dass es nöthig war, den grössten Theil der 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. ausgeschossenen Kanonen umzugiessen, dass ich für 213 würde der Feind sie nachahmen und wären dann die Armee hundert Kanonen verschiedenen Kalibers in Reserve habe, dass ich Silberberg mit Artillerie ausgerüstet habe, dass ich eine ganz neue Belage rungsartillerie eingerichtet habe, dass die Festungen mit Rücklauf-Laffetten, mit Bohlen und sämmtlichen für eine Belagerung erforderlichen Materialien ver sehen sind. Rechnet noch die Tausende von Kanonenkugeln und Bomben hinzu, welche der Krieg verschlungen hat und mit denen die Plätze von neuem mussten versehen werden, und wisset, dass ich dieser Aus gabe, so gross sie war, eine neue nicht minder nothwendige und nützliche hinzufügen musste, das Giessen von 70 12-pfündigen Haubitzen nach einer neuen Erfindung, welche die Königs-Granaten 4000 Schritt weit tragen. Diese Geschütze werden stark in Gebrauch kommen beim Angriff schwer zu nehmender Stellungen oder gegen Anhöhen, gegen welche man nicht gut mit Kanonen feuern kann. *) Der Artilleriegeneral ist ausserdem mit der Ver waltung der Pulvermühlen beauftragt. Wir haben bis jetzt nur 4000 Centner Pulver jährlich fabrizirt. In diesem Jahre, 1769, machen wir 5000, da ich eine Revenue von 2000 Thlrn. den früher gezahlten 60000 hinzufüge. Wir bedürfen 6000 Centner, welche wir im Jahre 1770 liefern können, zu welcher Zeit ich den Etat der Pulvermühlen um 19000 Thlr. vermehrt haben werde. Ich erwähne hier nicht die Vorräthe in den Arsenalen, weil alle Einzelheiten in dem nach Art eines Memoires angelegten Buche aufgezeichnet sind, welches man in meiner Kassette f inden wird, und weil diese Vorräthe von Jahr zu Jahr sich häufen. Ich muss hingegen noch für das Verständniss meiner Nachfolger bemerken, dass während des letzten Krieges jeder Feldzug uns 12000 Centner Pulver gekostet hat.» Dann spricht er über Pflege der Pferde und empfiehlt hierin Strenge und Sorgfalt: «denn wenn die Pferde in Folge Nachlässigkeit der Knechte krepiren, dann adieu Kanonen!» Den berechtigten Stolz über die reitende Artillerie und die Sorgfalt, mit der Friedrich auf die Geheimhaltung jener neuen Erfindung sah, zeigt folgende Auslassung: «. . . . Ausser dieser gewaltigen Menge von Kanonen haben wir noch eine Artillerie von wunder barer Wirkung, wenn man sie richtig gebraucht. Sie besteht aus 20 6-Pfändern und 4 Haubitzen. Man sucht sich gute Pferde als Bespannung aus, und die gesammten Bedienungsmannschaften sind mit polnischen Pferden beritten gemacht. Ein Kapitän und zwei Subalternen sind ihm beigegeben. Dieses Geschütz lässt sich wie der Wind fortbewegen und in weniger als einer Minute habt ihr an dem bezeichneten Orte eine Batterie aufgepflanzt. Wenn man diese Erfindung in täglichen Gebrauch nähme, *) Wer denkt hier nicht an unsere schwere Artillerie des Feldheeres? zwei von derselben Partie; bewahrt man aber das Geheimniss und bedient sich nur gelegentlich dieser leichten Artillerie in entscheidenden und höchst wichtigen Momenten, wie wir es bei Reichenbach thaten, so wird man unzweifelhaft den grössten Vor theil daraus ziehen.» Den Vorteil der Vorhand in der Feuereröffnung stellt Friedrich folgendermassen dar: «Die Kanone wirkt in freier Ebene fürchterlich, und das Schlimme ist, wenn Ihr den Feind angreift, sind alle seine Batterien bereits errichtet, und er kann auf Euch feuern, während Ihr die Euren erst ansetzt; und das ist ein ungeheurer Unterschied!» Wir mussten aus diesem Testament vieles wört lich anführen, denn in einem Testament pflegt sich der Mensch zu zeigen, wie er ist, und den Menschen wollen wir ja betrachten. Am Schluss kommt das Bewusstsein, auch nur ein schwacher Sterblicher zu sein, trotz aller Erfahrung und Geistesschärfe, schalk haft-bissig zum Ausdruck, wenn Friedrich sagt: «Man muss stets diese Regeln vor Augen haben, und doch ist Niemand unfehlbar ausser dem Papst!» Die letzte grössere militärische Schrift Friedrichs sind die «Grundsätze der Lager-Kunst und Tactic». Die in scharfsinnigster Nutzbarmachung der Kriegserfahrung einmal gefundenen Grundsätze bleiben bestehen. Aber es mochte das Bedürfnis vorliegen, dem jungen Nachwuchs an höheren Führern eine Unterweisung in die Hand zu geben, welche den neuesten Erfahrungen gerecht wurde, was die 22 Jahre alten Generalprinzipien längst nicht mehr thaten. Friedrich konnte sich jedenfalls einer solchen Neubearbeitung bei seiner Unermüdlichkeit und Gewissenhaftigkeit nicht entziehen. Mit noch grösserer Entschiedenheit als je vorher ist hier ausgesprochen, dass es ohne Artillerie überhaupt nicht geht! Nachdem im 36. Artikel, von der Feld-Artillerie, darauf hingewiesen worden ist, dass die Infanterie von der Artillerie unterstützt werden muss und zu diesem Zweck, wenn Höhen vorhanden, Kanonen, sonst Haubitzen verwendet werden müssen, sagt Friedrich geradezu: «Wenn ihr aber weder Canons noch Haubitzen anbringen könnt, alsdenn lasst nur euer Vorhaben fahren, und dencket auf andere Mittel, wie ihr im Stand seyn möget, den Feind aus seinem vortheilhaften Posten zu vertreiben.» Aus diesen Worten sieht man, wie tief in Friedrichs Geist die Ueberzeugung Platz gegriffen hatte, dass die Artillerie unentbehrlich sei, genau ebenso unentbehrlich wie Infanterie und Kavallerie. Und bestärkt wird dieser Eindruck noch durch die Worte: «Die Artillerie leistet demnach bey dem Angriff eines Posten die vorzüglichsten Dienste, allein sie verschaff noch weit wichtigem Nutzen, wenn man selbst einen solchen Posten zu ver theidigen hat.» Im Vorwort sagt Friedrich sogar: «Wir müssen uns ins Gedächtniss wohl einprägen, 214 Zeitschrift für historische Waffenkunde. dass wir in der Zukunft nichts als einen Artillerie krieg- zu machen und Postens zu attaquiren haben II. Band. noch findet, um Wiederholungen zu vermeiden, und werden . . . .» Dass die mannigfache Verwendung, je nach Gestalt des Geländes, die alten geometrisch regel mässigen Figuren der Truppenaufstellung mehr und mehr hinfällig machen musste, ist klar, und darauf zielt Friedrichs Satz: «Zu diesem Endzweck1) müsset ihr eure Trouppen - nach denen Krümmungen des Terreins stellen, und zum Aufmarsch derer Treffens euch die grade Ligne gänzlich aus dem Sinne schlagen, > ein Satz, der seinem inneren Gehalte nach noch heute mannigfach in Erinnerung gebracht werden möchte. Es sind stets dieselben Fehler und Marotten, die aus dem Durchschnitts menschen herausgetrieben werden müssen; auch heute noch ist das widerlich-kleinliche Haften am hergebrachten Schema, welches Friedrich hier ver wirft, noch lange nicht aus der Welt geschafft. Ich übergehe die vielfachen sonstigen Erwäh nungen, welche die Artillerie in der Lager-Kunst und Tactic, wie in den sonstigen Schriften Friedrichs l) Bestreichung- des gesamten Geländes vor der Front eines Lagers. ziehe das Facit aus unseren bisherigen Betrachtungen. Friedrich hatte, wie alle grossen Feldherren, den Grundsatz: «mit allen Kräften und Mitteln an griffsweise die Entscheidung herbeizuführen». Hierzu wird alles Vorhandene verwendet und nötigenfalls umgestaltet, so auch die Artillerie. Jede Erfindung des Friedens, jede Erfahrung des Krieges wird nutzbar gemacht und den ausführenden Organen in kurzen, geistvollen, scharf durchdachten und über zeugenden Worten zur Verwendung zubereitet. Kein Zeitgenosse hat so wie Friedrich die Erfahrungen der Praxis geistig zu verarbeiten verstanden, weil keiner diesem Endziel, angriffsweise die Entscheidung zu suchen, nachzustreben die Kraft hatte. Dazu gehört eben die Seelengrösse eines Friedrich, welche die Verhältnisse unter ihren Willen zwingt, nicht von ihnen abhängig ist. Und das führt zu dem, was ich eingangs streifte: nicht die Waffe ist es, welche mit ihren Verände rungen Taktik, Strategie, Kultur u. s. w. beeinflusst, sondern es ist der Menschengeist, der die Waffen in ihrer fortschreitenden Vervollkommnung seinen Zwecken dienstbar macht. Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Nochmals der Deutschordens-Hochmeisterschild. Von Landgerichtsrat Bernh. Engel in Thorn. }n der mir zugegangenen «Mitauschen Zeitung» vom 18. November (i. De zember) 1900 ist eine Besprechung meines Aufsatzes über den Innsbrucker Hochmeisterschild abgedruckt, welche durch Freiherrn Alex. v. Rahden in der Sitzung der «Sektion für Genea logie, Heraldik und Sphragistik» vom 3. Oktober 1900 erfolgt ist. Darin ist Nachstehendes ausgeführt: «Frhr. v. Rahden erklärte, dieser Ansicht des Verf. (nämlich, dass der Schild als Tartsche anzu sprechen sei, und dass wir es mit einem wirklichen Gebrauchsschilde des Hochmeisters etwa aus dem Jahre 1320 zu thun haben,) nicht beipflichten zu können: dass der vorliegende Schild keine Tartsche sei, lehre schon der blosse Augenschein und könne der Verf. bei dem Fehlen der charakteristischen Merkmale für diese Schildform nur durch das Be streben sich zu dieser Annahme haben verleiten lassen, für den thatsächlich vorhandenen Anachronismus, der zwischen Schild- und Wappenform bestehe, eine Erklärung zu finden. Nach der Ansicht des Vor tragenden weise indessen der vorliegende Schild die typischen Formen der sog. normannischen Kampf schilde auf, die bis zum Anfänge des 13. Jahrhunderts im Gebrauch waren und dann durch die gotischen Dreieckschilde verdrängt wurden, während die Be malung des Schildes mit dem Wappen des Deutsch ordensmeisters sowie die Umschrift offenbar einer viel späteren Zeit angehören. Auch gegen die vom Verf. zur Erklärung dieser letzteren aus dem Gebiete der Sphragistik herbeigeholten Analogien müsse Referent entschieden Einsprache erheben; denn ein so selbstverständliches, ja notwendiges Requisit die Legende auf den Siegeln bilde, ebenso befremdlich, ja unmöglich erscheine eine Umschrift auf einem Gebrauchs- resp. Kampfschilde, die dem Träger desselben der Aussenwelt gegenüber gewissermassen als Legitimation hätte dienen sollen. Dazu bedurfte es aber in jener Zeit keinerlei Aufschrift, da das auf dem Schilde angebrachte Wappenbild und der mit dem Kleinod geschmückte Helm zu diesem Behufe vollkommen genügten.» «Nicht minder auffallend muss die Darstellung des vollständigen Wappens auf dem in Rede 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. stehenden Kampfschilde erscheinen, wofür wir aus 215 der Schild selbst. Wäre dieses der Fall, so müsste dem 13. und dem Anfänge des 14. Jahrhunderts kein weiteres Bespiel besitzen, denn Wappen und Waffen waren damals noch synonyme Begriffe. Erst nach dem um die Mitte des 14. Jahrhunderts der gotische Schild der slavischen Tartsche den Platz hatte räumen müssen, begann man dieselbe durch Aufnahme des ganzen Wappens nach neuerem Begriff — (i. e. Schild, Helm, Decken, Kleinod) — zu schmücken, da diese neue Schildform, namentlich in ihrer ursprünglichen Gestalt als Wappenschild, d. h. zur unmittelbaren Aufnahme des Wappenbildes, nicht besonders ge eignet war. Referent resümierte seine Ansicht über den besprochenen Hochmeisterschild dahin, dass derselbe in seiner heutigen Gestalt wohl schwerlich als Kampfschild von dem Hochmeister gebraucht worden sei, es sich vielmehr um einen aus dem 13. Jahrhundert stammenden sog. normannischen Schild handle, der vermutlich zu Dekorationszwecken, vielleicht um ihn als Toten- resp. Gedächtnisschild zu verwenden, in einer späteren Zeit, aber wohl jedenfalls noch im 13. Jahrhundert, mit dem Wappen des Hochmeisters bemalt worden sei.» Diese Einwendungen kann ich nicht gelten lassen: Zunächst bin ich in der angenehmen Lage, zur Unterstützung meiner Zuteilung unseres Schildes an Carl Beffart von Trier ein weiteres Belegstück bei zubringen. Das ist das Sekret dieses Hochmeisters. Dasselbe fehlt bei Vossberg und war mir bisher entgangen. Es findet sich — ohne Erwähnung im Texte — auf Taf. 5, Fig. 14 zu Seylers Geschichte der Heraldik abgebildet,1) daneben ist die Jahres zahl 1323 vermerkt. Das Siegel zeigt den Hoch meisterschild, und zwar im Gegensatz zu allen übrigen Hochmeistersiegeln älterer Zeit nicht mit Balken-, sondern Kleeblattkreuz, genau so wie auf den von mir erwähnten Siegeln des Elbinger Komturs von 1310 und 1319. Auch die Umschrift f SECRET : FR (atr) IS : KAR (oli) : MAG (ist) RI : FR (atru) M . TEVT entspricht derjenigen unseres Schildes, nur dass bei letzterer noch «ordinis» eingefügt ist. Wenn nun auch die Kleeblätter auf unserem Schilde nicht rund, sondern in Spitzen ausgezogen sind, so meine ich, ist doch der Umstand allein, dass das Siegel dieses Hochmeisters als einziges ein Kleeblattkreuz zeigt, und dass ein solches zu gleicher Zeit auf den Elbinger Siegeln erscheint, zwingend für die Zeit stellung unseres Schildes bezw. zunächst der Malerei. Wenn der Herr Referent letztere noch in das 13. Jahr hundert setzen will, so hat er dafür keinerlei Gründe angeführt. Ebensowenig erscheint seine Annahme zutreffend, dass die Malerei einer späteren Zeit entstamme, als 1) Die Tafeln 5, 6 und 7 stammen wohl aus Vossbergs Nachlass; vergl. Vorwort S. VI. zweifellos unter der jetzigen eine ältere Malerei vor handen sein, denn auch im 12. Jahrhundert waren alle Schilde bemalt, und von dieser älteren Malerei müssten sich Spuren zeigen, da die reichlichen Ab blätterungen der jetzigen Tünche jene hier oder da hervortreten lassen würden, wenn man nicht etwa annehmen wollte, dass der spätere Maler die ältere Tünche gänzlich abgewaschen habe. Letzteres wider spräche aber — wie ähnliche Fälle beweisen — gänzlich den damaligen Gewohnheiten; und von einer älteren Malerei ist keine Spur vorhanden, wie mir Herr Geheimer Baurat Dr. Steinbrecht in Marien burg', welcher den Schild neuerdings eingehend unter suchte, bestätigt hat. Weiter kann ich auch die Annahme nicht gelten lassen, unser Schild sei in seiner gegenwärtigen Ge stalt kein Gebrauchs-, sondern ein Dekorationsschild gewesen. Das Gegenteil ergiebt sich schon aus der Beschaffenheit der Rückseite. Diese ist offenbar gleichzeitig mit der Vorderseite bemalt, und zwar vor Befestigung des Armpolsters und der Riemen. Wozu bedurfte ein Dekorationsschild einer rück wärtigen Bemalung, wozu des Polsters und der Riemen? Daneben kann der Umstand, dass das Anbringen einer Umschrift auf einem Gebrauchs schilde etwas Ungewöhnliches ist, nicht in Betracht kommen. Uebcrdies finden wir aber ähnliches — wenn auch nicht an anderen der spärlich erhaltenen Originale — so doch an Darstellungen von solchen: So zeigt das Standbild des Markgrafen Wilhelm von Meissen im Naumburger Dom auf dem Schildrande den Namen seines Trägers. (Abbildung bei Mansbcrg, Wäfen unde Wicgewaete, Taf. VIII, Fig. 10.) Zwar der Markgraf war schon 1062 gestorben, während die Figur dem 13. Jahrhundert entstammt. Wäre aber das Anbringen einer Inschrift auf dem Schild rande so etwas Unerhörtes gewesen, so hätte der Meister den Namen sicher an einer anderen Stelle z. B. auf dem Sockel oder einem Spruchbande an gebracht. Ferner zeigt ein romanischer Reliquien schrein (ca. 1130) im Museum zu Stuttgart einen Ritter mit Schild, dessen Rand den Namen Cassius trägt. (Zeitschr. d. herald. Vereins «Kleeblatt» 1895, S. 47 und Taf. dazu Fig. c.) Hier hätte der Name ebenfalls leicht an anderer Stelle angebracht werden können. Auch ist. nicht ersichtlich, weshalb ein Deko rationsschild in höherem Masse einer Umschrift be durfte, als ein Gebrauchsschild. Jener fand doch ebenfalls nur da Verwendung, wo das Wappen be kannt war. An einen Totenschild kann überhaupt nicht gedacht werden; denn abgesehen davon, dass ein solcher fraglos mit dem Namen des Verstorbenen bezeichnet sein würde, steht fest, dass der Schild aus der Burg Reifenstein stammt; dort aber wie überhaupt in jener Gegend ist kein Hochmeister gestorben. Carl Beffart starb in Trier. Anderer 210 Zeitschrift für historische Waffenkunde. seits lässt sich wohl geltend machen, dass das II. Band. leitet den Namen Tartsche von dem arabischen därake Wappen des Hochmeisters nicht überall in Italien bekannt gewesen sein wird, so dass cs erklärlich erscheint, wenn Carl für seine Reise nach Rom, bei welcher er an vielen Orten Herberge nehmen musste, seinen Schild mit einer erläuternden Um schrift versah. Es lässt sich annehmen, dass ihm bei seinem Einzuge in die Städte der Schild vorauf getragen und sodann an seiner Herberge — wie damals üblich — aufgehängt wurde. Es erscheint mir aber auch schon an sich als eine sehr nahe liegende Wechselwirkung, dass — nachdem es Mode geworden war, den Siegeln die Form des Gebrauchs schildes zu geben, — nun auch umgekehrt gelegent lich der letztere mit einer bei Siegeln üblichen Um schrift versehen wurde. Ich glaube also erneut dargethan zu haben, dass unser Schild in seiner gegenwärtigen Gestalt, d.h. samt seiner Bemalung, ein Gebrauchsschild ist, und dass beide gleichzeitig sind, also der Zeit von etwa 1320 entstammen. Am Ende war damals ein Schild auch nicht ein so kostbares Ding (1400 wird der Schild in Preussen mit 1 Firdung bezahlt), dass man für einen Hochmeister oder auch zu seinen Ehren ein veraltetes 50 bis ioojähriges Stück hätte hervorsuchen müssen. Aus dem Gesagten folgt weiter, dass unser Schild nur als Tartsche angesprochen werden kann; denn nur eine' solche, niemals aber ein normannischer oder gotischer (dreieckiger) Schild ist mit einem Vollwappen (heraldischem Schild und Helm mit Kleinod) bemalt worden. Ich halte es auch für gänzlich ausgeschlossen, dass im 14. (oder auch 13.) Jahrhundert ein Schildmaler einen gotischen (oder normannischen) Schild selbst zu Dekorations oder Gedächtniszwecken mit einem Vollwappen be malt haben würde. Der Herr Referent meint freilich, schon der blosse Augenschein lehre, dass der vor liegende Schild keine Tartsche sei, da die charak teristischen Merkmale für diese Schildform fehlen. Der Herr Referent scheint dabei anzunehmen, dass diese Merkmale in der Wissenschaft bereits fest gelegt seien. Das ist wohl bezüglich der späteren Wappenschildform (also in der Heraldik) der Fall, bei welcher als Kennzeichen der Tartsche der Speer einschnitt bezw. dessen Andeutung, die Nase, gilt, keineswegs aber bezüglich der Gebrauchstartsche in ihrer ursprünglichen Form. Referent stützt sich vielleicht auf Seylers «Ge schichte der Heraldik», wo S. 328 die Tartsche als von dem slavischen Osten entlehnt bezeichnet und als beinahe viereckig mit sanft gebogenen Rändern und mit Speerausschnitt versehen beschrieben wird. Einen Beweis für die Entlehnung von den Slaven bringt Seyler nicht.1) Boeheim, «Waffenkunde» S. 176, *) Herr Geh. Kanzleirat Seyler hat sich dabei gütiger brieflicher Mitteilung zufolge insbesondere auf die Aus führungen in der Zeitschr. des Vereins «Herold» 1889 S. 88 gestutzt. Dieselben erscheinen jedoch nicht überzeugend. Vgl. dagegen a a O. S. 109 und 164. ab, wovon das italienische targa stamme, womit ur sprünglich der kleine Rundschild bezeichnet worden sei. Zugleich legt Boeheim aber den Namen Tartsche dem kleinen dreieckigen Schilde (petit ecu) bei und giebt als Beispiel eine Abbildung des Seedorfer Schildes. Mansberg, Wafen unde Wicgewaete, S. 47, bringt daneben die Ableitung von dem nordischen tiarga, althochdeutsch zarga = Schutzwehr. (Vgl. San Marte, «Waffenkunde» S. 102.) Die Entstehung der Tartsche führt Mansberg auf den Wunsch zurück, dem Schilde unter Beibehalt der landesüblichen Höhe eine grössere Breite zu geben. «Im übrigen — be kennt er — ist man gar nicht imstande, eine be stimmt ausgesprochene Form dieser Schildart zu schreiben zu können.» Welches sind denn nun die charakteristischen Merkmale, die der Herr Referent im Auge hat? Die Bezeichnung «Tartsche» kommt bereits im 13. Jahrhundert vor. (Vgl. San Marte und Mans berg a. a. O.) Der Speereinschnitt war damals noch nicht erfunden; er kann also das Merkmal nicht sein. Dagegen finden wir im 13. Jahrhundert neben der gewöhnlichen, unten spitzen Schildform eine andere, unten halbrunde.1) Vgl. Demmin, «Kriegswaffen», 3. und 4. Aufl., S. 384, Fig. 2, und die schildförmigen Siegel derselben Gestalt bei Adelung, Tafel zu Teil V, Fig. 11, 12, und in der Zeitschrift des Vereins «Herold» 1891, Tafel zu S. 33, Fig. 20.s) Diese Schilde wird man doch wohl als Tartschen ansprechen und Mansberg recht geben müssen, wenn er die grössere Breite (natürlich des unteren Teiles) als Merkmal der Tartsche bezeichnet. Auch die recht eckigen Siegel bei Seyler, «Geschichte der Siegel» Fig. 52 (1279), 53 (1300), und Adelung, Teil V, S. 330 (1305) sehe ich als schildförmige, d. h. tar tschenförmige an. Sie haben noch keinen Speer einschnitt. Das bei Seyler a. a. O. S. 95 vermerkte, aber nicht abgebildete Siegel in Tartschenform mit Ein schnitt (1339) ist durchaus nicht rechteckig, wie die nebenstehende Umrisszeich nung ergiebt, insbesondere in seinem oberen Teile nicht gerade abgeschnitten, sondern eher gerundet. Mir scheint aber, dass der Herr Referent den Innsbrucker Schild gerade deshalb den normannischen Schilden einreihen will, weil er oben halbkreisförmig ist. Das allein kann aber nicht ent scheiden ; der normannische Schild verlangt vielmehr andererseits nach unten hin eine Spitze, also Keil *) Die um 1400 wieder erscheinenden halbrunden Schilde sind eine heraldische Neubildung von lediglich stilistischer, nicht waffentechnischer Bedeutung. (Vgl. Boeheim S. 177.) 2) Vgl. Henne am Rhyn, Gesch. d. Rittert. S. 57. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. form.1) So erscheint der Schild bis zum Ende 217 erst um die Mitte des 14. Jahrhunderts vorkomme. seines Auftretens. (1294, Seyler, Heraldik, S. 73, No. 7.) Zwar die überaus schlanke Form der älteren Zeit hatte allmählich einer mehr gedrungenen Platz gemacht, die Spitze aber ist überall vorhanden, sie ist ebenfalls ein Kennzeichen dieser Schildform, und dass sie es ist, ergiebt der Umstand, dass der aus dem normannischen Schilde hervorgegangene go tische (dreieckige) Schild die Spitze ebenfalls bei behalten hat. Hält man daneben unseren unten breit abgerundeten Schild, so erscheint es völlig ausgeschlossen, ihn als normannisch anzusprechen, wenn nicht schon die Bemalung das Gegenteil er gäbe. Unrichtig ist übrigens die Annahme des Herrn Referenten, dass die Bemalung mit Vollwappen *) Wenn in der Kudrun (vgl. Seyler, Heraldik, S. 81) kiule und buckelaere nebeneinander genannt werden, so könnte sich ersterer Ausdruck vielleicht auf die keilförmigen, d. h. unten spitzen Schilde beziehen. Seyler, Heraldik, weist Seite 328 zwei Fälle von 1318 und 1320 nach, denen sich der unsere als dritter anreiht. Sonach muss ich in allen Punkten meine früheren Ausführungen aufrecht erhalten, auch dass die Form unseres Schildes «etwas absonderlich» ist, aber nicht mehr als z. B. die Tartsche mit unterer Spitze bei Seyler, Heraldik, Taf. 9, Fig. 2. Bei unserem Schilde ist im Gegensätze dazu die obere Abrundung etwas absonderlich. Aber wir wissen ja gar nicht, wo dieser Schild gefertigt wurde, vielleicht- während der Fahrt Carl Beffarts in Italien selbst; und dort hat man die oben abgerundete Schildform (aller dings zugleich mit unterer Spitze) bekanntlich noch weit später beibehalten. (Vgl. Festschrift des «Herold» 1894, S. 183. Ferner für Frankreich: Weiss, Kostümk. d. 14.—16. Jahrh., alte Ausgabe, S. 87, Fig. 52.) Noch ein Wort über die „genuesischen Klingen“. Von Dr. G. Petzsch. ie Abhandlung von Dr.Wilh. I k Erben «Zur Deutung der Klingeninschrift FR1N GIA» in Heft 5 des zweiten Bandes, welche V sich gegen einige wissen W schaftliche Ergebnisse, ’ die M. von Ehrenthal in seinem Aufsatze «Genuesische Klingen» (Heft 2 u. 3 der Zeitschrift) niedergelegt hat, wendet, ist geeignet, beziehentlich mehrerer darin festgestellter Thatsachen Zweifel oder Unsicherheit hervorzurufen. Gestützt auf das Material von echten genuesischen Klingen, welches seit Jahrhunderten im Königlichen Historischen. Museum zu Dresden aufbewahrt wird, sieht sich der Schreiber dieses daher in der Lage, zu der Streitfrage ebenfalls das Wort zu er greifen. Zuerst sei zu dem Worte Fringia noch eine Bemerkung gemacht. Wer der Annahme Dr. Erbens beistimmt, dass das türkische Wort frengi (fränkisch, abendländisch) der Bezeichnung Fringia oder Frangia zu Grunde liege, und ebenso seiner Ansicht, dass der türkische, nicht der ungarische, bez. abendlän dische Sprachgebrauch bei der Anbringung des Wortes massgebend gewesen sei, dass also die orientalische Kundschaft ein orientalisches Wort auf den gekauften Klingen sehen wollte, der möge be denken, dass die Türken das stets in lateinischen Buchstaben wiedergegebene Wort keinesfalls lesen, dass sie auch mit dem Schriftbilde kaum eine Vor stellung verbinden konnten. Die Klingenfabrikanten und -Verkäufer aber hätten sich mit einiger Mühe sehr wohl die Schreibweise des türkischen Wortes in türkischen Buchstaben aneignen können, wenn dies ihrem kaufmännischen Interesse förderlich ge wesen wäre. Ohne nun bestreiten zu wollen, dass das Abendland neben anderen Waffen auch Säbel klingen an die Türken absetzte, möge doch darauf hingewiesen werden, dass, nach den auf unsere Zeit überkommenen türkischen Säbeln zu schliessen, der Bedarf an Klingen fast ausschliesslich im osmanischen Reiche oder von Persien her gedeckt worden sein dürfte; denn türkische Säbel mit westeuropäischen Klingen gehören jedesfalls zu den grössten Selten heiten. Nehmen wir aber trotzdem an, dass die im allgemeinen doch ziemlich geschäftsgewandten euro päischen Klingenhändler nicht auf den Gedanken gekommen wären, den Handel mit Säbelklingen mittels des türkisch geschriebenen Wortes Fringia zu beleben und zu fördern, so stellt uns Erben vor folgende Möglichkeiten: 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 1. Das a der Endung' im Worte Fringia wäre 219 Cividale, Toledo, Valencia und anderen haben? Es die mechanische Nachbildung anderer Her kunftsbezeichnungen auf Klingen (wie Genoa, Venecia u. a.), was dem Sinne nach mit der anderen Annahme zusammenfällt, Fringia wäre der aus frengi gebildete Ländername mit der Bedeutung «Frankenland, Abend land». — Hiergegen wäre geltend zu machen, dass eine derartige Wortbildung für Mund und Ohr von Orientalen ganz unwahrschein lich ist; da für den Begriff Franken- oder Abendland ausserdem das Wort Fransa, in neuerer Zeit Frangistan im Türkischen existiert, ist nicht erfindlich, warum ein Abendländer, um bei den Orientalen ge schäftlichen Erfolg zu haben, ein neues und dabei nicht einmal ohne weiteres verständ liches Wort gebildet haben sollte. 2. Als ferner mögliche Erklärung des Wortes Fringia — Frangia nimmt Erben eine ab sichtliche Latinisierung an. Spricht dagegen schon der oben angeführte Grund, der völlige Mangel an Verständnis bei den Türken, so muss mindestens ebenso der Umstand in Betracht gezogen werden, dass das dem Abendländer vertraute deutsche Wort frank in richtigem Lateinisch nur Franca oder Francica (seil, framea), nie aber frangia oder anders lauten kann. Schreiber dieses weiss wohl, dass er mit der Darlegung dieser Widersprüche selbst keine neue positive Erklärung der vielumstrittenen Klingen inschrift geben kann;1) Erbens Aufstellung, welche nach seinem Dafürhalten «nirgends zu unwahrschein lichen Annahmen nötigt», dürfte sich aber nach dem Vorstehenden wohl auch nicht als stichhaltig er weisen. Von praktischer Bedeutung für uns wäre nur die eine Erklärung des umstrittenen Wortes, welche gleichzeitig den sicheren Nachweis der Her kunft derartiger Klingen lieferte, wie es die Notiz in dem Nachlassverzeichnis des Peter Zriny, «Framea cum ferro Fringiae Genuae», vermuten lässt. — Noch ungleich schärfer muss aber der Ansicht von Dr. Erben über die Genueser Klingen und ihre Bedeutung widersprochen werden. Es erscheint völlig unerfindlich, warum die eingeschlagene Inschrift GENOA oder GENOVA auf Klingen von italieni schem Typus etwas anderes bedeuten soll als den Herkunftsort, nämlich die Stadt Genua in Italien, deren Klingenindustrie, wie Erben selbst zugiebt, einen Weltruf genoss. Was soll das Wort nur sonst besagen und welches ist denn das Kennzeichen der echten genuesischen Klingen, wenn es nicht der Stadtname ist, zu welchem wir Parallelen in Venecia, !) Jedenfalls ist auch — und das dürfte nicht im Wider spruch zu den Ausführungen des Herrn Verfassers stehen — die früher versuchte Auflösung des Rätselwortes aus philo logischen und historischen Gründen nicht zu halten. Die Schriftleitung. wäre absurd, bei einem Fachgelehrten, wie es Erben ist, nicht die Kenntnis der charakteristischen Merk male von italienischen Klingen des 15. und 16. Jahr hunderts vorauszusetzen; für die Gesamtheit der Leser unserer Zeitschrift dürfte 'es aber wohl nicht unwill kommen sein, solche wenigstens im Bilde kennen zu lernen. Es sei daher zu der nebenstehenden Ab bildung folgendes bemerkt: Alle fünf Klingen tragen die unzweifelhaften Merkmale der italienischen Her kunft und überdies als spezielles Zeichen der Unter scheidung von anderen Klingen die parallel laufenden, sauber ausgezogenen Kannelierungen (Blutrinnen), welche sich, meistens zwei, drei oder vier, über einen Teil oder auch über die ganze Länge der Klinge erstrecken. No. 1, ein Schwert mit lederbezogenem Griff und S-förmiger eiserner Parierstange, unterhalb wel cher zwei Lederlappen angebracht sind, welche die (in der Scheide steckende) Klinge vor eindringendem Regen schützen sollten, wurde als «Wehr Kaiser Karls IV.» (-f 1378) dem sächsischen Kurfürsten Christian I. in einem der letzten Jahre des 16. Jahr hunderts von Ladislaw Popell von Lobkowitz ver ehrt. Die dreifach angebrachte Marke (vgl. «Führer durch das Königliche Historische Museum zu Dresden» von M. v. Ehrenthal, 3. Aufl. [1899], S. 8, No. 30) auf der vorzüglichen Klinge bezeichnete Boeheim als «vermutlich brescianisch», also italienisch. No. 2, ein sogenanntes Schweinsschwert aus der Zeit um 1520, trägt auf der Klinge neben der Sichel marke ein als «halber Reichsapfel» bekanntes Meister zeichen (vg'l. «Genuesische Klingen» von M. v. Ehren thal in Heft 2 der Zeitschrift, S. 27, Fig. 1) und führt uns in dem schönen, schneckenförmig gewundenen und in Eisen geschnittenen Gefäss ebenfalls eine un zweifelhaft italienische Arbeit vor Augen. No. 3 ist die mit einer von Boeheim als mai ländisch angesprochenen Marke (vgl. «Führer durch das Königliche Historische Museum zu Dresden» von M. v. Ehrenthal, S. 143, No. 1) gezeichnete Stoss klinge eines ovalen hölzernen Armschildes, dessen Oberfläche mit einer auf Leder gemalten Kampfes scene überzogen ist. Jeder Teil dieses Rüststückes leitet seine Flerkunft aus Italien ab, wo es etwa 1520 entstand; 1588 ward es, wie urkundliche Nachrichten besagen, von dort nach Sachsen gebracht. No. 4 und 5, Säbel mit Sichelmarke auf den Klingen, der erstere ausserdem mit dem Worte GENOVA (vgl. Fig. 4 und 5 auf S. 27 in Heft 2), beide in ungarischer Fassung und aus der Zeit um 1560. No. s trägt am Knopf die Jahreszahl 1569 und wurde laut Inventar-Nachricht als Andenken an den Feldobersten Fabian von Schönaich vom Kur fürsten August von Sachsen (1526—1586) gern ge tragen. Es muss bei der Erben sehen Darlegung un bedingt in Berechnung gezogen werden, dass ihrem Verfasser Originale wie die vorstehend abgebildeten 29 II. Band. 220 Zeitschrift für historische Waffenkunde. aus dem Historischen Museum nicht Vorgelegen haben, sondern dass er sein Urteil lediglich von den Husarensäbeln mit Sichelmarke im k. und k. Heeres museum zu Wien, die wohl sämtlich kaum über die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückgehen, vor allem aber von den bestechenden Momenten abhängig machte, welche die Bestände des Grazer Landes zeughauses und die urkundlichen Nachrichten über deren Herkunft ihm lieferten. Und doch sind auch diese Momente durchaus nicht vermögend, die v. EhrenthaFsche Hypothese über die Genueser Klingen irgendwie zu entkräften. Denn selbst, wenn die grosse Zahl von Klingen in Graz (14 mit Frindia, 18 mit Geneva und 367 mit der Sichelmarke) zu den vom Jahre 1577 an bekannten Bestellungen in Steiermark, Passau und Wiener-Neustadt gehörte, wofür ja, wie zugegeben werden soll, eine gewisse Wahrscheinlichkeit vorliegt, so ist doch damit nicht im entferntesten bewiesen, dass alle überhaupt vor kommenden Schwert- und Säbelklingen mit der ge nannten Bezeichnung ihren Ursprung aus einem der genannten Oerter herleiten müssen. Was hätte das auch für Sinn? Um die Frage nach dem Ursprung der Klingen im Grazer Zeughause zu entscheiden, müsste man sie natürlich erst sehen; wahrscheinlich sind sie ihrer Struktur nach auch nicht einander gleich und entstammen ebenso verschiedenen Zeiten als verschiedenen Werkstätten. Unschwer dürfte sich aber gerade aus Erbens scharfsinnig gruppiertem Beweismaterial und unter Anerkennung seines Schlusses, dass die angeführten Grazer Klingen wahrscheinlich steierischer Herkunft sind, ergeben, dass die von M. v. Ehrenthal namhaft gemachten Klingen mit der Aufschrift Genoa eben genuesische sind: denn auf den Grazer Waffen steht gar nicht Genoa oder Genova, sondern Geneva, ein Wort, das den Typus der Nachahmung an der Stirn trägt und unbedingt auf ein unverstandenes fremdsprachliches Vorbild hinweist! Wie die Solinger und andere die Namen der berühmten südeuropäischen Klingen schmiede und Werkstätten in naivem Solinger Deutsch für ihre eigenen Klingen adoptierten — es braucht nur auf Beweismaterial wie Pichinio (anstatt Picinino), Dolleta (für Toledo), Infaleo (anstatt in Valencia) im Historischen Museum verwiesen zu werden —, so machten sich eben die Steierer aus dem renommierten «Genova« ein «Geneva» (wohl auch «Geneve»: vgl. No. 2786 bei Szendrei, Ungarische kriegsgeschichtliche Denkmäler in der Millenniums Landesausstellung) zurecht und erhöhten damit in den Augen ihrer Zeitgenossen den Wert ihrer ge wiss an und für sich schon guten Waffen. Das Vor handensein eines berühmten italischen Vorbildes wird also durch dieses verdorbene italienische Wort ge radezu bewiesen. Das Beste ist, dass Erbens Ge währsmann, Pichler, in seinem Werke «Das Landes zeughaus zu Graz» selbst mehrfach die Ansicht ausspricht, dass recht viele Verfertiger der Klingen mit den stolzen Namen «gute steierische Landsleute» gewesen sein mögen, wie denn auch aus dem ur kundlichen Wortlaute der Bestellungen und Liefe rungen (Pichler, S. 106 ff.) hervorgeht, dass die Lieferanten recht vielseitige Meister gewesen sein müssen. Gleich in den ersten Jahren lesen wir unter den Eingängen im Landeszeughause: «291 Wolhisch (wälsche) khlingen, 327-Sabl aufVngrisch, 265 wellisch Rappier» und anderes. Wie konnten die Klingenschmiede aber ihre Erzeugnisse dem Entnehmer gegenüber als wälsch, ungarisch u. s. w. kennzeichnen, wenn nicht durch Nachahmen von fremdländischen Typen und Schmiedemarken? Die sogenannten wälschen Waffen werden wohl die mit der imitierten Sichelmarke oder mit dem schönen Worte Geneva gewesen sein! Die bei Hiltl (Die Waffensammlung S. K. H. des Prinzen Karl von Preussen, Mittelalterliche Abteilung) unter No. 301 beschriebene Schwertklinge vom Jahre 1587 mit der Sichelmarke, einer deutschen Inschrift und dem Worte Neustadt gehört möglicherweise zu den Erzeugnissen von Wiener-Neustadt, obgleich gar nicht in Abrede gestellt werden kann, dass die in dem Buche abgebildete Marke einen sehr vertrauen erweckenden Eindruck macht. Man müsste natürlich, um zu einem abschliessenden Urteile zu gelangen, die Waffe erst im Original vorliegen haben. Auch die im Catälogo histörico-descriptivo de la Real Armerfa de Madrid (1898) auf Seite 376 vom Conde de Valencia wiedergegebene Klingen inschrift — das Wort GEON zwischen den korrum pierten Sichelmarken und einem Zeichen, das der vorhin bei No. 1 vorgekommenen Marke ähnelt — dürfte schon bei flüchtigem Ansehen hinlänglich darthun, dass die aus den Kämpfen um Orän(i732) stammende Waffe (alfanje morisco) ein neueres Er zeugnis, wahrscheinlich aus einer spanischen Werk statt des 18. Jahrhunderts ist. So finden sich fast überall Nachahmungen genuesischer Klingen, ein Umstand, auf den ja M. v. Ehrenthal in seinem Aufsatze auch schon hingewiesen hat. Auf den echten italienischen Klingen — und zwar schon vom Anfänge des 16. Jahrhunderts an, einer Zeit, in welcher eine cisalpine Nachahmung der Sichel- oder einer anderen italienischen Marke noch nicht nachzuweisen ist — kommt dagegen das Sichelzeichen, eine, wie v. Ehren thal mit Recht annimmt, örtliche Signatur, in Ver bindung mit Marken vor, die sowohl andere Fach männer, als vor allen der Paladin unserer Wissen schaft, der zu früh verblichene Wendelin Boeheim, als unbedingt italienische festgestellt haben; das gilt z. B. auch von denjenigen, welche auf der bei gegebenen Abbildung ersichtlich sind. Sie speziell als Zeugen der genuesischen Klingenindustrie er kannt zu haben, ist das Verdienst der v. Ehren thal’schen Abhandlung, welche zugleich die für die Wissenschaft bedeutsame Aufgabe löste, die ver lorene Spur einer hochberühmten Waffenstadt wieder zufinden. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Die fürstlich Radziwillsche Rüstkammer zu Nieswiez. Von M. v. Ehrenthal in Dresden. (Schluss.) ie bereits bemerkt, sind 221 man als belebendes Element zierliche Eidechsen alle Trutzwaffen, mit Ausnahme mehrererGe schützrohre, dem Zeit laufe zum Opfer ge fallen. Von 66 Ge schützen, die unter den Fürsten Karl 111. Sta nislaus (1734 — 1790), bez. Hieronymus III. (1758—17S7) noch inventarisiert waren, sind nur noch 21 Rohre vorhanden, unter denen sich aber solche von hohem Werte, wahre Meisterwerke der Giesskunst befinden, die den Ar beiten der berühmtesten deutschen und italienischen Gussmeister getrost an die Seite gestellt werden können. Eine eingehendere Besprechung der Stücke an dieser Stelle erscheint daher gerechtfertigt. Die beiden ältesten der sämtlich aus Bronze gegossenen Kanonenrohre tragen die Jahreszahl 1529, bez. 1533, daneben aber das Wappen der Stadt Lemberg; an dem älteren ist überdies noch, zwischen Schildzapfen und Zündloch, das Wappen von Polen und Litthauen zu sehen. Die Länge des ersten Rohres beträgt 2,74 m, das Kaliber 0,06 m; die Länge des anderen 1,79 m, das Kaliber 0,045 m. Ausser diesen beiden, dem erwähnten Wappen zu folge in Lemberg hergestellten Geschützrohren sind aber noch drei andere mit demselben Stadtwappen gekennzeichnete Stücke aufzuführen, die uns den Namen eines dortigen Gussmeisters überliefern. Das eine der Rohre zeigt nämlich um die Mündung herum die Inschrift; «Lenhard here». (hier); das an dere die Inschrift: «Lenhardt hiere hat mich gossen»; das dritte, von gleicher Arbeit wie die vorgenannten mit der Jahreszahl 1541, das Monogramm C. L. Der Name des um 1540 zu Lemberg arbeitenden Gussmeisters deutscher Herkunft lautete daher C.Len hardt oder Leonhardt. Die beiden ersten Rohre haben eine Länge von je 1,81 m und ein Kaliber von 0,05 m; das dritte Rohr eine Länge von 1,60 m und ein Kaliber von 0,05 m. Letzteres trägt nahe der Mündung die polnische Inschrift: «Döbra to obrona z kirn Pan Bög», zu deutsch: «Gut ist die Verteidigung, mit wem Gott ist». Doch noch ein zweiter, ebenfalls bisher un bekannter und noch bedeutenderer Stückgiesser als Lenhardt ist hier vertreten: Hermann Molzer zu Nieswiez. Aus seiner Werkstatt stammen fünf Ge schützrohre von künstlerisch ganz hervorragender Arbeit, von denen wir drei in der Abbildung bringen. Fig. 1 gleicht in seiner Gestalt einer leicht gewun denen korinthischen Säule, die zum Theil mit einer Weinguirlande en relief umgeben ist, zwischen welcher wahrnimmt. Auf dem Kapitäl der Säule, das den Kopf des Rohres bildet, befindet sich das Kreuz von Jerusalem, womit die Waffe besonders für den Kampf gegen die Ungläubigen, die Türken und Ta taren, geweiht sein sollte. Die Schildzapfen laufen in Löwenköpfe aus; auf dem hinteren, geriffelten Teile des Rohres, der technischer Schwierigkeiten wegen auf der Abbildung keinen Platz finden konnte, be f indet sich der lateinische Flexameter; «Hostem f lammiferae consumunt colla China erae, zu deutsch: «Den Feind verzehren die Hälse der flammenspeien den Chimaera» —, ferner Wappen und Namen des Nicolaus Christophorus Radziwill D. G. Olicae et in Nieswiez Dux MDC. Am Rande des Boden stückes aber hat der Gussmeister seinen Namen mit den Worten verewigt: «Mit Gottes Hilfe goss mich Hermann Molzer zu Neswisch MDC», Die Länge des Rohres beträgt 2,62 m, das Kaliber 0,1 m. Sonach handelt es sich hier schon um ein grösseres Ge schütz, das mehr für die Verteidigung und Belage rung als für den Feldkrieg bestimmt war. — Fig. 2 zeigt uns eine besonders originelle Idee des Meisters, nämlich eine geborstene ionisch-römische Säule, die scheinbar von Stricken zusammen gehalten wird, die gleichzeitig auch die Henkel des Rohres bilden. Unter dem Kapitäl, dem Kopf des Rohres, sieht man wiederum das Kreuz von Jeru salem, und darunter, innerhalb eines en relief hervortretenden Schriftbandes, die Inschrift «Mur mure non vano Circe quos tango profano», die in freier Uebersetzung lautet: «Circe heisse ich und nehme mir die zum Opfer, die meiner Stimme nicht leerer Schall trifft». Auf der hinteren Hälfte des Rohres sind Namen und Wappen des Fürsten genau so wie bei Nr. 1 (wo sie auf der Abbildung nicht sichtbar waren), angebracht. Bemerkt sei, dass der Adler, dessen Brust das eigentliche Wappen schild trägt, der Familie Radziwill bei ihrer Er hebung in den Fürstenstand des heiligen römischen Reiches durch Kaiser Maximilian I. 1518 verliehen worden ist. — Fig. 3 hat wieder die Gestalt einer korinthischen Säule, deren oberes Drittel, von dem hier besonders stilvoll modellierten Kapitäl bis ziem lich an die Schildzapfen kanneliert ist; auf der Mitte des Rohres tritt in Hochrelief eine fünfköpfige Hydra hervor, auch die Schildzapfen laufen in Hydraköpfe aus. Der mittelste des siebenfachen Schwanzes von dem Ungeheuer schlingt sich um das fürstliche Wappenschild sowie um eine Kartusche mit dem Namen des Fürsten Nicolaus Christophorus, hier mit der Jahreszahl MDCIX. Unterhalb des Wappens erblickt man als Devise des Geschützes den Vers: .29* 222 Zeitschrift für historische Waffenkunde. II. Band. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. «Hydra paro luctus piceos, dum concito fluctus», zu 223 0,05 m beträgt, ist dem Stile seiner Ornamente nach deutsch: Hydra genannt, bereite ich Trauer, wenn ich die schwarzen Fluten errege». Obgleich die Inschrift des Verfertigers an den beiden zuletzt ge nannten Stücken fehlt, ergiebt sich doch aus der allgemeinen Form, sowie aus vielen stilistischen Details mit Sicherheit, dass Hermann Molzer der Schöpfer auch dieser Meisterwerke der Giesskunst gewesen ist. Von der Hand des vortrefflichen Stückgiessers stammen jedenfalls noch zwei andere Rohre in Nieswiez, das eine in der Gestalt eines Baumstammes, auf dem wiederum eine Hydra en relief angebracht ist; das andere, ein Rohr gewöhnlicher Form, von einer Weinrebe mit Blättern und Trauben um schlungen und mit dem Wappen und Namen des Fürsten Nicolaus Christophorus nebst der Jahres zahl MDC in derselben Ausführung und an der selben Stelle gekennzeichnet wie an den vorgenann ten Rohren. Durch diese Arbeiten ist die Thätigkeit Molzers in Nieswiez von 1600 bis 1609 nach gewiesen und es handelt sich sonach nicht um einen kurzen Aufenthalt des Meisters am Orte, etwa um die Ausführung eines Auftrages des Fürsten Nico laus Christophorus, sondern um das Vorhafldensein einer ständigen Geschiitzgiesserei, deren Inhaber und Leiter während des obigen Zeitraumes der genannte Meister war. Bei der Bedeutung der Stadt während des 16. und 17. Jahrhunderts, als sie 30—40000 Ein wohner zählte, an der grossen beliebten Handels strasse Moskau—Warschau lag und über Wilna mit der Ostsee, über Bobonisk mit Kiew und dem schwarzen Meere verbunden war, als in ihr jährlich zwei bedeutende Messen abgehalten wurden, bei denen sich nicht nur Kaufleute aus allen Teilen des Reiches, sondern auch aus fernen Ländern des Ostens und Südens, des Nordens und Westens ein fanden; als zu jener Zeit nicht allein das Flandwerk, sondern auch das Kunstgewerbe blühte, wie einige vortreffliche, in der Orusheinaja Paläta zu Moskau bewahrte Goldschmiedearbeiten, deren Ursprung verbürgt ist, bestätigen: bei dieser Bedeutung ist es sogar wahrscheinlich, dass sich daselbst auch dauernd oder wenigstens während eines längeren Zeitraumes eine Geschützgiesserei befand, der es sicherlich nicht an Kundschaft fehlte. Dem deutschen Waffenhisto riker aber wird es zur besonderen Freude gereichen, dass deutsche Kunst und deutscher Gewerbefleiss sich auch hier wiederum in fernen Landen bethätig ten und dass der Name Hermann Molzer zu Nies wiez der Reihe namhafter deutscher Stückgiesser als ebenbürtig hinzugefügt werden kann. Zum Schluss mögen noch zwei der Rohre Er wähnung finden, die mehr von historischem, als kunstgewerblichen Interesse für uns sind. Das ältere von ihnen, dessen Länge 1,71 m, dessen Kaliber italienischer Herkunft. Zwischen Schildzapfen und Zündloch tritt en relief ein Wappenschild hervor, das eine gekrönte Schlange, welche ein Kind ver schlingt, umschliesst, das bekannte Wappen der Sforza zu Mailand. Das Stück, welches die Jahres zahl 1537 trägt, war ursprünglich wohl ein Ge schenk der Bona Sforza an ihren Gemahl, König Sigismund I. in Polen und kam dann vielleicht als Geschenk des Königs Sigismund II. August, der mit Barbara Radziwill vermählt und sonach mit der Familie verschwägert war, an diese. Das andere, ein Rohr von einem Wallgeschütz (es misst in der Länge 3,18 m und hat ein Kaliber von 0,12 m) zeigt nahe der Mündung en relief einen Adler mit Blitzbündel, dahinter die lateinische Inschrift: «To nantis fulmina vibrat», zu deutsch: «er schüttelt die Blitze des Donnerers» —, hinter den Schildzapfen die Wappen von Polen und Litthauen, darunter ein Band mit den Worten: «Mediis pulcherrimus armis («Der Schönste mitten unter den Waffen»), schliess lich aber die Inschrift: «Joannes III. D. G. Rex Po loniae Magnus Dux Lituan. etc., fortalitiorum muni mento hostium tormento me fieri jussit, ut ignita Domini proferam eloquia nomenque ejus resonem coram gentibus. Anno D. MDCXCII regni vero anno XVIII», zu deutsch: «Johannes III., von Gottes Gnaden König von Polen, Grossherzog von Lit thauen u. s. w., Hess mich zum Schutz der Tapfe ren (?) und zur Plage der Feinde herstellen, damit ich die feurige Rede des Flerrn weitertrage und seinen Namen widerhallen lasse vor den Völkern. Im Jahre des Herrn 1692, des Königtums aber im achtzehnten». Diese Kanone war neben drei ande ren gleichen Stücken, die indes nicht mehr vor handen sind, ein Geschenk des Königs Johann III. Sobieski an seinen Neffen, den Fürsten Karl I. Stanislaus Radziwill (1669—1719), der in seinen jungen Jahren, nämlich 1688 und 1689, rühmlichen Anteil an den Kämpfen gegen die Türken genommen hatte. Hiermit beschliessen wir die Beschreibung der Rüstkammer zu Nieswiez. Trotz mancher Stürme, die zum Nachteil ihrer Bestände über sie hinweg gegangen sind, bietet dieselbe heute noch dem Waffenhistoriker sowohl als auch dem Freunde historischer Forschungen eine Fülle wertvollen und anregenden Materials, von dem wir im Vorstehen den das Wesentlichste für die Leser unserer Zeit schrift gebracht haben.1) q Es möge zum 1. Teil des Aufsatzes folgendes be richtigt werden: S. 142, linke Spalte, anstatt «Nieswicf» — «Nieswiez». S. 143, linke Spalte, anstatt «Wisniowizki» — «Wis niowiecki». S. 145, rechte Spalte, anstatt «Bis zum Jahre 1808» — «Bis zum Jahre 180;». II. Band 22 4 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Mitteilungen aus der Renaissance-Abteilung der Kaiserlichen Eremitage zu St. Petersburg. Von Staatsrat Eduard von Lenz. (Fortsetzung.) IV. Pavesen und Tartschen aus dem XV.: Jahrhundert. rotzdem die Pavesen und Tartschen aus dem XV. Jahrhundert, welche die Renaissanceabteilung der kais. Eremitage besitzt, durch Vernachlässigung, Uebermalungen und un berufene Restaurationen stark gelitten und einen grossen Teil ihres Wertes eingebüsst haben, bieten sie doch noch so viel des Interessanten, dass eine kurze Besprechung nicht un angebracht erscheint. i. Ein Setzschild des XV. Jahrhunderts, deutscheArbeit.ausderSammlungBasilewski (Verkaufskatalog Nr. 347, Nachtrag No. 622). Rechteckiger, am Oberrande leicht gerundeter Holzschild, flach gewölbt, mit vorspringender, in eine Verkragung oder Nase auslaufender Mittelgräte. Die Höhe beträgt 1,43 m, die Breite oben 68, unten 66 cm; die Gräte misst 14 cm an der Verkragung und 26 cm am Unterrande des Schildes. Rück seitig' ist die Pavese mit grober Sackleinwand be zogen und braunrot bemalt; zum Tragen ist ein senkrecht gestellter, starker Holzgriff angebracht, für das Anlehnen an die Lanze oder einen Pfahl hinter der Nase ein 15 cm langer Eisenbügel, im unteren Drittel ein ledernes Oucrband von 24 cm Länge vor gesehen. Die Aussenseite, mit Leinwand gedeckt, zeigt auf Kreidegrund in Silber und Schwarz gemalt den Hl. Georg mit Nimbus und Stirnband, Im langen Mantel, gotischer Rüstung mit geschifteter Brust und langen, geschobenen Eisenschuhen, wie er den unter ihm liegenden Drachen mit der Linken am Halse ge fasst hält, während die Rechte das Schwert in den Leib des Ungeheuers bohrt. Im Anhänge zu dem Kataloge der Sammlung Basilewski wird die Gestalt als Hl. Michael angesprochen, doch möchten wir uns dieser Ansicht nicht anschliessen: Die Auffassung des Heiligen als eines unbärtigen Jünglings in zartem Alter, in voller Rüstung, aber ohne Idelm, mit ge spreizten Beinen über dem am Halse gepackten Drachen stehend (vgl. Dürers Randzeichnung aus dem Gebetbuche des Kaisers Maximilian), endlich das Diadem, welches auf einem Holzschnitte des Germanischen Museums aus dem 14. Jahrhundert mit dem Kreuz — hier mit einer Rosette — geziert ist,1) alle diese Einzelheiten lassen es wahrscheinlicher *) DetzeL Christliche Ikonographie, II, pag. 368 sq. erscheinen, dass wir nicht St. Michael, sondern St. Georg, den Schutzpatron des Kriegerstandes, vor uns haben. » Der Hintergrund zeigt den weissen, mit roten Sternchen besäten Kreidegrund, den Schildrand zieren gelbbraune, durchbrochen gemusterte, durch Blumen oder Rosetten unterbrochene Bänder, die mittelst einer Schablone aufgetragen sind; die vier Ecken sind von der äusserst charakteristisch gezeichneten Figur des gekrönten böhmischen Löwen mit ge teiltem Schweif eingenommen. Auf die Verkragung endlich ist ein Wappen (nach gütiger Mitteilung des Herrn Prof. A. Hildebrandt in Berlin das der Stadt Enns) gemalt: geteilt, oben halber, silberner, ge hörnter Panther im grünen Felde (Steiermark), unten weiss (silbern) und rot geteilt.1) Ueber die Provenienz des Schildes ist in dem Kataloge Basilewski erwähnt, dass das Stück aus der Sammlung Atz in Linz erworben wurde. Demmin2) teilt den Schijd, von dem er eine, freilich ungenaue, Skizze bringt, derselben Sammlung zu, mit dem Hinweise, dass er aus dem alten Zeughause von Enns stamme und ein ganz ähnlicher Setzschild noch jetzt im Besitze der Stadtgemeinde sei. Eine offene Frage bildet die Kombination des Wappens einer österreichischen Stadt mit der Figur des böhmischen Löwen. Wäre das Wappen spätere Zuthat, so Hesse es sich dadurch erklären, dass die Stadt ') Unser geehrtes Vereinsmitglied, Dr. Othmar Baron Potier hat uns durch Angabe verschiedener Belegstellen zur Be stimmung des Wappens zu grossem Dank verpflichtet. Wir entnehmen seinen Angaben folgendes: Dr. K. Lind, Städte wappen von Oesterreich-Ungarn etc., Wien 1886, bringt auf S. 5 das Stadtwappen von Enns nach einem Siegel des XIV. Jahrhunderts ganz ebenso gezeichnet wie auf unserem Schilde, nur ist der silberne Panther im blauen Felde. In der neuen Ausgabe des Siebmacherschen Wappenbuches, Nürnberg 1885, finden sich (Tafel 4 u. 87) zwei Abbildungen: Der Panther rechts gewendet im blauen Felde, unten das ganze Bindenschild, und der Panther links gewendet im grünen (oder blauen Felde), unten geteilt, Silber und rot. Endlich hat der Herr Bürgermeister von Enns die Freundlichkeit gehabt, auf eine diesbezügliche Anfrage des Barons Potier zu antworten, dass es nicht bekannt ist, ob die Stadt Enns im 15. Jahrhundert im Schutze eines beson deren Heiligen stand.. Die in dem Schreiben angeführte genealogische Beschreibung, Hoheneck, I. T. 1727, spricht das Wappen an: ein durch die Mitte geteilter Schild, im oberen Teile ein weisses Panthertier im blauen Felde; der untere Teil soll das österreichische Wappen «als ein süber oder weisse Mitten zwischen zweien rothen durchgehenden Palken.» 2) Die Kriegswaffen, 1891, S. 563. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Enns bei Einverleibung' eines eroberten böhmischen 225 Herzog Albrechts V. von Oesterreich suchen zu Schildes in das Zeughaus ihr Besitzrecht auf diese Weise zum Ausdruck gebracht habe. Doch ist diese Annahme nicht stichhaltig, denn erstens hat eine sorg fältige Untersuchung keine Spuren von irgendwelchen beim Aufträgen des Wappens übermalten Ornamenten Fig. 1. ergeben, und zweitens wären in dem vorausgesetzten Falle die Bandverzierungen an dieser Stelle ebenso wie am unteren Schildrande horizontal, nicht vertikal angeordnet. Es erscheint daher richtiger, die Vereinigung der Wappen auf den Umstand zurückzuführen, dass der Setzschild zu einer Zeit angefertigt wurde, als die Herrschaft über Böhmen und Oesterreich in einer Hand lag, und zwar glauben wir diesen Zeitpunkt um 1437 unter der Regierung müssen, der, vielfach in die Wirren der Hussiten kriege eingreifend, im angegebenen Jahre die Nach folge in Böhmen antrat. Ein ganz ähnlicher Setzschild mit dem in voller Rüstung über dem bezwungenen Drachen stehenden Hl. Georg, den Wappen von Oesterreich und Un garn und zwei unbekannten Wappen am Schildfusse, wird in dem historischen Museum der Stadt Wien aufbewahrt1); eine Abbildung bringt Dr. Szendrei Fig. 2. in den ungarischen kriegsgcschichtlichen Denkmälern der Millenniums-Ausstellung (deutsche Ausgabe, S. 209, Nr. 658), woselbst er der Leibgarde zu Fuss des Königs Matthias Hunyadi zugeschrieben wird. Aehnliche Schilde mit dem Bilde des Hl. Georg auf Silbergrund im Mittelfelde werden in dem *) Katalog des Museums von Weiss, 1888, IV. Abt. Waffensammlung, S. 47, Nr. 467. 226 Zeitschrift für historische Warenkunde. genannten Kataloge noch unter den Nummern 465, II. Band. Wappenbild ein einköpfiger nach links gewandter 466, 468, 476—479 angeführt. 2. Böhmischer Setzschild vom Anfänge des XV. Jahrhunderts, aus dem Arsenal von Tsarskoe Selo. H. 95.1) Rechteckiger, am Oberrande ab gerundeter Holzschild von ca. 2 cm Stärke, 1,04 m Höhe und 55 cm Breite, mit vorspringender, oben in eine Nase auslaufender Mittelgräte von 6—16 cm Breite. Das Holz ist mit Leder überzogen, die Vorder seite mit Leinwand gedeckt und darauf die Malerei auf Silbergrund ausgeführt und mit durchsichtigem gelbem Lack bestrichen, so dass die Zeichnung schwarz auf Gold grund erscheint. Diese harben zusammenstellung, die vielfach rissige Oberfläche und die Wölbung des Schildes, die bei jeder Belich tung grelle Reflexe hervorrief, Fig. 3 setzten der photographischen Auf nahme des Gegenstandes so grosse Schwierigkeiten entgegen, dass wir uns zu folgen dem, übrigens durchaus nicht nachahmenswertem Verfahren cntschliessen mussten: auf der ganz unzulänglichen Photographie wurden nach dem Original mit Tusche die un deutlichen Linien übermalt, die fehlenden hinzugefügt und das so entstandene Bild nochmals photographiert; wir nehmen hier Gelegen heit, dem Künstler, Herrn Baron M. P. Klodt von Jür gensburg, für seine Hilfe bei dieser ijiühsamen Arbeit besten Dank zu sagen. Im Mittelfelde ist die Gestalt des hl. Wenzeslaus, Herzogs von Böhmen, in langem rotem Mantel, mit geschupptem, unten aus gezacktem Lentner und lan gem Kettenhemde, Bein schienen und geschobenen Eisenschuhen dargestcllt, in der Rechten die Rennfahne, deren rechteckiges, miteiner Langseite an die Stange ge heftetes Blatt eine undeut liche Figur — vielleicht einen Adler — zeigt (Fig. 2). Die Linke stützt sich auf einen 'Schild, dessen ‘) Herausgegeben von Gille, Musee de Tsarskoe Selo, pl. 45. Die Zeichnung ist ungenau und die Inschrift stellen weise fehlerhaft gelesen. Der Schild wird hier wohl mit J Recht der Zeit der Hussitenkriege zugeschrieben. Adler ist; das Bild des Schildhauptes, von dem nur der Anfang zweier sich kreuzender Linien und ein krückenartig absetzendes, rot und schwarz gestreiftes Querband sichtbar ist, können wir nicht deuten (Fig. 3). Der geschuppte Grund des Mittelfeldes ist von einem Rankenfelde umgeben, auf dem Schildrande läuft zwischen zwei glatten Streifen eine in gotischen Minuskeln auf schwarzem Grunde ausgeführte In schrift in tschechischer Sprache, deren einzelne Worte durch roh gezeichnete Blumen von einander getrennt sind. Das Entziffern der nicht sehr sorg fältig gemalten Schrift wird noch bedeutend dadurch erschwert, dass an vielen Stellen der gelbe Lack dunkle Flecken aufweist, an anderen der schwarze Grund abgeblättert ist und die hellere Untermalung durch scheinen lässt. Von einer vollständigen Wiedergabe der Inschrift müssen wir für jetzt absehen, können aber bereits feststellen, dass sie keinerlei historische oder chronologische Daten, sondern lediglich eine Anrufung des Heiligen enthält und in ihrer ersten Hälfte etwa folgenden Wortlaut hat: «Heiliger Wazlaw, Wojewode des tschechischen Landes, hilf uns, bitte für uns Gott den heiligen Geist kyrie eleyson.»1) Wir glauben auch hier auf eine ganz ähnliche Pavese der königl. Waffensammlung in Turin hin weisen zu müssen,2) deren Mittelfeld einen nach links gewandten geharnischten Ritter im Eisenhut mit Fahne und Tartsche zeigt. Dieses Bild freilich zeigt gar keine Aehnlichkeit mit unserem Exemplar, die Einzelheiten aber stimmen auffallend überein: so die Anordnung der Schildfigur im oberen Teile des Mittelfeldes, die schuppenartige Verzierung des Hintergrundes, die Füh rung des Schriftbandes um den Schildrand und in einem Querbande unter der Schild f igur, endlich die Rosetten als Trennungszeichen in der Inschrift. Der Setzschild der Eremitage scheint uns älter zu sein als sein Seiten *) Die Wiedergabe der In schrift auf Fig. 2 ist natürlich ungenau, die Buchstaben nur an nähernd nachgezeichnet. 2) Angelucci, Catalogo dell’ armeria reale. 1890. Ser. F. Nr. 1, S. 199. Auch hier enthält die tschechische Inschrift eine Anrufung des Heiligen. Eine Abbildung dieses Schildes bringt Dr. J. Szendrei a. a. O. S. 193, wobei das Stück der schwarzen Legion des Matthias Corvinus zugeschrieben wird. 6. Heft, Zeitschrift für historische Waffenkunde, stück in Turin und dürfte wohl der ersten Hälfte des 227 pl. 146, 2, und in Boeheims Waffenkunde, S. 182 XV. Jahrhunderts zugeschrieben werden.1) 3. Sechs Brusttartschen aus der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts. Von Holz, mit Haut überzogen, an der Aussenseite mit Leinwand gedeckt und bemalt; die rechteckigen Schilde sind leicht konkav gebogen und haben an der rechten Fig. 5. Seite des Oberrandes einen 24 cm langen Einschnitt für den Lanzenschaft. Die Höhe beträgt 74 cmi die Breite 54 cm (H. 148—153) In Fig. 4 bringen wir das am besten erhaltene Exemplar des Arsenals von Tsarskoe-Selo (H. 148), von dem Zeichnungen bereits mehrfach veröffent licht sind, so in Gille’s Musee de Tsarskoe-Selo, *) Auch die Waffensammlung der Veste Coburg besitzt einen ganz ähnlichen Schild, den die Schriftleitung an dieser Stelle noch abbilden und besprechen wird. An diesem Schilde sind die Farben noch recht gut erhalten: gespalten grün und rot mit schräg rechts gestellten Wappen der Stadt Deggendorf1) in der Mitte; letzteres ist teilweise restauriert, indem die Konturen der Zeichnung von unkundiger Hand mit weisser Farbe nachgezogen sind. Die übrigen fünf Tartschen sind so arg mitgenommen, dass nur noch Fig. 6. stellenweise Reste der Bemalung zu erkennen sind. Eine dem hier abgebildeten Exemplare ganz ähn liche Brusttartsche befindet sich im Germanischen Museum zu Nürnberg (XXIX, Nr. 1836). 4. Weit mehr Interesse beanspruchen sechs grosse Holzpavesen vom Anfänge des XV. Jahrhunderts aus dem Arsenal von ‘) Geteilt, blau und weiss gerautet, unten weisser Turm mit Zinnenmauer in rotem Felde. 3° 228 Zeitschrift für historische WafFenkunde. Tsarskoe-S elo (H. 136—141) von annähernd gleicher II. Band. bayrischen Stadt Deggendorf deutlich erhalten ist, Form, doch dadurch von einander unterschieden, dass H. 136—139 mit vorspringender, oben in eine Nase auslaufender Mittelgräte versehen sind, H. 140 eine ganz flache Mittelgräte ohne Nase besitzt, während H. 141 einfach in der Mitte im stumpfen Winkel nach innen zusammengebogen ist. Die grösste Höhe (H.137) beträgt 1,28m, die geringste i,i4m(H. 140), die grösste Breite (H. 139) 61,5 cm, die geringste 49 cm' (H. 141). Ueber die Provenienz dieser noch nicht publi zierten Setzschilde ist nichts bekannt, jedoch der Umstand, dass auf vier von ihnen das Wappen der auf einem leicht erraten und auf einem von ganz gleicher Form mit grösster Wahrscheinlichkeit vor ausgesetzt werden kann, genügt wohl, um anzuneh men, dass sowohl diese sechs Pavesen, wie auch die oben erwähnten sechs Brusttartschen aus einem alten Zeughause der genannten Stadt stammen. FJ. 139, am schlechtesten erhalten, weist nur noch Fetzen des Leinwandbezuges auf, von der Be malung ist nichts mehr zu sehen; an H. 136 sind stellenweise mit schwarzer Farbe auf grauem Grunde ausgeführte grosse dachziegelförinig über einander liegende Schuppen zu erkennen und in der rechten oberen Ecke deutliche Reste des Deggendorfer Wappens wahrzunehrnen. Eingehender wollen wir die beiden Pavesen H. 137 und 139 beschreiben: Die Höhe beträgt 1 m 28 cm; die Breite oben 61,5 und 5^,5 cm, unten 56 und 54,5 cm, beide mit vorspringender, oben 11, unten 21 und 24 cm breiter Mittelgräte mit Nase versehen. H. 139, von dem wir in Fig. 5 und 6 eine Vorder- und Rückansicht geben, weist nur noch Spuren von Bemalung auf, doch lässt sich in der rechten Ecke oben in einem schräg zur Längsachse gestellten Schilde deutlich das Deggen dorfer Wappen erkennen (auf der Photographie ist das Wappen freilich nicht wahrzunehmen); die ent sprechende linke Ecke ist mit einem Schilde gleicher Form geziert, von dem wir zwei Ansichten bringen. Fig. 9. Fig. 10. Fig. 7 zeigt, wie das Bild sich unmittelbar nach Entfernung einer dicken Schmutzkruste darstellte, Fig. 8 wurde aufgenommen, nachdem der stark nachgedunkelte und brüchig gewordene Grund mit genauer Aussparung der Farbenreste und ohne jeg liches Ergänzen der Figuren mit hellblauer Aquarell farbe gedeckt und so auf der Photographie ein deutliches Abheben der in Schwarz ausgeführten Zeichnung bewirkt worden war: man sieht einen Schuh mit langer aufwärts gerichteter Spitze und darüber das beilförmige Schneideinstrument der Schuhmacher, wie wir es u. a. in ganz gleicher Ge stalt auf dem Bilde einer Schusterwerkstatt des Bal thasar Behem (1505) im Codex picturatus der Kra kauer Bibliothek1) sehen, Fig. 9, und noch deutlicher auf dem St. Crispin und St. Crispinian darstellenden *) Nach A. Schultz. Deutsches Leben im 14. u. 15. Jahr hundert. 1892, I. Band, S. 130, Fig. 191. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Basrelief des Frangois Gentil (um 1560) in der 229 Es ist uns nicht erinnerlich, derartig gezeichnete Kirche des hl. Pantaleon zu Troyes1), Fig. 10. Die Figuren sind auf graublauem Grunde, der Schuh ganz in Schwarz, das Messer weiss mit schwarzen Konturen ausgeführt. Das Seitenstück zu diesem Schilde bietet H. 137, dessen Oberfläche ausser den Zerstörungen der Zeit noch eine gründliche Remonte hat aus stehen müssen: die beschädigten Stellen sind sämt lich verschmiert und das Ganze dick mit Oelfarben übermalt und glänzend gefirnisst worden. Nach vor sichtigem Entfernen der Lack- und Farbenschicht zeigte sich in der rechten oberen Ecke wieder das Deggendorfcr Wappen (Fig. 11) und in der linken die beistehend abgebildeten (Fig. 12), durch das oben geschilderte Verfahren reproduktionsfähig ge machten Figuren, in denen wir einen Brodlaib und darunter eine Bretzel oder Kringel zu erkennen glauben, deren Form von den Zeiten der Fierrade von Landsberg (Fig. 13)2) bis zum XVIII. Jahrhundert (Fig. 14)®) und bis auf unsere Tage die gleichen geblieben zu sein scheint. Wir haben es also hier augenscheinlich mit Pa vesen des zünftigen Kontingentes von Deggendorfs städtischer Streitmacht zu thun, die nicht nur mit dem Stadtwappen, sondern, um die Zugehörigkeit zu dem engeren Verbände der Zunft zum Ausdruck zu bringen, auch mit den Emblemen des Handwerks bezeichnet wurden. r) Nach Gay, {floss, archeol. s. v. Cordouanier.-) Nach Gay, {floss, archeol., aus dem ms. Hortus deli ciarum der Herrade von Landsberg (s. v. Diner). 3) Gay, 1. c.; s. v. craquelin; d’apres le Recueil des Maneuvriers habiles, publid ä Augsbourg, pl. 79, Fig. 4, 1735. Setzschilde in anderen Museen gesehen zu haben. ln hohem Grade beachtenswert sind endlich die Pavesen H. 140 und 141, deren in Fig. 15 und 16 gegebenen Abbildungen wir ausser einigen Mass angaben noch kurze Erläuterungen hinzufügen müssen, da die Photographien nicht alle Einzelheiten der leider schwer beschädigten Malerei wiedergeben. H. 141 ist 1,15 m hoch, oben 49, unten 41 cm breit, in der Mitte im stumpfen Winkel gebogen, dessen Scheitelpunkt oben 17,5, unten 15 cm über die Grundlinie sich erhebt. Das Gewicht beträgt 8,2 kg. H. 140 ist bei einer Höhe von 1,14 m oben 55, unten 47 cm breit, hat eine flache, auffallender Weise oben breitere (17 cm), nach unten sich ver jüngende 13 cm Mittelrippe, ist schwächer gewölbt als H. 141 und wiegt 9,3 kg. Beide auf die Aussenflächen der Pavesen ge malten Figuren sind mit anliegenden, dunkler als Fig. 14. die Fleischteile gehaltenen, Hals, Hand- und Fuss gelenke eng umschliessenden Gewändern bekleidet, deren Falten an den entsprechenden Stellen in dunkelbrauner Farbe angegeben sind, beide barfuss, die Figur auf H. 141 barhäuptig, mit starkem Haar wuchs, die andere mit lang herabflatternder Sendel 3°* 230 Zeitschrift für historische Waffenkunde. binde dargestellt. Die tartschenartigen Schilde II. Band. wärts gekrümmt in Zehenstellung beharrt. Der Mann hängen den Kriegern an rot gemalten Riemen um den Hals. Besondere Aufmerksamkeit verdienen ihre Angriffswaffen: ein befiederter kurzer Spiess oder Wurfpfeil mit bärtigem Eisen und eine im Ver hältnis zur Figur ca. 80—90 cm lange Keule, beide als Wurfwaffen aufgefasst und in dem Momente dar gestellt, wo sie eben die Hand der Schlcuderer ver Fig. 15. lassen sollen. Denn dass hier Wurf bewegungen, nicht Stoss und Schlag veranschaulicht werden sollten, das ist mit Sicherheit aus den Stellungen der Streiter zu entnehmen: auf das gestreckte linke Bein ge stützt, hat der Lanzenwerfer das rechte Bein gehoben und stark im Knie gebogen; dem Schwünge des rechten Armes folgend, vpllführt der Oberkörper eben die halbe Drehung, welche ihn dem Beschauer voll zuwendet, während der linke Fuss noch ein mit der Keule balanziert auf dem rechten Bein und vollführt mit stark zuriiekgebogener rechter Schulter kreisförmig schwingende Bewegungen, ehe er die Waffe — einen Moment später — in horizontaler Ebene dahinwirbelnd, entsenden ward; wäre die Keule zum Schlage erhoben, so müsste das Kolbenende auf wärts oder auch nach hinten gerichtet erscheinen. Fig. 16. Freilich muss auch mit so manchen Unzuläng lichkeiten der Darstellung gerechnet werden, da wir es ja nicht mit einem Maler, sondern mit dem selben Handwerker, welcher den Schild gebaut, zu. thun haben: so ist auch auf H- 141 das rechte Bein ganz verzeichnet, der linke Fuss total verun staltet u. s. w, Die Befiederung der Lanze oder des Pfeiles weist schon genügend auf die Bestimmung zur 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Fernwaffe bin; trotz des bärtigen Eisens und der 231 Wie sind nun diese beiden Kriegergestalten geringen Länge würden wir die Waffe am ehesten als Schefflin ansprechen, wie solche ja noch in den älteren Landsknechtsheeren in Gebrauch waren. Schwieriger ist es, das Vorkommen von Wurfkeulen in dieser Zeit zu erklären. Peter von Duisburg1) erwähnt in seiner Historia Prussiae (1340) der Wurf keulen in den Händen der Heiden, doch mangelt uns'persönlich leider die Kenntnis der einschlägigen Denkmäler, um die Mittelglieder zwischen dem halb wilden Waldvolke der Preussen und den Bürgern der guten Stadt Deggendorf um den Anfang des XV. Jahrhunderts herzustellen. ') M. Jahns, Entwickelungsgeschichte der alten Trutz waffen, S. 161. V. Stufen geheimnisvolle Schierer, der bis zum heutigen Tage noch über dem Herstellungsprozess der Damaszenerklingen liegt, zieht sich vielleicht am dichtesten zusammen über den von Persern und Türken «Kirkner deven» — «vierzig Stu fen» genannten Klingen, deren Damastmuster in mehr oder minder regelmässigen Zwischenräumen von per pendikulär zur Längsachse der Klinge angeordneten Streifen unterbrochen wird. Die Entstehung solcher Querbänder ist auf verschiedene Weise erklärt wor den, u. a. durch das jedesmalige Zusammenbiegen beim wiederholten Ausschmieden der Klinge, daher, nach dieser Ansicht, aus der Zahl der «Stufen» darauf geschlossen werden konnte, wie oft die Klinge gestreckt worden war. Befriedigend ist die an geführte Erklärung nicht, schon aus dem Grunde, weil nach 20- und mehrfachem Ausschmieden die ersten Biegungsspuren den letzten in der Deutlich keit und Regelmässigkeit der Zeichnung unmöglich ganz gleich bleiben konnten. Letzthin hatten wir Gelegenheit, über den so genannten «Stufendamast» mit dem Professor der Michael-Artillerie-Akademie zu St. Petersburg, Wirkl. Staatsrat D. K. Tschernow, Rücksprache zu nehmen, welcher ausgezeichnete Spezialist auf dem Gebiete der Metallurgie seit einiger Zeit an der kais. Ere mitage Untersuchungen über die Herstellungsweise orientalischer Damaslklingen anstellt, und wollen — ohne übrigens für die nachstehenden Erörterungen irgendwelche Prioritätsrechte zu beanspruchen — unseren Lesern die Ansicht des genannten Fach mannes über die gegebene Frage mitteilen. anzusprechen? Wir wissen es nicht und wären für jede Belehrung in dieser Richtung sehr dankbar. Die mangelhafte Bekleidung, die nackten Füsse, der gänzliche Mangel an Schutzwaffen — denn der kleine Schild scheint mehr für das Anbringen des Wappens, als zu Rüstzwecken beigegeben zu sein —, alles dieses lässt eher an irgend welche Ideal- oder Schreckgestalten, als an eine realistische Abbildung bewaffneter Bürger denken.1) J) Sollte man nicht die Figuren als Wappenhalter an sprechen dürfen? Der Umstand, wie die Schilde angebracht sind, ist nicht gegen diese Annahme, denn auf Kupferstichen des XV. Jahrhunderts begegnen wir nicht eben selten ganz ähnlichen Verbindungen von Wappenhaltern und Wappen schild. Die Schriftleitung.-Damast. Professor Tschernow lässt die erwähnten Quer streifen auf die Art entstanden sein, dass auf jeder der beiden Klingenfiächen mittelst eines keilförmigen Instrumentes in regelmässigen Abständen Kerben eingeschlagen wurden, welche die obersten Lagen des Damastkörpers durchschlugen, resp. eindrückten, wonach die so entstandenen Unebenheiten bis auf die Grundfläche der eingeschlagenen Vertiefungen abgeschliffen wurden, Beistehende schematische Zeichnungen sollen, bei all ihrer Unvollkommenheit, zur Veranschau lichung des Prozesses beitragen. Denken wir uns unter Fig. i (in etwa 5facher Vergrösserung) die Oberfläche des aus vielen papier Fig-, 1. dünnen Schichten zusammengeschweissten Klingen körpers (welche selbstverständlich in Wirklichkeit durchaus nicht parallel über einander liegen), so haben wir uns die Wirkung mittelst eines keilförmi gen Instrumentes ausgeführter Schläge so vorzu stellen, wie in Fig. 2 angegeben, nämlich in der Art, dass die oberen Lagen der Klingenfläche teils Fig-. 2. durchgeschlagen, teils durch Quetschung fächer förmig auseinandergedrückt wurden. Bei nach folgendem Abschleifen in der Linie a bis b mussten die bis zum Niveau dieser Linie hereingepressten Ränder der zu entfernenden Schichten als quer über die Klinge laufendes Bündel von parallelen Strichen 232 Zeitschrift für historische Waffenkunde. zu Tage treten und ein der Struktur der Metallmasse entsprechend gewässertes Band bilden, etwa wie in Fig. 3 angedeutet. So weit unser Gewährsmann. Eine willkommene und, wie uns scheinen will, überzeugende Bestäti gung seiner Erklärung glauben wir aus den von Dr. F. W. Schwarzlosein seiner erschöpfenden Untersuchung über die Waffen der alten Araber angeführten Stellen der arabischen Poeten folgern zu können. In der sehr eingehenden Beschreibung, welche der geschätzte Autor der Herstellung des Schwertes bei' den Arabern widmet, finden wir u. a. folgenden Passus (S. 152, wo die betreffenden Be legstellen angeführt sind): «Besondere Erwähnung verdient hier das Schwert Mufakkar, insofern seine Klinge von einer Beschaffen heit war, deren Entstehung — mit grösserer Wahr scheinlichkeit — auf die Schmiedung zurückweist. Es war, der arabischen Erklärung zufolge, mit (wirbel artigen). Einschnitten, die tiefer waren als die Schwert f läche, versehen, also ein Schwert mit wirklichen Rinnen. Ob diese dem vorerwähnten Zwecke, der Leichtmachung, dienten, muss freilich in Ermangelung aller weiteren Stützpunkte dahingestellt bleiben, doch ist wohl noch weniger an Blutrinnen zu denken. Von gleicher Beschaffenheit war das Schwert Dsulfakkar. So hiess bekanntlich das Schwert Muhammeds, welches er nach der Schlacht bei Bedr zur Beute sich ersah.» Freitags Lexikon arabico - latinum giebt für «Mufakkar» die Erklärung: «gladius in dorso incisuras habens, arte factas, vertebris similes aequabiliter decurrentes. Die Bezeichnung Dsu-l-fakkar hat dieselbe Bedeutung «mit Rückenwirbeln ver sehen», von dsu = dominus, possessor, habens u. fakra, plur. fikar, collectiv fakkar = Rückenwirbel. Vergleichen wir nun eine Klinge aus Stufen damast, deren Herstellungsweise nach dem oben geschilderten Verfahren von der altarabischen Er klärung «incisuras habens, arte factas» geradezu 9 Die Waffen der alten Araber, aus ihren Dichtern dargestellt. Ein Beitrag zur arabischen Altertumskunde, Synonymik und Lexikographie, nebst Registern. Leipzig 1886. angedeutet zu werden scheint, mit dem Bilde der menschlichen Wirbelsäule (Fig. 4 u. 5), deren Dornfortsätze na türlich nicht in Betracht kommen, so können wir mit grösster Wahr scheinlichkeit zu dem Schlüsse gelangen, dass das berühmteste unter den 10 Schwertern des Propheten eine indische Damastklinge mit quer laufenden Bändern oder «Stu fen» besass, deren Epitheton «Rückenwirbel besitzend» auch einer nicht besonders regen und orientalisch-üppi gen Phantasie verständlich und sogar recht nahe liegend erscheinen musste; hinkt dieser Vergleich auch, wie alle anderen, so ist er doch nicht weniger berechtigt, als der uns geläufige Vergleich einer wellenförmig ausge feilten Klinge mit einer Flamme. Zur weiteren Bestätigung unserer Voraussetzung mag endlich noch angeführt wer den, dass die in Fig. 4 ab gebildete Klinge eines in dischen Krummschwertes (Ermit. A. 491) an vielen Stellen in der Mitte der Ouerbänder 1—2 mm tiefe Einschnitte zeigt, deren Vor handensein wohl nur dadurch erklärt werden kann, dass der Schwertfeger einzelne der oben erwähnten in cisurae aequabiliter decurrentes zu tief eingeschlagen, resp. beim nach folgenden Glätten nicht genug von der unebenen Klingenoberfläche abgeschliffen hatte. II. Band. Fig- 5 Fig. 4. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 233 Im Text von J. Starkie Gardner wird der Kragen als französische Arbeit aufgeführt. Es wäre interessant zu erfahren, worauf sich diese Annahme stützt. Ferner glaubt J. Starkie Gardner, dass das Rückenstück des Ringkragens von anderer Hand gefertigt sei, als das Vorderstück. Auch diese Angabe erscheint ganz unverständlich, denn Ausschmückung und Technik stimmen an beiden Teilen so vollkommen überein, dass sowohl deren Zusammen gehörigkeit, als auch ihre Herkunft von einem und dem Eine Arbeit des Goldschmiedes Heinrich Knopf? In der Ausstellung von Kunstwerken europäischer Her kunft aus Eisen, welche der Burlington fine arts club in London im vergangenen Jahre veranstaltete, befand sich, wie die bezügliche Veröffentlichung Plate LXI erkennen lässt, unter den zahlreich vertretenen Schutzwaffen ein Ringkragen, welcher deshalb unserer besonderen Beach tung wert erscheinen dürfte, weil zwischen den getriebenen Verzierungen auf demselben und den in gleicher Weise ausgeführten Ornamenten an dem bekannten Prunk harnische des Kurfürsten Christian II. von Sachsen im Königlichen Historischen Museum zu Dresden (Prunk waffensaal No. 7) eine ganz auffallende Aehnlichkeit nicht zu verkennen ist. Vergleicht man nämlich das Blumen werk, die Masken, die phantastischen Tierköpfe und Gestalten auf beiden Objekten, so ergiebt sich eine solche Uebereinstimmung sowohl in der Verwendung des der italienischen Spätrenaissance entlehnten Blumenwerkes, als auch bei allem sonstigen ornamentalen Beiwerk, dass schon hieraus allein mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schluss gezogen werden dürfte: dass wir in dem, dem Mr. D. M. Curric gehörenden Ringkragen eine Arbeit des Goldschmiedes Heinrich Knopf vor uns haben. Weitere Unterstützung aber findet diese Annahme noch, wenn man die Kampfesscenen auf dem Ringkragen mit den jenigen auf dem obengenannten Harnische vergleicht. Hier zeigen sich neben den Vorzügen der Knopfschen Entwürfe — einer sehr geschickten Anordnung des Ganzen, grosser Beweglichkeit der einzelnen Figuren und einer vortrefflichen Perspektive — auch deren weniger lobens werte Eigentümlichkeiten — nämlich die übermässig aus geprägte Muskulatur an den Menschen und ein ausser Verhältnis stehender, schwerer Rumpf mit besonders starkem Hinterteile an den Pferden. Wäre nun trotz aller dieser Beweisgründe immer noch ein Zweifel für die genannte Annahme vorhanden, so müsste dieser bei Betrachtung noch anderer Arbeiten des Meisters — wie des halben Prunkharnisches des Herzogs (späteren Kur fürsten) Johann Georg (I) im Königlichen Historischen Museum zu Dresden (Prunkwaffensaal No. 12) zweifellos schwinden, denn auch dieser weist in Stil und Technik die gleichen Merkmale, wie der hier besprochene Ring kragen auf. Endlich finden sich auch an dem Kragen die glatten, ungerippten Ränder, wie an den beiden von der Hand Heinrich Knopfs gefertigten Harnischen. Da gegen ist freilich am Ringkragen der Untergrund weder geätzt noch ciseliert, wie beim Prunkharnisch Christians II., noch gepunzt (punktiert), wie bei demjenigen Johann Georgs; doch dürfte eine so geringe und immerhin unter geordnete Abweichung in der Ausführung bei Beurteilung deT Herkunft eines Stückes kaum von Belang sein. Die treffliche bildliche Wiedergabe des Ringkragens auf Plate LXI des illustrierten Kataloges der «Exhibition of chased and embrosed Steel and iron work of european origin, London 1900» lässt jeden einzelnen Teil des Orna mentes am Ringkragen vollkommen deutlich erkennen. selben Meister ausser allem Zweifel stehen dürften. E. F. V. H. Armbrust oder Armrust? Die alte feststehende Lautgebung und Schreibung Armbrust .wird neuerdings gelegentlich für verkehrt und unursprünglich ausgegeben. Gesetzt auch, dass Armrust die allein berechtigte und ursprüngliche Schreibung wäre, würde sich kaum wohl ein Sprachforscher finden, der bereit wäre, die herrschende Schreibung zu verdammen. Denn ein fünfhundertjähriges Alter sollte unser Armbrust vor einer Umgestaltung schützen. Und von jeher war die heutige Schreibung geläufig und allgemein üblich. Auch die sprachlichen Autoritäten, die von den Quellen ausgegangen sind, wie Jac. Grimm im grossen deutschen Wörterbuch, zweifeln nicht einmal an der Berechtigung der heutigen Schreibung. Zudem haben die älteren Handschriften nur armbrust; wer sich für die alte Ueberlieferung interessiert, findet in dem grossen Quellenwerk« Die althochdeutschen Glossen» (herausgegeben von Steinmeyer und Sievers), III160. 215 die ältesten Belege. Lexers Mittelhochdeutsches Wörterbuch (auch im Nachtrag) hat keinen Beleg für armrust, nur Belege für Armbrust oder Umgestaltungen daran. Bei der grossen Fülle von mittelalterlichen Belegen, wozu auch noch der Eigenname Armbruster (vgl. Lexer im Nachtrag) kommt, kann kein Zweifel sein, wie das Wort zu schreiben ist. Dass einmal gelegentlich Armrust in älterer Zeit begegnen könnte, lässt sich nicht für un möglich halten. Wenn man für warum oft warumb schrieb, konnte man umgekehrt auch wohl Armrust einmal für Armbrust schreiben. Aber man müsste zahllose und gerade die ältesten Belege als Armrust treffen, wenn man uns diese Schreibung aufnötigen wollte. Und selbst dann würden wir mit dem Satz usus est dominus doch noch an Armbrust festhalten. Die Frage der Schreibung des Wortes wird jeder Sprachforscher wohl gleich mit mir behandeln. Nicht so sicher ist vielleicht die Frage nach dem Ursprung von Armbrust. Alle Autoritäten halten bisher an Um deutung aus latein. arbalista fest, und dieses latein. Etymon kann man für das b von Armbrust auch mit zuziehen. Jedenfalls ist bisher keine bessere Erklärung aufgestellt. Aber wenn man auch die Möglichkeit zugeben darf, dass vielleicht Arm-rust = Arm-Rüstung darin stäke, bewiese das doch keineswegs gegen das b von Armbrust. Denn gerade zwischen das m und r pflegt sich gern ein b ein zustellen. Aber gegen die Ableitung aus arm-rust sprechen doch starke Bedenken: rust ist schon im 12. Jahrhundert nicht mehr lebendig. Und eine Bezeichnung «Rüstung des Armes» ist kaum glaublich. — Wer an der land läufigen Schreibung und der landläufigen Erklärung des Wortes Armbrust festhält, wird dem heutigen Stande der Wortforschung genügen. F. Kluge. Rossschweife an Lanzen. Häufig hatten wir Ge legenheit, an den Lanzen verschiedener asiatischer Völker 234 Zeitschrift für historische Waffenkunde. schäften (Kirgisen, Sarten, Turkmenen u. a.) Büschel von II. Band. Schrift «Lieber Bewaffnung», welche die beiden ersten Rosshaaren zu bemerken, welche teils mit dem oberen Rande unter die Dille des Lanzeneisens geschoben, teils unmittelbar unter der Dille mittels Drahtschlingen am Lanzenschaft befestigt waren, während der übrige Teil des Haarbusches frei herabhing. Unsere Kenntnis von den Anschauungen unserer asiatischen Nachbarn Hess uns zur Ueberzeugung kommen, dass diese Rosshaare nicht bloss zur Verzierung angebracht waren, sondern einem be sonderen kriegstechnischen Zwecke dienten, allein trotz vielen Umfragens gelang es uns lange nicht, vor die rechte Schmiede zu kommen-. Erst vor kurzem führte uns der Zufall mit einem der früheren wilden Kriegsgesellen zu sammen , der seiner Zeit lebhaftesten Anteil an den «alamän» oder «barantd» genannten gegen unsere Grenze gerichteten Ueberfällen genommen hatte, und nun, zu rühmloser Unthätigkeit verdammt, nicht ungern sich in ein Gespräch über die «gute alte Zeit» einliess. Unter anderem sagte er folgendes: «Die Rosshaarbüschel ban den wir an unsere Lanzen, um die Waffe leichter aus dem Körper des getroffenen Feindes herausziehen zu können; denn sie erweiterten die Wunde genügend, um ein festes Umschliessen der eingedrungenen Spitze zu ver hüten, und es genügte' ein leichter Ruck, um das Eisen durch die sich herumlegenden, blutdurchtränkten, schlüpfe rigen Haare «wie durch Butter» herausgleiten zu lassen.» Diese Erklärung schien uns vollkommen einleuchtend, wurde auch später mehrfach von ausgedienten Kosaken, den erbitterten Feinden der Grenzräuber, bestätigt. Zur Ergänzung des Obigen mag noch gesagt sein, dass sowohl die Kara- wie die Teke-Turkmenen bei der Attake die Lanze nicht unter die Armhöhle drücken, sondern das untere Ende des Schaftes gegen den vorderen Sattelbogen stemmen; weit vorgebeugt geben sie mit dem rechten Arme der Lanzenspitze die nötige Richtung. Es erklärt sich daraus, dass der Stoss bei der vollen Wucht des dahinjagenden Pferdes mit furchtbarer Kraft erfolgt, und die Lanze durch alle Schutzvorrichtungen stets tief in den Körper des Getroffenen eindringt. W. Shelesnow. Die Anwendung der Setzschilde. Bei jedem Fort schritt in der Technik der Fernwaffen pflegt der Gedanke der beweglichen Deckungen aufzutauchen, und die neuer dings bei unserer Feldartillerie gemachten Versuche haben zahlreiche Vorgänger, die allerdings grossenteils über das Stadium theoretischer Erörterung nicht hinausgekommen sind. Das aus dem Altertum übernommene Problem des fahrbaren Schirmes, das in den Ikonographien des fünf zehnten Jahrhunderts eine so grosse Rolle spielt und wenigstens in den Katzen des mittelalterlichen Belagerungs krieges praktische Bedeutung gewonnen hat, spukt noch Ende des achtzehnten Jahrhunderts.1) Seine beweglichste, auf den Einzelkämpfer zugeschnittene Form ist die der Pavese, des Setzschildes. Sie war die notwendige Folge der Einführung der Armbrust, die bei ihrer umständ lichen Handhabung eine Deckung des Schützen erfor derte, ein Anschmiegen an das Gelände aber durch ihre Form erschwerte. Als bestes Auskunftsmittel bot sich der römische Thürschild dar, durch unten angebrachte Spitzen zum Feststellen geeignet und mit Schiessscharten versehen. Eine merkwürdige späte Belebung fand diese Idee bis auf den Fussstachel durch Seume in seiner *) Jähns Geschichte der Kriegswissenschaften S. 2739. Glieder der Infanterie mit solchen Schilden zu bewaffnen vorschlägt. *) Köhler, der ihn zuerst 1241 beim Mongolen einfall als vorschriftsmässige Bewaffnung jedes Besitzers von drei Mark Einkünften erwähnt findet (Monumenta Germaniae Leges IV), spricht die Ansicht aus, der Setz schild habe sich bei den germanischen Völkern nicht eingebürgert wegen der Gewöhnung an langstielige Hieb waffen.2) Es sei mir verstattet, einige verstreute Zeug nisse für die gewohnheitsmässige Verwendung in Mittel deutschland anzuführen. Ihre Beschaffenheit wird durch eine Anzahl wohlerhaltener Exemplare erläutert, die im Verlauf des vierzehnten Jahrhunderts angefertigt in den Kämpfen der Stadt Erfurt gedient haben.3) Wie hier erscheint der Setzschild in einer Anzahl archivalischer Nachrichten aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts vorzugsweise als Ausrüstung der Landfolge wie die Arm brust, die ja damals immer noch das Uebergewicht über die Feuerwaffe behauptete. Der 1475 vom Kloster Berge vor Magdeburg zum Zuge nach Neuss gestellte Rüst wagen ist u. a. duobus clipeis pavoise dictis versehen.4) Das Landbuch der Abtei Zinna schreibt 1480 den be rittenen Hufnern der Klosterdörfer Panzer, Eisenhut, Schwert und Spiess vor, den Kossäten nur Armbrust und Schild, «welcher gemeinlich eine pamphose wird genennet».5 *) In ähnlicher Entstellung erscheint das Wort 1487 in Jüterbog, wo sich die Bürger nach dem Befehl des magdeburgischen Landesherrn mit Paphosen rüsten sollten. Die dadurch nahegelegte Verwechslung hat einen modernen Autor zu der Erklärung als mit Pappe oder Lumpen gefütterte Pumphosen veranlasst. °) Auch in dem Städtchen Laucha in einem Seitenthale der Unstrut wird im gleichen Jahre als bürgerliche Rüstung Hut, Krebs, Armbrust und Pofeise vorgeschrieben.7) Noch 1498 zählt das Inventar des Schlosses Querfurt vierzehn grosse Setz tartschen auf.s) Allerdings pflegen solche Inventare Ur väter-Hausrat gewissenhaft fortzuschleppen. Praktische Verwendung dagegen fanden diese Kriegsgeräte bei dem misslungenen Sturm der Brandenburger auf das pom mersche Garz 1479. Markgraf Albrecht, dessen Heer zum grossen Teil von den Trabanten — Fussgängern — der Städte gebildet wurde, bestellte auf jeden der beiden Sturmhaufen von 1000 Mann 50 mit Leitern und 50 mit Setztartschen und Körben.®) q Liebe Vom k. und k. Heeresmuseum in Wien. Während des Jahres 1900 wurde das Heeresmuseum von 14204 (gegen 10446 im Jahre 1899) Personen besichtigt. Die Durchschnittszahl der Besucher während der Jahre 1894 bis 1898 betrug 8638, jene von 1889 bis 1893 gar nur 7036. Die im abgelaufenen Jahre festgestellte Steigerung des Besuches ist namentlich darauf zurückzuführen, dass das Heeresmuseum an Sonntagen geöffnet ist und um so er freulicher, als die Verkehrsverhältnisse von der Stadt *) Ausg. 1839 Bd. VIII. 2) Kriegswesen IIIA S. 103. 3) Jetzt im städtischen Museum. Vgl. Mitteilg. d. Vereins f. G. d. Stadt E. I. 4) Magdeburger Geschichtsblätter XII S. 177. 5) Ebda. XXI S. 421. °) Heffter Chronik von J. S. 222. T) Deponiertes Archiv im Staatsarchiv Magdeburg No. II5. B) St.-A. Magdeburg Urkunden Querfurt No. 46. °) In v. Ledebur Allg. Archiv I. S. 263. 6. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. zum k. und k. Artillerie-Arsenal hinaus, in welchem das 235 Der Bestand an eigentlichen Waffen erfuhr auch im Heeresmuseum untergebracht ist, bekanntlich alles zu wünschen übrig lassen. Im Verlauf des vergangenen Jahres wurden die um fangreichen Sammlungen dieser Anstalt durch Geschenke wieder wesentlich vermehrt. Se. Majestät der Kaiser spendete ein mit Gold plättchen, Seide und bunten Leinenstticken verziertes türkisches Zelt, welches wahrscheinlich 1683 vor Wien von dem Entsatzheere erbeutet worden war; FZM. Herr Erzherzog Friedrich schenkte ein kostbares, 9 m hohes türkisches Rundzelt, von welchem man annimmt, es habe dem Grossvezier Damad Ali Pascha gehört und sei in kaiserlichen Besitz gekommen, als am 4. August 1716 Prinz Eugen die Osmanen bei Peterwardein aufs Haupt schlug; ferner eine einzelne türkische Zeltwand. FML. Herr Erzherzog Eugen widmete eine Czapka nach der Vorschrift vom Jahre 1854 für einen Ulanenoffizier. Von hohem persönlichen Werte sind: Ein vom FM. Josef Grafen Radetzky getragenes Taschentuch; das Ritterkreuz des Militär-Maria-Theresien-Ordens, welches die Brust des FML. Ludwig Freiherrn von Pielsticker schmückte; endlich ein sogenannter Banusring,1) eine Gabe von ausserordentlicher Seltenheit. *) Als im Jahre 1848 der FML. Josef Graf Jellacid als Ban von Kroatien die Grenzer zu den Waffen rief und sie in einer Zeit vielseitigster Verirrung- mit seltener Entschieden heit und auf eigene Verantwortung dem Kaiser zu Hilfe durch ein insurgiertes Land bis unter die Mauern Wiens geführt Antwort auf Frage 4: Der Abbildung und Beschrei bung nach hat die fragliche Kette mit Riemen und Zangen messer dazu gedient, den Schweisshund auf der Nach suche nach einem kranken Stück Wild zu führen. Die Anwendung des Gerätes denke ich mir folgender massen: Der starke Riemen wurde von dem Jäger um den Leib geschnallt (darauf hin deutet auch die Durchlochung des Riemens, die Schnalle freilich wäre danach wohl im Laufe der Zeit verloren gegangen), und zwar so, dass die Kette an der linken Körperseite des Jägers herniederhing, während sich das Zangenmesser, das ja infolge der weiten Oese desselben auf dem Riemen frei laufend hin- und hergeschoben werden konnte, vorn, griffbereit befand. Das freie Ende der Kette wurde nunmehr am Halsbande des Hundes durch den Ring, der, wie aus alten Abbildungen ersichtlich, stets sehr gross war, gezogen, und die Oese in der Zange am Messer fest eingeklemmt. — Auf diese Weise betrug die Entfernung vom Jäger zum Hunde, da die Kette 7,58 m lang ist, 3,79 m, also durchaus nicht zu viel. — Wurde nun der Jäger auf der vergangenen Jahre manche Bereicherung. So wurde die Gruppe der Feuerwaffen um eine Reiterpistole mit Zünder schloss (System Augustin), um je ein vollständiges fran zösisches (M. 1886/93) und spanisches (M. 1893) Magazin gewehr samt Munition vermehrt. An Blankwaffen wurden dem Heeresmuseum einverleibt: Ein Kürassier-Pallasch aus dem Zeitalter Karls VI., ein Unteroffizierssäbel von 1820, endlich ein Offizierssäbel der auch in Laibach im Jahre 1848 geschaffenen Nationalgarde. Auch der Zu wachs an Fahnen ist ein ziemlich bedeutender: Ausser den Resten einer Standarte vom Jahre 1660 der kaiser lichen Reiterei gelangten in den Besitz des Heeresmuseums: Eine Standarte aus dem Zeitalter Karls VI., je eine grüne (M. 1743) und zwei schwarzgelbe Fahnen der österreichischen Infanterie aus der Zeit von 1745 bis 1765, ferner aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Fahne des 1. Land wehr-Bataillons des k. k. Infanterie-Regiments No. 24. Ausser zahlreichen Geschenken von Erinnerungs medaillen an die Türkennot, an militärisch wichtige Er eignisse wurde auch die Bibliothek und die Sammlung von heeresgeschichtlich interessanten Bildern in Heeres museum in besonders freigebiger Weise von Behörden, Truppen und einzelnen Personen bedacht.- Dr. Potier. hatte, da stifteten die Offiziere des Jellaöicischen Haupt quartiers zur Erinnerung an den bewegten Zug eigene Ringe, welche gegenwärtig, da sie nur in sehr beschränkter Zahl angefertigt wurden, zu den grössten Seltenheiten gehören. Suche des kranken Stückes ansichtig, so genügte ein Druck auf den abstehenden Schenkel der Zange, um die Kette freizugeben; der Hund wurde durch dieselbe nicht mehr zurückgehalten, da sie durch sein Fortstlirmen aus dem Ringe des Halsbandes gezogen wurde, und konnte das Wild stellen. Die Kette bietet zu diesem Zwecke grosse Vorteile. Denn da sie infolge der sinnreichen Konstruktion ihrer ein zelnen Glieder zwar nach oben und unten, nicht aber nach den Seiten hin beweglich ist, so konnte sie zwar vom Jäger zum Hunde und zurück gezogen werden, so dass sie am resp. im Halsbandringe ein Knie bildete, ein plötzliches seitliches Abbiegen aber war dem Hunde unmöglich, da er wie an einer Stange ging. Dadurch wurde das Schleifen des Jägers um Bäume herum, wie es bei einem starken und hitzigen Hunde meist der Fall ist, und wobei schon mancher Jäger «Haare lassen» musste, so gut wie unmöglich, denn das Ab biegen des Hundes wurde entweder verlangsamt, oder der Jäger durch die stangenfest stehende Kette, die wie ein Hebel wirkte, dessen Drehpunkt der Baumstamm war, schon vorher zur Seite gedrängt. — Es bleiben nun noch einige Worte Uber das Zangen messer selbst zu sagen übrig. Dass die Zange thatsächlich den Zweck hatte, die Oese der Kette festzuklemmen, scheint mir deshalb wahrscheinlich, weil die Backen derselben nach vorn zu gerieft sind, wodurch ein viel festeres Halten ermög licht wird. Die Rinne auf dem Rücken des Messers diente wohl der Feder des Schenkels als Laufrinne, oder sie ermög lichte ein besonders tiefes Herunterdrucken des Zangen schenkels. 3i 236 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Aber wozu nun das Messer überhaupt, da doch diese II. Band. spricht auch die geringe Feinheit der Schneide desselben. Funktionen alle von einer Zange allein ebenso gut verrichtet werden konnten? — Eine Erklärung hierfür ergiebt sich für mich daraus, dass die Oese, mit welcher das Messer an dem Riemen befestigt ist, mit Hilfe eines Scharniers auseinander geklappt, also durch einen Handgriff das Messer vom Riemen gelöst werden konnte. Musste also der Jäger auf der Xach suche dem Hunde einmal durch allzu undurchdringliches Dickicht folgen, so brauchte er nur das Messer vom Riemen zu lösen. Hielt er es dann, etwa in Gesichtshöhe, vor sich hin, so wurden die Aeste, die seine Augen bedrohten, ein fach abgeschnitten, da der drängende Hund dem Messer die nötige Vorwärtsbewegung gab, — während er es immer noch in der Han,d hatte, durch einen Fingerdruck (der Daumen kam bei dieser Haltung des Messers auf den Zangenschenkel zu liegen) den Hund sofort von der Kette zu lösen. Dafür, dass das Messer wohl kaum zu etwas anderem benutzt worden ist, als um hindernde Aeste damit abzuschlagen, Gustav Lehmann: Forschungen und Urkunden zur Geschichte der Uniformierung der Preuss. Armee 1713 bis 1807. I. Teil. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. Die beiderseits fördernden Wechselbeziehungen der Waffen- und der Uniformenkunde sind an dieser Stelle wieder holt, zuletzt bei Besprechung des vom Königl. Preussischen Kriegsministerium herausgegebenen Schrift- und Bilderwerkes über deutsche Heeresuniformen auf der Pariser Ausstellung in Heft IV, hervorgehoben worden. Der vom Wirkl. Geh. Kriegsrate Lehmann mit der wohlthuenden Sorgfalt und Selbstlosigkeit des gelehrten Fachmanns bearbeitete I. Teil des oben bezeichneten Buches bietet hierzu erneut den will kommenen Anlass. Lehmann, der mit der Ueberschrift und in den Vorbemerkungen unter II. die Fortsetzung seiner ver dienstlichen Forschungen verspricht, behandelt einen für Uniformen- wie Waffenkunde gleich wichtigen Zeitabschnitt, den ein Teil der in Paris zur Schau gestellt gewesenen Soldatengruppen uns schon nahe gerückt hat. Unter den fünf ersten Königen wurden in rastloser, innerer Arbeit und gefördert vom Drucke erprobender Kämpfe nach aussen für alle Zweige der preussischen Heeresverfassung und Aus rüstung die Grundlagen geschaffen. Die Waffenkunde be grüsst mit besonders warmem, geschwisterlichem Danke die quellenerschliessende Behandlung eines Teils neuerer Ge schichte. Denn das letzte Kapitel unserer Wissen schaft teilt das Schicksal vieler Schlusskapitel: f luchtiges, Wissenswertes als bekannt voraus setzendes Zum-Ende-Drängen. Und gerade hier bleiben wertvolle Quellen uns nutzbar zu machen. Die neuere Kriegsgeschichte liegt geklärt und meist erschö pfend durchgearbeitet vor und belehrt über die Einwir kung der Waffe nicht allein auf Taktik und Strategie, sondern auch auf das Kleid des Kriegers, die Uniform. Ein in die Augen springendes Beispiel hierfür ist die Beseitigung des beim Schwingen der Handgranate hindernden Huts und dessen Ersatz durch die in Form und Ausstattung wechselnde Und wenn die Ueberlieferung sagt, dass die Kette auf der Jagd als «Fangkette» gebraucht worden sei, so deckt sich dies vollkommen mit obigen Ausführungen. A. Schnbrg.-Dnr. Um das Material für eine Geschichte der sächsischen Waffenindustrie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zusammenzustellen, bittet unser Vereinsmitglied Dr. Petzsch (Dresden, Johanneum) um freundliche Mitteilung der im Ge biete des vormaligen Kurfürstentums Sachsen vorkommenden Namen, Marken, Werke und sonstigen Nachrichten von Künst lern und Handwerkern, welche bei der Herstellung und Ver zierung von Waffen thätig gewesen sind, soweit solches Material noch nicht in bekannten Druckschriften veröffentlicht wurde. Grenadiermütze, von der (nach Lehmann) Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt allein 857 Einzelstücke in der Buchs weiler Sammlung vereinigt hatte. Ganz unmittelbar in das Gebiet der Waffe führt ferner die mit dankenswerter Ge nauigkeit in den Vorbemerkungen S. IX bis XI wieder gegebene, tabellarische Beschreibung preussischer Militär gewehre; eine Fundgrube für die Ursprungsbestimmung von Handfeuerwaffen dieser Zeit. — Ein Teil der anregendsten Nachrichten entstammt dem Darmstädtischen, ein anderer dem Herzoglichen Archive in Zerbst. Es wäre für Leser und Mitarbeiter von Wert, bei weiteren Veröffentlichungen den Fundort aller Quellenschriften zu erfahren. Bei der ersten Betrachtung befremdet eine scheinbar die Zeitfolge nicht durchweg berücksichtigende Anordnung der Urkunden. So betrifft Nr. I die Jahre 1740 bis 1748 und vorher gehende, Nr. II etwa 1724, Nr. IV setzt 1713 ein. Das Ein gehen auf den gebotenen, reichen Stoff lässt jedoch das vom Verfasser durchgeführte Zugrundelegen des zeitlichen End punkts der Abschnitte für deren Aufeinanderfolge, als einzig berechtigt anerkennen.— Auf Seite 244 unter «13. September» (1806) wird in für damalige Anschauung kennzeichnender Form ein vom Kunsthändler Schiavonetti herausgegebenes «1. Heft» von Uniformabbildungen erwähnt (vergl. auch Vorbemerkungen Nr. V und den Schlussabsatz dieser Be sprechung) und dem Ober-Kriegs-Kollegium aufgegeben, die ergänzende Darstellung der neuen Infanteriebekleidung mit den «nötigen Nachrichten» zu unterstützen. An das, was der geschätzte Verfasser der Oeffentlich keit als Frucht mühevoller Arbeit im einzelnen darbietet, liesse sich eine Fülle von Bemerkungen knüpfen. Sie würden den einer Besprechung angewiesenen Rahmen überschreiten und lediglich bestätigen, wie unvergleichlich fruchtbringender die wissenschaftliche Forschung gegenüber der heutzutage über Gebühr belobten, oft recht oberflächlichen, mit den Jahr zehnten und Erwartungen des Nachschlagenden kritiklos spielenden Bilderbuchbehandlung auch in der Uniformen kunde ist. Die unter V. der Vorbemerkungen gegebene Anregung zu Nachforschungen nach einem durch Friedrich Wilhelm III. vom Buchhändler Quien 1806 erworbenen, seither verschwun denen, Abbildungen der Uniformen, «wie sie anfangs der Regierung Friedrichs II. bestanden», enthaltenden «Werke» veranlasste mich zur Durchsicht der bezüglichen Hand schriften der Herzoglichen Bibliothek zu Gotha. Das den Herrn Verfasser, zweifellos auch weitere Kreise wie mich 6. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. selbst erfreuende Ergebnis war das Auffinden dreier hand 23/ hat eine Höhe von etwa 1,5 m. Die Zeitangabe fehlt, doch schriftlicher und handzeichnerischer Darstellungen preussi scher Uniformentypen und Farben in Buchform, deren wert vollste, wie gesucht, vom ungenannten Bearbeiter «Potsdam 1764» datiert ist. Das in Queroktav gebundene Werkchen ist augenfällig so geschickt und gewissenhaft zusammen gestellt, in Zeichnung, Farben und kurzer Truppenbenennung so wohlerhalten, dass dessen nach Thunlichkeit vollständige Wiedergabe an dieser Stelle von seiten der Schriftleitung beabsichtigt wird. Lossnitzer. On a MS. Collection of Ordinances of Chivalry of the flfteenth Century, belonging to Lord Hastings. By Harold Arthur, Viscount Dillon. Printed by J. B. Nichols and sons, parliament mansions, Victoria Street, Westminster, 1900. Die angeführte Manuskriptsammlung besteht aus zwanzig Einzelschriften, welche folgenden Stoff behandeln: Vorschriften bei Turnieren, solche über Bekleidung der Ritterschaft bei den Stechen, Rennen und Fusskämpfen, Gebräuche bei der Krönung der Könige und Königinnen von England, Anleitung zur Führung eines Ausgabebuches, zwei (englische) Ueber setzungen des Vegetius, bez. Aristoteles u. a. m. Alle diese Schriften sind zu einem umfangreichen Bande zusammen gefügt worden. Für uns haben die das Turnierwesen und die Bewaffnung der Ritterschaft behandelnden vier Abschnitte besonderen Wert, und es möge daher aus diesen das Wesent lichste an dieser Stelle erwähnt oder referiert werden. Abschnitt 1 handelt von der Bekleidung und Ausrüstung (Bewaffnung) bei den Stechen «Justes of Pees» (peace), sowie von Vorschriften fiir die Turnierenden beim Eintritt in die Stechbahn. Abschnitt 7 bespricht die Bekleidung des Ritters zum Fusskampf «fighte on foote», und die Reihenfolge, in welcher die einzelnen Harnischteile angelegt werden sollen. Dazu gehört eine lehrreiche Abildung, PI. VII. Abschnitt 8, Brief des Herzogs von Gloucester an König Richard II. (f 1400), betreffend Vorschriften über gerichtlich geleitete Zweikämpfe (conducting judicial duels). Abschnitt 15, Herausforderung des Pierre de Masse und des Philippe Boyle de Aragon und der Ausgang ihrer Kämpfe mit John Astley in den Jahren 1438 und 1441/42. Auf diesen Teil des Manuskriptes machen wir die Fachgenossen wegen seines kulturgeschichtlichen und waffengeschichtlichen In haltes besonders aufmerksam. Er beginnt mit einer Vor schrift über die Bewaffnung der Kämpfer; alsdann folgen die Gesetze über das Turnier, bez. die sich daran schliessenden Kämpfe. Hiernach beginnt der Waffengang in der Regel mit einem Stechen (juste of peace), diesem folgte ein Scharf rennen, bei dem die Turnierenden auch mit Schwert und Dolch bewaffnet waren, um den Kampf mit der blanken Waffe fortzusetzen, W'enn die Lanze gebrochen oder einer der Gegner in den Sand gestreckt war. Es heisst nämlich in der Aufzeichnung, dass, wenn das Turnier zu Ross am ersten Tage unentschieden blieb, die Ritter in derselben Rüstung zu Fuss weiter zu kämpfen hatten. Als Waffe für diese Kämpfe dienten das Schwert oder die Streitaxt (Zwei händeraxt). Im Gegensatz zu dem juste of peace handelte es sich hierbei um das Leben; denn der Besiegte war, wenn er nicht den empfangenen Wunden erlag, dem Henker ver fallen, falls nicht der König, der als Schiedsrichter fungierte, ihm das verwirkte Leben schenkte. Zu diesem Abschnitt ge hören drei lehrreiche Abbildungen. Die erste zeigt uns ein Stechen über das Dill (die Schranke), Justing at the tilt oder auch Juste of Pees (peace) genannt, zwischen John Astley und einem anderen Ritter, entweder Pierre de Masse oder Philippe Boyle. Ausrüstung und Bekleidung sind auf dem Bild noch gut erkennbar. Besonders in die Augen fallend sind die Zimiere auf den Stechhelmen. Beine und Füsse sind ungeharnischt, aber durch ein bis über die Knie herabreichen des vorderes Sattelblech geschützt. Die Schranke (das Dill) besteht aus fünf übereinander liegenden starken Brettern und geht aus anderem hervor, dass das Turnier an einem Tage während der obengenannten Jahre stattgefunden haben muss. Die zweite Darstellung (PI. V) zeigt uns ein Scharf rennen über die Schranke (mounted combat) zwischen John Astley und Pierre de Masse zu Paris im Jahre 1438. Di Rennbahn bildet hier die Rue St. Antoine, auf welcher die Schranke für die Turnierenden errichtet ist. Links sieht man die Bastille, im Hintergrund ein schlossartiges Gebäude, von dessen Fenstern aus der König Karl VII (f 1461) und sein Hofstaat dem Kampfe zuschauen. Die Benennung mounted combat weist darauf hin, dass es sich hier um einen ernsten Kampf handelte, bei welchem Schwert, Dolch oder Zwei händeraxt nach Beendigung des Rennens in Anwendung kamen, wie die Vorschriften zu Beginn des Abschnittes es besagen. So sieht man unterhalb der Fenste* des königl. Schlosses neben zwei Herolden fünf Geharnischte (men at arms), die jeder eine Zweihänderaxt für den Fusskampf in der rechten Hand halten. Als Kopfbedeckung tragen diese Leute Saladen (Schallern) mit aufschlägigen Visieren. Auf den Helmen der Turnierenden fehlen hier die Zimiere. Das dritte Bild stellt einen Kampf (fight) mit Aexten zwischen John Astlej' und Philippe Boyle zu Smithfield am 30. Januar 1441 dar. Beide Ritter haben hier einen voll ständigen Plattenharnisch und darüber einen Waffenrock, ein jeder mit seinem Wappen, angelegt. Sie führen langgestielte Aexte (Zweihänderaexte), die etwas über Mannesgrösse lang und mit Stossklingen versehen sind. Die Klingen weisen jedoch insofern eine Verschiedenheit auf, als die eine neben der Beilklinge eine Hacke in Form der Papageienschnäbel, die andere dagegen einen dreizackigen Hammer zeigt. Auf fälligerweise haben die Ritter die Waffe auf verschiedene Art angefasst, indem der eine die rechte, der andere die linke Hand unter die Handschutzscheibe legt, während die andere Hand den Stiel weiter rückwärts ergriffen hat. Neben den Turnierenden steht ein Herold, um die Einhaltung der Kampfesregeln zu überwachen. Im Hintergründe des Kampf platzes, der von einer Barriere umgeben ist, sieht man vier Geharnischte, jeden mit einer Zweihänderaxt in der rechten Hand, Waffen, die als Ersatz dienten, wenn, wie dies nicht selten vorkam, die eine oder andere Axt der Kämpfenden in Stücke ging. Von einer Tribüne herab sieht der König dem Kampfe zu, um nach dessen Beendigung sein Richteramt auszuüben. Schon aus diesen Andeutungen über den Inhalt der für uns in Frage kommenden Abschnitte des Manuskriptes geht hervor, dass wir hier Aufzeichnungen von hohem kultur geschichtlichen Werte vor uns haben. Besonders werden die Mitteilungen über das Turnierwesen zu Ausgang des Mittel alters für die Fachgenossen von Interesse sein. Es möge daher auf die Veröffentlichung des Manuskriptes durch Vis count Dillon an dieser Stelle mit ganz besonderer Wärme hingewiesen sein. M. v. E. Die Frauenfelder Harnische im Schweizer Landes museum, von Dr. W. H. Doer in Zürich. Als Anhang: Urkundliche Notizen über die Frauenfelder Plattner Hof mann, von Josef Büchi in Frauenfeld.1) Die kleine Broschüre, deren Inhalt sich auf gründliche fachmännische und archivalische Forschungen stützt, giebt uns Aufschluss über die Herkunft einiger Harnische in ge nanntem Museum. In der Familie Hofmann aber begrüssen wir die erste bekannt gewordene Plattnerfamilie in der Schweiz. Vielleicht regt diese verdienstliche Arbeit dazu an, auch an anderen Orten, z. B. in Basel, nach Plattner werkstätten zu forschen, ein Bemühen, das in Anbetracht des häufig auf Rüstungen vorkommenden Baselstabes, der hier unseres Erachtens als städtische Beschauraarke an zusehen ist, nicht aussichtlos sein dürfte. M. v. E. >) Die Schriftleitung wird auf diese Forschungen in anderem Zusammenhang noch zurückkommen. 31* 2j8 Zeitschrift für historische Wäfienkunde. Vereinsnachrichten. Neue Trauer ist dem Verein aus dem Verlust eines seiner hohen Protektoren erwachsen. Am 5. Januar dieses Jahres verschied in Weimar Seine Königliche Roheit Grossherzog Carl Alexander von Sachsen-Viteimar-Cisenadi. Der erlauchte Schutzherr der Wartburg', in deren Räumen der Plan an einen Zusammen schluss der Waffenhistoriker zuerst durchgesprochen wurde, hat, alles geistige und künst lerische Streben zu fördern von jeher als eine seiner vornehmsten Pflichten erachtend, auch unserer Thätigkeit Seine wärmste Teilnahme geschenkt und von ihr die zuversicht liche Erwartung gehegt, dass es ihr glücken werde, ein lange vernachlässigtes Gebiet der Kulturgeschichte aufzuhellen. So wenig wie andere, die sich seiner Huld gleichfalls freuen durften, werden auch wir seinen ruhmreichen Namen vergessen, den die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts nicht anders als mit ehrfurchtsvollem Danke nennen kann. Die Annahme von Beiträgen für Heft 7 des II. Bandes wird spätestens am r. Juni d. J. geschlossen. Herausgegeben vom Verein für historische Waffenkunde. II. Bäiid, Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Veste Coburg. Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. Das mittelalterliche Wurfbeil. Von Regierungsrat Dr. Rose in Berlin. unser leider so früh dahingeschiedenes Ver einsmitglied Oberstleut nant Dr. Max Jahns in seinem letzten grösseren Waffen werke, der her vorragenden «Entwick lungsgeschichte der alten Trutzwaffen» (Berlin 1899) ausführt, gehört das bisher nur in Afrika bei den verschiedensten Völkern aufgefundene Wurfeisen zu den seltsamsten Waffen, die es überhaupt giebt. Nach der Beschreibung (Seite 257 bis 260 daselbst) ist dieses «eine messer- oder sichelartige eiserne Wurfwaffe, welche in der Regel mit einer oder mehreren dolchartigen Klingen versehen ist, die anscheinend willkürlich vorspringen, doch in einer Ebene mit dem eigentlichen Messer liegen. Fast niemals mangelt ihr ein mehr oder minder kunst voller Griff. Die Waffe wird horizontal geschleu dert, wobei sie, gleich der Kehrwiederkeule, Drehungen um sich selbst beschreibt und, wenn sie trifft, durch ihre Schneiden wirkt.» Die auf Tafel XXVII unter No. 7 bis 12 bezw. auf Tafel XXVIII unter No. 1 bis 4 des genannten Werkes beige gebenen Abbildungen veranschaulichen die ver schiedenen Formen dieser merkwürdigen afrikanischen Wurfwaffe. ]) Am Schlüsse des betreffenden Abschnitts findet sich nun die Bemerkung, dass, so fern übrigens, wie es auf den ersten Anblick scheinen möchte, auch die europäische Waffenwelt den Wurfeisen nicht stehe. Zeuge dafür sei ein eisernes Wurf beil mit Dornen vom Beginn des 14. Jahrhunderts, welches ungarischen Ursprunges ist und sich im Be sitze Se.Excellenz des Grafen Wilczek in Wien befindet. ') Cf. auch die Abbildungen bei Demrnin, die Kriegs waffen (4. Aufl. Leipzig 1893) auf Seite 750 sub No. 103 und 104, resp. auf Seife 770 sub Xo. 48, woselbst diese Wurf eisen als «Yatagankriegssense» und «Yatagankriegsbeil» der Tuariks, resp. «als eisernes Wurftnesser oder Wurfsichel» der Niam-Niam Afrikas aufgeführt sind. Die Abbildung dieser Waffe auf Tafel XXVIII unter No. 5 ist dem bekannten Werke von Dr. Jo hann Szendrei «Ungarische kriegsgeschichtliche Denkmäler in der Millenniums-Landes-Ausstellung (Budapest 1896)» entnommen, woselbst das betref fende Wurfbeil mit Dornen von Eisen auf Seite 135 unter No. 348 dargestellt ist. Infolge der grossen Seltenheit dieser höchst interessanten Waffe des Mittelalters dürfte eine Be sprechung der bisher bekannt gewordenen einzelnen Exemplare um so mehr gerechtfertigt erscheinen, als die Mehrzahl der Wafifenlehrbücher nähere An gaben über dieselbe vermissen lassen. Durch die ausserordentliche und dankbar aner kannte Güte des Herrn Grafen Wilczek ist es uns ermöglicht worden, hierneben eine genaue photo graphische Darstellung der in seiner Sammlung be f indlichen Exemplare zu bringen. Fig. 1 ist das bereits bei Szendrei a. a. O. ab gebildete, mit einem Gürtelhaken versehene Wurf beil, welches aus einem einzigen Stück Eisen ge schmiedet ist. Die ganze Länge desselben von der oberen Mitte bis zum Griffende beträgt 27 cm, die ganze Breite von der Mitte der Beilschneide bis zum Ende des Rückendornes 16,5 cm. An die 18 cm lange, aber nur 3 cm breite eigentliche Beilklinge setzt sich unten ein rechtwinklig nach vorn gebogener 6 cm langer und scharf zugespitzter Dorn. Der vierkantige Griff hat an der schmälsten Stelle einen Umfang von 5,5 cm und verbreitert sich nach unten allmählich bis zu einem Umfange von 6,5 cm. Während die eigentliche Beilklinge abgeflacht ist und nach vorn in eine scharfe Schneide ver läuft, sind die Dornen und auch der Griff mehr in quadratischer Form geschmiedet. Die Enden der Beilklinge, des Rückendornes sowie des Griffes sind in Rautenform viereckig zugespitzt. Das Gewicht der Waffe beträgt 755 Gramm. Das deutlich erkennbare Meisterzeichen ist auf der Vorderseite vom Gürtelhaken bis zur Mitte der 32 240 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Beilklinge viermal,1) und von der Mitte des Griftes II. Band. Waffenschmiedsmarke ist an diesem Wurfbeil nicht bis zum Ende desselben sowohl auf der Vorder wie auf der Rückseite je fünfmal tief ins Gesenk geschlagen, so dass die Waffe dieses Zeichen also insgesamt vierzehnmal aufweist. Das Alter dieser Waffe versetzt Szcndrei in den Beginn des 14. Jahrhunderts, ohne jedoch nähere Gründe hierfür anzugeben. Fig. 2 stellt ein weiteres Exemplar aus der selben Sammlung dar. Auch dieses Wurfbeil besteht aus einem Stück Eisen. Seine Gesamtlänge von der oberen nach der unteren Spitze beträgt 35 cm, die ganze Breite von der Mitte der Beilschncidc bis zum Ende des Pig. 1. Eisernes Wurfbeil mit Waffenschmiedsmarke. 14. Jahrh. Beginn. (Sammlung des Grafen Hans Wilczek in Wien.) Rückendorncs iS cm, die Länge der Beilschneide 17 cm, des Stiels 25,5 cm, des kantig zugespitzten oberen und Rückendorncs 8 bezw. 6,5 cm. Der vierkantige Stiel dieses im ganzen mehr abgeflachten Wurfbeiles hat in der Mitte einen Umfang von 5,5 cm, er erweitert sich nach dem unteren Ende zu einem runden Handgriff mit 7,5 cm Umfang. Dieser runde und unten in eine scharfe Spitze verlaufende Hand griff ist hohl, wie dies nicht nur das leichtere Ge wicht dieses Teiles, sondern auch der Umstand beweist, das man beim Schütteln deutlich ein Eisen partikelchen in dem Hohlraum klappern hört. Eine *) Die Abbildung bei Szendrei a. a. O. ist daher nicht ganz genau, da das Meisterzeichen an dieser Stelle nur e i n mal sichtbar ist. zu entdecken, sein Gewicht beträgt 525 Gramm. Gefunden2) ist dasselbe bei Fischament (Nieder Oester. a. d. Donau), woselbst es ausgegraben wurde. Ein drittes, der Abbildung 2 völlig gleichendes Exemplar dieser Waffe ist kürzlich von Herrn Staats rat von Lenz unter den Beständen der Kaiserlichen Eremitage zu Petersburg aufgefunden worden (siehe Fig'- 3) Nach den von Herrn von Lenz in liebens würdigster Weise zur Verfügung gestellten näheren Angaben, wofür ihm der Verfasser seinen verbind lichsten Dank ausspricht, beträgt die ganze Läng'e dieses gleichfalls aus einem Stück Eisen geschmie Fig. 2. Eisernes Wurfbeil. 15. Jahrh. Beginn. Gefunden bei Fischament (Nieder-Oesterreich a. d. Donau). (Sammlung des Grafen Hans Wilczek in Wien.) deten Wurfbeiles 43 cm, die ganze Breite 16 cm, Länge des Stieles 36,5 cm, der Beilschneide 20,5 cm und der Dornen 6,5 bis 7 cm, der Umfang des Handgriffs 9,5 cm und das Gewicht 784 Gramm. Ueber die Herkunft dieses Exemplars ist nichts bekannt, doch scheint die tief eingeschlagene Marke auf eine steirische Werkstatt hinzuweisen, ln eine kreisförmige Oeffnung am schwach gerundeten unteren Teile des Bartes ist eine Messingscheibe eingeschlagen, deren eine Seite das auf der Abbil dung sichtbare roh eingekratzte Zeichen, vielleicht die Hausmarke des Besitzers, trägt.-) Nach der gütigen Mitteilung des Archivars Sr. Exc. des Herrn Grafen Wilczek, k. k. Sektionsrates Herrn Prä laten Dr. Schrauf, dem hiermit ergebenster Dank gesagt sei. 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Der runde scharf zugespitzte Griff ist ebenfalls 241 beim horizontalen Wurfe nicht recht glaublich, wohl hohl und in seinem unteren Teile mit einem Loch versehen, dessen Bestimmung bis jetzt unklar ge blieben ist. Ein Gürtelhaken wie bei dem erst erwähnten Exemplar des Grafen Wilczek konnte hier nicht gut angebracht sein, denn bei dieser Stellung des Hakens wäre die Spitze des Rücken Fig. 3. Eisernes Wurfbeil mit Waffenschmiedsmarke. T5. Jahrh. Beginn. (Sammlung der Kaiserlichen Eremitage zu St. Petersburg.) dornes gegen den Oberschenkel des Trägers ge richtet gewesen. Es erscheint dagegen nicht aus geschlossen, dass die Oefifnung zur Befestigung einer Leine mittels Knebels bestimmt gewesen sein kann (also etwa wie bei einer Harpune). Bei der Verwendung des Wurfbeils im offenen Felde freilich wäre dies wegen der durch eine solche seitliche Befestigung bewirkten Ablenkung der Waffe aber lässt sich dies, wie Herr von Lenz vermutet, bei der Verteidigung von festen Plätzen von den Mauerzinnen herab, also bei einem Wurfe von oben nach unten, schon eher denken, um die einmal ge schleuderte Waffe zu wiederholtem Gebrauche wieder hinaufzuziehen. Jedenfalls ist aus der ganzen Konstruktion des Beiles zu ersehen, dass dasselbe hauptsächlich für den Wurf bestimmt war. Denn der runde Griff schliesst die Befestigung an einer Stange aus, auch lässt sich die Aushöhlung gerade dieses Teils mit Sicherheit auf die Absicht zurückführen, dieses Ende der Waffe zu entlasten und den Schwerpunkt mög Fig. 4. Eisernes Wurfbeil mit Waffenschmiedsmarke (a). 15. Jahrh. Beginn. Gefunden bei Memmingen (Süd-Bayern). (Sammlung des Verfassers.) liehst nach der Mitte zu verlegen. Für den Ge brauch als Faustbeil wäre der Griff nicht nur nicht erleichtert, sondern sein Gewicht wie auch das der ganzen Waffe wesentlich erhöht worden. Obgleich bei der grossen Seltenheit derartiger Waffen eine genauere Datierung schwierig ist, wird nach Herrn von Lenz die Anfertigung dieses Beils aus verschiedenen Gründen nicht in das 14., son dern in den Anfang des 15. Jahrhunderts zu ver setzen sein, und dürfte dieselbe Zeitbestimmung auch für das gleichartige zweite Exemplar der Wil czekschen Sammlung zutreffend erscheinen. Ein viertes Exemplar ist vor Jahresfrist vom Verfasser dieser Zeilen für seine Sammlung erworben worden. Dasselbe ist gleichfalls aus einem einzigen Stück Eisen geschmiedet und zeigt die eigentliche Beilform. 242 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Seine Gesamtlänge von der oberen bis zur II. Band. Dorn ersetzte und damit die Möglichkeit des Auf unteren Spitze beträgt 43,5 cm, die ganze Breite von der Mitte der Beilschneide bis zum Ende des Rückendornes 24,5 cm, die Länge des Stieles allein 30 cm, des oberen und des Rückendornes je IO cm, der äusseren Beilkante 15 cm. Das Gewicht der Waffe beträgt genau 1 kg. Auch dieses Wurfbeil ist im ganzen abg-eflacht (siehe Fig. 4). Eigentümlich ist, wie bei den vorerwähnten Exemplaren, der sich von 6,5 cm Umfang allmählig nach unten bis zu 7,5 cm Umfang verstärkende und alsdann in eine scharfe kantige Spitze endende kurze Griff. Ebenso ist der obere und der Rückendorn vierkantig in Rautenform zugespitzt. Die breite Beilfläche ist in Fischblasenform durchbrochen. Ober halb und unterhalb dieser Durchbrechung erblickt man ein eingeschlagenes Ornament in Gestalt eines Haarsternes (Kometen). Die aus Messing bestehende Waffenschmiedsmarke befindet sich im Mittelpunkt der zusammenstossenden Dornen in einer stark ins Gesenk eingeschlagenen viereckigen Vertiefung und zeigt ein liegendes, an den Spitzen mit kurzen Querbalken (Kleeblättern?) versehenes Kreuz. Dieses Meisterzeichen ist daher fast identisch mit der bei Demmin1) (Seite 1048 rechts oben) allerdings in Form eines stehenden Kreuzes gezeichneten Marke, welche einer Kriegssense des 14. Jahrhunderts ent nommen ist. Jene Zeitangabe würde mit der von Szendrei gegebenen übereinstimmen, doch lassen Gestalt und Ausführung die Anfertigung auch dieses Wurfbeiles eher zu Beginn des 15. als des 14. Jahrhunderts vermuten. Gefunden ist dieses gut erhaltene Exemplar bei Memmingen, im süd-bayerischen Kreise Schwaben, und auch die Meistermarke dürfte auf eine süd deutsche Werkstatt hinweisen. Ein Charakteristikum aller dieser Wurfbeile bildet insbesondere der Griff. Derselbe ist, wie schon bemerkt, nicht etwa erst angesetzt, sondern mit dem eigentlichen Beile aus einem einzigen Stück Eisen geschmiedet. Er verbreitert sich zwar etwas nach dem Ende zu, um gut in der Hand zu liegen, ist aber ganz kurz, um den Schwerpunkt der ganzen Waffe nicht zu tief nach unten zu verlegen, wodurch eine regelmässige Drehbewegung in der Flugbahn unmöglich gemacht worden wäre. Er zeigt endlich am unteren Ende eine scharfe Zuspitzung, was die Absicht erkennen lässt, in welcher Lage auch immer das Beil in seiner wirbelnden Flugbewegung am Ziele anlangte, das jedesmalige Aufschlagen einer der zahlreichen Spitzen, wenn nicht der Beilschneide selbst, herbeizuführen. Am deutlichsten erhellt dies bei dem erstbeschrie benen Exemplar, da man hier, um desto sicherer diesen Zweck zu erreichen, die sonst übliche breite Beilfläche durch einen rechtwinklig abgebogenen *) Demmin, a. a. O. schJagens mit einer weiteren schärfen Spitze ver grösserte. Jedenfalls muss eine solche, von kundiger Hand auf kurze Entfernung geschleuderte Waffe ganz ge fährliche Verwundungen verursacht haben. Wenn wir uns nunmehr der historischen Ver gangenheit des mittelalterlichen Wurfbeils zuwenden, so erblicken wir dessen Vorbild unter dem bekann ten Namen der Francisca insbesondere bei den Franken während der Merovinger-Zeit (481—751) in einem so allgemeinen Gebrauch, dass es als die eigentliche National- und Lieblingswaffe dieses Volks stammes bezeichnet werden kann. So hat man in den zahlreichen Gräbern dieser Zeit, zumal am Rhein, in Burgund und in der Champagne fast stets neben dem Scramasax die Francisca gefunden (siehe Fig. 6). Die Gestalt dieser an einem ganz kurzen Holz stiele befestigten schmalen Eisenaxt wird von Jähns anschaulich wie folgt beschrieben:2) «Die Klinge steigt vom Axthelm in flachem Bogen aufwärts und endet in leicht ausgeschwun gener Spitze. Die schmale Schneide, nur halb so lang wie die gesamte Axt und zuweilen ein wenig nach aussen gekrümmt, ist so hoch ge schwungen, dass sogar ihre untere Spitze nicht bis zum untern Rande der Bahn hinabreicht, wo durch vermutlich der Schwung des Hiebes wie des Wurfes verstärkt wird; denn die Francisca ist in erster Reihe ein Wurfbeil. Als solches ver folgte sie ihren Weg, indem sie sich um ihre Achse drehte und beständig überschlug. Die Klingenlänge beträgt vom Helm bis zur Schneide 14 bis 18 cm; letzteres Mass herrscht bei den deutschen Funden vor.»3) Bereits Procopius4) berichtet in seiner Ge schichte des Gotenkrieges (II, 25, 28), dass das austrasische Fussvolk, welches Theodobert I. im Jahre 539 nach Italien führte, der Masse nach nicht mit Speeren und Bogen, sondern neben Schwert 2) Jähns, Entwicklungsgeschichte S. 138. Cf. auch die Abbildungen der Francisca bei Jähns ebendas. Tafel III, No. 7 und 8, sowie das im Grabe Childerichs I, (gest. 481) gefundene Exemplar auf Tafel IV, No. 2, ferner in Jähns’ Atlas zur Ge schichte des Kriegswesens Tafel 28, No. 19. Demmin a. a. O. Seite 337, 338, No. 44, 44a und 44 bis, und Seite 348. Lindenschmit: Die vaterländischen Altertümer der Fürst lich Hohenzollernschen Sammlungen zu Sigmaringen (Mainz 1860) Seite 15 und auf Tafel I No. 6 u. 13 u. a. m. 3) Das Gewicht eines solchen Wurfbeils (Francisca) aus der Merovinger-Zeit ist in Band I, Heft 12, Seite 307 dieser Zeitschrift auf durchschnittlich 600 Gramm, bei einem Exem plar auf 550 Gramm angegeben. 4) Ueber die Litteratur vergl. Lindenschmit a. a. O. Seite 14—15. San Marte, Zur Waffenkunde des älteren deutschen Mittelalters, Quedlinburg 1867, Seite 191 ff. Jähns, Handbuch einer Geschichte des Kriegswesens (Leipzig 1880) Seite 409 ff., sowie derselbe: Entwicklungs geschichte a. a. O. Seite 141 —142. Boeheim, Handbuch der Waffenkunde Seite 4 und 367. 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. und Schild lediglich mit der Francisca ausgerüstet 243 Grossen (um 1020) der Wurf mit der Schmalaxt war. Beim ersten Anlaufe schleuderten die Franken das Beil auf den Gegner, zertrümmerten dadurch seinen Schild und stürzten sich nun mit dem Schwerte auf ihn. Ebenso erwähnt Sidonius Apollinaris in seinen Epist. XX bei der Beschreibung von Sigismers Auf zug unter den Waffen des fränkischen Fteeres wieder holt der «secures missiles», während er im Verse (Panegyr. major) den bekannteren Ausdruck «bi pennis» auch da anwendet, wo er auf das deut lichste vom Werfen der Axt spricht. Diese allgemeine Bewaffnung der Franken mit dem Wurfbeil, die auch von Gregor von Tours im 6. Jahrhundert ausdrücklich bezeugt wird,1) liess diese Waffe gleichzeitig bei den anderen deutschen Volksstämmen Eingang finden, wie z. B. ala mannische und burgundische Gräberfunde be weisen. Dass auch den Langobarden das Wurfbeil und dessen Gebrauch bekannt war, beweist die Sage von König Autharis’ Brautwerbung um die bayerische Herzogstochter Theodelinde im Jahre 584. An der Grenze seines Landes, bis wohin ihm auf der Rück kehr die Bayern das Ehrengeleite gegeben hatten, schwang der König seine Axt und warf sie in einen fernen Baum mit solcher Kraft, dass sie tief darin stecken blieb, wobei er sich durch den Ruf zu er kennen gab: Solche Hiebe thut nur Autharis, der Langobardenkönig! Ebenso führten die Goten nach dem Berichte von Agathias bei der Belagerung von Cumae das Wurfbeil, und Isidorus (Etymol. XVIII, 6, 9) giebt den wichtigen Nachweis, dass die Axt noch im An fänge des 7. Jahrhunderts von den Spaniern, d. h. den Goten, Francisca genannt wurde. Bei den Franken verschwindet jedoch diese ursprüngliche Nationalwaffe bereits gegen Ende der Merovinger-Zeit, so dass Karl der Grosse sie in seiner Verordnung über die vollständige Bewaffnung des Heerbannes (Epist. Caroli Magni ad Fulradum Abbatem St. Dionys. 784) nicht mehr anführt. Ebenso bezeugt der Dichter des im 10. Jahr hundert entstandenen Walthari-Liedes ausdrücklich, dass er sie nur noch aus der Ueberlieferung einer fernen Zeit kenne, und dass sie zu seiner Zeit nicht mehr im Gebrauch, früher aber gerade bei den Franken üblich gewesen sei.2) Desto länger behielten dagegen die Eng länder diese Wurfwaffe bei. So erscheint in einer Verordnung Knuts des ») Auch Flodoardus (Hist. Remens. 1,13) gebraucht den Namen Francisca, und Hincmar in der Vita St. Romigii: «Francisca quae vocatur bipenna» (sic!). Ebenso Gesta Dei per Franc, c. 10: «Francisca, quod est bipennis». 2) Cf. Vers 918 das. Als der Franke Gerwich die Axt gegen Walthari schleudert, heisst es: «Venit, et ancipitem vibravit in ora bipennem. Istius ergo modi Francis tune arma fuere». (taper-axe) als Bestimmung eines Raummasses. 8) In der Schlacht bei Hastings (14. Oktober 1066) waren, wie Matth. Paris, in seinem proelium apud Flastinges versichert, sämtliche Sachsen «cum secu ribus» bewaffnet. Als die Normannen anrückten «jactabant Angli cuspides ac diversorum generum tela, saevissimas quasque secures et lignis imposita saxa» (Gesta Gulielmi Ducis Norman. 201). Auch im Chron. de Normandie lesen wir: «Et sitost comme les Anglois les virent fuir, ils commencerent ä poursuivir, chascum la hache ä son col». Ja bis ins späteste Mittelalter hinein erhielt sich bei den Briten der Axtwurf, so dass noch im 16. Jahrhundert Fischart in seinem Gargantua das Wurfbeil direkt als englisch bezeichnet: «Er warf das Englisch Beihel» etc.3 4 *) Bei dieser Gelegenheit dürfte darauf hinzu weisen sein, dass man im Mittelalter von jeher neben den mit der Hand geschleuderten gewöhnlichen Ferne waffen (Wurfspiess, Wurfpfeil, Schleuder etc.) auch noch das Werfen anderer Waffengattungen kannte, die sonst nur im Nahkampfe Verwendung fanden. So wurden selbst Schwerter gelegentlich ge worfen, wie dies eine Stelle der langobardischen Gesetze beweist. Hiernach hatte, wenn ein Tier durch den Wurf eines Schwertes getötet war, der Thäter Ersatz zu leisten; geschah es aber infolge der Verteidigung mit bewaffneter Faust, so fiel die Busse fort. (Leg. Langob. CCCXXXV.) Ferner berichtet Ulrich von Zatzikofen in seinem um das Jahr 1190 verdeutschten Buch von «Lanzelot vom See» von einem Kampfe mit Wurfmessern.6 *) Auch Caspar v. d. Rön und noch besser «das Helden buch» ®) erzählt ausführlich einen solchen Wurf messer-Kampf zwischen Wolfdiethrich, welcher diese Kunst von seinem alten Waffenmeister Bechtung erlernt hat, und dem Heidenkönig Bellian, der hier bei getötet wird.’) 3) Cf. Jähns, Entwicklungsgeschichte Seite 141 —142. Auch der Hammerwurf war eine symbolische Handlung bei den Germanen, und ein Rugianischer Landgebrauch schätzt die Weite eines Axt- oder Hammerwurfes auf drei Meereswellen. 4) Cf. Lindenschmit a. a. O. Seite 16 und 17. B) Lanzelot 1119: «Er zwei scharpfin mezzer truoc, Spizzic unde lang genuoc; Diu mezzer beidenthalben sniten» (cf. San Marte a. a. O. Seite 152). °) Ausgabe von Sigm. Feyrabend (1590) Seite 124—128. Gottfried von Strassburg vergleicht die fliessenden Reime des Blicker von Steinach mit gewandt geworfenen Messern: Tristan 4712: Nemt war, wie er wunder Mit spaeher rede entwirfet, Wie er diu mezzer wirfet Mit behendeklichen rimen, indem er an seinem Gedichte, dem Umbehang, webt (cf. San Marte ä. a. O. Seite 154). ’) Im 16. Jahrhundert war diese Kampfweise bereits veraltet, so dass Fischart in seinem Gargantua sagt: «Das baderisch und bechtungisch Messerwerfen und Scharsach schiessen liess er St. Velten haben», ebenso wie das antike «Fischgarnkempffen und ölgeschmirtringen». Dagegen be steht der Brauch des Messerwerfens noch heute im südlichen Europa, insbesondere bei den romanischen Völkern, von denen die Spanier ihre Navaje mit grosser Kunst zu schleudern verstehen. 244 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Ebenso erscheint der Dolch zuweilen alseine f l. Band Sammelplatz zu Ingolstadt am 29. oder 30. Juli Wurfwaffe, so z. B. warfen im Jahre 1356 die Eng länder gegen den sich mit einer Axt verteidigenden Duguesclin ihre Dolche. (Vie de Duguesclin Kap.87.) Um nun zu unserem Wurfbeil zurückzukehren, so können wir den Gebrauch desselben in Deutsch land, wo er gleichwie bei den Franken früh er loschen, im späteren Mittelalter und zwar im 14. und 15. Jahrhundert von neuem konstatieren. Die Waffe erscheint jetzt in der Form der hier beschriebenen Exemplare, aus einem einzigen Stück Eisen ge schmiedet und entsprechend den vom Fussvolk ge tragenen Fausthämmern und Streithacken1) teilweise auch mit Gürtelhaken versehen, wie ihn das erst genannte Exemplar aufweist. Einen interessanten Anhalt hierfür finden wir in dem Neuburger Kopial buch No. 36,2) wonach Herzog Ludwig der Reiche von Landshut, welcher in der Degen berger Fehde (Dezember 1468) ein Heer sammelte, um vor die feste Sälden burg zu ziehen, in dem Ausschreiben an die Städte und Märkte des Landshuter Herzogtums folgende Bestimmung über die Bewaffnung er liess: «1/4 gute Armbrüste, das andere Handbüch sen, das dritte gute lange Spiesse, und das letzte wohlgerichtete Helmparten, dazu ein jeder ein gutes]anges Messer oder ein wohl schneidend Schwert, ausserdem noch im einzutreffen.» «Auf dass die' Personen alle in einerlei Klei dung zu unserm Schwager, Herzog- Sigmund von Österreich, dem wir sie schicken wollen, kommen, so soll ein jeder einen weissen Kittel und dazu einen rothen Plut oder Kappen haben.» «Von Wehren soll jeder haben an seiner Seiten ein gutes langes Messer oder wohlschnei dendes Schwert, dazu eine gute Ärmst oder eine gute Büchse, mit allem, was dazu gehört, oder einen guten langen Spiess, und in seinem Gürtel ein Wurfbeil.: «Wo in einer Rotte hundert Trabanten sind, so sollen dieselben in drei Teile geteilt werden, ein Teil soll Ärmst, der andere Büchsen und der dritte Teil Spiesse haben, und dazu ein jeder noch an seiner Seite ein gutes langes Messer oder Schwert und im Gürtel ein Wurfbeil.» In diesen Pleeres befehlen erblicken wir also neben dem Versuch der Einführung eines einheitlichen Kriegsklei des (Uniform) auch die Anordnung einer gleich mässigenBewaffnung. Da zur letzteren ausdrück lich und wiederholt das im Gürtel getragene, zum Werfen oder Hand gebrauche benutzbare Wurf b eil (picula) gerech net ist, so erscheint das selbe bereits als eine, für den Kriegsgebrauch des Fig. 5. Fusskampf des Kaisers Maximilian mit Graf Albrecht Gürtel ein Wurf beil.» von Zollern. (Quirin v. Leitncr, Freydal, Tafel 19.) Von Schutzwaffen werden ebendaselbst Eisen gemeinen Mannes in grösseren Mengen her gestellte Waffe. Hiermit stimmt auch die schmucklose und mehr hüte, Blechhauben, Achselein und Brüste genannt. Bei den Trabanten war die Ausrüstung mit Ausnahme der Handbüchsen die gleiche. Nach derselben Quelle lautete die Bestallung der Rottmeister und ihrer Mitgesellen, welche eben falls Ludwig der Reiche im Jahre 1468 anwarb, folgendermassen:8) «Jeder Rottmeister, dem die Bestallung nicht abgeschrieben worden, hat mit seiner Rotte am *) Cf. die Abbildungen bei Böheim a. a. O. Seite 375, Fig. 445 und 446. 2) Siehe WUrdinger, Kriegsgeschichte von Bayern, Franken, Pfalz und Schwaben von 1347—1506. (München 1868) Band ff, Seite 137—38. 3) Siehe Wiirdinger ebendaselbst Seite 318. handwerksmässige Ausführung der in diesem Artikel beschriebenen Exemplare überein, zumal man ja auch sonst auf die Ausstattung der zum Kampfe bestimmten Aexte und Barten wenig Kunst ver wandte. Neben diesem Gebrauche im Kriege scheint das Wurfbeil zu Ende des 15. Jahrhunderts aber auch bei den deutschen Turnieren Verwen dung gefunden zu haben. So hebt Uiltl4) beim Kapitel der Streitäxte be sonders hervor, dass die Wurfhacke, d. h. «eine sehr kleine beilartigc Waffe, die am Rücken des 4) Hiltl, Katalog der Waffensammlung des Prinzen Karl von Prcussen, Seite 7. 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Axthelmes einen Stachel, Stiel mit Spitze, zeigt 245 Somit erscheint die Angabe Hiltls über den und wie der Czakan geworfen wurde»,1) sowie die Mordhacke, lange. Mordhacke und die Streitaxt der jenigen Waffengattung angehören, welche man auch bei Fussturnieren brauchte.2 *) In der That finden wir im «Freydal»8) auf Blatt 19 einen Fusskampf des Kaisers Maximilian mit Graf Albrecht von Zollern abgebildet, bei welchem sich nach dem Texte auf Seite LI daselbst die mit einer Tartsche bewehrten Kämpfer des Reiterschwerts zu gleich mit einem «dreistachlichen Wurf hammer» bedienen (siehe Fig. 5). Diese eigentümliche Waffe kommt in den Zwei kämpfen des Freydal nur dieses eine Mal zur An wendung und zeigt mit unserem Wurfbeile die grösste Aehnlichkeit. Sie ist ebenso wie dieses aus einem einzigen Stück Eisen geschmiedet, hat denselben Stachel an der Spitze, am Rücken und unten am Griff, und zeigt als einzigen Unterschied auch vorn einen gleichen Stachel an Stelle der Beilfläche. Die Gebrauch des Wurfbeils bei den Fussturnieren durch aus glaubwürdig, zumal wenn man die ganz gleich artige Benutzung des Wurfbeils und des Streit hammers als Hieb- und als Wurfwaffe berücksichtigt. Denn auch letzterer wurde wie das Wurfbeil mit Vorliebe vom Walle aus und gleich dem römischen Pilum unmittelbar vor dem Angriff mit blanker Waffe geschleudert.4 *) Mit der vermehrten Einführung der Feuerwaffen im 16. Jahrhundert verschwindet in Deutschland das Wurfbeil vollständig, und mag der Umstand, dass sich nur sehr wenige Exemplare bis heute er halten haben, auf die Verwendung derselben im Hausgebrauche zurückzuführen sein, wozu sie infolge ihrer Handlichkeit besonders geeignet' waren. Dagegen blieb dasselbe seit dem frühen Mittel alter bei den slavischen Völkern dauernd in einem so allgemeinen Gebrauch, dass Philander von Sittewald bei den unmöglich zu findenden Fig:. 6. Francisco vom 7.-8. Jahrh., Fig. 7. Slavisches Wurfbeil, gefunden zu Kaltenengers. Ger- 16. Jahrh. Beginn. Handzeichnung manisches Museum. (Demmin, von Albrecht Dürer. (Linden Seite 338.) schmit, Seite 17.) Waffe gleicht somit einem ziemlich regelmässigen Fig. 8. Polnisches Wurfbeil. 17. Jahrh. Beginn. Der kurze Stiel mit Lederstreifen umwickelt. Sammlung Llewelyn-Meyrick. (Demmin, Seite 821, Nr. 23.) Dingen aufführt: «Ohne Wurf- und Spitzbarten ein viereckigen Stachelkreuze. Charakteristisch ist jedenfalls auch hier der kan tige, sich nach unten verbreiternde und dann in eine scharfe Spitze endigende kurze Griff. Dass es sich aber ohne Zweifel um eine Wurf waffe handelt, geht aus der Abbildung mit grosser Deutlichkeit hervor. Denn die von Maximilian ge schleuderte Waffe hat sich mit der einen Spitze in die hölzerne Tartsche seines Gegners eingebohrt und sitzt dort wie ein verschossener Bolzen oder Pfeil fest. Der Kaiser hat daher das Schwert ge zogen, während sein Gegner' noch seinen Stachel hammer in der zum Wurfe erhobenen haust hält. *) Diese Beschreibung, insbesondere die Erwähnung des «Stieles mit Spitze», trifft genau auf die hier in Rede stehen den Wurfbeile zu. Für gewöhnlich bezeichnet man sonst mit «Wurfhacken» jene langgestielten Aexte mit Hamineransatz (s. weiter unten). s) Bekanntlich kämpfte man in den Fussturnieren seit der Mitte des 15. Jahrhunderts mit den mannigfaltigsten Waffen, ja selbst mit Ahlspiessen und mit Drischeln (cl. auch Boeheim a. a. O. Seite 530). 3) Quirin v. Leitner, Freydal, Des Kaisers Maximilians I. Turniere und Mummereien. Wien 1880—1882. Wcnd!» Dieses slavische Wurfbeil erscheint sowohl mit kurzem wie mit langem 1 lolzschafte. Eine schöne Komposition Dürers zeigt uns das selbe mit runder Schneide und kurzem geschwun genen Stiel in der Hand eines schwergerüsteten Fussgängers, der mit anderen auf hussitische Weise Bewaffneten von deutschen Landsknechten über wältigt wird (siehe Fig. 7). Hierhin dürfte auch das bei Demmin (Seite 821 unter No. 23) abgebildcte polnische Beil vom An fang des 17. Jahrhunderts zu zählen sein, dessen kurzer Stiel mit Lederstreifen umwickelt ist und welches sich in der Sammlung Llewelyn-Meyrick befindet (siehe Fig. 8). In ebensolcher, also der Francisca sehr ähn lichen Form mit dem Namen sekina (securis?) steht dieses Wurfbeil noch heute im Gebrauch der l) Cf. Jahns, Geschichte des Kriegswesens, Seite 410—11 Bekannt ist die Sage von Miölner, dem Hammer des Thor, der nach jedem Wurf immer wieder in die Hand des Gottes zurückflog. Siehe auch die obige Anmerkung über der Hammerwurf als Raumniaass. 246 Zeitschrift für historische Waffenkunde. böhmischen und ungarischen Hirten. Letztere sollen II. Band. eisernen Spitzen, auch alleSpiess, viele Wurfhacken, es mit solchem Geschick werfen, dass sie auf be deutende Entfernung einen auf einem Baume ruhen den Vogel zu zerschneiden vermögen.1) Mit langem I lolzschafte dagegen, schmalem Axtblatte und g'eradcr Schneide, sowie mit einem kurzen Hammeransatze am Rücken linden wir die Waffe als soge nannte «Wurfhacke» noch viel fach, zum Teil reich verziert mit Tuschicrung und Aetzung, in grösseren Sammlungen, wie z. B. in dem Landeszeughause in Graz, in der Wiener Waffensammlung' u.a.m. Die beifolgende genaue Ab bildung einer solchen « langen Wurfhackc (siche Fig. 9), datiert 1578, nebst Meistermarke, ver danken wir der Güte des der zeitigen Kustos der Wiener Samm lung, Herrn Dr. Kamillo List.2) Vgl. auch die Abbildung derselben auf Tafel XXI sub No. 5 in dem Werke: Quirin von Leitner, die Waffcn sammlung des österr. Kaiserhauses im k. k. Artillcrie-Arsenal-Muscum in Wien (Wien 1866—1870). Auch diese Waffengattung hat sowohl in den 1 iussitenkriegen des 15. Jahrhunderts wie im 16. Jahr hundert in g'rösseren Mengen zur allgemeinen Ausrüstung' des ge-, meinen Mannes gedient, insbeson dere in den böhmischen Heeren. So berichten vor dem Treffen von Wenzenbach (der sogenannten Beheimschlacht, am 12. September 1504) die von Maximilian auf Kund schaft in das Lager der Böhmen nach Cham und Pfreimd ausge sandten Heckenreiter Conz von Schott und Philipp von Stein, «dass der grösste Teil der 6000 Mann starken Böhmen 1 landbüchscn, habe die anderen Dreschflegel mit J) Siehe Lindenschmit a. auch lange Behcimsche Scharsana und Schwerter».8) Eine gleichzeitige Abart dieser langen Wurf liacke bildet in Ungarn der einer kleinen Streit hacke ähnliche Czakany, welcher noch jetzt als eine Art Gehstock vielfach benutzt wird, wobei das metallene, mondsichelförmige 1 lammerbeil als Handgriff dient. Ebenso kann der einem kleinen Streithammer gleichende alt-un garische Fokus resp. galizische Topor hierzu gerechnet werden, zumal die Bezeichnungen dieser Waffen häufig wechseln und auch Verbindungen derselben miteinan der (Czakanyfokos) üblich sind.4) Dass auch der Czakany im Kriege geworfen wurde, ist be kannt. So tötet der Czekler Bla sius Oerdödy den Fürsten Andreas Bathory durch einen solchen Beil wurf bei St. Thomas.s) Selbst der Buzogany (Streit kolben) scheint in Ungarn zuweilen als Wurfwaffe benutzt worden zu sein, wie das unter den Notizen des Postdirektors Josef von Scheiger aufgeführte Beispiel beweist.6) Ausser dieser slavischen Wurf waffe und dem bereits erwähnten romanischen Brauche des Messer werfens finden wir in der Jetztzeit den Gebrauch von Wurfwaffen nur noch bei den ausser-curopäischen Naturvölkern, wie dies neben Schleuder und Wurfspicss u. a. sowohl die dem Wurfbeile ähn lichen indianischen Tomahawks, als auch der indische scharf schnei dende Wurfring (Tschakram), der australische Boumerang und die eingangs genannten afrikanischen Wurfeisen darthun.7) 3) Cod. germ. 900. Siehe Wiir dinger a. a. O. Band II, Seite 245. Fig. 9. Lange Wurfhacke mit Waffen Seite 17. Jähns, Entwicklungsgeschichte, Seite 142. Demmin a. a. O. Seite 820 unter Xo. 19. schmiedsmarke («). Datiert 1578. (Wiener Waffensammlung.)-) Es ist dies das von Böheim in seinem Führer durch 4) Si' lie die zahlreichen Abbildun gen bei Szcndrei a. a. ()., sowie die Ent wicklungsgeschichte dieser Walle S. 98 daselbst; Demmin a. a. O. Seite 812 sub X'o. 15 und 16. Quirin v. Leitner, Waffensammlung des österr. die Wiener Waffensammlung Seite 65 unter Xo. 309 auf geführte Exemplar. Siehe auch den Aulsatz: «Bogen und Armbrust» in Band I, Heft 6, Seite 133 dieser Zeitschrift, woselbst Boeheim unter den Wurf Waffen neben Schleuder und Wurlspiess auch «die Wurfhackc» aufführt. Kaiserhauses, Tafel LXIV, Fig. 10 u. a. m. 6) Siehe lliltl a. a. C). Seite 7 hei Xo. 44. °) Siehe Band 1, Heft 11 dieser Zeitschrift, Seite 291. 7) Siehe jähns, Entwicklungsgeschichte, Seite 1 12ff., 202ff. und 257 ff. 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkundc. 247 Die historische WafFensammlimg der Stadt Wien im Zusammen hänge mit der militärischen Organisation der Stadt. Von Karl Schalk. f fensammlung der Stadt Wien,die eine der Gruppen der historischen Samm lungen der Stadt Wien bildet,1) ist aus dem städtischen Waffen a u s h i 1 f s - und Zeugs depot, das die Stadt im Mittelalter anlegtc, her ausgewachsen. Wir gebrauchen den Ausdruck Waffenaushilisdepot, da bekanntlich im Mittelalter der zum Kriegsdienst Verpflichtete, wie der denselben als Beruf Erwählende, der Söldner, sich seine Waffen selber zu besorgen hatte, die Stadt also in erster Linie nur für die Beschaffung der Ge schütze, des «Zeugs», aufkam und für die Be waffnung des Einzelnen nur aushalf, insofern derselbe nicht die Mittel hatte, im gegebenen Augen blicke des Bedürfnisses mit seiner Wehr, bereit zu sein. Als Beispiele für die Verpflichtung der eigenen Waffenbeschaffung- seitens der Bürger und der Söldner sei auf italienische Städte hingewiesen, die in Fragen der Verfassung und der Verwaltung den deutschen infolge vorgeschrittener wirtschaftlicher Entwicklung ja in vielfacher Hinsicht vorangingen. In dem für die spätmittclalterlichc Hccresverfas sung so überaus wichtigen Florentiner Libro di Montaperti aus dem Jahre 12602) heisst es bezüg lich der Bürger: «Item quod quilibet habens equum pro Commune Florentiae tarn civitatis quam comitatus Florentini teneatur et debeat portare et habere in praesenti exercitu sellam ad dextrarium, covcrtas equi, panccriam sive asbergum, caligas sive stivalettos de ferro, cappellum de acciario, lamerias vel coraczas, lanceam, scutum sive targium vel tabo laccium anglum. Item quilibet pedes civitatis Florentiae tene ‘) Durch Gemeinderatsbeschluss vom 22. Juli 1898 wur den Bibliothek und Historisches Museum unter dem Titel: «Städtische Sammlungen» vereinigt (Die Geraeinde-Ver waltung im Jahre 1898, Seite 346). Von 1886 bis 1898 waren die Sammlungen, mit Ausnahme der Bibliothek, unter dem Namen: «Historisches Museum» zusammengefasst, dessen IV. Abteilung die Waffensammlung mit eigenem, hier im Fol genden citierten Katalog aus dem Jahre 1888 bildete. '-) Herausgegeben von Paoli in Documenti di storia Ital., tom. IX., und früher schon benutzt von Hartwig in Quellen und Forschungen zur ältesten Geschichte der Stadt Florenz, Bd. II. Ricotti, Storia delle Compagnie di Ventura in Italia, Vol. I, pag. 392 e 396 : Documenti, Nota I C. (Dal libro di Montaperti). atur et debeat portare et habere in praesenti exer citu panceriam sive coLctum cum manicis ferreis aut manicäs ferreas cum coraczinis, cappellum de acciario vel cervclleriam, gorgieriam sive collare de ferro, lanceam, scutum sive tabolaccium magnum.» Die Verpflichtung der Söldner, in eigenen Waffen zu dienen, erhellt unter anderem aus einem Codex degli stipendiarii della repubblica di Firenze aus dem Jahre 13698): «Imprimis quod omnes et singuli comstabiles equestres comunis Florentiae debeant toto tempore, quo starent ad servitium et Stipendium, esse armati et muniti de et cum infra scriptis armis offensilihus et defensilibus.» Eine analoge Vorschrift bestand auch für die stipen diarii pedites: «Dummodo balestarius sit armatus et muni tus corazina, cervcleria, cultello, balista et croccho et verretqnibus et turchasso. Et quod comstabilis banderie sit armatus cervcleria sive bacinetto, corazina, braccialibus sive manichis de maglia,, spata, cultello, lancea et pavese. Et quod quilibet caporalis, qui habet raga zinum, sit armatus similiter, et quilibet alius pedes de banderia sit armatus cerveleria, spata, cultello, pavese sive rotclla et lancea.» Die Wiener Bürger waren nach dem Wiener Stadtrecht des Kaisers Friedrich II. vom April 1237 und nach dem Freiheitsbriefe König Rudolfs I. vom 24. Juni 1278 nur zu beschränktem Heeres dienst verpflichtet.4) In ersterem8) heisst es in Alinea 2: «Preterea ex habundanti gratia indulgcmus, ut nemini liceat prenotatos cives ad aliquod servitium ultra pro gredi cohibere, quam ut eo die, quo Clara luce de domibus exierint, cum splendore solis re gredi permittantur.» In deutscher Uebersetzung:ö) «Das man dhain purger icht verrer nott in hervert ze varn denne pei dem tag auz und desselben tages wider heim bei der sunne. Darüber so gepieten wir von uberfluzzigen gnaden, daz niemant erlaubt sei die vorgenannten purger ze notten ze dhainen dienst auzzevaren fürbazze denne des tages, und 3) Ricotti, 1. c. pag. 416, Nota VIII e pag. 418, Nota IX. 4) Kutzlnigg, Das Befestigungs- und Kriegswesen (Wiens bis 1529) in der vom Wiener Altertumsvereine herausgegeb enen, im Erscheinen begriffenen Geschichte Wiens, Bd. II/1, S. 322. 5) Geschichtsquellen der Stadt Wien, herausgegeben von Weiss und Tomascheck, Bd. I, S. 16, No. VII. 6) Ebenda, S. 18, Nr. VII. Vgl. Hasenöhrl, Oesterr. Landrecht, S. 41. 33 248 Zeitschrift für historische Waffenkunde. seu pei liechtem tag von iren haeusern auzvarent, II. Band. unrecht zu schützen .r>) Sic hatten die Verpflich daz sie denne pei dem sunenschein wieder g'elazzen wern haimzevaren.» Fast denselben Wortlaut in lateinischer Sprache hat der Freiheitsbrief König Rudolphs von 1278. Wenn nun in späteren Stadt rechtsverleihungen von diesen Privilegien nicht mehr die Rede ist, dürfte es wohl zu jenen gehören, die die Wiener infolge ihres Aufstandes gegen ihren Landesfürsten Albrecht I. verwirkt hatten, und wel chen sie durch die Verzichturkunde vom 19. und 28. Februar 1288 entsagen mussten.1) Uebrigens ist seit Beginn des 13. Jahrhunderts in Oesterreich und Steiermark eine Aenderung in der Heeresverfassung' der Länder zu konstatieren,2) indem es den Ministerialen gelungen war, auch in militärischer Hinsicht ihre Dienstpflicht zu lockern und ihre Stellung immer mehr jener der freien Vasallen anzupassen. Es blieb eine un beschränkte Kriegspflicht nur mehr für die eigenen Ritter und Knechte des Landesherrn bestehen. Diese Entwicklung führte zum Abschluss von Kriegs dienstverträgen, welchen ein reines Vertrags verhältnis zu Grunde lag. Damit war aber ein Söldnertum geschaffen, das sich auch andere Ele mente des mittelalterlichen Staatslebens nutzbar mach ten, auf welchen die Pflicht des persönlichen Kriegs dienstes ruhte, die Städte. Statt persönlich ins Feld zu ziehen, fingen die Bürger der Städte an, Söldner zu stellen. Die Wiener Stadtrech nung des Jahres 1368 weist die frühesten Ausgaben der Stadt für Söldner aus.3) Die Kammeramts rechnungen des 15. Jahrhunderts sind in lückenhafter Reihe vom Jahre 1424 an erhalten und liefern den Thatsachenbeweis, dass die Stadt de facto die Ver pflichtung anerkannte, im Kriegsfälle Söldner zu stellen, wenn nicht ihre Bewohner selbst ausrücken wollten4) und zwar nicht allein zum speziellen Schutze der Stadt, sondern auch gegen die Feinde des Lan des im offenen Felde, gegen die Hussiten, gegen räuberische Söldner, gegen Ungarn und andere Feinde. Es widerspricht also dem thatsäcldichen Rechtszustande, wenn die Wiener in der Absage an ihren Landestürsten, Kaiser Friedrich IV. im Jahre 1462 gegen die Verpflichtung, Söldner zu halten, mit der Behauptung remonstrierten, dass «ein yeder landesfiirst schuldig sei, die seinen vor gewalt und !) Ebenda, Bd. I, S. 66, Xr. XX. ä) AVretschko, Das österreichische Marschallamt im Mittelalter, S. 92. 3) Schlager, Wiener Skizzen im Mittelalter, Band V (= Neue Folge, Bd. III), S. 34. 4) In erster Linie war der persönliche Kriegsdienst der Bürger Pflicht, die Söldner waren nur ihre Vertreter. Dies erhellt deutlich aus dem Befehle Herzog Albrechts V. an Bürgermeister, Richter und Rat angesichts des drohenden Einfalles des Königs Wladislaus von Polen nach Mähren und Oesterreich im Jahre 1438, bei schwerer Strafe mit Wehr, Harnisch und anderen Xotdtirften bereit zu sein, siehe Schlager, Wiener Skizzen, Bd. V, S. 493. tung ja schon seit Jahrzehnten anerkannt, indem sie eben Söldner hielten und Kaiser Friedrich, der stets in Geldnöten war, konnte sie am wenigsten schützen, da gerade unter ihm das alte feudale Heer system gänzlich versagte. Einen befriedigenden Einblick in die städtische Heeresorganisation in der Mitte des 15. Jahrhunderts bietet uns das bisher unbeachtet gebliebene Proto koll einer Sitzung des Wiener Rats vom 9. März 1442,“) die ausschliesslich militärischen Angelegen heiten gewidmet war. Unzweideutig erkennt der Rat die Verpflichtung' der Gesamtbewohnerschaft zum Heeresdienste an: «Item ob icht ain geschray in der stadt würd oder sich erhub, wan man die gross glogken leutt, das dann menigclich kommen sol. Die in Stubenvirtail sitzent, an dem platz am Lugegk; die im Kernervirtail sitzent, an den Ncwenmarkt; die in Widmervirtail sitzent an den Graben und die in Schottenvirtail sitzent an den Judenplatz. Und was dann die obristen haubtleut yeds vir tails* * * * * * 7) mit in schaffen, das sy des gehorsam seyen. Item es sol auch in yedem haus beschaut wer den feuerstet, harnasch, weerspiess, und wer des nicht hiet, der sol dariimb trachten, das er es hab. Item es sol auch ain yeder, der cs vermag, ros, kn echt und was zu weer gehört, haben in seinem haus. Ob es zu schulden kumbt, das er damit berait sey. Item das die stat im rathaus haben sol 1000 tartschen und 1000 spiess. Item das auch ain yeder hauswirt oder inman für sich und sein dienstvolkch, der' nicht armbst noch ptichsen vermag, tartschen und spiess ä) Historia annorum 1454 bis 1467, herausgegeben von Rauch, S. 86. “) Chmel, Materialien z. österr. Gesell., Bd. I/i, S. 78, Xr. 32. Die Urkunde hat kein Jahres-, sondern nur ein Tages datum: Frej’tag vor Letare. Sie gehört aber zweifellos in das Jahr 1442. In derselben ist nämlich die Rede von den Feinden, «die ytz gar stark zu Anger ligent». Xun fordert die Königin Elisabeth die Stadt Wien in einem Schreiben vom 9. April 1442 auf, «das gesloss Anger zu zerstören, da die Polen von dorther täglich zuziehen» (Schlager, W. Sk., Bd. V, S. 505). Von der «reis der Mödlinger gegen Anger und Theben» als eines jüngstvergangenen Ereignisses spricht eine Urkunde vom 15. März 1443 (Blätter d. Vereins für Landesk. v. Xiederösterr. Xeue Folge, Bd. XIX, S. 51, Xr. B). Der erwähnte Giesser, Meister Hans, kommt als städtischer Lieferant vor in den Stadtrechnungen der fahre 1438 und 1441; die Rechnungen von 1442 und 1443 fehlen. Später erscheint er nicht mehr, siehe Uhliri, Der Wiener Bürger Wehr und Waffen 1426 —1648 in Berichte u. Mit teil. des (Wiener) Altertums Vereins von Bd. XXVII bis XXXI (Jahrg. 1891—95) Index. 7) Die erste Erwähnung eines Stadtviertels konstatiert Rieh. Müller in Geschichte der Stadt Wien, Bd. II/1 im Jahre 1331—32 aus der Rechnung des lierzogl. Kelleramts: Quartalis porte Karintbianorum, abgedr. in Chmel, Oesterr. Geschichts forscher, Bd. II, S. 285. Im Jahre 1466 fand eine Musterung der Söldner nicht am Lugeck, wie man erwarten sollte, sondern im Heiligenkreuzerhof statt (Schl ager, Wien. Sk., Bd.V, S.186). 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. haben sol, zu yeder person ain schallern1) oder 249 den, das man die fürderlich und an verziehen sol ein eysenhut.» Aus diesen Ratsbeschlüssen ergiebt sich, wer zum Dienste verpflichtet war: «Menigclich, hauswirt wie inmann»; es war also Bürgermiliz im späteren Sinn und Aufgebot. Die Waffen musste jeder selber besitzen. Die Minimalbewaffnung war Tartsche und Spiess und als Schutzwaffe für den Kopf Schallern oder Eisenhut. Bessere Ausrüstung bildeten Arm brust oder Büchse. Aus Bürgertestamenten wissen wir; dass die Armbrust neben Schwert und Harnisch bürgerliche Hauptwaffe war.2) Obwohl nun jeder seine eigenen Waffen haben sollte, setzte die Stadt doch von vorne herein voraus, dass im Bedarfsfälle nicht auch ein jeder mit dem Nötigen versehen sein würde und schaffte aushilfs weise auf städtische Kosten eine Minimalausrüstung für 1000 Mann an: Tartschen und Spiesse, die ältesten in der Sammlung in grosser Zahl noch vertretenen Waffensorten (68 Setztartschen und 172 Ahlspiessc). In dem ältesten, in die Kammeramtsrechnung des Jahres 1444 aufgenommenen, städtischen Waffen invcntare'1) werden angeführt als im Besitze der Stadt befindlich: 250 Tartschen, rot, grau und schwarz, weiter alte Setztartschen, 311/2 neue «pretter zu setztartschen, 100 neue alspiess, spies mit paniern und an panyr, 200 neue swarz eisenhut», ander seits 36 «ärmst und 98 kupfrein und eisnein hand püchsen», also nicht nur Söldner- sondern auch Bürgerwaffen, doch in so beschränktem Ausmasse, dass nicht von einem allgemeinen, sondern nur von einem Aushilfswaffendepot die Rede sein kann. Dagegen dürften die eigentlichen Geschütze, der Zeug, nur im Besitze der Stadt und nicht im Besitze Einzelner gewesen sein.4 *) In der Ratssitzung des Jahres 1442 beschloss man bezüglich des Zeugs: «Item von der gross püchsen wegen ist verlassen, das man die solt lassen machen etc.; daraus ist yecz nemblich beredt wor ’) Chmel, 1. c. druckte hier schufflir mit Fragezeichen. Schefflier im Bestand des landesfiirstl. Zeug-hauses von Wiener Neustadt 1436. Pichler, Das Landeszeughaus in Graz, S. 66, Anm. 1 nach Chmel, wo es heisst: «Hewbl pose und scheff lier II.» — «Eysenhut oder schesslier» in einem undatierten Landesaufgebot Albrechts V. gegen die Hussiten bei Kurz, Oesterr. Militärverfassung S. 414, Beil. Nr. 1. Im Texte S. 30" weist Kurz das Stück dem Jahre 1426 zu. Ich glaubte dieses mir unverständliche, bei Leber, Lexer und Schmeller Frohmann nicht erklärte Wort in «schallern» ändern zu dürfen, aus dem es verlesen sein könnte. 2) Nach dem Testamente Jorig des Angerfelder aus dem Jahre 1424 besass dieser, ein Repräsentant des reichsten Bürger tums , auch ein «rossgelider mitsambt dem vechtsattel und darzu einen herwagen mit seiner zugehorung und auch was zu der herhiitten gehört (UhlirE, 1. c. Bd. XXXI, S. 96). 3) UhlirZ, 1. c. Bd. XXV11I, S. 27 ff. 4) Vereinzelt hinterlässt im Jahre 1429 der Büchsen meister Hanns von Brünn seinen Kindern «zwo michel stain püxen» (Schlager, Wiener Skizzen, Bd. V, S. 39). Dabei mag es sich aber um eine auf den Verkauf gemachte Arbeit gehandelt haben, für die noch kein Käufer gefunden war. lassen giessen, als den mit maister Hansen daraus geredt ist, damit die stat einen guten zeug habe, und die nyembt leihen, denn alain der stat zu frumen und notdurften nuczen. Item, als man vorgeredt hat, das man ainen ordenlichen guten puchsenmaister haben sol etc., darauf haben mein herrn Thoman von Passau3) zu einem puchsenmaister aufgenommen.» Nachdem der Kammeramtsrechnung des Jahres 1445 einver leibten Inventare6) bestand der Stadt Zeug: 1. aus kupfernen Büchsen: Virtailpüchsen.2 Stücke Klain kuphrein püchsen auf redlein 9 ,, Puchsen, neu gefasst .77) » Hagkenpüchsen.5 Zusammen 23 Stücke. 2. aus eisernen Büchsen: Püchsen, alt.4 Stücke Virtailpüchsen.1 „ Grosse alte puchsen.1 ,, Alt hagkenpüchsen.3 ,, Alte püchsen an stil, in lad gefasst 18 „ Summa 27 Stücke. Dazu kommen 4 im Jahre 1445 gegossene neue Büchsen («ain stainpuchsen, zwo lclaine stainpuchsen und ain terraspüchsen»), so dass mit Ende 1445 der städtische Artilleriepark 54 Geschütze umfasste. Auch auf die Aufnahme von Söldnern richteten die Ratsherren im Jahre 1442 ihre Aufmerksamkeit. «Item von des Philippko wegen, der vil kunt schaft und gelegenheit der veint hat und ein tetiger gesell und versucht ist, das man dem an verziehen schreiben und hervordern sol. Und ob er sich her ziehen und mit dreien pherden ain gleichen und zimlichen jarsold nemen wolt, so sol man in auf nemen und halten. Item von des Ebser wegen ist beredt, das man dem auch an verziehen schreiben und bitten sol, das er sich her zu dem rat füge; ob sy im uberkomen mochten, das er d.er stat hie hauptman sein wolt umb ein gleichs gelt, das der stat zu geben sei und auf ettlich person und pherd, des der rat mit im ainig mag werden, so sol er zu ainem haubtman der stat werden aufgenomen auf ain jar, wann sy gut vertrawn zu im haben, nachdem und er sich vor gegen den veindten gehalten und zu Zu richtung der stat wol wiss zu raten.» Bezüglich der städtischen militärischen Organi sation ergiebt sich also nach dem Sitzungsprotokolle des Jahres 1442 die Aufstellung eines Obersten 5) Ein Büchsenmeister namens Thomas Kren erscheint in den Jahren 1444—1462 in den Diensten der Stadt. UhlirZ, 1. c. Index. °) UhlirZ, 1. c. Bd. XXVIII, S. 28 u. 29. ’) Fehlen im Inventare des Jahres 1444; dagegen wer den im Inventare des Jahres 1444 «aine kleine püchsen und ain püchsen, scheust drei kugeln mit aim zuntloch» ange führt, die im Inventare von 1445 fehlen. 33* II. Band. 250 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Hauptmanns der Stadt, welche Stelle in der Regel der Bürgermeister selbst bekleidete. Diesem unter standen die Obersten Hauptleute der Stadt viertel und diesen wieder die Hauptleute der Thore und die der Gassen.1) «Item das yeds tor besunder seinen haubt man haben sol und yeds tor ain gelögkl und y ede gassen ain haubtman und yeds viertail seinen haubtman. Item von den zwain trumettern, als vor ver lassen ist, die hat die stat aufgenomen.» Wir finden demnach in den Wiener Ratsprotokoll des Jahres 1442 alle jene Elemente: 1. Bürger miliz oder Bürgerwehr, 2. Aufgebot und 3.Söld ner, für die die Stadt aushilfsweise Waffen anschaffte, die sich aus den verschiedenen Zeitperioden in der heutigen Waffensammlung erhalten haben, während von dem Geschützparke der älteren Zeit in dem Zeughause kein Stück auf uns gekommen ist.2 3) Das von der Stadt im Mittelalter errichtete Waffenaushilfs- und Zeugsdepot dürfte aber schon frühzeitig in zweiter Linie den Charakter einer per manenten Schaustellung, eines modernen Mu seums angenommen haben, von dem Momente an, als man 4. Kriegstrophäen, die man praktisch nicht verwerten konnte, in demselben auf bewahrte. Die ältesten Trophäen dürften die Setz tartschen mit ungarischem Wappen und dem Wappen des Königs Mathias Corvinus von Ungarn, der in den Jahren 1485 bis 1490 als Landesfürst in Wien residierte, sein. Der museale Nebencharakter des Waffenaushilfs- und Zeugsdepots erscheint mit der Erbauung eines eigenen bür gerlichen Zeughauses am Hof im Jahre 1562®) stärker betont. Im 17. Jahrhundert kamen 5. schon Geschenke und zwar des Hofes an das bürger liche Zeughaus zur Zierde, und ist damit dessen accessorischer Charakter als einer permanenten Schau stellung zweifellos. Am 25. Juni 1745 wendet sich der Rat bittlich an die Königin Maria Theresia,4) dass der Stadt von *) Im Jahre 1434 ist die Rede von Bestellung von Hauptleuten und Unterhauptleuten für die Viertel Stubarum, Lignorum et Scotorum (Copeybuch der gemeinen statt Wien in Fontes rer. austriac. Abth. II, Bd. VII, S. 3). Im Jahre 1460 werden Hauptleute für die Viertel ein gesetzt: «Item die obgenannten haubtleut sullen selbs yeder in seinem viertail ordnen und in ander haubtleut und rotmaister seczen, die in dann gehorsam sein sullen, wann sy die ervordernt, yeder in seinem viertail und under die törr» (1. c. S. 190). ihren Vorfahren vor mehr als hundert Jahren — wir kommen da auf das Jahr 1645 und früher — ge schenkte Cousen, die der Stadt wieder abgenommen worden waren, derselben zurückerstattet werden mögen. Sie weisen in ihrem Ansuchen darauf hin, dass «bereits anno 1741 von dero ltönigl. arcieren haubtmann grafen von Daun bey einem allhiesigen stattrath das ansuchen beschehen sei, womit ihme die in gemeiner statt zeughauss befindlich geweste 19 cusen vor die allhiesige leibguardie verabfolgt werden möchten, welche ihme dann auch von un serem zeugwahrt Anton Ospl gegen quittung de dato 9 martii 1741 würklichen extradirt worden. Nach deme aber Ihro Mayt die verwittibte Kayserin Amalia höchstselligen angedenkhns dises zeitliche gesegnet und von uns die restituirung oberwehnter cusen an verlangct worden, hat mann uns erwidriget, wie dass solche künftighin vor die guardie des durchleuch tigsten erzherzogens und crbprinzens Joseph ge braucht werden könnten. Nun wurden Euer königl. Maytt wir mit gegenwärtigen niemahlens überlästig gewesen seyn, wann wir vergewisset wären, ein solches Euer königl. Maytt allerhöchster befelch zu seyn. Allein gleichwie wir hierigfahls von darumben bil lichen anstand nehmen muessen, weillen tempore Leopoldi das durchleuchtigste erzhaus von Öster reich mit zweyen erbprinzen gesegnet gewesen und gleichwohlen bey der damahligen hoffstatt nie mahlens ein abgang verspürret worden, also leben wir der getrosten hoffnung, Euer königl. Maytt wer den wegen restituirung mehrgehörter cusen das er forderliche umb so ehender allergnädigst ergehen zu lassen geruhen, also dise uralte leibguardie schultergewöhr von dero durchleuchtigsten vorfahrern der statt Wienn vor mehr dann hundert jahren zu einem ewigen angedenkhen verehret worden und in gemainer statt zeug hauss jederzeit eine ausserordentliche zierde gewesen, wessenthalben von Euer königl. Maytt wir die allerhöchste Verordnung gewärtigen.» Ob die Cousen thatsächlich zurückgestellt wur den, wissen wir nicht. Da die Schenkung mehr als hundert Jahre vor dem Datum der Eingabe des Ge suchs (1745) an die Stadt erfolgt sein sollte, müssten die Cousen spätestens aus der Zeit Ferdinands III. ([637 bis 1657) stammen. Nun sind die ältesten in der Sammlung befindlichen Cousen solche Ferdi nands I., vier Stücke mit F und Reichswappen (Kat. Nr. 656 bis 659), ein Stück m. I. Z. 1570 (Kat.-Nr. 679) und dann (Kat.-Nr. 957 und 958) solche von Hatschieren Josephs I. mit den Jahreszahlen 1694 2) Vier über den Dorn geschmiedete Terrasbüchsen aus dem 15. Jahrhundert, ähnlich der Abbildung zu Sixls vortrefflicher Abhandlung in Zeitschr. f. hist. Waffenkunde, Bd. II, S. 97, stammen aus einer ehemaligen Wiener Vororte gemeinde, die erst seit 1891 mit Wien vereinigt ist; die betreffenden Stücke sind erst nach 1891 in die Sammlung ge kommen. Eine Streubüchse des 16. Jahrhunderts (Trombon) befindet sich sub Kat.-Nr. 749 in der Sammlung; in der Kammeramtsrechnung von 1546 werden zwei Streubüchsen erwähnt. 3) Im Jahre 1562 war das Zeughaus am Hof zur Auf und 1705. Die Rückstellung der fraglichen Stücke nähme der Waffen fertiggestellt; im Jahre 1564 wurde es vom Rate besichtigt und im Jahre 1623 dessen ganzer Inhalt einer Neuaufstellung unterzogen (UhlirZ, 1. c. Bd. XXVII, S. 139). Im Jahre 1732 wurde die innere Einteilung ver ändert und die neue Fassade nach den Plänen des Zeug warts und Architekten Ospel ausgeführt (Weiss, Katal. des Jahres 1888, S. IX). 4) Concept im Wiener Stadt-Arch. Alte Reg. 91/1745. 251 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. dürfte also höchstens teilweise erfolgt sein. Von Interesse ist die Eingabe übrigens darum, weil sie einen Fingerzeig bieten kann zur Erklärung, wie die nicht geringe Zahl von in der Sammlung befind lichen Helmbarten regierender Persönlichkeiten in dieselbe gekommen sind, nämlich auf dem Wege der Schenkung. Die ältest datierte Helmbarte ist die mit Jahreszahl 1508 und L (Kat.-Nr. 639) viel leicht auf Ludwig XII. von Frankreich zu deuten, dann eine grössere Zahl von solchen mit Wappen und Monogramm Ferdinands I. und seines Nachfolgers Maximilian II. Klar tritt uns die Doppelseite des bürgerlichen Zeughauses als eines Waffendepots und eines Museums entgegen aus dem ältest erhaltenen Zeughaus Inventare des Jahres 16S6,1) das neben Waffen Gegenstände von historischem Interesse ausweist, die mit einem Zeughause, einer lediglich in bestimmter Richtung praktischen Zwecken dienenden Anstalt nichts zu thun haben als: (Fol. 5b) «Ein gemahlenes blatt von der ehrenporten P'erdinandi IVt!, Rom. khön., so an den boden angehefit, Zwölf schildt oder symbola auf leinwath mit wasserfarb gemahlen von der festivität unser lieben frauen nach der contagion, (Fol. 14a) In einem fuetterall ein modell der ehrenporten Ferdinandi IIP" höchstsei. gedächtnuss, Item ein modell von holz dess kays. oratorii bey St. Stephan, Item ein modell einer kunstspriczen von mössing, darbey ein amper von gcwixter leinwath, Mehr allerhand modell von holz über undter schiedliche gebäu.» Das folgende Inventar von 17012) enthält auf Fol. 11 b noch weitere Modelle ausgewiesen und auf Fol. 13 a, b Kirchengeräte verzeichnet. (Fol. 15 a) «Ain weiss langlete truchen mit eysen beschlagen, darinnen unterschidliche riiss auf parga ment und pappier, *) Manuskript im Wien. St.-A. Rep. 184, Nr. 46 mit 31 beschriebenen Folien. ä) Manuskript im Wien. St.-A. Alte Reg. m/1701. (Fol. 18 a) Zwey statuen von holz : vogl Phoenix und Monsicus8) Scaevola.» Aus dem Angeführten ergiebt sich, dass das im Jahre 1886 im Neuen Rathause eröffnete «Historische Museum», seit 1898 die «Städtischen Sammlungen», keine Neuschöpfung sind, sondern nach ihrem all gemeinen Bestände direkt auf die alte allgemeine Zeughaussammlung3 4 5) zurückgehen, die schon längst keine ausschliessliche Waffensammlung, geschweige ein reines Waffenaushilfs- und Zeugsdepot ge wesen war. 6. Ausser durch Geschenke wird die städtische Waffensammlung auch durch Fundgegenstände aus dem Wiener Boden vermehrt. 7. Im Jahre 1849 (14. April) wurde ein Aus weis über die der Magistratischen Kommission im k. k. Zeughause zur Inventur übergebenen Privat wafifen verfasst,6 *) der 24186 Schusswaffen, 50112 Hieb- und Stichwaffen und 1013 Armatursorten um fasste, davon wurden als aerarische Waffen 1433 Schusswaffen, 1057 Plieb- und Stichwaffen und 2 Ar matursorten dem Zeughaus-Kommando übergeben. In der Sitzung des Magistrats vom 3. Februar 1859 referierte Magr. Krones,8) dass infolge der in den Jahren 1848 und 1849 von der Bevölkerung ein geforderten Waffen dem bürgerlichen Zeughause aus dem k. k. Arsenale eine solche Menge namenloser Waffen zugeführt wurden, dass sie die aus dem alten Besitze des Zeughauses abgängigen in der Zahl von 3587 mehr als zehnfach ersetzen. Im folgenden sollen nun Objekte der Waffen sammlung im Zusammenhänge mit I. der Wiener Bürgerwehr, mit II. Freikorps, dem allgemeinen Auf gebot und der Landwehr, mit III. dem städtischen Söldnertum und IV. die Beutestücke und Trophäen einer allgemeinen Betrachtung unterzogen werden. 3) So in der Vorlage. 4) Eine Abbildung eines der Säle des Zeughauses im Jahre 1740 findet sich in einer inhaltsleeren Wiener Dissertation rhetorischen Schwulstes mit dem Titel: Civicum augustae Vieanensium armamentarium. 5) Manuskript im Wien. St.-A. Rep. 186, Nr. 29. °) Akt im Wien. St.-A. Oecon. 40/1857. (Fortsetzung folgt.) 252 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Nicolaus Wilborn. Von M. v. Ehrenthal in Dresden. er Name des Meisters ist in II. Band. In die Augen springend ist die Aehnlichkeit des der Kunstgeschichte nicht unbekannt.1) Zwar weiss man über seine persönlichen Verhält nisse so gut wie nichts, dagegen ist seine künst lerische Individualität durch eine Anzahl Stiche, die entweder mit seinem vollen Namen oder mit einem Monogramme gezeichnet sind, festgestellt. Auf gedachten Blättern befinden sich überdies Jahreszahlen von 1531 bis 1537, so dass also, wenn auch wohl nicht die ganze Schaffens periode des Künstlers, so doch ein Teil derselben sich zeitlich bestimmt begrenzen lässt. Dem Cha rakter seiner Arbeiten nach gehört Wilborn der niederdeutschen Schule an. Hieraus, sowie aus dem Umstand, dass dem Monogramme des Meisters, N. W., öfters noch ein M beigefügt ist, und ferner, weil von seiner Hand Porträts des Johann von Leyden und des Knipperdolling herrühren, glaubt Passavant den Schluss ziehen zu sollen, dass Wilborns Wir kungskreis, vielleicht auch Geburtsort, die Stadt Münster in Westfalen gewesen sei. Insoweit italieni sche Vorbilder den Stil der aufblühenden nieder deutschen Renaissance beeinflussten, ist dies auch an Wilborns Arbeiten bemerkbar; doch erscheint die Annahme Passavants, dass die Individualität des Meisters sich speziell aus den Werken des Jacopo de Barbari herausgebildet habe, ziemlich willkür lich; sicherlich überwiegt bei den Arbeiten Wilborns wie bei denen der anderen „Kleinmeister“ vielmehr der Einfluss der Diirerschen Schule, nicht allein in Bezug auf das Figuirale, sondern auch in Hinblick auf das Ornamentale. Wie sein Zeitgenosse und Landsmann Aldegrever sich der Ausschmückung von Prunkwaffen widmete, so ist auch Wilborn, der mehrere Kopien nach ihm stach, in gleicher Rich tung, wie wir nachzuweisen vermögen, thätig ge wesen. Dies giebt uns Veranlassung zu der gegen wärtigen Besprechung. Im königlichen Kupferstichkabinett zu Dresden wird nämlich der Stich einer Dolchscheide auf bewahrt (Pass. 27.), der mit dem vollen Namen des Meisters signiert ist. Wir geben sie in etwas ver kleinertem Massstabe in der Abbildung (Fig. 1) wieder. ') Ausser A. Bartsch, 1e peintre-graveur, VIII., 543ff. ist noch zu vergleichen: Nagler, Kiinstler-Lexikon XXI, 433 ff., wo auch auf frühere Litteratur verwiesen wird, ferner Nagler, Monogrammisten No. 2574 und 2582 und Passa vant, le peintre-graveur IV, 13g ff. als Haupornament sich entwickelnden Blattwerkes mit denjenigen bei Aldegreverschen Arbeiten (vgl. Bartsch, peintre-graveur VIII, S.3Ö2ff., so zwar, dass man ohne äussere Beglaubigung der Herkunft die Wilbornschen Entwürfe recht wohl auch seinem Landsmann Aldegrever zuschreiben könnte. Ver gleicht man aber die Stiche beider Meister ge nauer, so finden sich doch einige Unterschiede. Sie sind am meisten in der Behandlung des Blatt werkes auffallend, das Wilborn steifer und mehr in Erinnerung an die Spätgotik stilisiert als. Aldegrever, während die in die Ranken der Blätter eingefügten Figuren namentlich durch ihre normaleren Propor tionen sich deutlich von den Aldegreverschen unter scheiden. Ob der Entwurf im königlichen Kupferstich kabinett zu Dresden jemals zur Ausführung gelangt oder ob, wenn er ausgeführt wurde, die polchscheide bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist, war nicht zu ermitteln. Statt dessen fand sich aber im könig lichen Plistorischen Museum zu Dresden ein Schwert in der Form der Landsknechtschwerter mit einer in Silber getriebenen Scheide und silbernem Beschläge am Gefäss, zu dessen Ausschmückung höchstwahr scheinlich ein Entwurf Nicolaus Wilborns als Vor lage gedient hat. Die Schwertscheide, von der wir ebenfalls einen Teil in Abbildung (Fig. 2 und 3) beifügen, ist im «Führer durch das kgl. Historische Museum von M. v. Ehrenthal» unter E 574 erwähnt. Unterzieht man auf beiden Abbildungen das Blatt ornament einem Vergleich, so ergiebt sich darin eine völlige stilistische Ucbereinstimmung. Beson ders charakteristisch ist hier der gerade nach oben laufende, nur von Figuren unterbrochene Stiel, aus denen das Blattwerk herauswächst. Die Gestalten, die auf unserer Abbildung sichtbar sind, erscheinen allerdings etwas massig, ein Umstand, der indes mehr der mangelhaften Ausführung durch den Gold schmied, als dem Entwürfe des Zeichners zur Last fallen dürfte; denn die auf der Rückseite der Scheide eingravierten Figuren, welche vermutlich der Vor lage genauer als die getriebenen Gestalten auf der Vorderseite entsprechen (ein Ritter Georg, der seinen Fuss auf den getöteten Drachen setzt und ein Lands knecht, der dem niedergeworfenen Feind die Helm barte in die Brust stösst), lassen die Pland eines in f iguralen Darstellungen wohlgeübten Künstlers er kennen. Sonach wäre die Thätigkeit Wilborns im Dienst der Ausschmückung von Waffen in einem Falle sicher, in dem anderen mit grosser Wahrscheinlich keit festgestellt. Während Aldegrever sonderbarer II. Band. 254 Zeitschrift für historische Waffenkunde. weise nicht über den Dolch hinausging, erstreckt sich die Kunst unseres Meisters auch auf das Schwert. Ob sich an anderen Orten Entwürfe von Prunk waffen von seiner Hand befinden, ist uns unbekannt. Jedenfalls werden seine Arbeiten nicht häufig an getroffen. Nichtsdestoweniger werden aber schon die beiden bekannten Entwürfe des Meisters ihm einen ehrenvollen Platz unter denjenigen Künstlern sichern, denen die deutsche Waffenschmiedekunst des 16. Jahrhunderts zum grossen Teil ihr hohes Ansehen weit über die Grenzen des Reiches hinaus zu verdanken hatte. Die Heraldik und die modernen Fälschungen auf dem Gebiete des Waffenwesens. Von Erich Freiherrn von Hausen. [n wie naher Beziehung die Heraldik zum Waffenwesen steht, ist hinläng lich bekannt. In den ältesten Zeiten schon wurden Schutz- und Trutzwaffen — vor allem der ritterliche Schild und dann auch der Helm — mit be stimmten Abzeichen oder Figuren bemalt. Bald ward an Stelle der Helmbemalung die Helmzier (Kleinod oder Zimier) auf den Helm gesetzt, und während der Kreuzzüge trat auch noch der Helmhang — anfänglich nur ein einfacher Schleier gegen die glühende morgenländische Sonne, allmählich in den Wappenfarben gehalten, oft im Kampfe zerfetzt und endlich ornamental als Helmdecken stilisiert — dazu. So entstand aus den Waffen, nämlich Plelm und Schild, welche die Person ihres ritterlichen Trägers kennzeichneten, das Wap pen, wie wir es noch heute darstellen. Dem Laien kommt dies freilich nur dann noch zum Bewusst sein, wenn er Wappen im Stile des 12. bis 14. Jahr hunderts entworfen findet, in welcher Periode der Wappenschild mit dem Kampfschild, und der Prunk helm mit dem Gebrauchshelme noch identisch — mit einem Worte die Waffen noch heraldisch, d. h. wappenmässig — waren. Wohl zu unterscheiden von diesen, an sich selbst das Wappen ausmachenden, altheraldischen Waffen ist nun der Gebrauch, die allmählich immer mehr und mehr ornamental werdenden Ab bildungen von Wappen oder einzelnen Teilen der selben verkleinert auf Gegenständen und Geräten aller Art, besonders aber auch auf Waffen anzu bringen. Schon seit dem 12. Jahrhundert, also, noch wäh rend die heraldischen Waffen selbst in Gebrauch waren, f indet sich jene Sitte z. B. auf Schwertern, Streit kolben, Pferdemaulkörben u. s. f., wie unter anderem das in der k. k. Schatzkammer zu Wien befindliche Ceremonienschwert des Kaisers Heinrich VI. (1165 bis 1197), auf dessen Scheide man den Reichsadler er blickt, darthut. Häufiger wurde naturgemäss dieser Brauch mit der Vervollkommnung der zur Aus schmückung der Waffen verwendbaren Techniken. Besonders nach dem Autkommen der Aetzkunst in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts ward jene Sitte allgemein, denn durch dieses Verfahren wurde es leicht, den blanken Stahl mit Ornamenten zu ver sehen — das Wappen aber war und ist mehr als irgend ein anderer Schmuck im stadde, den Be sitzer — oder bei Geschenken den Geber — zu kennzeichnen und damit einen Gegenstand wert voller, sinniger und interessanter zu machen. Hierzu gesellte sich ferner der Umstand, dass Künstler wie Lucas Cranach, Albrecht Dürer u. a. sich eingehend mit der Wappenkunst befassten, und dadurch man cherlei Anregungen für die Verwendung derselben im Kunstgewerbe gaben. Gelten doch auch heute noch Jost Ammans und Johann Sibmachers Wappen zeichnungen als beste und lehrreichste Vorbilder für die Heraldik der Renaissanceperiode, und sind daher besonders geeignet zur Anbringung von Schnitzereien und Intarsia auf Armbrust- und Ge wehrschäften, Pulverhörnern, Lafetten u. dergl. So versahen denn auch vom 16. Jahrhundert an nicht nur Fürsten und Herren, sondern auch Städte und deren Geschlechter ihre Schutz- und Trutzwaffen immermchr mit heraldischen Aus schmückungen, und an den Plattcnharnischcn für Mann und Ross aus jener Zeit findet man häufig: entweder die Schildfiguren, wie z. B. die in Eisen getriebenen Doppeladler auf der Rossrüstung Kaiser Maximilians I. in der Ambrasscr Sammlung — oder ganze Wappen, geätzt oder auf gebläutem Stahl ge malt, wie z. B. auf dem 1546 gefertigten leichten Feld- oder Trabharnisch des Herzogs (späteren Kur fürsten) August von Sachsen und auf den Harnischen der sächsischen Kurfürsten Christian I. (1560—1591) 255 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. und Johann Georg I. (1611—1656) im Historischen Museum zu Dresden (Prunkwaffensaal No. 5,6,14 etc.). Auch auf Rüstungen von Edelleuten, und besonders auf solchen von Ordensrittern, sind die Wappen der Träger häufig auf der Brust des Harnisches einge ätzt, ciseliert oder tauschiert. Oft finden sich ferner auf Barten und Streitäxten, deren breite Flächen zur Aufnahme von Ornament einladen, heraldische Zeich nungen, wei beispielsweise das mit der Kolane des goldenen Vliesses umgebene, spanisch-österreichische Wappen in Schwarzätzung auf der Streithacke im Museum der Stadtgemeinde Mährisch-Neustadt (Wen delin Boeheim, Ausstellung des Mährischen Kunst gewerbemuseums 1885, Taf. V). Besonders häufig aber kommen Wappen oder Schildfiguren auf den Klingen derjenigen Waffen, welche von fürstlichen Trabanten geführt wurden, vor, und letztere Sitte reichte bis in die neuere Zeit hinein. Mit Errich tung der stehenden Heere erfolgte bekanntlich auch deren gleichmässige Bewaffnung und Ausrüstung, und noch heutigen Tages führen fast alle Armeen die Wappen ihrer Kriegsherren auf Geschützrohren und Säbeln, wie auf Patronentaschen und Helmen. Bei älteren Objekten trägt dieser Umstand wesentlich dazu bei, Herkunft und Alter festzustellen oder ver lorene historische Daten wieder aufzufinden. Es liegt somit nahe, dass das Interesse für ein Stück wesentlich belebt und gehoben wird, sobald es mit einem heraldischen Kennzeichen versehen ist, und jeder Sammler bezw. jede grössere Sammlung wird eine Waffe höher schätzen, wenn sie mit einem Wappen verziert ist. Kein Wunder also, wenn auch der Fälscher es versucht, durch Anbringung eines Wappens den Wert seiner Ware zu erhöhen. Dass cs ihm nicht um den idealen, sondern um den realen Wert zu thun ist, bedarf kaum eines besonderen Hinweises. Aber nur zu oft begeht der Fälscher gerade mit diesem Verfahren eine grosse Thorheit, weil dadurch leichter als durch andere Merkmale seine Ware als Imitation gebrandmarkt wird. Die Ur sache dieses Misslingens ist darin zu suchen, dass dem Fälscher und seinen Helfershelfern meist gründ liche heraldische Kenntnisse abgehen, so dass ihm infolgedessen grössere oder kleinere Verstösse gegen diese Wissenschaft und Kunst unterlaufen. Bei fürstlichen grossen Staatswappen z. B. über sieht der moderne Verfertiger leicht die historische Entwickelung derselben. Diese Gesamtwappen ver einigen nämlich fast immer die Einzelwappen der zugehörigen Provinzen, wie auch die Abzeichen der Rechte, Würden und Erbämter des Hauses. Sie sind folglich bei Erlangung oder aber Verlust von Länder teilen oder Rcichswürden auch immer Aenderungen unterworfen. Ebenso geht cs dem Fälscher bei den Wappen der geistlichen Fürstentümer, denn diese sind wiederum zusammengesetzt, und zwar aus dem geistlichen Stiftswappen und dem Familienwappen des jeweiligen geistlichen Herrn. Bei den Wappen des niederen Adels oder der Patrizier ist dies nur ganz ausnahmsweise der Fall. Hierdurch aber bleiben sich die anfänglich genannten Wappen niemals gleich, treten vielmehr fast in jedem Jahrhundert in unter schiedlicher Form auf, so dass eine Verwechselung thatsächlich leicht Vorkommen kann. Derartige Fehler in der Darstellung eines geradezu falschen oder doch wenigstens falsch zusammengesetzten Wappens kommen sogar bei sonst ganz geschickten Fäl schungen vor, weil es dem Verfertiger unklar ist, ob der Stil des Originales, dessen er sich bediente, mit der Zusammensetzung und Form des W'appens in einer gewissen Zeitperiode sich deckt oder nicht. Besonders häufig aber sind die Verstösse gegen die Stilisierung der Wappen, so dass man oft auf Imita tionen Wappen im Stile eines früheren oder späteren Jahrhunderts entdeckt. Bei Beurteilung dieser Erschei nung darf man freilich nicht ausser Acht lassen, dass sich in der Heraldik ein langes Nachleben der Gothik bis ins 17. Jahrhundert nachweisen lässt. Freunden der edlen Heroldskunst wird aus eigener Erfahrung zur Genüge bekannt sein, wie sich hierin Wappenherrn und Künstler häufig nicht nur gründ lich versehen, sondern oft auch jeder Belehrung er haben lächelnd vcrschliessen. Fälle wie die oben ang eführten sind mir im Laufe der Jahre mehrfach und an Waffen aller Art entweder persönlich vor Augen gekommen oder doch bekannt geworden. So erinnere ich mich eines Falles, bei dem ein ganzer blanker Harnisch von einem Sammler für schweres Geld erworben worden war. Das Stück machte einen völlig vertrauenerweckenden Eindruck, alle Teile waren durchaus korrekt in der Form, jede Niete sass an der richtigen Stelle und im Innern waren die Hammerschläge des Waffenschmiedes deut lich erkennbar. Der Harnisch zeigte auch einige Gebrauchsspuren und Rostnarben und im übrigen hatte dara.uf, dass die Belederung erneuert und eine Hentze durch Schübe ergänzt war, der schlaue Händ ler selbst aufmerksam gemacht. Seiner Form nach musste dieser Harnisch mit Tapulbrust der Mitte des 16. Jahrhunderts angehören. — Auf der linken Brustseite aber war das Wappen einer bekannten freiherrlichen Familie v. H. im unverkennbaren Stile der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eingeätzt. — Es blieben sonach nur zwei Möglichkeiten: entweder das Wappen war ca. IOO Jahre später darauf ange bracht worden — oder der ganze Harnisch war neu. Bei genauerer Untersuchung stellte sich denn auch das letztere heraus, und glücklicherweise konnte in vorliegendem Falle der Handel wieder rückgängig gemacht werden. Freilich ist ein blosser heraldischer Fehler nicht allein und nicht immer berufen, nur an sich selbst eine Fälschung 7.u bekunden, denn gegen manche heraldische Regeln hat man hie und da auch in früheren Zeiten verstossen, wie z. B. gegen die Regel der Kehrung (Wendung) einer heraldischen Figur oder eines ganzen Wappens, gegen die Anordnung 34 II. Band. 256 Zeitschrift für historische Waffenkunde. der Farben auf Fahnen, das Belegen von Farbe mit Farbe u. s. w. So ist der preussische Adler auf der rechten Seite der Rossrüstung, welche die Kurfürstin Magdalena Sibylla ihrem Gemahle Johann Georg I. von Sachsen zu Weihnachten 1622 verehrte, und welche bei dessen Beerdigung 1656 der Leiche vorangeritten wurde, fälschlich nach rechts, also nach dem Pferdeschweife zu gekehrt, während der Herolds brauch es vorschreibt, dass Wappen und Wappen f iguren in einer der Bewegung von Mann und Ross entsprechenden Wendung angebracht werden. Aber es giebt auch Verstösse gegen die Heral dik, welche bei Originalen unmöglich Vorkommen können. So wenden z B. moderne Graveure und Wappenmaler — und folglich auch Leute, welche Fälschungen vornehmen — mit Vorliebe die Schraffie rungen, welche die Wappenfarben andeuten sollen, auch in Fällen an, in denen die ganze Darstellung als einer Zeit vor dem 17. Jahrhundert entstammend gehalten werden soll. Da nun jene Schraffierungen oder Tinkturen erst um 1638 von Vulson de la Combiere erfunden und in dem Wappenwerke des Jesuiten Sylvester ä Petra zum erstenmale in der noch heute üblichen Weise angewendet wurden, können sie füglich nicht in Zeichnungen vor jener Zeit zur Anwendung gelangt sein. Hieran würde man also die Imitation einer Waffe, deren Entstehung vor diese Zeit fällt,, sofort und ohne weiteres er kennen. Zu den Versündigungen gegen den heral dischen Stil gehören auch solche Fälle, in denen der Wappenhelm einer anderen Geschmacksrichtung oder Zeitperiode entlehnt ist als der Schild, oder die Wappenfiguren oder Plelmdecken in der Auf fassung eines anderen Jahrhunderts ausgeführt sind, als die übrigen Bestandteile des Wappens. Gleiches gilt natürlich von Orden, Schildhaltern oder sonstigen sogenannten heraldischen Prachtstücken. Standes oder Rangkronen des niederen Adels kommen be kanntlich erst seit Ende des 17. Jahrhunderts vor. Selbst bei scheinbar völlig genauer Nachbildung einer heraldischen Zeichnung, und zwar gerade einer eingeätzten, an welcher der Zahn der Zeit doch meist schon feinere Einzelheiten unkenntlich ge macht hat, werden vom Laien nur zu leicht falsche Linien miteinander verbunden, so dass die Nach bildung gar bald als verständnislose Imitation zu er kennen ist. Trotz der nahen Verwandtschaft von Wappen wesen und Waffenwesen kann doch nicht jeder Waffenfreund und Waffensammler immer auch gründ licher Heraldiker sein, und deshalb sei dem Samm ler empfohlen, sobald ihm eine geschmückte Waffe mit Wappen zum Kaufe angeboten wird, deren Echt heit nicht von vornherein ausser jedem Zweifel steht, sich an einen Heraldiker zu wenden. Die genaue Angabe der Zeit, welcher das betreffende Stück entstammen soll, mit einer PauSe des darauf befind lichen Wappens wird in den meisten Fällen schon genügen, um ein Urteil oder doch wenigstens eine Warnung- abgeben zu können. Zwei Apparate zur Messung der Geschossgeschwindigkeit in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Js Von A. Meyer, Oberleutnant im Kgl. Sächs. Infanterie-Reg'iment No. 178. einem Buche über Artilleriewissen schaft vom Jahre 1768 *) finde ich die Beschreibung zweier Apparate zum Messen der Anfangsgeschwin digkeit für Gewehr und Geschütz. Ich vermute, dass weder das Buch, trotz des bekannten Namens des Uebersetzers, noch die Apparate so allgemein bekannt sind, dass eine Besprechung darüber unnütz wäre, und erlaube mir daher die nachfolgende Skizze über den Gegenstand. Da ich weder in Ballistik noch ') Physikalisch-Mathematische Grundsätze der Artillerie in denen die Natur und Eigenschaften des Pulvers unter sucht und durch viele und gründliche Erfahrungen ins Licht in Mathematik erheblich bewandert bin, so giebt meine Arbeit vielleicht auch willkommenen Anlass zu weiteren Ausführungen und Belehrungen von be rufenerer Seite. Elektrizität und Photographie bieten uns heute die Mittel zu genauer Messung selbst der kleinsten Zeitdauer, wie es ja auch zum Messen von Geschoss geschwindigkeiten heute weit mehr als vor andert halb Jahrhunderten notwendig ist. Beide kannte man zu Papacino d’Antonis und Tempelhoffs Zeit gesetzt werden. Aus dem Italiänischen des Herrn Papacino d'Antoni Sr. königl. Majestät in Sardinien Directeur der theoretischen Schulen der Artillerie und Fortifikation. Mit Anmerkungen vermehrt von G. F. Tempelhoff, K. Pr. Lieutenant bei dem Feld-Artillerie-Corps. Berlin, bey Arnold Wever 1768. 257 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. noch nicht. Es ist aber interessant zu sehen, dass man damals schon Flugzeitenmesser konstruiert hatte, welche in ihrem Grundgedanken auf denselben Ueberlegungen beruhen, wie die modernen feinen Apparate: le Boulenge, Siemens und Halske, Polari sations-Chronograph,1) Bashforth. Dieser Grundgedanke ist überall der folg-ende: eine gleichmässig wirkende Kraft — Bewegung eines Körpers, elektrischer Strom, magnetischer Zustand, Schwerkraft, Federkraft — wird durch das fliegende Geschoss, dessen Geschwindigkeit zu messen ist, zweimal unterbrochen, bezjv. unterbrochen und wieder geschlossen und die Zeit, welche zwischen diesen beiden Momenten verstreicht, gemessen. Das wird dadurch ermöglicht, dass jene beiden Momente sich auf dem Flugzeitenmesser selbstthätig markieren und man aus der Entfernung dieser Marken voneinander und aus der Grösse jener gleichmässigcn Kraft auf die Zeit schliessen kann, die das Geschoss zwischen jenen beiden Momenten gebraucht hat. Ich gebe zunächst Beschreibung und Zeich nung, des Flugzeitenmessers aüs Papacino d’Antonis Buch: «§ 164. Die Maschiene, welche die 19 Figur (also unsere Fig. 1) vorstellet, ist von dem Herrn Mattev, königlichen Mechanicus, erfunden worden, und dienet dazu, um die Geschwindigkeit zu bestimmen, mit der die Kugel aus der Mündung eines Gewehres fährt. Der Haupt-Theil dieser Maschiene ist ein l) Prometheus, Jahrgang: VIII, 41. 1897. horizontales Rad AB, welches oben in C an einer verticalen Axe CD befestigt ist. Um diese Axe kann das Rad durch Flülfe der Gewichte und Gegen gewichte Q, welche an dem Seile GG angebracht sind, herum gedrehet werden, indem man dieselben vermittelst der Kurbel N beständig in die Höhe windet. Man kann auch dieses Rad auf eine be liebige andere Art herum drehen, wenn nur die Be wegung desselben schnell, gleichförmig, und nicht unterbrochen oder ruckweise geschiehet. Rund um das Rad A B herum, befestiget man einen Kranz von Schreib-Papier, der ohngefähr l/;! von einem Fuss, wie AE, BF, hoch ist. Der Lauf M, welchen man losschiessen will, muss 10 bis 12 Fuss von dem Rade entfernet seyn und auf einem festen und un beweglichen Gestelle befestigt werden, und die Rich tung desselben muss so beschaffen seyn, dass die Kugel, indem sie das Papier in H und K durch dringt, die Linie HK beschreibt, welche dem Dia meter AB des Rades gleich ist. Endlich setzt man in der Entfernung KR ohngefähr von zwev oder drey Fuss ein unbewegliches hölzernes Brett und zwar von büchen Holz, damit die Kugeln darinnen ein reguläres Loch machen. Um sich dieser Maschiene zu bedienen, muss man wissen, wenn das Rad AB. indem es herum gedrehet wird, eine gleichförmige Bewegung hat. und wie gross die Zeit ist, welche dasselbe anwendet, um sich einmal ganz herum zu drehen. Dieses kann man durch verschiedene Kunstgriffe erfahren. Ich habe mich bev meiner Maschiene des folgenden 258 Zeitschrift für historische Waffenkunde. bedienet. Ich Hess an der Axe CD ein kleines II. Band. nicht, wie in Papacino d’Antonis Figur, nur aufge Rad JL dergestalt befestigen, dass der Mittelpunkt desselben ausserhalb der Axe fiel. Dieses kleine Rad stiess jedesmahl, wenn es sich ganz herum gedrehet, an eine, hölzerne Zunge dergestalt, dass sich dieselbe horizontal bewegen musste. Oberhalb oder nicht weit von dem Ende der Zunge hieng ich ein einfaches Pcndulum auf, welches ich so lange bald lang, bald kurz machte, bis es seine Schwingungen in eben der Zeit machte, in der die Zunge eine horizontale Bewegung machte. Die Länge dieses Penduli dienet dazu, um die Zeit zu bestimmen, welche das Rad anwendet, um sich einmal herum zu drehen. So bald man gewahr wird, dass das Pendulum und die Zunge einen Schwung in einerlei Zeit machen, schiesst man das Gewehr loss. Wenn man alsdann das Rad stille stehen lässt, so wird man in dem Papiere zwey Löcher gewahr, davon das eine bey dem Eingang und das andere bey dem Ausgang der Kugel durch das Papier gemacht worden. Man kann diese beyde Löcher leicht von einander unterscheiden; denn da, wo die Kugel herausgegangen, ist das Papier ein wenig nach aussen zu gebogen. Alsdann zieht man einen Faden nach der Richtung der Lienie MR und bringt den Mittelpunkt des Lochs H, welches die Kugel beym Eingänge gemacht hat, in dieser Lienie, und alsdenn siehet man, wie weit das Loch R, durch welches die Kugel heraus gegangen, von der ge raden Lienie MR entfernet ist. Diese Entfernung drückt den Raum aus, den ein Punkt des Rades während der Zeit beschrieben, welche die Kugel angewendet, um den Diameter des Rades zu durch laufen. i Nach meiner — eines Laien — Ansicht sind es folgende Umstände, welche die Genauigkeit dieses Apparates in Frage stellen. Der Apparat wird mit der Hand bewegt, eine stets gleichmässige Bewegung ist also nicht gewähr leistet; zwar dient das Pendel als Kontrolle, aber das giebt kaum eine Gewähr dafür, dass nicht im Moment des Schusses eine ruckweise, also ungleich mässige Bewegung der Hand eintritt, welche den Apparat bedient. Der Fehler kann so gering sein, dass er sich, trotz des Pendels, dem Auge entzieht und doch die Messung wesentlich beeinflusst. Die Kontrolle darüber, ob die Bewegung der Zunge und des Pendels übereinstimmen, denke ich mir auch nicht leicht. Sie musste doch in nicht zu grosser Entfernung von dem Rad AB, also nicht weit von dem fliegenden Geschoss geschehen. Das scheint mir der Hauptfehler zu sein: alles ge schieht in Erwartung des Schusses! Die bösen Nerven verderben die Genauigkeit menschlicher Arbeit. Aber auch im Apparat selbst liegen Ursachen zu Fehlern. So ist es unbedingt nötig, dass die ganze Maschinerie unverrückbar fest steht, also an den Füssen eingegraben oder sonstwie befestigt, stellt wird. Die Anordnung der Gewichte Q dürfte besser durch zwei schräggezähnte Räder zu ersetzen sein. Die Reibung des Räderwerkes an den Achsen und mit dem Seil G muss stets die gleiche sein; bei wechselnder Luftfeuchtigkeit ist dies besonders von dem Seile kaum zu verlangen. Man wird ferner, um eine bequem messbare Strecke zwischen den beiden Schusslöchern zu er zielen, den Durchmesser des Rades AB nicht zu klein wählen dürfen. Um so grösser ist die Gefahr, dass der Papierkranz infolge der . Centrifugalkraft seinen Durchmesser und überhaupt seine Gestalt dem Auge unbemerkbar verändert, nach dem An halten des Rades aber wieder in seine alte Lage zurückkehrt. Stärke und Qualität des Papicres, Luft feuchtigkeit und Höhe des Papierkranzes üben hier bei ihren Einfluss. Gleichmässig wird die Leistung jedenfalls nicht in allen Fällen sein. Endlich ist es nicht leicht, den genauen Ab stand zwischen zwei Schusslöchern zu finden. Es kommt hier auf Bruchteile von Millimetern an, und in dieser Beziehung gestatteten die damaligen Apparate bei weitem nicht die nötige Genauigkeit. Diese Schwierigkeit wächst noch mit der Grösse des Kalibers. Bedenken wir endlich noch, dass bei dem da maligen Stande der Waffentechnik es nicht in dem Maasse wie heute möglich war, mit verschiedenen Schüssen gleiche Leistungen zu erzielen — beson ders da die Waffen Vorderlader waren — so werden wir annehmen müssen, dass man damals nach mo dernen Begriffen recht ungenaue Messungen wird zu stände gebracht haben. In § 166 und folgenden seines Werkes giebt Papacino d’Antoni Auskunft über Versuche mit seinem Apparat. Ich kann, ohne zu viel Raum in Anspruch zu nehmen, nicht aufs Einzelne seiner Ausführungen eingehen, und erwähne nur folgendes: Die Ver suche wurden bei sehr feuchtem, mittelfeuchtem und sehr trockenem Wetter ausgeführt; man wendete verschiedene Gewehre — darunter ein gezogenes — und verschiedenes Pulver an. Das feinste Pulver zeigte die grösste Kraft und bei trockenem Wetter erzielte man die grösste Geschwindigkeit. Der verschiedene Zustand der Atmosphäre wurde jedoch nur bezüglich seiner Einwirkungen auf das Pulver berücksichtigt; dass auch die Wirksamkeit der Maschine selbst davon abhing, scheint Papacino d’Antoni nicht bedacht zu haben. Aber gerade darin liegt vielleicht die Ursache einer Erscheinung, die er mit folgenden Worten erwähnt: «Ich muss hier noch als einen besonders merk würdigen Umstand anmerken, dass die Geschwindig keiten, welche bey feuchten Wetter von dieser Art Pulver1) hervorgebracht wurden, beynahe immer einander gleich v-aren. Bey dem mitlcrn Zustand *) Feinem Pulver. 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. der Atmosphäre hingegen, waren die Abweichungen 259 vornen bey F eine kleine Schneide, die mässig zwischen diesen Geschwindigkeiten bis U/2 aufs Hundert und bey sehr trocknen Wetter stiegen sie bis auf viere aufs Hundert.»1) Ob ausser der Ungenauigkeit des Apparates und der Waffen selbst sonst noch Ursachen für diese Erscheinungen aufzuführen sind, vermag ich nicht ohne weiteres zu beurteilen. Vielleicht erklärt uns das ein Waffentechniker von Fach. Tempelhoff giebt nun in seinen Anmerkungen zu Papacino d’Antonis Buche die Beschreibung eines von ihm selbst erdachten Apparates, welcher mit dem oben beschriebenen zusammenwirkend, auch die Messung der Anfangsgeschwindigkeit für Ge schützkugeln ermöglichen sollte. Hierzu brauchte man etwas Widerstandsfähigeres, als einen zarten Papierstreifen und dem trägt Tempelhoffs Kon struktion Rechnung. Seine Beschreibung lautet: «Zweite Anmerkung. Mit der Maschiene, welche derVerfasser(§ 164) beschreibt, kann man eine andere verbinden, deren Einrichtung zwar sehr ein fach ist, durch die man aber im Stande ist, die anfängliche Geschwindig keit vor alle Arten von Geschütz zu bestimmen (unsere Fig. 2). In der Entfernung von 15 bis 30 Fuss von dem Geschütz, dessen man sich bedienet, lasse man die Seulen AB, AB, die durch die Riegel AA, TU mit einander verbunden sind, und auf einem Gestelle ruhen mit dem Fuss B in die Erde setzen, damit sie unbeweglich stehen. Die Höhe dieser Seulen und ihre Breite und Dicke ist willkührlich; doch kann man dieselbe etwas hoch machen lassen, damit eine Bombe, wenn der Morticr im 450 elevirt ist, zwischen sie durchgehen kann. Die eine Seule AB ist von a bis d ausgeschnitten und auf der einen Seite sind Löcher 1, 1, u. s. w. ohngefehr 2 Zoll von einander eingebohrt, und dieses in der Absicht um dadurch ein kleinen eisernen Zylinder bb zu stechen, um den sich eine kleine Rolle RR drehen kann. ED, EF sind ein paar starke elastische Federn, die an der eisernen Platte G befestiget sind. Die Feder ED ist nach dem Kanon zu gekehrt, und vornen sehr spitz. Die andere Feder EF aber ist nach der Spitze der Seule AB zu gekehrt und hat b § 167, letzter Absatz. scharf ist. Die Platte G mit den Federn, schraubt man an die Seule AB, welche ausgeschnitten ist, vermittelst Schrauben feste an. Wenn man nun die Geschwindigkeit einer ge wissen Kugel bestimmen will, so spant man die Feder EF vermittelst eines dazu bequemen Seiles, welches über die Rolle R geht und an der andern Seule AB in S befestiget wird. Die Feder ED spant man ebenfalls vermittelst eines andern Seiles, welches nach der Mündung des Kanons zu geht, und vorher über eine kleine horizontale Rolle r gezogen wird. Ueber der Mün dung des Kanons wird ein ander Seil gespant, in dessen Mitte das Seil, wodurch die Feder CD ge spant wird, befestiget wird. Wenn nun die Federn stark genug gespannt sind, welches man durch die an der Seule AB an gebrachten Schrauben P, Q bewerkstelligen kann, so stelle man das Rad, welches der Verfasser be schrieben, dichte an die Federn, dergestalt, dass wenn die Federn losschnellen, sie in dem Rande des Rades einschlagen. In dieser Absicht, muss man den ganzen Rand des Rades mit Wachs ohn gefehr J/4 Zoll dicke auslegen. Das Kanon richte man nach dem Seile RS' wo durch die Feder EF ge spant wird. So bald nun das Kanon abgefeuret wird, so, reist die Kugel den über die Mündung ge spanten Faden entzwey, die Feder CD schneit als denn los und macht in der Peripherie des Rades einen Eindruck und beschreibt einen kleinen Bogen so lange bis die Kugel das zweyte Seil entzwey reist, und dadurch die Feder EF Freyheit be kommt, auch loszuschnellen. Diese schlägt von oben herunter und macht einen kleinen Strich in der Peripherie des Rades; Wenn nun das Rad in Bewegung gesetzt worden, so weiss man auf diese Art den Bogen, den das Rad, dessen Bewegung gleichförmig seyn muss, während der Zeit beschrieben, welche die Kugel an gewendet, um von der Mündung G bis an dem Seile RS zu kommen. Weil nun die Zeit bekannt ist, in der das Rad einmal herum kommt, so kann man dadurch die Zeit finden, in der ein Punkt des Rades den gegebenen Bogen beschrieben. Folglich kann man dadurch auch, weil die Entfernung des Kanons von dem Seile RS bekannt ist, die Ge schwindigkeit wissen, mit der die Kugel aus der Mündung gegangen. Dabey jnerke man, dass man zu dem auf der Peripherie des Rades, durch die Federn bezeichneten Bogen, noch die Entfernung der Spitzen der Federn von einander hinzu rechnen muss. 2ÖO Zeitschrift für historische Waffenkunde. Ich habe diese Maschiene in der Absicht er II. Band. stände, welche die Seile an den Rollen R und r, dacht, um auch mit grossem Geschütz einige Ver suche über den Wiederstand der Luft zu machen, welche nicht mit sonderlichen Erfolge angestelt werden können, wenn man nicht die anfängliche Ge schwindigkeit der Kugel weiss. Aus der Beschrei bung ist leicht zu sehen., dass der Erfolg derselben allezeit richtig seyn muss, sobald man nur ein Mittel hat, die Bewegung des Rades gleichförmig zu er halten, welches gewiss geschehen kann, da es der Verfasser selbst zu wege gebracht hat. Ein jeder kann selbst diese ganze Maschiene zu seinem Ge brauch so bequem einrichten als er es vor nöthig befindet, und noch allerhand Verbesserungen hin zu setzen.* Die Umstände, welche die Genauigkeit dieses Instrumentes beeinträchtigen, dürften folgende sein: Die beiden Federn EF und ED müssen, so bald sie losgelassen sind, gleich schnell arbeiten. Dazu gehört, dass sie ganz gleich stark an sich und gleich stark durch die Seile angespannt sind. Diese Anforderungen sind aber thatsächlich sehr schwer zu erfüllen. Zwei wirklich ganz gleich starke Federn sind nicht so leicht zu beschaffen. Und die gleiche Anspannung macht um so mehr Schwierigkeiten, je weiter das Geschütz absteht, denn je länger ein Seil ist, desto schwieriger ist es bekanntlich straff zu spannen. Und endlich müssen auch noch die Wider sowie diejenigen, welche diese Rollen an ihren eigenen Achsen finden, einander gleich sein, um beim Spannen der Federn die möglichste Gleich mässigkeit herbeizuführen. Hierzu kommen noch die Mängel des erstbe schriebenen Instrumentes. Einer davon wird aller dipgs durch Tempelhoffs Konstruktion aufgehoben: die scharfen Spitzen der Federn werden feinere Marken in den Rand des Rades schlagen, als es das Geschoss in den Papierkranz that. So muss die Messung zwischen den beiden Marken genauer werden. Tempelhoff sagt uns nicht, ob praktische Ver suche mit seinem Apparate angestellt worden sind, was ja nach Herausgabe seines Werkes wahrschein lich geschehen ist. In anerkennenswerter Bescheiden heit sagt er ja auch, dass jedermann seinen Apparat noch verbessern könnte. — — — Es ist nicht nutzlos, sich hie und da die Wege zu vergegenwärtigen, auf denen vor langer Zeit unsere Vorfahren schwierige Probleme zu lösen suchten. Ist der Grundgedanke dieser beiden rohen Instrumente derselbe wie der unserer modernen ge nauen Flugzeitenmesser, so ist uns das eine Lehre, dass der Mensch nichts absolut Neues und Eigenes hervorbringt, sondern auf der Arbeit früherer Zeiten weiterbaut. Einige Anmerkungen zu den Petersburger Pavesen und Tartschen.1) Von Richard Zschille em wäre nicht schon auf gefallen , welche grosse Schwierigkeiten die pho tographische Wiedergabe der Tartschen, Pavesen und Schilde bietet: In fast allen Veröffentlichun gen von Waffen bemerkt man unangenehm die ganz mangelhafte, beinahe unkenntliche Wiedergabe ihres bildlichen Schmucks, was jedes eindringendere Studium unmöglich macht. Desto freudiger und dankbarer muss man also einige Fingerzeige zur Abhilfe dieses Uebelstandes begrüssen, auch wenn einer, wie der erste der hier angeführten, nicht gerade als empfehlenswert bezeichnet wird. Aber faute de mieux führt dies Verfahren doch zuweilen zu besseren als den gewöhnlichen Resultaten. Was auf Seite 226, Zeile 25fr. gesagt wird, verbürgt wenigstens, dass das Studium des Wesentlichen in der Zeichnung wohl möglich ist. Das zweite Verfahren setzt vor der Aufnahme peinliche Reinigung und darauffolgende Abdeckung der Figur mit hellblauer Aquarellfarbe voraus. Da bei ist Rücksicht auf die bekannte Thatsache ge nommen, dass in der Photographie die Wiedergabe l) Man vergleiche dazu die sehr gehaltvollen Ausführungen des Herrn Staatsrates von Lenz im vorigen Hefte. S. 224 ff., auf die im folgenden immer Bezug genommen wird. 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. des Hellblau sehr aufhellend wirkt. Vielleicht würde 26l Grunde lägen (man vergleiche dazu Lentner und man zu noch günstigeren Resultaten kommen, wenn man statt des Blaulasierens die Aufnahme durch eine blaue Glasscheibe vornähme, weil dann die Nachteile eines vielleicht nicht ganz gleichmässigen Auftragens der blauen Farbe umgangen und durch eine gleichmässige blaue Belichtung ersetzt würden. Jedoch ist dies nur ein Vorschlag, der erst noch durch Versuche gestützt werden muss. Auch die bei der Besprechung der Figur 4 angedeutete Methode der Verdeutlichung mit Weiss dürfte zuweilen für die Wiedergabe günstige Resul tate ergeben, und zwar, indem man die eingeritzten Konturen — vgl. Fig. 4 und 11 — mit weissem Pulver, etwa Schlemmkreide, einreibt und so hervor hebt, oder indem man weisse Aquarellfarbe aufträgt, das UeberflüsSige an Farbe aber so abwischt, dass nur die Vertiefungen ausgefüllt sind. Ja sogar die Bemalung eines Schildes mit ungenügend fein ver riebener also rauher Farbe dürfte mit einer solchen Behandlung, gleichgültig ob man das Pulver oder die Aquarellfarbe gebraucht, günstig zur nachfolgen. den Photographie vorbereitet werden. Da sich die blaue wie die weisse Farbe ohne Schaden für den Gegenstand, selbst bei eingeritzten Zeichnungen, mittels Wasser und einer weichen, vor sichtig gehandhabten Bürste leicht wieder beseitigen lassen, wären derartige Verfahren möglichst immer bei der Aufnahme der Schilde anwendbar. Nach diesen technischen Erörterungen über die Wiedergabe wenden wir uns nun zu den Pavesen selbst. Zunächst habe ich zu erwähnen, dass ich zu den sechs grossen in Abschnitt 4 besprochenen Pavesen ein siebentes sehr gut erhaltenes Exemplar anführen kann, welches sich früher in meiner ziem lich umfangreichen Sammlung befunden hat. Das selbe entsprach den Abbildungen 5 und 6 voll ständig, sowohl innen wie aussen in allen Details, nur in Bezug auf die Bemalung habe ich Ab weichungen zu erwähnen. Die scharfe und deutliche Wiedergabe der rechten Seite berechtigt mich zu der Annahme, dass neben Schwarz und Grau auch wohl noch Rotbraun auftritt und die Bemalung also Pelzwerk oder Fell stilisiert darstellen dürfte. Dass früher Fell zum Ueberziehen der Schilde verwandt wurde, ist sicher überliefert, wenn auch ein derartiges Stück nicht erhalten ist. Die Anbringung von Wappen bildern mag dann mehr zur Anwendung von Be malung geführt haben, und da für sie auch der Schilderer oder Schildmacher zu sorgen hatte — eine schwierige Aufgabe, der er sich entledigte, so gut, oder schlecht er es eben konnte —, so mögen die dachziegelförmigen Schuppen der Schildbema lungen entstanden sein, die weiterhin in stilisierter Form verwendet wurden und auch in der Heraldik Aufnahme fanden. Auch die Schuppenmuster auf Fig. 1 und 2 (Seite 225) gehören hierher. Möglich wäre ja auch, dass ausser dem feineren Pelzwerk auch die Panzerschuppen der stilisierten Form zu Kettenhemd des hl. Wenzeslaus auf Fig. 2). Einen ähnlichen Schild wie den auf Fig. 2 dar gestellten habe ich vordem besessen. Dargestellt war der hl. Georg. Da die Pavese aber vielfache Spuren späterer Nachhilfe in der Bemalung und weniger gute Erhaltung aufwies, so sei nicht näher auf sie hier eingegangen. Nur möge noch erwähnt werden als die obenerwähnte Abweichung der Be malung, dass die beiden oberen Ecken mit je einem kleinen Wappenschild geziert waren, deren rechtes das Wappen der bayerischen Stadt Deggen dorf, das linke aber ein Weberschiffchen oder auch Schützen genannt zeigt, also wohl das Innungswappen der Deggendorfer Weber. Da nun dieses Schiffchen an beiden Enden umgebogene Spitzen hat, so könnte dies auch auf eine Unterabteilung dieses Berufs zweiges deuten, nämlich auf die Bandweber, die bekanntlich der geringeren Breite des zu erzeugen den Produktes halber diese kleinere und hand lichere Form ihres Werkzeuges benützen, was aber im vorliegenden Falle von keiner weiteren Bedeu tung für uns ist. Wir hätten dann also in diesen sieben Deggendorfer Pavesen die Schuhmacher, die Bäcker und Weber vertreten, gewiss ein sehr seltener und lehrreicher Beleg für die Rekrutierung' der Streit kraft einer Stadt aus den verschiedensten Zünften der Bürgerschaft. Dass diese Streitkräfte aus Fuss volk und Berittenen bestanden haben, zeigt Fig. 4, denn die Tartsche gehörte offenbar einem Reiter, der den Einschnitt an derselben für die Lanze brauchte. Tartschen von Berittenen sind schon selten genug; dass gleichzeitig sechs Vorkommen, ist aber ganz aussergewöhnlich, und die Seltenheit wird erhöht, dass hier noch sieben Pavesen des Fussvolkes gleichzeitig hinzukommen. Die Aufbewahrung im Zeughaus erklärt aber den Zusammenhang. Eine ähnliche Gruppe bilden die Pavesen der schweize rischen Stadt Winterthur, die gleichfalls durch zwei in den oberen Ecken angebrachte Wappenschilder charakterisiert sind, nämlich das Schweizer Wappen und das Winterthurer Stadtwappen. Von ihnen ist mir auch eine grössere Anzahl, ich glaube sechs bis sieben Exemplare, bekannt geworden. Auch einer österreichischen Stadt verdanken wir mehrere ähnlich unter sich zusammenhängende Schilde. Dieselben zeigen den die ganze Ober f läche einnehmenden damascierten österreichischen Bindenschild in Rot und Weiss und am Schildes haupte ein kleines Wappen mit einem gelben Stern im grünen Felde, wohl das Stadtwappen (:). Auch mit dem Nürnberger Wappen versehen kommen derartige Pavesen vor, sowie mit dem Wappen der sächsischen Stadt Zwickau, von denen sich drei Stück, wenn ich mich recht erinnere, im Besitze jener Stadt erhalten haben. Jedenfalls lassen sich diese Beispiele mit der Zeit noch erheblich vermehren; hier sei nur ein Anfang mit der Aufzählung solcher Gruppen ge II. Band. 262 Zeitschrift für historische Waffenkunde. macht. Aber auch auf künstlichem Wege hat man derartige Gruppen neuerdings entstehen lassen. So sollen z. B. auf einer Versteigerung einer Waffen sammlung zu Meersburg am Bodensce eine ganze Anzahl alter Pavesen mit dem neu aufgemalten Wappen des Besitzers der Sammlung aufgetaucht sein, ein, wenn auf Wahrheit beruhend, nicht genug zu brandmarkender Vandalismus, der um so uner quicklicherwirkt, als er wohl in schlecht angebrachter persönlicher Eitelkeit seinen Grund hat. Studienmaterial zur Geschichte der Mittelalterwaffen. Von Dr. R. Forrer-Strassburg. (Fortsetzung.) 6. Gotische Rüstungen auf einem Katzheimerschen Kreuzigungs bilde meiner Samm lung. ch habe oben unter No. i von einem wenig bekann ten Kleidungsstücke, der Polstergugel, gesprochen, die unter dem Helm ge tragen wurde; bei No. 3 habe ich der Helmdecken gedacht, wie sie bald am Helm, bald über diesem angebracht waren. Hier gebe ich nun in Fig. 6 die Abbildung eines Gerüsteten, der über dem Eisen gewande zur Zier von Kopf und Oberkörper einen gugelartigenUeber wurf trägt, der allem Anschein nach eine Eisenhaube mas kiert. Es ist ein klei nes Gemälde mit cise liertem Goldgrund, auf dem um die Mitte des XV.saec.—wahrschein lich von Plans Wolf gang Katzheimer von Bamberg — die Nage lung Christi ans Kreuz dargestellt ist. Links steht mit lang'em Spiess und in voller gotischer Rüstung'ein (Römer - — eben der mit der oben erwähnten Gugel —, hinter ihm ein durch die hohe spitze Mütze als solcher gekenn zeichneter Jude. Rechts davon nag'eln zwei Knechte den Leib Christi auf das Kreuz, indessen ein dritter Knecht sich bekehrt zu Christus wendet (der Kopf dieses Bekehrten allem An schein nach Porträt eines geistlichen Stifters). Im Hintergründe überwachen zwei Kriegsknechte die f landlung. Der hintere trägt einen Eisenhut und Ringgugel, die tief auf die Schultern fällt; der Leibrock ist rot und unten gezaddelt, die Hosen sind von gleicher Farbe; in der mit Eisenhandschuh bewehrten Linken trägt der Mann eine Stangenwaffc, deren oberes Ende am Rande des Bildes nicht mehr sichtbar ist. Der andere Kriegsknecht ist in voller Rüstung abgebildet. Er trägt eine spitz zulaufende Beckenhaube, darunter einen Ringkragen (falls er am Helmrande befestigt ist) oder eine Ringgugel (falls das Ringgeflecht den ganzen Kopf bedeckt) und als Körperschutz einen gotischen Schienenharnisch; in den Händen führt er einen mit kleinem Fähnchen geschmückten Speer; Interessant ist auch einer der nagelnden Kriegs kncchtc durch seine aus viereckigen Eisen schuppen ge bildete Eisenkappe, an deren Stelle zu Ende des XV. Jahrhunderts bekanntlich die aus ab gerundeten Schuppen gebildete kleine «Plirn kappe> tritt, wie sie Dürer u. a. so oft dar stellen. 7- Schützenfiguren aus Valturius, 1472. Der bekannte Flo rentiner Bücherantiquar Leo S. Olschki be richtet in seiner Zeit schrift ?La Bibliofilia» (Florenz 1900) über die erste Edition des an Holzschnittbildern rei chen, die Kriegskunst /.Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. behandelnden «Valturio». Dies ebenso seltene wie 263 einem Turm umkleidet und der Mastkorb eben kostbare Buch erschien 1472 zuVerona und von einem italienischen Meister mit Bildern versehen worden, welche den Text begleiten und, wie dieser, allerlei Arten von Kriegsmaschinen, Befestigungen u. s. w. erklären sol len. Einige der inter essantesten Bilder hat Olschki fak similieren Fig. 7 a. lassen und gebe ich danach hier diejenigen Faksimiles aus der «Bibliofilia» wieder, welche uns hier vom waffengeschichtlichen Standpunkte aus spezielles Interesse bieten. Fig. 7 a zeigt eine Galeere oder Galione, deren Verdeck, Mast und Mastkorb durch schwere Holzplanken gegen feind liche Angriffe befestigt sind. Der Mast ist mit falls nach Art der Turmzinnen für Bewaffnete ein gerichtet. Von hervorragendem Interesse sind hier die Kriegsleute mit den Feuerrohren, von denen das eine (des Schützen auf dem Verdeck) einen Schaft trägt, der über die Achsel gelegt wird und zur Unterstützung dieses Zweckes mit einem besonderen Achseleinschnitt versehen ist. Auch ein anderer Kriegsknecht des Verdeckes, der an der linken Seite, scheint ein Feuerrohr zu tragen. Die anderen Bewaffneten tragen Armbrüste, Spiesse, Fahnen, einer führt eine durch ihre Form beachtens werte Runka. Als Schutzwaffen tragen zwei Ge rüstete Schilde normännischer Form, wie sie sich bekanntlich speziell in Italien sehr lange neben den neu hinzugetretenen Formen bis ins 15. Jahrhundert erhalten haben. Die Schienenrüstung ist hier in voller Entfaltung und mehrere Soldaten tragen so Fig. 7 b. gar ganz geschiente Brust- und Rückenpanzer nach Art der Brigantinen. Die zur Darstellung gebrachten Helme sind italienische, sogenannte «Venetianer Saladen». Der Fähnrich mit dem Turm Wappen trägt als Helmzier einen Turban. Der andere Fähnrich auf dem Verdeck, mit dem Kreuz im. Fahnenfeld, führt einen ganz besonders merkwürdigen und in 35 FI. Band. 264 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Originalen fast gar nicht mehr vorkommenden Helm mit beiderseitig' aufklappbaren Seitenklappen, eine den römischen Visierhelmen nachgebildete Form, ein Vorläufer des bei Boeheim sub Fig. 29 abgebildeten italienischen Helmes um 1490. — Die Form der Venetianer Schallern wiederholt sich auch auf der dem Valturius entnommenen Taucherrüstung Fig. 7 b, nur ist hier der Helm nicht aus einer Stahlplatte getrieben, sondern nach Art der Schuppenhäubchen geschuppt (die Figurist ein Prototyp des bei Demmin, Kriegswaffen, p. 415 nach Vegetius abgebildeten Tauchers, der aber hier einen anderen Helm er halten hat). — Die in Fig. 7 c faksimilierte Abbildung eines Armbrustschützen nach Valturius reproduziere ich bei diesem Anlass ihrer ebenso künstlerischen wie lebensfrischen Darstellung wegen; nicht nur die Stellung des Schützen, auch die Lage des zielenden Kopfes und die Fingerstellung sind dem Künstler ganz meisterhaft gelungen. (Fortsetzung' folgt.) Entwickelung und Gebrauch der Handfeuerwaffen. Von k. u. k. Oberstleutnant P. Sixl in Kaschau. (Fortsetzung.) Beispiele für die angc stellten Untersuchun gen seien mehrere Ha kenbüchsen vorgeführt, welche zweifellos dem 15. Jahrhundert ange lt Ören und zwei grosse Hauptgruppen unter scheiden lassen. Die erste Haupt gruppe umfasst alle jene Hakenbüchsen, deren Handhabung noch durch einen Mann möglich war. Nach den Wiener Kämmerei-Rechnungen wurden dieselben als «Hackenpuchsen Idain- bezeichnet; in den Zeugsbüchern des Kaisers Maximilian 1. werden dieselben als «gemailt Hackhen» angeführt, «ge hörend zu den fucsskncchten, wann man in dem feld wil fechten.» Die zweite Hauptgruppe enthält alle grösseren Hakenbüchsen, von schwerem Gewicht und grossem Kaliber; diese sind manchmal auch als Steinbüchsen eingerichtet, wurden bei der Verteidigung von be festigten Oertlichkeiten verwendet, «auf den mauern braucht man uns seer», und auch beim Angriff auf dieselben, «wann man ein flecken stürmen thuet.s In der Konstruktion zeigen dieselben die bisher beobachteten drei Formen und zwar: 1. Hakenbüchsen mit Stangenschaft. 2. Die geschäfteten Hakenbüchsen, und 3. Eiserne Hakenbüchsen. Plervorzuheben wäre noch die zunehmende Ver längerung der Seele; bisher war das Verhältnis des Kalibers zur Seelen-Länge I:S:I0:20, jetzt wird dieses Verhältnis bis 1 : 30 : 40 und noch höher ge steigert. Es ist natürlich, dass durch diesen Umstand das Gewicht der Watte vergrössert wurde; bei der Handhabung der grösseren Stücke wurde schliess lich ein zweiter Mann notwendig. Es sollen nun einige Hakenbüchsen, welche dem Gewichte nach der ersten Hauptgruppe an gehören, näher betrachtet und beschrieben werden. 1. Hakenbüchsen mit Stangenschaft. (Fig. 66.) 1 | 2 | 3 Konstruktion 4 5 | 6 7 8 9 IO n 12 13 Der Lauf endigt rückwärts in eine Tülle, in welche der Stangenschaft eingesetzt ist 6,2 Material Gewicht in kg Aeussere Form 13.7 des Laufes 2,3 12,8 14,9 •5,4 11,9 13,1 16,5 | 9,5 ! 4,8 Schmiede - Eisen 7 »5 Cylindrisch oder achtkantig, aussen gegen die Mündung verjüngend Länge des Laufes sann Hülse in ein Länge der Seele in cm Kaliber in mm 88 94,6 74,2 21 84,6 68,2 21 91,8 72,5 21 73-1 24 99,8 79.7 26 90 74,8 22 96 79.1 26 108 87,6 24 93-3 78 24 64,3 53 >5,5 74,4 63 20 ^5,3 7 3 20 19,5 10/ 89 fgegen die 2SI Mündung ( erweitert 265 7. Heft. Verhältnis zur Seele Zündloch Haken Beschaffenheit Entfernung von der Mündung Visier-Korn Zeitschrift für historische Waffenkunde. 1 l 2 des Kalibers ;nlänge, 1 : befindet sich Form Verschluss 32 35 rechts oval oben vier seitig 3 | 4 30 34 rechts kreis förmig oben vierseitig mit Deckel, Zapfen noch vorhanden 8 5 3° rechts ' 6 34 oben rund 7 3° 36 rechts vierseitig I I 9 10 32 oval 30 3i vierseitig aus Schmiedeeisen, unterhalb am Laufe angeschweisst 12 36 oben rechts dreh barer Deckel ohne Loch mit Loch ohne Loch knapp an der 90 Mün dung Zu dieser tabellarischen Zusammenstellung' ist knapp an der 40 40 Ein schnitt am ober. Rand d. Mündg. I 12 2/ IOO abge brochen 90 130 Mün dung I IO Ein schnitt am ober. Rand d. Mündg. 152 13 34 rund knapp an der Mündung e) No. 11 hat überdies an der rechten Schaft noch zu bemerken: a) die Läufe bei No. I, 2, 3, 4 und 12 sind glatt geschmiedet und recht gute Arbeit; bei den übrigen Hakenbüchsen ist der Lauf einfach, oft ganz roh gearbeitet. b) Bei No. 1, 3, 4, 10 und 11 ist in der rück wärtigen Laufhülse noch ein Teil des ursprünglichen Schaftes vorhanden, derselbe ist aus Eichenholz und mit Leinwand umwickelt. Die jetzt eingesteckten Schäfte sind durchweg jüngeren Datums; dieselben haben Luntenkammern, einzelne auch Ladestockrinnen. Die No. 3, 4, 10 und 11 sind vollkommen ge schäftet, haben jedoch jetzt noch die am rück wärtigen Laufende befindliche Tülle. Der Stangenschaft wurde, wie Löcher in der Tülle und einzelne erhaltene Nägel darthun, mit 1 bis 2 Nägel befestigt; die Tülle ist 12 cm bis 18 cm tief. c) Die älteste Hakenform zeigen die No. 4 und 6. Bei No. 7 ist der Haken abgebrochen und ein roh gearbeiteter eiserner Ringhaken aufgesteckt, welcher in glühendem Zustande über die Mündung gegeben wurde, daher ist derselbe jetzt wohl be weglich, kann aber nicht abgenommen werden. Bei No. 6 ist auf der rechten Seite des Hakens das Kamel des Pilsener Stadtwappens angebracht, was auf das zweite Viertel des 15. Jahrhunderts deutet. Hervorgchobcn muss werden, dass bei allen Hakenbüchsen, mit Ausnahme von No. 11, der Haken kein Loch hat; cs ist daher unrichtig, wenn be hauptet wird, dass der Haken immer mit einem Loche versehen war. d) Bei No. 9 ist oberhalb am rückwärtigen Lauf ende ein gotisches o, — (a?) — eingraviert, wahr scheinlich das Kaliber-Zeichen. seite ein Luntenschnappschloss; es ist sehr wahr scheinlich, dass Lauf, Schaft und Schnappschloss erst später in die jetzige Verbindung kamen. Derselben Zeit gehörte eine Hakenbüchse an, welche sich im Museum des Königreichs Böhmen zu Prag befindet (Fig. 67). Diese Hakenbüchse ist aus Schmiedeeisen, von einfacher Arbeit, 107 cm lang und 10,65 kg schwer. Die Länge der Seele beträgt 88,5 cm, das Kaliber 25 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Scelen länge 1 : 35,4. Der Lauf ist aussen achteckig, nach vorne ver jüngt, und endet rückwärts in eine 17 cm tiefe und 8 cm breite Tülle. Das Zündloch befindet sich rechts seitwärts und ist muldenförmig eingetrieben. Unterhalb am Laufe, 15,5 cm von der Mündung ent fernt, ist ein Haken, ohne Loch, angeschweisst; der selbe ist 16 cm lang. Der Schaft fehlt. Eine andere hierher gehörige Hakenbüchse be f indet sich im Museum -Rudollinums zu Klagenfurt. Dieselbe ist aus Schmiedeeisen, von einfacher Arbeit, hat eine Lauflänge von 109 cm und ein Gewicht von 8,1 kg. Die Länge der Seele beträgt 93,4 cm, das Kaliber 20 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Scelenlänge 1:46,7. Der Lauf ist aussen vorne achteckig, vor dem Zündloche sechseckig, an der Tülle rund; derselbe verjüngt sich nach vorne und hat an der Mündung eine ringartige Verstärkung; nach rückwärts endet der Lauf in eine 13 cm lange und 5 cm breite Tülle. Das Zündloch befindet sich oberhalb, ist rund und ohne Deckel. Unterhalb am Laufe, 18 cm von der Mündung entfernt, ist ein Haken, ohne Loch, an geschweisst; derselbe ist 7 cm lang, und im oberen Teile 6 cm breit. Der Schaft fehlt. Diese Haken büchse wurde vor einigen Jahren in Arnoldstein gefunden. Eine ähnliche hierher gehührige Hakenbüchse befindet sich im Germanischen Museum zu Nürn 35 * 266 Zeitschrift für historische Waffenkimde. berg und wurde daselbst in zutreffender Weise mit 1480—1490 datiert1) (Fig. 68). Diese Hakenbüchse ist aus Schmiedeeisen, von genauer Arbeit, hat eine Lauflänge 89 cm und ein Der Lauf ist aussen vorne achteckig, über dem Zündloche sechseckig; derselbe verjüngt sich nach vorne und hat an der Mündung eine ringartige Verstärkung; nach 3- 4- 5- 6. 8. 9. 10. lüg. 66. Hakenbüchsen mit Stangenschaft im Historischen Museum der kgl. Stadt Pilsen. Gewicht von 13,1 kg. Die Länge der Seele beträg't II. Band 13 rückwärts endet der Lauf in eine 15 cm tiefe und 70 cm, das Kaliber 24 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Seelenlänge 1 : 29. b Vgl. «Quellen» 113 u. T. B. IVf. 5 cm breite Tülle. Das Zündloch befindet sich ober halb am Laufe, ist rund und ohne Deckel. Unter halb am Laufe, 12 cm von der Mündung entfernt, ist ein Haken mit Loch angeschweisst; derselbe ist 7. Hefi. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 9 cm lang und im oberen Teile 6 cm breit. Der 267 Die zweite Unterabteilung der ersten Haupt Schaft ist rückwärts in die Tülle eingesteckt und zeigt die ovale Kolbenform; der Schaft ist 75 cm lang und sehr wahr scheinlich jüngeren Datums als der Lauf. Aehnliche Hakenbüchsen be f inden sich: zwei in den kunsthist. Sammle, d. A. H. Kaiserhauses o zu Wien-, je eine im ungarischen Nationalmuseum zu Budapest und im historischen Museum zu Ka schau, zweiundzwanzig im Stifts museum zu Klosterneuburg, sieben auf Schloss Kreuzenst.ein u. s. w.; dieselben sind auch sonst wahr scheinlich nicht selten und dürften in grösserer Anzahl erhalten sein. gruppe umfasst 2. die geschäfteten Hakenbüchsen. Bei diesen liegt der Lauf in der Schaftrinne, Lauf und Schaft sind mittels Querstifte oder mittels Eisenbänder verbunden (Fig. 69). Zu der tabellarischen Zusammenstellung (siehe S. 268) wäre zu bemerken: a) Bei den No. 1, 2, 4 und 5 ist der einge schweisste viereckige Zapfen mit einem Loch ver sehen, welcher offenbar zur besseren Verbindung von Schaft und Lauf benutzt wurde, b) das Zeichen 6 ist die Kaliber-Marke; in der Nürnberger Kriegsordnung' aus der Mitte des 15. Jahr hunderts heisst es im Abschnitte: «Von den Zeichen der püchsen». 268 hockenpuchsen. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Geschäftete Hakenbüchsen. I 2 1 3 aussen achteckig (Nr. 4 sechseckig); mit geraden Kanten, Konstruktion Material Gewicht in kg Länge in cm Länge in cm Kaliber in mm Verhältnis des Kalibers zur Seelen Länge 1 : Zündloch rückwärts durch einen eingeschweissten 3—4 cm vorstehenden Zapfen geschlossen des Laufes der Seele befindet sich Form Schmiedeeisen 7,85 85,3 82 22 37 an der rech ten Seite trichterför 6,6 60 57,5 20 28,7 länglich if. Band. 4 9,65 62,6 58 21 28 8,81 82 80,5 24 33 oberhalb am Laufe 5 7i32 7i 69,2 22 31 kreisrund- und trichterförmig vertieft mig vertieft Entfernung vom Rande in cm Haken Beschaffenheit Visier - Einrichtung Besondere Zeichen 2 5,7 Einschnitt am Rande vorne oben f fä «Die sibendcn sind gczaichnet mit den c, sind Die achten sind gezaichnet mit dem b, sind vertieft am Rande nahe der Mündung angeschweisst und mit Loch versehen Einschnitt — A am Rande vorne oben — — 12 wie Nr. 1 u. 3 A Geschäftete Hakenbüchsen. I 2 3 aussen rund-cylindrisch, an hockenpüchsen. Die neunten sind g'ezaichnet mit dem e, sind simbel hantpuchsen und ain tail hockenpuchsen.»1) c) Die Schäfte sind, ebenso wie oben, in späterer Zeit hinzugekommen; dieselben haben meist auch die Luntenkammer, bei No. 2, 4 und 5 auch Lade stockrinnen. d) Die Läufe No. 1 und 3 sind besonders gute Arbeit; — alle Läufe haben gegen die Mündung eine mässige Verjüngung, an der Mündung die ring artige Verstärkung. Drei andere hierher gehörige Hakenbüchsen befinden sich im Museum des Königreichs Böhmen zu Prag (Fig. 70). 1) «Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert.» 1863 Bd. I, 292. Konstruktion Material Gewicht in kg Länge in cm Länge in cm Kaliber in mm Verhältnis des Kalibers zur Seelen-Länge 1 : der Mündung und rückwärts verstärkt des Laufes der Seele Hier ist noch beizufügen: Schmiedeeisen 12 102 99 21 47 14 127 122,5 3° 40,8 9,85 127 >23 22 56 a) alle drei Hakenbüchsen haben vorne oben am Laufe ein von der Seite eingeschobenes Korn, bei No. 1 auf 5 cm, bei No. 2 auf 7 cm, bei No. 3 auf 4 cm von der Mündung entfernt; das Korn selbst ist länglich und oben schmalkantig. Fig;. 70, 1. Geschäftete Hakenbüchse im Museum des Königreichs Böhmen zu Prag. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. Rückwärts oben am Lauf, bei No. 1 auf 8 cm, bei No. 2 auf 13 cm, bei No. 3 auf I x cm vom hinteren Laufende entfernt, ist ein Absehstöckel oben aufgesetzt, welches in der Richtung des Laufes mit einem Visier-Ein schnitt versehen ist. Die Visierlinie ist daher 89 cm, bezw. 105 cm und 100 cm lang. b) No. 2 ist rückwärts durch eine Eisen schraube, No. 1 durch einen eingeschweissten Eisenkern, No. 3 sehr wahrscheinlich durch eine Eisenschraube geschlossen, es lässt sich dies hier nicht deutlich konstatieren. Das hintere Ende der Schraube, bezw. des Za pfens steht 4 cm über das rückwärtige Lauf ende vor. c) Unterhalb am Laufe, auf 25 cm, bezw. 28 cm und 31 cm von der Mündung ist ein länglicher Haken, mit Loch nahe am Laufe, angeschweisst. d) Unterhalb am Laufe ist ein Oehr eingeschweisst; dieses sowie das Loch im Haken dienten zur Verbindung von Schaft und Lauf, indem Querstifte eingesteckt wurden. e) Bei No. 1 ist der Originalschaft teil weise erhalten, bei No. 2 und 3 fehlt derselbe. f) Das Zündloch befindet sich rechts seit wärts, bei No. 1 mit Zündpfanne und Deckel; dieser fehlt, es ist jedoch der Stift vorhanden, um welchen der Deckel drehbar war. Bei No. 2 und No. 3 sieht man, dass auch die Pfanne angeschweisst war. g-) Als besonderes Zeichen hat No. 2 f f} ff} unterhalb an der Mündung drei kleine in vier Teile geteilte Kreise; No. 2 hat unten an der Mündung zwei Hufeisen stark ein getrieben. Nach Arbeit und Einrichtung gehören diese Hakenbüchsen in das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts; — ähnliche Hakenbüchsen befinden sich: sieben im ungarischen National museum zu Budapest, ein Stück in den kunst hist. Sammlg. des A. H. Kaiserhauses zu Wien, sechs im Stiftsmuseum zu Klosterneuburg, zehn auf Schloss Kreuzenstein u s. w.; auch diese geschäfteten Hakenbüchsen dürften in grösserer Anzahl, wenn auch meist ohne oder mit jüngerem Schaft, erhalten sein. (Fortsetzung folgt.) 269 Fig. 7°i 3- Geschäftete Hakenbüchse im Museum des Königreichs Böhmen zu Prag-, 2JO Zeitschrift für historische Waffenkunde. II. Band. Noch einige Worte über Fringia, Genoa und Sichelmarke. Von Dr. Wilhelm Erben. ie durch eine Aeusserung des Herrn Direktors von Ehrenthal hervorgerufe nen Ausführungen zur Deutung der Klingenin schrift Fringia, welche ich in diesem Bande S. 151: bis 155 veröffentlichte, haben Herrn Dr. Petzsch zu einigen Gegenbemer kungen veranlasst (ebenda S. 217 bis 220), die ich im Interesse der Sache nicht unbeantwortet lassen will, weil sonst als Ergebnis der beiderseitigen Ausein andersetzungen nur Unsicherheit und Verwirrung der Ansichten Zurückbleiben würden. Ich schmeichle mir dabei nicht, die Frage, was die in der Ueberschrift genannten Klingenbezeichnungen in jedem Falle bedeuten, definitiv zu erledigen, nur den gegen wärtigen Stand unserer Kenntnisse will ich gewissen haft zu umgrenzen versuchen und angeben, auf welchem Wege zu weiterer Klärung der Sache zu gelangen sein dürfte. Den Kern und Zweck meines früheren Aufsatzes bildete der Nachweis, dass die weitverbreitete und zuletzt noch von Ehrenthal verteidigte Ansicht, das Wort Fringia sei aus den Anfangsbuchstaben des Titels Kaiser Ferdinand I. entstanden, gänzlich un haltbar ist. Petzsch hat dieses negative Ergebnis nicht erwähnt, aber auch kein Wort der Vertei digung für die ältere Annahme vorgebracht, die er also wohl selbst als beseitigt ansieht. Gegen meinen positiven Vorschlag, Fringia von dem türkischen frengi (abendländisch) herzuleiten, erhebt P. aller dings einige Einwendungen; er meint, «dass die Türken das stets in lateinischen Buchstaben wieder gegebene Wort keinesfalls lesen» und «mit dem Schriftbilde kaum eine Vorstellung verbinden konnten»; die Klingenfabrikanten und -Verkäufer, denkt P., «hätten sich mit einiger Mühe sehr wohl die Schreib weise des türkischen Wortes in türkischen Buch staben aneignen können, wenn dies ihrem kauf männischen Interesse förderlich gewesen wäre». P. hat bei diesen Bedenken übersehen, dass ich nicht die Türkei im heutigen Sinne des Wortes, sondern christliche Länder, die vorübergehend unter türki scher Herrschaft und türkischem Einfluss standen, als die Hauptabsatzgebiete der Fringiaklingen an gesehen und hingestellt habe. Unter den Nach wirkungen der Schlacht von Mohäcs (1526) zerfiel das Königreich Ungarn in drei grosse Teile. Dem Abendland blieben die westlichen und nördlichen Gegenden am engsten verbunden; obwohl in diesen die Habsburger ihre Herrschaftsansprüche behaupte ten, konnte doch auch hier nach dem Muster des Feindes, gegen den man durch anderthalb Jahrhun derte auf steter Wacht zu stehen hatte, gerade im Kriegs- und Waffenwesen türkischer Brauch mass gebend werden. Die Mitte und der Süden des Landes standen unter unmittelbarer türkischer Herrschaft, aber unter dem Pascha von Ofen und seinen Beamten, welche ihre Wirksamkeit fast ausschliesslich auf das militärische und finanzielle Gebiet beschränkten, be stand die magyarische Nation in ihrer kirchlichen, ihrer Gemeinde- und Komitatsverfassung fort1) und so erhielt sich nicht nur die nationale sondern auch die lateinische Sprache, die in Ungarn stets im öffent lichen Leben eine so grosse Rolle gespielt hat. Der Osten des Landes endlich, das Fürstentum Sieben bürgen, lebte unter eigenen, christlichen Fürsten, die in endloser Schaukelpolitik sich sowohl von dem abendländischen als von dem morgenländischen Kaiser thunlichst unabhängig zu halten bestrebt waren; natur gemäss vollzog sich auch hier eine Mischung orienr talischer und occidentaler Kultur ein Wirkungen. In allen diesen drei Gebieten treffen also die Voraus setzungen für die von mir vertretene Ansicht über den Ursprung des Wortes Fringia zu. Das militärische Uebergewicht der Türken verhalf dem türkischen Waffenbrauch zur Aufnahme und kann auch der Be zeichnung frengi für abendländische Klingen Eingang verschafft haben; die in allen drei Landesteilen ver breitete Kenntnis des Lateinischen musste dann not wendig zu den Formen Frangia oder Fringia führen. Jenes Wort in türkischen Buchstaben zu schreiben, wie P. es erwartet, waren abendländische Waffen schmiede nicht in der Lage. Wo immer auf abend ländischen Waffen türkische Schriftzüge aufzutreten scheinen, sind es entweder fehlerhafte, und selbst für den geübtesten Leser schwer lesbare Kopien einer unverstandenen orientalischen Vorlage oder nur unbeholfene, völlig sinnlose Imitationen. Was aber die philologische Frage anbelangt, ob und wie aus frengi fringia entstand, so kann ich mich noch mals auf das schon meinem ersten Aufsatz zu gründe liegende fachmännische Urteil eines Gelehrten be rufen, dem Herr Dr. Petzsch schwerlich ein eben bürtiges entgegenzusetzen vermag. Aus diesen Gründen halte ich trotz der von P. vorgebrachten Bedenken an der Zulässigkeit meiner Erklärungsart fest. Einen durchschlagenden Beweis ') Ueber diese interessanten Verhältnisse handelt Franz Salamon, Ungarn im Zeitalter der Ttirkenherrschaft (ins Deutsche übertragen von Juräny, Leipzig 1887), insbesondere S. 253 bis 270. Fig. i. Fig. 2. Fig. 4. 36 272 Zeitschrift für historische Waffenkunde, für ihre Richtigkeit vermag ich freilich jetzt so IX. Band. mentstudien und durch das Vorhandensein geätzter wenig zu führen als ehedem, und wer eine andere vernünftige Deutung vorzuschlagen weiss, etwa den Namen eines durch Klingenindustrie ausgezeichneten Ortes, der an Fringia anklingt, der soll willkommen sein. Hier möge nur — ehe ich auf Genoa und Sichelmarke übergehe — abermals auf jene Klingen hingewiesen werden, von deren richtiger lokaler Bestimmung, wie ich glaube, die Lösung der Frage am ehesten zu erwarten ist. Ich nenne hier an erster Stelle den im Wiener Heeresmuseum be f indlichen, in meinem Kataloge S. 107, No. 91 kurz beschriebenen Panzerstecher, welcher auf der am Ansatz mit dem Bischofskopf markierten Klinge zu beiden Seiten die aus den Abbildungen (Fig. 1 und 2) ersichtlichen Aetzungcn, auf dem Rücken der Klinge aber, gleichfalls geätzt (Fig. 3), die Worte F1NA FRINGIA aufweist. Wenn liier die Form des Ad jektivs auf Italien zu deuten scheint, so wird doch nur durch Stilverglcichung mit Sicherheit zu ent scheiden sein, ob der Actzcr wirklich ein Welscher gewesen oder ob er etwa auch in Solingen zu suchen ist, wie der vielleicht mit Peter Munich identische Klingenschmied. Wichtiger noch als dieser Panzer stecher und wahrscheinlich die ältesten zeitlich genau bestimmbaren Beispiele des Auftretens unserer In schrift sind die mit dem Bilde des Königs Stephan Bäthory von Polen (1575 — x586) geschmückten Klingen. Es sind deren bis jetzt drei bekannt, eine Schwertklinge in der Lcibrüstkammer zu Stockholm (beschrieben und abgcbildet bei Szcndrei, Ungari sche kriegsgcschichtliche Denkmäler S. 814ff. No. 6504; vg'l. auch Ossbahr, Vägledning för besökende i Lifrustkommaren. Stockholm 1S97, S. 5°) und zwei Säbelklingen im Zeughaus zu Berlin (hiervon der eine beschrieben und in einer Gesamtansicht wieder gegeben bei Szendrei, S. 5 59 No. 3130; vgl. auch Hiltl, Die Waffensammlung des Prinzen Karl von Preussen S. S9 No. 548). Von den Aetzungen dieser beiden Säbelklingen kann ich dank dem gefälligen Ent gegenkommen des Direktors Dr. von Ubisch hier Detailansichten (Fig. 4 bis 7) bieten, so dass das Vergleichsmaterial mit möglichster Vollständigkeit der allgemeinen Beurteilung-vorliegt.1) Trotz mancher Verschiedenheiten in der Zeichnung stimmen doch die Motive in den Aetzungen dieser Bäthoryklingen so enge überein, dass auf Herstellung in derselben Aetzerwerkstatt oder zum mindesten auf Benutzung eines gemeinsamen Entwurfs geschlossen werden muss. Da wird es nun darauf ankommen, nach der Technik und Zeichnung den oder die Aetzer zu lokalisieren, was ich (als Historiker) gerne jenen Kunsthistorikern überlasse, welche durch ihre Orna *) Der im 1. Bande dieser Zeitschrift S. 189 angezeigte Spezialkatalog der «Bäthory-Gruppe in der historischen Samm lung des Herrn L. v. Loziiiski» (als Manuskript gedruckt, Lemberg 1898), welchen mir der Besitzer der Sammlung in liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellt hat, erwähnt keine Klinge von ähnlicher Beschaffenheit. Waffen jener Zeit in ihren Sammlungen dazu be rufen sind. Das eine aber werden die Abbildungen (Fig. 4 u. 5) jedem zeigen, dass die auf einem der Berliner Bäthorysäbel eingeschlagene Marke Genoa gar nichts mit dem eingeätzten Frangia zu thun hat. Die Aetzung trifft an einer Stelle mit der einge schlagenen Marke Genoa zusammen und diese steht auf den beiden Klingenseiten an verschiedener Stelle, so dass sie auf der einen das längere vom Ansatz ausgehende geätzte Ornament, auf der andern hin gegen den weiter gegen die Spitze zu angebrachten Vogel berührt. Wäre das Einschlagen der Marke erst nach erfolgter Aetzung geschehen, so würde das Ornament geschont und die Stellung des Genoa so gewählt worden sein, dass es beiderseits in die Mitte zwischen die zwei geätzten Partien zu stehen käme. Da dies nicht der Fall ist, muss der Aetzer die Klinge bereits mit der Marke Genoa versehen in die Pland bekommen haben und das braucht keines wegs an dem Ort der Erzeugung (nach Ehrenthal also in Genua) sondern kann an jedem anderen Orte, wohin eben die Klingenhändler ihre Ware brachten, erfolgt sein. Das gemeinsame Auftreten von Genoa und Frangia auf der einen Klinge, das bei der im Zrinyschen Nachlassverzeichnis erwähnten framea cum ferro Fringiae-Genuae wahrscheinlich in ähn licher Weise entstanden sein dürfte, lässt sich also für die Deutung- des Wortes Fringia gar nicht verwenden. Was nun die beiden andern strittigen Klingen bezeichnungen, Genoa und die Sichelmarke, anbe langt, so gehen in Bezug auf die erstgenannte unsere Ansichten keineswegs so weit auseinander, als man nach P.’s Worten glauben könnte. Dass Genua eine namhafte Klingenindustrie bcsass, habe ich nicht geleugnet, sondern ausdrücklich zugegeben. Wenn also P. meint, es sei «völlig unerfindlich, warum die eingeschlagene Inschrift Genoa oder Genova auf Klingen von italienischem Typus etwas anderes bedeuten soll, als den Herkunftsort, nämlich die Stadt Genua in Italien», und wenn er weiter frägt: Was soll das Wort nur sonst besagen», so erwidere ich, dass auch nach meiner Ansicht das Wort nichts anderes bedeuten und besagen soll, als eben jene Stadt. Die Frage kann nur sein, inwie weit diese Herkunftsbezeichnung auch Glauben ver dient, welches ungefähr die Verhältniszahl der echten Genoaklingen zu den unter Beibehaltung jener In schrift an anderen Orten erzeugten Imitationen ist, und ob diese oder jene einzelne Klinge zu den echten oder zu den anderwärts nachgeahmten zu zählen sei. Das ist es, worin die Ansichten aus einander gehen. Würden wir nun unzweifelhafte Erkennungszeichen besitzen, um deutsches Fabrikat von italienischem zu unterscheiden, wie man nach P. annehmen müsste, so wäre die Hauptschwierig keit leicht beseitigt. Ich kann gegenüber den spärlichen Anhaltspunkten, welche in dieser Hin sicht angeführt wurden (den fein ausgezogenen Blut 7. Heft. Zeitschrift ftir historische Waffenkunde. 5 Fig. 6. Fig. 7 274 Zeitschrift für historische Waffenkunde. rinnen und der eigentümlichen Austeilung an jener II. Band. gegen Vermutung, so dass nicht einmal die von Stelle, wo der Rücken der Klinge in die zwei schneidige Feder übergeht) mit dem Hinweis auf die ausgezeichneten Worte antworten, mit welchen v. Ehrenthal seine Untersuchung über die genuesi schen Klingen eingeleitet hat. In voller Klarheit ist es dort (S. 25 dieses Bandes) ausgesprochen, dass «die besonderen Eigentümlichkeiten», welche die Klingen eines Landes aufzuweisen haben, keine unbedingt zuverlässige Handhabe zur Herkunfts bestimmung darbieten «weil fast alle in einem be stimmten Lande hergestellten Waffen, sobald sie Renommee und Beliebtheit gewonnen hatten, an anderen Orten sehr bald Nachahmung fanden und zwar häufig in solcher Vollkommenheit, dass die Imitationen von den Originalen kaum noch zu unter scheiden wären, wenn nicht in der Regel die Meister marke ihre Herkunft verriete». Fehlt es also an einer auf sichere Fährte führenden Meistermarke, dann kann aus dem Typus allein die Provenienz nicht mit Bestimmtheit erschlossen werden — oder, um auf den besonderen Fall zurückzukommen: Klingen von italienischem Typus, die mit Genoa bezeichnet sind, brauchen keineswegs in Genua oder in Italien überhaupt entstanden zu sein. Wer sich entschloss, die Marke, hier also den Namen der Stadt, an anderen Orten, genau oder auch in etwas abgeänderter F'orm des Wortes für seine Fabrikate anzuwenden, der kann es auch verstanden haben, ihnen das Aus sehen der Genuesischen Waffen zu geben. Dieses grössere oder geringere Vertrauen gegen über der eingeschlagenen Klingeninschrift ist es, worin ich von den Herren v. Ehrenthal und Dr. Petzsch ab weiche und ich glaube, dass die grösste Vorsicht in dieser Plinsicht deshalb geboten ist, weil nur das Zusammentreffen von Genoa und Sichcl maike den Ausgangspunkt für die Deutung der Sichelmarke als einer genuesischen Ortsmarke bildet. Sind jene Genoa-Klingen, auf denen zugleich die Sichel zu sehen ist, nicht echt genuesisches Er zeugnis, sondern Nachahmung, dann entfällt jeder Grund, die Sichel als genuesisches Zeichen anzu sprechen. Denn nur auf Grund ihres Zusammen treffens mit der Sichelmarkc hat v. Ehrenthal (oben S. 26) mehrere Zeichen, die bisher als bellunesisch, brescianisch und mailändisch galten, der Stadt Genua zugeschrieben. Nach Petzsch, S. 219, soll Boeheim die eine dieser Marken, die auf der «Wehr Kaiser Karls.IV.» vorkommt, als «vermutlich brescianisch» bezeichnet haben; in seinem Handbuch der Waffen kunde, S. 676, hat sie Boeheim jedoch einem «Belluneser Meister des 14. Jahrhunderts» zuge schrieben und auf Belluno wird sie auch noch in der 3. Auflage des Führers durch das historische Museum zu Dresden, S. 8, No. 30, bezogen. Cronau hingegen hat sie unbedenklich zu den Solinger Klingenzeichen gerechnet1) — also Vermutung Cronau, Geschichte der Solinger Klingenindusliie (Stuttgart 1885), Tafel I, Fig. 26. Petzsch gezogene Folgerung, «also italienisch», ge sichert erscheint. Die Beachtung der Marken wird ohne Zweifel stets eines der wichtigsten Hilfsmittel für alle auf die Flerkunftsbestimmung der Waffen gerichteten Bestrebungen bleiben. Aber sie allein genügt nicht. Mehr als irgend ein Produkt menschlichen Kunst f leisses trägt seit alters her die Waffe den Wander trieb in sich. Nicht nur der Handel, auch der Gebrauch selbst führt sie hinweg von ihrem Ent stehungsort in fremde Länder, und je mehr sie sich auf diesen Wegen siegreich die Welt erobert, um so mehr verlieren die Anzeichen des lokalen Ur sprungs ihre Beweiskraft. Nicht nur der Typus, auch die Marke selbst wird an fremden Orten nach geahmt. So sieht sich die historische Waffenkunde vor Schwierigkeiten und Täuschungen gestellt, die 1 auf andern Zweigen der Altertumsforschung nur in weit geringerem Maasse auftreten. Wahren Nutzen vermag daher die Feststellung der Waffenschmiede Marken nur dann zu bringen, wenn sich ihr schrift liche Quellen, Zunftbücher, in denen die Meister marken verzeichnet und mit Namen erklärt sind, Urkunden, durch welche ihr Gebrauch geregelt wird oder endlich Inventare und Rechnungen beigesellen, welche über die Waffen einer bestimmten Sammlung ausreichendes Licht verbreiten. Der hohe Wert der Inventare des historischen Museums zu Dresden, in welche ich selbst vor vier Jahren durch die Güte des Direktors v. Ehrenthal f lüchtigen Einblick nehmen durfte, soll nun keines wegs bestritten werden. Niemand weiss besser die Kostbarkeit solcher Verzeichnisse zu würdigen als derjenige, welcher bei der Durcharbeitung der eigenen Sammlung Schritt für Schritt den Mangel älterer Be glaubigung zu beklagen hat. Aber der Wert der Dresdener Inventare liegt doch zumeist darin, dass wir erfahren, wer diese oder jene Waffe getragen, dpreh wessen Schenkung sie in kurfürstlichen Besitz gekommen ist. In einigen Fällen reichen ihre An gaben wohl bis an den Erzeuger selbst hinauf, aber dies trifft gerade bei den hier in Betracht kommen den Waffen nicht zu. So gewinnen wir für drei der von P. (oben S. 218 f.) abgcbildeten und be sprochenen Klingen sehr schätzbare zeitliche Gren zen, aber nur in einem dieser drei Fälle lässt sich die Spur bis nach Italien zurück verfolgen; wo das von Popel v. Lobkowitz geschenkte Schwert und der von Fabian v. Schönaich getragene Säbel erzeugt sind, darüber besagen die Inventare nichts, über das wichtigste Stück, jenen Säbel, der auf der Klinge Genova und die Sichelmarke nebeneinander aufweist, bieten sie offenbar gar keinen Aufschluss und auch die Nachricht, dass die eine Waffe durch Carlo Teti aus Italien mitgebracht sei, würde an sich noch keineswegs beweisen, dass sie dort erzeugt sei. Diesen Dresdener Inventuren stehen die Verzeich nisse und Rechnungen des Landeszeughauses in Graz 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. im vorliegenden Fall als eine ungleich wichtigere 275 Handelt es sich also bei diesen 291 welschen Klingen Quelle gegenüber. P. hat nicht beachtet, dass die ältesten bekannten Grazer Inventare, jenes von 1568 und ein zweites, das um 1570 angelegt ist, gar keine blanken Waffen aufweisen, dass also die Anschaffung von Säbeln, Schwertern und Klingen aus Landesmitteln überhaupt erst in den Siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts begonnen zu haben scheint — eine Erscheinung, welche in dem Fehlen der blanken Waffen in anderen älteren Zeughaus inventaren ihr beglaubigendes Seitenstück findet.1) Hat nun die zu Anfang des Jahres 1578 erfolgte Uebertragung der Grenzverteidigung an Erzherzog Karl, den Regenten der innerösterreichischen Län der, eine neue Epoche des Wehrwesens in der Steier mark und ihren Nebenländern eingeleitet, so ge winnt die Annahme an Kraft, dass wir in den seit 1577 bekannten Zuwachsverzeichnissen des Landes zeughauses dessen vollständigen Bestand an blanken Waffen zu erblicken haben, und ist dem so, dann müssen die thatsächlich vorhandenen 367 Klingen mit Sichelmarke, wie ich schon gesagt, in Steier mark, Neustadt oder Passau erzeugt sein. P. meint nun freilich einen Ausweg gefunden zu haben, auf dem er die Beweiskraft dieser Schlussfolgerungen — welche für die Hypothese von der genuesischen Bedeutung der Sichel so gefährlich sind — abzu schwächen vermöchte. Er bemerkt gleich in den ersten Jahren unter den Eingängen im Landeszeug hause: '<291 wolhisch (welsche) Klingen, 327 Sabl auf Ungrisch, 265 wallisch Rappier und anderes? und nimmt an, dass diese Waffen steirische (oder öster reichische) Imitationen der fremden Typen gewesen seien. Bei den «Säbeln auf Ungrisch? trifft das gewiss zu, bei den 29X welschen Klingen aber nicht, denn es lässt sich bei der Identität der Zahl nicht bezweifeln, dass sie mit den 291 welschen Rapierklingen identisch sind, welche nach einer andern ausführlicheren Notiz von Lokatel in Gemona (Khlamaun), also von Friaul her eingeliefert wurden.2) *) Die Zeugbücher Kaiser Maximilians I. enthalten be kanntlich Geschütze und sonstige Feuerwaffen, dann Munition und Stangenwaffen, aber keinerlei Seitenwaffen. Auch die Rechnungen des kaiserl. Hauptzeugamtes von 1658 —1664 (im Besitz des Heeres-Museums) berücksichtigen die Seitenwaffen nicht. Ganz dasselbe Verhältnis lassen die von Uhlirü in den Berichten und Mitteilungen des Altertums-Vereines zu Wien, Bd. 27—31, veröffentlichten Auszüge aus den Kämmerei Rechnungen der Stadt Wien erkennen, welche von 1426 bis 1648 reichen und vom Herausgeber mit Notizen aus den Stadt büchern von 1396 bis 1430 ergänzt sind. Das Schwert gehört hier zu dem ständigen Besitz des einzelnen Bürgers, aber die Stadt findet zunächst kein Bedürfnis, einen Bestand an blanken Waffen in ihrem Zeughaus anzusammeln. Erst in den Sechziger und Siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts er scheinen Schlachtschwerter in städtischem Besitz; es waren wohl zumeist solche Stücke, die gelegentlich, etwa von durch ziehenden Landsknechten, zusammen mit anderen Waffen er worben wurden. 2) Die 291 wolhisch Klingen sollen allerdings 1579, die 291 welschen Rapierklingen aus Gemona schon 1578 ein geliefert sein. Aber wer die betreffenden Stellen bei Pichler um Rapierklingen, so ist ganz ausgeschlossen, dass dies die noch heute im Zeughaus vorhandenen Säbelklingen mit Genova und Sichelmarke wären, wie P. angenommen hat. Diese Säbelklingen müssen daher unter den in Steiermark, Neustadt oder Passau angeschafften gesucht werden und sie sind in den Rechnungen durchaus nicht als Imitationen italienischer Waffen gekennzeichnet. Dadurch und durch die von P. selbst nun neuerlich herangezogene Neustädter Sichelmarken-Klinge von 1587 gewinnen wir für die Deutung der Sichelmarke so festen Boden, dass dem gegenüber alle bisher zu Gunsten der genuesischen Herkunft dieses Zeichens ange führten Argumente gar nicht ins Gewicht fallen. Ich gehe nun nicht so weit, wie man nach P. ver muten könnte, dass ich deshalb alle mit der Sichel marke bezeichneten Klingen für steirisch oder neu städtisch halten würde, aber ich glaube im Recht zu sein, wenn ich aus dieser Sachlage die metho dische Folgerung ziehe, dass bei allen Klingen dieser Art in erster Linie an steirische (oder neustädter) Herkunft gedacht werden muss. Es mag Aus nahmen geben, die Forschung aber muss von dem sicheren Boden ausgehen und darf ihn nur dann verlassen, wenn zwingende Gründe dazu nötigen. Sicher aber ist nach dem Gesagten, dass die Sichelmarke in Steiermark oder Oesterreich ver breitet war; ob sie darüber hinaus auch vorkommt, das wird erst von Fall zu Fall erwiesen werden müssen. Diese Schlüsse werden durch die Besichtigung der im Grazer Zeughaus verwahrten Klingen kaum wesentlich erschüttert werden können. Trotzdem stehe auch ich nicht an, eine solche eingehendere Untersuchung des dort erhaltenen einschlägigen Materials und überhaupt eine Weiterführung der Forschungen, zu denen Professor Pichler und Graf Meran in so vortrefflicher Weise den Grund gelegt haben, als höchst wünschenswert, ja als eine der wichtigsten Vorbedingungen für ein erfolgreiches Studium der Kriegswaffen des 16. und 17. Jahr hunderts zu erklären. Es wird nicht viele Orte geben, an denen das unveränderte Fortbestehen einer Waffensammlung und die Erhaltung und wissen schaftliche Zugänglichkeit der auf die Sammlung bezüglichen Archivalien dem Forscher so günstige Resultate verheissen, wie es in Graz der Fall ist. Jene beiden Männer haben die Bahn gebrochen, S. io6f. aufmerksam liest, kann nicht verkennen, dass die erstangefiihrte nur eine Zusammenfassung der Erwerbungen von 1577—1579 bietet, welche sich (wenn sie genau wären) mit der Summe der weiter unten folgenden Detailposten aus jenen Jahren decken müsste. Solange also nicht auf Grund der Handschriften das Gegenteil erwiesen wird, müssen die 291 wolhisch Klingen als identisch mit den 291 Rapierklingen aus Gemona angesehen und muss die Verschiedenheit der Jahreszahl durch einen Fehler oder eine verschiedene Art der Rechnungsführung erklärt werden. 276 Zeitschrift für historische Waffenkunde. aber weder was die Beschreibung- der Waffen be II. Band. eifrig und erfolgreich bemühten steirischen Forschern trifft, noch in Bezug auf die zugehörigen schrift lichen Zeugnisse haben sie den Gegenstand erschöpft. Es wäre die schönste Frucht dieser Erörterungen, wenn sie den um ihre heimatliche Geschichte so Nachtrag zu: Die Fürstlich Radziwillsche Rüst kammer zu Nieswiez. Herr Ladislaus Ritter von Lo zinski in Lemberg hat die Freundlichkeit, uns mitzuteilen, dass im dortigen Rathausmuseum zwei Kanonenrohre bewahrt werden, wovon das eine neben der Jahreszahl 1534 die Inschrift trägt: «Lenart Hirt hat mich gossen >, während das andere Rohr mit der Jahres zahl 1529 und dem Monogramm L H gezeichnet ist. Ausserdem wird um diese Zeit in den Ratsakten ein Stückgiesser Lenart Herle, im Jahre 1549 in den Kon sulatsakten ein Leonardus pixidarius,1) d. i. Büchsen meister, im modernen Sinne etwa Artilleriechef, auf gefuhrt. Herr von Lozinski spricht nun die Meinung aus, dass der in Lemberg genannte Meister und der auf den beiden Geschützrohren in Nieswiez vorkommende Lenhard bezw. Lenhardt eine und dieselbe Person und dass die Worte «here» bezw. «hiere» (vgl. Heft 6, S. 221) als Verstümmelung des Familiennamens Hirt an zusehen seien. Wir stimmen dem verehrten Fachgenossen in Bezug auf den ersten Teil seiner Annahme unbedingt bei, was indes deren zweiten Teil anbetrifft, so wiesen wir darauf hin, dass die naive Bezeichnung «hier» au Stelle des Ortsnamens uns schon einigemal auf Gegen ständen aus jener Zeit vorgekommen ist, wie es denn auch keineswegs zu den Seltenheiten gehörte, dass Hand werker und Künstler ihre Werke nur mit dem Vornamen, der ihnen und ihren Mitbürgern geläufiger war als der Familienname, zeichnete. Indes hat ja auch die Meinung des Herrn von Lozinski, dass die Worte here, bezw. hiere, «Hirt» bedeuten sollten, wegen der Verwandt schaft der Laute manches für sich. — Der Name Hirt ist übrigens in der Geschichte der Waffenerzeugung des 16. Jahrhunderts bereits vertreten. Ein Arnold Hirt, der 1504 aus Nürnberg kam, war bis 1515 Stadtplattner in Leipzig. Auch eine Nürnberger Stückgiesserfamilie Hirder gab es, von welcher ein Sebaldus Hirder (t 1563) für den Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz arbeitete und es zu grossem Ansehen in seiner Kunst *) Von pix, Büchse; pixidarius bedeutet nacli Du Ca 11 ge: qui inacliinac bellicae, pixis nppcllatac, praeest. den Anlass geben würden, uns auf Grund der Schätze des Landeszeughauses und des Landes archivs in Graz eine umfassende Geschichte der steirischen Klingenindustrie zu schenken. brachte. Es erscheint daher nicht unmöglich, dass unser Lemberger Meister einer von diesen Familien entstammte,“) denn Nürnberger Waffenschmiede genossen damals einen Weltruf und fanden, wie zahlreiche Beispiele es darlegen, an anderen Orten unschwer lohnende Beschäftigung. M. v. E. Ein Nachwort zur Versteigerung der Waffen sammlung des Grafen Alfred Szirmay in Wien. Im Herzen Mitteleuropas gelegen, waren die Lande der österreichisch-ungarischen Monarchie seit Jahrhunderten so recht der Tummelplatz, auf welchem die Völker des Morgen- und Abendlandes den Kampf ums politische Dasein miteinander ausfochten. In die engen Thäler Noricums, in die Ebenen Pannoniens hatte der römische Legionär die Gesittung der antiken Welt verpflanzt, welche zarten Keime nur zu bald die bogenkundigen Reiter schwärme der Gottesgeissel zerstampfen sollten. Hier ver suchte unter Strömen Blutes der Krieger des fränkischen Heerbannes dem Christengotte eine neue Heimstätte zu bereiten; durch das Donauthal wälzten sich später jene Scharen hin, welche im gelobten Lande die himmlische Seeligkeit sich zu erstreiten hofften und auf ihrem langen Wege nur Not und Enttäuschung fanden. Auf der Ost mark Boden erlag mongolische List bajuvarischer Schwer fälligkeit. Und wieder verging Jahr und Tag, als sich dort unten, wo die Donau die ungarische Tiefebene ver lässt, finsteres Gewölk zusammenballte, drohend und un heilschwanger: Der Osraane hatte den Weg über den Balkan herüber gefunden und fast zweihundert Jahre lang sollte Ofen den Vorort von Stambul bilden. Aber aus Qualm und Feuerglast, aus dem Schutte geborstener Mauern sehen wir die Geister jener Helden von Erlau, Raab und Szigetv.ir emporsteigen, welche freudig für Pflicht und Wafifenehre starben, und meteorgleich streben vor unseren Augen die trotzigen Magnaten empor, 11m deren Personen schon bei Lebzeiten Frau Sage ihre bunten Fäden spann, von deren selbstbewusstem Stolze noch heute des Zigeuners Fiedel zum Volke spricht. Von den Alpen bis nach Zenta und Belgrad trug siegreich der «Edle Ritter» die kaiserlichen Fahnen, und wie gut die Fäuste ergrimmter Bergbauern zu zausen verstehen, das spürte mehr als einmal der gallische Hahn. Es ist begreiflich, dass sich auf einem an kriegeri schen Erinnerungen so überaus reichen Gebiete auch Bei den vielfachen handeis- lind kunstgeschichtlichen Beziehungen Nürnbergs zu jenen östlichen Städten — nament lich Krakau ist hier zu nennen — gewinnt diese Annahme sehr an Wahrscheinlichkeit. Die Schriftleitung. 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. ein ansehnlicher Besitz an Waffen aus alter Zeit her er 2 77 z. B. Dschungeldolch, für ein dem nordwestlichen Afrika halten haben müsse. Wir finden auch in der That noch in zahlreichen Edelsitzen mehr oder weniger gut erhaltene, aber fast der Vergessenheit anheimgefallene Reste ehe maliger Rüstkammern vor. Ganz besonders in Ungarn, diesem Kriegstheater par excellence, stossen wir auf einen reichen Besitz meist aus der Türkenzeit herrührender Waffen, welcher über die vielen Schlösser des Landes zerstreut ist. Auch die in dem Kastelle zu Szirma-Bessenyö auf bewahrte Waffensammlung des gräflichen Hauses Szirmay dankt ihr Entstehen keineswegs lediglich der Liebhaberei an Antiquitäten; sie gebar das eiserne Muss, die Not wendigkeit, das Haus in unruhigen, kriegerischen Zeit läuften in eine feste, wohlbewehrte Burg zu verwandeln. Den Grundstock dieser reichhaltigen, mehr als 6oo Num mern zählenden Sammlung machte eine Anzahl histori scher, meist nationaler Waffen aus, welche wohl eng mit der Familiengeschichte Derer v. Szirmay verwachsen sind. Der letzte Eigentümer dieser ererbten Waffen war jedoch auch ein eifriger Sammler, dessen Streben dahin ging, die auf seinem Stammschlosse aufgespeicherten Kriegs geräte aus alter Zeit durch Ankäufe zu vermehren, den Wohnräumen durch des Anbringen von dekorativem Waffenschmuck den Charakter einer vornehmen Lebens führung aufzudrücken. Diesem Streben entsprach auch die Physiognomie der Sammlung. Neben Seltenheiten ersten Ranges fand sich auch manche allerdings gut ausgeführte Nachbildung einer tüchtigenPlattnerarbeit vor; kulturgeschichtlich hohes Interesse boten die Harnische magyarisch-polnischen Charakters. Gute und mannigfaltige Formen wies die Gruppe der blanken Waffen auf, deren Marken auf an gesehene Werkstätten in Deutschland, Italien und Spanien hindeuteten Die Bedeutung origineller Curiosa besassen die Kindersäbel. Das Sprichwort «Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen» bewahrheitet sich auch auf dem ernsten Felde der Waffenhistorik; .und so wie man einst für halbwüchsige Prinzen Harnische schlug, ebenso stolzierten die Sprösslinge prunksüchtiger Magnaten des Theresianischen und Josefinischen Zeitalters bei festlichen Gelegenheiten mit Krummsäbeln an der Seite im Eltern hause einher. Die reiche Kollektion von Schlagwaffen der verschiedensten Gattung machte Sammlern die Aus wahl schwierig; das gleiche galt von den Feuerwaffen, von denen viele, sei es vermöge ihrer künstlerischen Aus stattung, sei es wegen ihrer Bauart, die Aufmerksamkeit des Kenners in hohem Grade in Anspruch nahmen. Wie es bei einer auf dem Boden Ungarns entstan denen Waffensammlung wohl nicht anders möglich ist, waren die orientalischen Waffen in derselben sehr zahl reich vertreten. Wenn auch freilich in dieser Gruppe sich so manches als moderne Bazarware charakterisierte, so muss vieles andere als recht gute Arbeiten bezeichnet werden. Insbesondere seien hervorgehoben das alttürkische Maschenpanzerhemd, der mit wunderbar zart stilisierter Ornamentik geschmackvoll verzierte tscherkessische Helm und Rundschild, die Bogen, die prächtig tauschierten Klingen an persischen Dolchen (PaM) wie an Handjars. Was den Katalog anbelangt, so hatte sich bei dessen Herstellung die rührige Kunsthandlung E. Hirschler & Comp., welche die Versteigerung besorgte, ersichtlich alle Mühe gegeben. Der Text des Kataloges verriet es zwar an einigen Stellen, dass der alte Fabulist Demmin dabei Pate gewesen sei; auch muteten einige Namengebungen, angehörendes Dolchmesser recht romantisch an: Doch das sind Kleinigkeiten, Welche gegenüber den Vorzügen des Kataloges ernstlich wohl kaum in Betracht kommen. Als solche Vorzüge möchte der Unterzeichnete neben der splendiden Ausstattung des Kataloges auch die Gewissen haftigkeit anerkennend hervorheben, welcher sich die Kunsthandlung bei der Altersbestimmung der einzelnen Objekte befleissigte. Musste leider auch von der Wieder gabe der für den fachlich geschulten Waffenhistoriker so überaus wichtigen Meistermarken aus technischen Grün den — ein Ungefähr hatte die Abdrücke unbrauchbar gemacht — abgesehen werden, so brachten die sechs Lichtdrucktafeln und zahlreiche in den Text eingeschaltete Abbildungen die vorzüglichsten Objekte in mustergültiger, auch das kleinste Detail berücksichtigender Weise zur Anschauung. Einem jeden, der überhaupt zu lesen ver steht, wird jedoch noch ein zweiter Vorzug dieses Ka taloges angenehm aufgefallen sein: Ich meine dessen ehrliche Offenheit. Es ist dieses umsomehr anzuerkennen, als ja gerade bei einer so reichhaltigen, so vieles Echte bergenden, von einem altadeligen Namen gedeckten Samm lung die Versuchung so lockend nahe lag, alles für alt und echt auszugeben. Dadurch, dass die Firma Hirschler es jedoch verschmähte, derlei Praktiken anzuwenden, gab sie anderen Kunsthändlern ein recht beherzigenswertes Beispiel nobler Denkungsweise. Im Interesse der Waffensammler wollen wir endlich noch einen Blick auf die erzielten Preise werfen. Für Harnische wurden bezahlt: 580 (i)1), 820 (2), je 350 (3 und 4), 650 (5), 920 (15) Gulden; die magyarisch-sarma tischen halben Harnische brachten 140, 205, 95, 295 Gul den, ein türkisches Kettenhemd (30) 86 Gulden ein. Der angestaunte Topfhelm (34), eine Waffenzier oder ein Totenhelm, wurde um 4000, ein ausserordentlich schöner tscherkessischer Helm (59) um 170, ein ebensolcher Rund schild (69) um 41 Gulden losgeschlagen. Die Angebote für Bihänder (117 bis 119) bewegten sich zwischen 202 und 55, diejenigen für ungarische Prunksäbel (169, 174) zwi schen 71 und 66 Gulden, wogegen die Kindersäbel (177 bis 178, 179, 180) mit 23, 12 und 15 bewertet wurden. Das durch seine saubere Arbeit ausgezeichnete Bajonett (202) brachte 56, die orientalischen Blankwaffen u. z. (206, 207, 211, 212) 42, 17, 61, 32 Gulden ein. Der Zufall wollte es, dass eine ganz einfache persische Dolchklinge (215) einem Käufer 18, dagegen ein mit wunderbarer Goldtausia be decktes Messerchen (219) nur 11 Gulden wert erschien, während der Panzerstecher (225) mit 81, ein mit einer Klinge von Tomaso Aiala ausgestattetes Rappier (227) mit 74 Gulden bezahlt wurde. Die Armbrüste (376, 377 und 378) gingen um 80, 15, 23, Radschlossgewehre (396, 402, 403, 404) um 260, 252, 160 und no, ein Trombon (408) um 100 Gulden weg. Das Pferdegeschirr (528 bis 530) trug 610, 100 und 172 Gulden. Dr. Potier. Waffenpreise. Zur Orientierung der Leser unserer Zeitschrift seien hier einige Preise angeführt, welche ge legentlich einer in Wien stattgefundenen Feilbietung für alte Waffen erzielt wurden. Ein halber Harnisch wurde mit 200 Kronen, ein Harnischrücken mit 72 Kr., ein reich geätzter und vergoldeter Morion mit 520 Kr., ein anderer ') Die eingeklammerten Zahlen entsprechen den Num mern im Auktionskatalogc. 278 Zeitschrift für historische Waffenkunde. einfacherer mit 90 Kr., drei österreichische Sturmhauben II. Band. Für einen Dolch, dessen Klinge feine Giftzüge durch mit 72 Kr. bezahlt. Gotische Schwerter wurden für 52 und 102 Kr., italienische für 98 und 196 Kr., ein Richtschwert für 64 Kr. losgeschlagen; die Preise für Degen bewegten sich zwischen ro und 242 Kr., während eine Karabela 60 Kr., ein goldtauschierter türkischer Säbel 80 Kr., ein Hirschfänger mit Schiessvorrichtung 92 Kr. einbrachte. Antwort auf Frage 2: Die vorliegende Feuerwaffe lässt ein Konstruktions-Prinzip erkennen, welches bereits in Konrad Kyesers Bellifortis in verschiedener Form in An wendung gebracht erscheint. Dasselbe zeigt das prak tische Bestreben, durch Nebeneinanderlegen geladener Läufe (Büchsen) im Falle der Notwendigkeit ein schnelleres Feuer abgeben zu können. Von den in Kyesers «Bellifortis» dargestellten Konstruk tionen seien erwähnt: No. 1 fol. 109 a, hat sechs kurze, gleiche, offenbar nur für Bleikugeln eingerichtete Läufe, welche mittels eines Eisen bandes an der Aussenseite eines Holzcylinders befestigt sind. No. 2 fol. 108b, zeigt drei verschieden grosse Läufe, welche ohne Holz-, sondern nur mit Metaliverbindung mit einander vereinigt sind; das mittlere grosse Rohr war für Steinkugeln bestimmt. Die beigefügten Erklärungen lauten: No. 1. «Contus iile magnus pyxidum sex stat revolvendus, Emissa prima redit altera demum secuta Decipiuntur hostes, post primam non timent ttllam.» No. 2. «Similiter prima det vocem, statim sinistra Demum lapis magnus inimicis repente nocebit.» Vergleicht man dieses Konstruktions-Prinzip mit der vor liegenden Waffe, so zeigt dieselbe die Vereinigung mehrerer kleiner und gleicher Läufe wie bei No. 1, und weiter die Metallverbindung wie bei No. 2. Nachdem dieses Konstruktions-Prinzip im 15. Jahrhundert, wie die Darstellungen aus den Feuerwerksbüchern lehren, allgemein bekannt war, so liegt es nahe, dass derartige Feuerwaffen in verschiedener Grösse versuchsweise ange fertigt wurden; der praktische Erfolg entschied, ob die neue Waffe nur ein vereinzelter Versuch bleiben sollte, oder ob aus derselben in weiterer Folge eine brauchbare Kriegswaffe sich entwickeln konnte. Die langsame Ladeweise der Handfeuerwaffen im 15. und 16. Jahrhundert liess ferner das Bedürfnis nach kleinen Feuerwaffen entstehen, welche noch kurz vor dem Hand gemenge abgeschossen werden sollten, deren wirksame Schussweite daher nicht viel weiter als Spiesslänge zu sein brauchte, und welche infolgedessen in Ausmass und Gewicht kleiner als die Handbüchsen sein konnten. Eine Abbildung im Cod. germ. 734 der kgl. Hof- und Staats-Bibliothek in München (1460—1470) zeigt die Ver zogen, wurden 80 Kr., für persische Dolchmesser (Bit sc'nak) mit Damascenerklingen 58 Kr., für einen schönen Kinschal 40 Kr. gegeben. Helmbarten brachten, bis auf eine Trabantenhelmbarte (244 Kr.), 22 bis 42 Kr. ein. Dr. Potier. wendung derartiger kleiner Handfeuerwaffen; das Gewicht ist nur so gross, dass der Reiter dieselbe mit ausgestrecktem Arm abfeuern konnte; die Schussentfernung beträgt augen scheinlich nur einige Schritte. Massgebend für die Grösse und Schwere dieser Feuer waffen wird somit die Kraft der Hand, der Faust, aus welchem Grunde dieselben in späterer Zeit, zur Unterscheidung von den Handbüchsen und nach der Art der Handhabung «Faust büchsen» oder «Fäusterling» genannt werden. Das Inventar von Landshut vom Jahre 1497 erwähnt schon einfache und zweifache Faustblichsen. Die vorliegende Waffe hat ein Gewicht von 2,85 kg, ist eine mehrläufige Handbüchse, welche dem Gewichte nach als Faustbüchse bezeichnet werden kann, da deren Handhabung auch aus freier Faust, mit einer Hand, möglich war. Die Länge des Laufes beträgt 85 mm, das Kaliber 15 mm, die dazu gehörige Bleikugel hatte somit ein Gewicht von 0,018 kg. Kaliber und Geschossgewicht entsprechen den bei den kleinsten Handbüchsen üblichen Aussmassen. Der Lauf ist für diese Zeit, in welcher die Faustbüchsen aufkommen und sich entwickeln, auffallend kurz; allein in folge der kleinen Schussentfernung benötigte man keine Führung des Geschosses und eine Verlängerung des Laufes ohne zwingende Notwendigkeit hätte nur das Gewicht der Waffe ver grössert und die eigentliche Kriegs bestimmung der Waffe wieder verschoben. Das Verhältnis vom Kaliber zur Länge der Seele ist ähnlich dem bei den ersten Feuer waffen ; wurde nun die Seele, wie bei diesen, 3/s der ganzen Länge mitPulver gefüllt, so erhielt man einen Pulvercylinder von 50mm Höhe und 15 mm Durchmesser, auf welchen die Bleikugel fest aufgesetzt wurde. Diese Pulverladung vermochte zweifei 7. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. los das Geschoss auf die angegebene kurze Entfernung mit 279 weissgekalkten Lederbandolieren getragene, cylindrische der notwendigen Kraft abzuschiessen, um einen Menschen oder ein Pferd empfindlich zu verletzen. Die-Entzündung musste, da eine Entzündungsvorrichtung fehlt, aus freier Hand mittels Lunte oder mittels eines bren nenden Holzspans bewirkt werden. Die vier Läufe werden durch drei Ringe zusammen gehalten, welche ursprünglich sehr wahrscheinlich im glühen den Zustande aufgesetzt wurden; ein Verfahren, welches in ähnlicher Weise auch bei grösseren Hand- und Hakenbüchsen üblich war. Die Läufe endigen nach rückwärts gemeinsam in eine Tülle, welche im 15. Jahrhundert sehr häufig vorkommt; in diese Tülle wurde der «tangenartige Schaft eingesteckt, das umgebogene Ende der Tülle lässt annehmen, dass der Schaft stärker und vorne zugespitzt war. Die Handhabung kann man sich derart vorstellen, dass die Waffe mit einer Hand in gerader Richtung auf das Ziel gehalten und mit der anderen Hand entzündet wurde; sollte der zweite Schuss abgefeuert werden, so musste die Waffe so weit um die Längsachse gedreht werden, bis der nächste Lauf nach oben zu liegen kam. Man konnte daher mit dieser Feuerwaffe vier Schüsse nacheinander abgeben. Die vorliegende Waffe zeigt in der ganzen Konstruktion nur bekannte und thatsächlich verwertete Prinzipien; dieselbe ist eine mehrläufige Faustbüchse, welche sich später zum Drehling und schliesslich zum Revolver entwickelte, als ur sprünglicher Versuch bleibt die Waffe in ihrer Einfachheit hochinteressant. Die Zeit der Anfertigung dürfte mit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts annähernd richtig angegeben sein. Es muss schliesslich bemerkt werden, dass Oberst M. Thierbach in seinem Werke «Die geschichtliche Ent wickelung der Handfeuerwaffen», Dresden 1888, p. 438 und 439 wie folgt schreibt: «Zuweilen kam es auch, besonders bei Pistolen, vor, dass drei, vier und mehr Läufe bündelartig zusammengefasst waren, so dass dem Schützen mehrere Schüsse hinter einander, je nach der Anzahl der Läufe, zu Gebote standen .... «Im Nationalmuseum zu München ist ein derartiges Pistol erhalten.» S. Frage 5: Unter den im «corps de logis» des 1. Stock werks im herzoglichen Residenzschlosse zu Gotha aufgestellten und als Wandschmuck aufgehangenen alten Waffen, Feld zeichen und Ausrüstungsstücken finden sich zwei von breiten, Messingblechbüchsen, deren ursprüngliche Bestimmung zwei felhaft ist. Das «Inventar» des Schlossverwalters bezeichnete sie — jedenfalls irrtümlich — als Proviantbtichsen. Eine Anzahl (angeblich 20—30) gleichartiger, weniger gut er haltener Stücke ist bei Räumung des sogenannten Zeughauses im Gothaer Schlosse der Waffensammlung auf der Wachsen burg überwiesen worden. — Untenstehende Skizze veran schaulicht ein solches, innen durch Metallwand in zwei un gleiche Abteilungen geschiedenes Gefäss mit Tragriemen in Vorder- und Seitenansicht und den zweiteiligen, in gemein samem Scharnier beweglichen Messingdeckel von oben ge sehen. Die Büchse misst vom Deckel zum Boden 37,5 cm, im Durchmesser 7,5 cm; das Bandolier ist bis etwa 1,30 m Traglänge (vom Aufhängpunkte bis zum Biichsenboden ge messen) zu verschnallen. Zum Ausschütten des Inhalts im vorderen, kleineren Hohlraume dient eine durch entsprechende Umkröpfung am Deckel geschützte Kannenschnauze. Die Cylinder-Aussenfläche zeigt vier zur Tragriemenbefestigung bestimmte Metallösen und das in dieser Ausführung wohl spätestens 1750 gestanzte herzoglich sächsische Wappen. An dem mittels breiter Gurtschnalle nach der Grösse des Trägers zu bemessenden Bandolier sind aussen zwei Schlaufen und zugehörige Schlaufenschuhe festgestochen. Den' Gebrauch der von Schlaufen und Schuhen gehaltenen, augenscheinlich stabartig gewesenen (fehlenden) Zubehörstücke gestattet ein zu ihrer Befestigung bestimmter, im Bandolier innen ange stochener, schmaler Riemen. Die Anstichstelle war aussen durch eine (verlorene) Metallplatte verdeckt. Ich halte die Büchsen für Geschtitzzubehörstiicke und finde die Bestätigung dieser Annahme in Material bestandlisten des ehemaligen Zeughauses im herzogl. Ge heimen Haus und Staatsarchive zu Gotha In diesen zu verschiedenen Zeiten aufgenommenen und nachgetragenen «In ventarien» sind « Brändch enb iichsen », später «Lichter f laschen» in grösserer Zahl gebucht, die offenbar artille ristischen Zwecken dienten und meines Erachtens mit den geschilderten Büchsen identisch sind. Der Vorderraum mit Schnauze dürfte zur Aufnahme und zum Aufschütten des Ziindpulvers («Krauts») auf die Ziindpfanne, der Hinterraum zum handlichen Mitfiihren der in etwa 38 cm Länge ge bräuchlich gewesenen, mit zähbrennendem Satze ausge schlagenen Ztindlichte bestimmt gewesen sein. Am schwachen Riemen und in den Bandolierösen etc. mag der metallene Ziindlochräumer (die «Raumnadel»), vielleicht auch eine die Hand des Kanoniers vor Verbrennen schützende «Lichter zange» getragen worden sein. — Die fürstlichen «Kon 37 II. Band, 280 Zeitschrift für historische Waffenkunde. stabler», deren für die artilleristischen Anschauungen ihrer Zeit überaus bezeichnende Instruktionen das Gothaer Archiv uns gleichfalls erhalten hat, wurden häufig zur Kunst und Lustfeuerwerkerei herangezogen. Auch hierbei können sie sich der Lichterflaschen bedient haben. Die verhältnis mässig grosse Zahl und äussere Form der Büchsen spricht aber für deren in erster Linie militärische Bestimmung. — Gleiche oder ähnliche Ausrüstungsstücke sind, nach den bis her angestellten Ermittelungen, weder in den Berliner, noch Dresdener königlichen Sammlungen enthalten. Um so wert voller erscheint mir die entgtiltige Beantwortung der auf geworfenen Frage. . L—r. Antwort auf Frage 5: Die Ansicht des Herrn Frage stellers, dass es sich hier um ein artilleristisches Zubehör stück handelt, dürfte zutreffend sein. Mit Rücksicht auf die ganze Anordnung, des breiten, bandolierartigen Riemens, der um die Büchse vollständig herumgreift, ferner im Hinblick auf das als Zierrat hervortretende Wappen, kann man das Stück als Bestandteil der Uniform und Ausrüstung eines Kanoniers bezeichnen. Zugleich zeigt der weit Ubergreifende Deckel, dass der Inhalt nicht nur bei der augenblicklichen Verwendung des Gerätes, sondern dauernd vor Feuchtigkeit geschützt werden sollte. Die Schlaufen und Schlaufenschuhe fügen sich als Aufbewahrungsstellen für die Kartuschnadel und den ZUndlochauftreiber dieser Erklärung zwanglos ein, der dünne Riemen kann sehr gut zur Befestigung der häufiger gebrauchten dieser beiden Nadeln gedient haben. Was nun den vermuteten Inhalt der Büchse anlangt, so weist die an der vorderen Abteilung angebrachte Kannenschnauze mit Bestimmtheit auf eine flüssige oder staubförmige Substanz hin, die in dünnem Strahl auf einen bestimmten Punkt ge schüttet werden sollte, und es liegt nahe, hier an das Auf schütten des Pulvers auf die ZUndpfanne eines Geschützes zu denken. Gerade zu Beginn des 18. Jahrhunderts kamen besonders an schweren Geschützen die langgestreckten Ziind pfannen auf, bei welchen die eigentliche, das Zündloch um gebende Pfanne durch eine Rinne mit einer zweiten ver bunden war, in der wahrscheinlich die Zündung erfolgte. Man kann wohl annehmen, dass das «Ziindkraut» in solchem Falle aus langsamer brennendem Satz bestand, so dass der abfeuernde Kanonier Zeit hatte, beiseite zu springen, bevor der Schuss losging. Zum Füllen dieser Pfanne eignete sich die Kannenschnauze sehr gut, weniger dagegen zum Ein räumen des Pulvers in das Zündloch, auch dürfte die Trage weise der Büchse an einem breiten Riemen mit nach seit wärts zeigender Schnauze dem Verwendungszweck wenig dienlich gewesen sein. Eine Zündkrautbüchse in dieser Ge stalt ist jedenfalls ungewöhnlich, die gewöhnliche Form ist die einer kleinen Flasche oder Büchse mit Ausflussröhrchen, an einem dünnen Riemen zu tragen. Setzt man für den vorderen Teil der Büchse einen staub förmigen Inhalt voraus, so muss die hintere Hälfte mit Not wendigkeit zur Aufnahme stabförmiger Gebilde von der Länge der Büchse gedient haben, die sich ohne Kippen der letzteren herausholen Hessen, da sonst der Inhalt der anderen Ab teilung trotz des Deckels verschüttet worden wäre. Dass dieses «Ziindlichte» gewesen, ist nicht unwahrscheinlich, in dessen ist die Verwendung derselben bei der Geschütz bedienung in jener Zeit (erste Hälfte des 18. Jahrhunderts) noch nicht verbürgt. Bei der preussischen Artillerie waren Ziindlichte noch um 1860 im Gebrauche und dienten, nament lich bei Regenwetter, an Stelle der Lunte zur Erreichung einer sicheren und raschen Entzündung von Geschützen, sowie von Feuerwerkskörpern. Nach «Oelze, Lehrbuch der Artillerie» (1856) waren es 15 Zoll lange, 0,6 Zoll starke, mit besonders langsam brennendem Satz vollgeschlagene Papierhülsen, sie mussten mit 2—3 Zoll langer Flamme 12 bis 13 Minuten brennen und durften durch Schnee und Regen nicht verlöscht werden. Nur bei sehr schnellem Feuer brauchte man bei jedem Geschütz ein brennendes Licht, sonst konnten mit einem Licht vier Geschütze nacheinander abgefeuert werden. Das ZUndlicht steckte dabei in einer Klemme, die aus einem aufgeschlitzten Rohr mit Schiebering bestand und an einem Stock befestigt war. Dass eine solche Klemme in den Schlaufen des Bandoliers getragen wurde, ist kaum anzunehmen. Unter dem äusserst zahlreichen Ge schützzubehör, welches Oelze aufführt, befindet sich kein Behältnis für Zündlichte, dieselben wurden also jedenfalls fin den immerhin nicht häufigen Fall der Benutzung in der Protze mitgeführt. Es muss daher auffallen, dass in früherer Zeit eine als ständiges Ausrüstungsstück dienende Zündlichter btichse mitgeführt worden sein soll. Denkbar ist auch der Fall, dass die hintere Abteilung der Büchse zur Aufbewahrung der Lunte diente, diselbe hätte sich mit Hilfe der Kartuschnadel noch immer leicht genug herausheben lassen, ohne die Büchse zu kippen. Ob dieses der Fall gewesen ist, könnte eine weitere Untersuchung der Büchse lehren. Die tiefen engen Hohlräume derselben lassen sich offenbar nur sehr schwer und unvollkommen reinigen, der einstige Inhalt derselben hat also wahrscheinlich dauernde Spuren darin zurückgelassen. War der vordere Teil der Büchse thatsächlich für Pulver bestimmt, so müssen die Wan dungen desselben mit schwarzem Schwefelkupfer .-bedeckt sein, das durch die Anwesenheit des im Messing enthaltenen Zinks einen Stich ins Grüne erhält. Kupfer pflegt nämlich in Berührung mit Schwarzpulver keinen Grünspan, sondern Schwefelkupfer zu bilden, alte, in Pulverfabriken und Labo ratorien viele Jahre gebrauchte Gefässe und Trichter aus Kupfer oder Messing besitzen eine prachtvolle schwarzbraune bezw. dunkelgrüne Patina von Schwefelkupfer. Hat dagegen die andere Hälfte der Büchse zur Mitftihrung der Lunte ge dient, so muss sich in derselben notwendig Grünspan gebildet haben, da die Lunte seit alter Zeit aus einem mit Bleizucker (essigsaurem Bleioxyd) getränkten Hanfstrick bestand und das Kupfer in Berührung mit derselben sich allmählich zu essigsaurem Kupfer (Grünspan) umwandelt. Wenn auch viele Punkte für die Annahme sprechen, dass diese Büchse eine Ztindkraut- und Lichterflasche gewesen, so machen doch die erwähnten Bedenken allgemeinerer Natur eine weitere Aufklärung recht wünschenswert. P. R. Nachwort. Den in der Antwort gegebenen dankens werten Anregungen folgend, habe ich die mir zugänglichen beiden Büchsen nochmals besichtigt und den aus den vor deren Hohlräumen geschütteten Staub chemisch untersuchen lassen. Das Gutachten des Herrn Dr. Sänger (Vorstand des chemischen Laboratoriums in Gotha) bestätigt die Annahme in Frage und Antwort. Es lautet: «Die mir übergebene Probe Staub aus einem Ausrüstungsstücke habe ich unter sucht und bei der Prüfung eine schwache, aber deutliche Reaktion auf Schwefel erhalten.» — In der besterhaltenen beider Büchsen ist der hintere Hohlraum (wohl zur sicheren Lagerung der Zündlichte oder Lunte, um Reibung an der Metallwand und Eindringen von Pulverstaub aus dem Neben raume zu verhüten) mit weissgarem Leder ausgeschlagen. — Jedenfalls infolge häufiger Reinigungen seit dem Gebrauche ist eine «Patina» im vorderen Raume nicht wahrzunehmen. Die Grünspanbildung im Hinterraume wurde durch den Leder ausschlag ausgeschlossen. — Wenn nach all dem Angeführten die in der Frage ausgesprochene Annahme an Wahrschein lichkeit gewinnt, bleiben gefällige Aeusserungen von be rufener Seite zu erbitten. L—r. 7- Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde 28l ein reichverziertes Geschützrohr, auf dem sich eine Inschrift in portugiesischer Sprache befindet des Inhalts: «Luis de Melo Sampajo iiess mich giessen zur Zeit da er Generalresident für China war. December 1679.» Melo war von 1696 bis 1699 portugiesischer Gouverneur von Ostafrika. Am hinteren Teil des Rohres befindet sich ein Wappen in Relief, in der Ausführung massig, nämlich ein durch ein lothringisches Kreuz geteilter Schild, das Kreuz begleitet von sechs Ringen. Auf dem Helm ein unheraldischer, sitzender Adler. Das Wappen Seine Königl. Hoheit der Grossherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar hat die Gnade gehabt, wie sein verstorbener Grossvater, der Grossherzog Karl Alexander, die Würde eines Ehrenvorstandes des Vereins anzunehmen. Dem Vereine neu beigetreten sind seit der Druck legung des Mitglieder-Verzeichnisses: v. Bredow, Rittmeister. Ehrenbreitstein, Villa Maria. Gretschel, Heinrich Oskar Theodor Julius, Hauptmann und Kompagnie-Chef im 9. königl. sächs. Infanterie-Reg. No. 133. Zwickau. Honig, August, Kaufmann und Fabrikbesitzer. Königsberg, Preussen. Pechwell, Alfred Julius Alexander, Leutnant im 9. kgl. sächs. Infanterie-Reg. No. 133. Zwickau, Ostkaserne. Teistler, Horst Rudolph, Oberleutnant und Regiments Adjutant im 9. königl. sächs. Infanterie-Regiment No. 133. Zwickau, Stiftstrasse 15 I. v. Preradovic, Dusan, k. u. k. Fregattenkapitän. Pola, San Plycarpo No. 192. Trapp, Leutnant im Infanterie-Regiment No. 176, komman diert zur Gewehr-Priitungs-Kommission. Spandau, Plantage 16. Winterhalter, Cesar, Architekt. Strassburg i. Eis., Kalbsgasse. Zwicker, Leutnant im 13. königl. sächs. Infanterie-Regiment No, 178, kommandiert zum Bezirkskommando Freiberg i. S. Freiberg i. S., Fischerstrasse 29I. Das Tiroler Landesmuseum „Ferdinandeum“ in Innsbruck. S. Kais. u. Kgl. Hoheit, der hochwürdigste Herr Erz herzog Eugen wurde zum General der Kavallerie ernannt. Dem zweiten Schriftführer des Vereins, Herrn Max von Ehrenthal, Direktor des königl. historischen Museums und der königl. Gewebrgallerie zu Dresden, ist von Sr. Majestät dem König von Sachsen der Charakter als Major verliehen worden. Unser Mitglied, Herr Dr. W. Erben, Konservator des k. u. k. Heeresmuseums in Wien, ist von der philosophischen Fakultät der Universität Wien als Dozent für österreichische Geschichte zugelassen worden und hat vom Unterrichts ministerium die Bestätigung in dieser Eigenschaft erhalten. Am 13. April, um 12 Uhr, folgten die Berliner Mitglieder des Vereins einer Einladung des Herrn ersten Vorsitzenden, Generalleutnants von Usedom, Excellenz, Kommandanten des königl. Zeughauses, zur Besichtigung der Neuerwerbungen dieser Sammlung im vergangenen Jahre. Seine Excellenz hatte die Güte, die Führung selbst zu übernehmen. Aus der reichen Zahl der ausgestellten Neuerwerbungen heben wir nur die besonders interessanten und schönen Stücke hervor. Vor allem fiel in die Augen ein Bronzerohr aus Deutsch-Ostafrika, dort aufgefunden und dem Zeughause über wiesen vom kaiserlichen Gouverneur von Liebert. Es ist wurde von dem Berichterstatter leicht als das Familienwappen des Gouverneurs bestimmt. Weiter sind zwei Schwerter her vorzuheben, das eine aus dem 13. bis 14. Jahrhundert mit schwerem, scheibenförmigen Eisenknauf nebst Nietspitze und kurzer gerader Parierstange, im .Hohlschliff eine silbertau schierte Inschrift, das andere mit scheibenförmigem Bronze knauf und gerader Parierstange, aus dem 14. Jahrhundert. Das letztere ist in Charlottenburg gefunden. Ein sehr schönes Stück ist ein wohlerhaltenes. Panzer hemd aus dem 15. bis 16. Jahrhundert mit in Messing ge löteten Ringen. Die Augen aller Anwesenden zog auf sich ein orientali scher Dolch mit höchst kunstvoll gearbeitetem in Gold tau schiertem Griff aus Kupfer und reicher, jedoch späterer Klinge. Der Griff stellt einen Drachen- oder Löwenkopf dar. Dicht unter dem Griff befindet sich auf der Vorderseite der Klinge eine Inschrift in orientalischen Schriftzügen. Eine interessante Büchse von Joh. Andreas Kuchenreiter (Regensburg 1760 bis 1780), sogenannter «Wender» mit zwei Läufen verschiedenen Kalibers, eine Radschloss-Revolver pistole von 1694 mit drei um eine Axe drehbaren Läufen, verziert mit dem gräflich Sporck’schen Wappen-, ein Paar Reiterpistolen mit Steinschloss, Lauf, Schloss und Schäftung reich verziert von Mortimer in London (1820 bis 1840) und zwei schottische Besteckdolche aus der Zeit von 1820 bis 1840 verdienen als interessante Stücke noch besondere Er wähnung. Herrliche Stücke sind, wie auch in früheren Jahren, der Sammlung von Sr. Majestät dem Kaiser und König zum Ge Geschenk gemacht worden: 1. Am meisten Aufsehen erregte darunter bei den er schienenen Herren ein italienischer Helm des 16. Jahr hunderts aus getriebenem und gepunztem Leder. Der Helm ist reich und höchst kunstvoll verziert, seine Gestalt ist die eines Hutes, dem die Krempe ab geschnitten ist. 2. Eine Kugelbrust von silbergrauem Stahl mit schöner Silbertauschierung, die geflochtene Bandornamente dar stellt: italienische Arbeit von 1520. 3. Eine herrliche Radschlosspistole italienischer Arbeit aus der Zeit von 1700 bis 1720. Lauf und Schloss des Stückes sind auf die kunstvollste Weise in Eisen ge schnitten. 4. Ein Morion von gebläutem Eisen mit Silbertauschierung aus dem 16. Jahrhundert. 5. Ein Pulverhorn von getriebenem Eisen, geschnitten, ziseliert und vergoldet. Deutschland 1560 bis 1580. 6. Partisane, schlanker Form. 7. Partisane. Beide Stücke sind in Lothringen um 1579 gefertigt, reich graviert und vergoldet, geschmückt mit dem Wappen des Henri I. de Lorraine Duc de Guise und Inschrift: «Jesus Maria. Spes mea Deus.» Zum Schlüsse wurden noch die von der Pariser Aus stellung- zmiickgekommenen lebensgrossen Figurinen besich tigt, welche einen Ueberblick über die Geschichte der Uni formierung des Brandenburg-Preussischen Heeres gewähren. Wie auch dort fanden sie allseitige Bewunderung. S K. v. S. 37 * 11. Band. 28 2 Zeitschrift für historische Waffenkundc. Sprechende Zahlen aus dem «Mitglieder-Verzeichnisse des Vereins für Historische Waffenkunde*. 1. Mitgliederzahl (bis zur Drucklegung): 349 (darunter 21 Fürsten, 1 Ehrenmitglied, 279 Einzel- und 48 körperschaftliche Mitglieder). *) 2. Der Vorstand zählt 5 Fürsten im Ehren- und 14 Mit glieder im ordentlichen Vorstande. «Pfleger» sind ernannt: je einer für England, Oesterreich, Russ land, Sachsen, Schweden, die Schweiz und Thü ringen. 3. Die einzelnen Länder stellen Einzel Mitglieder : a) Deutschland.. . 207 b) Oesterreich-Ungarn ... 39 c) Die Schweiz.18 d) Russland.12 e) Schweden und Norwegen 11 f) England. 4 g) Niederlande. 2 li) Italien. 1 i) Vereinigte Staaten von Nordamerika. 1 körperschaftl. Mitglieder: 23 10 6 5 4 4. Von den deutschen Bundesstaeten stellen (nach den Wohnsitzen berechnet): Anhalt 1, Baden 6, Bayern 13, Braunschweig 2, Bremen —, Eisass-Lothringen 6, Hamburg 2, Hessen —, Lippe —, Lübeck —, Meck lenburg-Schwerin 1, Mecklenburg-Strelitz —, Olden burg —, Preussen 72, Reuss ältere und jüngere Linie—, Sachsen 87,Saclisen-Altenburg i,Sachsen Coburg-Gotha 5, Sachsen-Meiningen 1, Sachsen Weimar-Eisenach 7, Schaumburg-Lippe —, Schwarz burg-Rudolstadt 1, Schwarzburg-Sondershausen —, Waldeck —, Württemberg 2 Einzelmitglieder. 5. Städte mit mehr als 10 Mitgliedern sind: Dresden mit 55, Berlin mit 39 und Wien mit 20. Zürich zählt 8, München und Düsseldorf je 6, Leipzig 5, Pest und Weimar je 4 Einzelmitglieder. 6. Die unter den Mitgliedern meistvertretenen Stände bezw. Berufe sind: a) Berufs-Offiziere 105. (Hierzu stellen Deutsch land 78, Oesterreich-Ungarn 10, die Schweiz 7, Russland 5, Schweden 2, Niederlande I.) b) Guts-, Fabrikbesitzer bezw. Leiter und In dustrielle 33. (Hierzu stellen Deutschland 21, Oesterreich 8, Schweden 2, Russland 1, dieSchweiz 1.) c) Beamte und Angestellte an Sammlungen 30. (Hierzu stellen Deutschland 16, Oesterreich und die Schweiz je 4, Russland, Schweden und Norwegen je 3-) ') «Körperschaftliche Mitglieder» sind Behörden, Biblio theken, Sammlungen, Truppenteile, wissenschaftliche Ver einigungen. d) Hof- und Staatsbeamte 23. (Hierzu stellen Deutschland 15, Oesterreich 6, Niederlande und Schweden je 1.) e) Gelehrte, Lehrer und Schriftsteller 17. (Hierzu stellen Deutschland 7, die Schweiz 4, Oester reich 3, England und Italien je 1, Amerika 1.) f) Verwaltungsbeamte und Juristen 14. (Hierzu stellen Deutschland 10, Oesterreich 3, dieSchweiz 1.) g) Künstler und Architekten 10. (Hierzu stellen Deutschland 8, Russland und die Schweiz je 1.) Ferner gehören dem Vereine an: Aerztc, Vcrlagsbuchhändlcr und Vertreter anderer Stände in weniger hervortretenden Zahlen, auch eine Dame. Diese Zusammenstellung, welche die Schriftleitung der Güte des Herrn Majors Lossnitzer in Gotha, eines warmen Freundes des Vereins, verdankt, redet für den, der sich einen Augenblick Zeit zu ihrem Studium gönnt, eine sehr deutliche Sprache: Unter den Ländern fehlt ganz das ritterliche Frank reich, dessen reiche Schätze an alter Kultur sehr wertvolle Beiträge für unsere Zwecke bieten könnten; ganz fehlt auch Spanien, dessen Madrider Waffensammlung für jeden auf unserem Gebiet Arbeitenden nicht zu umgehen ist; es ist Italien, wo die Waffenkunde von den glänzenderen Erschei nungen der Schwesterwissenschaften allzusehr in den Schatten gedrängt wird, nur durch ein Mitglied, England, das Land der Sammler, nur durch vier Mitglieder vertreten. Das sind Lücken, die ein internationaler Verein sehr schmerzlich empfinden muss. Um so mehr erfreuen auf der anderen Seite Zahlen, wie sie die Schweiz, Schweden-Norwegen und Russland auf weisen. — In Deutschland, wo Sachsen an der Spitze steht, fehlen mehrere Bundestaaten noch ganz, obwohl, wie bei Hessen, reiche Sammlungen im Lande wenigstens etwas Neigung für unser Fach voraussetzen lassen sollten. Noch auffallender ist die geringe Beteiligung Süddeutsch lands. — Auch ein Blick auf die Berufsarten überrascht in mancher Hinsicht. Dass die Offiziere an der Spitze stehen, erwartet wohl jeder. Vielleicht aber hat sich doch mancher die Zahl noch grösser gedacht, und zweifellos wird sie wachsen müssen, damit auf dem recht eigentlich angestamm ten Boden der Armee der Verein einen möglichst starken Stutzpunkt findet. Sehr erfreulich ist die Zahl der Guts besitzer und Industriellen, wie denn überhaupt die Verschieden art der Stände dafür spricht, dass die Waffenkunde doch wohl nicht nur einen kleinen Kreis von Fachgenossen auf seine Rechnung kommen lässt, sondern mannigfachen An forderungen gerecht zu werden vermag, sei es, dass sie der Waffenträger von Beruf oder der Kulturhistoriker, der Künst ler, der Kunstfreund, der Techniker stellt. Möge das nächste Mitgliederverzeichnis, das vielleicht dann in demselben For mat wie die Zeitschrift gehalten und mit einer Städteschau versehen, auch wohl, um Nachträge zu ermöglichen, nur ein seitig bedruckt herausgegeben werden könnte, ein glück liches Wachsen des Vereins verkünden! Die Annahme von Beiträgen für Heft 8 des II. Bandes wird spätestens am 1. September d. J. geschlossen. Die Schriftleitung. Herausgegeben vom Verein für historische WafTenkunde. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Veste Coburg. Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. Abb. i. Grosse Waffenhalle im bayerischen National-Museum in München. Die Waffensammlung des bayerischen National-Museums in München. Ein Ucberblick von Dr. E. Bassermann-Jordan. m 30. September 1900 wur den die Sammlungen des bayerischen Natio nal-Museums zu Mün chen in ihrem neuen und glänzenden Hause an der Prinzregenten strasse dem allgemeinen Besuche wieder geöff net. Bei allem Neuen, bei aller Steigerung an Reichtum der Ausstattung ist das Wesen des Museums doch das gleiche geblieben. Beibehalten wurde auch im neuen Gebäude die Teilung der Sammlungs beständc in zwei grosse Gruppen, in eine allgemeine kulturgeschichtliche Sammlung und in eine Anzahl von Fachsammlungen. Die allgemeine kulturgeschichtliche Sammlung, im Erdgeschoss des neuen National-Museums, sucht in entsprechend ausgestatteten Räumen die Gegen stände in ihrer ursprünglichen Umgebung vorzu führen, indem Wohnräume, Kirchen, Kapellen, Rüst kammern u. s. w. aus verschiedenen Jahrhunderten geschaffen werden. Einzelne Gruppen des Kunst gewerbes dagegen, wie Metallarbeiten, Holzskulpturen, Glas, Porzellan, werden ausgeschieden und als Fach sammlungen aufgestellt. Die Vorteile wie die Nachteile dieses unter dem königlichen Direktor Dr. J. PI. von Hefner-Alteneck bald nach 1870 eingeführten Systems sind leicht zu er sehen: In der kulturgeschichtlichen Sammlung werden einheitliche, übersichtlich ausgestattete Räume von ausgeprägtem Zeitcharakter erzielt, die ihre Wirkung auf die grosse Masse der Museumsbesucher nie ver fehlen. Dagegen wird diese Wirkung stets beein trächtigt durch die auch hier unvermeidlichen museums mässigen Glaskästen, und auf eine streng wissen schaftliche, systematische Anordnung des Stoffes muss 38 284 Zeitschrift ftir historische Waffenkunde. überhaupt verzichtet werden. Die Fachsammlungen II. Band. gefüllt worden. In einem kleineren Raume, der sich wieder enthalten nie den gesamten Bestand der be treffenden Gruppe, da viele und meist sogar die wichtigsten und repräsentabelsten Gegenstände zur Bildung der kulturgeschichtlichen Sammlungen ver wendet werden mussten. Abb. 2. Kleinere Waffenhalle. an den Barocksaal Max Emanuels anschliesst, sind die türkischen Waffen aufgestellt, die dieser Kurfürst vor Wien und bei der Erstürmung Belgrads erbeutete. Die prähistorischen, römischen und mero vingischen Waffen sind in den Sälen 1 bis 3 unter gebracht, zusammen mit den übrigen Fundstücken der be treffenden Perioden. Im ersten Stockwerke des Museums schliesslich ist ein eigener Saal den Jagdwaffen Vor behalten. Die Aufstellung der Kriegs waffen in Zeughaussälen ent spricht ungemein dem Cha rakter der darin aufgestellten Sammlungsgegenstände. Es handelt sich im bayerischen National-Museum ja weniger als bei manchen andern grossen Museen um eine eigentliche, möglichst lückenlose «Waffen sammlung». Es liegt vielmehr in der Entstehungsgeschichte der Sammlung begründet, dass dies nicht der Fall ist. Wir haben es in erster Linie zu thun mit einer Vereinigung der Waffenbestände des Staates, des Münchener städtischen Zeughauses, verschiedener an derer bayerischer Städte und Schlösser und nicht zuletzt der älteren herzoglich bayerischen Sammlungen. Hieraus erklärt sich, dass das Münchener Mu seum eine Menge Duplikate ein und derselben Waffengat tung, und zwar meist weniger seltener Stücke enthält, neben äusserst kostbaren Gegenstän den, die interessant sind durch ihren ehemaligen Besitzer oder wichtig besonders durch die reiche kunstgewerbliche Ar beit, weniger aber vielleicht in Hinsicht auf die Entwicke lungsgeschichte der Waffen. Im Verhältnis zu dieser (Nach Photographie von F. Bruckmann A.-G., München.) Die gleichen Vorteile und Nachteile des Systems Hauptmasse der Waffen ist die Zahl jener Stücke sehr gering, die durch Schenkung sind auch bei den reichen Waffenbeständen des Museums zu bemerken: das Material hat in mehreren, zum Teil weit voneinander getrennten Sälen Auf stellung gefunden. Im Erdgeschoss, am Ende der gotischen Räume, sind zwei grosse Säle, die den Charakter alter Rüst kammern nachahmen, vorwiegend mit Kriegswaffen oder durch systematischen Ankauf in den letzten Jahren der Sammlung zugeführt wurden. Einiges vom Wichtigsten wurde vom Verfasser in früheren Nummern dieser Zeitschrift schon besprochen, anderes ist durch Abbildung und Beschreibung schon aus den grossen Auktionskatalogen bekannt geworden, wie das wertvolle Stechzeugmodell vom Beginne des 8. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 16. Jahrhunderts aus der Sammlung' Kuppelmayr in München. Bei der Aufstellung' aller Sammlungen des Museums, im Erdgeschoss ebenso wie in den Fach sammlungen des ersten Stockes, war vor allem der Gesichtspunkt massgebend, die Räume in einer Weise auszustatten, die möglichst dem Wesen der darin aufgestellten Sammlungsgegenstände ent spricht.1) Das bayerische Na tionalmuseum zeigt sich nach dem Willen seines Stifters, des Königs Maximilian II., als ein in besonderem Grade volks tümliches Institut, es ist in erster.Linie Rücksicht genom men worden auf die grosse Menge Derer, die in den Sammlungen Anregungen und Genuss, nicht aber strenge, wis senschaftliche Arbeit suchen. Der kleinen Zahl der Fach gelehrten wird es ja in keinem Falle schwer sein, sich ihr Arbeitsmaterial in strengerer und systematischerer Weise im Geiste zu gruppieren. So wurde auch in den Waffensälen vor allem Gewicht gelegt auf eine sinngemässe und originelle Ausstattung der Räume. Der erste Saal, die grosse Waffenhalle (Saal 20, Abb. x), enthält vorwiegend Stücke aus der Zeit von etwa 1100 bis zum Ende des 16. Jahr hunderts. Der grosse Raum, dessen Gewölbe auf mächtiger Mittelsäule ruht, ist eine Nach bildung des berühmten Dol lingersaales in Regensburg. Es wurde hier besonders versucht, den Charakter der Rüstkammer zu wahren. Die Zahl der Glas schränke ist so viel wie nur möglich vermindert, die sonst so beliebte Trophäe vermie den. Schwerten, Hellebarden u. s. w. stehen parallel zu ein Die Sammlungsgegenstände im nächsten Saale (Saal 21, Abb. 2) sind nach ähnlichen Grundsätzen geordnet. Der Raum ist in Anlehnung an Motive aus dem Rathause in Memmingen im Stile der deutschen Frührenaissance gebildet und enthält die Kriegswaffen des 17. und 18. Jahrhunderts. Abb. 3. Saal 34 mit Beutestücken aus den Türkenkriegen Max Emanuels von Bayern. ander reihenweise in Gestellen, oder sind an den Wänden an (Nach Photographie von F. Bruckmann A.-G., München.) geordnet. Besonders wertvolle Stücke sind einzeln auf Postamenten ausgestellt. An der Rückwand rechts zeigt eine Anzahl ganzer Rüstungen deren Entwicke lung vom Ende der Gotik bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. ') Aehnliches war, wenn auch mit bescheideneren Mitteln und geringerer Kenntnis der Stilarten, schon im alten National museum versucht worden. Unsere Abbildung 3 gicbt den Museumsraum 34 wieder, der sich an einen grossen Saal mit Kunst erzeugnissen der Zeit des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern anschliesst. Hier ist ein türkisches Zelt, türkische Waffen, Sättel und Fahnen aufgestcllt, die. von dem Kurfürsten in den Kriegen gegen die Türken am Ausgange des 17. Jahrhunderts erbeutet wurden. Auch die alten Gobelins an den Wänden 38* 286 Zeitschrift fUr historische Waffenkunde. sowie die Stuccaturen an der Decke mit den Namen II. Band ständigen sinngemäss die Dekoration des Saales, gewonnener Schlachten weisen auf Max Emanuels türkische Feldzüge hin. Fast die wertvollsten Stücke der ganzen Samm lung sind im «Jagdsaale» des ersten Stockes auf gestellt (Saal 75, Abb. 4). Das hier vereinigte Jagd gerät von oft hervorragender kunstgewerblicher Arbeit stammt zum grossen Teile aus dem Besitze des könig lichen Hauses und weiss beredt zu erzählen von der Jagdliebe der Wittelsbacher seit der Renaissance bis auf die neuere Zeit. Der Saal selbst ist ausgeschmückt mit den Originalstuccaturen aus dem ehemaligen Sandhofe in Würzburg. Alte Gemälde — Jagd bilder, Tierstücke, darunter Abbildungen von Ab normitäten und solche mit Schussangaben, vervoll dessen Wände in ihrem unteren Teil mit Jagdnetzen bespannt sind. Es ist eine Fülle von Waffenmaterial, das in den Sälen des National-Museums in München ver einigt worden ist. Für kunstgewerbliche Studien wie für den Freund der historischen Waffenkunde bieten die Sammlungen ein gleich reiches Material, das noch keineswegs vollkommen gesichtet oder in erschöpfender Weise wissenschaftlich bearbeitet worden ist. Ein ausführlicher, gedruckter Katalog über die Ausstellungsgegenstände der Waffensamm lung besteht noch nicht. Dem Spezialisten für Waffen kunde wie dem Kunsthistoriker steht also noch ein weites Feld für ergiebige Arbeit offen.1) Ein Nachwort, zugleich eine museumstechnische Skizze. Von Karl Koetschau. 'or der Besprechung musealer Auf gaben haben die Fachzeitschriften eine seltsame Scheu. Sie erscheint um so auffallender, als der von den Museen ausgehende grosse Nutzen von Jahr zu Jahr mehr empfunden wird, und zwar nicht nur von den Forschern und den Freunden geistiger Kultur, sondern auch — hier sagt die Phrase einmal wirklich das Bezeichnende — von den «breitesten Schichten der Bevölkerung», wenn auch von ihnen freilich zunächst mehr ahnend, als in klarem Bewusstsein. Doch wer weiss, ob der Tag so fern ist, an dem die erste rein museo graphische Zeitschrift erscheint, die dann nicht allein die bestehenden kunstwissenschaftlichen Fachblätter zu ergänzen, sondern auch die vornehmste Aufgabe zu erfüllen haben wird, die von einem Museum ver langt werden kann, die Aufgabe, zu erziehen. Mehr darüber zu sagen, ist hier nicht der Ort; eine andere Gelegenheit wird sich dazu ergeben. Jedenfalls wird aber die Waffenkunde dann mit ganz besonderer Hingabe sich einsetzen müssen, denn ih den Mu seen hat sie, die ihrem ganzen Charakter nach eine eigene Vertretung auf den Hochschulen nie haben kann, den Sitz ihres Lebens. — Wenn ich im Anschluss an den vorangegangenen Ueberblick einige Worte sage, so geschieht es, nicht um die dankenswerten Ausführungen des Herrn Ver fassers für diesen besonderen Fall zu ergänzen, son dern um ihnen einige allgemeine Betrachtungen anzufügen. Wohl fast keinem Leiter einer Waffen sammlung ist die trübe Stunde erspart geblieben, in der er an der Romantik vom Anfang des 19. Jahr hunderts, der wir gewiss viel Gutes in Dichtung und Wissenschaft zu danken haben, grosses Aergernis nahm. Denn die Waffe, mit der doch die von der Romantik auf den Schild gehobenen Helden ihre Thaten vollbrachten, wurde so schlecht als möglich behandelt. Oder kann man einen Gegenstand mehr schädigen, als wenn man seine Art, seine Geschichte, seinen Zweck nicht achtet, dafür ihn aber zu Dingen zwingt, die mit seiner Natur gar nichts gemein haben? Als man — auch im Anschluss an die Wiederbe lebung des Mittelalters in der Romantik — anfing, phantastische Theaterschlösser, Theaterburgen zu bauen oder ehrwürdige Reste ohne Ueberlegung und Achtung dazu umzuwandeln, wurden die Waffen zu Requisiten. An keiner Säule, keiner Wand durf ten pomphafte Trophäen fehlen. So wurde die Waffe dem Dekorateur ausgeliefert. In dessen Händen aber hatte sie nur noch Wert, wenn er sie zur Komposition von Gruppen verwenden konnte; das einzelne Stück in seiner Eigenart blieb voll kommen unbeachtet. Darunter leiden wir noch heute. Wer je vor die Aufgabe der Neuordnung einer Waffensammlung gestellt worden ist, wird wissen, wie einen diese Unsachlichkeit quälen, einem dieser Dekorationswust, durch den man sich hin durchzuarbeiten hat, ebenso bald zum Ekel werden kann, wie das verlogene altdeutsche Zimmer und das Makartbouquet seligen Angedenkens. Freilich, das Publikum wird den gequälten Museumsmann nur zum Teil verstehen. Denn wie viele glauben nicht heute noch, dass die Museen nur dazu da seien, dass man. in müssigen Stunden «rasch mal. durchgehen» kann? Sie sind diejenigen, welche die Betonung des Dekorativen für durchaus gerecht *) Vgl. dazu die Fachnotiz von Prof. E. Doepler d. j. JiP Abb. 4. Jagdsaal im bayerischen Xatiönal-Musemn (Nach Photographie von F. Bruckmann A.-G., München.) 288 Zeitschrift für historische Waffenkunde. fertigt erachten. Schmeichelt es doch ihrem Auge, II. Band. That nur das unbedingt Zugehörige in den Raum. bietet es ihm doch die Bequemlichkeit, nur auf das Ganze sehen zu brauchen, legt es doch dem Ge dächtnis keine grosse Last auf, lullt es doch das Gewissen, das vielleicht ernsthaft mahnt, man sei den Dingen ein ernsthaftes Betrachten schuldig, mit der Beschwichtigung ein, dazu sei bei dieser Auf stellung ja keine Möglichkeit gegeben. Aber für f lüchtige Besucher sind die Museen nicht da. Zwei fellos ist ja schon ein Wandel zum Besseren ein getreten. Die Besonnenen aber können verlangen, dass die Museen ihnen gute Gelegenheit zu stiller, ernster Arbeit geben, dass sie sich ihnen als Tempel der Arbeit und damit als Stätten reinsten Genusses darstellen, nicht als Schaubuden. Aber ich möchte nicht missverstanden werden. Niemand glaube, dass ich nur eine möglichst öde, langweilige Aufstellung für einzig berechtigt erachtete. Der Geschmack darf natürlich aus den Räumen eines Museums nie mals verbannt sein, aber man dekoriere nicht mit den Gegenständen, sondern man gebe ihnen eine Umgebung, die sie für das Auge des Betrachters heraushebt. Meist würden eine vorsichtige, geschmackvolle Wahl der Farbe, eine wohl erwogene Architektur, ruhige Hintergrund f lächen genügen. Selbst stumpfere Menschen werden dann merken, dass ihnen hier mehr geboten wird als dort. Nun sind freilich die meisten Waffen sammlungen nicht in der Lage, unter ihrem Besitz, wie etwa das Dresdener historische Museum, in überwiegendem Masse Prachtstücke zu haben. Die Versuchung, von einer grossen Anzahl gleichartiger Stücke einen Teil zu Trophäen oder dergleichen zusammenzustellen, ist in diesem Falle gross. Hier habe man dann den Mut zu magazinieren, ich sage den Mut und füge, wobei mich jeder Museumsleiter noch besser verstehen wird, hinzu: die Selbstüber windung. Der Grundgedanke, der bei der Neuordnung des Münchener Nationalmuseums festgehalten worden ist, wie früher neben einer kulturgeschichtlichen eine Fachabteilung einzurichten, wird gewiss nicht über all ohne Widerspruch beurteilt werden. Ein kultur geschichtliches Bild, das den Beschauer ganz in seinen Bann ziehen könnte, wird doch nicht er reicht, denn wenn auch die Räume noch so gut nach trefflichen Vorbildern aufgerichtet sind, die Gegenstände — darauf deutet ja auch der Herr Verfasser des vorhergehenden Aufsatzes hin — können darin nicht so untergebracht werden, wie es früher der Fall war. Solche Räume als Kultur einheiten, wenn ich dieses Wort gebrauchen darf, uns zu vermitteln, überlasse man den Schlössern oder Patrizierhäusern, wo man sie ja glücklicher w’eise häufig genug noch in dem ganzen Reiz der Unberührtheit finden kann, und wo man dann auch nicht mehr in einem Raum stehen sieht, als früher hineingehörte. Oder aber man halte an diesem zu letzt angedeuteten Gedanken fest, stelle also in der Das setzt freilich eine möglichst grosse Unbeschränkt heit in der Raumverwendung voraus, hat dafür aber auch das Freiwerden vieler bedeutsamer Stücke für die Fachabteilungen zur Folge, denen sie vorher nicht ohne Schädigung für deren Gesamteindruck wie auch nicht ohne Beeinträchtigung der Lern gelegenheit entzogen worden waren. Auch die grosse Masse der Musenmsbesucher wird nur gewinnen: sie kann, ohne dass sie sich dabei zu langweilen braucht, mehr lernen, als bei der scheinbar eindringlicheren, kulturgeschichtlichen Art der Aufstellung-, Zudem, wer hat nicht schon beobachtet — auch in München be merkte ich das — dass oberflächliche Besucher fast nur auf die ausgestellten Gegenstände, kaum auf die Räume achteten? Was aber ist dann erreicht? Verwirrung. Diese Konstruktion von Kulturbildern hat nun in den Waffenmuseen die «Rüstkammern» entstehen lassen. Es ist eine merkwürdige Gedankenverschrän kung, dass Waffen, über deren Bau, Verzierung, Herkunft und Verwendung man sich am besten aus möglichster Nähe unterrichtet, Waffen also, von denen man jetzt voraussetzt, dass sie wenigstens betrachtet, wenn nicht studiert werden sollen, so aufgestellt werden, wie sie der ordentliche Rüst meister vielleicht dereinst anordnete, nicht um sie zur Schau zu stellen, sondern um sie, wenn nötig, so bereit als möglich zum Kampfe zu haben. Was gewinnt der Besucher davon? Ein kaum sehr gut belegtes Bild einer alten Rüstkammer. Nun, hoffentlich stellen die Armeemuseen späterer Jahr hunderte unsere Waffen und Ausrüstungsstücke nicht so auf, wie sie jetzt in unseren Magazinen und Re gimentskammern aufgespeichert werden. Auf der einen Seite die Waffe als dekorativer Gegenstand, auf der anderen die Waffe als Inventar stück der Rüstkammer, also gleichsam in Kampf bereitschaft. Beides war abzuweisen, denn beides entspricht nicht mehr dem Zweck, den jetzt die alte Waffe für uns hat. Wendelin Boeheim trat mit Eifer für das «Korridorsystem» ein, das ich doch lieber «Galeriesystem» nennen möchte, weil damit noch mehr der Begriff eines hellen, nicht zu hohen Raumes verbunden ist, dessen Längen ausdehnung wesentlich die Breitenausdehnung über trifft. In diesen Räumen, die eine ganz ruhige Architektur haben müssen, muss allein mit der Farbe dekoriert werden. Mit der ist aber sehr viel zu erreichen. Vor der Gefahr, die Waffen zu hoch zu hängen, wird man hier vom Raume selbst be wahrt, während die Prunksäle und Plallen das Gegen teil bewirken. Das Züricher Landesmuseum hat sich zu helfen gesucht, indem es die oberen Wand f lächen bemalen liess, richtiger noch wäre es ge wesen, wenn dort, wo man neu baute, für die Waffen nicht eine Halle, sondern Galerien bestimmt worden wären. Und damit komme ich zu einem Punkt, bei dem ich noch einen Augenblick verweilen muss. Alles das, was ich vorgebracht habe, begegnet den 8. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. grössten Schwierigkeiten, wo man auf schon be 289 Emden kommt jetzt in diese Lage,' wenn freilich stehende Räume angewiesen ist, denn kaum wird dann der strengste Fachmann vermeiden können, hie und da Zugeständnisse zu machen. Wo aber ein Museum neu gebaut wird, da darf man wohl billigerweise verlangen, dass aus den Nachteilen, die man anderswo gesehen hat, eine Lehre gezogen wird. Zwei Museen, das in Zürich und das in München, waren so glücklich, die Freiheit der Raum gestaltung und Raumanordnung zu haben. Die Stadt | bei ihr schon von vornherein die beschränkten Mittel manches Hindernis bereiten werden. Vielleicht komme ich später einmal auf diese drei Samm lungen zurück, da konkrete Beispiele mehr noch als anderswo für die Museumstechnik von Nutzen sind. Aber die theoretischen Erwägungen durfte ich heute nicht hintanstellen, denn es lag mir daran, in dieser wichtigen Frage einmal den Standpunkt I der Zeitschrift klar zu legen. Einiges über die Waffen der letzten Grafen von Zrin. (1670.) Von Johann von Ille. Habent sua fata arma. chon zu wiederholten Malen wurde in der «Zeitschrift für histo rische Waffenkunde» auf die im «Nachlasse» des Grafen Peter von Zrin (Zrinski)1) Vorgefun denen Waffen hingewiesen. Da eine deutsche Über setzung der lateinischen Ver zeichnisse des in Rede stehenden «Nachlasses» meines Wissens bis jetzt noch nicht veröffentlicht worden ist, so erscheint es nicht unzweckmässig, eine solche hiermit zu bieten und auch überhaupt etwas über die Waffen der letzten Grafen von Zrin zu berichten. Diese Mitteilungen können auf das Interesse von Waffenfreunden um so gewisser rechnen, als der letzte legitime Besitzer dieser Waffen eine in J) Für die Wahl dieser Namensschreibart an Stelle der eingebürgerten «Zrinyi», war, abgesehen von sonstigen un anfechtbaren Beweismitteln, J. Siebmachers «Grosses und all gemeines Wappenbuch etc.» IV. Band, 13. Abteilung, Nürn berg 1899, «Der Adel von Kroatien», Seite 211 (Tafel 153), massgebend, sowie nicht weniger der Umstand, dass nahezu sämtliche offizielle Akten im Hochverrats-Prozesse wider den Grafen Peter von Zrin fast durchgehends diese Namens schreibart aufweisen. Zieht man anderseits in Betracht, dass, wie auch an anderer Stelle berührt wird, der Familienname Zrin von der gleichnamigen Burg abgeleitet wurde, so konnte er naturgemäss lateinisch nur de Zrin .(ab Zrin), und kroa tisch nur Zrinski lauten. Spät erst meldet sich die ungarische Schreibart Zrinyi, auch aus «Zrin» abgeleitet. In den latei nischen Urkunden (des 14. und 15. Jahrhunderts) unterschreiben sich die Zrins als comites de Zrin, doch kommen häufig auch diese absonderlichen Varianten als: Zyrin, Zdrinio, Sringe, Srynio, Zerin, Zeren, Serin vor; im 16. und 17. Jahrhundert: de Zrin, de Zrinio, Zriniensis und selten (in lateinischen Ur kunden) mit dem Genitiv Zrinij. Der Held von Szigeth fertigte sich entweder kroatisch mit glagolitischen Buch staben: «Miklouä Zrinski, ban» (Banus) oder mit lateinischen Kampf und Streit bewährte historische Persönlichkeit war, deren tragischer Ausgang trotz ihrer unleug baren Schuld oder vielleicht eben deswegen noch heute menschlicher Teilnahme sicher sein kann. Das Geschick der Zrin’schen Waffensammlung als solche entbehrt jedoch anderseits auch nicht der Tragik, indem sie, die einst die Bewunderung der Zeitgenossen erregte, wie weiter unten dargethan wird, später teils dem Fiskus verfiel, teils in alle Winde verschleppt wurde, so dass es heute schwer fällt, wenn ihre Be standteile überhaupt als solche auffindbar sind, sie als einmal der Familie von Zrin angehörig festzu stellen. Es sei an dieser Stelle ein ganz flüchtiger Rück blick auf den Werdegang der kroatischen Magnaten Familie Zrin (Zrinski) gestattet. Sie entstammte dem geschichtlich hervorragenden, uradeligen, könig Lettern Miklows Zrinsky; lateinisch: a Zrin, a Zrinio, de Zrini und nur unter zwei Dokumente als Nikolaus Zriny. Dieser selten nachzuweisenden Namensschreibart nachzugeben, ist wohl nicht ganz gerechtfertigt, trotzdem die ungarische Schreibart «Zrinyi» sich allenthalben eingeftihrt hat und die Familie von Zrin als eine magyarische dargestellt und als solche auch vielfach angesehen wird. Eine teilweise Magya risierung dieser Familie hat wohl stattgefunden, aber erst, nachdem sich einige ihrer Mitglieder dem evangelischen Glaubensbekenntnisse zugewendet hatten, in Tschakathurn wohnten und als Kapitäne von Gross-KaniZa und Ober-Ge spanne von Zalad hinreichend Anlass fanden, sich mit rein ungarischen Angelegenheiten zu befassen. Dies alles spielt sich jedoch erst in den letzten 120 Jahren des Bestehens dieser Familie ab. Trotzdem, war nun auch Banus Nikolaus von Zrin (1620—1664) der hervorragendste ungarische Dichter und Schriftsteller seiner Zeit und ein glühender magyarischer Patriot, so blieb er stets seiner und seiner Familie Ab stammung eingedenk, wie dies wohl schlagend genug aus einem an einen seiner Freunde gerichteten Brief hervorgeht, in dem eine Stelle lautet: . . . Ego mihi conscius aliter sum, etenim non degenerem me Croatam et quidem Zrinium esse scio. 290 Zeitschrift für historische Waffenkunde. wählenden Geschlechte Subic von Bribir (genus II. Band. fallene Burgen wissen noch von ihrer Grösse und Subich de Berberio) in Dalmatien, das schon früh zeitig massgebend und schicksalschwer in die Ge schicke des Königreichs Dalmatien-Kroatien, sowohl zur Zeit der nationalen Dynastie, als auch nachmals, besonders nach der Union mit Ungarn, eingegriffen hatte. Hatten es die wechselvoilen Ereignisse im Königreiche Ungarn, deren Herrschern es nicht immer im gewünschten Masse und im Interesse der Entfaltung ihrer Macht-Prärogative gestattet war, ihre Aufmerksamkeit dem mit grosser Autonomie aus gestatteten Schwester-Königreiche Dalmatien-Kroatien zuzuwenden, so benutzten die Könige aus dem Hause Anjou, Karl Robert, besonders aber dessen macht voller, energischer Sohn Ludwig I., die Gelegen heit, als sich die kroatischen Dynasten-Geschlechter untereinander bekämpften und dadurch schwächten, ihre Ideen des Centralstaates anzubahnen und auch durchzuführen. König Ludwig gelang dies nach harten Kämpfen mit der Familie Subic erst im Jahre 1347. Die Subic beugten sich nunmehr der königlichen Gewalt, traten den Zankapfel, das feste Schloss Ostrovica in Dalmatien, ab, wofür ihnen der ge nannte König die grosse Herrschaft Zrin samt Burg in Inner-Kroatien verlieh. Sie legten nunmehr auch ihren alten Geschlechtsnamen ab und benannten sich von da an nach ihrer neuen Heimat Zrin, Zrinski, d. i. von Zrin. Es musste natürlich viel Zeit vergehen, bis die auf neuen Boden verpflanzte Familie dem neuen Namen jene Bedeutung erringen konnte, wie sie früher'den Subic von Bribir zukam; doch auch diese Zeit reifte heran. Wollen wir auch von den dem Königshause Anjou von den Zrinskis in der Epoche der kroa tischen Bewegung gegen die Tochter Ludwigs I., Maria und deren Gemahl, dem nachmaligen Kaiser Sigismund, geleisteten Diensten, und von ihrer Teil nahme, die Nachfolge auf den ungarisch-kroatischen Thron Kaiser Maximilians I. und dessen Nachkommen zu sichern, ganz absehen, so wird der ruhmvolle, traditionelle jahrhundertelange Kampf dieser Familie mit dem «Erbfeinde christlichen Namens», dem Türken, seitdem er sich auf kroatischem Boden hatte blicken lassen, unvergänglich in den Annalen der Geschichte bleiben. Die Familie Zrin hat nach ihrer Verpflanzung nach Inner-Kroatien diesem Lande vier Banuse ge geben, den Ruhm eines Leonidas mit' Nikolaus Zrinski, dem Verteidiger von Szigeth, neu erstehen gemacht, in dem Bruderpaare Nikolaus und Peter von Zrin Dichter und Helden und in letzterem leider auch einen Unglücklichen von namenloser Tragik geschaffen. Nach vielhundertjährigem Bestehen raffte ein blitzartiges Verhängnis die Familie Zrin spurlos vom Erdboden hinweg, und nur die Geschichte und ver ihrem beispiellosen Falle zu berichten. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, wird der Brief eines Zeitgenossen über das Schloss Tschakathurn, als das Brüderpaar Nikolaus und Peter noch in Machtfülle und in Glanz lebten (1660), um so interessanter und aktueller. Der Briefsteller, der Niederländer Jacob Tollius (geb. zu Utrecht 1640 (?) und gestorben daselbst 1696) hat auf einer im Jahre 1660 von Amsterdam aus nach Deutschland, Oesterreich und Ungarn unternommenen Reise1) auch obiges Schloss berührt und erzählt über das von ihm daselbst Gesehene beiläufig wie folgt: «Das Schloss ist höchst prächtig und sehr aus gedehnt, bestens gegen Türkenangriffe bewehrt, bei nahe von allen Seiten von Wasser umgeben und mit unterirdischen Gängen versehen .... Wir bewunderten von der Barbarei der umwohnenden Völker einge schlossene Gebäude edelsten Stils, eine hervorragend gebildete Familie, den reichsten Hausrat und überall den höchsten Glanz. In den Säulengängen hingen erbeutete Türkenrüstungen, Bogen, Köcher, Keulen, Schilde und sonstige Waffen aller Gattungen, deren Glanz jedoch von dem der Damascener Krummsäbel übertroffen wurde. Es gab unter diesen solche, deren Griff mit Gold und Silber geschmückt, solche, deren Scheiden mit Edelsteinen reich geziert waren; wir sahen in den Hallen die den Türken abgenommenen mit Blut getränkten Fahnen hängen .... Ferner wurde uns die Rüstkammer, welche mehr als man glauben könnte mit ehernen Wurfmaschinen, Geschossen, Wurfspiessen, Krummsäbeln und Waffen verschie denster Art angefüllt war, gezeigt....» Doch nicht nur dem Mars geweihte Stätten, auch solche, welche von dem ernsten Streben und dem Kunstsinn seiner Besitzer Zeugnis gab, bewunderte der Reisende, so die Bibliothek, die Schatzkammer, die Münzen sammlung und die Gemäldegalerie. Diese enthielt viele Bildnisse von Regenten, Prinzen, berühmten Männern und Frauen, worunter auch die Martin Luthers und dessen Ehefrau Katharina, in besonders kunstgerechter Ausführung u. s. w. Diese Stätte einer verfeinerten Kultur, des Kunst sinnes, der kriegerischen Erinnerungen und des trauten Familienlebens verliess Peter von Zrin für immer, als er, um sich mit seinem Schwager und Mit schuldigen, dem Grafen Franz F'rangepan, dem Kaiser auf Gnade undUngnade zu übergeben, am 13. April 1670 nächtlicherweise bei Tschakathurn die Mur übersetzte und am 17. April in Wien eintraf. Noch am sölben Tage wurden die beiden Magnaten in Gewahrsam gebracht und bald darauf hub der Prozess an, der mit der Plinrichtung der beiden am 30. April 1671 zu Wiener-Neustadt endete. Am 23. April 1670, sechs Tage nach der Ver haftung der beiden kroatischen Edlen, schreibt die *) Vergleiche: Jacobi Tolii epistolae itinerariae ex auctoris scliedis postumis recensitae, suppletae, digestac etc. cura et Studio Henrici Christiani Henniuii. Amstelodamii 1700., 8. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. österreichische Hofkammer der Hofkanzlei, dass über 291 was der Kammer nach dem justifizierten Grafen Peter kaiserlichen Befehl die ung arische Hof kammer«nomine f isci regni» die Güter genannter Magnaten und deren Anhänger einzuziehen habe u. s. w. Die auf die Konfiskation Bezug nehmenden Be gehungen und Aufschreibungen wurden am 19. Mai 1670 begonnen und waren am 2. August genannten Jahres beendet. Es kann somit von einer Habe, einem Besitztum der beiden Magnaten vom Augenblicke an, wo der Fiskus die Konfiskation vollstreckte, füglich nicht mehr die Rede sein; somit erscheint der Ausdruck «Nachlass», als Bezeichnung für die Kontiskations masse Zrins oder Frangepans, wohl nur als ein Anachronismus, weshalb ich dieser, meines Erach tens nach nicht glücklich gewählten Bezeichnung, stets nur zwischen Anführungszeichen Erwähnung thue. — Immerhin lässt sich die Entstehung'sweise der Bezeichnung «Nachlass» vielleicht dadurch erklären, dass später, wie thatsächlich geschehen, die Hälfte sämtlicher Zrinschen Güter dem Neffen des hin gerichtcten Banus, Adam von Zrin, von der Hof kammer zugesprochen worden waren, was (1673) eine erneuerte Aufnahme des gesamten beweglichen und unbeweglichen ehemaligen Besitztums dieser Familie durch den Fiskus erforderlich machte. Da hierbei ein Unterschied zwischen dem, was zu Leb zeiten jedem der beiden Brüder (Nikolaus und Peter von Zrin) speziell zu eigen war, gemacht werden musste, um eine «reinliche Scheidung» zwischen dem, Verzeichnis der gelegentlich der Aufnahme bezw. konfis: I. Auro et argento obducta Sceptra, Bozdohan,2 3 4) Frameae et Gladii seu Pallas. 1. Sceptrum argento deauratum ex Iigno hebeni.5 6) 2. Sarcullus ex albo argento in extremitatibus rosis per totum argento inanrato obductus. 3. Gladius Pallas dictus, cum ferro exigui valoris; vagina bisto rubro obducta nullo ornata argento; manubrium vero totum argenteum parvulis tirkissiis (quorum tres desunt) ornatum; in extremitate manubrii Superiori caput draconis in ore granuni corolae seu clarys rubrum gestans; sine omni ligatura. 4. Alius gladius Pallas dictus, cujus vagina preter manu brium in sex locis argento deauratis rosis ornata, et crux similiter argentea deaurata cum ligatura et ferro bonq. ’) Relatio confiscationis universorum bonorum comitum ab Zrin, et Francisci aTersacz (Frangepan) nonnullorumquealiorum, iisdem comitibus in detestabili rebellione contra suam sacra tissimani Maiestatem adhaerentium, per nos Petrum Prasinsky et Franciscum Spoliarich sacrae caesarae regiaeque maiestaiis capitalis tricesimae Nedelicensis exactorem et contrascribam, velut fisci regii mandatorios, cum patentitus litteris praefatae suae sacratissimae maiestatis nec non inelytae camerae hun garicae posoniensis commissione ac instructione adid is spe cialiter exmissos et delegatos modo et ordine infrascripto, partim simul, partim vero divisim peractae. — Dieser sehr umfangreiche Bericht befindet sich im königlichen Landes Archive zu Agram; eine verifizierte Abschrift bei der siid slavischen Akademie der Wissenschaften ebendaselbst. von Zrin zuzukommen hatte und dem, was dem einzigen und letzten Erben gehören sollte, herbei zuführen, ist es leicht möglich, dass man das nach weisbar dem 1664 verstorbenen Nikolaus von Zrin zu eigene Besitztum mit «Nachlass» bezcichnete; jedenfalls ist dieser Ausdruck auf das konfiszierte Besitztum, wie oben angeführt, nicht anwendbar. Für die Zusammenstellung der Verzeichnisse über die gelegentlich der Aufnahme der Zrinschen Güter u. s. w. Vorgefundenen bezw. konfiszierten Waffen dienten; 1. Die Aufschreibungen der Konfiskations-Kom mission1) und 2. eine Spezifikation der in Tschakathurn Vor gefundenen (konfiszierten) Kunst- und Wertgegen stände, die einstens den Grafen von Zrin an gehörten2) u. s. w. u. s. w. Hierbei sei ausdrücklich hervorgehoben, dass im folgenden Ausweise sämt liche von der Kommission Vorgefundenen und spezi f izierten Waffen, ohne Rücksicht auf den Umstand, ob sie thatsächlich der Konfiskation unterzogen oder nachträglich dem Erben Adam von Zrin zugesprochen wurden, aufgenommen sind, um so mehr, als im Jahre 1670 von einer Erbabtretung schlechterdings noch nicht die Rede war. Der Vollständigkeit halber ist der deutschen Uebersetzung der lateinische Urtext beigefügt.3) Bei Bezugnahme auf einen der beiden citierten Ausweise wird der Kürze halber der eine mit «Aus weis 1», der andere «Ausweis 2» bezeichnet werden. der Zrinschen Güter u. s.w. Vorgefundenen erten Waffen. I. Vergoldete und versilberte Szepter, Streitäxte,4) Schwerter oder Pallasche. 1. Szepter aus Ebenholz mit vergoldetem Silber.5) 2. Streitaxt aus weissein Silber, am Stielende mit Rosetten ganz aus vergoldetem Silber geschmückt. 3. Schwert, Pallasch genannt, mit Klinge von geringem Wert; Scheide aus rotem Sammet ohne Silberverzierung, der Griff jedoch ganz von Silber und mit kleinen Tür kisen geziert, von welchen aber drei fehlen; am Knauf ist ein Drachenkopf und in dessen Maule Korallen oder eine rote Schelle angebracht. Ohne Gehäng. 4. Ein anderes Schwert, Pallasch genannt, welches, abge sehen vom Griff, an sechs Stellen der Scheide mit silber vergoldeten Rosetten geziert ist; die Parierstange ist ähnlich silbervergotdet. Mit Gehäng. Gute Klinge. 2) Specificatio omnium Chaktornyae inventatarum et pro s. c. r. maiestate reservatarum mobilium quondam comitis a Zrin, Chaktornyae die 30 mensis Octobris 1671 etc. etc. etc. Diese Aufschreibung wird im königlichen Landes-Archive zu Agram aufbewahrt. 3) Bei den krausen, lockeren Formen des Lateins jener Zeit, das namentlich in terminologischer Hinsicht durchaus kein festes Gepräge trägt, ist die Uebersetzung keineswegs einfach. Auseinandergehende Ansichten sind daher leicht möglich. 4) Kroatische Form für das türkische Wort bozdogan = Streitaxt; lateinisch clava. 6) Ist im «Ausweise 1« nicht angeführt. 39 292 Zeitschrift für historische Waffenkunde. 5. Item gladius Pallas dictus, antiqui ferri boni cujus manu II. Band. 5. Gleichfalls ein Schwert, Pallasch genannt, mit guter, alter brium in partibus, crux vero totaliter argentea cum liga tura ex serico caelestini coloris. 6. Gladii seu Pallas dicti quoram cruces et extremitates ex argento deaurato. Framea cum manubrio ex jaspide, tirkissiis et rubinis granatisque ornata, et vagina purp auro noviter elabo rata: in qua non nisi in cuspide et extremitate unicus et medius lapis cum ferro damasceno aestimatur 6000 flore norum. 8. Alia framea argento inaurato obducta lata, cum lapide granato seu sanguineo Pluetstein dicto in manubrio ejus dem frameae cum Zona sericea, novi operis cum ferro. 9. Item Framea cum ferro damasceno argento albo, et in rosis deaurato obducta: antiquioris laboris cum Zona sericea simili cerulea. 10. Frameae aequales noviter factae, et argento inaurato in manubriis et extremitatibus copiose circumductae, in quarum cujuslibet manubrio similis lapis ruber Pluet stein vocatus, habens ferrum utriusque vel turcicum vel damascenum. 11. Framea argento inaurato elaborata nova, habens manu brium ex cornu bubali, ferrum turcicum cum zona nova sericea caerulea. 12. Framea cum ferro damasceno in qua duo tirkissii et unus ruber, lapilli eidem ferro apositi imediate sequenti consimili praeter manubrium, etiam ex cornu bubali. Crux vero argentea antiqui operis in extremitatibus pridem inaurata; sine omni ligatura et zona. 13. Framea cujus manubrium et extremitates argento inaurato obductae sunt, ferrum turcicum cum zona sericea coerulea; sed framea attrita. 14. Framea in extremitatibus et per totum manubrium in forma antiqua argento inaurato obducta, cum ligatura correi veteris similiter argento inaurato, in certis locis ornata, cum ferro Fringiae Genuae.1) 15. Aequales frameae fere aequaliter argento inaurato in locis debitis obductae, ligaturae earundem aequales ex coreo argento inaurato ornatae unius ferrum turcicum, alterius latius antiquum ferrum. 16. Framea simplicis, antiqui argenti, sicut et corei ligatura inaurata ornata, cum ferro turcico, valde attrita. 17. Framea cum ferro antiquo brevis albo argento simpliciter ornata, cum ligatura ex correo. 18. Pugio turcicus cum vagina argentea, habens in fronte manubrii tirkissium unum. II. Arma. 1. Sclopi longi tessim inaurati, et matre perlarum ornati.2) 2. Sclopetum longum florentinum in extremitatibus ubique argento obductum.2) 3. Sclopeta Brixiensia (3).2) 4. Carabina belgica in extremitatibus argento ornata. 5. Paria Pistolarum, interquae unum rakoczianum in extremi tatibus puro auro obductum (14).2) 6. Sclopi longi cum fistulis ductilibus (23). 7. Sclopi Karabin dicti (16).3) 8. Pistolarum cum hebano et in extremitatibus argento inaurato ornatarum (par i).3) 9. Item pistolarum gallici et germanici operis simplicium (paria 29).3) 10. Item cum hebano (paria 2).3) 11. Pistolarum (paria 199).“) 12. Item Karabinae (270).3) 13. Sclopi longiores (5).*) 14. Sclopi longi cum fistulis ductilibus (20).3) *) Im «Ausweise 1» steht «Fringia gemma». 2) Nur im «Ausweise 2» verzeichnet. 3) Nur im «Ausweise 1» verzeichnet. Klinge; der Griff ist teilweise, die Parierstange jedoch gänzlich aus Silber. Das Gehäng ist aus blauer Seide. 6. Zwei Schwerter, Pallasche genannt, deren Parierstangen und Knäufe aus vergoldetem Silber. 7. Säbel mit Jaspis-Griff, der mit Türkisen, Rubinen und Granatsteinen geschmückt ist; die Scheide, aus purem Golde, erneuert, hat an jedem Ende und in der Mitte je einen Stein. Damascener-Klinge. Schätzungs-Wert 6000 fl. 8.. Ein anderer breiter Säbel, silbervergoldet, geschmückt am Griff mit einem Granatstein oder Blutstein (Hyazinth). Tragschnur aus Seide. Mit neuer Klinge. 9. Ferner ein Säbel aus weissem Silber mit Damascener Klinge und mit vergoldeten Rosetten. Alte Arbeit. Seiden artige blaue Tragschnur. 10. Zwei gleiche neue Säbel, reich am Griff und an den Spitzen mit vergoldetem Silber verziert; jeder Griff ist mit je einem roten Stein (Blutstein, Hyazinth) geschmückt. Der eine hat eine türkische, der andere eine Damascener Klinge. 11. Neuer silbervergoldeter Säbel mit BUffelhorn - Griff. Türkische Klinge. Neue seidene blaue Tragschnur. 12. Säbel; Damascener-Klinge, in ihr zwei Türkisen Und ein roter Stein eingelassen. Dieselben Steine an der folgen den Klinge, die zu einem bis auf den Griff ganz ähn lichen Säbel gehört. Dieser Griff hier (von Nr. 12) auch aus BUffelhorn (wie Nr. 11). Die Parierstange ist aus Silber, an den Enden von früher her vergoldet. Alte Arbeit. Ohne Gehäng und Schnüre. 13. Säbel, dessen Griff und Spitze silbervergoldet sind. Türkische Klinge. Blaue Seidenschriüre. Der Säbel ist abgenutzt. 14. Säbel von altertümlicher Form, an der Spitze und der ganze Griff silbervergoldet; das Wehrgehäng von altem Leder, ähnlich silbervergoldet, an einigen Stellen ge schmückt, Klinge mit der Inschrift Fringia Genua.1) 15. Zwei gleiche Säbel, die fast an denselben Stellen silber vergoldet sind. Beide lederne Wehrgehänge sind silber vergoldet. Die Klinge des einen Säbels ist türkisch, die breitere des anderen von altertümlicher Art. 16. Gewöhnlicher Säbel mit altem Silber. Das lederne Ge häng vergoldet. Die Klinge türkisch, sehr abgenutzt. 17. Kurzer Säbel mit altertümlicher Klinge, mit weissem Silber einfach verziert. Gehäng aus Leder. 18. Türkischer Dolch (Handzar) mit silberner Scheide; auf der Griff-Stirnseite ein Türkis. II. Gewehre, Pistolen, Bogen und Pfeile. 1. Zwei lange mit Gold und Perlmutter verzierte Gewehre.2) 2. Lange Florentiner-Büchse oben und unten allenthalben mit Silber ausgelegt.2) 3. Drei Brescianer-Gewehre.2) 4. Belgischer Karabiner, oben und unten mit Silber verziert. 5. 14 Paar Pistolen, wovon eines von Rakoczi herrührend; an den Enden mit Verzierungen aus purem Golde.2) 6. 23 lange Gewehre mit gezogenen Läufen. 7. 16 Karabiner.3) 8. Ein Paar Pistolen aus Ebenholz und an den Enden mit vergoldetem Silber geziert.3) 9. 29 Paar einfache Pistolen von französischer und deutscher Arbeit.3) 10. Zwei Paar Pistolen aus Ebenholz.3) 11. 199 Paar Pistolen.3) 12. 270 Stück Karabiner.3) 13. Fünf längere Gewehre.3) 14. 20 Stück lange Gewehre mit gezogenen Läufen.3) 8. Hett. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 15. Sclopus unus oblongus laboris italici, argenteis circum 293 15. Ein längeres Gewehr italienischer Arbeit, an geeigneten ferenteis in locis oportunis ornatus (i).1) 16. Sclopus alter oblongus similiter italici simplex (i).1) 17. Item similis minor sclopus italici operis (i).1) 18. Item alii sclopi oblongi simplices cum fistulis ductilibus1). 19. Item sclopus Karabin dictus cum duabus fistulis (i).1) 20. Sclopi italici operis brassaniensis (2).1) 21. Item sclopi alii oblongi et breves cum ductilibus f istulis (13).1) * 22. Item sclopus bohemici operis Karabin dictus (i).1) 23. Item pistolarum operis germanici nobiliorum (paria 6).2) 24. Arcus et sagittae tartaricae cum thecis aureo et argenteo f ilo contextis.1) 25. Arcus tres cum sagittis.1) Einen auf Pferdeausrüstungen bezüglichen dritten Teil bringe ich aus Rücksicht auf den mir zur Ver fügung gestellten Raum nicht; zumal er an dieser Stelle und in dem Zusammenhang dieser Arbeit nicht von dem Interesse ist, wie der erste und zweite Teil. Zur besonderen Genugthuung würde es mir aber gereichen, sollte es auf Grund der Mitteilung dieses Verzeichnisses gelingen, durch Vergleich wenigstens die hervorragenderen Stücke der ver schollenen Waffensammlung wiederfinden zu helfen. Zieht man in Erwägung, dass sich die Konfis kation nicht nur auf Tschakathurn,' sondern auch auf die nicht minder grossen und prächtigen Herrschaften, wie Buccari, Ozalj, Ribnik und die übrigen zahl reichen Güter, Schlösser, Jagd- und Zinshäuser er streckte, die sämtlich Zrinsches Besitztum waren, so müssen die im Verzeichnisse ausgewiesenen, absolut wenig zahlreichen Waffen u. dgl. mehr als zu dem Reichtum und dem ausgedehnten Konfiskations-Gebiet, das die Zrinsche Habe einnahm, in keinem Ver hältnisse stehend angesehen werden und dies mit vollem Rechte. Der Grund dazu ist wohl hauptsächlich darin zu suchen, dass die Zrinschen Güter bei offen kundigem Ausbruche der Magnaten-Verschwörung vom Militär der zunächstliegenden Generalate besetzt wurden, das die Habe der Rebellen, nach der An schauung jener Zeiten, als vogelfrei ansah und dem entsprechend vorging. Die z. B. Vorgefundenen un geheueren Vorräte an Lebensmitteln jeder Art wurden nach dem Grundsatz, dass der Krieg den Krieg ernähre, teilweise zur Verpflegung der Truppen ver wendet. Liest man die offiziellen Stossseufzer in den Konfiskations-Protokollen, so wird manches ver ständlich, und auch der geringe Verbleib an Waffen und Aehnlichem erklärlich. So heisst es bezüglich des berühmten Zrinschen Schlosses Ozalj: «In eadem arce res mobiles plane nullae sunt inventae, sed omnes per officiales dicti praesidii3) hominesque eorum, ablatae, distractae et abductae sunt, immo ') Nur im «Ausweise 1» verzeichnet. 2) Nur im «Ausweise 2> aufgenommen. !1) d. i. der Festung Karlstadt. Stellen mit herumgewundenen Silberornamenten verziert.1) 16. Ein anderes ähnliches, längeres, italienisches Gewehr.1) 17. Desgleichen ein ähnliches kleineres Gewehr; italienische Arbeit.1) 18. Ferner zwei längere, einfache Gewehre mit gezogenen Läufen.1) 19. Ein zweiläufiges Gewehr.1) 20. Zwei italienische Gewehre; Brescianer Arbeit.1) 21. 13 teils längere, teils kurze Gewehre mit gezogenen Läufen.1) 22. Ferner ein Karabiner böhmischer Arbeit.1) 23. 6 Paar Edelmanns-Pistolen deutscher Arbeit.2) 24. Tartarische Bogen und Pfeile mit Gold und Silber durch wirkten Köchern.1) 25. Drei Bogen mit Pfeilen.1) nec portae nec fenestrae intactae remansisissent, verum seräe reliquaque ferramenta cum summo damno sunt ablata» u. s. w. Nichts Besseres wissen die Akten über die Amtshandlung in Ribnik zu er zählen: «In eodem castello res mobiles nullae in ventae sunt». Nichts als 80 Mass Getreide fand der königliche Fiskus mehr vor! Begiebt man sich endlich auf das Gebiet der Frage, wohin die Waffen der Familie von Zrin hin gekommen sein mögen, die konfiszierten und ver schleppten, so ergiebt sich die Antwort betreffs der letzteren aus dem über das Geschick der meisten Zrinschen Güter Gesagten von selbst. Hierüber Näheres in dem Anhang. Bezüglich der konfiszierten oder später der Kammer anheimgefallenen Waffen giebt, wenn auch im negativen Sinne, die beste Antwort Dr. Johann Szendreis bekanntes Werk: «Ungarische Kriegs geschichte, Denkmäler in der Millenniums-Landes Ausstellung», Budapest 1896. Unter 8739 ausgestellten Objekten des Waffen handwerks, von denen dieses Buch handelt, konnten nur vier Gegenstände konstatiert werden, die ehemals mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit der gräflichen Familie Zrin zu eigen gewesen sind, und zwar Nr. 817 der Hehn des Helden von Szigeth, Nr. 818 dessen Säbel, Nr. 3045 ein Schwert der Familie Zrin und Nr. 6538 eine Fahne. Nachdem der Helm Nikolaus’ von Zrin (Nr. 817) schon 1586 im Inventar des Ambraser Schlosses f iguriert, so kommt er demnach hier nicht weiter in Betracht; ebenso kann füglich über die Jagd-Fahne (Nr. 6538) wegen ihrer Wert- und Bedeutungslosig keit hinweggegangen werden. Das unter Nr. 3045 angeführte Schwert zeigt auf seiner inneren Klingenseite folgende lateinische Inschrift: Hunc gladium | antiquum | persicum praeda | in bello contra Turcas proprietas | erat Comitis | Nicolai ultimis | ex stirpe | ZRINYI | decapitatis | 1680 | Deinde proprietas | Francisci Ultimi Comitis Csikulinyi | postea in familia | Sermage | Comitum Petri | I Troylli Henrici | Ottonis Arthuri. 39* 294 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Diese Inschrift weist zwei in die Augen springende II. Band. So lässt sich das Schicksal der Peter von Zrin «Schnitzer» auf, denn erstens wird ein Nikolaus als der letzte Zrin bezeichnet, und zweitens lässt ihn die Inschrift im Jahre 1680 enthauptet werden. Meiner unmassgeblichen Meinung nach könnte das Schwert wohl ganz gut Besitz eines Mitgliedes der Familie Zrin gewesen sein, doch führt die Ver knüpfung der Namen Nikolaus Zrin und Ciccolini auf eine ziemlich glaubwürdige Vermutung bezüglich der Geschicke des fraglichen Schwertes. Nikolaus VI. Graf von Zrin (1625) war ein arger Verschwender und Trunkenbold gewesen. Anstatt als Haupt der Familie Hab und Gut zusammenzuhalten, verschenkte oder verschleuderte er zahlreiche seiner Güter in un vernünftigster Weise; so verpfändete er beispielsweise das einträgliche Gut Pribic um einen unverhältnis mässig geringen Betrag an den Kapitän des kroatischen Küstenlandes Georg Ciccolini (Cikulin, Csikulinyi), nachdem er ihm früher schon das Gut Grobnik im Rausche geschenkt hatte. Kann unter solchen Um ständen nicht leicht der Fall eingetreten sein, dass auch das fragliche Schwert durch diesen Nikolaus an den erwähnten Ciccolini gekommen ist, woraus im Laufe der Jahre eine gern geglaubte Legende entstand, die auch zu der teilweise irrtümlichen und anachronistischen Inschrift auf der Schwertklinge führen konnte? Auch aus der knappen Thatsächlich keit mit der Dr. Szendrei dieses Objekt angeblich Zrin scher Provenienz kommentiert, lässt sich der Schluss ziehen, dass er der supponierten Abkunft des Schwertes nur kühlen Zweifel, in Schweigen um gesetzt, entgegenbringt. Der unter No. 818 des Szendreischen Werkes verzeichnete angebliche Säbel des Helden von Szigeth entspricht nach der gegebenen Beschreibung keinem der in dem obigen Verzeichnisse erscheinenden Säbel, was der Vermutung Raum verleiht, dass er entweder, wie der Helm (Nr. 817), schon früher, d. h. vor der Katastrophe der Familie von Zrin, in eine der kaiser lichen Sammlungen gelangt oder aber der Kon f iskations-Kommission nicht Vorgelegen hat. Nachdem die Millenniums-Ausstellung in Budapest in nicht genug zu rühmender und nachahmenswerter Tendenz alles, was auf die vaterländische Geschichte und Vergangenheit im Laufe des verflossenen Jahr tausends Bezug nahm, aus Nah und Fern heran ziehend zu umfassen und zu umspannen trachtete, und dies speziell bei den wenigen, die Grafen von Zrin betreffenden Objekten in dankbarer Erinnerung an diese für Ungarn und Kroatien gleich denkwürdige Familie, wie dies aus Szendreis Werk hervorgeht, in besonders pietätvoller Weise zu Tage tritt, so kann man überzeugt sein, dass alles auf diese Familie Be zügliche, also auch die von ihr herstammenden und vorhandenen Waffen, in Budapest zur Ausstellung gelangt sind. Wie aus dem von uns versuchten Nach weise entnommen werden wolle, ist jedoch wahr scheinlich keiner dieser wenigen Gegenstände als aus der Konfiskationsmasse herrührend anzusehen. schen Waffen kurz darstellen: Konfisziert, verdorben, verschleppt, in Privatbesitz übergegangen, wo sie nur ein untergeordnetes Dasein fristen dürften, da von ihrem Vorhandensein nichts bekannt geworden ist. Ich glaube noch hervorheben zu sollen, dass in den angesichts des bevorstehenden nahen Lebens endes verfassten letztwilligen Verfügungen Peter von Zrin auch einige seiner Waffen erwähnt: . . . Filio relinquo «frameam, quam in occa sionibus portavi; fuit Solimani imperatoris, demum Bathorii regis Poloniae et per Rakoczium devenerat in meas manus; est apud dominum colonellum tenentem civitatis guard. vienen. Petrum Hugart. Praeterea «clavam argenteam •>, quae est apud Spankau,1) «a sua maiestate mihi donatam, quam avus meus Georgius Zrin. parens Georgii, patris mei, a Sassuar-Passa in conflictu est lucratus ...» Penultima die vitac meae.2) Petrus a Zrin. Ob Johann Anton, der «filius relinquus», in den Besitz dieser Waffen seines Vaters getreten ist, ist mir nicht weiter bekannt geworden. — Anhang. Die erwähnten, anlässlich der Katastrophe der Geschlechter Zrin und Frangepan zu Tage getretenen, durch die in Kroatien damals kommandierenden Generale und höheren Offiziere, wie Herberstein, Souches, Spankau, Paradeiser, Sauer, wie nicht minder den Grafen Nikolaus Erdödi verübten, Aergernis erregenden, von der Konfiskations-Kom mission wahrheitsgetreu geschilderten Missbräuche, veranlasstcn Kaiser Leopold I. 1672 im Wege des Hofkriegs-Rates eine strenge Untersuchung nach den Schuldigen einleiten zu lassen. Die in dieser Angelegenheit vorhandenen Akten liefern über das Schicksal der verschleppten Zrin schen Waffen ein interessantes, reichhaltiges Material, doch kann wegen Raumbeschränkung nur dies oder jenes Detail gebracht werden. So giebt ein beeideter Zeuge an, dass aus Legrad auf der Mur-Insel die Untergebenen des Generals Spankau und des Obersten Leslie Waffen jeder Art (arma omnis generis) fortgetragen hätten; in Buccari wurden zu Schleuderpreisen 280 schöne lange Barbaresken-Gewehre vergeben; die Burg Kri zanj giebt 18 lange Gewehre an die Beutelustigen ab; das Schloss Bribir deren 43, sowie noch «plures huius modi sclopos, pulveres et plumbum et unum tympanum militare (Heerpauke)». Aus Ribnik wurden unter andern fortgeschleppt 47 Musketen, 60 Pulver-Büchsen, zwei kleine Ge schütze samt Lafette, zwei Mörser u. s. w. Ozalj gab seiner Grösse und Pracht entsprechend auch eine bedeutende Beute an Waffen und Aehn *) General Spankau, der das Schloss Tschakathurn be setzte. 2) 29. April 1671. ,8. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. lichem ab, unter andern seien erwähnt: ein silber 295 einfacherer Art; Hunderte von Säbelklingen ohne verg-oldetes Pferdegeschirr, das mit kostbaren Edel steinen geschmückt war; die Zügel ebenfalls silber vergoldet und mit 59 Türkisen und 166 Rubinen und Smaragden geziert; ein Schwert, silbervergoldet; desgleichen ein solches, Kordec genannt; eine Säbel scheide aus purem Silber; Armbrüste mit Pfeilen, Köchern aus Silber- und Goldarbeit; andere ähnliche Köcher von schöner Arbeit; Wehrgehänge von kost barer Ausführung für deutsche und andere Schwerter; acht prachtvolle Gewehre, viele Säbel und Gewehre Griff; vier Stück vergoldete schöne Brustschilde; Speere zum Erlegen von Bären; Hellebarden mit ciselierter Arbeit; 30 Mörser und Kanonen, seidene Fahnen; einfache Fahnen; Sättel, Schabracken sonder Zahl u. dgl. m. Tschakathurn, das als ständiger Aufenthaltsort der Grafen Zrin in letzter Zeit wohl am besten ein gerichtet gewesen sein wird, wird in diesen Zu sammenstellungen nicht erwähnt; dort hatte General Spankau längere Zeit sein Hauptquartier. Eine alte Abhandlung über Geschossgeschwindigkeit. Von A. Meyer, Oberleutnant im königl. sächs. Infanterie-Regiment No. 178. fm Besitz der Bibliothek des königlich sächsischen Generalstabes in Dresden befindet sich unter B VII 1045 e>ne Handschrift, betitelt: «Kurtze und Gründliche Abhandlung von der wahren und Scheinbah ren Bewegung derer Bomben. Heraus gegeben von Heinrich Kühn. Dantzig MDCCXXXV». Ich benutze die mir seitens der Generalstabsbibliothek erteilte Erlaubnis zu einer Besprechung dieser Abhandlung, die in mancher Beziehung Bemerkenswertes aufweist. Die bei den Figuren in Klammern stehenden Zahlen geben die Numerierung der Zeichnungen des Originals an, welche keineswegs alle wiedergegeben werden mussten, da einige von ihnen von Dingen handeln, die heute jedem Gebildeten geläufig sind. Dr. Heinrich Kühn, geboren am 19. Novbr. 1690 in Königsberg, war von 1733 bis zu seinem Tode, 6. August 1769, Professor der Mathematik am Akademischen Gymnasium zu Danzig1) und er lebte die Belagerung, welche Danzig 1734 infolge der polnischen Thronfolgewirren und seiner Partei nahme für Stanislaus Leszczynski zu erdulden hatte. Während und nach dieser Belagerung sind nun, wie ich in vielen der mir von der Danziger Stadtbibliothek freundlichst zur Verfügung gestellten Schriften nach lesen konnte, die abenteuerlichsten Nachrichten über Bewegung und Wirkung der Bomben von Mund zu q Geschichte des Akademischen Gymnasiums in Danzig von Dr. Theodor Hirsch, Professor. Diese Schrift ist mir durch die Güte der Archivverwaltung und der Stadtbibliothek zu Danzig zur Verfügung gestellt worden, wofür ich gern an dieser Stelle meinen besten Dank ausspreche. Mund gegangen und haben, wie es scheint, die Ge müter ziemlich stark erhitzt. Zur Klärung der vielen Zweifel und zur Bannung abergläubischer Ansichten suchte Kühn durch seine Abhandlung- einer ver nünftigen Ueberlegung Bahn zu brechen, und hierzu scheint mir die Schrift auch sehr gut geeignet zu sein, denn sie ist sehr klar geschrieben, und wenn ich mir erlaube, in dem oder jenem Punkte anderer Ansicht zu sein, so liegt es mir fern, das Verdienst des seligen Professors verkleinern zu wollen. Zuerst giebt Kühn an, was -ihn zu seiner Ab handlung veranlasst: «Das traurige Anschauen der Bombardirung, welche diese gute Stadt in dem verwichenen Jahr bey der auf g Wochen langen Belagerung hat erfahren müssen, hat sowohl damahls als auch nach der Zeit bey ihren Ein wohnern zu einigen Streit Fragen gelegenheit gegeben, worüber die meisten sich nicht haben vergleichen können. Der grösste Haufen war der Meynung, die Bomben kähmen nach einer geraden Linie herauf gestiegen, und f ielen nachdem sie ihre Höhe erreichet, gantz gerade zu, oder senkrecht herunter. — Eben so stark wurde ge glaubet, die Bomben wichen im Herunterfallen aus ihrer vorigen Bahn, nach welcher sie sehr nahe auf den Zu schauer anzukommen schienen, und dreheten sich nach gehends vorwärts etliche.(unleserlich) weit nach der Seiten weg. Dieses fand noch mehr Beyfall, als von vielen berichtet wurde, sie hätten eine Bombe ge radezu nach der rechten Seite eines gewissen Kirchthurms ankommen sehen welche sich aber ohnweit des Thurmes dergestalt gewendet, dass sie gleichsam einen halben Circul umb denselben beschrieben, indem sie forne den Thurm vorbey, darauf nach dessen linker Seite gegangen und endlich sehr weit abwärts zur linken Hand des Thurms niedergefallen; Wiewohl andere der Meynung waren, man müsste diesen Zufall nicht zu der ordent lichen Bewegung der Bomben rechnen, sondern ihn viel mehr vor ein Wunderwerk annehmen wodurch Gott das Unglück von dem Kirchthurm hätte abwenden wollen.» 2QÖ Zeitschrift für historische Waffenkunde. Gegenüber solchem Wunderglauben stellt nun II. Band. wesentlich von der wirklichen, so sehr sich mancher Kühn zunächst fest: «Es ist bey den Gelehrten eine ausgemachte Sache das alles seinen zureichenden Grund oder Ursache haben muss, warum es so und nicht anders ist.» Ob unser Professor, wie mannig fach die Mathematiker, als gottlos verschrieen war, weiss ich nicht, immerhin ist ein solcher Ausspruch eines schlichten Schulmeisters bemerkenswert zu einer Zeit, wo der Wunderglauben in der Vorstellung der Massen wie in der Praxis der Gerichte noch keines wegs überwunden war, und man gar wohl durch freie Meinungsäusserungen in den Ruf eines Lästerers kommen konnte. Dem nicht mathematisch gebildeten Leser führt Kühn nun die Gesetze der Trägheit, des Falles und der Bewegung auf schiefen Flächen auf und abwärts vor. Die Darstellung ist etwas umständlich, doch liegt dies nur an der damaligen Schreib- und Sprech Fig. 4 (9) weise, die logische Entwickelung der Gedanken ist durchaus klar und ansprechend. — Indem er zu- nächst ganz von dem Einfluss des Luftwiderstandes absieht, zeigt dann unser Professor, dass, «wie solches der berühmte Plorentinische Mathematiker Galilaeus ...schon vor mehr als hundert Jahren, zuerst aus fündig gemacht hat», die Bahn der Bomben eine Parabel sei. Kühn ist der Ansicht, dass hieran der Widerstand der Luft auch sehr wenig ändere, und geht deshalb auf diesen nicht näher ein. Der Grund ist klar: es war damals ebensowenig wie heute der Einfluss der Luft auf das praktische Schiessen so ge klärt, dass man ihn mathematisch feststellen konnte. Wir werden weiter unten sehen, dass Kühn die Nicht beachtung des Luftwiderstandes etwas zu weit treibt. Bis hierher reicht der vorbereitende Teil der Arbeit, und Kühn geht vom 13. Abschnitt ab auf die Nutzanwendung über. Die scheinbare Bahn der Bomben, «die man, wie bekannt, wegen der an gezündeten Brand-Röhre (Zünder), bey Nacht in Augenschein nehmen kann», unterscheide sich auch sträuben möge, das, was er mit eigenen Augen gesehen habe, einfach als Täuschung hinzunehmen. « .. . man trauet insgemein seinen eig nen Augen gar zu viel zu, auch wo es nicht seyn solte, und bedenket nicht alle mahl, dass man in grossen Weiten und Höhen, weder die wahre Grösse eines Dinges, noch seine wahre Gestalt, noch seinen wahren Orth, noch seine wahre Bewegung durch den blossen Augenschein haben kan, sondern dass darzu grosse Vorsichtigkeit von nöthen sey, um aus der scheinbahren Vorstellung einer Sache auf die wahre ver nünftig zu schliessen . . .« Damit dieses der Leser könne, erklärt Kühn, nachdem er eine Anzahl optischer Täuschungen aus dem alltäglichen Leben angeführt, zunächst den Seh winkel. Ein und dasselbe Ding — Fig. i (6) — sieht von O kleiner aus, als von o; und zwei verschieden grosse Dinge, D F und d f — Fig. 2 (7) — erscheinen aus O gleich gross, weil unter demselben Sehwinkel gesehen. Und cs kann den Anschein gewinnen, als sei ein Gegenstand H I grösser, als ein anderer hi, während das Umgekehrte der Fall ist, wie aus Fig 3 (8) ohne weiteres ersichtlich. «Hieraus fliesset ferner,» fährt der Verfasser in Abschnitt XVII fort, «dass grosse Höhen, nach oben zu, immer je mehr und mehr vorwerts überzuhangen scheinen müssen, und zwar solches desto merklicher, je näher das Auge bey dem Fuss der Höhe sich befindet.» Da in Fig. 4 (9) c e unter einem kleineren Seh winkel gesehen wird, als CE, so muss es, obwohl beide gleich sind, kleiner erscheinen, «folglich lasset es nicht anders, als wenn der Punkt c der senkrechten Linie eo näher, und also auch näher über unseren Haupt wäre, als der vorige C, folglich muss der obere Theil des Thurms Cc gegen den unteren Theil CB gerechnet, vorwärts übergebogen zu seyn scheinen». Ich glaube, dass diese Ansicht Kühns nicht ganz unbestreitbar ist, betone jedoch, dass es mir sehr angenehm und interessant wäre, wenn ein Mathematiker oder Physiker folgende Bemerkung 8. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. berichtigen oder widerlegen wollte: warum soll sich 297 meynt. Weil nehmlich das Auge in O die zwischen C die optische Täuschung gerade derart äussern, dass c näher an e herangerückt erscheint, und nicht so, dass e näher an c rückt? c ist ein für das Gesicht markierter Punkt, — Turmecke, — e dagegen ist ein angenommener Punkt, auf dem das Auge nicht ruhen kann. Folglich wird man, meiner Ansicht nach, eher geneigt sein, die gedachte Senkrechte Oe sich etwas vorwärts beugen, «überhangen» zu lassen, als die feststehende, greifbare Senkrechte B c, um so mehr, als es bekanntlich sehr schwierig ist, ohne irgend welchen Ruhepunkt für das Auge senkrecht in die Höhe zu blicken. — Auch muss ich gestehen, dass ich bei freistehenden Bauten nicht das Gefühl habe, als ob der obere Teil Über hänge, selbst nicht bei dichtem Herantreten. Eher scheint mir dies der Fall zu sein, wenn man an der P einen Seite einer engen Gasse steht, wo also der Punkt e markiert ist. Ich komme weiter unten bei der Anwendung von Kühns Satz noch einmal auf diese Frage zurück. Weiterhin wird sich auf grosse Entfernungen — Fig. 5 (10) — eine krumme Linie PRSQ im Auge nicht von der geraden Linie P T V Q unter scheiden, ebensowenig wie die Teile der krummen Linie von den entsprechenden Teilen der geraden. Die bisher erwähnten optischen Täuschungen bezogen sich auf einen Beobachter. Geradezu ein Wirrwarr entsteht aber, wenn zwei oder mehr Be obachter von verschiedenen Punkten aus verschie denen optischen Täuschungen unterliegen und dann vermeintlich wahrheitsgetreue Berichte machen: «Endlich ist noch zu erinnern : Wenn eine Sache C — Fig. 6 (11) — aus verschiedenen Orten O und o zugleich von ihrer Zweyen gesehen wird, dass alsdenn keiner von Beyden die Sache C in ihren wahren Orte siehet, sondern dass jeder einen andern, oftmahls sehr weit abgelegenen Punct D und E siehet, wo er die Sache C zu sehn ver und D liegende Linie CD und das Auge in o die zwischen C und E liegende Linie CE gar nicht erblicken kann, und also die Oerter C und D ingleichen C und E vor einerley gehalten werden.» Nunmehr ist so viel Material zusammengetragen, dass Kühn an die eigentliche Aufklärung der wunder baren Nachrichten über die Bahn der Bomben gehen kann. In Fig. 7 (12) ist ACDEFGB die wahre Bahn einer Bombe, O das in der Schussebene be f indliche Auge des Beobachters. Es wird nun, wie in Fig. 5 (10), der grossen Entfernung wegen den Anschein haben, als sei A C D E eine gerade Linie A c d E. In der zweiten Hälfte der Geschossbahn hört diese Täuschung nach und nach auf. Das Auge ist jetzt der Bahn der Bombe näher und kann erkennen, dass sie eine gekrümmte Linie ist. Damit ist eine durchaus brauchbare Erklärung für die Täuschung gegeben, «die Bomben kämen nach einer geraden Linie heraufgestiegen». Diese Ansicht teilten übrigens damals auch Leute von Bildung; man meinte, die Kraft des Pulvers sei so gross, dass sie die Schwerkraft eine Zeitlang völlig aufhebe. Um die Täuschung, als fielen die Bomben, «nachdem sie ihre Höhe erreichet, gantz grade zu, oder senkrecht herunter», zu erklären, führt Kühn folgendes an: «Ja es kan sich gebühren, dass es dem Zuschauer Vorkommen muss, als wenn die Bombe, wenn sie in der Bahn schon niederzusteigen angefangen, endlich gar senkrecht herunterfiele. Es sei — Fig. 8 (13) — das Auge in O und ohnweit B sey ein Thurm, oder anderes hohes Gebäude BC, so lasset es (laut Num. XIX)1) nicht anders, als wenn die Bombe F bey dem Puncte f und die Bombe G bey dem Puncte g anzutreffen wäre, folg lich muss es dem Zuschauer in O vorkomen, als wenn die Bombe nach der senkrechten Linie f g B herunter f iele. Hergegen wenn das Auge in o wäre so würde diese Erscheinung keine statt finden.» *) Siehe oben Text zu Figur 6 (11). 29S Zeitschrift für historische Waffenkunde. Bisher wurde nur von der Gestalt der Geschoss II. Band. veränderlich ist, weiss Kühn, darauf deutet sein «bey bahn gesprochen. Jetzt geht es an die Erklärung der verschiedenen verkehrten Ansichten über die Geschwindigkeit der Bomben in den verschiedenen Teilen ihrer Bahn. In Abschnitt XXII sagt Kühn über dieses für den damaligen Stand der Wissen schaft äusserst schwierig zu behandelnde Problem: «Es ist aber auch die scheinbahre Geschwindigkeit der Bewegung einer Bombe von ihrer wahren Geschwin digkeit merklich unterschieden, und zwar auf ver schiedene Art, nachdem man diesen oder einen andern Ort wählet, woraus man dieselbe betrachtet. Man nehme z. E. in der Bomben Bahn — Fig. 7 (12) — sechs gleich grosse Theüe an, nehmlich AC, CD, DE, EF, FG GB, und setze, die Bombe kähme in den drey ersten Secunden von A bifs C. Weil nun die Bombe (wie man erweisen kan) in ihrer Bahn bey nahe mit einerley Geschwindig keit fortgehet, so wird sie in den andern 3 Secunden von D bis E nach ihrer wahren Geschwindigkeit fort rücken. Es sey aber das Auge in O, so ist der erste Theil der Bahn AC weiter von dem Auge O entfernet, als der andere Theil CD, diesser hinwiederum weiter, als der dritte DE, folglich muss der erste Theil AC uns kleiner Vorkom men, als der an dere Theil CD, dieser hinwiede rum kleiner, als der dritte D E. Da man also in O dafür halten muss, dass die Bomben in den 3 ersten Secun den einen klei neren Theil von ihrer Bahn zu rückleget als in den andern 3 Se cunden, und in diesen abermahl einen kleinern Theil, als in den folgenden 3 Secunden, so kan man in O nicht anders meynen, als dass die Bombe zu Anfänge langsam und nachgehends immer geschwinder sich in ihrer Bahn fortbewege. Und eben daher kommt es, dass man in einer bombardirten Stadt (woselbst allemahl das Auge O näher bey B als bey A ist) insgemein glaubet, eine Bombe bewege sich würklich, so lange sie steiget langsam, hergegen im Fallen schiesse sie herunter wie ein Pfeil. Die Belagerer aber, ausser der Stadt, deren Auge in O allemahl näher bey A als bey B ist,1) werden dieses nicht nachsprechen können, sondern in O muss es ihnen Vorkommen, als wenn die Bombe zu Anfänge, als wie ein Pfeil in ihrer Bahn hinaufstiege, nachgehends aber immer langsamer herunter f iele. Und demnach hat keyner von beyden recht, sondern wenn man von der Sache reden will, wie sie an sich würklich ist, so muss man sagen, dass sie in ihrer Bahn bey nahe immer mit gleicher Geschwindigkeit fortgehe. Denn das ist, zum wenigsten bey den Mathematicis, eine ausgemachte Sache, dass eine Bombe in gleicher Zeit auch gleichweit vorwärts in ihrer Bahn-Weite kommen müsse.» Hier wird sich nun die moderne Ballistik kaum mit unserem Professor einverstanden erklären können. Dass die Geschwindigkeit des Geschosses nicht un *) Nein! Denn es wird auch auf sie geschossen. nahe» hin. Wenn er trotzdem seine Folgerungen auf der Annahme stets gleicher Geschwindigkeit auf baut, so mag das, wenigstens für den aufsteigenden Ast der Flugbahn, insofern kein allzu schlimmer Fehler sein, als die Verzögerung durch den Luft widerstand bei Wurfgeschossen geringer ist, als bei Flachbahngeschossen. Für den absteigenden Ast jedoch hätte Kühn die Beschleunigung durch die Schwerkraft berücksichtigen müssen, welche bei der bedeutenden Höhe des Scheitelpunktes starke Wirkung hat und die Ansicht, «die Bombe schiesse beim Fallen herunter wie ein Pfeil», zu einer ganz berechtigten macht. Man sicht, dass selbst bei den Gelehrten die ballistischen Kenntnisse zu jener Zeit noch keine rechte Klärung gefunden hatten; die Artilleristen hatten als einzig sicheres Mittel, um Schiessregeln festzustellen, die praktische Probe, während heute die theoretische Berechnung die Praxis wesentlich vorbereitet und abkürzt. Betreffs der Ansicht, dass die Bombe zuerst aus ihrer Bahn etwas abwiche und dann wieder in diesel be zurückkehre, äussert sich Kühn in Abschnitt XXIII folgendermassen: «Wann aber das Auge O oder o Fig. 9(14) sich ziemlich weit seitwärts ausser der Bahn-Weite AJ befindet, oder, wie man insgemein redet, ziemlich weit seitwärts ausser der Linie» ist, so weicht die scheinbahre Bahn der Bombe, noch viel merklicher von der wahren Bahn ab, als Num: XX gedacht'2) worden. Es lasset nemlich in O oder o nicht anders, (zumahl wenn man beyde Örter A und J angemerket, von woher sie geschossen worden, und wo sie würklich hingefallen) als wenn die Bombe, so lange sie im Steigen war, immer mehr und mehr, aus ihrer ordtentlichen Bahn vorwärts nach dem Scheitel des Zuschauers hin sich gedreliet, im Fallen aber sich mehr und mehr abwärts von dem Scheitel des Zuschauers, nach ihrer ordtentlichen Bahn wieder hingewendet hätte: so dass, nach diesen scheiii bahren Zug der Bombe zu urtheilen, ihre Bahn-Weite nicht mehr die gerade Linie AJ, sondern eine krumme Linie AMXJ seyn würde. Die Ursach dieser wunder bahren Erscheinung ist aus Xum: XVIII3) abzunehmen. Es sey nemlich Fig. 9 (14) die Parabel ABCDEFGH, die wahre Bahn einer aus A hergeschossenen und in J hingefallenen Bombe, AJ ihre wahre Bahn-Weite. Es sey ferner das Auge O oder o und o p1) in einer Standt-Linic KL, welche von AJ allenthalben gleichweit abstehet, so dass nehml: die Entfernungen ob, oc, 0I1, 2) Siehe oben Text zu Fig. 7 (12). 3) Siehe oben Text zu Fig. 4 (9). *) = u. s. w. 8. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. gleich gross sind, Bb aber sey die Höhe der Bombe in B, Cc die Höhe derselben in C, p1) welche Höhen von A bis 299 Zuletzt giebt Kühn eine sehr einleuchtende Er an den Punct E, imer zunehmen, von E aber biss nach J wieder abnehmen. Da also die Höhe B b, unter dem Winkel Bob, die grössere Höhe Cc unter einen grösseren Winkel Cocp1) gesehen wird, so muss, (laut Num: XVII)2) die Bomben in C stärker vorwärts gegen O überzuhangen scheinen, als vorhin, da sie in B war; in D noch stärker vorwärts Uberhangend gesehen werden, als vorhin, da sie in C war; in E — weiter vorwärts, als in D, her gegen in F muss sie schon weniger vorwärts übergebogen scheinen, als vorhin in D. Das ist, die Bombe in F, scheint sich wieder rückwerts tiberzubügen; in G, lässet sie noch weiter abwerts gebogen, als in F, in H noch weiter abwerts gebogen als in G p.1) Wenn man nun dieses zusammen betrachtet so kommt die gedachte schein bahre Abweichung der Bombe von ihrer Bahn heraus. Eben diese Erscheinung findet noch in grossem Grade statt, wenn das Auge in der Linie KL beständig in O, und zwar näher bey B als bey A angenommen wird,3) nur dass alsdann die Bombe nicht eben in E, sondern weiter gegen F oder G,2) sich erst abwerts zu wenden scheinet...» Kühn hat es bei Abfassung dieses Abschnitts offenbar etwas eilig gehabt. Im Text sind ihm ver schiedene Schreibfehler passiert und in der Figur hat er wichtige Buch staben vergessen. — Sachlich komme ich hier auf die Zweifel zurück, wel che ich oben bei Besprechung der Fig. 4 (9) äusserte. Erschien mir schon dort die optische Erklärung für das «Ueberhangen» an fechtbar, so halte ich die Darlegung nach Fig. 9 (14) für gekünstelt und, was die Flauptsache ist, für unnötig. Eine Erschwerung liegt ausserdem darin, dass der Ver fasser viele Beobachter zugleich in seiner Zeichnung angegeben hat. Thatsächlich brauchen wir, glaube ich, überhaupt keine Erklärung für das scheinbare Abweichen der Bombe aus ihrer Bahn. Nehmen wir nämlich den Beobachter in o4 — Fig. 9 (14) — an, so kommt die Bombe, bis sie E erreicht hat, nicht nur scheinbar, sondern thatsächlich dem Beschauer immer näher und entfernt sich dann wieder von ihm. Wenn also die belagerten Danziger in ihrer Angst und Aufregung in etwas übertriebener Weise erzählt haben, «die Bomben wichen im Herunter fallen aus ihrer vorigen Bahn, nach welcher sie sehr nahe auf den Zuschauer anzukommen schienen, und dreheten sich nachgehends... nach der Seiten weg», — — so liegt dem etwas ganz Thatsächliches zu Grunde, und der Annahme einer optischen Täuschung bedarf es wohl nicht. *) = u. s. w. 2) Siehe oben Text zu Fig. 4 (9). 3) Hier muss man Fig. 7 (12) mit zu Rate ziehen. klärung über Eindrücke, die das Auge empfängt, je nachdem, ob die Aussicht frei ist oder nicht: «Wenn man bey Erblickung einer Bombe, von ihrer scheinbahren Höhe urtheilen will, so kommt es nicht allein darauf an, ob man wenig oder mehr von ihrer Bahnweite (das ist, von der Linie) entfernet ist, sondern man muss auch einen Unterschied machen, ob die Aus sicht nach der Bombe völlig frey, oder zum Theil ge hindert ist. Es sey — Fig. 10 (15) — BA eine senkrechte Linie, die man gantz übersehen kan; in B sey eine Bombe, und A der zugehörige Punct in der Bahn weite oder Linie, so ist AB ihre wahre Höhe, die sie in den Punkt B hat; Es seyn ferner in verschiedener Weite von A drey Zuschauer, einer in J, ein anderer in G, noch ein anderer in H, welche in eben demselben Augenblick nach der Bombe in B sehen; so siehet man die Höhe der Bombe BA in J, unter dem Winkel BJA, in G unter einen kleinern Winkel BGA, in H unter einen noch kleinern BHA, demnach ist,.. klar, dass die Bombe inj am höchsten, in G schon niedriger, und in H am niedrigsten, zu stehen scheinen müsse. Wenn aber die Aussicht durch ein vorstehendes Gebäude EF, zum Theil gehindert ist, so verhält es sich mit den scheinbahren Höhen der Bombe, Uber dem Gebäude gantz umgekehret. Denn in J siehet man die Bombe B bey dem Punct E (weil nehml: zwischen E und B nichts vorhan den ist welches in das Auge strahlen könte) und also scheinet die Bombe B nur so hoch zu stehen, als das Gebäude FE ist; her gegen in G siehet man die Bombe schon höher stehen, als das Hauss FE ist, denn der Punct c wird ge sehen bey E und also so hoch als FE, und da B höher liegt als C, so sieht man BE, als einen Ueberschuss der Höhe, über die Höhe EF unter dem Winkel EGB oder CGB. Eben so ist klar, dass in H noch ein grösserer Ueberschuss BD über die Höhe EF unter einen grossem Winkel EHB oder DHB gesehen wird.» Nach Vorführung einiger Beispiele über die Be rechnung der Flughöhe der Bomben nach Fig. 10(15) schliesst Kühn seine Arbeit «mit dem wohlgemeynten Wunsch, dass der liebe Gott, vor dergleichen Land und Stadt-Plage, welche zu dieser Untersuchung von den Bomben Gelegenheit gegeben, diese gute Stadt bis auf ihre späten Nachkommen gnädig lich bewahren, und ihr den dabey erlittenen Schaden, durch einen gesegneten Frieden reichlich ersetzen wolle». Kühns Schrift ist nicht die Hinterlassenschaft eines epochemachenden Gelehrten. Aber sie ist uns in ihrer ganzen Abfassung und ihrem einfachen In halte nach ein Beispiel, wie viel Zeit und Mühe der Menschengeist gebraucht hat, um wissenschaftliche Lehrsätze, auf denen wir heute ganze Berufsthätig keiten gründen, — wie hier die der Ballistik — klar auszubilden. Ueber hundert Jahre vor Kühn hatte schon «det berühmte Mathematicus Galilaeus» die Gestalt der Flugbahn als eine Parabel wissenschaft lich entwickelt, eine, wie wir heute wissen, nur be 40 300 Zeitschrift ftir historische Waffenkunde. dingt richtige Ansicht. In Kühns Schrift sehen wir, II. Band. gedacht», aber wir müssen davor bewahrt bleiben, trotz der Klarheit der Entwickelung des Themas, so manche Lücke, die nach dem damaligen Stande der Forschung noch nicht auszufüllen war; und heute, fast 200 Jahre später, ist noch keineswegs ein Ab schluss in den Hauptfragen der Ballistik erreicht: man denke nur an den Luftwiderstand! Es ist lehr reich, «zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann uns in Selbstüberhebung zu rühmen, «wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht». Professor Kühn hat seine Wissenschaft dazu ver wandt, um der Mit- und Nachwelt zu nützen, nicht um in Bücherweisheit und Formelkram unterzugehen. Insofern ist er auch uns und unserer jungen Wissen schaft ein Beispiel. Noch ein Beitrag in der Fringia-Frage.1) Von Dusan von Preradovic, kaiserl. und königl. Fregattenkapitän in Pola. |ch neige auch zu der Ansicht hin, dass das auf Säbelklingen des 16. und 17. Jahrhunderts häufig auftretende Wort «Fringia» höchstwahrscheinlich türkischen Ursprungs sei und füge hinzu, dass es auch bei den Süd slaven, hauptsächlich bei den Kroaten und Serben, nicht unbekannt ist. Als unverdächtigen Zeugen hier für führe ich das von der «Südslavi schen Akademie in Agram» herausgegebene Lexikon der kroatischen oder serbischen Sprache an. Im III. Bande(S. 71) dieses monumentalen Wörter buches wird für das Wort «Frendija» (lies Frend schija) folgende Erklärung gegeben: «Frendija» fern, im Volksliede unserer Zeit für die Bezeichnung eines Turmes gebraucht, türkisch firengi d. i. fränkisch, europäisch, also ein Turm nach europäischer, west ländischer Art gebaut. Beispiel: Vjerne sluge kona prihvatise, zeta vode na frendiju kulu (oder zu deutsch: Die treuen Diener ergriffen das Pferd, den Schwieger sohn führten sie zum fränkischen Turm). Soweit das Wörterbuch. Natürlich ist hier nur ein Beispiel von Tausenden geboten. Ich bin über zeugt, dass, wenn man sich der Mühe unterziehen wollte, die sehr zahlreichen kroatischen und serbi schen Heldengesänge und Volkslieder auf das Wort «frindija» oder «frendija» zu untersuchen, man auch auf Zusammenstellungen wie frendija sablja (Säbel nach fränkischer, europäischer Art erzeugt) u. s. w. stossen würde. Diese kleine auf das Gebiet der Sprachwissen schaft weisende Andeutung kann uns vielleicht als Fingerzeig dienen, den türkischen Ursprung des in Rede stehenden Wortes festhaltend, dass es nicht sowohl von Osmanen, als vielmehr von siidslavischen Mohammedanern in Türkisch-Kroatien, Bosnien, der Herzegowina u. s. w., aus dem türkischen firengi, dem slavischen Lautgesetze folgend, Konsonanten zu häufen, gebildet wurde. Das Wort «fringia» kann meiner Anschauung nach folgende Entstehungs- bezw. Verbreitungsge schichte gehabt haben: Bei südslavischen Moham medanern mag im 16. Jahrhundert oder auch früher, eine erst noch nachzuweisende Säbelklingen-Gattung westländischer Provenienz besonderen Anwert ge funden haben, die, um von anderen Säbeln unter schieden zu sein, von ihnen speziell frindija (fringia), d. i. die Fränkische (da sablja, der Säbel, im Kroa tischen femininum ist) genannt werden mochte. Die mit diesen Mohammedanern in Kontakt kommenden Nachbarn: Kroaten, Serben, Ungarn *) Dass die Fringia - Klingen noch einmal in fernen Jahrhunderten, wenn auch nur in einem unblutigen Kampfe, geschwungen werden würden, hat sich der Klingenschmied, den wir noch immer nicht dingfest machen konnten, um ihm seine Herkunft und noch manches andere abzufragen, nicht träumen lassen. Aber zu eifrig wird ihm nachgesptirt, als dass es auf die Dauer dem Geheimnisvollen gelänge, uns immer wieder, wenn wir ihn zu halten glauben, zu entschlüpfen. Ein Rätsel wenigstens scheint mir jetzt gelöst: der Name Fringia wird sicherlich so zu deuten sein, wie Herr Dr. Erben es vorschlug. Die letzten Zweifel, die vielleicht noch der oder jener gehabt haben mag, müssen den Aus einandersei zungen gegenüber, die ich hier den Lesern zu bieten in der glücklichen Lage bin, verschwinden. Möchten sich auch die anderen Fragen bald in befriedigender Weise beantworten lassen! Jeder, der Thatsächliches beisteuern kann, sei willkommen! Denn eine junge Wissenschaft, wie die historische Waffenkunde, ist vor allem zu erschöpfender Bearbeitung von Aufgaben verpflichtet, über die Meinungsverschiedenheiten herrschen, schon damit sie beweist, wie heiss und ehrlich ihr Ringen um die Wahrheit ist. Das mögen die Leser bedenken, die vielleicht schon ängstlich seufzten: Fringia und kein Ende! Die Schriftleitung. 8. Heft Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. dürften nach und nach vom namhaften, geschätzten 301 vielfach, jedoch wohlgemerkt, da für den eigenen Fringia-Säbel gehört und mit der Zeit, ganz über sehend, dass es sich ja eigentlich hierbei nur um einen aus Europa stammenden oder einen solchen nachgebildeten Säbel handle, den fascinierenden Namen Fringia für derlei Waffen aufgegriffen und ihn für den leichtgekrümmten Säbel bei sich eingebürgert haben. Um aber gewiss dieser Waffe den Stempel des Exotischen unvergänglich aufzudrücken, mag sie Gebrauch bestimmt, nur in lateinischen Lettern mit der Klingenaufschrift «Fringia» u. s. w. versehen worden sein. Dies ist eine Hypothese, wie manche anderen in dieser Frage. Sie hat vielleicht das Eine für sich, dass auf das thatsächliche Vorkommen des viel gedeuteten Wortes im Volksepos der Südslaven mit Bestimmtheit hingewiesen werden kann. Zwei mittelalterliche Büchsen. Von Landgerichtsrat Engel in Thorn. ur Ergänzung Zeitschrift der in dieser erscheinenden grösseren Abhandlungen über mittelalterliche Feuer waffen dürfte die Bekannt gabe gleicher und ähn licher Stücke aus Privat besitz nicht unwillkommen sein. Es sei mir daher gestattet, zwei mir gehö rige Büchsen vorzuführen; vielleicht folgen andere meinem Beispiele. I. Handbüchse aus Kupfer oder Bronze, Aus grabung, mit dicker grüner Patina ungleichmässig überzogen, aus Pest. (Fig. 1.) In Wahrheit ist die Büchse etwas weniger zierlich, als sie sich auf der Ab bildung darstellt; auch die Mündung liegt nicht genau in der Mitte. Gesamtlänge 385 mm, Gewicht 1650 g. Die Büchse ist zum Aufstecken auf einen runden Holzschaft von 27 mm Durchmesser eingerichtet, Fig- I (VA Länge der Schafthülse 83 mm. (Vgl. Fig. 2, welche des Schaftes beim Rückstosse zurückgeführt werden; denn der Schaft ist wie bei der Marienburger Büchse (Band I, S. 130 dieser Zeitschr.) als von hartem Holze gefertigt und etwas dicker als die Schafthülse zu denken. Füllte nun das in der Hülse steckende vordere Schaftende nicht deren ganze Länge aus, war es also etwa nur 80mm lang, so musste beim Gebrauch der Büchse deren hinteres Ende 3 mm tief in das übergreifende Schaftholz zurückgestossen werden. — Eine zweite Möglichkeit, das beschriebene Aussehen der Büchse auf das Scheuern eines eisernen Bandes zurückzuführen, halte ich deshalb für aus geschlossen, weil bei Einsteckschäften ein solches Band zwecklos war, dasselbe auch eine regelmässige Abscheuerung herbeigeführt hätte. Das Kaliber beträgt 14 mm, jedoch ist diese WTeite nur etwa innerhalb der zwei ersten Absätze vorhanden; von da ab verjüngt sie sich nach hinten zu bis auf 11 mm, ein scharfer Absatz für die Pulver kammer ist innerlich nicht erkennbar, wohl aber mag 27Hvm Fig- 2 (VA dem Ladestocke der äussere Absatz als Merkzeichen den Durchschnitt des hinteren Büchsenendes wieder giebt.) Die Büchse verjüngt sich in drei verschieden langen Absätzen von achteckigem Querschnitt mit versetzten Kanten nach der Mündung hin, auch jeder Absatz in sich ist hinten dicker als vorne; die Seite des Achtecks am hinteren Ende ist 14, an der Mündung 9 mm breit. Das äusserste hintere Ende zeigt auf einer Breite von etwa 3 mm keine Patina, auch sind die Kanten hier zum Teil unregelmässig gebröckelt. Dies könnte wohl- auf eine Einwirkung gedient haben. Daraus ergäbe sich für den Flug eine Länge von ca. 190 mm, für die Kammer eine solche von ca. 100 mm; die Scheidewand zwischen Kammer und Schafthülse ist 11 mm dick. Das trichterförmige, oben fast 4 mm weite Zünd loch, welches äusserlich in der Mitte des hinteren Absatzes erscheint, muss als oben angebracht ange nommen werden. Dies ergiebt sich, abgesehen von den Analogien, auch aus der Erwägung, dass das Aufschüttpulver auf der schrägen Abflachung bei 40* 302 Zeitschrift für historische Waffenkunde. deren geringen Breite und bei dem Mangel einer II. Band. messer,' hinter welcher ein Absatz von gewundener Pfanne ebensowenig Halt gehabt hätte, wie etwa an der Seite. Ein Zielen würde die geringe Menge des oben aufgeschütteten Pulvers nicht verhindern, viel mehr bot darüber hinweg die obere Kante des mittleren Büchsenabsatzes ein sehr geeignetes Ziel 150 mm 25 mm j mittel, welches jede besondere Visiereinrichtung er übrigte. Zeitlich möchte ich die Waffe etwas früher als die Tanneberger und die Marienburger Büchse setzen, und zwar deshalb, weil das Mündungsende noch keine Verstärkung aufweist, wie bei den zwei letzteren. II. Grosse Hakenbüchse aus Schmiedeeisen, angeblich vor Neuss gefunden, welches 1474 von Karl dem Kühnen von Burgund vergeblich be lagert wurde. Die Büchse mag etwa dieser Zeit entstammen, dürfte ihrem Aussehen nach jedoch nicht ausgegra bensein. (Fig. 3.) Auch sie ist zum Aufstecken auf einen Holzschaft ein gerichtet, von welchem das in der 120 mm langen, 74 mm weiten Hülse steckende Stück, anscheinend Eichenholz, noch vorhanden ist. (Vgl. Fig. 4.) Ge samtlänge 1070 mm, Gewicht ca. 12,5 kg. Die Hülse sowie der vordere Teil der Büchse sind rund, das Zwischenstück achteckig. Das Rohr verjüngt sich nach der Mündung zu und ist hier 48 mm dick, jedoch mit einer ringförmigen Verstärkung von 70 min Durch Arbeit liegt. Auf der unteren Seite hat das Rohr einen starken, aus demselben Stück geschmiedeten Haken, welcher etwa in der Mitte liegt, so dass die Büchse zur Gewinnung eines angemessenen Schwer punktes einen ziemlich langen Schaft gehabt haben 70 mm muss. Vgl. Bd. I dieser Zeitschr. S. 130, Fig. 5 und S. 224, Fig. 14. Das 12 mm weite Zündloch befindet sich aut der rechten Abschrägung, welche hier 24 mm breit ist, also dem Aufschüttpulver, zumal bei der Weite des Zündloches, hinreichenden Halt gewährte. Oben konnte das Zündloch nicht angebracht werden, da die Büchse eine Visiereinrichtung besitzt. Der obere Rand des Mündungs ringes zeigt nämlich einen Längsemschnltt. (Fig. 6.) Vgl. S. 265, Nr. 4 u. 11. Diesem entspricht ein quadrati schcs Loch (9 : 9 mm) im oberen hinteren Büchsenende, 25 mm vom Rande entfernt; hier hat wohl ein Korn gesessen, denn zum Festhalten des Holzstieles durch einen Nagel, dessen unteres Ende noch in dem vorhandenen Holzreste steckt, diente ein zweites rundes Loch auf der rechten Seite, 40 mm vom Rande entfernt. (Fig. 3—5.) Die Weite der Mündung (Kaliber) beträgt 34mm, die Seelenlänge 925 mm, mithin die Dicke der Scheidewand nach der Hülse zu 25 mm. 8. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. 303 Die historische Waffensammlung der Stadt Wien im Zusammen hänge mit der militärischen Organisation der Stadt. Von Karl Schalk. (Fortsetzung.) I. Die Bürgerwehr und ihre Waffen in der Sammlung. (Mit 4 Abbildungen.)’) ie Wiener Verhältnisse zeigen den typischen Charak ter der Entwickelung in deutschen Städten.2) Die Geschichte der Wiener Bürgerwehr lässt sich in drei Perioden teilen. 1. Die älteste Zeit bis zum Jahre 1648, die Periode der Har nische. Alleiniges Bestehen einer Bürgerinfanterie. 2. DieZeitvon 1648 bis 1805, die Periode der Geschütze. Seit der Gründung einer Bürger artillerie im Jahre 1648 bis zur Reorganisation des Ge samtinstituts unter dem Einfluss der Franzosenkriege. 3. Die Zeit von 1805 —1848, die Periode der Uniformen. Einrichtung eines zweiten Bürger regiments zu Fuss, von Grenadierdivisionen, einer ständigen Bürgerkavallerie und Einbeziehung des 1741 gegründeten Korps der Akademie der bildenden Künste in die Bürgerwehr, bis zu deren Auflösung. ’) Bemerkungen zu den abgebildeten Stücken. Die dem Texte beigegebenen Abbildungen betreffen Waffen, die ein allgemeines Interesse darum beanspruchen dürften, weil sie wohl in Wien in Verwendung gekommen, aber da selbt weder angefertigt, noch, wenigstens die beiden Harnische, zunächst von Wienern getragen worden sein dürften. Hans von Siergenstein, der ursprüngliche Be sitzer des einen (Kat.-Nr. 382), soll nach Katalog S. 26 aus Kempten in Schwaben stammen. Nun wurde allerdings im Jahre 1639 ein Grossonkel Engelberts von Siergenstein, der am 15. Dezember 1747 Flirstabt von Kempten wurde und am 25. Mai 1760 starb (Haggenmtiller, Gesch. v. Kempten, Bd. II, S. 291—301) Christoph Giel von Gielsberg zum Abt gewählt (ebenda S. 177). Dieser war aber ein Sohn von Joachim Christoph, der seine altadelige Familie erst aus dem Skt. Gallischen nach Schwaben verpflanzte. Die Siergenstein kommen ihrerseits weder unter den bedeutenden Geschlechtern der Stadt aus den Jahren 1400—1525 (l..c. Bd. I, S. 572) noch unter dem Landadel der Umgebung vor. Auf dem Harnisch befindet sich in der Mitte zwischen Vor- und Zu namen als Schmiedezeichen ein Kleeblatt (Boeheim, Waffen kunde, S. 653)?. Der Trabharnisch (Kat.-Nr. 382) mit dem Spruche M o SOLA o SERA — EN MI o MEMORIA o A dürfte vielleicht mit der in der Oberkammeramtsrechnung des Jahres 1560 zum 26. November (Uhlirz in Ber. und Mitteil, d. A. V., Bd. XXX, S. 127) erwähnten identisch und beim Turnier von 1560 in Verwendung gekommen sein, aus Fran colin, Turnierbuch ist er aber nicht nachzuweisen. Ueber die Helmbarte (Kat.-Nr. 968) und ihre beiden AVappen vgl. den Text. 2) Liebe, Das Kriegswesen mittelalterlicher Städte in Deutsche Geschichtsblätter, Bd. I, S. 12—17. 1. Periode: Die älteste Zeit bis 1648. Die Bürgerwehr unterscheidet sich von den anderen städtischen militärischen Organisationen erstens durch den privilegierten, bürgerlichen Charakter ihrer Mitglieder, und zweitens durch den Umstand, dass sie allein auch in Friedenszeiten fortbestand, von Zeit zu Zeit gemustert wurde und neben einer kriegerischen, auch in Friedenszeiten eine repräsentativ-patriotische Thätigkeit anlässlich wich tiger, öffentlicher und privater Ereignisse im Herrscher hause entwickelte. Nach den beiden Seiten ihrer Thätigkeit zeigt sie einen verschiedenen taktischen Verband und das Bedürfnis nach teilweise ver schiedener Bewaffnung. Zu bemerken ist, dass der Ausdruck Bürger wehr ein durchaus moderner ist und dass es noch im 18. Jahrhundert (1740) von der ausrückenden Bürgerschaft heisst:8) „Die acht bürgerlichen In fanteriecompagnien“, und dass keine Gesamtbe zeichnung gewählt wird. Im Falle kriegerischen Auftretens der Bürger wehr wurde bis in die letzte Zeit ihres Bestehens festgehalten an den Stadtvierteln als Grundlage der untersten taktischen Verbände. Npr wurden im Laufe der Zeit, nach Weiss im Jahre 1666,3 4) die Stadt viertel in je zwei, ein altes und junges unterge teilt und je ein Unterviertel zur Unterlage einer Kom pagnie gemacht, deren Zahl infolgedessen auf acht wuchs. An den Fahnen werden wir diese Entwickelung verfolgen. An der Spitze der Bürgerwehr stand der Bürger meister; ein oberster Hauptmann, der im Solde stand, kann nur als ausnahmsweiser Vertreter betrachtet werden. So wird im Jahre 1452 Niclas Teschler als Bürgermeister und «obrister hauptman der stat rossvolk und fussvolk»5 6 *) bezeichnet und noch im Jahre 1810 kommandiert der Bürgermeister als «Oberster sämtlicher Bürgermiliz».0) Entsprechend dem Ober kommando, gab es auch eine Fahne als Symbol 3) Akt im Wiener St.-A. alte Reg. 27/1740. 4) AVeiss, Geschichte der Stadt AA’ien, Bd. II, S. 404. Im Jahre 1641 ist bei einer Musterung der allhiesigen Bürger schaft noch von vier Vierteln die Rede (Uhlir2 1. c. Bd. XXXI, S. 89.) Aus dem Jahre 1679 ist die Fahne der Altwidmer-Kompagnie erhalten (Kat.-Nr. 756). Die Unter teilung der ATertel fällt also zwischen die Jahre 1641 und 1679. 6) Schlager, AA'. Sk. Bd. X, S. 153. “) Akt im AATener St.-A. Hist. 9/1810. 304 Zeitschrift für historische Waffenkunde. der gesamten bewaffnetenBürgerschaftneben II. Band. eine Fahne der Jungkärntner-Kompagnie aus Viertelfahnen. Die Sammlung besitzt als eine der ältesten Reliquien eine alte Bürgerfahne (Kat. in Gruppe Nr. 385, derzeit restauriert in einem eige nen Glaskasten im Vorsaal), die wir vielleicht in das Jahr 1465 versetzen dürfen, ln der Kammeramts rechnung des Jahres 1465 findet sich nämlich die Ausgabenpost:1) Umb 12 eilen zendal von der stat zu dem vann des guidein adlers, so unser herr der Römisch Kaiser etc. gemainer stat geben hat,2 3) ein eilen per 80 den. facit4pfd den., umb 3 eilen zendal von der stat zu ziph per 75 den. facit 7 sol. 15 den. Von dem vann zu machen 14 den. Dem Kaschauer davon zu mailn 7-pfd 4 sol. den. Umb ain Stangen 3 sol. den. Gesammt kosten: 12 pfd 6 sol. 29 den. Eine andere Fahne wurde im Jahre 1529 von Leopold Maler gemacht «von neuem mit vier gülden adlern und vier Wiener schildt zu baiden saiten, auch ain alten fann ge pessert 12 pfd den».8) Bürgerfahnen allgemeiner Art sind in der Waffen sammlung noch-aus den Jahren 1699 (Kat.-Nr. 726) und 1740 (Kat.-Nr.- 1074) erhalten, vielleicht gehört in diese Kategorie auch noch die Fahne mit Jahres zahl 1825 (Kat.-Nr. 1139).4) Ausser diesen Fahnen als Symbolen der gesamten bewaffneten Bürgerschaft gab es noch Viertels fahnen für die Mannschaften der Stadtviertel (Kom pagnien). Auslagen für die «viertailvann» Weist schon die Kammeramtsrechnung des Jahres 14775) aus und zwar nach den Vierteln: «rot-weis, praun, grün und plab». Aus späterer Zeit enthält die Sammlung eine Fahne der Altwidmer-Kompagnie aus dem Jahre 1679 (Kat.-Nr. 756), eine Fahne der Jungwidmer-Kompagnie aus dem Jahre 1745 (Kat.-Nr. 1077), eine Fahne der Altschotten-Kompagnie aus dem Jahre 1745 (Kat.-Nr. 1076), eine Fahne der Altkärntner-Kompagnie aus dem Jahre 17646) (Kat.-Nr. 1141), !) UhlirZ 1. c. Bd. XXVIII, S. 44. 2) Damit ist hinge wiesen auf die Wappenverbesse rung des Doppeladlers durch den Wappenbrief vom 25. September 1461, besprochen von Graf Pettenegg in Geschichte der Stadt Wien, Bd. II,, S. 25. Anm. 2, abge bildet S. 24 Fig. 17. 3) UhlirZ 1. c. Bd. XXX, S. 106. Man wäre versucht diese Stelle auf die alte Bürgerfahne zu beziehen, die in vier Feldern vier Adler und vier Schilde (je zwei auf einer Seite) zeigt, aber der Stil scheint die Fahne noch ins 15. Jahrhundert zu verweisen. *) Der Katalog bezeichnet als Fahnen der Btirgerwehr auch Nr. 1378 und 1379, doch wohl nicht als solche des Ge samtkorps, fraglich ist, ob es solche nach 1805 überhaupt gab. 3) UhlirZ, 1. c. Bd. XXIX, S. 40. 6) Im Jahre 1764 wurde Joseph II. zum römischen König gekrönt. Damals dürfte die Bürgerwehr ausgerückt sein, und die Kompagnien, die keine in gutem Stande befindlichen Fahnen hatten, Hessen wohl aus diesem Anlass neue machen. dem Jahre 1764 (Kat.-Nr. 1073), eine Fahne der Jungstuben-Kompagnie aus dem Jahre 1764 (Kat.-Nr. 1142). Es fehlen also nur zwei Kompagniefahnen, näm lich solche des Jungschotten und Altstuben viertels. Eine Fahne der Schottenbrigade ist als im Jahre 1840 verloren gegangen ausgewiesen.7) Selbst als durch Schaffung des Regimentsver bandes, zuerst nachweisbar im Jahre 1797, die Kompagnieeinteilung und noch mehr die Viertel einteilung in den Hintergrund trat, erhielt sich noch die Erinnerung an die alten Viertel. Die Nationalgarde der Stadt (der heutige erste Bezirk) umfasste am 6. Oktober 1848 zweiundzwanzig Kompagnien, deren jede 200 Mann Garden enthalten sollte, in 4 Bezirke nach den alten Vierteln geteilt.8) Im Jahre 1444 wurden auch die vor den Thoren gelegenen Häuser, die der ersten Türkenbelagerung 1529 zum Opfer fielen, in Viertel mit je einem Vieramt eingeteilt9) und deren Bewohnern die Ver pflichtung zu «zirgkhen» (die Runde zu machen), «wachten» (die Wache zu halten) und «raisen» (ins Feld auszuziehen) auferlegt.10) Aus der Aufgebotsordnung des Jahres 140s11) ersehen wir, dass der taktische Unf.erverband der einzelnen Viertel die Meisterschaft der einzelnen Zünfte oder Zechen bildete, die den einzelnen Vierteln zugeteilt waren.12) Was nun die nicht Kriegszwecken dienende Organisation der Bürgerwehr betrifft, ihr Auf treten bei feierlichen Anlässen des Friedens, so hat man dabei von dem geschlossenen Auftreten der Viertelmannschaften abgesehen und die Waffen kategofien gleichartig Bewaffneter zusammengefasst. Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war für Wien eine festfreudige Zeit und es fehlte nicht an Gelegenheit zu friedlichem Ausrücken der Bürger schaft. Kaiser Ferdinand wurde bei seinem Einzuge nach der Kaiserkrönung in Wien am 14. April 1558 in feierlicherWeise von der Bürgerwehr einbegleitet.18) Der Zug bestand aus 6 Stück Falconets auf Rädern, 6Büchsenmeistern, «einem Spill trummel und pfeiffen, dem obristen hauptmann herrn von Pirsch, vier tra banten in einer färb, Georg Frey einem fünfzehnjährigen jüngling, zwey gliedern trabanten zu 6 personen, iren hauptleuten, 67 gliedern schützen, 46 gliedern ’) Akt im Wiener St.-A. Oecon. 40/1857. ä) D und er, Denkschrift über die Oktober-Revolution in Wien S. 73. 9) Schlager, Wiener Skizzen. Bd. V, S. 109. 10) Schuster in Geschichte der Stadt Wien, Bd. II/i, S. 465, Anm. 6. • n) Schlager, Wiener Skizzen. Bd. V, S. 29. 12) \y;en gehörte also in die Kategorie der Städte mit Heeresorganisation nach «Zünften und Bezirken», Nalimer, Die Wehrverfassungen der deutschen Städte, S. 37 ff. (Ab schnitt IV). 13) Schlager, Wiener Skizzen. Bd. I, S. 281 und UhlirB, Jahrb. d. allerh. Kaiserh. Bd. XVIII, Reg.-Nr. 15764. 8. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. langspiesser,1) 13 gliedt kurzgewehr2) mit der 30S Wahrscheinlich ist, dass diese Waffen von Trabanten statt wappen, 15 haubtleuth, 10 fenderich, 10 leyte nambt, 22 trabanten, 28 bäbel, 46 spilleut». Die Summierung ergiebt 2781 Personen (Schlager druckt 2881). Es dürfte wohl mit diesem Aufzuge Zusammen hängen, wenn im Jahre 1558 drei Personen eine ganze Woche an der Instandsetzung eines «ross kuriss» arbeiteten.3) Vielleicht ist dies der ganze getigerte (soll wohl heissen geligerte) Streit hengst unter Kat.-Nr. 505. Die Jahreszahl 1558 tragen zwei Trabantenhelm Landsknechtischer Harnisch des Hans von Siergenstein aus der ersten Hälfte des lö.Jahrb. Kat.-Nr. 192. barten mit F(erdinandus (R(ex) und burgundischem Kreuz (Kat. in Gr. Nr. 640—642 und in Gr. 688 und 689), ferner ein Spiess mit Monogramm Ferdi nands I. und gekröntem Andreaskreuz (Kat.-Nr. 674). l) Damit sind kaum die mit Kat.-Nr. 41 zuerst ange führten Langen Spiesse gemeint, da die Sammlung keine Langspiesse ftir das Fussvolk besitzt.-) Ein Unteroffizierkurzgewehr mit dem Bilde des Ge kreuzigten und Jahreszahl 1553 war vor dem Jahre 1848 in der Sammlung, ist seither abgängig (Akt im Wiener St.-A. Oecon. 40/1857. Das Kurzgewehr, eine Hälbpicke, ent sprechend dem Sponton, war schon in der Landsknechtzeit im Gegensatz zu den Langspiessen der Gemeinen die Waffe der Gefreiten. Jähns, Trutzwaffen S. 269. 3) Uhlirfc, 1. c. Bd. XXX, S. 122. und Leibwächtern Ferdinands 1. aus der Zeit seines Einzugs herrühren, die später so wie die schon be sprochenen Cousen durch Schenkung oder durch Ver kauf an die Stadt kamen. Dagegen, dass die Stadt sie machen Hess, sprechen die für diese und das vorhergehende Jahr erhaltenen Rechnungen, die keinerlei diesbezügliche Angaben enthalten. Die Stadt dürfte diese Prunkstücke, welchen Ursprungs sie auch waren, bei feierlichen Anlässen Bürgern zu tragen gegeben haben. Im Jahre 1560 wurden im Monat Juni in und Wällischer Trabharnisch aus der Zeit von 1560. Kat.-Nr. 968. ausserhalb der Stadt Wien vier Turniere gehalten zu Fuss und zu Ross,4) darunter ein Scharmützel, und zwar letzteres auf dem Obern Werd (heutiger 9. Bezirk) vor dem Schottenthore. Bei diesem war auch die Bürgerwehr beteiligt,5) indem «sieben fendiein knechte von der burgerschaft zu J) Francolin, Turnierbuch. #) Francolin 1. c. Fol. XXXVIII ff. Ob die Bürger auch beim torneamentum des Jahres 1515, das Cuspinian in seinem Tagebuch (Fontes rer. Austr. Abt. I, Bd. I, S. 408) erwähnt, etwas, zu thun hatten, ist mir nicht bekannt. Ueber ein im Jahre 1565 in Wien abgehaltenes Turnier berichtet Wolf Wolfrath, siehe die Zeitschr. Sammler, Jahrg. 1811, S. 322 ff. 3°6 Zeitschrift für historische Waffenkunde. fuess, ganz wol gerust in irer Ordnung» den Platz II. Band. Rüstungen die Prunkharnische der Sammlung Kat. bewahrten. «Diese kriegsleut, so under den fendiein gelegen, waren bey 3000, vast alle versuchte khriegsleut, welche in aller früe von der statt in gueter Ordnung hinausgangen und das (beim Schar mützel verwendete) geschütz mit inen gefuert.» Bei den Scharmützeln waren unter den Be rittenen auch vertreten «Ihrer Rö. Kay. Maj. härt schiere ». Das Rossturnier, das am 16. Juni seinen Anfang nahm, war ein Rennen «über die planckhen». Nun kaufte die Stadt am 6. August 1560, also nach beendetem Turnier, für die städtische Plarnisch kammer eine ganze Turnierrüstung1) von «einem der Kön. würde hartschier, Stephan Khitzinger, ge nannt, so von der Röm. Kais. Mt. mit dinsten in ander weg versehen worden, mit aller zugehörung um 10 thaler', in geld 11 fl 5 sol. 10 den». Es scheint also nicht unwahrscheinlich, dass wir in dieser Rüstung den sogenannten «Löwenritter» des Inventars vom Jahre 1821 (Kat.-Nr. 592),2) einen Harnisch mit Schraublöchern zum Anbringen für die Verstärkungsstücke zum neuen wällischen Gestech über die Pallia («die plankhen»),3) zu erblicken haben. Ausserdem kaufte die Stadt im selben Jahre von einem jungen Edelmann, «Röm. Kais. Mt hard schär, Wolf Rabitz genannt, aus der Schlesy eine schöne reiterische rüstung mit aller zuegehörung, so seinem anzeigen nach 18 taler gestanden, um 9 taler, in geld 10 fl 4 sol. den.»,4) und am 4. No vember «ein schönes, poliertes, gestreiftes Nürn bergerisch harnusch mit aller zugehörung von einem trabanten der Röm. Kais. Mt, so angezeigt, er hab ims selbs zu Nürnberg lassen schlagen, das 16 taler gekost, um 4 taler, in geld 4 fl 5 sol. 10 den.».5 *) Wir wagen nicht zu behaupten, dass unter diesen beiden ») UhlirZ, 1. c. Bd. XXX, S. 126.-) Manuskript im Wiener St.-A. Rep. 184, Xr. 46, S. 46 Xr. 11. «Dieser stellet einen deutschen Löwenritter vom Jahre 1623 vor. Er hat lederne Brusttaschen und ledernes Schurz mit blauen Bandeln eingefasst und eine lederne Kuppel. Sein Harnisch ist blank mit gelben Xagerln und bestehet aus einem Helm mit Visier, Halskragen, Brust und Rücken, Achsel-, Arm-, Schenkel- und Knieschienen, eiserne Handschuhe, mit Leder gefüttert und Beintaschen. Der ganze Brustharnisch enthält einen vergoldeten, eingeätzten Löwen. Das Visier, die Achsel, Ellenbogen, Handschuhe, Bein taschen und Knieschienen haben ebenfalls vergoldete Theile hievon. Zur linken Seite hanget ihm ein eisernes Schwert in der Scheide, in der rechten Hand haltet er eine grosse Turnierlanze, und hat Sporen an Stiefeln.» Auf diese Art Beschreibung bezieht sich wohl Demmins abfälliges Urteil über das bürgerliche Zeughaus in Kriegswaffen 2. Aufl. S. 14. Eine Rüstung mit Löwenköpfen, l'armure aux lions im Artilleriemuseum in Paris, Robert, Cat. Bd. II, S. 56, Xr. G. 50, sie wird als italienisch aus der Mitte des 16. Jahrhunderts bezeichnet. Ueber die Hartschiere siehe Ottenfeld und Teuber, Die österr. Armee, S. 7. 3) Böheim, Handbuch der Waffenkunde S. 564. 4) Uhlir2, 1. c. Bd. XXX, S. 127. 5) Ebenda. Nr. 593 und 594 zu begreifen seien.0) Im Jahre 1563.fand am 16. März der feierliche Einzug König Maximilians in Wien,7 *) und gleich zeitig mit der Eröffnung des grossen Herrenschiessens in Wiens) die Abreise von 6 Fendln Bürger nach Pressburg zur ungarischen Krönung des römischen Königs Maximilian unter dem Bürgermeister Herrman Bäir,-«veltobrister iber sechs fendlen burger» statt. Auch aus diesem Jahre besitzt die Stadt vier Trabantenhelmbarten mit F. R. und Reichsadler (Kat. in Gr. Nr. 643—645 und Nr. 647). Anlässlich der Hochzeit des Erzherzogs Carl von Steiermark mit Herzogin Maria von Bayern im Jahre 1571 in Wien9) zog der Rat «mit zehn fendlen; wolgeziert» unter Hans von Thaw, Bürgermeister und Obrister, einem Leutenambt und 10 Hauptleuten dem Erzherzog, der von Wiener Neustadt kam, entgegen. Auf Wirrichs Abbildungen befindet sich je ein Berittener (der Bürgermeister und die Plauptleute) umgeben von Bürgern mit Sturmhauben und Helmbarten. Die Bürger waren nach den Darstellungen überhaupt nicht in Rüstung, oder «diese lag unter dem goller, der zerschnitten war, so dass der harnisch durchscheinen konnte».10) Jeder Gruppe schreitet aber ein Bewaffneter in Halbrüstung mit Sturmhaube, Brust- und Rücken harnisch, Bauchschienen und an diese geschnallten geschobenen Schenkelschienen (Krebsen)11) und langem Spiess voran. °) Ein mit Jahreszahl 1560 versehener Harnisch aus der Zeit des Turniers, der höchst wahrscheinlich dem Caspar von Vels gehörte im Landeszeughaus von Graz, Graf Meran, D. L. Z., S. 26 ff; im Inventar von 1590: «Geezter khyris» genannt. 7) UhliräS, Jahrb. d. a. K. Bd. XVIII, Reg.-Nr. 15778. Er wurde «von der burgerschaft mit freidenschüssen, zwaien gegenziigen alter und junger kriegsleut ganz ansechenlichen empfangen». Lanzknechtische Form «zu claidung» wurden in der Zahl von 385 von Haus zu Haus geschickt und ausgeteilt. s) Flexel, Das grosse Herrenschiessen, herausgegeben von Camesina, S. 45 und 75. 9) Wir rieh, Ordentl. Beschreibung des christl. Bey lags des Erzherzog Karolen mit Maria, Herzogin zu Bayern den 26. Augusti 1571. 10) Xach der Beschreibung der Turnierrüstung Erz herzog Carls in Francolin 1. c. Fol. Xlb. u) Xach dem Sprachgebrauche der Wiener Kammeramts rechnungen bezeichnet Krebs einen Theil der Rüstung, und zwar die geschobenen Brust- oder Schenkelschienen oder beide zusammen. Zum erstenmale ist die Bezeichnung erwähnt in der Rechnung des Jahres 1456: «Krebs oder halbplatten». In der Rechnung Uber die Zeit vom 24. Ok tober 1552 bis 1553 sind ausgewiesen als angekaufte «harnasch von den lantzknechten in herzog Maritzen abzug an zahl 153, zum tail stuck und krebs, diechling', zum tail armbzeug und Sturmhauben» (UhlirZ, 1. c. Bd. XXX, S. 118). Im fahre 1559: «Harnasch mit aller zugehörung als: rück und krebs mit paintaschen, stählen kragen und Sturmhauben». (Ebenda S. 125.) Die ganzen Krebse sind im ganzen geschobene Harnische, vgl. Böheim, Führer durch die kaiserl. Waffens. Nr. 237, 243, 290, 293. 8. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. Charakteristisch ist namentlich die Gruppe des 3°7 und 967—970) mit je einer Wappendarstellung auf Hauptmanns und Fleischhauermeisters Stänzl (Stanis laus) Blaw. Der Harnisch des Bewaffneten in Halb rüstung' entspricht der Kat.-Nr. 595- Bei diesem Ein züge ist wie bei jenem im Jahre 1558 keine Spur der Einteilung der Bürger nach dem taktischen Viertelverbande zu finden, sondern er vollzog sich in Gruppen nach Waffengattungen, wie «Die Ord nung der Bürgerschaft beim einzug» (Fol. Dz) beweist: «Ihr führer trugen knebelspiess,*) zwei glieder schützen sah ich wol, zwei spiel ich hie auch nennen sol, darnach der glieder also vil, wie ich hernach anzeigen wil: Ein glied spiess, 2 glied hel barten; darnach sein geritten etlich hauptleut, hernach wide rumb 2 glied helbarten, ein glied hackenschützen, her nach widerumb 2 hauptmänner mitsambtdem herrn obristen, 120 glied schützen, ein paar spielleut, 38 glied spiess, 2 glied knebelspiess, 2 glied schlacht schwert» u. s. w. Aber diese von den Vier teln absehende Zugsordnung beweist nichts gegen das Fort bestehen der Vierteleinteilung, die uns ja anderweitig bezeugt ist, da Wirrich selbst die vier Fendriche, als deren ersten Hans Schilmaier, abbildet. Beim hochzeitlichen Einzug Erzherzog Carls am 24. August wurden nach dem Zeugnisse der Kammeramtsrechnung der «Bür gerschaft harnisch und wöhrn aus dem Zeughaus geliehen».* 2) Mit Jahreszahl 1571 befinden sich in der Sammlung eine Helmbarte Kat.-Nr. 649, eine zweite mit M(aximilian II.) und jeder Seite des Beiles an. Der gespaltene Schild mit geharnischtem Ritter und Löwen dürfte vielleicht das Wappen des Johann Kalenberger bei Wirrich Fol. G2 sein, das unter den «Wapenmessig wapen etlicher befelchsleut, so ihren hauptleuten nachgesetzt sein sollten», sich befindet. Das vierfeldige Wappen erinnert an das des Tiroler Geschlechts der Fueger von Friedberg.3) Ueber die Feldzüge der Wiener im 15. Jahr hundert haben Schlager und nach ihm Kutzlnigg eingehend gehandelt. Hervor zuheben scheint dabei nur, dass es sich bei den Kämpfen ausser Wien wohl zumeist um von der Stadt gedungene Söldner handelt, und die Bürger haupt sächlich bei der Verteidigung des heimischen Herds, der Stadt selbst, in den Jahren 1477, 1485 und 1529 in Frage kommen. Unter den Verteidigern der Stadt gegen die Türken im Jahre 15294) befanden sich 19000 Mann zu Fuss und 2000 Reiter, dann noch Spanier, deren Fahne vom Jahre 1523 in die Samm lung gekommen sein dürfte und subKat.in Gr. Nr. 3 88 auf bewahrt wird, und tausend Wiener Bürger. Von den vier Biir gerkompagnien standen an fänglich zwei unter Johann von Greiseneck und Leonhart Hauser beim Schottenthore in Verwen dung, während die anderen zwei Kompagnien unter dem Bürger meister Wolfgang Treu und dem Stadtrichter Paul Pernfuss für die Aufrechthaltung der Ordnung, die Pflege der Verwundeten und die P’euerwache zu sorgen hatten. Von den Waffen, die die Helmbarte aus der Zeit Reichswappen Kat.-Nr. 604 und Spiess Kat. in Gr. Nr. 60. Kat.-Nr. 968. Der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gehören von 1571 Bürger während der ersten Pe riode im Kriege trugen, kom men in Betracht als Trutzwaffen: Armbrust, Feuerwaffen und Schwert, und als Schutz neun reichgeätzte Helmbarten (Kat.-Nr. 960—965 1) Jahns, Trutzw. S. 183. Abb. Taf. X, Nr. 8 und 9. 2) Uhliris 1. c. Bd. XXXI, S. 72. Die Bürger veran stalteten auch dem König Mathias anlässlich seines Einzuges als Statthalter Ungarns und des Erzherzogtums Oesterreich am 14. Juli 1608 einen feierlichen Empfang, bei dem sie aus rückten, Ber. und Mitth. d. A. V. Bd. IX, S. I23ff. Die damals in zehn Fähnlein ausgerückte Bürgerschaft umfasste nach dem Berichte Holzmüllers 5000 Mann und 300 deutsche Handelsleute, dann die gleiche Zahl WälsChe und Nieder länder, die in Wien Niederlagen hatten, zu Pferde, «in einer liberey geklaidt». Ueber die Ritterschaft der «löbl. burger schaft war herr Daniel Moser des innern stattraths rittmaister». waffen: Harnisch und Setztartsche (letztere auch als Söldnerwaffe). Von den Feuerwaffen fallen in die Zeit Hand- und Hakenbüchsen und Musketen mit Lunten schlössern und Radschlössern.5) Die Sammlung besitzt s) Siebmacher, Wappenbuch [1657] Teil I, S. 42. Das letztere Wappen auch auf einem Spiess mit Jahreszahl 1573 im Grazer Landeszeughaus; Graf Meran 1. c. Taf. XXX, Fig. 1, nicht erklärt. 4) Kutzlnigg 1. c. S. 336 und 342. 5) In Oesterreich seit 1518 nachweisbar, siehe Polizei ordnung im Archiv für österreichische Geschichte Bd. XIII, S. 239. 41 3°S Zeitschrift für historische Waffenkunde. keine Armbrüste für den Kriegsgebrauch, sondern nur II. Band. Klingen mit Namen weisen auf einen Solinger Meister zwei deutsche Jagdarmbrüste aus dem 16 Jahrhundert (Kat.-Nr. 700 und 701) und drei Balästern (Kat.-Nr. 722). Das Museum besitzt ferner nur einen messingenen Hakenbüchsenlauf Kat.-Nr. 141; ‘) ein zweiter sub Kat.-Nr. I32a (Eisen) ist dem Heeresmuseum ent lehnt; sonst besitzt die Sammlung von datierten Feuerwaffen vor 1648 nur eine Muskete mit Jahres zahl 1556 in neuerer Schrift (Kat.-Nr. S87), italienische Reiterpistolen mit Jahreszahl 1567 (Kat.-Nr. 703 und 704), zwei Radschlosspistolen mit Jahreszahl 1581 (Kat.-Nr. 720 und 721) und eine gezogene Rad schlossbüchse von Mathes Mantl mit Jahreszahl 1648 (Kat.-Nr. 715). Tausend Stück Musketen mit der Jahres zahl 163g und «dem brand und bemerkung der statt Wien» lieh diese im Jahre 1706 als halber vierter 'Stand den niederösterr. Verordneten nach dem ausgeschriebenen Aufgebot.* 2 3) Sie erhielt dieselben nicht zurück, sondern wurde mit Geld ent schädigt. Im 18. Jahrhundert modernisierte man die Schlösser der älteren Zeit; als Beleg dient das Ge such des Rates an die Hofkammer, expediert den 15. November 1722,®) worin dieser daraufhinweist, dass .«sich im burgerl. zeughauss an derzeit nicht mehr üblichen mousqueten eine anzahl von 1350 circa befunden»; sie seien deshalb auf den Ge danken verfallen «selbe ad modernam formam bringen und mit flintenschlössern versehen zu lassen, zu deren beyschaffung sie dann nicht allein von Zell in Sachsen,4) sondern auch auf annoch ermanglende 500 stuck hinten und so vil abgängige bajonetes von Augspurg die würkliche bestellung gemacht haben». Ein zweites Ansuchen,5 6) expediert den 23. April 1724, betrifft 1200 Flintenschlösser, die in Zell bestellt wurden, um damit 1200 Stück Mousqueten mit Luntenschlössern umzuschäften. Von Schwertern sind Bidenhänder oder Schlachtschwerter in grösserer Anzahl (295 Stücke und dazu 8 Klingen) vorhanden; die Meisterzeichen auf denselben, wie auf Stangenwaffen, die im Katalog publiziert sind, sind zum geringsten Teile erklärt.0) *) Abgebildet zu Kutzlnigg 1. c. S. 330, Fig, 8. Unter den Büchsenlieferanten war im Jahre 1497 Sebald Pögl am Törl bei Aflenz (Uhliris 1. c. Bd. XXIX, S. 50). Ueber ihn Böheim in Zeitschr. f. h. W. Bd. I, S. 171 und Bd. II, S. 239. *) Akt im Wiener St.-A. alte Reg. 112/1706. 3) Konzept im Wiener St.-A. alte Reg. 127/1722. *) Zelle im 16. und 17. Jahrhundert berühmt wegen Gewehrfabrikation, Ossbahr, Kat.des Zeughauses in Schwarz burg Xr. 870. 5) Konzept im Wiener St.-A. alte Reg. 55/1724. 6) Graf Meran 1. c. S. 86 teilte das im Kat. Fig. 12 abgebildete Schmiedezeichen dem in der Zeit von 1568—1599 als thätig nachweisbaren Peter Schreckseisen aus Wald-Neu kirchen bei Steinpach an der Steyr und das als Fig. 69 ab gebildete dem in den Jahren 1578—1607 nachweisbaren Pangraz Taller, Bürger und Waffenschmied an der Sulz bei Steyer zu (1. c. S. 88). Die Beschauzeichen der Städte Waid hofen an der Ybs (Mohrenkopf) und Steier (Balkenschild) Namens Stantler7) (Kat.-Nr. 83, 103, 119, 125, 128, 129, 132 und in Gr. Nr. 583); auf Nr. 83 ist auch ein Schmiedezeichen (Kat. S. 15 Fig. 15). lyn Schwert trägt die Jahreszahl 1628. Von Solinger Meistern ist (Kat.-Nr. 1270) auch vertreten Peter Munich mit der Klinge eines Haudegens aus der Zeit von 1615 bis 16288 *) und einer zweiten nicht datierbaren (Kat. Nr. 789 und 790), dann mit einer Hirschfängerklinge mit Bischofskopf (Kat.-Nr. 1270). Die Sammlung besitzt nur vier ganze Harnische, von welchen zwei unter den Prunkwaffen schon be sprochen wurden (Kat.-Nr. 592 und 593). Die ältesten ganzen Harnische der Sammlung («Kürisse») sind ein vollständiger gotischer Rciterharnisch5) (Kat.-Nr. 24) und ein voll ständiger Maximiliansharnisch10) (Kat.-Nr. 14). Von diesen beiden Stücken ist nicht zu eruieren, wann sie in die Sammlung kamen, und es lässt sich auch keine Vermutung darüber anstellen, wer sie getragen habe. Von den halben Harnischen aus der Zeit Maximilians I. ist Kat.-Nr. 50 abgebildet.11) Bedeutenderes Interesse beanspruchen die mit Jahreszahl 1546 versehenen,, im Kataloge als «Bürgerharnische» bezeichneten landsknechtischen Halbharnische Kat.-Nr. 187—191, 195, 197, 198, 199, 285 in Gr. 296, 297, 298 und 299, zusammen 14 Stücke, und mit Jahreszahl 1571 Kat.-Nr. 306 bis 308, 326-329, in Gr. Nr. 390—404, 529 ad 532, in Summa 12 Stücke, und ausserdem die Sturmhauben Kat.-Nr. 302, 310, 311 in Gr. Nr. 312, 313, 314: 7 Stücke. Die Harnische des Jahres 1546 haben «der Stadt Wappen, numero und jarzal» von Augustin Hirschvogel cingeätzt. Es waren ursprünglich 68 Stücke, von diesen bezog die Stadt 60, und zwar «rück und krebs sambt den achsein und sturm erfahren wir aus Urkunde vom Jahre 1544 in Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterr. Jahrg. I, S. 129 Nr. 81. Auch die Wiener Messerer führten den Balkenschild, zum Unterschiede von den Steirern mussten sie den Schild rot und den mittleren Strich weiss aufschlagen (Jahrb. d. a. K. Bd. XVII, Reg. Nr. 15234). 7) Nach Ehrenthal, Führer durch das historische Museum in Dresden S. 155 und 272, arbeitete er um 1560. Bei Cronau fehlt der Name. s) Beschrieben von Böheim, Meister der Waffen schmiedekunst S. 149. 9) Böheim, Waffenkunde S. 149, abgebildet als Harnisch der Bürgerwehr in Weiss, Geschichte der Stadt Wien Bd. I, Taf. XVI zu S. 372, und zu Kutzlnigg 1. c. Taf. XVI. Als naheliegendes Vergleichsmaterial: Böheim, Führer durch die kaiserl. Waffens. Nr. 41, 43 und 45, Böheim, Ein goth. Feldharnisch in Zeitschr. f. li. W. Bd. I, S. 210 aus der Zeit zwischen 1480 und 1490, ferner eine St. Florian brunnenstatue mit Jahreszahl 1498 vom Graben in Wien in den städt. Sammlungen Abt. II, ygl. Engelmann im Wien. Neuj. Alman. 1898, S. 65, und Dürer, Ritter, Tod und Teufel aus dem Jahre 1513. 10) Böheim, Waffenkunde S. 152. Vergleichsmaterial: Böheim, Führer Nr. 67, 121 und 128 und Kasser, Der Harnisch des Lorenz Colman aus der Zeit zwischen 1490 und 1508 in Zeitschr. f. h. W. Bd. I, S. 34. u) Zu Kutzlnigg 1. c. Taf. XVII. .8. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. hauben» zum Einheitspreise von 7 fl 4 sol. den. per 309 Von den zahlreichen Setztartschen der Samm Stück von Georg Zimerman.* * 4) Es ist aber bei Ver gleich zwischen den Angaben der Rechnung und den aufgesteliten Harnischen zu bemerken, dass in der Rechnung von Sturmhauben die Rede ist, während die Harnische der Sammlung geschlossene Helme, zum Teil sogenannte Burgunderhelme, aufweisen, die wohl nicht ursprünglich zur Rüstung gehörten. Von den 48 Rüstungen, auf die Georg Schmidt im Jahre 1571 das Stadtwappen eingeätzt hat, sind 12 Stücke vorhanden.2 6) Indem man Jahreszahl, Wappen und Nummer auf den Stücken anbringen liess, wollte man zweifellos den städtischen Besitz sichern, wenn man die Stücke im Kriegsfälle oder bei feier lichen Gelegenheiten an Bürger auslieh, wie dies für die Hochzeitsfeierlichkeiten Erzherzog Carls bezeugt ist. Man unterschied solche Harnische von anderen, die man auf Wiederverkauf kaufte wie im Jahre 1556, da man 127 Harnische «sarribt kragl und taschen und 87 Sturmhauben und pekhenhauben», die man in den letzten drei Jahren seitens der Stadt erworben hatte, um 6 fl. per Harnisch verkaufte.8 9) Man mag die Halbharnische des Jahres 1546 von dem Standpunkte aus Bürgerharnische nennen, weil sie für den Gebrauch der Bürgerwehr dauernd erworben wurden, nicht aber, um eine besondere Art von Harnischen mit besonderer Facon damit zu be zeichnen; in letzterem Sinne gab es keine besonderen Bürgerharnische. Die Halbharnische des Jahres 1546 sind vielmehr Landsknechtharnische nach der Mode der Zeit, wie überhaupt die Bürgerwehr jeweilig die Waffen benutzte, die eben gang und gäbe waren. Von den Kugelbrüsten sind noch 18 Stücke aus dem 15. Jahrhundert und 35 aus dem 16. Jahr hundert in der Waffensammlung.4) •) Uhlirü 1. c. Bd. XXX, S. x 16. ä) Uhlirü 1. c. Bd. XXXI, S. 72. 3) Uhlirü 1. c. Bd. XXX, S. 121. Erzherzog Mathias weist auf diese Sitte aus zweiter Hand zu kaufen hin in einem Kaiser Rudolf II. erstatteten Vortrage, (XXIX, 3). 10. Waffengeschichtliche Miniaturen aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Lands berg, 1159—1180. Mit dem vergangenen Jahre 1900 ist ein Werk, das vor 27 Jahren begonnen wurde, nun vollendet worden, ist der « Hortus deliciarum » der Herrad von Landsberg uns neu erstanden! Das Original dieses wunderbaren Bilderkodexes ist bekanntlich 1870 beim Bombardement Strassburgs mit der Strassburger Bibliothek verbrannt, uns heute also gänzlich ver loren. Aber Faksimiles, welche teils schon im ersten Viertel des XIX. Jahrhunderts Engelhard, teils später Graf Bastard und andere genommen hatten, haben als zwei Drittel des einstigen Bestandes, in guten Kopien gerettet. Diese Faksimiles hat unsere «Ge sellschaft zur Erhaltung der historischen Denkmäler im Eisass » unter der Leitung der Canonici A. Straub und G. Keller gesammelt und in einem grossen Folio-Tafelwerke, das sich aus 113 Tafeln und 103 Textseiten zusammensetzt, einem weiteren Studium zugänglich gemacht.1) Für die mittelalterliche Ikonographie, Kostüm geschichte u. s. w. ist dies Werk von grösster Be deutung; hier möchte ich nur auf dessen eminenten Wert für die Geschichte der Waffenausrüstung hinweisen, indem ich eine Anzahl Faksimile-Cliches zum Abdruck bringe, welche nach dem obigen Werke hergestellt sind und teils dem Prospekte der Verlagsfirma Schlesier & Schweikhardt, teils meiner Schrift über den Odilienberg entnommen sind.2) Der Hortus deliciarum entstand auf dem Odilien berg im Kloster zu St. Odilien, wo Herrad von Lands berg im 12. Jahrhundert Aebtissin war. Nach Canonicus Keller sind als Herstellungszeit dieses Bilderkodexes die Jahre 1159 bis 1180 anzunehmen. Die Minia turen sind zum grossen Teil symbolischen Inhaltes, veranschaulichen aber sichtlich getreu Gewänder, Waffen, Sitten, Werkzeuge etc. des XII. Jahrhunderts. Neben Genauigkeit der Darstellung zeichnen diese Miniaturen sich aber auch durch Schönheit aus und es giebt wohl wenig lebensvollere Darstellungen eines Reiterkampfes des XII. Jahrhunderts als das hier unter Fig. 8 wiedergegebene Miniaturfaksimile, in welchem wir zwei feindliche Reitertruppen auf einanderprallen und sich mit Spiess und Schwert bekämpfen sehen (Forrer, Odilienberg, Tafel XV). Die Ritter tragen teils nach oben spitze, teils oben abgerundete Helme mit langen Nasenschutzstangen. Fig. 8. >) «Hortus deliciarum par l'abbesse Herrade de Lands berg; publie aux fais de la societe pour la Conservation des 2) Vgl. R. Forrer, Der Odilienberg, seine vorgeschicht lichen Denkmäler und mittelalterlichen Baureste, seine Ge monuments historiques en Alsace; texte explicatif par les chanoines A. Straub et E. Keller. 113 pl. et 103 pages de texte explicatif. . Strasbourg, Schlesier & Schweikhardt. schichte und seine Legenden. Strassburg i. E., Verlag von K. J. Trübner, 1899. 312 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Besonders interessant ist der Helm des vordersten II. Band. | Sporen sind Stachelsporen; die Steigbügel haben ovale Reiters der linken Seite, weil hier statt der Nasen stange ein förmliches Visier das Gesicht bedeckt; es ist eine Eisenplatte, die wie die Nasenstange am Helme unbeweglich festsitzt, aber das ganze Gesicht deckt und nur die Augen freilässt. Unter den Helmen tragen diese Kriegsleute den Kopthaubert, Fig. Form und sind durch die unter der Trittstange ange ! brachten zwei Füsse beachtenswert. Die Sättel haben die in jener Zeit allgemein üblichen hohen Rücklehnen, darunter reich verzierte Satteldecken. Prächtig sind die langen, spitz zulaufenden, oben breiten und wagrecht abschneidenden, stark gewölbten Flolzschilde, die 9 Fig. io. der den ganzen Kopf deckt, nur die obere Ge sichtspartie freilässt, eben jene Teile, welche bei dem erwähnten Visierhelme durch eine halbkreis- ! förmige Platte zu sichern versucht werden. Der Ringhaubert reicht bis zum Knie und wird hier durch Ringhosen abgelöst, die aber nur auf der Vorderseite der Beine Eisenschutz tragen; die Rück seite scheint lediglich aus Leder zu bestehen. Die der Reiter an ledernen Achselriemen trägt. Zumeist sind diese Schilde glatt, d. h. ohne Verzierung noch 1 Wappen, doch' tragen einzelne gelegentlich wagrecht oder schräg gelegte Ornamentstreifen — als Aus zeichnung, wenn auch nicht als ausgesprochenes «Wappen» (vgl. Fig. 9). Die Schwerter zeigen ovalen Knauf, breite Klingen mit abgerundetem Ende und starker Parierstange, deren Enden bald mehr, bald 8. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. weniger über die Klinge herausragen. Die Scheiden 313 innere Seite des Schildes dargestellt und erhalten wir scheinen aus Leder zu sein und hängen an ledernen Riemen an der Linken des Kämpfers. — Dieselben Schild-, Schwert-, Haubert- und Helmformen beob achten wir auch auf allen übrigen Miniaturen des Hortus deliciarum. Auf einem Kriegswagen (Fig. 10) tragen die Kämpfer abwechselnd Helme mit rundem und mit spitzem Scheiteldach. Bei der letztem Art ist die Spitze zumeist leicht nach vorn geneigt, bei den gewölbten Helmen lassen senkrechte Parallel linien aneinandergereihte Eisenschienen vermuten. Der vorderste Krieger in jenem Wagen trägt einen Pfeilbogen und in der Linken eine Hülse, die wohl den Pfeilköcher darstellt. — Auch die symbolischen Frauengestalten (Fig. 11) sind in Waffengewänder jener Zeit gehüllt und zeigen Helme, Schilde, Haubert und Riemenwerk in instruktiver Darstellung. Insbesondere gilt das für die hinterste Figur, deren Helm durch eine Krone ausgezeichnet ist; bei ihr sehen wir die einen Einblick in dessen oberes Riemenwerk. Typisch sind auf diesem Bilde auch die Lanzen mit ihren Querknebcln, Formen, die auf die karolingischen Knebelspiesse zurückgehen. — Auf einer weiteren Mi niatur (Fig. 12) ist die Berennung einer Burg dargestellt. Krieger ohne Helme, lediglich durch Ringhaubert und Schild gedeckt, legen mittelst brennender Fackeln Feuer an die Holzteile der türm- und zinnenbewehrten Burg. Schon brennt deren von einer ziegelbedeckten Kuppel überragter Mittelbau lichterloh; die weib lichen Insassen jammern und drohen im Qualm zu ersticken. Die männlichen Verteidiger schleudern aber immer noch von den Zinnen herab Steine auf die Belagerer. Von diesen letzteren spaltet eben einer mittelst einer Axt das mit Eisenbändern be wehrte Eingangsthor, unbekümmert um die auf seinen Helm und auf den als Rückendeckung ver wendeten Schild schockweise niederfallenden Steine. 314 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Sturmbereit sehen wir auf demselben Bilde andere II. Band. ein Studienmaterial, das wie die Tapete von Bayeux Krieger abgebildet mit Spiessen und Feldzeichen, letztere mit teils langen, an den Enden zweigeteilten, teils hohen und schmalen Fahnentüchern versehen, die allerlei Ornamentwerk ohne ausgesprochenen Wappencharakter tragen. — In der hier skizzierten Weise sind auch die anderen sehr zahlreichen Krieger darstellungen des Hortus deliciarum ausgerüstet — für das Ende des 11. Jahrhunderts, so dieses für die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts für die Waffen kunde von ganz eminentem Werte ist und für dessen Herausgabe die wissenschaftliche Welt der Gesell schaft zur Erhaltung der geschichtlichen Denkmäler im Eisass und den beiden Autoren Straub und Keller grössten Dank schuldig, ist. Mitteilungen aus der Renaissance-Abteilung der Kaiserlichen Eremitage zu St. Petersburg. Von Staatsrat Eduard von Lenz. (Fortsetzung.) VI. Stab-Ru ie Kaiserliche Eremitage be sitzt ein Exemplar dieser auch in anderen Museen vorkommenden, dem Stockdegen verwandten Waffe, welche vielleicht weniger häufig für den Kriegsgebrauch als zum Schutze in unsicherer Umgebung, wie z. B. auf der Wanderschaft, bestimmt w'ar und wohl nicht selten auch dem Manne eine handliche Angriffswaffe liefern sollte, wo die Umstände es ihm verboten, sich be waffnet zu zeigen. Bei denkbar einfachster Konstruktion ist das Stück durchaus nicht sorgfältig gearbeitet, der hohle Stab aus unpoliertem Schlagblech zusammengebogen und am Kopfende mit roh ausgefeiltem, durch einen Federbolzen zu schliessenden Deckel versehen. Wird der Deckel geöffnet, so genügt bei horizon taler Lage der Waffe eine ruckartig ausgeführte Stossbewegung, um aus dem Hohlraume drei Klingen hervorschnellen zu lassen, die durch Einspringen einer Feder in der hier (Fig. 1) abgebildeten Stel lung festgehalten wurden. Die Länge der mittleren Stossklinge beträgt 71 cm, die Breite am Ansatz 2 cm, die kleinen vierkantigen Seitenklingen sind 23 cm lang und 1 cm breit. Das Gewicht der ganzen Waffe beträgt 2,124 kg. Gav, gloss. archeol., bringt unter den Worten bäton und brandestoc die Zeichnung eines unserem Exemplare ganz analogen Stabes und sagt, dass unter letzterer Bezeichnung in Italien wie auch in Frankreich zu Anfang des 17. Jahrhunderts une nka. (Q. 319-) canne ä epee ä simple ou ä triple dard verstanden wurde; als Beweis wird das Inventaire de l’hotel de Salins angeführt, wo es unter dem Jahre 1614 heisst: un baston couvert de cuir noir, d’oü sortent 3 pointes en facon de hallebardes, und weiter 1620: 2 breindestoeques barbes et 169 brindestoeques, welche letztere Zahl auf gelegentliche Massenver wendung- dieser versteckten Waffe schliessen lässt. Angelucci1) beschreibt'unter No. J. 267 eine gleiche Stab-Runka, deren italienischen Namen brandistocco (franz. brin d’estoc) er übrigens im gegebenen Falle nicht zutreffend mit dem deutschen «Wurfspiess» wiedergiebt, und lässt sie schon im 16. Jahrhundert aufkommen. In der vorliegenden Notiz beabsichtigen wir nicht der Konstruktion und Gebrauchsweise der be zeichneten Stosswaffe nachzuforschen, sondern wollen vielmehr die Aufmerksamkeit der Fachgenossen auf die Inschriften lenken, welche — soviel uns be kannt — auf den Klingen aller bis jetzt in den Museumskatalogen beschriebenen Exemplare ange bracht sind. Die beiden Seitenklingen an der Runka der Eremitage sind gezeichnet «Al sengo del gato», offenbar eine dem Aetzer auf Rechnung zu setzende Verstümmelung aus «al segno del gatto». Die gleiche Aufschrift tragen zwei in der Sammlung Carlo Bazzero zu Mailand befindliche Exemplare und die bei Gay (a. a. O.) abgebildete Waffe aus der Sammlung W. Riggs. Im Auktionskatalog der Waffensammlung des Herrn A. Ullmann in Mün chen, II. Folge 1891, ist unter Nr. 135 angegeben: *) Cat. d. Armeria Reale. Torino 1890, pag. 378. 8. Heft. Zeitschrift ftlr historische Waffenkunde. «Spanischer Pilgerstab (!) (spanischer Reiter [?], ver 315 also seine Adresse, die der Waffenschmied giebt, borgener Reusart), dessen gravierte Seitenklingen «Del Gat5 gezeichnet sein sollen. Die Aufschrift ist offenbar falsch gelesen und lautet wohl ebenfalls «al segno del gatto».1) In der ehemaligen Sammlung von L. Mcyrick'2) befand sich ein gleiches Stück mit der Inschrift «al segno del cor» (doch wohl für cuore); das Exemplar der Armeria in Turin ist, nach den Worten Angeluccis: di fabbrica mila nese, di armajuolo che aveva la sua officina «al segno del coralo» — woraus wohl geschlossen werden kann, dass diese Be zeichnung sich auf den Klingen selbst vor fmdet. Im Dresdener Historischen Museum werden im Kriegswaffensaal unter G 47 bis 498) dreiRunkas mit je drei hervorschnellen den Klingen bewahrt, von denen Nr. 49 auf einer Seitenklinge den eingeätzten Nameu Bartolam Biella trägt, den v. Ehren thal dem Bartolamio aus Biella, einer Stadt in der italienischen Provinz Novara zu schreibt. Endlich bringt Dr. Szendrei in seinem Werke über die ungarischen kriegs geschichtlichen Denkmäler auf der Millen niums-Ausstellung1) die Beschreibung einer dem Grafen H. Wilczek gehörigen Stab Runka nebst Abbildung; wir haben wegen Unkenntnis der magyarischen Sprache nur die deutsche Ausgabe des Buches benutzen können, müssen aber hier darauf hinweisen, dass die angegebene Stelle durch aus unklar gehalten ist; es heisst ddrt: «am mittleren Spiesse ist das Wort Stogho ; Crema, am anderen hingegen das Meister zeichen des spanischen Waffenschmiedes Gio j Batista eingraviert.» Nach der Ansicht unseres geehrten Vereinsmit gliedes E. v. Liphart, eines ausgezeichneten Kenners der italienischen Sprache, ist stogho — Venetianer Dialekt, für sto = «ich stehe», «befinde mich« zu erklären; es ist zu dessen Wohnort Crema (im Gebiete von Cre mona) der Name Giovanni Batista auch vorzüglich passen würde. Szendrei spricht aber nur von einem Meisterzeichen, wobei es freilich nicht er f indlich ist, warum der Name Gio | Batista durch den Druck ebenso hervorgehoben ist, wie die Inschrift Stogho | Crema. Ist aber nicht der Name ausgeschrieben, son dern nur eine Meistermarke vorhanden, so kann sie wohl die Form eines spanischen Stempels haben, Giovanni Batista aber kaum als Spanier angesehen werden. Die angeführten Aufschriften scheinen uns nicht ohne Bedeutung für die Geschichte der italienischen Waffenschmiede des 16. und 17. Jahrhunderts, denn wenn wir uns auch vorläufig noch nicht zu erklären ver mögen, warum gerade diese weniger ver breitete Art von Stangenwaffen dazu aus ersehen war, Provenienzangaben zu tragen, so geht doch aus den aufgezählten Fällen hervor, dass, nach den uns bekannten Exemplaren zu schliessen, in Norditalien angefertigte Stab-Runkas entweder den Namen des Meisters nebst Angabe seines Wohnortes (Bartolam — Biella, Gio. Batista — stogho Crema) oder wenigstens die Bezeichnung der Werkstatt trugen, wo sie angefertigt waren (al segno del gatto, del cor, del corallo). Eine Anfrage, ob sich an alten Gebäuden in Mailand noch Wahrzeichen aus früherer Zeit er halten, hatte Herr Carlo Bazzero die Güte dahin zu beantworten, dass gelegentlich der Häusernume ration in Mailand im Jahre 1746 alle Wahrzeichen und Hausschilde verschwanden; doch sind, seiner Ansicht nach, sowohl das Zeichen des «Katers» (gatto), als auch die berühmte Mailänder Skorpionmarke entschieden auf Werkstattschilde der betreffenden Meister Fig. 1. Fig. 2. *) Die Waffensammlung1 der Veste Coburg hat eine Stab-Runka mit der Inschrift AL GATO. zurückzuführen.5) Auch Angelucci scheint, 6) Wir sagen an dieser Stelle Herrn Bazzero aufrich tigen Dank für die freundliche Mitteilung unä schliessen uns Die Schriftleitung. 2) Vgl. die Beschreibung der Sammlung von Joseph Skelton, vol. II, tab. 92. s) M. v. Ehrenthal, Führer durch d. kgl. histor. Museum in Dresden 1899, pag. 151 und 259. 4) Deutsche Ausgabe von Reymond-Schiller, pag. 214, Nr. 683. durchaus der von ihm vertretenen Ansicht an, dass die alte Werkstatt «zum Skorpion» an der jetzigen via Arcimboldi zu suchen ist, welche früher den Namen via del gambero (des Krebses!) trug. Wie lohnend wären da archivalische Forschungen nach der altehrwiirdigen Skorpionmarke, die schon im 14. Jahrhundert hochgeschätzt wurde. Cf. Gay, gloss. s. v. £pde: 1365. Unum ensem operis Lombardie, ad signum scorpionis, taxat 2 flor. fl. (Inv. de J. de Saffres pag. 341.) 42 3i6 Zeitschrift für historische Waffenkunde. wie die oben angeführte Stelle zeigt, diese Meinung II. Band. Aetzmaler kommen. Für ihn war, um Irrungen vor zu teilen. Jeder Zweifel aber, ob die Werkstatt «Zur Katze» in Mailand oder anderswo zu suchen ist, wird von der Inschrift einer mittleren, 99 cm langen Stossklinge einer Stab-Runka — leicht kenntlich durch den seitlich an der. Angel angeschmiedeten Federbolzen — zerstreut. Dieses Stück befindet sich unter einer grossen Zahl ungefasster Degenklingen der früheren Sammlung von Tsarskoe Selo und trägt auf einer seiner Seitenflächen die in Kursivschrift oberflächlich eingeritzte Inschrift: IN MILANO AL SEGNO DEL GATO. Offenbar haben wir nur eine halb fertiggestellte Waffe vor uns: der Klingen schmied hat seine Arbeit geliefert; die Klingen, von denen nur die mittlere sich erhalten hat, sollten aber vor der Fassung in einen Holzstab noch zum zubeugen, die anzubringende Inschrift flüchtig ein gekratzt, die uns nun zur bestimmten Lokalisierung der Schwertfeger-Werkstatt «Zur Katze» verhilft. Ein Seitenstück zu unseren Inschriften finden wir endlich auf einem Prunkdegen des Pariser Artilleriemuseums vom Ende des 16. oder Anfang des 17. Jahrhunderts (J. 174), der ausser einer län geren Widmung die Aufschrift trägt: Fracescho spader all insegna dal murion in Venitia fecce.2) Im höchsten Grade erwünscht wäre ein sorg fältiges Absuchen der Museen nach ähnlichen auf Werkstättenschilde bezüglichen Daten und In schriften, welche zweifellos viel zur Bestimmung bis jetzt unbekannter Mcisterzeichen und Marken beitragen würden. Entwickelung und Gebrauch der Handfeuerwaffen. Von k. u. k. Oberstleutnant P. Sixl in Kaschau. (Fortsetzung.) ie dritte Unterabteilung der er sten Hauptgruppe enthält Die zweite Hauptgruppc umfasst nun alle grossen Hakenbüchsen, das sind jene mittelgrossen Lot- und Steinbüchsen, welche als solche oben an c) die eisernen Haken büchsen, bei welchen der hölzer ne Stangenschaft durch einen eisernen rückwärts eingesetzten Stab ersetzt ist. Diese eisernen Ha kenbüchsen sind recht selten; hierher gehört eine Hakenbüchse im Histo rischen Museum zu Luxemburg.1) (Fig. 71.) Die Hakenbüchse ist aus Schmiedeeisen; der Lauf ist 127 cm lang und rückwärts durch eine 79 cm lange, eingeschweisste Handhabe abgeschlossen; die Waffe samt Handhabe besitzt eine Länge von 206 cm. Die Handhabe selbst ist nach der linken Seite gebogen, so dass man mit der einen Hand die Hakenbüchse halten, mit der anderen entzünden und trotzdem über den Lauf visieren konnte. Das Kaliber beträgt 30 mm. Das Zündloch befindet sich oberhalb am Laufe und ist napfförmig. Auf 27 cm von der Mündung ist unterhalb am Laufe ein 7 cm langer Haken angeschweisst. Gewichtsangabe fehlt; nachdem dieselbe jedoch in Länge und Kaliber der Prager Büchse Fig. 70, No. 2 gleich ist, so dürfte diese Hakenbüchse nur um das Gewicht der Handhabe schwerer sein und 16—17 kg wiegen. *) Oberst v. Cohausen in den «Annalen des Vereines für nassauisch Aeltertumskunde» Bd. 18, 1883—84, 229 und T. IV. geführt und jetzt mit dem Haken versehen werden, jedoch ein bestimmtes Gewicht nicht überschreiten, damit dieselben mit der notwendigen Beweglichkeit im Feldkriege verwendet werden können. Die Konstruktion dieser grossen Hakenbüchsen ist sehr verschieden; dieselben zeigen den Ring haken bei den ältesten Stücken, später den an geschweissten eisernen Haken, sind aus Schmiedeeisen gearbeitet, später auch aus Bronze gegossen, haben teils den rückwärts eingesteckten hölzernen Stangen schaft, teils sind dieselben ganz geschäftet oder ganz von Eisen und endlich als Lot- oder als Steinbüchsen eingerichtet. Eine der ältesten grossen Hakenbüchsen be f indet sich im Historischen Museum zu Luxemburg,3) (Fig. 72.) Dieselbe ist aus Schmiedeeisen, und hat ein Gewicht von nahe 20 kg. Die Länge des Laufes be trägt 43,3 cm, die Länge der Seele 42,3, das Kaliber 50 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Seelenlänge wie 1:8,5. Die Konstruktion des Laufes ist aussen achteckig, recht gute Arbeit, di^ einzelnen Seiten des Achteckes scharf von einander getrennt; der Lauf verjüngt sich wenig nach vorn. Diese letztere s) L. Robert, Cat. d. mus. d’Artillerie 1889 T. III, pag. 65. 3) Die genauen Angaben und Austnaasse erhielten wir durch freundliche Vermittelung des Herrn Professors Dr. N. van Werveke in Luxe iburg, wofür wir an dieser Stelle wärmstens danken. 8. rieft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Erscheinung- in Verbindung mit der kurzen Seele 317 oder Flug ist 50 cm lang, hat ein Kaliber von 12 cm verweist diese Hakenbüchse in die Zeit der ersten Verbesserungen in der Erzeugung; man kann die Entstehungszeit in die ersten Jahrzehnte des 15. Jahr- hunderts — also in die Zeit des Aufkommens des Hakens — verlegen. Der äussere Durchmesser des Laufes an der Mündung beträgt 8,2 cm, am rück wärtigen Ende 11 cm. Das Zündloch ist oberhalb, 17.5 cm vom hinteren Laufende entfernt, trichter förmig und mit scharfem Rande. Auf 13 cm vom hinteren Laufende wird der Lauf von einem starken, bandartigen Eisenring umfasst; derselbe ist 6 cm breit, 3 cm dick und an den Lauf angeschweisst. Nach unten schliesst dieser Ring in einen 9,8 cm langen Haken zusammen, welcher in eine nach rükwärts gebogene Spitze endigt; die Dicke des Hakens beträgt knapp unter dem Laufe 10.5 cm, unterhalb an der Spitze 2,5 cm. Mit diesem Ringhaken aus einem Stücke gearbeitet sind zwei lange Eisenklammern, welche nach rückwärts spitz verlaufen; von diesen ist nur die obere ganz erhalten und 53 cm lang, die untere ist zur Hälfte abge brochen. In den Klammern befinden sich noch 5 Nägel mit platten Köpfen, welche offenbar zur Befestigung des stangenartigen Schaftes dienten. Dieser Schaft st nicht vorhanden, wurde jedoch" augenscheinlich von rückwärts an den Lauf angeschoben und sodann befestigt. Am hinteren Laufende befindet sich ein kleiner runder Ansatz von 3 cm Durchmesser, welcher 1 cm über das Laufende hervorsteht. Es lässt sich nicht feststellen, ob dieser Ansatz mit dem Laufe aus einem Stück gearbeitet ist, oder ob derselbe einen eingeschweissten Eisenkern darstellt. Der Fundort dieser Hakenbüchse ist die Bastion S. Just der alten Festung Luxemburg (1877). Eine andere eiserne Hakenbüchse, welche aber als Steinbüchse eingerichtet ist, befindet sich im Germanischen Museum zu Nürnberg.1) (Fig. 73.) Diese Hakenbüchse besteht aus drei Teilen, und zwar der Kammer, dem eigentlichen Lauf oder Flug und der stielartigen Handhabe. Die Kammer ist aus einem Stück Eisen ge schmiedet, 26 cm lang Und besitzt 6 cm Kaliber. Die Konstruktion der Kammer ist cylindrisch, aussen glatt, in die hintere Oeffnung ist die stielartige Hand habe eingeschweisst. Das Zündloch befindet sich rechts und rückwärts an der Kammer; durch einige Schläge in das heisse Eisen wurde unter dem Zünd loch eine Pfanne herausgetrieben. Der eigentliche Lauf oder Flug ist aus einer der Länge nach zu sammengerollten und geschweissten Eisenplatte um den Dorn geschmiedet und durch fünf einander dicht berührende 10 cm breite Eisenringe verstärkt. Der hinterste Ring ist nach unten mit den beiden Enden zu einem 12 cm längen Haken zusammengeschweisst, ähnlich wie bei Fig. 62 und 70. Der eigentliche Lauf *) Vgl. «Quellen» ro8 und Köliler HI, 1, 333. und ist an der Mündung verstärkt. Diese Hakenbüchse war offenbar als Steinbüchse konstruiert'; die dazu gehörige Steinkugel hatte ein Gewicht von 1,9 kg oder 4 Pfund; die Pulverladung würde bei 8/. Füllung der Kammer 0,414 kg betragen. Ein zweites gleiches Exemplar befindet sich im Fürstlichen Zeughause zu Schwarzburg. Die Entstehungszeit dieser beiden Haken-Stein büchsen muss nach der ganzen Konstruktion in das erste Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts verlegt werden. Hatte man hier nur den Ringhaken, so zeigen die folgenden nach Konstruktion und Einrichtung augenscheinlich jüngeren Hakenbüchsen den eigent lichen angeschweissten Haken, wie derselbe auch in der ersten Hauptgruppe festgestellt wurde. Hierher gehört eine Hakenbüchse im Städtischen Museum zu Zittau.2) (Fig. 74.) Der Lauf ist aus Schmiedeeisen, hat eine Länge von 122,4 cm und endigt nach rückwärts in eine 18 cm lange Tülle. Der äussere Durchmesser an der Tülle beträgt 8,4 cm, sodann verengt sich der Lauf, wird in der Nähe des Zündlochs wieder stärker, 8,2 cm, verjüngt sich in unregelmässiger Weise wieder bis zum Haken, 6,2 cm, und erreicht an der Mündung die grösste Weite, 8,6 cm. Die Seele ist 95,8 cm lang, dieselbe ist gegen die Mündung hin erweitert, der Durch messer der Seele beträgt am Boden 35,5 mm, an der Mündung 40 mm, daher das-Verhältnis des Kalibers zur Seelenlänge 1 : 26. Das Zündloch befindet sich oberhalb, ist muldenförmig mit verschliessbarem Deckel; dieser fehlt, jedoch der Stift, um welchen der Deckel drehbar war, ist noch vorhanden. Der Haken ist abgebrochen; derselbe befand sich 9,7 ctn unterhalb des Laufes, 9,7 cm von der Mündung. Rückwärts ist ein stangenartiger ca. 50 cm langer hölzerner Schaft eingesteckt. Das Gewicht der ganzen Waffe samt Schaft beträgt 30,75 kg. Die Entstehungszeit dieser Flakenbüchse muss in das zweite oder dritte Jahrzehnt des 15. Jahr hunderts verlegt werden. Im Städtischen Museum zu Zittau befindet sich noch eine zweite Hakenbüchse von ähnlicher Kon struktion. (Fig. 75.) Diese Hakenbüchse ist aus Bronze gegossen. Schon zu Anfang des 15. Jahrhunderts wurden Büchsen aus Bronze gegossen, wie mit Gewissheit arus den Inventarien des deutschen Ordens nach gewiesen wurde; in Nürnberger Ausgaben wird schon für das Jahr 1378 Kupfer für Büchsen ver rechnet. Die Länge des Laufes samt Tülle be trägt 7,5 cm; die Tülle ist beiläufig 10 cm tief. Die Seele besteht aus einer Kammer und einem weiteren Flug; die Länge der Kammer beträgt *) Die genauen Abmessungen, sowie die photographischen Abbildungen erhielten wir durch die freundliche Vermitte lung des Herrn Professors Dr. Th. Gärtner, Stadtbibliothekar in Zittau; wofür wir den verbindlichsten Dank sagen. 42* 313 Zeitschrift für historische Waffenkunde. £ 0> >< N B o •JO I e 0) V) "C o C/3 £ s C/3 wD C ci f f i O c •— ü W3 ig,6 cm, der innere Durchmesser II. Band. Der Haken ist unterhalb am Laufe 42 cm von derselben hinten 17 mm, vorn 18 mm. Die Länge des Flugs beträgt 43,4 cm, der innere Durch messer hinten 21,5 mm, vorn 22,5 mm; die Mündung ist flach ausgetrichtert. Trotz dieser inneren* Einrich tung ist diese Hakenbüchse keine Steinbüchse, sondern schon mit Rücksicht auf das Kaliber eine Lot büchse; dem Kaliber von 21 mm würde eine Bleikugel von 0,048 kg entsprechen. Die äussere Form des Laufes ist glatt, gegen die Mündung hin sich verjüngend, mit ringartiger Verstärkung an der Mündung und knapp hinter dem Zündloch. Das Zündloch befindet sich oberhalb, ist 6 mm breit, mit einer ringförmigen, nahezu runden leisten förmigen Verstärkung. der Mündung entfernt angesetzt, derselbe sitzt schräg zur Seelenachse, ist 6 cm breit und ca. 10 cm lang. Das Gewicht der ganzen Waffe, mit dem rück wärts eingesteckten Stangenschaft, beträgt 16,75 hg; der Schaft ist augenscheinlich jüngeren Datums. Man könnte dem Gewichte nach auch die Nr. 4, 5, 8 und 13 (Fig. 66) in diese Flauptgruppe ver legen; die Grenze des Gewichtes lässt sich nicht genau feststellen; wohl lässt sich annehmen, dass bei Haken büchsen von 15 kg aufwärts nur im Notfälle ein Mann zur Handhabung genügte und dass von 20 kg aufwärts unbedingt ein zweiter Mann nötig war, wenn die Verwendung nicht auf Mauern, sondern auf Unterlagen im freien Feld stattfmden sollte. Eine grosse geschäftete Hakenbüchse befindet sich im Museum des Königreiches Böhmen zu Prag. (Fig. 76.) Dieselbe besteht aus dem Lauf und dem Schaft. Der Lauf ist aus Schmiedeeisen, aussen sechskantig; im vorderen Teile befindet sich die Kante, im hinte 8. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. ren Teile die Seitenfläche oberhalb. Der Lauf ist rückwärts verstärkt, verjüngt sich nach vorn gegen die Mündung und hat daselbst eine schmale ring artige Verstärkung. Oben am Laufe befinden sich die zwei Visierpunkte, vorn am ringartigen Rand ein aufgetriebenes Korn, rückwärts ein aufgesetztes Ab sehen mit Einschnitt. Das Zündloch befindet sich rechts seitwärts, hat eine längliche, offenbar ange schweisste Pulverpfanne, ohne Deckel. Knapp hinter dem Absehen ist eine muldenförmige Vertiefung; es ist möglich, das hier schon ein Zündloch war, welches später verstopft wurde. Unterhalb am Laufe befinden sich drei Oehre, welche offenbar zur Verbindung vo‘n Lauf und Schaft dienten. Die Länge des Laufes beträgt 100 cm, die Länge der Seele 94 cm, das Kaliber 30 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Seelenlänge 1:31. Unterhalb vorn an der Mündung ist ein ca. 12 cm breiter und 10 cm langer Haken mit grossem runden Loche in der Mitte angeschweisst; das Loch steht über den Schaft hervor und ist voll kommen sichtbar. Der Schaft ist original, gross, massiv mit ge Waffen, der Zweck dieses Loches sowie jenes im Haken nur in der Weise zu erklären, dass zur besseren Hand habung, sowie auch zur Erleichterung beim Tragen auf kurze Strecken Eisenstan gen durchgesteckt wurden. 319 bt cö s :0 .bJ) C :0 w e 3 cc 3 s 6 3S »O ie jilftatt 5er armßruft jrljütjenje Aitrtcf) 6ert jvveljten taj zuhinterst an den Stab auf ein auch da hin gemachtes Pünk tel und halt auf den Mittelpunkt des Ziels.» otujffinonatö IAH. Fig. 4. Aus den Bilder inventarien sei die Abbildung auf Blatt 61 des Cod. icon. 222 der königl. bayer. Hof- und Staatsbibliothek in Mün «Lass die Büchs anzünden, und wenn du em pfindest, dass sie hinter sich stösst, so widerheb nicht zu stark. Du triffst auch das Ziel oder schiesst ihm gar nahe.» Der Zielpunkt war, wie jetzt noch beim Schiessen auf Scheiben, die Mitte des Zieles und die Bemer kung «du schiesst ihm gar nahe» lässt annehmen, dass auch die Beobachtung des Schusses geübt wurde. chen (1500—1510) hervorgehoben, welche einen Landsknecht mit einer Plandbüchse im stehenden freihändigen Anschläge zeigt. Fig. 5 Der Anschlag ist genau so, wie derselbe heute in den Exerzier-Reglements und Schiessvorschriften verlangt wird; der Schütze steht in der Halbrechts wendung, der rechte Fuss ist etwa' einen halben Fuss nach rechts gesetzt, der Oberkörper steht ge rade aufrecht, ohne jede Verdrehung, die Schultern II. Band. 332 Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. sind nicht hochgezogen, die Schwere des Körpers ruht augenscheinlich auf beiden Füssflächen gleich massig; die fechte Hand hält das Gewehr umfasst und drückt dasselbe fest an die rechte Schulter, der rechte Ellenbogen ist bis in die Höbe mit der Schulter gehoben. Die linke Hand unterstützt das Gewehr, der Daumen ist längs des Schaftes auf gestemmt, die vier anderen Finger sind gekrümmt, der Ellenbogen weder ein- noch auswärts gedreht; der Kopf ist wenig vor- und seitwärts geneigt; das linke Auge ist geschlossen. In den Zeugsbüchern des Kaisers Maximilian I. ist ferner im II. Band auf Blatt 210, bei Darstellung des Zeughauses zu Osterwitz in Kärnthen, und im Fig. 5. Landsknecht im stehenden freihändigen Anschlag. grossen Wett- und Festschiessen geschossen. Die selbe wurde entweder, wie in Fig. 6, auf einem Holzpfahl oder an einer eisernen Stange «frei schwebend» angebracht oder aber an einer Holz wand befestigt, in welchem Falle die Bezeichnung «das Schiessen nach der Wand» angewendet wurde; hinter der Holzwand befand sich ein grosser Sand kasten oder Erdaufwurf zum Auffangen des Bleies. Das Uebungsschiessen fand gewöhnlich jeden Sonntag nachmittags statt, und zwar in der Zeit vom Palmsonntag bis Ende Oktober. Nach den da maligen Wehrverhältnissen bestand für die Bürger und Zünfte eine gewisse Verpflichtung, an diesen Schiessübungen teilzunehmen. Zur Aufmunterung und Hebung der Schiesslust bestimmten die Landes herren oder Obrigkeiten regelmässige Schiesspreise, welche gewöhnlich in Hosentuch, Zinngeschirr, Bier — seltener Geld — u. dgl. bestanden. Die Leitung dieser Schiessübungen oblag den Schützen gilden und Schützenvereinen, welche unter Ober aufsicht hochgestellter Amtspersonen dafür zu sorgen Fig. 6. Landsknecht iin stehenden freihändigen Aus dem Codex icon. 222 der Münchner kgl. Hof- und Staatsbibliothek. (1500—1510.) Anschlag, nach der Scheibe schiessend. Aus den Zeugsbüchern des Kaisers Maximilian I. III. Bd., Bl. 109: „Das Zeughaus zu Lindaw“ Kunst-historische Sammlungen des A. K. Kaiserhauses (Wien). III. Bande auf Blatt 109, bei Darstellung des Zeug hauses zu Lindaw ein Landsknecht abgebildet, wel cher mit einer Handbüchse auf eine an einem Pfahl befestigte runde Scheibe schiesst. Fig. 6. Der Schütze steht ebenfalls im freihändigen Anschläge, die Handbüchse ist augenscheinlich besser und handlicher gearbeitet, als wie in der vorhergehenden Darstellung; zu bemerken wäre noch, dass der Luntenhahn nicht, wie bei Fig. 5, gegen rückwärts, sondern gegen die Mündung zu fällt. Das Ziel ist eine hölzerne kreisrunde Scheibe mit einem runden schwarzen Spiegel oder Ziel schwarzen, in dessen Mitte der Nagel, welcher den Mittelpunkt bildet, deutlich sichtbar ist. Nach dieser Scheibe wurde sowohl beim ge wöhnlichen Uebungsschiessen als auch bei den hatten, dass jederzeit eine genügende Anzahl aus gebildeter Schützen vorhanden war und dass diese ihre eigenen Gewehre zum Schiessen mitbrachten. Das Verhalten am Schiessplatze, der Verkehr der Schützen untereinander, das Benehmen am Schiessstande, der Dienst der Zieler, die Bestimmung der Treffer, die Art des Anschlages waren für die einzelnen Schiessstände genau vorgeschrieben und sind in den Schützen-Ordnungen enthalten. Die älteste Schützenordnung für Büchsen schützen ist das Magdeburger - Schützenrecht aus der Mitte des 15. Jahrhunderts; diesem folgt die Leipziger-Ordnung der Büchsenschützen vom Jahre 1464; die Wiener Schützenordnung wurde um das Jahr 1523 schriftlich aufgesetzt.1) *) Die Leipziger Schützengesellschaft. Leipzig 1893. 108 u. ff. g. Heft. Zeitschrift ftir historische Waffenkunde. Aus den Schützenordnungen des 15. und 16. 333 Wie man sich diesen Anschlag vorzustellen hat, Jahrhunderts wären folgende Bestimmungen hervor zuheben : Jeder Schütze musste mit seinem eigenen Ge wehr schiessen. Bei dem gewöhnlichen Uebungsschiessen sollte jeder Schütze drei Schuss thun. War einmal die Scheibe aufgerichtet, so durfte kein Schütze sich versuchen oder auf dieselbe sich einschiessen. Wem die Büchse dreimal versagte, der hatte den Schuss verloren, ebenso derjenige, dem die Büchse im Stand von selbst losging. Als Treffer wurden nur volle ganze Durch zeigt ein Gemälde von Martin Feselen in der königl. Pinakothek zu München vom Jahre 1533. Fig. 7.'1) Der vorderste Schütze schiesst ein Radschloss gewehr ab, der letzte gebraucht noch die Lunte; der Anschlag ist wagrecht, von der Höhe der Hüfte, die Gewehre waren augenscheinlich nicht von grossem Kaliber und der Rückstoss gering. Nach der Schützenordnung von Basel vom Jahre 1466 mussten die Schützen schwören, mit den Büchsen gehorsam zu sein in allen Nöten und Enden, und die Kunst, die sie von den Büchsenschützen lernen, niemals, gegen die Stadt Basel zu gebrauchen. An jedem Sonntag, an welchem man schoss, erhielten Fig. 7. Schützen im wagrechten Anschlag, nach einem Bilde von M. Feselen. 1533. (Kgl. Pinakothek zu München.) schlage gezählt; trifft ein Schütze die Scheibe und der Schuss geht nicht durch, so war der Schuss verloren, es sei, er hätte die Leiste, Aeste oder den Nagel getroffen, in diesem Falle hatten die Ordner zu entscheiden. Hatte die Kugel «vorher schon gegraset» oder «dessen Kugel fusset» (Geller), so war der Schuss ebenfalls verloren. Zwei «gelott» (Kugeln) auf einmal zu laden, war verboten; wenn ein Schütze in den Stand kommt und anschlägt, «er scheust Pulffer ohne gelott», dessen Schuss ist verloren. Die Kugeln sollten rund, nicht länglich, nicht gefüttert oder geschwänzt sein. Der Anschlag war stehend und freihändig, jedoch nicht wie in Fig. 5 und Fig. 6; sondern man sollte «frei aus der Hand schiessen und die Büchse nicht an die Schulter setzen, auch nicht den Arm in die Seite noch auf die Hüfte», nämlich «ohne allen Vorteil»! sie für drei Schuss «Klotz und Pulver», und wer dies nicht verschoss, wurde gestraft.2 3) Die Schützenordnung von Gerolzhofen vom Jahre 1491 bestimmt, dass die Schützen bei Geschrei und Sturmläuten mit ihren Gewehren auf das Rathaus eilen; für das Uebungsschiessen erhielten die Schützen Pulver und Geschosse für drei Schuss, zog man ins Feld, so wurde für 10 Schuss Munition ausgefasst.8) Einzelne interessante Bestimmungen enthält auch die Ordnung der Büchsenschützen von Nürnberg aus dem Jahre 1528. Ein jeder Schütze sollte «eine rechte runde Kugel, nit gefüttert und eingebunden oder sonst anders gefährlich» gebrauchen; sobald die Scheiben J) «Quellen» 120 und T. B. XVI e. 2) Feierabend, 14. 3) Würdinger II, 393. JL Band. 334 Zeitschrift für historische Waffenkunde. aufgehangen und man nicht schiesst, soll jeglicher Zieler sein Fähnlein auf seine Scheiben stecken und dieweil das Fähnlein auf der Scheiben steckt, soll keiner dazu schiessen; die Treffer mussten von dem Schreiber eingeschrieben werden, bei gleicher Treffer zahl wurde gerittert. Es durften aus einer Büchse nicht zwei Schützen schiessen, ausgenommen ein Vater und ein Sohn, zwei Brüder; ansonsten sollte jeder seine eigene Büchse haben. Die jungen Schützen schossen für sich und hiessen Lernschützen. Die Zieler mussten alle Jahr den Schützenmeistern «jeder sein Treu an Eidesstatt geben» und geloben, «einem jeden Schützen sein billig Recht widerfahren zu lassen».1) Die Schützenordnung von Aschersleben vom Jahre 1547 bestimmt, wer dem Nagel am nächsten schiesst, der soll eines ehrbaren Rates Verehrung gewonnen haben. Die Kugel musste die Scheibe derart durch schlagen, dass man es «pflöcken» konnte; die Ent fernung der einzelnen Schüsse vom Nagel wurde abgezirkelt.2) Nach der Schützenordnung von Wolfsberg in Kärnthen vom Jahre 1571 durften die Schützen nicht alle drei Schuss nacheinander abgeben, sondern es schossen alle Schützen den ersten, und wenn dies beendet, den zweiten, sodann den dritten Schuss.s) Die Schützenordnung von Breslau vom Jahre 1577 enthält die Bestimmung, dass nur zweilötige Kugeln verwendet werden dürfen; dem Schreiber in seinem Register zu blättern war verboten.4) Nach der Büchsenschützenordnung von Leipzig vom Jahre 1581 sollten die jungen Schützen nur zwei Jahre für sich schiessen, sodann aber bei den alten Schützen einrangiert werden; die Schützen ordnung von Traunstein vom Jahre 1597 enthält dieselbe Bestimmung.“) Zu den grösseren Schiessen und Schützenfesten wurde mittels Schiess- oder Ladbriefe eingeladen. Dieselben wurden auf Pergament, gewöhnlich jedoch nur auf Papier geschrieben, später auch gedruckt. Diese Schiessbriefe enthalten die Bedingungen, welche für das angekündigte Schiessen gelten sollten, ferner die Aufzählung der Preise und schliesslich die genauen Angaben über Scheibengrössen und trug 230 Schritte, diese wurden abgeschritten von zwei Schützen, «von einem der entferntesten und von einem der nächsten Stadt, die zu diesem Schiessen gekommen». Der Scheibenhalbmesser ist mit i4/4 Züricher Ellen angegeben; die Schusszahl betrug 28. Es muss bemerkt werden, dass es zweierlei Hauptschiessarten gab; beim gewöhnlichen Schiessen oder wo viele Schützen waren, bestimmte man eine kleine Schusszahl, gewöhnlich drei Schüsse; das regelmässige Uebungsschiessen sollte nicht länger als 1—2 Stunden dauern; bei dieser Schiessart gewann derjenige Schütze den ersten Preis, dessen Schuss dem Nagel am nächsten war; bei einer grösseren Anzahl von Schüssen, wie z. B. in Zürich im Jahre 1472, wo jeder Schütze 28 Schuss thun musste, er hielt derjenige Schütze den ersten Preis, welcher die meisten Scheibentreffer hatte, oder aber, welcher «das Schwarz in mitten an den Scheiben am meisten» trifft; Schiessbrief von Augsburg vom Jahre 1509; Strassburg 1576 u. s. w. Ausser dem Schrittmaasse waren noch der Werk schuh und die Elle gebräuchlich; bei den folgenden Angaben über Schussentfernungen wurden diese der leichteren Uebersicht halber auf das Schrittmaass re duziert. Ort Zürich1. Wiirzburg-2 .... Eichstadt3. Köln4. Zürich5. Augsburg0. Landshut7. Klagenfurt8 . . . . Halle a. S. Krems a. D.9 .... Admont i. St.10. . . Crumstadt11 . . . . Meiningen12 .... Frankfurt a. M.13 . Jahr Schuss entfernung in Schritten zu 75 cm 1472 1474 1487 1501 15°4 i5°9 1549 1559 1560 1561 1573 1579 1579 1582 230 240—259 245 245 243 272 285 286.6 249 274 3°° 125 265 259 Schuss Scheiben Halbmesser 1 >/4 Z. Ellen H/^W. Ellen 84.9 cm 84.9 73 69-5 82 84 70.7 76 IOO 46.25 70 70 zahl 28 — 16 25 28 24 18 24 16 24 16 8 l6 24 1 Neujahrsblatt. — 2 Würdinger II, 105 u. 394. — Schussentfernungen; die auf den Schiessbriefen auf gedruckten oder beigelegten Maasse gestatten daher eine genaue Beurteilung der Trefffähigkeit und Schuss leistungen der damaligen Gewehre. Der älteste bekannte Schiessbrief stammt aus Zürich vom Jahre 1472. Die Schussentfernung be 1) J. E. Schmidt, Historische Schilderung' des Schiess hauses und der Schutzengeseilschaft zu St. Johannis. Nürn berg 1838. 2) J. Ch. Hendel III, 7. 3) Beda Schroll, Wolfsberger Schützenordnung vom Jahre 1571. Carlnthia 1882. 5, 130. 4) D. Gomolcky, Inbegriff der vornehmsten Merk würdigkeiten in der kaiser- und königl. Stadt Bresslau in Schlesien. Breslau 1733. III, 160. 5) Oberbayerisches Archiv B. 41. 3 Quellen m. — 4 Weyden, Die Erfindung des Schiess pulvers und der Feuerwaffen. Archiv f. d. Off. d. Königl. Preuss. Artillerie. 1846. H. 1, 47. — 5 Neujahrsblatt. — 6 Alemania, Zeitschrift für Sprache, Litteratur und Volks kunde. Jahrg. 18. 197. — 7 Bechstein, I, 239. — 8 Original Schiessbrief. — 9 H. Mu2ik, Geschichte des Schtttzenver .eins in Krems a. D. 1895. — 10 Original-Schiessbrief. •— 11 M. Heinke, Die Homburger Schützengesellschaft. 1890. — 12 Bechstein, I, 280. — 13 E. Kelchner, Drei Frankfurter Schützenfeste. 1862. Man kann dieser Tabelle entnehmen, dass die Schussentfernung in der angegebenen Zeit zwischen 230 und 300 Schritt gelegen war, dass mit Ver minderung- der Entfernung auch das Ziel verkleinert wurde, und dass die kreisrunden Scheiben einen beiläufig mannshohen Durchmesser hatten. ,g. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. Die heutige Ring- oder Schulscheibe ist 170 cm 335 Schützen 24 Treffer und 22 Schützen 23 Treffer bezvv. 180 cm hoch und 120 cm bezw. 125 cm breit; die Grösse der Scheibe hat sich daher bis heute wenig verändert. Nachdem nun bei den regelmässigen Schiess übungen nur drei Schuss gemacht werden sollten, so muss angenommen werden, dass es einem mittel guten Schützen doch möglich war, die Scheibe innerhalb der drei Schüsse .ein-bis zwei mal zu treffen. Ueber die that sächlich erreichten Treffresultate be richten einzelne Be schreibungen von festlichen Büchsen schiessen, welche zumeist von den Prit schenmeistern ver fasst wurden. Zu Passau wurde im Jahre 1555 ein festliches Büchsen schiessen abgehal ten, bei welchem 173 Schützen je 24 Schuss abgaben;von diesen erreichten: 4 Schützen 23 Treffer, 5 Schützen 22 Tref fer, 6 Schützen 21 Treffer, .8 Schützen 20 Treffer, 5 Schüt zen 19 Treffer; alle übrigen Schützen, welche weniger Tref fer hatten, sind nicht genannt, da die selben keine Preise erhielten.1) Zu Rottweil schos sen im Jahre 1558 bei einem Festschies sen 218 Schützen je 18 Schuss: es er gemacht.8) Zu Augsburg schossen im Jahre 1587 bei einem Büchsenschiessen 77 Schützen je 12 Schüsse; es erreichten 16 Schützen 12 . Treffer und 13 Schützen 11 Treffer.3 4 *) Auch über die Konstruktion und Einrichtung der Büchsen enthielten die Schützenordnungen und auch die Schiess briefe genaue Vor schriften. Im Schiess briefe der Stadt Zürich vom Jahre 1472 ist die Angabe enthalten, dass «er kein fursan noch kein Rohr auf der Büchs weder kurz noch lang haben noch brauchen soll in kein weg, dann nur allein ein schlecht absehen hinden und vorncn auf der Büchs durch Ein lochly ein blechlins oder ein offen schrentzlin.» 6) Im Schiessbriefe der Stadt Köln vom Jahre 1501 sind «Schirm und Rauch pfanne» verboten. Im Schiessbriefe von Augsburg vom Jahre 1509 heisst es: Und jeder Büchsen schütze soll schiessen ... «ohne Schnürre, Riemen, Rauch pfannen, auch jeder seine Büchse dar legen, sie beschauen und zeichnen lassen.» Nach dem Schiess briefe der Stadt Landshut vom Jahre SHe^tEftattber ßuc^l'enfcljütjenje Atiridj 5cu anberntaej jYptemßns reichten: 1 Schütze 18 Treffer, 5 Schüt zen 17 Treffer, 7 Schützen 16 Treffer, 4 Schützen 15 Treffer, U04. Fig. 8. 1549 waren «die ge schraufften Büchsen nicht zugelassen», während im Schiess briefe der Stadt Krems a. D. vom Jahre 1561 die Schützen 14 Treffer, 5 Schützen 13 Treffer.2) In Linz a. D. beteiligten sich im Jahre .1584 bei einem festlichen Wettschiessen 133 Büchsen schützen mit je 24 Schüssen; von diesen haben 20 ’) Lienhart Flexel, Beschreibung' des Büchsen schiessen zu Passau im Jahre 1555. Herausgegeben von M. Radelkofer i. d. Verh. d. hist. Ver. in Landshut. Bd. 29. 2) Lienhart Flexel, Das grosse Rottweiler Herren schiessen anno 1558. Alemania 1878. Bestimmung enthalten ist, dass «alle Geschoss und Büchsen, sie seien glatt geschrauft oder gerissen zugelassen» werden. Im Schiessbriefe von Frankfurt a. M. vom Jahre 3) Caspar Lerff, Das herrlich, freundlich und nach barliche Freischiessen zu Lintz ob der Enns. 1585. 4) Caspar Lerff, Das herrlich, freundlich-und nach barliche Freischiessen zu Augsburg. 1587.. 6) Neujahrsblatt. 45 II. Band. 336 Zeitschrift für historische Waffenkunde. 1582 waren «alle gefährlichen und ungebührlichen, öffentliche und heimliche Vorteile, so etwan an den Büchsen gebraucht werden, gänzlich verboten, sonder lich aber alle geschraubten, gezogenen, gerissenen oder dergleichen ungewöhnliche Rohr. Auch Rauch pfannen, gefiderte, gespaltene und geschliffene Ku geln, dessgleichen alle ungebürliche und unge bräuchliche Vortheil mit Riemen, Schnürren und Griffen, und sollen auch die absehen schlecht mit einem Löchlin oder schrenzlin, dem Zündloch gleich stehen.» Ferner war schon im Magdeburger Schützen recht und später in anderen Schützenordnungen die Bestimmung enthalten, dass sobald ein Schütze in den Stand getreten, diesen ein anderer Schütz nicht «vexieren» oder «irren» durfte, sei es mit Schreien oder auf sonstige Weise. In den schon erwähnten Abbildungen der Chronik von Edlibach ist auch die Zielstatt der Büchsenschützen zu Zürich vom Jahre 1504 darge stellt. Fig. 8. Hier . sind die Schiessstände bemerkenswert, welche, den im Stande befindlichen Schützen vor Fig. 9. Figuren-Scheiben beim grossen Herren-Schiessen zu Ulm. 1556. Störungen bewahren sollten, so wie dies in der Schiessordnung gefordert wird. Man sieht ferner die Zieler mit dem Zielerlöffel, die Scheibe an der Wand, die Schreiber und einen Schützen mit einer Gewinnstfahne; der Anschlag war augenscheinlich an der Wange. Ausser der Scheibe und dem zuerst erwähnten Vogel gab es für das Übungsschiessen noch andere Ziele. In Breslau schoss man im Jahre 1566 nach einem gemalten deutschen Hakenschützen, mit Sturmhaube und Seitengewehr, aus Holz geschnitzt; Schussentfernung 186 Schritte.1) Im Jahre 1577 schoss man ebenda auf einen «türkischen reitenden Kürissreiter hinter vier Püschen aufgerichtet»; Schussentfernung 220 Schritte. «Ehe man rennte, ritt eben auf solche Art in Küriss einer auf einem braunen Ross hinaus hinter die Püsche und verlor sich; da man nun die Scheibe zog, meinten mancher, es wäre der Lebendige.»2) 4) Gomolky, III, 173. 2) Ebenda. 175. Nach den Türkenkriegen wurde es üblich, auf sogenannte Türkenziele zu schiessen; dieselben waren von PIolz, massiv und stellten einen Türken dar oder nur einen grossen Türkenkopf mit buntem Turban, der auf eine Stange aufgesetzt wurde. Beim grossen Plerrenschiessen zu Ulm im Jahre 1556 waren zwei Figurenscheiben in Verwendung, ein Türke und ein Weib. Fig. g.s) Der Augsburger Pritschenmeister Lienhart Flexel giebt über dieselbe folgende Beschreibung: «Ein altes Weib Hessens malen und machen, Sie stund in einem schwarzen Rock Und war angeheftet an einen Stock.» F erner: «Darnach man that einen Türken heraus, ' Der war bekleidt mit lauter Roth, Wie er eim sein Kolben bot.» Beim Büchsenschiessen zu Augsburg im Jahre 1587 wurde nach der Beschreibung des Pritschen meisters Caspar Lerff eine Scheibe verwendet, die «Gieng Uber sich rauff von der Erdt, Wann einer zu schiessen begehrt. Mit dieser Scheiben hat’s den Sinn, Es waren gemacht zweyer drin, Auch dartzu wardt gemalet dran, Von Farben hiipsch ein halber Mann.» Bei dem grossen Festschiessen zu Neisse in Schlesien im Jahre 1612, welches «auf gnädigste Anordnung Ihr. Fürstl. Durchl. Caroli, Ertzhertzogens zu Oesterreich etc., Bischoffs zu Breszlau» abge halten wurde, schoss man nach einem hölzernen Mann von 196 cm Höhe und 98 cm Breite; in dieser Mannsscheibe war über dies ein Zirkel oder Spiegel von 28 cm Halbmesser mit Farben eingezeichnet. Der Mann hatte eine «Gestalt wie ein Hussar Mit lang krauss geflochtenem Haar. Ein Tartsch in seinem Arm er führt, Und dem ein Säbel angegiirt.» Es wurden auf dieses Ziel von 171 Schützen je drei Schuss gemacht, von denselben erreichten: 45 Schützen 3 Treffer, 63 Schützen 2 Treffer, 38 Schützen 1 Treffer und 25 Schützen keinen Treffer.3 4) In Breslau wurde im Jahre 1611 ein Musketen schiessen nach einen fortziehenden türkischen Reiter abgehalten; Schussentfernung 400 Ellen, beiläufig 234 m, 300 Schritte. Man konnte mit Lunten-, Schwamm- oder Feuerschlössern schiessen, jedoch musste jeder Schütze mit dem Seitengewehr und Pantelier aufziehen und seine Muskete im Fortgehen laden. 3) Lienhart Flexel, Das grosse Herrn-Schiessen zu Ulm im Jahre 1556. — Scheible,. Das Schaltjahr. 1847. 4) Georgius Reutier, Schreiber im Zwinger, Aus führlicher, wahrer und gantz gründlicher Bericht des fürst lichen rechten Freischiessens zu «Neyss in Schlesien» am 21. Mai 1612. — Breslau 1612. g. Heft. Im Jahre 1614 wurde in Breslau nach einem hölzernen Manne ge schossen, der aus einer Grube stieg und in dieselbe wieder verschwand.1) In Prag schoss man bei dem grossen Schiessen im Jahre 1585, dem «Ertzhertzogs Ferdinands Schies sen», nach einer beweglichen Reiter scheibe. Von diesem Schiessen sind Radier ungen von Boys vorhanden, deren Kopie in Fig. 10 wiedergegeben ist. Die Reiterscheibe stellte einen Ritter dar mit eingelegter Lanze, wel cher offenbar zwischen den beiden Zielerhäus- 4 ^ chen hin- und hergezogen wurde; hatte ein Schütz die Scheibe getroffen, so mussten die Trompeter und Pauker aufblasen. Ferner sieht man den Schiessstand und zu bei den Seiten Gewehrhütten, wo die Gewehre gerei nigt und geladen wurden. Stand und Zieler waren durch eine «Glocken schnur» verbunden, um eben den Zielern das Zeichen für die Bewegung der Reiterfigur geben zu können. Erwähnenswert sind noch die Uebungen im Schnellschiessen, wel ches ähnlich wie bei der Armbrust vorgenommen wurde; so mussten die Nürnberger Schützen auf Anordnung des Rates im Jahre 1579 sich üben im Gehen zu laden und bis zum Ablaufen einer Sanduhr drei Schüsse abzugeben. Aus allen diesen Angaben geht hervor, dass die Gewehre schon am Zeitschrift für historische Waffenkunde. Ende des 15., noch mehr aber in der zweiten Plälfte des 16. Jahrhunderts eine grosse Treffleistung aufweisen, wobei noch bemerkt werden muss, dass in der Regel aus glatten Ge wehren geschossen wurde, da die gezogenen Läufe bis über die Mitte des 16. Jahrhunderts auf,den Schiess ständen verboten waren. __ (Schluss folgt.) *) Gomolky, III, 178. 337 Fig. 10. Das Schiessen nach einer beweglichen Reiterscheibe. 45* 333 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Ein sonderbarer Mehrlader. Von Dr. Potier. Adjö nun, Lowise, wisch’ ab dein Gesicht, II. Band. von Gewehren war nur ein einziges Schloss vor Eine jede Kugel trifft ja nicht: Denn traf’ jede Kugel apart ihren Mann, Wo kriegte der König Soldaten dann? (Aus einem alten preussischen Soldatenliede.) zu dem Augenblicke, da die neuerfundenen Feuer waffen die Kinderkrank heiten überstanden hatten, lassen sich die Versuche zurückverfolgen, die Ver wendbarkeit dieser Waffen zu steigern. Emsig suchte der Schwarzkünstler nach der Formel, welche den in der vereinigten Drei heit Schwefel, Salpeter und Kohle schlummernden Dämon zu höchster Kraft leistung anfeuern sollte, eine Aufgabe, deren Lösung erst dem modernen Chemiker Vorbehalten blieb. Unermüdlich übte der Büchsenmacher seinen Witz an dem Problem eine Waffe zu ersinnen, welche Plandlichkeit mit höchster Feuerbereitschaft vereint. Auch diese mühevollen Versuche mussten so lange geistreiche Spielereien einzelner befähigter Köpfe bleiben, solange die Welt von Präcisionsmechanik nichts wusste. Erst der moderne Maschinenbauer, welcher haarfein und haargenau arbeitende Maschinen schuf, gab dem Waffentechniker die Mittel in die Hand, das im Geiste geschaute praktisch zu ver wirklichen: Dem Schwesternpaare Chemie und Prä cisionsmechanik dankt also der Soldat und Schütze die Einheitspatrone, die Nitratpulver, den handsamen und den Tod auf weite Entfernung aussendenden Mehrlader. Aber auch diese allermodernste Kriegswaffe war, wenigstens in ihren Grundzügen, den alten Büchsen machern wohl bekannt. Der Wunsch nach höherer Feuerbereitschaft erzeugte die mehrläufigen Gewehre, die Doppelschussgewehre, endlich die Drehlinge, wenn wir von den Handfeuerwaffen mit Hinterlade vorrichtung, welche schon um 15 5° auftreten, ab sehen wollen. Bei den mehrläufigen Gewehren waren die Läufe entweder neben- oder übereinander angeordnet, und man unterschied demnach zwischen Zwillings- und Bockgewehren. Immer aber gehörte zu einem jeden einzelnen Laufe ein eigener Schlossmechanismus, und zwar wurde bei den Bockgewehren die im unteren Laufe befindliche Ladung durch das vordere, der im oberen Laufe steckende Schuss durch das rück wärtige Schloss zur Entzündung gebracht. Als nahe Verwandte dieser älteren Mehrlader erscheinen die Wendegewehre. Bei dieser Gattung handen, die zwei über einander, also im Bocke ruhenden Läufe waren jedoch so um eine gemein schaftliche Achse drehbar, dass die Ladung in dem gerade oben liegenden Lauf von diesem Schlosse aus entzündet wurde. Die Schlösser für die Doppelschussgewchre charakterisierten sich dadurch, dass zwei oder mehr Flintenschlösser hintereinander längs eines Laufes angebracht wurden, und zwar in der Weise, dass die Pfannentröge aller in gleicher Ebene lagen, und dass einer jeden Zündpfanne ein eigener Zündkanal im Laufe entsprach. So wurde die Waffe, der Schlossanzahl entsprechend, mit zwei bis drei Schüssen geladen, jede einzelne Ladung jedoch durch einen starken Pfropf von der nächst folgenden getrennt. Wollte man schiessen, so setzte man zuerst den Mechanismus des der Laufmündung zunächst lieg'cn den Schlosses in Thätigkeit und feuerte den obersten Schuss ab; dann spannte man den Flahn des zweiten, mittleren, endlich denjenigen des derSchwanzschraube zunächst gelegenen Schlosses. Es ist begreiflich, dass diese Art der Anordnung der Schlösser, welche man häufig an für die Jagd von grösserem Raubwild bestimmten Büchsen findet, ein überaus genaues Laden voraussetzte und auch sonst wenig Vorteile bot. Die eigentlichen Vorläufer der modernen Re volversysteme sind jedoch die Drehlinge. In eine um eine Achse drehbare Trommel war eine Anzahl von Ladekammern gebohrt; zu jeder Ladekammer gehörte später ein Batteriedeckel und eine Zünd pfanne, welche sich mit der Trommel drehten. Wie alt diese Art von Mehrladern ist, geht daraus hervor, dass im Jahre 1584 Niklas Zurkinden in Bern Schiess proben mit einem Drehling vornahm, welche aller dings unglücklich endeten, da die Büchse zersprang. Offenbar fielen die Achsen der Ladekammern in der Trommel nicht ganz genau in die Verlängerung der Laufachse, so dass die Kugeln nicht ganz glatt aus den Ladekammern in den Lauf hinüber zu springen vermochten, und ein sich stauchendes Ge schoss die Waffe zertrümmerte. Die dem Drehlingssysteme anhaftenden Mängel, unter welchen die kurze Schussweite wegen des un vermeidlichen Ausströmens der' Pulvergase an der Berührungsfläche von Trommel und Lauf nicht der geringste war, führten dazu, dass man anfing, die Munition, und zwar Pulver und Kugel getrennt, in eigenen Magazinen am Gewehre unterzubringen. Doch geriet man auch hierin bald auf Abwege: So bewahrt die königliche Gewehrgalerie zu Dresden derartige Repetiergewehre auf, welche zur Aufnahme von 20, 30, ja sogar 40 Schüssen eingerichtet sind. g. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. Waffen, deren Herstellung in das Ende des 17. und 339 Als ein sprechendes Beispiel dafür, wohin das den Anfang des 18. Jahrhunderts fällt. Diese Art Lagerung- der Munition beeinträchtigte jedoch die Kriegsbrauchbarkeit derartiger Feuerwaffen arg, wegen der dadurch bedingten Verschiebung des Schwer punktes; sie war auch für den Schützen selbst nicht ganz ungefährlich, weil die Möglichkeit vorhanden war, dass beim Losbrennen des Schusses der Feuer strahl in den Pulverbehälter hinübersprang und dort eine Explosion hervorrief. Trotzdem verging eine geraume Zeit, bis es endlich gelang, durch die Ver einigung mehrerer Patronen zu einem an das Gewehr anhängbaren Bündel und Lagerung desselben in den Unterschaft eine allen kriegstechnischen An forderungen entsprechende Waffe, den modernen Mehrlader, herzustellen. So nahe liegend eigentlich auch der Gedanke war, die Feuerbereitschaft eines Gewehres dadurch zu steigern, dass man sein Augenmerk auf die hand liche Lagerung der Munition in der Waffe richtete, so hielt dennoch die Büchsenmacherkunst mit einer schier unbegreiflichen hartnäckigen Zähigkeit an dem Revolversystem fest und glaubte, die Feuerbereitschaft einer Waffe wachse mit der Anzahl der Ladekammern in der Trommel. Die Vermehrung der Ladekammern bedingte jedoch ein Vergrössern des Durchmessers der Trommel, welche dadurch immer schwerer wurde, so dass endlich das hohe Gewicht der Waffe deren Brauchbarkeit erheblich herabsetzte, wenn nicht gar ganz aufhob. rücksichtslose Anbringen stets neuer Ladekammern die Büchsenmacher führen musste, möge ein Gewehr dienen, dessen Trommel nicht weniger als vierund zwanzig Schüsse fasst. Die Länge dieser Waffe, von der Laufmündung bis zum Kolbenschuh gemessen, beträgt 165 cm, wovon 110 cm auf den dünnwandigen 14 mm weiten und glatten Lauf entfallen. Die Länge der automatisch drehbaren Trommel misst II, deren Durchmesser 24 cm. Eine jede der vierundzwanzig Ladekammern muss wie ein Vorderlader geladen werden; die Zündung besorgen Zündhütchen. Das Perkussionsschloss ist ausserordentlich kräftig ge baut, jedoch erfolgt das Spannen des Flintenhahnes nicht selbstthätig. So interessant diese Waffe1) vom technischen Standpunkte auch ist, weil in ihr sich ein fast krank haft zu nennender Trieb nach hoher Feuerbereit schaft ausspricht, so muss sie der Praktiker dennoch als eine recht verunglückte Spottgeburt bezeichnen: Wiegt sie doch ungeladen 13 Kilo, welcher Umstand ihre Verwendung zur Jagd auf Wasservögel, wozu sie vermöge der Länge des Laufes wahrscheinlich dienen sollte, wohl ausschliesst, wenn man sie sich nicht als ein Riesenspielzeug in den Fäusten eines modernen Goliat denken will. *) Das Gewehr ist verkäuflich. Die Adresse des Eigen tümers desselben ist bei dem Verfasser aus Gefälligkeit zu erfahren. II. Band. 340 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Das Recht des Waffentragens in Deutschland. Von G. Liebe. er Schutz des Rechts, der zum Wesen des Staates ge hört, verlangt als Gegen gewicht die Beschränkung eigenmächtiger Selbst hilfe. Wo die Macht des Staates nicht ausreicht, ist der Anspruch des Einzelnen auf Selbsthilfe unbestritten: die Waffe ist Begleiterin jedes freien Mannes. Je höher sich über den Interessen der Einzelnen der Begriff einer Gemeinschaft erhebt, desto mehr wächst die Notwendigkeit, den Einzel willen zu beschränken und mit ihm das Mittel zur gewaltsamen Durchführung seiner Absichten, die Be waffnung. Aus einem Attribut des Freien wird die Waffe zum Ehrenzeichen bevorrechteter Klassen. Ihr Zurücktreten in der äussern Erscheinung eines Volkes ist ein Gradmesser seiner Kultur. Den Gegensatz zweier Kulturen erkennen wir in der Nachricht, dass die den Römern unterworfenen Germanen es als Schmach empfanden, nur unbe waffnet ihre Volksversammlungen halten zu dürfen.1) Denn die beiden wichtigsten Seiten des öffentlichen Lebens, Heer- und Thingpflicht fielen zusammen, vom Versammlungsplatze aus erfolgte nicht selten der Auszug, und die Wehrhaftmachung war auch die Erklärung politischer Mündigkeit. Die erste Ge setzgebung, welche das deutsche Volkstum vom Standpunkt eines Universalreiches in Fortsetzung des römischen betrachtete, die Kapitularien Karls des Grossen, nahm sofort zu der altgewohnten Sitte Stellung. Dem Leibeigenen, der eine Lanze trägt, soll sie auf dem Rücken zerschlagen werden, auch der Freie soll Kriegswaffen wie Lanze, Schild und Panzer im heimischen Gau nicht tragen, ausser zur Reise oder zur Folge, d. h. Verfolgung von Land friedensbrechern.2) Das Schwert wird als selbstver ständlicher Begleiter des Freien nicht genannt. Wie auf so vielen Gebieten des Staats- und Rechtslebens hat auch hier die karolingische Gesetz gebung die Linien der Entwickelung vorgezeichnet, die eine schwächere Folgezeit nicht immer innezu halten vermochte. Was damals die Staatsgewalt allen ohne örtliche oder zeitliche Begrenzung an befehlen konnte, das erstrebte sie späterhin nur unter gewissen Einschränkungen. Wohl galt der deutsche König als Hort des Friedens, aber auch hier musste die Schwäche der Centralgewalt die 1) Tacitus Histor. IV, 64. 2) Cap. 805 ed. Boretius, S. 123. Ausführung ihrer Aufgaben den provinzialen Gewalten überlassen. Der Schutz des Friedens wird nicht mehr durch den Staat, sondern durch die für ge wisse Gebiete und Zeiträume beschworenen Land frieden gewährleistet. Der aus Frankreich stammende Gottesfriede, der für die Tage vom Donnerstag bis Montag jede Selbsthilfe untersagte, wurden 1083 für die Kölner Diöcese, 1085 zu Mainz für das Reich auf bestimmte Zeiträume, wie Advents- und Osterzeit, erweitert.3) Beide enthalten das karolingische Waffen verbot, jetzt auf das Sclrwert ausgedehnt, mit den gleichen Ausnahmen. Wie diese Frieden örtlich und zeitlich nur Geltung haben, soweit sie beschworen sind, so auch die aus ihnen hervorgegangenen zahl reichen Landfrieden. Friedrich I., auch hier seinem Vorbilde, dem Grossen Karl, nachstrebend, hat zwar 1156 ein Friedensgebot ohne Einschränkung erlassen,4) hielt aber bald für nötig, dasselbe alle fünf Jahr beschwören zu lassen. Was im besonderen die Friedenssicherung durch das Waffenverbot angeht, so machte dieser Kaiser bei seinen ausgesprochen ritterlichen Sympathien den Versuch einer ständischen Scheidung. Der Landmann soll keine Waffen führen, der Kaufmann das Schwert nur am Sattel oder auf dem Wagen zu etwaiger Verteidigung, dag'egen unter liegt der Ritter nicht mehr dem Verbot. Wie Fried rich von seinen hochfliegenden Plänen abstand, lässt der Landfriede von 1179 erkennen, der nur für Rheinfranken und nur auf zwei Jahre beschworen wurde.5 6 *) Innerhalb dieser Grenzen wurde auch den Einwohnern nichtritterlichen Standes das Schwert verstattet, nur innerhalb der Wohnorte das Tragen jeder Waffe verboten, der Besitz aber zum Zweck der Folge ausdrücklich vorgeschrieben. Den Abschluss der mittelalterlichen Entwicke lung bietet der im ersten Drittel des 13. Jahr hunderts entstandene Sachsenspiegel. Das alte Recht des freien Mannes, Waffen zu tragen, unterliegt für ihn keinem Zweifel, wohl aber einer dreifachen Be schränkung nach Person, Ort und Zeit.8) Wer des Königs Frieden geniesst, verzichtet damit auf Selbst hilfe und darf keine Waffen tragen wie die Geist lichen und die königlichen Kammerknechte, die Juden. Innerhalb der Wohnorte, Dorf, Burg und Stadt besteht das Waffenverbot für jeden ohne Unter schied des Standes, jedoch nur solange ein Friede beschworen ist. Das Schwert dagegen bleibt wie 3) Mon. Germ. Leg-, II, S. 55. 4) M. G. Leg. II, S. 101. 5) Böhmer, Acta imperii selecta I, Nr. 138. 6) v. Planck, Waffenverbot und Reichsacht im Sachsen spiegel (Sitzungsberichte der Münchener Akademie, Histor. Klasse 1884). g. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 1179 ausserhalb des Wohnorts von dem Verbote 341 nicht seltene Hervorheben bestimmter Bevölkerungs unberührt. Die politische Zerrüttung des Reiches nach dem Aussterben des staufischen Hauses lähmte auch die Rechtsbildung, die in wachsendem Maasse auf die Lokalgewalten überging. Nicht mehr durch Gesetz gebung von oben herab, sondern durch autonome Beschlüsse der einzelnen Körperschaften von unten herauf erzeugte sich das Recht. Besonders rege war diese Thätigkeit an den Stätten, wo ganz neue Lebensbedingungen eineNeuregelungderBeziehungen der Einzelnen unter sich wie zur Gesamtheit er heischten: in den Städten. Der tägliche Verkehr einer zusammengedrängten Menge, zeitweilig noch erhöht durch das Markttreiben, legte die Gefahr der Selbsthilfe um so mehr nahe, als die auf dem Lande mehr und mehr eingeschränkte Wehrpflicht ein un umgängliches Correlat des Bürgerrechts war und jedermann den Besitz von Waffen bei regelmässigen Musterungen nachweisen musste. Den Ausgangs punkt der städtischen Rechtsanschauung bildete die Lehre des Sachsenspiegels, wonach innerhalb der Stadt während beschworenem Frieden jedermann verboten ist, Waffen zu tragen. Wie die Landfrieden wurden auch die Stadtfrieden für ein bestimmtes Territorium — das Weichbild — auf gewisse Zeit beschworen. Charakteristisch für das, was man von ihnen erhoffte, ist das Lob einer 1283 verfassten poetischen Schilderung der Stadt Erfurt: Sunt ibi burgenses, qui cultros ferre vel enses Prorsus non curant, sed pacis foedera iurant.1) Wenn nun auch die Städte dazu fortschritten, diesen Zustand der Rechtssicherheit für ewig zu er klären, so sprechen doch gerade die immer wieder holten Waffenverbote von dem geringen Erfolg. Es ist eine Reihe von Kompromissen zwischen Prinzip und Wirklichkeit, die in den städtischen Willküren und Statuten vom 13.—16. Jahrhundert ihren Nieder schlag gefunden hat. Der nicht zu unterdrückenden Neigung suchte man durch weitgehende Berücksichtigung der Um stände entgegen zu kommen. Der uralte Grundsatz, dem Reisenden Bewaffnung zu gestatten, wird 1307 im Freiberger Stadtrecht anerkannt: Bürger, Berg und Hüttenleute mögen allerlei Gewehr tragen, wo sie zu schaffen haben im Gebirge, zu den Hütten oder wo sie wandern. Dagegen wird stets darauf gehalten, dass der bewaffnete Fremdling sich in der Herberge seiner Wehr entäussere. In Nürnberg war für diesen Fall schön im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts verordnet, dass der Wirt bei Widerstreben des Gastes weder ihm noch seinen Knechten und Pferden Essen und Trinken reichen durfte, sonst trug er die Verantwortung.2) Das 9 Carmen Nicolai de Bibera v. 1771 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen I). 2) Codex dipl. Sax. XIV, S. 134; Baader, Nürnberger Polizeiordnungen, S. 39. klassen und Oertlichkeiten lässt darauf schliessen, dass man es im übrigen nicht so genau nahm. Zu Strassburg werden anfangs des vierzehnten Jahr hunderts die Handwerksknechte ausdrücklich in dem Verbot genannt, das erst 1452 für die ganze Bürger schaft erfolgt. Die Plalberstädter Statuten aus dem letzten Drittel des vierzehnten Jahrhunderts richten das Verbot wider die Gehrenden oder Scherer.8) Besonderer l'ürsorge erfreuten sich natürlich die Stätten, an denen leicht die Leidenschaft zu Ge waltthätigkeiten führen konnte: die Wein- und Frauen häuser. In Nürnberg wurde für sie das Verbot um die Mitte des 15. Jahrhunderts eingeschärft, in Frei berg 1487.3 4) Frühzeitig richtete sich die Aufmerk samkeit auf das heimliche Tragen der Waffe und deshalb auf die leicht zu verbergenden Messer. Das entspricht der alten Rechtsanschauung: Messer ist dieblich Mord, weil hier der Verdacht vorliegt, dass der Getötete heimtückisch ohne Kampf erlegt sei. 1276 wird zu Strassburg das verborgene Messertragen härter bestraft, ebenso 1300 zu Nordhausen. Nach den wenig späteren Nürnberger Ordnungen büsst sechszig Pfennig, wer das Messer offen trägt, wenn heimlich unter dem Rock, in den Plosen oder Schuhen, so gilt es zwei Pfund oder die Hand.5) Zahlreich sind die Namen der als mordlich Ge wehr geltenden langen Messer: Stechmesser, beseler, rutelink, zscherper. Um die zu häuslichen Verrich tungen wie Brotschneiden oder zu Handwerkszwecken dienenden Messer auszunehmen, suchte man sich durch das Verbot der Spitzen zu helfen oder durch Angabe einer bestimmten Länge, über die hinaus das Messer straffällig war. Schon anfangs des 14. Jahrhunderts wird in Strassburg als Mass ein Zwerchfmger angegeben, 1322 eine Spanne, hun dert Jahre später eine halbe Elle zu Nordheim, auch wohl der Stadt Mass, wie 1503 in Magdeburg.6 *) In Regensburg war ein Messer, das als Kanon galt, am Marktturm eingemauert, desgleichen zu Frank furt am Römer. Das ganze Mittelalter hindurch und bis in das 16. Jahrhundert währte der vergebliche Kampf der städtischen Polizeigesetzgebung gegen die alt eingewurzelte Sitte. Während auf dem Lande der soziale Niedergang des Bauernstandes das Waffen tragen mehr und mehr zum Vorrecht des adligen Grundherrn machte, behauptete es sich in den Städten hartnäckig als natürliche Folge der allgemeinen Wehrpflicht. Im Verzählbuch der Stadt Freiberg 3) Urkundenbuch der Stadt Strassbürg IV 2, S. 160; Ur kundenbuch der Stadt Halberstadt No. 686, § 10. 4) Baader a. a. O. S. 51; Cod. dipl. Sax. XIV, S. 471, § 32 6) Urkundenbuch der Stadt Strassburg IV 2, S. 10; Neue Mitteilungen des thüringisch-sächsischen Altertumsvereins III, ’S. 61; Baader a.a. O. S. 38. 6) Urkundenbuch der Stadt Strassburg IV 2, S. 30, 160; Zeitschrift des hist. Vereins für Niedersachsen 1885, S. 299; Urkundenbuch der- Stadt Magdeburg III, S. 709. II. Band. 342 Zeitschrift für historische Waffenkttnde. kehrt das. ganze 15. Jahrhundert hindurch als buss fälliges Vergehen das Tragen verbotener Wehre wieder.?) Nur sehr allmählich vermochte das Ver trauen auf den Schutz der Obrigkeit die stete Bereit schaft zur Selbsthilfe zu verdrängen. Nicht wenig trug dazu bei, dass seit dem Ende des 15. Jahr hunderts die Landesherren der bisher fast nur von den Städten gepflegten Sicherheitspolizei ein schärfe res Augenmerk zuwandten. Zwei Männer, die 1467 bei dem Baumeister Strauss von Augsburg erschienen, der eine mit einem Nagelkolben, der andere mit einem Wurfbeil und langen Messer, wurden an diesen mörderischen Wehren als Böswichter erkannt und verhaftet.* 2) Mit dem zunehmenden Gefühl der Sicherheit minderte sich die Wehrhaftigkeit; immer entschiedener mussten Ende des 16. Jahrhunderts die Stadträte die Pflicht der Waffenhaltung ein schärfen. Aber mit der Notwendigkeit der Be waffnung schwindet keineswegs die Neigung, nur wurde die Waffe nicht mehr täglich sondern' zu Repräsentationszwecken getragen. Der Kampf gilt jetzt weniger dem Besitz eines Verteidigungsmittels als der Behauptung eines Ehrenvorrechts. Die zu nehmende soziale Differenzierung innerhalb des Bürgertums musste den Sinn dafür befördern. Je mehr das städtische Patriziat trotz höhnischer Zurück weisungen die Lebensweise des Adels für sich in Anspruch nahm, je mehr die akademische Bildung Grundlage eines neuen Standes wurde, dessen höchstes Abzeichen, das Doktorbarett, in der fürstlichen Rats stube dem Rittergurt gleich geschätzt wurde, desto mehr wuchs die Neig'ung, das Schwert, an dessen Stelle jetzt der Degen tritt, den hohem Klassen vor zubehalten. Als 1550 in Berlin allein das Hofgesinde von dem Verbot ausgenommen wurde, erwiderte der Rat sehr anzüglich, so könnten die Bürger von jenem überfallen und bei Festen die Frauen nicht gegen Unge bühr geschützt werden.3) Wenn 1551 der durch seine Selbstbiographie bekannte Sastrow bei der Heimkehr aus der Fremde nach Stralsund wegen seines Schwalkenstert (Schwalbenschwanz) verspottet wird, so ist anzunehmen, dass das Degentragen schon als ungewöhnlich auffiel und Sastrow die Sitte von seiner Schreiberthätigkeit am Reichskammergericht und anderswo mitgebracht hatte.4) Dass schon im Mittelalter Versuche gemacht wurden, das Verbot auf die unteren Schichten zu beschränken, haben wir oben gesehen. Die Zeiten des grossen Krieges, wo die Not jeden, den Landmann auf dem Felde, den Hirten bei der Herde zur Bewaffnung zwang, wirkten auch auf die Folgezeit und drückten die Grenze des Waffenrechts stark herunter. Der Kampf der Polizei verordnungen richtet sich vorzugsweise gegen die Handwerksgesellen, die wenigstens an Feiertagen *) Cod. dipl. Sax. XIV, S. 230f. 2) Burkard Zink in Städtechroniken V, S. 317. 3) Fidicin, Beiträge zur Geschichte Berlins V, S. 367. 4) ed. Mohnike III, S. 21. das Recht des Degentragens beanspruchten. 1657 Hess der Rat zu Halle durch die Stadtknechte etlichen Töchtern von Handwerkern sowie Dienstmädchen die Hoffahrt von den Köpfen und Idandwerksgesellen die Degen von der Seite nehmen.5) Welchen Wert man auch in Handwerkskreisen auf das repräsentative Element legte, lässt recht deutlich eine Verordnung der kurmainzischen Regie rung zu Erfurt von 1682 erkennen, die den Gesellen das Tragen des Degens statt des Mantels oder eines Stücks Handwerkszeug verbietet. Denn dieses beides zu tragen gehörte seit dem ausgehenden Mittelalter zu den polizeilich vorgeschriebenen Pflichten der Wohlanständigkeit für den Pländwerksmann, jetzt aber sollten die Standesunterschiede verwischt werden. In Berlin würde das 1688 für Lakaien und Hand werksgesellen erlassene Verbot 1704 erneuert, da gegen den Meistern zur Wache oder Parade der Degen gestattet.6) Besonders gefährlich musste die Sitte in Universitätsstädten werden, da auch die akademischen Bürger das Privilegium des Deg'ens hoch hielten, und der traditionelle Gegensatz zwischen Burschen und Knoten führte oft zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die ein Stück Mittelalter in moderner Zeit erstehen liessen. 1506 hat der Huma nist Eobanus Hessus den Kampf der Erfurter Studen ten upd Handwerker in schwungvollem Latein be sungen und noch des Feldmarschalls Gneisenau Hand trug eine Narbe, die er 1778 als Erfurter Student aus einer Rauferei mit dem löblichen Schustergewerk davongetragen hatte. Die Obrigkeiten versuchten dem Uebel dadurch zu steuern, dass sie nur den höheren Schichten des Handwerks die Erlaubnis gewährten, wie den Goldschmieden, deren Thätig keit als eine künstlerische angesehen wurde, und den Barbieren, die ja auch Chirurgen waren. So verbot 1682 das oben erwähnte kurmainzische Edikt nur den Handwerksgesellen, welche keiner Kunst zugethan, den Degen zu tragen. Erläutert wird dies durch eine 1699 gegen den Rat zu Halle gerichtete Beschwerde, weil er einem Goldplattner, der nicht unter die Handwerksbursche zu rechnen, den Degen habe abnehmen lassen. Der Rat aber beruft sich darauf, dass das Verbot auch für Goldschmieds- und Barbiergesellen gelten solle. Freilich scheint der Betroffene sich eifrig bemüht zu haben, akademische Unsitten zu kopieren, denn er hatte vielen Leuten in die Fenster gehauen und in Bierschenken Ver wundungen verübt. Noch ein Edikt Friedrichs des Grossen von 1752 sieht sich genötigt, die letztge nannte Einschränkung wieder ins Gedächtnis zu rufen. In Universitätsstädten sollen Kaufdiener, Gold schmieds-, Apotheker- und Barbiergesellen keine Degen tragen, da sie die Studenten insultieren und nachts die Stadt mit Wetzen und Provozieren be 6) Staatsarchiv Magdeburg A Erzstift II, 886. 6) Staatsarchiv Magdeburg A Erfurt XIII, 6; Mylius Corpus constitutionum Marchicarum VI, 1. Abt., S. 580; V, 1. Abt., S. 94. g. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. unruhigen.1) Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, 343 galt, und Thomasius, der den Kampf wider die dass die Studenten mit Ausnahme des Adels schon demselben Verbot unterlagen — mit welchem Erfolg, das lehrt Zacharias 1744 erschienener Renommist mit seinen Schilderungen der Helden: Die auf dem Jen’schen Markt mit stolzen Häuptern gehn, Auf glattem Kieselstein die blanken Degen schärfen Und mit der wilden Hand in helle Scheiben werfen. Auch die akademischen Lehrer trugen vielfach den Degen, seit er als Vorrecht der höheren Stände *) Staatsarchiv Magdeburg A Landesregierung Magde burg XX 5, U Erzstift XXVIII 24i. Perrücke in seinem Aeusseren, wie in seinen Lehren zu vertreten liebte, musste von seinen pedantischen Gegnern Vorwürfe erdulden, weil er in modischem Kleide mit Degen das Katheder betrat. An die alte Gleichstellung der Doktor- und Ritterwürde er innert es, dass die Besitzer akademischer Grade am längsten das Vorrecht behaupteten. Es sei nur an die drollige Episode in Goethes Dichtung und Wahrheit erinnert, wo der Magister Behrisch, um einen eiligen Freund- in lustigem Kreise festzuhalten, scheinbar mit dem Anlegen seines Degens nicht zu stände kommt. Ein Stück Feuertaktik aus dem Mittelalter. Von Paul Reimer, Oberleutnant ä la suite des Badischen Fussartillerie-Regiments Nr. 14, Direktions-Assistent beim Feuerwerks-Laboratorium Spandau. enn schon die Angaben über das Geschützwesen des 14. und Anfang des 15. Jahr hunderts nicht eben reich lich sind, so stossen wir in der Kriegsgeschichte noch viel seltener auf Nachrich ten, aus denen die Artillerie taktik — um hier den mo dernen Ausdruck anzuwenden — jener Zeit mit Sicherheit zu erkennen ist. Um so schätzenswerter ist . daher ein Beitrag zu diesem Gegenstände, den ;Exc. v. Boguslawski unter obiger Ueberschrift in den Nr. 74 und 75 des Jährgang-es 1901. des Militär Wochenblattes2). veröffentlicht. Es wird darin das Treffen in und um Angermünde geschildert, welches in der Nacht vom 27. zum 28. März 1420 zwischen dem. Kurfürsten Friedrich I. und den sehr über legenen verbündeten .Streitkräften der Herzoge von Pommern und polnischer Hilfstruppen stattfand und mit dem ausgesprochenen Siege des Kurfürsten endete. Der Herr Verfasser, welcher ausser verschie denen, in dem Artikel angezogenen Geschichts werken auch die Chronik der Stadt Angermünde benutzt hat, giebt zunächst einen kurzen Ueberblick über die vorangegangenen, historischen Ereignisse, und geht dann zu dem Feldzüge über, dessen erste kriegerische That die Wegnahme der festen Stadt Angermünde war. Dieselbe liegt in der Ukermark o 2) Halbwochenschrift im Verlage von E. S. Mittler & Sohn in Berlin. am südlichen Ufer des Mündesees, und besass in ihrer, dem damaligen Befestigungssystem entspre chenden Stadtmauer vier Thore, welche durch Thor türme gesichert waren. Von jedem Thore führte eine anscheinend gerade Strasse zum Marktplatze. Vor dem nach dem See hinführenden Thore, (See thor) lag ein festes Schloss. Die Stadt nebst Schloss war besetzt von einer Abteilung pommerscher Trup pen unter Befehl des Schlosshauptmanns v. Briesen. Der Kurfürst, dessen Heer der Herr Verfasser über schläglich auf 8000-— 9000 Mann, nebst ziemlich. an sehnlicher Artillerie berechnet, rückte von. Ebers walde aus gegen die Stadt vor und nahm dieselbe am 21. März 1420 ohne besondere Mühe, da die Bürg'erschaft die Thore selbst öffnete. Die Be satzung warf sich in das Schloss, eine kleine Ab teilung hielt sich in dem Turme des. benachbarten Kerkower Thores. Das Schloss wurde alsbald ein geschlossen und hart bedrängt, ob indessen eine Beschiessung stattgefunden hat, steht dahin.. Immer hin war die Einschliessung nicht derart, dass der Schlossha.uptmann nicht Mittel und Wege gefunden hätte, den Herzogen von Stettin von seiner bedrängten Lage Nachricht zu geben, worauf dieselben alsbald bis in die Gegend nördlich von Schwedt vorrückten und sich hier mit weiteren Verstärkungen vereinigten. Nachdem hier eine abermalige Bitte um schleunigsten Entsatz seitens des Hauptmanns v. Briesen einge troffen, erschien das pommersche Pleer, welches die Streitmacht des Kurfürsten an Zahl um das. Dop pelte oder Dreifache übertraf, unter dem Befehl des Herzogs Otto von Stettin am 27. März gegen Abend vor Angermünde. 46 344 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Dem Geiste der damaligen Gefechtsführung II. Band. schlag und Trompetenschall setzten sich die Sturm hätte es nun entsprochen, wenn. der Kurfürst, der über die sehr überlegene Stärke des Gegners durch aus im Klaren war, die Stadtmauern in Verteidigungs zustand gesetzt und besetzt hätte, oder aber dem Gegner in offenem Felde entgegengetreten wäre. Für den letzteren Fall war indessen seine Streit macht, besonders die Zahl der gewappneten Reiter, viel zu gering, eine Verteidigung der Stadtmauer aber neben dem allgemeinen Nachteil jeder der artigen Verteidigung, dass der Angreifer die Wahl des Angriffspunktes hat, um so mehr unthunlich, als sich das Schloss und der Turm des Kerkower Thores noch immer in den Fländen des Feindes befand. Anstatt nun aber unter Aufgabe des wich tigen Platzes einen geeigneteren Rückhalt zu suchen, wandte der Kurfürst ein eigenartiges taktisches Ver fahren an, das zwar den Erfolg für sich gehabt hat, aber bei umsichtigerer Führung des Feindes sehr gewagt erscheinen muss. Er besetzte zwar die Stadt mauer nebst den übrigen drei Thortürmen unter Verwendung von Handbüchsen, die Hauptmasse seines Fussvolkes konzentrierte er indessen auf dem anscheinend sehr geräumigen Markte, wo er eine Wagenburg zusammenfahren und an der Sperrung der vier Strassen mit seinen Geschützen besetzen liess. Die Stadtthore blieben offen. Die Reiterei stellte der Kurfürst ausserhalb der Stadt völlig ge deckt auf. Auf einen Angriff in der nächsten Nacht war der Kurfürst zunächst nicht gefasst, und nur der kriegerischen Unerfährenheit des Herzogs Otto ist derselbe gegen den Rat seiner Unterführer zuzu schreiben. Der Herzog, welcher von den Mass nahmen des Kurfürsten Kenntnis erhalten, übernahm persönlich den Befehl über die gegen das Schloss vorgehende Sturmkolonne und konnte sich bald mit der Besatzung desselben vereinigen, während ein anderer Teil des Heeres zugleich mit dem Herzog durch das Kerkower Thor in die Stadt eindringen sollte. Nachdem der Kurfürst von dem bevorstehenden Nachtangriff Nachricht erhalten, alarmierte er sofort seine Leute, liess alles zur Verteidigung der Wagen burg vorbereiten und übernahm selbst das Kom mando, noch ehe sich der Angriff der Pommern entwickelte. Es heisst dann weiter: «Die Pommern waren gegen Mitternacht ohne Widerstand in die Stadt eingedrungen, aber ge rade das Ausbleiben desselben scheint eine grosse Stockung hervorgerufen zu haben, denn alle Er zählungen stimmen darin überein, dass die einge drungenen Völker in drei Strassen in grösserer Ent fernung vor der brandenburgischen Wagenburg Halt machten und sich dichte Haufen aufstauten. Die Brandenburger standen in der Wagenburg und bei ihren Steinbüchsen in grösster Ruhe bereit, ohne zu schiessen. Endlich erscholl das vom Fierzog Otto aus gegebene Feldgeschrei «Stettin!» und unter Trommel haufen vom Schlosse und vom Kerkower Thor her gegen den Marktplatz in Bewegung. Aber auch jetzt fiel kein Schuss von den Brandenburgern, bis die pommerschen Hellebarten und Piken in den Nachtfeuern der Brandenburger erglänzten, sagt die Chronik. Jedenfalls liess man die Angreifer ganz nahe heran, ehe man Feuer gab, ein Verhalten, das man wohl mit dem unserer Truppen in manchen Momenten von 1866 vergleichen kann. Der Kurfürst stand inmitten seiner Völker neben dem aufgerichteten Banner der Kurmark und soll mit dem Rufe «Brandenburg» selbst das Zeichen zum Feuern gegeben haben. Sofort donnerten die Steinbüchsen, und mag es richtig sein, dass auf diese nahe Entfernung jede Kugel in die dichten Haufen einschlug und tiefe, blutige Furchen riss. Ein furchtbares Geschrei erhob sich und die vor dersten Haufen wandten sich zur Flucht; da aber die hintersten unter dem Feldgeschrei «Stettin» vor wärts drängten, kam der Angriff noch einmal in Fluss. Eine zweite Ladung der Steinbüchsen aber liess ihn scheitern. Die Massen wälzten sich zurück, und nun brachen die Brandenburger aus der Wagen burg hervor und fielen mit der blanken Waffe auf den Feind.» Die vom Kerkower Thore her eingefallenen Pommern wurden auf dieses zurückgedrängt, ebenso die andere Kolonne auf das Schloss, welches von den heftig nachdrängenden Brandenburgern genommen wurde. Die brandenburgische Reiterei, welche bis her den Fortgang des Gefechts genau verfolgt hatte, war inzwischen mit einem Teile den in den Strassen kämpfenden Pommern in den Rücken gefallen, die Hauptmenge aber griff die unterdessen um den See herum vorgegangene polnische Reiterei überraschend an und warf dieselbe trotz deren mehrfacher Ueber legenheit zurück. Jedenfalls vergrösserte die Dunkel heit die allgemeine Verwirrung der pommerschen Völker bedeutend, denn im Morgengrauen befand sich der Feind in vollem Abzüge nach Norden und der Erfolg dieses nächtlichen Gefechts stellte sich als vollständiger Sieg des Kurfürsten mit allen seinen politisch wichtigen Folgen heraus. Was den Waffenhistoriker an diesem eigen artigen, kriegerischen Ereignis interessiert, ist die den vorliegenden Versältnissen in durchaus origi neller und zweckentsprechender Weise angepasste Verwendung des Geschützes. Dieselbe wird zwar in der Schlussbetrachtung von dem Flerrn Verfasser gebührend gewürdigt, doch lohnt es sich, an dieser Stelle noch näher darauf einzugehen. Leider finden sich keinerlei Angaben über Stärke und Art der Artillerie des Kurfürsten. Zu jener Zeit hatten die Hussitenkriege eben begonnen, und der Erfolg jener fanatisierten Heermassen wird be kanntlich mit auf die geschickte Anwendung der Feuergeschütze zurückgeführt, ein Zeichen, dass die häufigere Verwendung des Feuergeschützes im Ge g. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. fecht in Aufnahme zu kommen begann. Das Ge 345 nicht ganz aufgegeben war. Eine andere Skizze schütz, welches im 14. Jahrhundert nach allem, was darüber bisher bekannt geworden ist, aus einem kurzen Rohr mit konischer Seele (6—7 mittlere Ka liber lang) bestand, war inzwischen weiter entwickelt worden. Authentischen Aufschluss über den Stand der damaligen Artillerie in ihren Hauptzügen giebt ein Manuskript in der königl. Bibliothek in Mün chen, welchem M. Berthelot in seinen «Annales de Chimie et de Physique,1) 6. Serie, tome XXIV. 1891, einen Artikel: «Pour l’histoire des arts mecaniques et de rartillerie vers le fin du moyen-äge» widmet. Das Manuskript besteht aus zwei Teilen, einem deutschen, der, nach angeführten gleichzeitigen historischen Ereignissen zu schliessen, um das Jahr 1430 entstanden ist, und einem davon ganz unab hängigenitalienischenTeiljderetwa 1445 von Marianus Jacobus aus Siena verfasst wurde. Beide Teile enthalten zahlreiche, mit mehr oder weniger Sorgfalt ausge führte Skizzen, die sich teils auf mecha nische Konstruktionen, teils auf das Ge schützwesen beziehen, und von denen Berthelot einen grossen Teil, darunter gerade die für den Waffenhistoriker wichtigen Abbildungen in seinem Auf sätze in photomechanischer Reproduk tion wiedergiebt. Wir finden da in dem deutschen Teil in erster Linie einen Geschütztypus, der augenscheinlich in jener Zeit vorherrschend war, nämlich ein anscheinend geschmiedetes Ge schütz von mörserähnlicher Gestalt mit cylindrischem Flug und abgesetzter, nach hinten sich schwach verjüngender Kammer. Der Flug trägt mehrere Oesen zum Befestigen der Hebezeuge, oder auch einen quer gestellten Henkel. Fig. 1 zeigt eine Skizze2 * * * * *) des Manuskripts, auf der ein derartiges Ge schütz, an einer Hebeschraube hängend, sehr deutlich dargestellt ist. Das obere bewegliche Brett des Hebe zeuges soll an den nach unten gebogenen eisernen Handhaben gedreht werden. Dieser Umstand lässt einen Schluss zu auf den Maassstab der Zeichnung, wonach das Kaliber des Geschützes annähernd 25 cm gewesen sein mag. Mit unwesentlichen Aenderungen ist diese Form des Rohres in dem deutschen (älteren) Teile des Manuskripts vorherrschend, zugleich ist aber angedeutet, dass neben dieser vorgeschrittenen Form auch noch die ältere, konische Geschützgestalt 1) Zeitschrift im Verlage von G. Masson, Paris, Boulevard St. Germain. 2) Diese und die folgenden Abbildungen 3 und 4 sind dem Werke «Beiträge zur Geschichte des Maschinenbaues» von Theodor Beck entnommen, welcher das Münchener Manuskript im Original zum Studium der mechanischen Kon struktionen benutzt hat. Das Werk ist besprochen in Band II, Heft 2, S. 52 dieser Zeitschrift. Die obigen Abbildungen sind aus den etwas roher gehaltenen Skizzen des Manuskripts umgezeichnet, geben aber alle wesentlichen Teile in richtiger Auffassung wieder. zeigt nämlich ein an einem Flaschenzuge hängendes, ausgesprochen konisches Rohr, bei dem der Beginn der Kammer allerdings schon angedeutet ist, und zwar auf der Zeichnung durch einen schraffierten Ring, der anscheinend die Verbindungsstelle zwi schen Flug und Kammer zeigen soll. Der Flug trägt einen aufgeschmiedeten Ring. Ueber der Zeich nung befindet sich folgende Inschrift: «Das ist ein tzug daz tzwen man ein puchssen auff ainen wagen helen dy sex centner swar ist.» Diese Gewichts angabe8) ist von Wichtigkeit, denn sie zeigt, dass wir es hier mit einem Geschütz zu thun haben, das wohl als Feldgeschütz im modernen Sinne Verwen dung finden konnte, während es für Belagerungs zwecke zu leicht war. Anscheinend unterschieden sich Geschütze grossen und kleinen Kalibers zu jener Zeit in der Gestalt wenig voneinander. So ist ein derartiges Geschütz von der Form unserer Fig 1, aber ohne Ringösen, hinter einem vorne spitz zulaufenden, aus Balken gezimmer ten, grossen Schutzschirm dargestellt, welcher auf Rädern mittels Haspeln vorwärtsbewegt werden konnte. Die bezügliche Inschrift lautet: «Item den schirrem hat her arking vor satz gehabt da gen hundert man wol darunter sicher der haspel ist in wending unn wan man tzu der stat kumt so tzeugt man den schirm auff unn schiust unn lat in den wider tzu gien wint den haspel wider hinter sich so get der schirm wider von stat unn dye lewt stien dar hinter an schad.» Die Belagerung von Saaz durch Archinger v. Seinsheim soll im September 1421 statt gefunden haben. Das hinter dem Schirm abgebil dete Geschütz ist also ein für Belagerungszwecke gebrauchtes Rohr schwereren Kalibers. Auch über die Laffetierung anscheinend für den Feldgebrauch bestimmter, aber hierfür etwas zu leichter Rohre giebt das Manuskript Auskunft. Es bildet ein konisches Rohr und zwei Geschütze mit cylindrischem Fluge auf Laden liegend ab, welche auf einer Unterlage beweglich befestigt sind, und mittels Vorsteckern an einem mit Löchern ver sehenen, aufrechten Richtbogen verschiedene Lage erhalten können. Die Unterlage, an welcher der Richtbogen befestigt ist, steht bei dem einen cylin drischen Rohre auf Bockfüssen, bei dem anderen ruht sie, mit Schildzapfen beweglich, in einem nie deren Rahmengestell, während sie bei dem koni schen, anscheinend leichtesten Rohre aus zwei Holmen mit Sprossen besteht, vorne zwei Räder besitzt und hinten in einer Art Gabeldeichsel endigt. Die grösste 3) Bemerkt sei, dass das Rohr der preussischen schweren Feldkanonen C/73 rund 9 Centner wog\ 46* 346 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Erhöhung, die man diesen Rohren zu geben ver II. Band. Zeichner nur vorgeschlagen worden sein mag,’ denn mochte, betrug schätzungsweise 15 °, dagegen Hess die Höhe des Richtbogens bei allen eine Depression von etwa 20° zu, ein Zeichen, dass man Wert darauf legte, die Rohre von überhöhenden Stellungen, z. B. von der Stadtmauer aus, zu gebrauchen. — Ein in diese Klasse gehörendes Rohr, wie es für den Feldgebrauch geeignet war, befindet sich im königl. Zeughause zu Berlin und ist in Fig. 2 wieder erheblich später finden wir noch die primitivere Kon struktion, bei der das Widerlager für die Kammer durch eine Verstärkung der hölzernen Lade gebildet wurde. Der Entwurf eines recht plumpen Kriegs schiffes mit Decksaufbau und drei Gefechtsmasten, welches in drei Etagen reichlich mit derartigen Ge schützen armiert ist,. kennzeichnet sich zu sehr als ein arges Phantasiegebilde des Zeichners. Fig. 2. gegeben. Es ist im ganzen 80,5 cm lang und hat 18 cm Kaliber. Das Rohr ist auf die Lade einer Der italienische Teil des Manuskripts zeigt einen durchaus anderen Charakter. Er kennt als schwe hölzernen Blocklaffete aufgeschmiedet, die zwar schon recht alt ist, in manchen Teilen aber nicht Original zu sein scheint. Das Geschütz gehörte zur Artillerie Karls des Kühnen von Burgund und ging 1474 bei Nancy verloren. Die letzten Blätter des deutschen Manuskripts bringen endlich den Hinterlader mit beweglicher Kammer zur Anschauung, und zeigen zugleich/dass die Anwendung dieser durchweg erheblich längeren Rohre vorzugsweise da statt fand, wo man, wie auf Schiffen, Türmen, hinter Schutzschilden etc. auch kürzere Rohre nicht gut von vorne laden konnte. Wir sehen hier sofort die Nutz anwendung einer Massnahme, die aus der Unmöglichkeit ent sprang , einigermassen lange Rohre von vorne zweckentspre chend zu laden.1) Es befindet sich darunter ein Rohr von schätzungsweise 22 Kaliber Seelenlänge. Die Kon struktion des Widerlagers der Kammer ist nirgends ganz klar gezeichnet. Es hat fast den Anschein, als ob dasselbe bereits mit dem Rohre aus einem Stücke geschmiedet ist. ln diesem Falle dürfte es sich zu jener Zeit (etwa 1430) um eine ganz neue Erfindung gehandelt haben, die auch wohl von dem >) Vgl. hierüber den Aufsatz; «Die älteren Hinterladungs geschütze» in Band II, Heft 1 u. 2 dieser Zeitschrift. reres Geschütz nur das Kammergeschütz mit cylin drischem Fluge und deutlich abgesetzter, ebenfalls cylindrischer Kammer, und als durchgehende Eigen tümlichkeit haben alle Rohre eine wulstförmige Mund friese und einen dem späteren Bodengesimse ent sprechenden Wulst am hinteren Ende der Kammer, der augenscheinlich eine breitere Fläche zur Auf nahme des Rüclcstosses bilden sollte (Fig. 3). Als Laffeten dienen meist viereckige Plateauwagen aus dicken Bohlen mit niedrigen Blockrädern. Ein senk recht durch die kurze, starke Deichsel (zugleich Laffetenschwanz) ge steckter Pfosten mit V orsteckerlöchern dient zum Richten. Die Rohre sind mit Eisenbändern auf der Plattform be festigt. In einigen Fig. 4. Fällen liegt das Rohr, seitlich durch Pfosten vor dem Plerunterrollen ge sichert, auf einem vierrädrigen Plateauwagen, der hinten ein starkes Widerlager trägt, und über diesem, einem Brunnenschwengel gleichend, einen langen Hebel mit Kette und Haken. Offenbar handelt es sich hier um ein schweres Geschütz, das nach jedem Schuss zum Laden hochgekippt wurde. Bei einem anderen Beispiel befindet sich die Flebevorrichtung auf einem besonderen Karren, der hinter das Ge schütz gefahren ist. In Fig. 4 dient ein solches g. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. fahrbares Hebezeug' dazu, um ein schweres Rohr 34T einen äusserst wirksamen Kartätschschuss geliefert auf einen Transportkarren zu heben. Neben diesem durch sehr zahlreiche Beispiele belegten Geschütz typus taucht hier eine Art Handfeuerwaffe auf. Es sind kurze Rohre von anscheinend 4—5 cm Kaliber, z. T. mit deutlich abgesetzter Kammer, z. T. hinten konisch zugehend und stets in eine lange, ange schmicdete Handhabe auslaufend. Die schwersten Rohre dieser Art, die schon leichtere Geschütze darstellen, liegen in Bockgestellen und z.T. auf Karren mit Schutzschildcn und gestatten im Gegensatz zu den Rohren des ersteren Typus ein leichtes Richten nach allen Seiten. Die kleinsten derartigen Rohre sind so leicht, dass sic zu Dutzenden zusammen geschnürt von Mauleseln getragen werden.1) Man sieht diese kleinen Rohre in den verschiedensten Kombinationen, auch zu Orgelgeschützen vereinigt. Ein Ritter hat das Rohr an einer Schnur um den Hals gehängt und schiesst vom Pferde, wobei er den vorderen Teil des Rohres durch eine am Sattel angebrachte Gabel unterstützt. Ausser Vollkugeln in direktem Schuss schiessen die schwereren Kaliber auch hohle Brandbomben und Brandpfeile. Auch einzelne Kammern mit Liderungsansatz und Henkel sind abgebildet, allerdings gehören dieselben zu einem senkrecht angeordneten, mörserartigen Ge schütz, in das sie seitlich . hineingesteckt werden, eine absurde Idee, die aber die Kenntnis der Hinterlader mit beweglicher Kammer beweist. Diese selbst sind merkwürdigerweise nirgends an gedeutet. Zur Entschuldigung dieser Abschweifung möge der Hinweis darauf dienen, dass die Veröffentlichung Berthelots noch zahlreiche andere Beispiele für die Verwendungsart des Feuergeschützes bietet, deren Besprechung zwar recht wünschenswert wäre, aber von dem eigentlichen Thema zu weit abführte. Aus dem Gesagten erhellt indessen bereits zur Genüge der Charakter der Artillerie, welche Kurfürst Fried rich I. auf seinem Zuge gegen die pommerschen Herzoge mit sich führte. Dass sich hierunter be reits Hinterlader in grösserer Zahl befanden, deren Hauptwirkung der grossen Rohrlänge wegen im Schuss mit der einzelnen Kugel auf verhältnismässig grosse Entfernung bestand, kann wegen des Um standes, dass der Kurfürst den Gegner bis in nächste Nähe herankommen liess, bezweifelt werden. Auch die moralische Wirkung des Kugelschusses ent spricht nicht der geschilderten. Viel eher ist anzu nehmen, dass es sich um die damals die Regel bildenden Geschütze mit fester Kammer und cylin drischem Fluge gehandelt hat, welch letzterer eine erhebliche Anzahl faustgrosser Steine aufzunehmen vermochte und damit auf etfra 50 Schritt Entfernung *.) In dem Aufsatz Band I, Heft 11, S. 277 ff. dieser Zeit schrift ist die obige Quelle ebenfalls benutzt worden. Dort sind auf S. 277 die mit jenen Waffen bepackten Maultiere und auf S. 279 der vom Pferde schiessende Ritter nach dem Original wiedergegeben, worauf hier verwiesen sei. haben dürfte. Eine Abbildung des italienischen Manuskripts zeigt, dass man als Urform der Kar tätsche mit derartigen Steinen gefüllte Säcke in das Rohr lud. In den dichten Haufen der in den engen Strassen Angermündes zusammengedrängten An greifer musste die Wirkung in jeder Weise furchtbar gewesen sein. War der Schuss gefallen, so ver strich allerdings eine Zeit von schätzungsweise we nigstens 15 Minuten, insonderheit bei Nacht, bis ein Rohr von etwa 6 Zentnern Gewicht wieder schussbereit war. Es musste aus der Kammer durch Kratzen und Waschen zunächst die feste Kruste des Pulverrückstandes, über den noch im Anfang des 16. Jahrhunderts so sehr geklagt wird, entfernt werden, man gab dann dem Rohre durch Senken des hinteren Endes der Lade etc. eine schräge Lage, brachte die Pulverladung ein und stampfte sie fest und schlug endlich den Llolzpflock in die Kammer. Nun erst konnten neue Geschosse in den Flug ge bracht und mit Rasen etc. festgelegt werden, falls nicht, wie oben erwähnt, ein mit Steinen gefüllter Sack angewandt wurde. Dass unter solchen Umständen während des Sturmangriffs der Pommern jedes Geschütz nur ein mal zum Feuern kommen würde, darüber dürfte sich der Kurfürst vollkommen klar gewesen sein. An scheinend verbürgt ist nun aber, dass der von den nachdrängenden Pommern verursachte zweite An sturm durch eiuen erneuten Kartätschhagel zum Stocken gebracht und dann durch die blanke Waffe abgewiesen wurde. Man kann daher nur annehmen, dass der Kurfürst, des zweiten Stürmes, der doch höchstens fünf Minuten auf sich warten liess, ge wärtig, zunächst nur einen Teil der aufgestellten Geschütze — zwei davon dürften unter den vor handenen Verhältnissen für die geschilderte Wir kung genügt haben! — abfeuern liess und die an deren für den zweiten Angriff in Bereitschaft hielt. Die Feuerdisziplin wäre in diesem Falle allerdings bewundernswert und nur durch die persönliche Ein wirkung des Kurfürsten zu erklären gewesen. Nimmt man an, dass bei jedem der beiden Angriffe nur zwei Geschütze in Thätigkeit gewesen, und dass die Eingänge aller vier Strassen gleichmässig armiert gewesen sind, so muss der Kurfürst 16 derartige; Geschütze mit sich geführt haben, eine Anzahl, die zu jener Zeit für eine Heeresmasse von etwa 8000 Mann als durchaus reichlich bezeichnet werden muss, aber nicht zu hoch gegriffen sein dürfte, da der Kurfürst in den Kämpfen gegen den Adelsbund be reits ausreichend Gelegenheit gehabt hatte, den Wert des Feuergeschützes gebührend zu schätzen. Die kriegsgeschichtlichen Beispiele dürften selten sein, in denen ein durchschlagender Erfolg so aus schliesslich durch die in jeder Beziehung nach ihren Vorzügen und Nachteilen so eingehend erwogene und mit solchem Geschick, Scharfsinn und, man muss auch sagen Glück angewandte neue .Waffe er 34§ Zeitschrift für historische Waffenkunde. zielt wurde. Jedenfalls war die Anwendung des II. Band. wendung im Felde und zur direkten Unterstützung Feuergeschützes so, wie sie erfolgte, unter den vor liegenden Umständen die denkbar wirksamste. Die damalige Zeit kannte nur den Kampf der gewapp neten Krieger mit der blanken Waffe Mann gegen Mann, eine Kartätschverteidigung im Sinne der heu tigen Abweisung von Stürmen auf moderne Forts, wie hier geschehen, war etwas noch Unbekanntes. «Der Kurfürst,» sagt Excellenz v. Boguslawski in seiner Schlusskritik, «rechnete eben richtig mit seiner Zeit und setzte ihr etwas Neues entgegen. Und wer dies richtig versteht, dem wird es jeder Zeit ein grosses Uebergewicht über den Gegner ver leihen.» Die geschilderte Schwerfälligkeit in der Be dienung der Geschütze jener Zeit schloss ihre Ver eines Sturmangriffs noch fast völlig aus, daher wird auch von einer Thätigkeit der pommerschen Ar tillerie, die wohl zweifellos, wenn auch in geringerer Stärke, ebenfalls vorhanden gewesen sein wird, nichts berichtet. Erst die Mitführung der Geschütze auf verteidigungsfähigen Wagen und die Verwen dung der letzteren als Wagenburg, wie sie von den Hussiten mit grösstem Erfolge durchgeführt wurde, machten das Geschütz wenigstens für das Positions gefecht im Feldkriege verwendbar, bis in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts durch Schaffung leicht fahrbarer Laffeten und die durch allmäh liche Einführung gekörnten Pulvers auch bei der Artillerie erleichterte Ladeweise der Charakter des Feldgeschützes immer mehr zur Geltung kam. Waffengeschichtliche Studien aus dem Deutschordens-Gebiet. Von Bernh. Engel, Landgerichtsrat in Thorn. IV.1) Darstellung von Rittern 14. Jahrhundert im Dome m Dome zu Marienwerder befindet sich ein Schrank, welcher beiderseits (vorne und hinten) mit Thüren versehen ist, also darauf berechnet war, frei auf gestellt zu werden. Die Thüren sind mit Temperamalereien bedeckt, von welchen indess nur die eine, neben stehend (Fig. 1), in verkleinertem Maassstabe wiedergegebene Krieger darstellt. Die Malereien befanden sich früher in schlechtem Zustande, sie sollen einer Zei tungsnachricht zufolge neuerdings wiederhergeste'lfj^ sein. Ob dabei, wie leider so oft, der Wieder hersteller eigene Zusätze gemacht hat, vermag ich nicht zu sagen, da ich den Schrank seither nicht gesehen habe. Fig. 1 ist die Verkleinerung einer Pause, welche ich noch vor der Wiederherstellung entnommen habe. Es sind fünf Ritter, welche um einen Altar knieen; hinter diesem steht ein (hier fortgelassener) Geistlicher. Der vorderste Ritter ist bei weitem sorgfältiger ausgeführt als die hinteren; namentlich gilt dies von der Schattengebung, welche teils durch Striche, teils durch kleine in den Kreidegrund ein gedrückte Pünktchen bewirkt ist. Von letzteren sind *) Neben den mit No. 1 und II bezeichneten Aufsätzen S. 94—102 wird der in Band I, S. 195 —199 und S. 228—233 enthaltene Aufsatz als dritter mitgezählt. auf einem Schranke aus dem zu Marienwerder, Westpr. die grösseren Punkte, welche Nieten darstellen sollen, wohl zu unterscheiden. Alle Ritter tragen grosse, spitze Beckenhauben, welche tief in den Nacken herabgehen. Die eine hat vorne einen Grat, zwei sind mit deutlich dargestelltem Visier versehen. Bei dem vordersten Ritter ist dasselbe an beiden Seiten drehbar, während es bei dem darüber sichtbaren Ritter anscheinend mittels eines in der Mitte der Stirn befindlichen Scharniers auf und nieder zu klappen ist. Dieses Visier zeigt eine missratene perspektivische Zeichnung. Ausser dem Visier hat diese Beckenhaube anscheinend eine Verstärkung', wie solche auch bei der Haube des neben ihm be f indlichen Ritters zu erkennen ist. Der Nebenmann des letzteren trägt die einfache Beckenhaube, wäh rend diejenige des fünften, vorne rechts, wohl auch ein (schlecht dargestelltes) Drehvisier besitzt. An die Beckenhaube schliesst sich bei allen Rittern die Ringhalsbrünne, welche das Kinn einschliesslich Mund bedeckt und unterhalb nicht mit der Leib wehr zusammenhängt, sondern über dieselbe hinüber fällt. Ob die Brünne unter der Beckenlaube auch den Kopf bedeckt oder an den Rand derselben an gehängt ist, ist nicht deutlich; Kloben sind nicht dargestellt, und die Punkte um den Rand der vor dersten Beckenhaube sollen wohl nur Futterlöcher kennzeichnen oder Nieten zur Befestigung eines durch den Strich dahinter angedeuteten Verstär g. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. kungsstückes. Den Oberkörper bedeckt ein kugel 349 und eine eiserne Verstärkungsplatte haben. Die förmiger Lendner mit einem aus mehreren anein ander genieteten Folgen bestehenden Schurz, auf welchem der Dupsing ruht. Ob diese Folgen aus Eisen oder Leder zu denken sind, muss dahingestellt bleiben, da die ganze Rüstung in Gold gemalt ist. Arme und Beine stecken in eisernen Röhren; am Unterarm ist das Scharnier deutlich erkennbar. Schultern, Ellbogen und Kniee sind mit Kacheln bedeckt, welche vielleicht nur aus Leder bestehen Fig. i. Darstellung von Rittern auf einem Schranke aus dem 14. Jahrhundert im Dome zu Marienwerder, Westpr. Hände tragen Stulphandschuhe mit Fingern; letztere sind wohl aus Leder, da sie keine Schuppen haben. Die Füsse sind dagegen geschoben. Die beiden sichtbaren Schwerter haben abwärts gebogene Parier stangen, das eine einen länglichen, das zweite einen scheibenförmigen Knauf. Drei Ritter führen Lanzen mit mächtigen rautenförmigen Eisen mit Grat. Zwei Lanzen sind mit zweilappigen Fähnchen versehen, welche beide oben schwarz unten rot gemalt sind. Fig. 2. Von einem Glasgemälde (Kreuzesgruppe) in der katholischen Pfarrkirche zu Kulm. ca. 1350. V. Krieger von einem Glasgemälde (Kreuzesgruppe) des 14. Jahrhunderts in der katholischen Pfarrkirche zu Kulm a. W. Der Krieger (Fig. 2) trägt den Lendner, welcher vorn vier g'rosse Knöpfe zeigt. Der Schurz besteht nicht aus Folgen wTie bei Fig. 1. Er ist von dem Dupsing bedeckt. Die Beine stecken in eisernen Röhren mit Scharnieren. Die Füsse sind geschoben. Die Kniebuckel treten halbkugelförmig hervor. Die Aermel sind aus sogenanntem ledersteifigem Panzer werk. Die Stulphandschuhe sind gefingert, die Finger geschoben. Auf dem Kopfe trägt der Krieger eine Kappe (als Unterlage für den Helm). 35° Zeitschrift für historische Waffenkunde. VI. Gedächtnistafel 'in der St: Johanniskirche zu Thorn. In der Sakristei der St. Johanniskirche zu Thorn II. Bänd. gebrannte Stelle in der Breite von etwa acht Buch wird eine Gedächtnistafel aufbewahrt, welche der Um schrift zufolge ursprünglich in der Kirche- selbst ge hangen hat. Die Tafel zeigt in Temperamalerei einen knieenden Ritter, nach links gewendet (Fig. 3), vor der sitzenden Jungfrau Maria, welche den mit einem Apfel spielenden Jesusknaben auf dem Schosse hält. Hinter dem Ritter steht eine Heilige. Der Rahmen der Tafel trägt' eine gotische Minuskelinschrift, bei welcher leider die Namen durch Feuer zerstört sind. Sie lautet, soweit lesbar: Sub . isto . lapide . ante . maius . altare . ia cet . corpus . Generosi . domini . iohannis . k (.) omb (...) castellani . land (?) en . qui . fuit . interfectus . (cor[am]) . mai(!)ien burg . fe[r]ia . qui[n]ta . ip[s]o . die . ad . vin cula . pct[ri] . an[n]o . d . 1. IIII . (d. h. 1454). In den Bau- und Kunstdenkmälern des Kreises Thorn (S. 261) ist die Umschrift nicht genau wieder gegeben, insbesondere ist das -— allerdings auch dort mit einem ? versehene —- Wort hinter castel lani «torunii» unrichtig. Ich lese «land(?)en». Hinter iohannis erkenne ich ein k, darauf folgt eine aus Fig-- 3- Von einer Gedächtnistafel in der Thorner Johanniskirche. staben, deren letzter ein d zu sein scheint. Weiter erkenne ich omb; dann sind wieder zwei oder drei Buchstaben unleserlich. Glücklicherweise ist neben dem Ritter sein Wappenschild angebracht, eine linksgelehnte Tar tsche, welche in rot einen weissen, mit drei roten Rosen belegten, linken Schrägbalken zeigt. Es ist das polnische Wappen (herb) Doliwa. Dasselbe wird allerdings von mehr als 120 Geschlechtern ge o o führt; indes hat der Anfangsbuchstabe des Namens k sowie die genaue Angabe des Todestages und-ortes mich die Persönlichkeit des dargcstellten Rit ters finden lassen. Die in den scriptores rcrum Prussicarum abgedruckten Chroniken enthalten näm lich folgende bezügliche Aufzeichnungen: Band III, S. 673. 1454 am Tage Petri Ketten feier [1. August] fiel vor Marienburg ein Wojwode und unter den Gefangenen befand sich ein polnischer Ritter «her Kott genant. Er war des aldenn ertz bischoffs von Gnyssenn bruder. Er was scre ge wundt. Darnach starbe Peter Kott, den sandt der herre hoemeyster denn feyndenn in das heer unnd dy Polenn sanndten inn ghen Pollenn ghen Gnyszenn» (Gnesen). Band IV, S. 129, heisst der gefangene Pole «Pan Kath, hernn Vincencius etwan des ertzbyschoffs von Gnysen bruder. Der was sere gewundt, u. syn sunn wardt erschlagen.» Der Erzbischof Vincenz (II) von Gnesen, 1436 bis 1448, führt das herb Doliwa. Niesiecki, herbarz Polski, Bd. I, S. 24. Den Geschlechtsnamen kennt Niesiecki nicht. Nach obigen Aufzeichnungen lautet er Kott oder Kath, richtig Kot oder lvoth. Vgl. v. Zernicki, der polnische Adel, Bd. I, S. 457. Dort wird auf das mir unzugänglich gewesene Werk von Korytowski: Arcybiskupi gniezniensqy (die Erz bischöfe von Gnesen) Bezug genommen. Unser Ritter ist also der vor Marienburg erschlagene Sohn des Peter Kot. Er war der Umschrift zufolge Kastellan. Bei Niesiecki finde ich ihn nicht. Ebenso wenig vermag ich zur Zeit die hinter «iohannis •k(ot)> ausgefallenen Buchstaben mit Sicherheit zu ergänzen; ich vermute «her[edis]. d[e]. (d)omb... » — Nun zu der Figur des Ritters selbst. Leider haben sich die Bretter in dep Längsfuge gelöst. Infolgedessen ist die Kreide hier abgesprungen; doch ist das Wesentliche erkennbar. Der Ritter trägt einen ähnlichen Flämisch wie Fierzog Fleinrich der Reiche von Bayern (f 1450) Flefner-Alteneck, Trach ten, alte Ausgabe Bd. II, Bl. 175. Die Brust weist vorne einen Grat auf und ist nach unten hin, wie der Schatten ergiebt, ziemlich scharf abgesetzt, so dass sie einer Tapulbrust ähnelt. Auch die fünf Bauchreifen haben den Grat, sie verbreitern sich nach unten hin beträchtlich, der unterste Reifen ist vorne dreieckig ausgeschnitten. (Vgl. Hefner-Alten eck a. a. 0., Bl. 90 u. 168.) Der obere Rand des 9. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Bruststücks ist nur an der linken Schulter erkenn 351 sind viermal geschoben. Darüber sind Sporen mit bar. Ueber dem Rande erscheint noch ein schmales Stück des Ringpanzers, welcher unter dem Blech harnisch den ganzen Oberkörper bedeckt und bis an die Kniebuckel herabreicht. Er ist am unteren Rande gezackt. Besonders bemerkenswert sind die weiten, am Rande gleichfalls gezackten Aermel, welche noch an die Bewaffnung des 14. Jahrhun derts erinnern. [Vgl. Hefner a. a. O., Bl. 146 rechts.) Ob der Ritter unter den Ringärmeln noch Blech röhren trägt, ist nicht erkennbar. Am linken Hand gelenk ist ein Querstrich sichtbar; rechts ist die Kreide abgesprungen. — Die Hände sind ebenso wie der Kopf unbedeckt. — Die Schultern sind mit Blechen bedeckt, welche nach unten hin eine Folge haben. Vor der rechten Schulter hängt eine kreis runde, zu einer scharfen Spitze ausgezogene Schwebe scheibe. Gleiche Scheiben sind an den Ellbogen befestigt. Die Bekleidung der Oberschenkel wird durch das Ringhemde verdeckt. —• Die Kniebuckel erscheinen übermässig gross, wohl nur durch Schuld des Malers und durch den Umstand hervorgerufen, dass der Ritter knieend dargestellt ist. Auf der Aussenseite des rechten Buckels ist die untere Hälfte der kleinen Muschel sichtbar; der obere Teil ist durch das Ringhemde verdeckt. Oben und unten haben die Buckel ein einfaches Geschübe. — Die Unterschenkel stecken in Röhren. Die Eisenschuhe breitem Bügel und langem, etwas aufwärts stehendem Halse geschnallt. Schliesslich sei bemerkt, dass das Bild vermut lich zu Anfang des 18. Jahrhunderts: durch den Burggrafen Rubinkowski, welchem noch andere ähn liche «Verschönerungen» nachzuweisen sind, mit folgender Inschrift versehen worden ist: «Caratiolus Venetus magister Crucigerorum Ao. 1268 vixit An. 8». Zugleich ist auf die rechte Schulter des Ritters das Hochmeisterkreuz gemalt worden. Nachträglich erhalte ich durch die Güte des Herrn Polizeihauptmanns v. Zernicld folgende Hin weise, welche meine Erklärung der Inschrift be stätigen: Niesiecki giebt in Band III, S. 358, 359 den in Band I fehlenden Geschlechtsnamen des Erz bischofs Vincenz als Kot oder Koth an; ebenso bei Paprocki und Kory'tkowski, welcher hinzufügt, dass V. sich aus Dembno schrieb und stammte. Es wird also zu lesen sein «heres de dembno». Die Lesart castellanus landcn[sis] bestätigt sich dadurch, dass es einen Ort Namens Lad oder Led, dass a und e wie on bezw. en gesprochen, im Deutschen und Latei nischen Landen bezw. Lenda, in der Wojwodschaft Kalisch unweit Gnesen giebt, welcher Sitz eines Kastellans war. Für die fragliche Zeit (1436—62) hat Niesiecki in der Aufzählung der Kastellane eine Lücke, in welche also Joh. Kot einzufügen ist. Mitteilungen aus der Renaissance-Abteilung der Kaiserlichen Eremitage zu St. Petersburg. Von Staatsrat Eduard von Lenz. (F ortsetzung.) VII. Parierdolche und Springklingen. m Besitze der kaiserlichen Eremitage be f inden sich einige interessante Exem plare von Fecht- oder Parierdolchen (Linkhändern), deren Besprechung uns Gelegenheit geben wird, der Frage über die Bestimmung der Spring klingen näher zu treten. Fig. 1 zeigt einen Parierdolch (C. 116) mit blankem, an der Basis schwach graviertem Handschilde, 28 cm langen, an den Enden fein gegliederten Parierstangen und schmaler, kantiger, zur Hälfte mit zierlichem Aetzmuster bedeckter Klinge, gramm auf dem Das Mono breiten Aufsatz dürfte «Maria» zu deuten sein; auf der entgegengesetzten Seite befindet sich an dieser Stelle eine flach ausgeschliffene Ver tiefung von ovaler Form zum Anstemmen des Daumens. Wir möchten die Waffe als spanisches Erzeugnis aus der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts ansprechen. Besondere Aufmerksamkeit beanspruchen die vom Klingenansatze seitlich abzweig’enden 7 cm langen Dorne, welche zweifellos als Klingenfänger anzusehen sind, wie schon daraus zu ersehen, dass ihre Innenseiten, so wie die entsprechenden Seiten f lächen der Klinge selbst mit tiefen Einschnitten versehen sind, um ein rasches Entgleiten der zwischen Dorn und Klinge geratenen Waffe des Gegners zu verhindern. Eine scharfe Drehung des Dolches um seine Längsachse konnte die eingeklemmte Waffe zerbrechen oder sie dem Feinde aus der Hand 47 352 Zeitschrift für historische Waffenkunde. winden, aber selbst wenn solche Kunstgriffe nicht II. Band. übersehender Hinweis auf die maurisch - spanische gelangen, blieb doch der gefasste Degen für einige Augenblicke gebunden und aktionsunfähig. Diese Konstruktion ist entschieden orientalischen Ursprunges und findet ihre volle Analogie in den frei über die Klinge hinausragenden Dornen der Mitteleisen an indischen, persischen und türkischen Schwertern und Säbeln (Fig. 2); noch auffälliger aber ist die Aehnlichkeit oder vielmehr Identität der Vorrichtung an den eigentümlich geformten Parierstangen des maurischen Schwertes zum Aus druck gekommen, deren gerade, pa- . rallel mit den Schneiden der Klinge laufende Innenseiten genau denselben zum Einklemmen der feindlichen Waffe bestimmten Spalt bilden, wie die seit lichen Dorne an unserem Parierdolche (Fig. 3). Es wäre damit ein nicht zu Fig. 1. Herkunft der Vorrichtung gegeben, oder wenig stens der Weg angedeutet, auf welchem das kon struktive Prinzip derartiger Klingenfänger aus dem Orient nach Spanien und Italien gelangt ist. Zu beachten ist jedenfalls, dass in der grossen Menge der bis auf unsere Tage erhaltenen Parierdolche Klingenfänger der angegebenen Art höchst selten anzutreffen sind, vielleicht ein Beweis dafür, dass in Spanien selbst mit dem Erlöschen des maurischen Einflusses die betreffende Fechtweise bald ausser Uebung kam, in anderen Ländern aber überhaupt wenig Aufnahme fand und durch verbesserte Vorrichtungen ersetzt wurde. Wir sehen z. B. an einem nur wenig jüngeren, durch die Toledaner Marke gleichfalls als spanischer Herkunft gekennzeichneten Fechtdolche (Fig. 4), 3 Fig. 2. Fig. 4. g. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Fig. 5 Fig. 7. die seitlichen Dorne schon verstümmelt und ihrer 353 Fig. 6. M. Jahns2) spricht zwar vom «Dolch» im allgemeinen, Bestimmung entfremdet, an einem dritten Exemplare italienischer, wohl Mailänder Arbeit, mit der präch tigen Inschrift «Non ti fidar di me si il cor mancä» (Fig. 5) die Reminiscenz an die Klingenfänger bereits bis auf zwei praktisch durchaus unmotivierte kreis förmige Durchbrechungen abgeblasst. Die Konstruk tion hatte sich eben überlebt und war durch Besseres ersetzt worden, durch den Springklingendolch. Diese Waffe nun ist vielfach Missdeutungen ausgesetzt gewesen und merkwürdigerweise auch von dem hervorragendsten Fachmanne — W. Boeheim — verkannt worden, weshalb es uns gestattet sein mag, einige Erwägungen zur Klarstellung dieser Frage vorzubringen. A. Angelucci spricht die Waffe durchaus richtig als Fechtdolch an, dessen Bestimmung es war, den Degen des Gegners zu fassen und zu zerbrechen;x) *) Catal. d. Armeria Reale. Torino 1890, pag. 324: . . . . riducendo cosi l’arma un vero tridente molto proprio all’ offendere e al difendersi potendo facilmente con esso rompere la punta della spada all’ avversario. ohne der Springklingen besonders zu erwähnen, hat aber offenbar auch diese im Auge, wenn er sagt: «Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts dient der Dolch auch als Schwertfänger (Linkshänder) beim Fechten und tritt damit in den Kreis derjenigen Trutzwaffen ein, die zugleich als Schutzwaffe dienten.» A. Demmin3) sieht in dem Springklingendolch zwar einen «Linkehand», schreibt ihm aber deutschen Ur sprung zu und lässt ihn «in den heimlichen Sitzungen der Femrichter bei Eidschwüren gebraucht werden, die im Namen der durch die drei Spitzen der Waffe symbolisiertenDreieinigkeit geleistet wurden.» W. Boe heim endlich, der erklärte Feind aller Schauer Romantik in der Waffenkunde, spricht diese Dolche gar nicht als Linkhänder an, sondern erblickt in ihnen ein besonderes, seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, «zahlreich in Italien auftretendes» V erstümmelungs-Instrument. «Wie bei Stangenwaffen >, 2) Entwickelungsgeschichte der alten Trutzwaffen. 1899. S. 151. 3) Die Kriegswaffen. 1891. S. 760. 47* 354 Zeitschrift für historische Waffenkunde. sagt er in seinem Kapitalwerke «Waffenkunde»*)— II. Band. schmiede einer so regen Nachfrage nach einem «so kommen auch, bei Dolchen die sogenannten Springklingen in Verwendung. Von den beiden Seiten des Blattes trennen sich zwei Teile ab, welche unterhalb in Scharnieren befestigt, durch einen Druck auf einen am Griffe befindlichen Knopf, von Feder kraft getrieben, nach auswärts schnellen. Der Zweck der Springklingen war die Wunde zu erweitern. Nach vollführtem Stoss wurde an der Feder gedrückt und die Klinge in geöffnetem Zustande rasch aus der Wunde gezogen.» Die Unhaltbarkeit dieser — leider sehr ver breiteten Ansicht ergiebt sich aus einer unbefangenen Betrachtung der fraglichen Waffe, von der wir nach einem im Besitze der kaiserlichen Eremitage befind lichen ausgezeichnet erhaltenen Exemplare (C. 158) zwei Ansichten in Fig. 6 und 7 bringen. Die Mittel klinge ist 34 cm, jede der Seitenklingen 24,5 cm lang; die Trennung der Springklingen von dem Mittelblatte beginnt 6 cm über der Dolchspitze, die Spannweite der ausgelösten Seitenklingen beträgt 22 cm. Betrachten wir nun zunächst die Waffe — wie Boeheim es thut — nicht als Fechtdolch, sondern als für den speziellen Zweck des Wundenaufreissens hergerichtetes Instrument, so müssen wir vor allem im Auge behalten, dass die Auslösung des Feder mechanismus, sei es nun ein Knopf, Schieber, oder — wie an unserem Exemplare — Haken, stets am Ansätze der Klinge angebracht .war, und folglich die gewöhnliche Haltung des Dolches mit dem Daumen am Knaufe unmöglich wurde; bei der hierdurch be dingten umgekehrten Handlage mit dem Daumen an oder vielmehr unter den Parierstangen, war aber die freie Wahl der am Körper des Gegners zu treffen den Stelle, die Richtung und selbst die Sicherheit des Stosses so weit beeinträchtigt, dass die Bei bringung einer «aufreissbaren» d. h. Fleisch wunde, die nicht tödlich sein sollte, im höchsten Grade problematisch, wenn nicht ganz unausführbar wurde; denn tödlich sollte doch die Wunde nicht sein, an der Entstellung der Leiche konnte auch dem hartgesottensten Bravo nichts liegen, von Ausnahme fällen natürlich ganz abgesehen, für welche die «zahl reich» auftretenden Dolche unmöglich hergerichtet wurden. Dabei darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Teilung der Springklingen erst 6 cm über der Dolchspitze beginnt, das unglückliche Opfer also erst 21/„ Zoll Eisen im Leibe haben musste, ehe mit der Operation des «Aufreissens.» angefangen werden konnte. Unter solchen Verhält nissen scheint es wohl vollkommen ausgeschlossen, dass unsere Waffe zur Beibringung schwerer, doch nicht tödlicher Verletzungen benutzt wurde, war aber Tödtung beabsichtigt, so lässt sich das that sächlich «zahlreiche» Auftreten derartiger Dolche doch wohl kaum dadurch erklären, dass die Waffen r) Waffenkunde. Leipzig 1890. S. 302. immerhin komplizierten Apparat für Leichenver stümmelung zu entsprechen sich beeilten. Zwei, drei, zehn tödliche Stiche statt des einen, sinnloses Zerfleischen des Gefallenen — alles dieses ist dem tierischsten Mordgesellen näher, als das Auslösen eines Federmechanismus zur Erweiterung einer Wunde, aus der das Leben schon entflohen. Die angeführten Erwägungen werden vielleicht genügen, um die Haltlosigkeit der Ansicht nachzu weisen, es sei ein «Erweitern der Wunde» der Zweck unserer Waffe gewesen; sollte aber die theoretische Spekulation nicht überzeugen, so mag ein praktisches Experiment nachgeprüft werden, welches nicht er mangeln wird, den gewünschten Beweis zu erbringen : wir haben nämlich mit dem Springklingendolch der Eremitage, dessen Federmechanismus ausgezeichnet erhalten ist und tadellos funktioniert, Versuche an gestellt, welche erwiesen, dass beim Durchbohren einer dreifachen Schicht gewöhnlichen Schreibpapiers oder einer vierfachen Lage dünnen Postpapiers die Seitenklingen nicht im Stande waren, auseinander zuschnellen und das Papier zu durchreissen. Ueber welche Schnellkraft müsste also der Federmechanis mus derartiger Dolche verfügen, um Lederhaut, Muskeln und Sehnen zu durchschneiden! Das «Wundreissen» als Selbstzweck der Spring klingendolche betrachten wir also als vollkommen ausgeschlossen, doch können wir uns auch nicht Angeluccis Ansicht rückhaltlos anschliessen, die fragliche Waffe sei als Fechtdolch un vero tridente molto proprio all’ offendere gewesen; gerade die Dreizackform machte den Dolch in geöffnetem Zu stande wenig geeignet, einen tiefgehenden, tödlichen Stich beizubringen, da die Seitenklingen das Ein dringen der Waffe in den Körper nur behindern, in keinem Falle aber befördern konnten. Somit erübrigt nur, den mit Springklingen ver sehenen Dolch als «Linkehand», Fecht- oder Parier dolch, anzusprechen, dessen Bestimmung war, den Gegner durch momentanes Festklemmen seines Degens zeitweilig oder durch Zerbrechen seiner Waffe gänzlich wehrlos zu machen, und in dieser Eigen schaft verkörpert der Springklingendolch fraglos einen bedeutenden Fortschritt im Vergleich mit seinem älteren Vorbilde, dem maurisch-spanischen Klingenfänger mit feststehenden seitlichen Dornen; bei Handhabung des letzteren musste der Fechter den Degen des Gegners mit der Dolchspitze aus heben, um ihn längs der Klinge bis zum Seitendora gleiten zu lassen, während der italienische Parier dolch bei jedem Vorstoss in ungefährer Richtung gegen die feindliche Waffe dank der ca. 22 cm messenden Spannweite seiner «Sucher» den Degen treffen und veranlassen musste, an der schrägen Fläche einer der Seitenklingen entlang bis in den toten Winkel hinabzugleiten. Das Prinzip an Trutzwaffen zugleich Vorrich tungen zum Entwaffnen des Feindes anzubringen, g. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. f indet übrigens durchaus nicht nur in der Konstruk 355 8. Hefte dieser Zeitschrift besprochenen Stabrunka, tion der Fechtdolche seinen vereinzelten Ausdruck. Wie bereits oben bemerkt wurde, war der orienta lische Schwert- und Säbelgriff genau demselben Zwecke angepasst; ferner treffen wir Klingenfänger an den italienischen Glefen, Runka, an den Sturm sensen mit aufwärts gerichteten Haken, so wie an chinesischen und japanischen Helmbarden bis auf die neuere Zeit. Vollständig analog dem Spring klingendolch erscheint endlich die Form der im Weiteres zur Fringia-Frage. Die Frage der Deutung der rätselhaften Klingen inschrift «Fringia» dürfte wohl durch die beiden Auf sätze Erbens endgültig' entschieden sein. Trotzdem wird noch jeder weitere Beitrag zur Klärung nicht unwillkommen erscheinen, und so sei hier eine That- | sache mitgeteilt, die bisher in der Zeitschrift nicht berührt wurde. Wenn auch, wie Petzsch meint, das Vorkommen europäischer Klingen in türkischer Säbelmontierung eine Seltenheit ist, so gilt dies doch ganz sicher nicht für das ganze islamitische Gebiet. Nament lich trifft man in Indien, das mit die besten Klingen im Orient fabrizierte, sehr oft europäische Klingen. Egerton,*) der das umfangreichste Material zu diesem Gegenstände beigebracht hat, führt eine Menge der artiger Klingen an. Besonders interessant ist für uns nun seine Angabe unter Nr. 523, dass eine Art j Schwerter FARANG und FIRENGI genannt wurden, weil sie von Portogusien («Firingis») eingeführt waren.* 2) Der Bezeichnung FIRANGI begegnen wir bei Nr. «70, bei Nr. 337, 538 dem zusammengesetzten Namen FARANGKATTI. Sehr wichtig wird in diesem Zusammenhang auch die (Seite 21) aus Babers (1483—1530) eigen händig geschriebenem Babeernamele geschöpfte Be nennung FERINGIHA für die grobe Artillerie. Egerton teilt weiter mit, dass die Farang- oder Firengi-Schwerter hauptsächlich von hochgestellten Personen getragen wurden und immer sehr geschätzt waren, und die gleicheRolle wird unsere vielumstrittene *) Handbook of Indian arms. London 1880. 2) Unter der gleichen Nummer werden nicht weniger als fünf Schwerter mit dem Namen FARANG aus anderen Sammlungen aufgezählt. deren als langer Flebelarm fungierender Schaft eine Entwaffnung des F'eindes besonders erleichterte. Es war eben nur zu natürlich, dass dem zu allgemeiner Herrschaft gelangten Degen entsprechende Defensiv vorrichtung'en, wo irgend nur möglich, entgegen gesetzt wurden, an Rundschilden, Stangenwafifen, Schwertgriffen, Parierdolchen — kurz überall, wo solche Konstruktionen sich mit Aussicht auf Erfolg anbringen liessen. Klingenart in den dem Abendlande näher liegenden Teilen des islamitischen Kulturgebietes gespielt haben. Wenn dabei keine einheitliche Wiedergabe des Wortes festzustellen ist, so scheint damit die Annahme an Wahrscheinlichkeit zu gewinnen, dass es nur als Qualitätsbcgriff, ohne dass dabei weiter an die ur sprüngliche Bedeutug gedacht wurde, im allgemeinen und so natürlich auch von den Ungarn gebraucht wurde. Wäre das richtig, so würden sich auch die Schwierigkeiten leicht lösen, die Petzsch in der Form des Wortes und in den lateinischen Buchstaben findet. Freiherr Rudolf von Cederström. Nachtrag zu dem mittelalterlichen Wurf heil. Hinsichtlich der Mitteilungen über das mittel alterliche Wurfbeil in Heft 7 dieser Zeitschrift können wir noch ergänzend nachtragen, dass sich auch unter den reichhaltigen, und im vorhergehen den Heft bereits eingehend gewürdigten Wafifen beständen des bayerischen National - Museums in München unter Nr. 216 der Sammlung ein der artiges Wurfbeil befindet. Nach der nebenstehenden Abbildung desselben, welche uns durch das dankend anerkannte Entgegen kommen der Direktion des genannten Museums er möglicht worden ist, ähnelt dieses Exemplar, wie eine Vergleichung der Beilform und der einzelnen Maasse ergiebt, am meisten der Fig. 4 des früheren Artikels. (Seite 241 a. a. O.) Seine Gesamtlänge von der oberen bis zur unteren Spitze beträgt 42,5 cm, die Länge des Stieles allein 34,5 cm, des oberen und des (vom Rost an gegriffenen) Rückendornes 4,5 cm, der äusseren Beilschneide 15 cm. Auch dieses Exemplar ist aus einem einzigen Stück Eisen geschmiedet, ist im ganzen abgeflacht und zeigt das Charakteristikum der Wurlbeile, den in eine scharfe kantige Spitze endenden Griff. Ebenso ist der obere und der Rückendorn - vierkantig in Rautenform zugespitzt. Es stammt gleichfalls aus dem 15. Jahrhundert, und wenn auch seine Provenienz unbekannt ist, so II. Band. 356 Zeitschrift für historische Waffenkunde. ' dürfte doch seine völlige Gleichartigkeit mit Figur 4 auf dieselbe Herkunft wie bei dieser, nämlich auf das südliche Bayern hinweisen. Für die Ausrüstung des gemeinen Mannes mit dieser Waffe finden wir ausser dem in dem früheren Artikel zitierten Ausschreiben Herzog Ludwigs des Reichen von Landshut vom Jahre 1468 auch noch folgende, aus demselben Jahrhundert stammenden Belege: In den Gerichten des bayerischen Waldes waren im Jahre 1436 von den 835 Mann des Landes aufgebots «76 mit Pafesen, 308 mit Ärmsten, die andern all mit Spiess, Messer, etlich mit Wurfbeil, auch Hauben, Handschuh, Joppen, etlich auch mit Panzer bewaffnet. Item, welche die Pafesen tragen, die sollen haben ein langes Messer und ein Wurfpfeil (sic!); ist ihnen geboten bei Leib und Gut.»4) Dieser Verordnung entsprechend scheint es sich anch bei der Musterung der Nürnberger Söldner durch Hein rich Schlosser von Bern im Jahre 1449 ebenfalls um eine Bewaffnung mit Wurfbeilen zu handeln, da derselbe bestimmt: «Dass sie hetten ein kurz Ge wandt und ein jeder ein gut Ärmst, Puchsen oder Helmparten, und dazu ein gut lang Messer oder Schwert öder Beil an der Seite hangend; auch verbot er ihnen, zu tragen klein bös Spiess, Lanzen, Kappen, Sack Eisernes Wurfbeil. Dienst eines märkischen Heeres erteilt, dürfte diese Frage zu bejahen sein. Denn in dem Abschnitt «Ordenung vnd ans schlagk Eines Herzoges vnd feit schlan» lautet es bezüglich des «hewptbanners»: «jn dem XIX. gelyde sal das hewpbanner seyn, vnd, wy fort gesaget, dy nehesten zwen auf ittlichen seytten neben den hawptbanner sollen nichts physse, allein kolben, telitz vnd swet haben, dem, der das banner furreth, holffe zur thune vnd off yn acht zu han; es were auch gut, das der nesthe ym andern gelyde hynder der banner auch kein sphisse hetten, allein kolben vnd swert, vm offem banner acht zu haben.» Es steht nun freilich nicht fest, und auch Grimm hat in seinem Wörter buch darüber keine bestimmte Aus kunft geben können, was für eine Waffe unter «telitz» eigentlich ge meint ist, obgleich wir diesem Aus druck auch in anderen Verordnungen begegnen. So heisst es z. B. in dem Alt dorfer Wisthume: «Niemand soll auf das Rathhaus oder zu einem Tanz tragen ein langes Messer, Degen, Hammer, Digliz, Bleikugel, Wurf haken, Pengel oder andere gefähr liche Wehr.»4) Ebenso kommen in den Statuten von Gera (1487) unter den verbotenen 15.Ja-hrh. Beginn. yyaffen vor. «iang-e Messer, Degen, (Sammlung des bayer. Und Mäntel.»2) Alle diese Verordnungen betreffen jedoch, wie wir sehen, das süddeutsche Kriegswesen, und es erscheint daher fraglich, ob der Gebrauch des Wurf beils in derselben Zeitperiode auch für den deutschen Norden angenommen werden kann. Nach der berühmten «Preparation zum Feldzuge Churfürst Alberti wider Herzog Hansen von Sagan,»8) einem Aktenstück, in welchem Kurfürst Albrecht Achilles von Brandenberg im Jahre 1477 von Franken aus seinem Sohne, dem Markgrafen Johann Cicero in Brandenburg Vorschriften für Aufstellung und 1) Bayer. Reichsarchiv. Gericht Schwaben. Musterungs akten (Handschriftliche Notiz Würdingers). 2) Schürstah 183 (Notiz Würdingers). 3) Geheimes Staatsarchiv zu Berlin. Mappe Marchica. National-Museums.) ö 707 Tilitz.» Nach den Ausführungen von Jahns5) würde man jedoch, wenn dieSchreibart «telitz» die richtige wäre, an «telum » gemahnt, so dass man an das Wurfbeil oder das Scheffelin denken könnte. Für diese Vermu tung dürfte aber unseres Erachtens auch sprechen, dass die Abfassung der betreffenden Preparation zum Feldzuge Kurfürst Alberti nicht nur zeitlich, son dern auch örtlich (Franken) mit den zuerst zitierten süddeutschen Verordnungen übereinstimmt, in wel chen unter den Kurzwehren neben Messer und Schwert wiederholt auch das Wurfbeil erscheint. Dr. W. Rose. 4) Will, Geschichte der Stadt Altdorf, 347. 5) Jähns, Handbuch einer Geschichte des Kriegswesens. Leipzig 1880. S. 983, Anm. 9. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 357 schokoladenfarbenen Kruste überzogen sind, so dass sie zu nächst einen ganz vertrauenerweckenden Eindruck machen. Erst bei genauerer Betrachtung erscheint es auffällig, dass sich die Oxydation völlig gleichmässig Uber die ganze Helm oberfläche erstreckt, ohne, wie bei anderen Ausgrabungen Stellen, die mehr, und solche, die weniger unter dem Ein f lüsse der Oxydation gelitten, oder aber Verbindungen zwischen Rost , und Erdteilchen aufzuweisen. Tiefere Rostnarben, wie Ein Besuch in der Werkstätte eines Fälschers aller Waffen. Von Dr. Othmar Freiherrn Potier (Archiv für Kriminal - Anthropologie und Kriminalistik. Verlag von F. C. W. Vogel in Leipzig). Auf diese im vorigen Jahrgang der genannten Zeit schrift erschienene Abhandlung seien die Freunde der histo rischen Waffenkunde ganz besonders aufmerksam gemacht. Der als einer der tüchtigsten Fachgelehrten bekannte Ver fasser bespricht hier an der Hand von Beispielen die von dem Fälscher angewendeten Mittel,, um modernen Fabrikaten das Aussehen alter oder älterer Objekte zu geben, in anregen der und beinahe erschöpfender Weise werden die im Handel bei den verschiedenen Schutz- und Trutzwaffen vorkommen den Nachahmungen , bezw. Ergänzungen oder Zusammen stellungen aufgeführt. Da weder Paul Eudel (Die Fälscher künste. Leipzig 1885) noch Wendelin Boeheim (Handbuch der Waffenkunde, S. 572ff. Leipzig 1899) sich so gründlich mit dem Thema befasst haben, wie Baron Potier, so dürfte dessen Abhandlung besonders Sammlern alter Waffen hoch willkommen sein. Denn diese lernen hierdurch die Schleich wege, welche der Fälscher wandelt, wenigstens theoretisch kennen und sind dadurch in die Lage versetzt, die ihnen zum Kauf angebotenen Objekte auf gedachte Merkmale hin zu prüfen. Freilich wird, wie der Verfasser richtig be merkt, trotz der Kenntnis der am häufigsten vorkommenden Fälscherkniffe mancher Sammler, und unter ihnen vielleicht gerade die tüchtigsten Theoretiker, nach wie vor von einem schlauen Händler getäuscht werden. Denn man hat es heut zutage nicht mit Fälschungen zu thun, die jeder Fachmann als solche erkennen muss, wie noch vor 20 Jahren, sondern mit Objekten, die so täuschend nach- und altgemacht sind, dass schon ein sehr gut geschultes Auge in Verbindung mit natür licher Beanlagung, oder, wie Baron Potier sagt, ein instink tives Gefühl dazu gehört, um Imitationen von Originalen zu unterscheiden. Des weiteren weist der Verfasser darauf hin, wie schwer es sei, dem Verkäufer von Fälschungen die Ab sichtlichkeit eines Betruges nachzuweisen. Denn einmal hüte sich dieser wohl, die Echtheit fraglicher Stücke zu garantieren, das andere Mal aber befänden sich jene meist schon in zweiter oder in dritter Hand, bevor sie auf den Markt kämen, so dass es nur in seltenen Fällen möglich sei, die Fäden, die vom Verkäufer zum Verfertiger fuhren, auf zufinden und das Einverständnis aller Beteiligten in Verbin dung mit einer betrügerischen Absicht festzustellen. Sei aber ein derartiger Fall vor Gericht anhängig und hierbei das Gutachten eines Sachverständigen über Echtheit oder Unechtheit von Waffen erforderlich, so empfiehlt Baron Potier dem Richter, sich nicht an einen Händler, sondern an den Vorstand eines Waffenmuseums und, wenn ein solcher nicht am Platze oder in der Nähe aufhältlich ist, an den «Verein für historische Waffenkunde in Dresden» zu wenden, der stets in der Lage sein werde, eines seiner Mitglieder als Experten zu empfehlen. Es möge mir gestattet sein, im Anschluss an diese Be sprechung auf eine besondere Art von Eälschungen hinzu weisen, mit der ich erst in den letzen Jahren bekannt ge wordenbin, nämlich auf Nachahmungen ausgegrabener mittelalterlicher Helme. Ich meine natürlich nicht jene Imitationen, die schon früher im Handel vorgekömmen und als Fälschungen unschwer erkennbar sind, sondern Helme, die nach guten Vorbildern völlig korrekt in der Form hergestellt, durch ein neues Verfahren mit einer dünnen, sie unter allen Umständen bei ausgegrabenen Waffen Vor kommen müssten, fehlen an den fraglichen Helmen gänzlich. Etwaigen Bedenken gegen diese ungewöhnliche Erscheinung beugt der Verkäufer durch die Bemerkung vor, die gute Er haltung des Helmes sei wohl dem Umstande zu verdanken, dass derselbe in einer Schicht von Thonerde aufgefunden worden sei. Die Frage, wie ein einzelner Helm mehrere Meter tief gerade in eine Schicht von Thonerde hinein gekommen ist, dürfte allerdings der geriebenste Händler nicht glaubwürdig beantworten können. Der erste nach gedachtem Verfahren alt gemachte Helm, mit dem ich Bekanntschaft machte, war ein Schallern von der Gestalt jener Hauptbedeckungen um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Gegen Form, Ausführung, Vernietung und Gewicht liess sich nichts einwenden. Der dafür gezahlte Preis — 2100 Mark — war zwar mässig, lag indes nicht so ausserhalb der gewöhnlichen Bewertung solcher Stücke, dass man daraus einen ernsten Verdacht hätte schöpfen müssen. Lediglich die völlig gleichmässige Oxydation erschien auf fällig. Eine derartige Patinierung war mir noch nicht vor gekommen; weder an Waffen, die Jahrhunderte lang in der Erde, noch an solchen, die im Wasser gelegen oder an an deren, die vergessen und verwahrlost in irgend einem feuchten Winkel gestanden hatten. Alle mir bekannten Ausgrabungen zeigen im Gegensätze zu den Schallern tiefe Rostnarben, ein Umstand, der sich daraus erklärt, dass trotz der sorg fältigen Schmiedearbeit und Politur eine völlig gleichmässige Härtung des Stahles nicht vorkommt und dass ferner die Stoffe und Säuren, die auf die Zerstörung des Metalles ein wirken , ebenfalls nicht gleichmässig Uber die Oberfläche einer solchen Waffe verteilt sind. Es wurde nun mit Ein willigung des Käufers die Patinakruste an einer Stelle vor sichtig entfernt, worauf sich durch genaue Untersuchung er gab, dass man eine natürliche Oxydation, die Jahrhunderte lang auf das Stück eingewirkt hatte, nicht vor sich haben konnte, weil die Beschädigung des Metalles unter der Kruste nur ähnliche Merkmale zeigte, wie bei dessen Be handlung mit Säuren, und ferner, weil der Schallern aus modernem Walzeisen geschmiedet war. Leider habe ich verabsäumt, die «Patina» an gedachtem Schallern chemisch analysieren zu lassen, wodurch wichtige Anhaltspunkte für das dabei angewendete Verfahren wie für die Bestimmung ähnlicher Fälschungen gewonnen worden wären. Zu den mir später noch vor Augen gekommenen Fälschungen derselben Kategorie gehörten eine Hundsgugl und ein Topfhelm, beide von der Form, wie sie an Originalen aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bekannt ist. Es handelte sich sonach abermals um Objekte, bei denen sich die Arbeit, vor ausgesetzt, dass siegelang, lohnte. In Bezug auf seine Form war gegen das zuerst genannte Stück nichts einzuwenden, doch verrieten hier Schmiedefehler am Scheitel sowohl als an der vorspringenden Spitze des Visiers die moderne Her kunft. An beiden Stellen hatte nämlich das Geschick des Schmiedes aus dem 19. Jahrhundert versagt, die Platte von Walzeisen so in die Spitze zu treiben, wie es der alte Waffen schmied verstand. Es waren kleine Löcher entstanden, denen zwar der Fälscher durch Lötung das Ansehen von Gebrauchs spuren hatte geben wollen, ein Unterfangen, das aber höch stens einen Anfänger zu täuschen vermocht hätte. In der Erkenntnis, dass das Werk nicht völlig gelungen, betrug der Preis auch nur den siebenten oder achten Teil desjenigen, den eine echte Hundsgugl gekostet haben würde, nämlich 700 Mk. Das dritte Stück, ein Topfhelm, war dagegen wieder ein «Meisterwerk der Fälscherkunst». Tadellos in der Form 358 Zeitschrift für historische Waffenkunde. und Zusammensetzung der einzelnen Teile (der Helm ist aus II. Band. Ueber den fraglichen Topfhelm urteilte der hervor drei Platten zusammengefügt) würde dessen moderne Her kunft doch ohne den bewussten Patinatiberzug sofort erkenn bar gewesen sein. Das wusste natürlich der Fälscher und sein Verfahren war sonach ein wohl durchdachtes. So werden denn seine Fabrikate nicht allein im Inlande, sondern auch im Auslande, besonders in dem mit Falsifikaten aller Art ge radezu überschwemmten Amerika, guten Absatz finden. Vorstandssitzung am ii. Januar 1902 zu Berlin im Hause des Freiherrn von Lipperheide. Anwesend: Mitglieder des Vorstandes: Exzellenz von Usedom, 1. Vorsitzender; Freiherr von Lipperheide, 2. Vor sitzender ; Major Müller, Schatzmeister; Dr. Koetschau, Schrift leiter; Dr. Kekule von Stradonitz, 1. Schriftführer; Oberst Thierbach, Dresden. — Ferner: Direktor Angst, Zürich; von Dieskau, Dresden, als Adlatus des Schatzmeisters. Auf der Tagesordnung standen: 1. Bestimmung des Ortes der Hauptversammlung des Jahres 1902; 2. Bericht über die Finanzlage des Vereins; 3. Budget für das Jahr 1902; 4. Antrag des Vereins für Heereskunde; 5. Anerbieten einer Verlagsfirma; 6. Sonstige Vereinsangelegenheiten. Aus demProtokollseiFolgendes hervorgehoben: Zu Punkt 1. Bei der Abstimmung ergab sich eine Mehrheit, für Düsseldorf. Für Zürich bestand grosse Ge neigtheit. Es erschien jedoch der Mehrheit geeignet, Zürich lieber erst für 1904 in Aussicht zu nehmen und für dieses Jahr Düsseldorf in Rücksicht auf die dort stattfindende Kunst gewerbe-Ausstellung den Vorzug zu geben. Zu Punkt 2. Der Schatzmeister berichtete Uber die Finanzlage des Vereins. Der Schriftleiter sprach Uber die Gestaltung der Vereinszeitschrift in Gegenwart und Zukunft. Da der zeitige Schatzmeister, Herr Major Müller, der bereits vor längerer Zeit durch Zuschrift an den Vorstand erklärt hatte, dass er von der nächsten Hauptversammlung ab sein Amt aus Gesundheitsrücksichten niederlegen müsse, nunmehr von diesem Amte schon jetzt entbunden zu werden wünschte, wurde beschlossen, den 2. Vorsitzenden, Freiherrn von Lipperheide, zu bitten, die Führung der Kassen geschäfte bis zur nächsten Hauptversammlung zu übernehmen. Herr von Lipperheide erklärte sich dazu bereit, und Herr Major Müller sagte zu, sämtliche Rechnungen, Kassenbücher, Beibücher des Schatzmeisters und dergleichen auszuhändigen. Die Führung der Schatzmeistergeschäfte ist somit bis auf weiteres auf Herrn Freiherrn von Lipperheide übergegangen. Um neue Mitglieder zu werben, erklärte sich der 1. Schriftführer bereit, an hundert geeignete, nach den Mit gliederverzeichnissen des „Herold“ und der „Deutschen Adels genossenschaft“ zu ermittelnde Herren Einladungsschreiben zur Mitgliedschaft zu versenden. Die Versammlung erklärte sich damit einverstanden. ragendste Gelehrte auf dem Gebiete der historischen Waffen kunde, der leider viel zu früh verstorbene Oberstleutnant a. D. Dr. Jähns: das Stück sei «merkwürdig gut erhalten». Wollte er damit einen Zweifel in Bezug auf dessen Echtheit aus drücken? Ich vermied, ihn darüber zu befragen, da ich bereits wusste, dass der Helm eine Fälschung war. Wo derselbe sich gegenwärtig befindet, mag ich vorläufig nicht verraten. M. v. E. Die Versammlung beschloss sodann, der nächsten Haupt versammlung eine Anzahl von Herren zur Ernennung zu Pflegern vorzuschlagen, weil durch eine solche Massnahme eine Vermehrung der Mitgliederzahl zu erwarten steht. Punkt 3, 4 und 5 der Tagesordnung wurden beraten. Zu Punkt 6. Ein Antrag des 2. Schriftführers, Herrn von Ehrenthal, wurde beraten und daraufhin beschlossen, alljährlich im Februar die mit dem Beitrage rück ständigen Herren Vereinsmitglieder durch Rund schreiben zur Zahlung aufzufordern und in diesem Rundschreiben gleichzeitig auszusprechen, dass bei nicht alsbald erfolgter Zahlung das Einverständnis der betreffenden Herren angenommen werde, dass der Schatzmeister des Vereins den Beitrag durch Postnachnahme erhebe. Gründerbeiträge haben gezahlt: Seine Königliche Hoheit der Herzog Karl Eduard zu Sachsen-Coburg und Gotha und Seine Durchlaucht der Fürst zu Salm Reifferscheid. Der 1. Vorsitzende des Vereins, Herr Generalleutnant von Usedom, Exzellenz, ist nach der Lutherstrassc 33, Berlin W, verzogen. Major z. D. Lossnitzer ist an Stelle des nach Dresden berufenen Dr. Koetschau mit der Verwaltung der I-Ierzogl. Kunst- und Altertümer-Sammlung der Veste Coburg vom 1. April 1902 ab betraut worden. Fraenzel ist ä la suite des 133. Inf.-Regts. gestellt und zum Direktionsassistenten der Königlich Sächsischen Artillerie Werkstatt ernannt. Wohnung: Dresden-Neustadt, Alaun strasse 681. Dem Vereine sind als neue Mitglieder beigetreten: Marquardt, Erich, Kaufmann, Archivar des Vereins für die Geschichte Berlins, Berlin, Moritzstrasse 6. Kuhr, Alfred, Oberleutnant der Landwehr, Heidelberg. Cederström, Rudolf, Freiherr, Assistent an der Königlichen Leibrüstkammer, Stockholm. Lamm, C. R., Ingenieur, Ludwigsberg, Stockholm. Bequin, Jean, Architekt, Neuchätel, Schweiz. Schellbach, Professor, Dr., Direktor des Falk'schen Real gymnasiums, Berlin W., Ltitzowstrasse 84 c. Der wissenschaftliche Verein der Kais. u. Kgl. Kriegs Marine in Pola. von dem Knesebeck-Mylendonk, Freiherr, Landrat in Carwe. _ Infolge Rücktritts des Herrn Major Müller hat der 2. Vorsitzende des Vereins, Herr Freiherr Franz von Lipper heide zu Berlin W., Potsdamerstrasse 38, die Führung der Schatzmeistergeschäfte bis auf weiteres übernommen. Die Herren Mitglieder des Vereins werden daher er gebenst ersucht, die rückständigen Beiträge gefälligst an ihn durch Postanweisung zahlen zu wollen. Die Annahme von Beiträgen für Heft 10 des II. Bandes wird spätestens am 1. Jarrf d. J. geschlossen. Herausgegeben vom Verein für historische Waffenkunde. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Dresden. Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. )paUi^fccu lattu- •ÄpocalipteenX&tm Zu Toner. Studienmaterial zur Geschichte der Mittelalterwaffen (IV). T ederzeichnungen der Metzer « Apocalipse en latin » des XIII. Jahrh. . Die Bedeutung des gotischen Streitkolbens als Waffe und als Würdezeichen. Von Regierungsrat Dr. Walther Rose in Berlin. u den beliebtesten Kurzwaffen, welche im Nahkampfe wirk same Verwendung fanden, gehört von altersher der Streit kolben. Der selbe erscheint, von der einfachen Keule als der ältesten Waffe angefangen, im Laufe der Jahrhunderte im westlichen Europa1) in immer abwechselungsreicherer und mannigfaltigerer Gestalt, bis wir ihn zur Zeit des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts, der Blütezeit der edlen Waffen schmiedekunst, in seiner schönsten Formvollendung und edelsten Gestaltung, in der reinen gotischen Gliederung des sog. Kürissbeng'els (Faustkolben) erblicken. Den Kopf desselben finden wir ringsherum ge wöhnlich mit sechs bis acht Schlagblättern besetzt, die, dem Stile der Zeit entsprechend, in mehr oder minder vorspringende Zacken auslaufen, welche letztere wieder in Dreipass- oder Fischblasenform durchbrochen sind. Oft sind auch die Spitzen der Hiebkanten sehr geschmackvoll in Sternform ge zähnt oder zierlich in Lilienform geschmiedet, so dass es scheint, als ob die kunstfertigen Waffen schmiede jener streitbaren Zeit gerade dieser Waffe ihre besondere Fürsorge haben angedeihen lassen.2) , In umstehender Abbildung (siehe Figur 1) ge statten wir uns mehrere charakteristische Exem plare derartiger gotischer Streitkolben aus der Sammlung des Verfassers zu veröffentlichen und !) Die orientalischen Streitkolben und die denselben von den Magyaren und den slavischen Völkern entlehnten ähnlichen Formen lassen wir in diesem Artikel zunächst ausser Betracht. 2) Siehe insbesondere in dem Werke: Engraved Illu strations of antient arms and armours from the Collection of Llewelyn Meyrick at Godrich Court. Herfordshire etc. (London 1833) auf Tafel 82 die mannigfaltigen Formen gotischer Streit kolben aus dem 15. und 16. Jahrhundert. dieselben mit kurzen erläuternden Worten zu be gleiten. Nr. 1 und Nr. 2 sind miteinander fast gleich. Der Kopf des achteckigen Schaftes zeigt acht Schlag blätter mit kurzen Ansätzen und grösseren Vor sprüngen in der Mitte, letztere durch Löcher in Kleeblattform durchbrochen. Die Spitze in Gestalt einer Eichel. Zum Schutze des lederüberzogenen Handg'riffs ein runder gekerbter Handteller mit Loch für den Faustriemen. Am unteren Ende des Schaftes auf beiden Kolben zweimal die viereckig tief ins Gesenk geschlagene Waffenschmiedsmarke in Form eines N- also ähnlich der Marke des Wilhelm von Worms (siehe Boeheim, Handbuch der Waffenkunde, Seite 654). Gesamtlänge: 62 bezw. 56 cm. — Gewicht: je 1,600 kg. Nr. 3 ist in seiner äusseren Form den vorigen sehr ähnlich, doch zierlicher gearbeitet. Der Schaft ist gedreht, der Kopf hat nur sechs Schlagblätter, der Flandteller mit eingehauenem Ornament und Loch für den Faustriemen. Gesamtlänge: 53 cm. — Gewicht: 0,760kg. Nr. 4 besitzt einen Kopf mit profilierter Spitze und sechs nach der Mitte eckig vorspringenden, ausgezackten und sternförmig durchbrochenen Schlag blättern, welche sich weit nach unten verjüngen und auf einer kleinen Scheibe stehen. Der Schaft oben und unten vierkantig, in der Mitte rautenförmig mit Auskehlungen. Der gezackte Handteller sechsfach durchbrochen. Gesamtlänge: 54cm. — Gewicht: 1,250kg. Nr. 5 zeigt einen gedrehten Schaft, der Kopf mit sechs durchbrochenen Schlagblättern in Stern form gezackt. Die Spitze eichelförmig, der ge kerbte Flandteller mit Loch für den Faustriemen. Diese Waffe scheint im ernsten Kampfe gebraucht worden zu sein, da einzelne der grösseren Zacken an den Spitzen lädiert sind. Gesamtlänge: 54cm. — Gewicht: 0,760kg. 48 3Öo Zeitschrift für historische Waffenkunde. Nr. 6 hat einen Kopf mit Eichelspitze und sechs II. Band. stellen in ihrer rein gotischen Gliederung das Proto nach der Mitte eckig ausladenden und geschwungenen Schlagblättern, welche ausgezackt und in Sternform durchbrochen sind. Der Schaft ist gedreht, der ge kerbte Handteller mit Loch für den Faustriemen. Gesamtlänge: 49 cm. — Gewicht: 1 kg. Nr. 7 und Nr. 8 sind in der Form einander sehr ähnlich. Der Kopf des gedrehten Schaftes mit sechs grossen Schlagblättern von ovaler Form mit Auskehlungen und Durchbrechungen. Die Spitze eichelförmig, der Handteller rund bezw. sechskantig und zierlich durchbrochen, mit Loch für den Faust riemen. Gesamtlänge: 45 bezw. 49cm.—-Gewicht: je 0,760 kg. Nr. 9 besitzt einen Kopf mit gedrehter Spitze und sechs Schlagblättern in Gestalt der Nr. 7 und 8. Der mit spiralförmigen Einkerbungen ver zierte Schaft nebst dem Griff aus einer einzigen starken und hohlen Stahlrohre bestehend, an welcher der vielfach durchlöcherte Handgriff durch gekerbte runde Wulste abgeteilt ist. Gesamtlänge: 42 cm. -—- Gewicht: 0,760kg. Nr. 10 hat einen Kopf mit sechs Schlagblättern von oben ovaler und durchbrochener, in der Mitte halbmondähnlich ausgezackter Form. Der mit spiral förmigen Einkerbungen verzierte Schaft sowie der Griff ebenfalls wie Nr. 9 aus einer einzigen hohlen Stahlrohre bestehend, wobei jedoch der durch ge kerbte runde Wulste abgeteilte Flandgriff durch ein dickes, schlangenartig sich herumwickelndes Eisen band geschmückt ist. Gesamtlänge: 45 cm. — Gewicht: 1 kg. N r. 11 endlich zeigt einen kleinen runden Kopf nach Art eines Morgensterns mit zehn kurzen stumpfen Stahlspitzen. Der Schaft kunstvoll zweimal abwechselnd vierkantig und rautenförmig mit Auskehlungen ge schmiedet. Für den Faustriemen ist hier das untere Ende des Schaftes selbst durchlocht. Der Fland teller in Lilienform ausgezackt und durchbrochen. Es ist dies ein zierliches, an italienische Motive erinnerndes Stück. Gesamtlänge: 50cm. — Gewicht: 0,600kg. Sämtliche Exemplare, welche aus der Umgegend von Ulm stammen, bestehen aus blankem Stahl bezw. härtestem Eisen und zeigen mit Ausnahme der Nr. 11 an den Köpfen, zum Teil auch an den Schäften die Spuren ehemaliger reicher Verkupferung, was einen überaus farbenprächtigen Eindruck ge währt. Trotz der Mannigfaltigkeit der einzelnen Formen und der Verschiedenheit der Länge — von 62 bis 42 cm — ist doch die Aehnlichkeit des Gewichts auf fallend, welches bei zwei Exemplaren je 1,600 kg, bei zwei anderen je 1 kg und bei fünf je 0,760 kg beträgt. Die unter Nr. I und 2 genannten schweren Kolben, denen in der äusseren Form Nr. 3 gleicht, typ des gemeinen deutschen Ivürissbengels dar. Es ist dies jene Form, welche am meisten ihrem eigent lichen Zweck entspricht, nämlich um den immer mehr in Aufnahme kommenden und für eine Schwert oder Beilschneide fast undurchdringlichen Platten harnischen gegenüber als geeignete Angriffswaffe zu dienen. Ein kräftiger Hieb mit einem solchen, ganz aus Stahl bestehenden und infolge der starken Schlag blätter ein bedeutendes Uebergewicht besitzenden Kiirissbengel musste beim Aufschlagen der stumpfen Spitzen der Fliebkanten eine zerschmetternde Wirkung ausüben, der auch die beste Plattenpanzerung nicht stand halten konnte.1) Uebrigens muss derselbe bereits am Ende des 14. Jahrhunderts, also beim ersten Erscheinen der Plattenharnische, bekannt gewesen sein. So berichtet Gobelin Persona (Aetas VI, C. 83), «dass im Jahre 1390 der neue Bischof von Paderborn, Ruprecht, ein junger und kühner Mann, sein Amt angetreten und gegen das räuberische Unwesen der Edelleute Westfalens strenge Massregeln ergriff. An der Spitze der Räuber stand Friedrich von Pathberg, der sich und seine Genossen «Beng'eler» nannte, weil sie silberne Streit kolben, Bengel, auf der Brust trugen. Der Bischof trieb diese Gesellen zu Paaren».2) Die kurze handliche Form dieser Waffe liess sie besonders für den Reiter geeignet erscheinen, und so führte sie denn auch mit Vorliebe der adlige Reiter während des 15. und 16. Jahrhunderts bei sich, entweder mit dem Faustriemen rechts am Sattel knopf oder ebendort in einer Lederschleife schräg nach unten hängend. Trefflich veranschaulicht dies die Abbildung bei Viollet-le-Duc, Seite 214/215, »Parement d’un Chevalier». Während der in seiner Bewegung nicht be hinderte gemeine Fusslcnecht in dieser Zeit den grösseren und wuchtigeren Morgenstern bevorzugte, galt somit der Kürissbengel als eine speziell ritter liche Waffe. Wir erblicken daher denselben, der auch das Attribut der Heiligen Fidelis, Nikomedes und Vitalis bildet, auf zahlreichen Abbildungen und Wappen, insbesondere auch auf Grabsteinen in den Fländen ritterlicher Personen. ln letzter Plinsicht bietet sehr schöne Beispiele die besonders an gotischen Denkmälern reiche Pfarrkirche zu Lorch o am Rhein, im Mittelalter der Sitz zahlreicher Adliger x) Die dadurch verursachten Quetschwunden Messen die «amesiere», vom mittellateinischen «amassare», d. h. mit der Keule (massa) schlagen. Siehe Jahns, Entwicklungsgeschichte der alten Trutzwaffen (Berlin 1899), Seite 160, Anm. 1. 2) Siehe Klemm, Die Werkzeuge und Waffen, ihre Entstehung und Ausbildung (Sondershausen 1858), Seite 130. — Ein Seitenstück zu diesen nach den Kiirissbengeln be nannten «Bengelern» bildet der nach den schlägelförmigen Hämmern benannte, seit 1367 bestehende «Schläglerbund» der schwäbischen Ritterschaft, der sog. Martinsvögel, dessen Zweck war, sich gegen den Kaiser und die Reichsstädte zur Wehr zu setzen. Siehe Boeheim a. a. O. Seite 363. 10. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. mit einer Ritterschule («Schuljunkerschaft»), sowie 361 Figur 2), sowie des Johann von Eschbach, Schul Aufenthaltsort Sickingens. Hier erkennt man diese gotische Form des Streitkolbens auf den Grabsteinen des Johann von Breitenbach, Herrn zu Ollbrück, gest. 1511 (siehe theiss, gest. 1513 (siehe Figur 3).1) Es ist erklärlich, dass eine solche speziell für den Kampf gegen Plattenharnische geeignete Waffe auch in den Fussturnieren eine bedeutende Rolle *) Siehe Demmin, Die Kriegswaffen, 4. Aufl. (Leipzig 1893), Seite 421; sowie ebenderselbe, 1. Ergänzungsband hierzu (Wiesbaden), .Seite 92. — In dem erstgenannten Werke bringt Demmin auf Seite 786 unter Nr. 41/1 im einzelnen die Ab bildung des gleichen Ktirissbengels mit der Angabe: «Streitkolben vom Grabdenkmale des Johann Marschalk von Waldeck, gest. 1364, in der Pfarrkirche zu Lorch am Rhein. Auf den in derselben Kirche befindlichen Grabdenkmälern des Johann von Eschenbach, gest. 1513 (unrichtig ist die Jahreszahl 1493 angegeben), und des Johann von Breitenbach, gest. 1511, sind ganz ähnliche Kolben in den Händen der abgebildeten Ritter dargestellt, was voraussetzen lässt, dass sowohl schon im 14. wie bis ins 16. Jahrhundert hinein in dortiger Gegend der Sattelkolben eine beliebte Reiterwaffe war.» Bei der auf Seite 400 desselben Werkes gegebenen Darstellung des Grabdenkmals des erstgenannten Marschalk von Waldeck, welche die charakteristische Ausrüstung und Bewaffnung des 14. Jahrhunderts zeigt, ist aber ein derartiger Streitkolben nicht zu erblicken. 48* 362 Zeitschrift für historische Waffenkunde. spielen musste, bei denen bekanntlich die Aus II. Band. sich dieser Umstand zu einem Teile damit erklären, bildung der undurchdringlichen Plattenpanzerung ihren höchsten Grad erreichte.1) In den Darstellungen des Freydal2) sehen wir dementsprechend nicht weniger als dreimal — auf den Tafeln 63, 75 und 230 — einen Fusskampf des Kaisers Maximilian mit «Flerrn Melichior (Melhior) von Massmunster, Sigmund Stadel (Stödl) und Leon hart Godel (Gödl)», in welchem sich beide Kämpfer derartiger Eisenkolben in Form der Kürissbengel sowie hölzerner Tartschen bedienen (siehe Fig. 4).8) Nach den bisherigen Ausführungen muss es nun befremdlich erscheinen, dass eine nicht un erhebliche Anzahl der noch erhaltenen Streitkolben auffallender Weise für ihren direkten Zweck — als Angriffswaffe gegen Geharnischte zu dienen — ziem lich schwach im Metall und daher verhältnismässig Fig-. 2. Grabdenkmal des Johann von dass der Streitkolben zu jener späteren Zeit nur noch traditionell zur Ausrüstung gehörte. Hatte doch diese Schlagwaffe bei der allmählichen Abnahme der Plattenharnische ihren eigentlichen Zweck verloren. Wenn sie daher auch noch am Sattel mitgeführt wurde, so gelangte sie im Ernstfälle wohl kaum mehr zur Anwendung, wenigstens nicht mehr gegen schwer Geharnischte, zumal sie bei der Reiterei durch die in dieser Zeit allgemein in Aufnahme kommenden und viel wirksameren Faustrohre immer mehr ver drängt wurde. Indessen auch unter den gotischen Streitkolben der älteren Zeit, d. h. im 15. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, also gerade zur Blütezeit der Plattenharnische, sind derartig leicht gearbeitete Exemplare nicht selten. Fig. 4. Fusskampf des Kaisers Maximilian Breitenbach, Herrn zu Ollbrück (f 1511) in der Pfarrkirche zu Lorch a. Rh. (Nach Demmin, 1. Ergänzungsbd., S. 92.) mit Melchior von Massmunster. (Nach Quirin v. Leitner, Freydal, Tafel 63.) Fig, 3. Grabdenkmal des Johann von Eschbach, Schultheiss (f 1513) in der Pfarrkirche zu Lorch a. Rh. (Nach Demmin, Die Kriegswaffen, 4. Aufl., S. 421.) leicht sind, so dass sie beim Gebrauche gegen Plattenpanzerung schwerlich eine durchschlagende Wirkung erzielen konnten. Insoweit hierbei Exemplare aus der späteren Zeit, d. h. etwa von der zweiten Hälfte des 16. Jahr hunderts an gerechnet, in Betracht kommen,4) lässt J) Wir reproduzieren hier nur die erstgenannte Tafel 63, da auf den beiden anderen Tafeln sich die Kämpfer genau derselben Kolben bedienen. 2) Der Sattelkolben wurde nach Dillichs Kriegsbuch (Frankfurt 1607) noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts von den Kürassieren geführt. Nach den Abbildungen daselbst zeigt er jedoch bereits sehr kleine und künstlich verschnörkelte Schlagblätter. Siehe auch Jähns, Atlas zur Geschichte des Kriegswesens, Tafel 82, Nr. 7. 3) Die sog. Kolbenturniere zu Ross können hierbei nicht in Betracht kommen, da der in denselben gebrauchte Kolben lediglich aus hartem Holze in Form einer mehr kantigen Keule bestand. Siehe Boeheim a. a. O. Figur 611, Seite 522. 4) Quirin von Leitner, Freydal, des Kaisers Maximilians I. Turniere und Mummereien. (Wien 1880—1882.) Siehe die Ein leitung das. Band I, Seite LXXXVI und XCVIII, sowie Band II, Seite LXXX. So zeigen z. B. von den hier bei Figur 1 ab gebildeten Kolben die Nr. 7 und 8 — von dem zierlich gearbeiteten Exemplar Nr. 11 ganz ab gesehen — neben dem geringen Gewicht von je 0,760 kg auch verhältnismässig schwache Schlag blätter im Vergleich zu deren Grösse und Breite. Dasselbe gilt auch für Nr. 3 gegenüber den schweren Kürissbengeln Nr. 1 und 2. Eine Erklärung für die Plerstellung solcher frühzeitig-gotischen, in ihrer äusseren Gestalt wohl kunstreicheren, aber im Ernstfälle kaum brauch baren Exemplare — und das gilt auch zum anderen Teil für ähnliche Kolben der späteren Zeit — f inden wir in der anderweiten, hier nunmehr in Be tracht zu ziehenden Zweckbestimmung dieser Kolben, nämlich in der Bedeutung derselben als Würde zeichen und als Prunkwaffe. War es doch schon von altersher Sitte geworden, dass nicht nur höhere Befehlshaber, sondern auch mächtige Herrscher und selbst Kaiser ebenso wie den Kommando- und Herrscherstab, so auch den Streit kolben als Zeichen ihrer Würde, gleichsam als Scepter, io. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. führten1) und sich auch mit diesem scepterartig-en Ab 363 Das von Boeheim (Plandbuch der Waffenkunde, zeichen, dem sog. «Regiment» in der Hand, mit Vor liebe bildlich darstellen Hessen. Diese Sitte erhielt sich bis über das Mittelalter hinaus, so dass noch im Jahre 1600 Landgraf' Moritz von Hessen aus drücklich empfiehlt, die Disziplinarstrafe «manu magistratus» mit dem Scepter oder «Regimentes vorzunehmen, denn dies sei in keiner Weise schimpflich.2) Alle diese Kolben lassen dann aber bereits in ihrer äusseren Erscheinung, durch ihre zierliche Ge staltung und künstlerische Ausschmückung, sowie auch durch die Beschaffenheit des oft recht kost baren Metalls, aus dem sie verfertigt sind, erkennen, dass wir in ihnen weniger eine Waffe für den Ernstfall, als hauptsächlich ein Prunk- und Würdezeichen des jeweiligen Inhabers zu erblicken haben. Fig. 5. Gotischer Prunkstreitkolben. Figur 425, Seite 361) in dieser Beziehung gegebene Beispiel stellt den in der Kaiserlichen Waffensamm lung' zu Wien befindlichen, aus vergoldetem Messing bestehenden Streitkolben des Kaisers Friedrich III. in feiner gotischer Gliederung dar, und zwar in der Form des gemeinen deutschen Kürissbengels aus der Mitte des 15. Jahrhunderts.8) Ein fast gleiches Exemplar in künstlerisch voll endeter Ausführung und im reinsten gotischen Stil besitzt die Kaiserliche Eremitage zu St. Petersburg (siehe Figur 5). Dieser an kurzem Holzstiel befestigte herrlich schöne Kolben be sitzt eine Länge von 50 cm, eine Höhe der Schlagblätter von 4,5 cm und ein Gewicht von 2 Pfund 15 Sol. russisch (1 russ. Pfund = 96 Solot Fig. 6. Die geschicktheit der mumerey Fig. 7. Italienischer Streitkolben, Mitte des 15. Jahrhunderts. (Sammlung der Kaiserl. Eremitage zu St. Petersburg.) und kurzweil (Maximilian leitet einen Beginn des 16. Jahrhunderts. Mummenschanz). Weisskunig, Tafel 30. (Sammlung der Kaiserl. Eremitage (Verkleinertes Bruchstück.) zu St. Petersburg.) t) Ein Pendant zu dieser Erscheinung sehen wir z. B. in eben jener Zeit auch bei dem langstacliligen Faust- oder Reiterhammer, welcher in den Kiirisser-Regimentern Maxi milians I. allgemein von den Rottmeistern zugleich als Waffe und Würdezeichen getragen wurde. Siehe Boeheim a. a. O. Fig. 432, Seite 366. — Selbst die Axt erscheint bereits in der ältesten Zeit auch als blosses Würdezeichen ohne Möglichkeit irgend welcher Brauchbarkeit, und zwar in kostbarster Aus führung. So besitzt das Kaiserliche Antikenkabinett zu Wien ein in Siebenbürgen gefundenes, 28 Lot schweres Beil von gediegenem Golde, dessen eigenartige Form sonst auch in Bronze vorkommt, das aber an sich natürlich lediglich wie ein Scepter gebraucht worden sein kann. Siehe Jähns, Entwicklungsgeschichte, Seite 143, nebst der Abbildung da selbst Tafel IV, Nr. 7. 2) Siehe Jähns, Entwicklungsgeschichte, Seite 160, Anm. 5, sowie Seite 155. — In Ungarn und Polen blieb der Kolben bekanntlich bis in das 18. Jahrhundert Offiziers abzeichen. Siehe Boeheim a. a. O. Seite 363. nik = 409,51 gr). Die einzelnen Teile sind teils aus Kupfer - (Messing-) Blech verschiedener Dicke geschnitten, teils getrieben und durch Nieten und Lötungen miteinander verbunden. Ueber die Her kunft hat sich leider nichts ermitteln lassen.3 4 * * *) Nach einer weiteren Angabe Boeheims bewahrt man ebenfalls in Wien noch zwei andere reich verzierte gotische Streitkolben von Bronze aus dem Besitze desselben Kaisers von ca. 1460, bei denen 3) In seiner äusseren Gestalt also ähnlich den Exem plaren in Fig. 1 sub Nr. 1 bis 3. *) Die Abbildung und nähere Beschreibung dieses und des unter Figur 7 folgenden Exemplars nach der liebenswürdigen Mitteilung des Herrn Staatsrats von Lenz in St. Petersburg, wofür ihm der Verfasser hiermit seinen verbindlichsten Dank ausspricht. 364 Zeitschrift für historische Waffenkunde. sich in der Höhlung der verschliessbaren Handhaben II. Band. wurde und wahrscheinlich aus der Werkstatt des ein metallener Zollstab und ein zusammenlegbares Triktrakbrett finden.1) Ein kostbares Exemplar besitzt endlich dieselbe Sammlung noch in dem Prunkstreitkolben des Mat thäus Lang, Erzbischofs von Salzburg. Derselbe besteht aus vergoldetem Silber, der Kolben ist mit Eicheln besetzt. Alle Füllungen de's Kolbens und des Stieles sind mit translucidem Email ausgestattet, der Griff mit geätzten Verzierungen geschmückt. Die Technik ist venetianisch um 1500.2) Aus derselben Zeit (1500) stammt der in der Sammlung des Berliner Königl. Zeughauses befind liche italienische Prachtstreitkolben bezw. Kommando stab des Kardinals Ascanio Maria Sforza. Der nach Art eines ungarischen Buzogäny gebildete Kopf dieses Kolbens besteht aus einer geschuppten und vergoldeten Messingkugel, welche das Wappen des Sforza und die Inschrift: Ascanius — Maria — Car dinalis — Sforcia — Vicecomes zeigt. Schaft und Handgriff sind mit rotem Samt bezogen.3 4) Auch die in dem Königl. Historischen Museum zu Dresden den zahlreichen Reiter - Harnischen sächsischer Fürsten beigegebenen Prunkstreitkolben dürften hierher zu zählen sein, welche, wenn auch nicht von der Person, so doch wenigstens aus der Zeit des betreffenden Fürsten stammen. So führt z. B. der dem Harnisch des Herzog's Johann Georg I. (15S5—1656) beigegebene Streitkolben das Wappen der Familie Henkel von Donners mark.1) Bei dieser Gelegenheit möchten wir die höchst interessante Thatsache nicht unerwähnt lassen, dass im sächsischen Königshause noch bis in die neueste Zeit hinein ein derartiger Prunkstreitkolben als Feld marschallstab gedient hat. So hält nach einer Photo graphie von C. A. Teich - Hanfstängl in Dresden Se. Majestät König Albert von Sachsen als General feldmarschall in seiner Rechten einen Prunkkolben mit kugelförmigem Kopf in Form eines Buzogäny. Nach der überaus gütigen und hiermit dankend anerkannten Auskunft des Herrn Direktors Dr. Koet schau in Dresden bekam Se. Majestät den Streitkolben als Kronprinz ausgehändigt, als er (1871) zum Feld marschall ernannt worden war, «an Stelle —wie es in den Akten heisst — des noch nicht vorhandenen modernen Marschallstabes». Dieser Pusikan gehört zu einer noch aus Pallasch und ungarischem Säbel bestehenden Waffengarnitur, die im Jahre 1610 dem Kurfürsten Christian II. vom Kaiser Rudolf II. verehrt b Siehe Band I, Heft ir d. Zeitschr. Seite 291, Anm. 1. 2) Siehe die Abbildung bei Boeheim, Album hervorragen der Gegenstände aus der Waffensammlung des Allerhöchsten Kaiserhauses (Wien 1894), Tafel XI, Nr. 7. 3) Siehe die eingehende Beschreibung bei Hiltl, Katalog der Waffensammlung des Prinzen Karl von Preussen, Seite 3 unter Nr. 18. In dem neuen Führer durch das Königl. Zeug haus (Berlin 1900) ist das Exemplar auf Seite 38 unter Nr. 32 aufgeführt. 4) Führer durch das Königl. Historische Museum zu Dres den (Dresden 1S99), Seite 55 zu Nr. 5 bezw. Seite 58 zu Nr. 10. Nicolaus Gross in Wien hervorgegangen ist. Der Kolben ist nach dem Gebrauch vorderhand dem Histo rischen Museum nicht zurückgegeben worden, sondern noch in den Fländen Sr. Majestät verblieben, obgleich Allerhöchstderselbe wie auch der Prinz Georg jetzt die in Preussen gebräuchlichen Marschallstäbe führen. Wenn wir nunmehr zu unserer historischen Betrachtung zurückkehren, so finden wir diese Benutzung des Streitkolbens als WiirdezeichSn neben seiner eigentlichen Bestimmung als Waffe schon im 15. Jahrhundert derartig verbrettet, dass derselbe allgemein bei feierlichen Aufzügen und von den Hausbeamten hochgestellter Herren zur Erhöhung des Glanzes getragen wurde. So halten z. B. auf Tafel 30 im Weisskunig,5) woselbst Kaiser Maximilian einen Mummenschanz anführend dargestellt ist, die Maskenfiguren ganz ähnliche Kolben wie die Küriss bengel in den Fländen (siehe Figur 6). Fliernach ergiebt es sich von selbst, dass- in einem Pracht und Farben liebenden Zeitalter der Geschmack der Waffenschmiede mit dem feinen Ver ständnis der Goldarbeiter wetteiferte, eine solche hauptsächlich zur Repräsentation bestimmte Prunk waffe mit geschmackvollen Zieraten zu schmücken, worin sich insbesondere die Italiener auszeichneten. Diese künstlerische Verschönerung erstreckte sich nicht nur auf den Kopf des Streitkolbens, sondern auch auf die Ausbildung zierlich gewundener resp. in Eisen geschnittener Schäfte und Handgriffe. So besitzt die Kaiserliche Eremitage zu St. Petersburg einen 58,5 cm langen und 3 Pfund 83 Sol. russisch schweren eisernen Streitkolben mit soliden Schlagblättern von 5 cm Höhe, deren Spitzen verstärkt sind (siehe Figur 7). Die Waffe ist in reichem Eisenschnitt geziert, und zwar der Schaft in Rankenwerk, der Griff in Bandform. Die Spitze, die Aussenränder der Schlagblätter und die Quer wulste des Griffes sind vergoldet. Zwischen den •Schlagblättern läuft eine gravierte, stellenweise stark verwischte Inschrift mit folgendem noch entziffer barem Wortlaut: \. CAMILLVS • C.... LbS NOBILIS SINENSIS S. IO. HIEROSOLIM. EQVES RODIENSIS S. MARCI FANENSIS V.VS ANNO .. X XII Die Waffe gehörte somit einem aus Siena stammen den Rodiser Ritter des Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem. Eine ganz besondere Rolle aber spielte der Streitkolben als Würdezeichen in Frankreich,0) zu 5j «Der Weisskunig. Eine Erzählung von den Thaten Kaiser Maximilians des Ersten von Max Treitzsauerwein auf dessen Angaben zusammengetragen nebst den von Hannsen Burgkmaier dazu verfertigten Holzschnitten. Herausgegeben aus dem Manuskript der K. K. Hofbibliothek. Wien 1775.» 6) Eine Würdigung des Streitkolbens als Waffe in Frankreich und Burgund finden wir in dem Aufsatz von Hermann von Duyse in Band I, Heft 2 dieser Zeitschrift, Seite 37 ff. io. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. mal hier an den prachtliebenden Höfen des Königs 365 Auch bei den höchst feierlichen Zeremonien, und des hohen Adels die prunkvollen Zeremonien eine viel grössere Ausbildung und Bedeutung er langt hatten, als in den anderen Ländern. Deshalb führen hier, wie auch öfters in Deutschland, ins besondere die Stabträger und Herolde die Kolben als Würdezeichen, und letztere sind dann mit den Landesfarben und Wappen bunt geschmückt, zuweilen höchst kunstvoll mit Gold oder Silber tauschiert. Ein treffliches Beispiel hierfür aus dem Anfänge des 15. Jahrhunderts ist die Figur eines solchen sergent d’armes in der Kirche zu St. Denis bei Paris (siehe Figur 8). Der hier in rein gotischem Geschmack ausgebildete Kolben zeigt deutlich reiche Verzierungen in Gold- oder Silbertausia, und in seiner äusseren Form seine Bestimmung als Prunkwaffe.1) Fig. 8. Sergent-d’armes vom Anfang des 15. Jahrhunderts. Bemalter und ver die bei den französischen Turnieren genau beobachtet zu werden pflegten, gelangt der Kolben als Würde zeichen zur Anwendung. So erblickt man in einer Miniature des Turnierbuchs des Königs Rene8), bei dem Kapitel «defi du tournois» im Gefolge des vor seinem Gebieter knieenden roi-d’armes (Wappen königs) einen sergent-d’armes, welcher in der rechten Pland einen stählernen Kolben mit goldenen Ver zierungen hält (masse d’acier garnie en or) siehe Figur g.3 4 * * *) Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wird der Streitkolben auch das Würdezeichen der (halb) bewaffneten Kirchendiener, welche die Stellen der sog. «Schweizer» vertraten und unter dem Namen «massiers» oder «sergents massiers» be Fig. 9. Sergent-d’armes. Mitte des 15. Fig. 10. Avocat des eglises. Ende des goldeter Steinschnitt, in der Kirche zu St. Denis bei Paris. (Nach Demmin, 2. Ergänzungsbd., S. 54.) 15. Jahrhunderts. (Nach Bonnard, Costumes des 13., 14. et 15. Siecles. Vol. 1. pl. 10. Die sergents-d’armes der französischen Könige, Jahrhunderts. Nach dem Turnierbuch des Königs Rene. (Nach Bonnard, Costumes des 13. 14. et 15. Siecles. Vol. 2. pl. 24.) kannt waren. Diese Beamten einzelner Kirchsprengel welche für gewöhnlich die Lilie auf den Spitzen ihrer Kolben trugen, «portent masses devant le Roy», ebenso wie die Liktoren ihre Beile vor dem römischen Konsul. Es kommen daher auch zuweilen derartige sergents-massiers vor, welche das S. P. Q. R. als In schrift führen.2) *) Siehe Demmin, 2. Ergänzungsband, Seite 54. 2) Siehejähns, Handbuch einer Geschichte des Kriegs wesens (Leipzig 1880), Seite 750, sowie auch Viollet-le-Duc in seinem Dictionnaire raisonne du mobilier fran^ais (Paris 1858—1875), Tome 6, Seite 201: «II existe beaucoup de ces masses qui n'etaient que des altributs de dignite, mais qui ne sauraient etre rangees parmi les armes de guerre. Ces masses de .massiers, sergents massiers1 sont souvent fort riches et ter minees ä l’extremite superieure par une partie plate, sur la quelle etaient gravees les armes du personnage, auquel etait attache le fonctionnaire qui portait la masse, ou un signe quelconque. La masse des sergents massiers du roi de France portait ä son extremile, en maniere de sceau, une f leur de lis. C’est avec cette fleur de lis qu’on marquait les criminels.» waren nicht nur in Frankreich, sondern auch in Italien, Spanien und Süddeutschland thätig. Erst in späterer Zeit wurden sie fast allgemein an Stelle des Kolbens mit Hellebarden oder Partisanen be waffnet. Hiltl erwähnt u. a. auch eines früher einem Kirchendiener gehörigen, äusserst zierlichen Kolbens aus dem 15. Jahrhundert, dessen Kopf in Form eines der häufig vorkommenden Reliquienbehälter oder 3) Les tournois du roi Rene d’apres le manuscript et les dessins originaux de la bibliotheque royale. Publiees par M. M. Champollion. Paris 1826. — Vgl. auch in dieser Hinsicht die Zeremonien im Bildkodex der Bibliotheque na tionale zu Paris, betitelt: Ceremonies des gages de bataille. Nach Lacroix P., Vie militaire et religieuse au Moyen-äge. Paris 1873. 4) Die hier gegebene vergrösserte Abbildung ist ent nommen aus dem Werke von Bonnard, Costumes des 13., 14. et 15. Siecles, extraits des Monuments les plus authentiques etc. (Paris 1829), vol. 2, pl. 24. II. Band. 366 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Sakramentshäuscheii gearbeitet und von schöner gotischer Zeichnung ist.1) Die Ausstattung eines derartigen «avocat des eglises: vom Ende des 15. Jahrhunderts zeigt eine Figur in dem genannten Kostüm werke von Bonnard2) (siehe Figur 10). Dieselbe ist einem Gemälde des Filippino Lippi entnommen, auf welchem die Dis putation des heiligen Thomas von Aquino in der Kirche St. Maria sopra Minerva zu Rom dargestellt ist. Nach der Beschreibung daselbst auf Seite 27/28 trägt dieser, mit einem Panzerhemd unter einem schwarzen Oberkleid und einem Schwerte mit ver goldetem Griff bewaffnete Angestellte in seiner Rechten une masse d’argent ornee de ciselures dorees». Eigentümlich ist die Form des nach oben kelch 4) Hiltl a. a. O. Seite 2 sub Nr. 9. 2) Bonnard a. a. O. vol. 1 pl. 10. artig ausladenden Kolbens, welche hiernach dem Kolben des in Figur 9 dargestellten sergent-d’armes annähernd ähnlich ist. Jedenfalls erkennt man so fort bei beiden Kolben, dass dieselben nur zur Repräsentation gedient haben können. Schliesslich erwähnt noch Boeheim,3) dass zur Zeit Heinrichs IV. auch die Thürhüter in' Paris den Kolben als Zeichen ihrer Würde führten, woraus sich der jetzige Portierstock entwickelt hat, und dass wir noch heute den Kolbenträger in dem «Massiere des Vatican» erblicken. Ebenso gilt der Kolben auch in England noch heute als Sinnbild der Macht: während der Sitzungen des Parlaments und der Royal Society liegt die «masse» als Symbol der königlichen Gewalt auf dem Tische des Plauses.4) 3) Boeheim, Handbuch, Seite 362/363. 4) Jähns, Entwicklungsgeschichte, S. 160. Franz Grossschedel zu Landshut und einige seiner Werke. Von M. v. Ehrenthal, Heidelberg. er Name dieses bedeuten den Plattners war in der historischen Waffenwis senschaft vor 25 Jahren noch gänzlich unbekannt. Ueber seine Lebensdaten und Familienverhältnisse haben erst während des letzten Jahrzehntes der Oberst a. D. Freiherr v. Grossschedel zu x^schaffenburg, ein Nachkomme des Meisters, und der Reichsarchivassessor A. Kal cher zu Landshut Material gesammelt, so dass nun mehr die Schaffensperiode Franz Grossschedels annähernd festgestellt ist. Pliermit zerfielen aber alle bisherigen Mutmassungen über Werke von der Hand des Meisters, und Wendelin Boeheim vermochte in seinem bekannten Werke «Meister der Waffenschmiedekunst vom 14. bis ins 18. Jahr hundert» noch keine Arbeit Grossschedels auf zuführen. Für diejenigen unserer Leser, denen die Lite ratur über den Meister5) nicht zur Hand ist, möge das Hauptsächlichste über dessen persönliche Ver hältnisse hier Erwähnung finden. Franz war der 3) A. Kalcher, Landshuter Waffenschmiede, 1895. — Wendelin Boeheim, Meister der Waffenschmiedeluinst vom 14. bis ins 18. Jahrhundert, Berlin 1897, S. 80—82. Sohn des angesehenen Landshuter Bürgers Wolf gang Grossschedel, der nach Kalcher gleich falls Plattner gewesen sein soll. Um 1550 trat der junge Grossschedel, dessen Geburtsjahr um 1520 anzunehmen ist, als Teilhaber in die Werkstatt des Plattners Sigmund Wolf, ebenfalls zu Landshut. Auffällig erscheint es, dass Franz, der etwas Tüch tiges gelernt hatte, sich nicht mit seinem Vater zu gemeinsamem Schaffen verband, wie dies zu jener Zeit im Handwerk allgemein Brauch war. Die Ur sachen, warum dies nicht geschah, lassen sich heute nicht mehr ergründen; vielleicht beruht auch die An nahme Kalchers, dass Wolfgang Grossschedel ein Plattner gewesen sei, auf einem Irrtum. Der Name Sigmund Wolf wurde zuerst von dem Vorstande der Real Armeria zu Madrid, dem Grafen Valencia de Don Juan, im brieflichen Meinungsaustausch bekannt gegeben. In den Akten der berühmten spanischen Sammlung wird nämlich wiederholt (1550, ISS1 und 1555) e'n Plattner Bolfe de Lancuete erwähnt, womit unzweifelhaft Sigmund Wolf gemeint ist. In der letzten Aufzeichnung, datiert vom 29. November 1555, befiehlt König Philipp II., dass dem Franz-Grossschedel und dem Meister Bolfe, seinem Plattner zu Lancuete, die Summe von 350 escudos in Gold gezahlt werden solle.0) e) Conde de Valencia de Don Juan, Catälogo de la Real Armeria, Madrid 1898, S. 88. io. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. Dass Wolf als der «Plattner» des Grossschedel bezeichnet wird, ist vielleicht so zu deuten, dass 367 hat man jedoch dort, und zwar schon im Inventar ersterer lediglich die Plattnerarbeit, letzterer aber auch deren dekorative Ausstattung, die Treibkunst und die Aetzmalerei, verstand. In diesem Umstand lag wohl auch eine der Ursachen, die den älteren Meister veranlassten, eine geschickte, jüngere Kraft als Teilhaber in seine Werkstatt aufzunehmen. Als dies geschah, war Meister Wolf schon ein alter Mann, dessen Schaffensperiode bis in das Jahr 1505 zurückreichen dürfte, vorausgesetzt, dass der in den Protokollen der Stadt zum erstenmal genannte Plattner Sigmund mit Sigmund Wolf identisch ist. Dessen Geburtsjahr fiele hiernach schon in die Zeit zwischen 1475 und 1480. Er starb wahrschein lich zu Ende des Jahres 15 5 3^ denn im folgenden Jahre übernimmt Wolfgang Grossschedel die Vor mundschaft über Wolfs unmündige, wohl aus zweiter Ehe stammende Kinder. Von jenem Zeitpunkte ab leitete Franz Grossschedel allein die bedeutende Werkstatt. Zu welchem Ansehen er alsbald gelangte, geht daraus hervor, dass er sich unter den Künstlern befand, die am Hofe des kunstsinnigen und frei gebigen Herzogs Wilhelm V. verkehrten, und dass ihm, sowie seinem Bruder Johann Baptist durch Kaiser Maximilian II. mit Urkunde, datiert Augs burg, den 24. Mai 1566, der hergebrachte Adel1) bestätigt wurde. Franz Grossschedel wird in den Archivalien der Stadt zum letztenmale 1578 erwähnt; im Jahre 1581 ist bereits von seiner Witwe die Rede, sonach erfolgte sein Tod um 1580. Obgleich nun über unseres Meisters persönliche Verhältnisse mehr bekannt ist, als von manchem anderen zeitgenössischen Waffenschmiede, obgleich eine Reihe von namhaften Aufträgen, welche ihm zu teil wurden, festgestellt werden konnte, ist es doch, mit Ausnahme der im Königl. Historischen Museum zu Dresden bewahrten Harnischfragmente,2) bisher nicht gelungen, eine seiner Arbeiten aufzu f inden. Wie eingangs erwähnt, beginnt die Schaffens periode Grossschedels mit denjenigen Arbeiten, welche er im Verein mit dem Plattner Sigmund Wolf an den Hof zu Madrid zu liefern hatte. Zwar wird Franz in den dortigen Akten nur einmal (1555) erwähnt; wir neigen indes der Annahme zu, dass er auch an den voraufgegangenen Aufträgen (15 50 und 1551) mit thätig war, ja, dass der Eintritt in die Werkstatt Wolfs mit den Lieferungen für den spa nischen Hof in unmittelbarer Verbindung stand. Dass noch heute Harnische von der Hand der beiden Landshuter Meister in der Armeria erhalten sind, möchten wir mit Bestimmtheit annehmen. Leider ') Nach Siebmacher gehörten die Grossschedel (Gross schedl) zu den Regensburger Geschlechtern. 2) Vgl. M. v. Ehrenthal, Zwei Landshuter Plattner des 16. Jahrhunderts, Monatsschrift des historischen Vereins fiir Oberbayern, 1895, Nr. 10. Derselbe, Führer durch das Königl. Historische Museum zu Dresden, 3. Auf!., 1899, C. 7 u. 8. von 1594, die Plattner Wilhelm von Worms d. j. zu Nürnberg und Sigmund Wolf miteinander ver wechselt, die Arbeiten des ersteren dem letzteren zugeschrieben, ein Irrtum, der sich bis in die jüngste Zeit fortgepflanzt hat. In dem Catälogo der Real Armeria zu Madrid vom Conde de Valencia de Don Juan (Madrid 1898) wird die Marke des Wilhelm von Worms d. j., ein W und eine «Rübe», konsequent dem Meister Sigmund Wolf zugeschrieben, obgleich schon stilistische Bedenken gegen diese Annahme sprechen. Denn die Arbeiten der Landshuter Plattner fallen in die Zeit zwischen 1548 und 1553, während die dafür gehaltenen Har nische Formen wie um 1560 aufweisen. Als Arbeiten Sigmund Wolfs werden in der Armeria angesehen: Der Feldharnisch A 231, der Turnierharnisch A 232, die beiden Turnierharnische A 243 und 263, letzterer mit zugehörigem Rossharnisch, und endlich die Fuss turnierharnische A 274 und 275. Sämtliche ange führten Objekte weisen angeblich die Marken auf, welche in dem Catälogo der Armeria auf S. 76, Fig. 50 abgebildet sind, also unzweifelhaft dieZeichen des Wilhelm von Worms d. j. Bevor aber der obwaltende Irrtum in der Armeria nicht behoben ist, wird man naturgemäss auf eine Lösung der Frage, welche Flämische dort unserem Meister zuzuschreiben sind, verzichten müssen, es sei denn, dass man selbst Gelegenheit hätte, der Sache an Ort und Stelle nach zugehen. Ein weiterer Auftrag, der dem Franz Gross schedel seitens der Herzoge Albrecht V. und Wilhelm V. von Bayern zu teil wurde, ist durch Wcstenripder bekannt geworden. Nach dessen Ermittlung schlug unser Plattner für beide Fierzöge sechs Panzer, für die er 1325 fl. erhielt. Einen der Panzer trug Herzog Wilhelm bei seiner Vermählung mit Renate von Lothringen im Jahre 1568. Hieraus geht, im Verein mit dem dafür gezahlten hohen Preise, hervor, dass es sich um bessere, mit Treibarbeit und Aetzmalerei reich verzierte Stücke, eventuell um eine sogenannte grosse Harnischgarni tur handelte. Auffällig ist der Ausdruck «Panzer», worunter man bekanntlich Kettengeflecht verstand, während doch hier ohne Zweifel Plattenharnische gemeint sind. Vermutlich ist das Wort «Panzer» nur irrtümlich anstatt der korrekten Bezeichnung Küriss oder Harnisch angewendet worden. Die Er haltung der sechs Panzer bis auf die Gegenwart erscheint uns wahrscheinlich; es fragt sich nur, wo hin sie gekommen sind. Von Erfolg gekrönt waren die Nachforschungen nach denjenigen Harnischen, welche zufolge eines im Königl. Sächs. Haupt - Staatsarchiv bewahrten Schreibens des Herzogs Albrecht V., datiert Lands hut am 14. März 1570,®) von dem Kurfürsten August 3) Vgl. O. Gurlitt, Deutsche Turniere, Rüstungen und Plattner, Dresden 1889, S. 88. 49 368 Zeitschrift für historische Waffenkunde. von Sachsen bei unserem Meister bestellt worden II. Band. kurzen Beintaschen und Diechlingen mit Kniebuckeln waren. In dem angeführten Schreiben entschuldigt der Herzog seinen Plattner, dass er die ihm vom Kurfürsten aufgetragene Arbeit nicht sobald liefern könne, weil er zuvor für die Römisch Kaiser liche Majestät eine bereits begonnene Arbeit vollenden müsse. Hiermit im Zusammenhänge steht eine Aufzeichnung im Inventar der Kurfürstl. Rüst und Harnischkammer vom Jahre 1606, woraus hervor geht, dass die Bestellung wirklich ausgeführt worden ist. Sie lautet wörtlich wie folgt: Zween eissenfarbene geetzte Harnische, der eine zum Ballien-, der andere zum Frey-Rennen, welche der alte hochlöbliche in Gott ruhende Her zogk Augustus, Churfürst zu Sachsen, zu Lands hut hat schlagen lassen; Und gehören zum Ballien Kürifs Rücken und Brust, Armbzeugk, Spangeröll, Handschuh, lange Beindaschen mit Kniebuckeln, Schienen und Schuhe daran, Ein Huet und ein Helmlin, drei Schildt, eine Brechscheiben und ein Barth, eine Darzen zum Zaum, zwo Rossstirnen, darauf das Churfürstlich Sächsische Wappen ge macht. Zum Frey Küriss gehören Rücken und Brust, Kragen, Spangeröll, Armbzeugk, mit geschobenen Folgen, Ein Bahr Handschuh, zwo Hauben, lange Beindaschen, zwo Scheiben am Spangeröll.» Obgleich nun in keiner der beiden Dresdener xVufzeichnungen der Name des Plattners genannt ist, so erscheint es. doch unzweifelhaft, dass hier nur Franz Grossschedel in Frage kommen kann. Es handelte sich nun darum, die Spur äufzunehmen und die von dem Landshuter Plattner für Kurfürst August geschlagenen beiden Harnische, im Histo rischen Museum festzustellen. Dies war jedoch mit mancherlei Schwierigkeiten verknüpft, denn auf keines der in Betracht kommenden Stücke passte die Be schreibung «eisenfarben und geätzt». Die Reste von zwei völlig gleichen, geschwärzten und mit ver goldeten Aetzstreifen gezierten Turnierharnischen, an die man hätte denken können, erwiesen sich unter der Schwärze auf den glatten Flächen als gebläut — dies stimmte jedoch ebenso wenig, wie die Ver goldung der Aetzstreifen mit dem Inventarvermerk überein. Da entschloss man sich nochmals zu einer gründlichen Untersuchung dieser Harnischfragmente und es ergab sich dabei, dass die Garnitur nicht ursprünglich, sondern erst später, vermutlich um die Mitte des 17. Jahrhunderts, gebläut und vergoldet worden war. Nach Beseitigung der Bläue kam nämlich der eisenfarbene1) graue Stahl zum Vor schein, dessen Herstellung eine besondere Kunst hervorragender Plattner jener Zeit war. Bei dem Vergleich der vorhandenen Teile- mit der Auf zeichnung im Inventar von 1606 ergab sich nur in sofern eine Abweichung, als bei dem Ballien-Küriss von dangen Beindaschen mit Kniebuckeln» anstatt ’) Vgl. Nr. 521 in der Kaiserl. Waffensammlung zu Wien, die aschgraue Rüstung benannt. die Rede ist. Diese Ungenauigkeit dürfte jedoch auf ein Versehen des Schreibers zurückzuführen sein. Von beiden Harnischen mangeln leider die Rücken und Brüste und noch einige andere wesentliche Teile. Vermutlich haben gerade diese Stücke zu Hoffestlich keiten unter Kurfürst Johann Georg II. (reg. 1656 bis 1680) Verwendung gefunden und sind dann nicht wieder an die Rüstkammer zurückgelangt; denn bereits in dem 1680 angelegten neuen Inventar erscheinen die Landshuter Flämische in Figuren aufgestellt, die geschwärzt und durch Teile von anderen Rüstungen gebildet bezw. ergänzt sind. Die noch in der Sammlung bewahrten Frag mente zeigen nicht allein eine vollendete Technik des Plattners, sondern auch eine hohe Kunstfertig keit des Aetzers. Das Blattwerk, die Vögel, Engels köpfe und Figuren in den vergoldeten Aetzstreifen sind mit besonders feiner Empfindung für ornamen talen Schmuck ausgeführt. Auf jedem der Hinter f lüge des Freiturnierharnisches befindet sich ein zum Turnier ansprengender Ritter mit ausgelegter Lanze. Die noch erhaltene Rossstirn ist, wie es das Inventar besagt, mit dem geätzten und vergoldeten kurfürst lichen Wappen geschmückt. Eine Meistermarke oder das Landshuter Beschauzeichen sind jedoch nicht zu finden. Obgleich infolgedessen der mathematische Beweis nicht erbracht ist, dass man in den gedachten Flarnischfragmenten die Reste jener beiden, von Franz Grossschedel zu Landshut geschlagenen Harnische vor sich hat, so liegt doch nach allen einschlagenden Umständen eine grosse Wahrschein lichkeit für diese Annahme vor. Dass sic dereinst als die kostbarsten Schutzwaffen des Kurfürsten August galten, ergiebt der Umstand, dass bei dessen Be gräbnis der «Freudenritter»2 3 *) Stellanus v. PIoItzen dorf, angethan mit einem der beiden Harnische, der kurfürstlichen Leiche vorausritt, wie es zu jener Zeit Brauch war. Gegenwärtig sind die Stücke im Turnier waffensaal (C) 5. Pferd, hier geschwärzt, und auf dem folgenden Gestell, No. 8, hier blank, aufgestellt. Wir fügen eine Abbildung des leichten Helmes (Flelmlin) bei, auf welchem auch Stil und Technik der Aetz malerei erkennbar sind. Versuchen wir nun, auch diejenige Arbeit Franz Grossschedels zu ermitteln, tvelche er für die Römisch Kaiserliche Majestät zwischen 1568 und 1570 anzufertigen hatte. Einigen Anhalt bieten uns die bekannten Thatsachen, dass der Meister zur Fertigstellung des Auftrages mehr denn 18 Monate gebrauchte und dass der dafür gezahlte Preis 625 fl.8) betrug. Ein solcher Preis aber war für jene Zeit ein ungewöhnlich hoher. So kostete z. B. eine Peffenhausersche Rüstung mit allem Zubehör, d. i. an 30 Doppel- und Wechselstückcn, alles mit ver 2) Vgl. M. v. Ehrenthal, Führer durch die Königl. Ge wehrgalerien, Dresden 1900, S. 96. 3) Vgl. W. Boeheim, Meister der Waffenschmiedekimst vom 14. bis ins 18. Jahrhundert, S. 81. io. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. goldeten Aetzstreifen geziert, nur 200 Reichsthaler, 369 aus sechs (sic!) Harnischen, nämlich einem ganzen das sind ca. 230 fl., und wurde innerhalb 6 Monaten fertiggestellt. Es muss sich daher bei der Arbeit für den Kaiser entweder um eine ganz besonders kunst voll ausgestattete, getriebene Rüstung, oder um eine grosse Harnischgarnitur gehandelt haben. Aufschluss darüber giebt uns eine Aufzeichnung- in den Kaiser], Hofzahlamtsrechnungen vom 3. November 1575, worin es heisst, dass Franz Grossschedel, Plattner von Nürnberg (!), von welchem Kaiser Maxi milian II. sechs Kürasse für 6250. gekauft habe, Feldharnisch, zwei Turnierharnischen, drei halben Flämischen und zwei Turniersätteln,2) blank, mit schönen Ornamenten in vergoldeter Aetzmalerei ge ziert, die unwillkürlich unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. W. Boeheim hielt zwar die Garnitur, welche nicht markiert ist, für Augsburger Arbeit um 1570, und seine Annahme ist gewiss beach tenswert. Die Garnitur konnte dann nur aus der Werkstatt eines der hervorragendsten Meister jener Zeit, entweder des Matthäus Frauenpreiss d. j., Leichter Helm; Arbeit des Franz Grossschedl. (Dresden, Königl. Historisches Museum, C. 8.) den Rest von 25 fl. ausbezahlt erhält.1 * * * *) Die Angabe des Wohnortes Nürnberg, anstatt Landshut, be ruht wohl auf einem Versehen des Schreibers, wenn nicht etwa der Meister zu der Zeit, als die Zahlung erfolgte, sich vorübergehend in Nürnberg aufhielt. Wichtig für uns ist die Notiz insofern, als wir daraus ersehen, dass es sich bei der Arbeit für den Kaiser um sechs Kürasse (Flämische), also wohl um eine grosse Harnischgarnitur handelte. Der Ort, wo man das Werk zu suchen hat, ist naturgemäss die Kaiserl. Waffensammlung- zu Wien. Nun birgt diese Sammlung (Kat.-Nr. 490) eine dem Kaiser Maxi milian II. zugeschriebene Harnischgarnitur, bestehend *) Ebendort. der zwischen 1549 und 1574 arbeitete, oder des Anton Peffenhauser, dessen Schaffensperiode von 1545 bis 1601 festgestellt ist, hervorgegangen sein. Speziell an den zuletzt Genannten hat ja auch Boeheim gedacht.8) Beider Individualität deckt sich jedoch nach unserem Dafürhalten nicht mitderTechnik an jener Harnischgarnitur. Im Aufbau zwar erinnern die einzelnen Harnische an die Arbeiten Peffen hausers; in vielen Details jedoch unterscheiden 2) Teile des ehedem zur Garnitur gehörigen Rosshar nisches befinden sich im Musee d’Artillerie zu Paris und in der Kaiserl. Waffensammlung der Eremitage zu St. Petersburg. “) Album hervorragender Gegenstände aus der Waffen sammlung des Allerh. Kaiserhauses, Text von Wendelin Boe heim, Bl. XXV. 49 37° Zeitschrift für historische Waffenkunde. sie sich von jenen wesentlich, und auch die Aus f f. Band. Immerhin erscheint das Dunkel, das bisher über führung' der Aetzmalerei zeigt eine andere Manier als die an den Peffenhauserschen Harnischen. Ein weiterer Umstand, der gegen Augsburg spricht, ist das Fehlen der Beschaumarke, die man gerade an den Arbeiten aus jener Stadt, wo die Zunftgesetze mit besonderer Strenge gehandhabt wurden, fast regelmässig findet. Liegt es nun nicht nahe, die besprochene Harnischgarnitur für diejenige Arbeit Grossschedels anzusehen, die der Meister zwischen 1568 und 1570 für Kaiser Maximilian II. antertigte? Jedenfalls sprechen gewichtige Momente für diese Annahme. Verschweigen wollen wir indes nicht, dass die Wiener Garnitur sich von den Dresdener Harnischfragmenten doch in einigen Formen sowie auch in Bezug auf die Aetzmalerei unterscheidet. die künstlerische Individualität FranzGrossschedels schwebte, gelüftet. Von den beiden angeführten Harnischgarnituren dürfte die eine wohl mit Sicher heit als eine Arbeit des Meisters anzusehen sein. Irrige Annahmen aber, wie sie in C. Gurlitts Werk «Deutsche Turniere, Rüstungen und Plattner, Dresden, 1889», in dem bereits angeführten Catälogo der Real Armeria und in L. Roberts Catalogue du Musee d’Artillerie (Paris 1889—1893) zu f inden sind, können wohl als beseitigt angesehen werden. Bei weiteren Forschungen der Fachgenossen nach Werken des berühmten Landshuter Meisters wird aber unseres Erachtens nicht allein auf die Plattnerarbeit, sondern auch auf die Aetzmalerei ein scharfes Augenmerk zu richten sein. Ueber Waffen- und Burgen-Rekonstruktionen.1) Von Dr. R. Forrer. ic jedes Ding, so hat auch die Frage der Rekonstruktion alter Denkmäler ihre zwei Seiten. Und für beide Seiten finden sich stets eifrige und, wie nicht zu leugnen ist, kompetente Verfechter. Was ist nicht alles für und gegen die Re konstruktion des Römerkastells Homburg geschrieben und gesprochen worden? Was gegen die vom deut schen Kaiser angeregten Ergänzungen antiker Statuen für und gar erst für und gegen die von derselben Stelle ins Werk gesetzte Restauration bezw. Rekon struktion der Hohkönigsburg. Dazu treten die nun vollendeten Rekonstruktionen der Marienburg- in Preussen, der Jung-St. Peterskirche zu Strassburg, der projektierte Wiederaufbau des Heidelberger Schlosses u. a. m. Die zahlreichen Gegner dieser Rekonstruktionen bringen für ihre Ansichten durchaus triftige Gründe bei und sie werden zum nicht geringsten Teil rl Anmerkung' der Schriftleitung. Der Herr Verfasser betont von vornherein, dass in der Frage der Wieder herstellung alter Denkmäler, seien sie welcher Art sie wollen, die Meinungen sehr auseinandergehen. Der grundsätzlichen Bedeutung wegen möchte Uber die ihrige die Schriftleitung keinen Zweifel bei den Lesern aufkommen lassen, die zwar vielfach mit der des Herrn Verfassers übereinstimmt, aber die von ihm angestrebte Vermittlung ablehnt. Es scheint mir nicht scharf genug zwischen Erhaltung und Wiederherstellung geschieden zu werden. Erhaltung ist eine Pflicht, der wir uns nie entziehen dürfen. Eine Burgruine muss unter allen Umständen erhalten werden, aber das geschieht nicht dadurch, dass man sie ausbaut und wieder eine vollständige Burg zu errichten sucht, sondern dadurch, dass man die Reste, so wie sie sind, vor weiterem Verfall mit den Hilfsmitteln, die uns die Technik bietet, schützt. Freilich ist das eine entsagungsreiche Arbeit, aber die Achtung, die wir allen Thatsachen und allem That sächlichen entgegenbringen sollen, und die der Grundpfeiler der historischen Arbeit ist, wird diese Entsagung nicht zu schwer erscheinen lassen. Wiederherstellungen vergewaltigen ebenso die Kunst der Vorzeit, wie das Kunstempfinden unserer Zeit, die eine, indem ihr etwas Fremdartiges aufgepfropft wird, denn all unsere Stilweisheit wird nie und nimmer Stilechtheit sein können, das andere, indem sie es zwingen, sich in eine abweichende, also ihm nicht natürliche Formensprache hineinzuleben, ohne dass die Möglichkeit gegeben wäre, dass der Wiederhersteller für die völlige Entäusserung seines eigenen Selbst, das doch hierbei nötig ist, wirklich das Denken, Empfinden und Sehen der Vorzeit sich eintauschte. Sehr leicht wird die Denkmalpflege, von der wir so viel reden, zur Denkmalschädigung, ja Denkmal vernichtung, und eine himmelweite Kluft trennt die Denkmalpflege von der Denkmalergänzung.. Will eine Wissenschaft die Summe des Erkannten für die Volksbelehrung, was sie zweifellos thun soll, fruchtbar machen, so genügt es vollkommen, im Bilde das Erkannte darzustellen. Hat man sich geirrt, so ist doch dann später der Schaden leicht zu beseitigen und der Irrtum steht nicht in monumentalem Material, etwa in Stein oder Erz, unseren Nachkommen gegenüber, vor allem aber bietet das Alte, das unangetastet blieb, in seinen Resten wenigstens noch Wahrheit, während sie, wenn ergänzt, der — wenn auch ungewollten — Unwahrheit dienstbar gemacht werden. — — Um noch mit einem Wort auf unseren besonderen Fall zu kommen: gegen den Grundsatz, von dem Gimbel bei seinem Werk ausging, ist gewiss nichts einzuwenden. Im Gegenteil, ich wüsste kaum in der neueren Waffen-Litteratur etwas, woraus man so viel und so mühelos lernen kann, wie aus dem Gimbelschen Buch. Wohl aber wäre zu tadeln, wenn jemand an den Gegenständen seiner Waffensammlung alle fehlenden Teile neu arbeiten und hinzufiigen Hesse, während ein z. B. neben der unvollständigen Rüstung aufgehangenes Bild der zur Vollständigkeit ergänzten Rüstung vollkommen genügt und alle falschen Beine u. s. w. unnötig macht. io. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. von all jenen Monumenten «in natura» unterstützt, 371 restaurieren und das Fehlende zu rekonstruieren. welche sich in älterer und neuerer Zeit Rekon struktionen gefallen lassen mussten und — ach — nach oft nur kurzer Zeit schon als verfehlt be zeichnet werden mussten. Es ist entsetzlich, was an alten Bauwerken von unseren «Rekonstruktoren» gesündigt worden ist, und viele dieser Rekon struktionen sind uns heute weit eher ein Denkmal dafür, wie man nicht rekonstruieren soll, als um gekehrt, nachahmenswerte Vorbilder für moderne Wiederhersteller und solche, die es werden wollen. Am guten Willen und an der festen Ueberzeugung der «Stiltreue» hat .es natürlich den Restauratoren nie gefehlt, und auch die Mitwelt war sehr oft darin einig, dass hier der Zenith an stilgetreuer Re konstruktion erreicht sei — aber die Nachgeborenen haben oft sehr bald schon erkannt, dass dies und das wohl besser anders gemacht worden wäre und dass nicht selten die angebliche Stilechtheit nur ein äusserer Firnis war, unter dem sich gänzliches Ver kennen des wahren Wesens des alten Stils verbarg. Ich erinnere, um nur ein Beispiel zu nennen, an das 1825—29 vom Prinzen Friedrich von Preussen restaurierte Schloss Rheinstein bei Bingen, ich er innere aber auch, um ein anderes Gebiet zu streifen, an die Renaissance- und Empire-Rekonstruktionen antiker Bildwerke. Heute reisst man diese alten Ergänzungen wieder herunter — so gut es geht. Bei alten Bauwerken geht das minder leicht, als bei Marmorstatuen u. dergl., doch hat auch das sein Gutes: sie zeigen uns, wie man es nicht machen soll, und sie bleiben uns Monumente des Könnens und Nichtkönnens gewisser Kunst perioden. Rheinstein z. B. ist mir in seiner ver ballhornisierten Gotik, der «Romantiker-Gotik», ebenso interessant, als wenn es überaus stilgerecht (nach heutigen Begriffen) restauriert wäre. Unter diesem Gesichtspunkte werden auch einmal unsere neueren Burgenrekonstruktionen interessant werden, ja künstlerischen Wert erhalten. Bedauerlich bleibt dabei natürlich immer, dass es gerade ein altes Bauwerk ist, das darunter zu leiden hat, dass man damit nicht selten ein altes Monument zur Hälfte vernichtet, statt ganz einfach die erstrebte Rekonstruktion als Neubau daneben oder auf einen benachbarten Bergrücken zu setzen — gerade so, wie man etwa in Museen gelegentlich einen Torso und daneben in Gips seine Rekonstruktion sieht.1) Zweifellos ist es theoretisch richtiger oder, um mich noch schärfer auszudrücken, das allein Richtige, niemals ein altes Denkmal im Original zu rekonstruieren, nie das Denkmal, sei es nun eine alte Burg-, Tempel- oder Klosterruine, sei es ein Gemälde, eine Statue, sei es eine alte Waffe, eine alte Thonschüssel oder ein altes Schmuckstück, zu J) Ich glaube, dass es nur eines einzigen derartigen Versuches bedürfte, um den Wert der Wiederherstellungen klar zu zeigen, und — unsere Denkmäler künftig besser zu schützen. Die Schriftleitung. Theoretisch genommen, ist dies stets und in allen Fällen zu verdammen, denn in neun auf zehn Fällen werden Restauration und Rekonstruktion das Feh lende des Originals nicht absolut ersetzen, — in sehr vielen Fällen liegt sogar die Gefahr vor, dass aus der Restauration oder Rekonstruktion sich Irrtümer entwickeln. — Indessen, grau ist alle Theorie, und Theorie und Praxis stehen sich oft schroff gegenüber. Thatsächlich wird ein Objekt, gleichviel was es sei, in den meisten Fällen nur dann restauriert oder rekonstruiert, wenn sein Erhaltungszustand ge wisse Mängel zeigt, wenn derselbe einer Reparatur bedarf. Und hier ist es, wo nun das Glatteis be ginnt, wo die Theorie und die Prinzipienreiterei in die Brüche gehen. Es ist ja sehr schön, sehr ge lehrt, sehr wissenschaftlich zu sagen: die Restau ration verdirbt das Cachet, sie wird das alte nie erreichen, sie ist prinzipiell abzulehnen. Gewiss ist sie das in allen Fällen, wo dazu keine Notwendig keit vorliegt — aber, wo diese eben eintritt, da kann alle Sentimentalität nichts helfen, und man wird eben vor das oui ou non gestellt: wollen wir das alte Bau- oder Bilderwerk dem allmählichen Verfall anheimgeben oder es retten. Ich möchte unsere defekten Schätze mit Kranken vergleichen: man lässt sie intakt, so lange keine absolute Gefahr vorliegt; tritt aber die Gefahr ein, dass der kranke Arm oder der kranke Fuss auch den übrigen Körper zum Verfall bringt, so schluckt man die bittere Pille und schreitet zur Amputation; das fehlende Glied wird dann in Holz, in Stoff und weiss Gott was ergänzt — schöner ist der Amputierte damit zwar nicht geworden, aber — er lebt nun wenigstens. Gerade so ist es mit unseren alten Kunstwerken: oft ist ihre Erhaltung nur dadurch gesichert, dass man mit ihnen eine Radikalkur vornimmt. Als Grundsatz freilich wird man stets aufstellen müssen: nur die Notwendigkeit soll Reparaturen, Restau rationen und Rekonstruktionen, welche Teile des alten Originals zerstören, gestatten. Not kennt bekanntlich kein Gebot. Wo aber die Not nicht vorhanden ist, da lasse man die Finger von der Sache — es sei denn, die Reparatur, Restauration oder Rekonstruktion seien derart, das sie das Original nicht schädigen und stets ohne Schaden für jenes wieder entfernt werden können. Wollen wir aber Theorie und Praxis miteinander in Einklang bringen, so wird stets der Leitsatz gelten: weder prinzipielles Nein, noch rasches Ja, nur strenge Prüfung von Fall zu Fall, ich möchte sagen, rein individuelle Behandlung j edes einzelnen Falles, können den Ausschlag geben. Die Wissenschaft schreitet voran und die Stil kritik sogar mit gewaltigen Schritten. Als Rhein stein gebaut wurde, glaubte man ein Meisterwerk gotischen Stils geschaffen zu haben. Als Viollet ie-duc auftrat, war die Rheinsteingotik, die Roman 372 Zeitschrift für historische Waffenkunde. tikergotik bereits zum alten Gerümpel geworfen II. Band. Augen die Volksbelehrung. Was nützt es, dass 2, und glaubte man mit ihm auf dem Zenith der Stil kritik zu stehen. Viollet-le-duc galt als der Unüber troffene und Nichtzuübertreffende. Heute ist die Gotik von Viollet-le-duc für den Kenner ein histo rischer Kunstbegriff, wie die mehrerwähnte Roman tikergotik, wie die Empire-Antike u. s. w. Seit Viollet-le-duc sind wir wesentlich weiter gekommen und unsere Architekten sagen, so sehr sie auch Viollet verehren, «das war damals, heute wissen wir das besser, machen wir das besser». Es werden aber nur wenige Jahrzehnte vergehen und auch die Rekonstruktionswerke unserer neueren und neuesten Architekten werden von den Nachgeborenen so be urteilt werden, wie wir heute über unsere Vorläufer urteilen; sie werden Anno 1930 etwa sagen: «Für die Zeit von 1880—1900 sehr gelungen, aber eben doch nicht ganz im Stile so, wie wir ihn heute los haben!» Thatsache ist ja, dass sich unser Auge immer mehr schult, dass wir heute stilistisch viel schärfer zu sehen und zu urteilen wissen, als es unsere Lehrer vor 20, 30 und 40 Jahren vermochten, dass unsere Schüler, auf dem Errungenen fussend, noch schärfer sehen und noch stilstrenger werden, dass unsere Nachgeborenen uns einst übertreffen werden. Ist aber das ein Grund, deshalb die Hände in den Schoss zu legen und die ganze Arbeit eben jenen Nachgeborenen zu überlassen? Wollte man stets so denken, so würde es überhaupt niemals zu Rekonstruktionen kommen, ja, nach dem Spruche, dass man an den Fehlern der andern lernt, würde, wenn wir nicht Fehler wagten, die Nachwelt nicht auf die Stufe sich heben, zu welcher sie dereinst emporklettern wird, eben weil wir heute Fehler wagen, weil wir heute zu konstruieren und zu rekonstruieren wagen! Es liegt in der menschlichen Natur, zu grübeln, zu forschen, sich offene Fragen zur Lösung vorzu legen, sich Aufgaben zu stellen. Findet man im Acker einen Schädel, so frägt sich der unerfahrene Bauer, ob das ein Mensch oder ein Vieh war, der Archäologe, welcher Zeit er angehört und der An thropologe, wie er ausgesehen haben mag. Sieht man eine Ruine, so frägt man sich, aus welcher Zeit sie datieren, wie sie gebaut und wie sie ein gerichtet gewesen sein mag. Und es regt sich der Wunsch, diese Fragen zu lösen. Der Gelehrte setzt sich hin und schreibt darüber, was er weiss, der Archäologe rekonstruiert auf dem Papier Grund und Aufriss, und der Architekt rekonstruiert die Ruine zum fertigen Bau. Ist er geschickt, ge wissenhaft und ein Kenner, so wird er den Beifall der Zeitgenossen finden und man wird ihm den Dank nicht versagen können nach dem Kürschner schen Wahlspruche: «Welcher der Zeit dienet, dienet ehrlich!» Denn, was ebenso viel wert ist, als der Beifall einiger Fachgenossen oder ein Fortschritt auf wissenschaftlichem Gebiete, das ist in meinen 3, 4 Fachgelehrte wissen, dass diese Waffe, jene Burg, jenes Gemälde so ausgesehen, wenn nicht das Volk an diesen Errungenschaften Anteil erhält, wenn das Errungene nicht auch zur Weiterbildung des Volkes beiträgt! Und in diesem Sinne darf man sehr wohl betonen: Ruinen sind nicht bloss für die Gelehrten, sondern auch fürs Volk da, und wenn durch deren Aufbau das Volk sich bildet, belehrt, erfreut, so hat zweifellos der Aufbau einen wichtigen Zweck erfüllt. In diesem Sinne sind auch manche Kirchenrekonstruktionen nicht zu verdammen, die der Archäologe weit lieber als unangetastete Ruine weitererhalten wissen möchte. In demselben Sinne möchte ich auch die historische Waffenkunde aufgefasst sehen: sie ist ein Studium, dessen End zweck die Rekonstruktion dessen ist, was wir heute noch nicht oder nur unklar wissen; sie soll zunächst die Fachgenossen auf klären, dann aber, nachdem an ihrem Herde die Speise gar gekocht ist, hinaus treten und das Volk mitgeniessen lassen: es unterrichten. Das geschieht in erster Linie gerade durch die Rekonstruktionen. Pläne, Detailzeichnungen, Einzelfundstücke sind für den Fachmann. Ihm ge nügen sie. Das Volk will mehr. «Ein Narr frägt mehr, als 100 Weise beantworten können.» Auch das Volk stellt Fragen, die streng genommen oft nur ungenau beantwortet werden können. Aber daran eben arbeitet die Wissenschaft unablässig, die vielen alten und die vielen neu auftauchenden Fragen zu lösen, aus dem «Wir wissen nichts» allmählich ein «Wissen» herauszukristallisieren. Die einzelnen «Wissensatome» kristallisieren sich aneinander und es entsteht daraus nach und nach ein klares ab gerundetes Bild — erst in Form von schematischen Plänen, Skizzen etc., dem Gelehrten verständlich, dann in Form von Modellen und Rekonstruktionen für ein weiteres Publikum. Die Rekonstruktion ist gewissermassen das Endziel der Forschung, das Dokument, in wel chem das erreichte Wissen summiert und nieder gelegt ist. Lindenschmit rekonstruierte s. Z. einen römischen Legionär und gab damit gewisser massen das Schlussexamen über die von den Ar chäologen in dieser Richtung an alten Denkmälern und Funden getriebenen Studien über die Aus rüstung des römischen Soldaten. Jacob i hat die Saalburg rekonstruiert und hier gewissermassen das Fazit gezogen aus der Summe der bei der Limes erforschung gesammelten Erfahrungen. In ähnlicher Weise sollen die Marienburg und die Hohkönigsburg die Summe der burgengeschicht lichen Studien der Neuzeit verkörpern. In gleicher Weise endlich sollen die Waffenrekonstruktionen von Gimbel und von Le Clerc -das Resultat unserer Forschungen auf waffengeschichtlichem Ge biete verkörpern, veranschaulichen und dokumen tieren. io. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Das bei dieser Rekonstruktion wiederum das 373 schiedenen Arten der gotischen Ausrüstung. Mit oben Gesagte nicht ausser acht gelassen werden darf, dass die Rekonstruktion auf keinen Fall eine ganze oder teilweise Zerstörung des alten Originals nach sich ziehen darf, will ich, um Missverständnissen die Spitze abzubrechen, hier nochmals ausdrücklich be tonen: es gilt für Bauwerke wie Skulpturen, für Ge mälde wie für Waffen, für blanke, wie für ausgegrabene Altertümer. Beinahe gleichzeitig sind zwei Schriften er schienen, welche ein und dasselbe Thema berühren: Rekonstruktionen derjenigen Waffen und Rüstungs gattungen, welche uns in Originalen im vollständigen, im blanken Zustande» zumeist oder so gut wie ganz fehlen. Fast zur selben Zeit hat man in Deutschland wie in Frankreich das Bedürfnis ge fühlt, diese Lücke auszufüllen, sich an diese ebenso schwierige wie langwierige Aufgabe zu wagen. In Frankreich hat diese Arbeit vor mehreren Jahren Oberst Le Clerc vom Musee d’Artillerie begonnen; nach dessen Tode wurde sie von seinen Nach folgern fortgesetzt und hat nun ihren Abschluss ge funden — ein Abschluss, der gewissermassen in der 1901 erschienenen Broschüre «Notice sur les costumes de guerre» (Paris, imprimerie nationale, 1901) ihren Schlussstein gefunden hat. In Deutsch land ist dieselbe Aufgabe von einem Privatmanne, Leutnant a. D. K. Gimbel in Baden-Baden, gelöst worden. Auch hier kommt die Vollendung der Aufgabe jetzt in Gestalt einer Publikation zum Aus druck: «Die Rekonstruktionen der Gimbel schen Waffensammlung» (Berlin 1902, E. S. Mittler & Sohn). Während aber die französische Broschüre lediglich eine Art Führer für den Be sucher jener Abteilung des Musee d’Artillerie ist, bietet uns Gimbel ein förmliches Werk, eine Publi kation, die mit nicht weniger als 41 Lichtdrucktafeln in gr. 8° ausgestattet ist und in sich selbst eine förmliche «Waffengeschichte» darstellt. Gimbels Buch wird allen denen, welche frühe Waffenkunde treiben, ebenso aber weiterhin für alle jene, welche guter Vor- und Unterlagen bedürfen (Maler, Bild hauer, Theater etc.) sehr wertvolle Dienste leisten. Die einzelnen Kriegerfiguren sind stets von mehreren Seiten wiedergegeben, so dass alle Details zu stu dieren sind. Durch diese Veröffentlichung ist ge wissermassen Gimbels Arbeit nicht bloss den ein zelnen Besuchern seiner Sammlung, sondern allen Interessenten nutzbar geworden. Gimbels Rekonstruktionen beginnen mit einem griechischen Hopliten der Zeit um 600 v. Chr., bringen dann einen gallischen Krieger der Zeit von ca. 400—200 v. Chr., sowie einen römischen Legionär und eröffnen dann mit einem merovingisch-fränkischen Krieger das Mittelalter. Schwierig, aber dennoch sehr gelungen, erscheint uns die Rekonstruktion des karolingischen Kriegers und die des Normannen nach dem Bayeux-Teppich. Dann folgen Ritter des XII., XIII. und XIV. Jahrhunderts, hierauf die ver der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts schliesst die geschichtliche Serie in ihrer Vollständigkeit ab, denn von hier ab sind ja in Museen und Samm lungen noch zahlreiche vollständige Rüstungen er halten, so dass es hier einer «Rekonstruktion» nicht mehr erst bedarf. Doch hat Leutnant Gimbel als Anhang noch einige Gestalten des XVI. und XVII. Jahrhunderts beigefügt, welche gewissermassen ebenfalls erst zu «rekonstruieren» waren, weil hier die vollständig erhaltene Ausrüstung kaum mehr vor handen ist: einen Musketier aus der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts, einen Kürassier, einen Pikenier und einen Reiter aus den Zeiten des 30 jährigen Krieges. Die Pariser Rekonstruktionen verfolgen un gefähr denselben Ideenkreis, nur umfassen sie einen wesentlich weiteren Zeitraum, was zweifellos von hohem, instruktivem Wert ist, die Aufgabe allerdings erschwerte. Nur die paläolitische Zeit allein ist be reits in zwei zeitlich verschiedenen Phasen dargestellt; die ältere zeigt uns den Primitif von Moustier, die jüngere den Renntierjäger der epoque de la Made leine. Dann folgen wiederum zwei Gestalten aus der neolithischen Steinzeit und zwei aus der «ere celtique», der Bronzezeit. Die gallische Aera wird bereits durch eine ganze Reihe von Typen veran schaulicht, wobei teils Grabfunde, teils keltische Münzen, teils die Bildwerke von Orange die Proto typen zu den einzelnen Gestalten geliefert haben. Nicht weniger als 8 Krieger sehen wir da aufmar schieren, doch scheint mir hier mancher noch ver besserungsfähig, denn in der prähistorischen Ar chäologie sind wir z. Z. mitten drin, g'ewisse Typen zu präzisieren, chronologisch neu einzuordnen. Hier wiederholt sich eben das oben bezüglich der Burgen Rekonstruktionen Gesagte: Die Wissenschaft schreitet vorwärts; unser Auge, die Stil- und Formenkritik werden immer schärfer, dringen immer tiefer in alle Details und lassen oft scheinbar vorzügliche Rekon struktionen in relativ kurzer Zeit als schon überlebt, überwunden, veraltet erscheinen. Freilich muss gesagt werden, dass auch die Pariser Rekonstruktionen im allgemeinen ganz wundervoll gelungen sind und von grosser Genialität der Autoren zeugen. Chronologisch stellen sich den vorrömischen Kriegern ein griechischer Soldat von Marathon, grie chische Bogenschützen und zahlreiche andere griechi sche sowie römische Kriegergestalten in z. T. überaus reicher Ausführung zur Seite. Dann folgt die Serie der Kriegergestalten der «France historique». Sie wird durch fränkische, merovingische und karolingische Krieger eröffnet und durchmisst dann in zahlreichen Varianten die folgenden Jahrhunderte. Wie bei Gimbel dient' für das XI. Jahrhundert die Tapisserie von Bayeux als Unterlage; für das XII. Jahrhundert hat die berühmte Emailplatte von Mans als Vorbild gedient, für eine zweite Figur das Siegel des Mathieu von Montmorency. Für das XIII. Jahrhundert dien ten als Vorlagen die Siegel des Mathieu II von 374 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Lothringen und des Hugo von Chätillon. In wunder II. Band. Geht man Sonntags ins Pariser Musee d’Artillerie, barer Reichhaltigkeit folgen sich dann nicht weniger als 6 Ritter des XIV.'und ca. io des XV. Jahr hunderts, dann in geschlossener Reihenfolge die Ge rüsteten und Gewappneten des XVI. und XVII. Jahr hunderts, um mit einem Dragoner derZeit LudwigsXV. und mit einem Soldaten der ersten Republik abzu schliessen. so sieht man hier das Volk vor diesen lebensvollen Kostümgruppen sich drängen und stauen, diesen Rekonstruktionen ein Interesse entgegenbringen, wie vielleicht wenigen anderen Ausstellungsobjekten dieses gewaltigen Zeughauses. Und spielend lernt hier das Volk einen Einblick thun in frühere Zeiten! Zur Geschichte des Schiesswesens der Infanterie. Vortrag gehalten im militär-Wissenschaft liehen Vereine zu Kascha u im Wintersemester 1900/01 von P. Sixl, k. u. k. Oberstleutnant im Infanterie-Regiment Ferdinand IV, Grossherzog von Toscana Nr. 66. (Schluss.) wird allgemein angeführt, dass schon bei einem Wollte man nun die neue Schiesswafife im Ernst kampfe verwerten, so musste diese entweder ge Büchsenschiessen zu Leipzigim Jahre 1498 aus gezogenen Ge wehren geschossen wurde. Oberst Thier bach fügt dieser An gabe die Bemerkung bei, dass in dem Schiessbriefe vom Jahre 1497, welcher die Einladung zu diesem Schiessen enthält, von gezogenen Büchsen nicht die Rede ist. Wohl ist die Möglichkeit nicht aus geschlossen, dass vereinzelt aus gezogenen Gewehren geschossen wurde, allein ein urkundlicher Beweis fehlt.1) Köstlich und heiter sind die vielen Ausreden, welche die Büchsenschützen zur Entschuldigung und Erklärung ihrer Fehlschüsse gebrauchten. Hans Heinrich Grob, der Jüngere, schrieb im Jahre 1602 ein ganzes Buch über diese Ausreden;2 *) mehr als 142 Ursachen konnten die Schützen für ihre Fehlschüsse anführen und waren daher um einen Entschuldigungs grund nicht so leicht verlegen; man sieht, dass sich die Schützen seit dieser Zeit nur wenig verändert haben! Aus den vorstehenden Darlegungen geht nun hervor, dass die Schützen bei den regelmässigen wöchentlichen Schiessübungen auf praktischem Wege das richtige Laden und das genaue Schiessen auf feststehende, bewegliche oder auch verschwindende Figurenscheiben erlernen konnten, wobei die Schützen an bestimmte Vorschriften sich zu halten gezwungen, jedoch in der Zeit für das Laden in der Regel nicht beschränkt waren, dies konnte in aller Ruhe — zu meist ausserhalb des Standes — bewirkt werden. M. Thierbach, Die geschichtliche Entwickelung der Handfeuerwaffen. Dresden 1888. 169. 2) H. H. Grob, der jünger, Ausreden und flirwort der löblichen Buchsenschützen. Zürich 1602. laden sein oder nach abgegebenem Schüsse vom Schützen baldigst wieder schussbereit gemacht wer den können, weil nur von einer geladenen Büchse eine Wirkung zu erwarten war und der Schütze nur mit einer geladenen Handbüchse seinen vollen Kampfwert bethätigen konnte. Das Laden musste während der Aufregung des Gefechtes geschehen, der Schuss musste vom Schützen in der Regel unter dem Drucke der persönlichen Gefahr abgegeben werden. Diese Verschiedenheit im Gebrauche bedingten schon damals einen wesentlichen Unterschied zwi schen den Handbüchsen, welche am Schiessstande zum Nagel treffen und jenen, welche im Ernstkampfe als Schiesswaffen entsprechen sollten. Die Scheibengewehre waren mit allen Fein heiten, Visier, Korn, gleichmässigem Abzug, Stechcr schloss, Vorrichtungen für das genaue gleichmässige Laden u. s. w. ausgestattet; die für das Feld be stimmten Handfeuerwaffen waren, wie illustrierte Waffeninventare und erhaltene Handbüchsen aus jener Zeit zeigen, fest und massiv gebaut, ohne besondere Einrichtung für das Zielen, ohne Ent zündungsvorrichtung, später nur mit dem einfachen Luntenschloss ausgerüstet. Waffe und Munition waren für das bequeme schnelle Laden eingerichtet, deren einfache und solide Konstruktion sollte auch den stärkeren Anforderungen im Felde sowie einer derberen Handhabung gewachsen sein.8) Der Bauart der Waffe entsprechend konnte auch die Thätigkeit der einzelnen Schützen oder Schützenhaufen im Felde nur eine ganz einfache sein. Hatte man Laden und Schiessen erlernt, so musste bei der Verwendung im Felde zuerst ange strebt werden, dass das F'euer der einzelnen Schützen 3) Vgl. Entwickelung und Gebrauch der Handfeuerwaffen. Zeitschr. f. hist. Waffenkunde Bd. I u. II. io. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. nicht früher als 'auf wirksame Schussdistanz eröffnet 375 Schutzrüstung eine Aenderung erleiden musste. Man werde, da bei zu früher Eröffnung die Geschosse das Ziel nicht erreichen konnten; wurden die Schützen in Haufen oder Abteilungen zusammengefasst, so war wieder eine geregelte bestimmte Thätigkeit des einzelnen Schützen innerhalb des ganzen Haufens notwendig. Eine derartige Gefechtsthätigkeit der einzelnen Schützen war jedoch nur möglich, wenn dieselben zum genauen Vollzug der behufs Eröffnung des Feuers und der für die Funktionierung des ganzen Haufens notwendigen Griffe, Wendungen und Be wegungen ausgebildet waren. Die ersten Erfolge mit den Flandfeuenvaffen erreichten in dieser Beziehung die Hussiten, welche geschult waren, das Feuer bis zur wirksamsten Schussentfernung zurückzuhalten. Die Nürnberger Büchsenschützen waren schon so weit ausgebildet, dass sie im Treffen bei Plem bach im Jahre 1450 das Feuer lagenweise abgeben konnten.1) Kurfürst Albrecht von Brandenburg nahm diese Art von Gewehrfeucr auf und bestimmte in den iPraeparatoria zum Feldzug wider Herzog Hans von Sagan» vom Jahre 1477, dass «die Schützen nicht sogleich in den Feind rennen und ihre Büchsen ab schiessen sollen», «sie sollten in ein Rad gehen, damit, wenn ein Haufe abgeschossen, der andere Haufe wieder Wort habe.» Durch diesen Vorgang verfügte man stets über einen Theil der schuss bereiten Gewehre und erreichte eine erhöhte Feuer bereitschaft; auch konnte jener Flaufen, welcher seine Gewehre ladete, durch die in Bereitschaft stehenden geladenen Gewehre geschützt werden.2) Vorzüglich ausgebildet und diszipliniert waren die spanischen Akcabuzeros, welche in den italieni schen Kriegen, insbesondere bei Pavia am 24. Fe bruar 1525 entscheidend eingegriffen haben. Die selben formierten vier Glieder und gaben das Feuer gliederweise, mit dem ersten Gliede beginnend, ab; nach abgegebenem Schüsse fiel das erste Glied auf das Knie, um die Gewehre neuerdings zu laden, während das nächste Glied über dasselbe hinweg feuerte; auch sollen die Spanier eine Generalsalve abgegeben haben. Der Sieg über die französische Chevalerie wurde durch gutes Schiessen, durch ge schickte Ausnutzung des Bodens für die eigene Feuerwirkung und endlich durch richtiges Plaushalten mit, dem Feuer errungen.3) Es muss weiteres erwähnt werden, dass die Be waffnung der Schützen mit Handbüchsen, wie die selbe in den Zeugsbüchern des Kaisers Maximilian I. charakterisiert ist, durch die zunehmende Stärke der ») AVlirdinger, I, 324 u. II, 384. 2) Ein brandenburgischer Mobilmachungsplan aus dem Jahre 1477. Kriegsgesbhichtliche Einzelschriften, heraus gegeben vom Grossen Generalstabe. Berlin 1884. 3) Vgl. Jähns, Handbuch der Geschichte des Kriegs wesens. Leipzig 1880. 1107 ff. benötigte auf derselben Entfernung eine grössere Durchschlagskraft, welche nur durch die schwere Muskete mit Gabelstock zu erreichen war und deren erste Anwendung den Spaniern zugeschrieben wird. Die Muskete ist aus der Flakenbüchse hervor gegangen, hatte so wie diese ein Gewicht von 15 — 20 Pfund und schoss vierlötig'e Kugeln auf 300 Schritte. Im Würzburger Inventar vom Jahre 1584 kommen dieselben schon in grösserer Anzahl und in verschiedener Konstruktion vor, so dass man annehmen kann, dass die Musketen zu dieser Zeit schon ganz allgemein waren. Bei der Gabel-Muskete konnte jedoch nur ein Glied, das vorderste schiessen; hatte dieses ab geschossen, so musste die Front geräumt werden, damit das folgende Glied die Gabel aufstellen und in Anschlag gehen konnte. Die oben ang'edeutete Ausbildung des einzelnen Schützen und des Schützenhaufens wurde durch das Räumen der Front und Vorrücken bis an die Stelle des 1. Gliedes noch mehr erschwert, weil die hierbei auszuführenden Griffe, Wendungen und Bewegungen in bestimmter Gleichheit und grösster Sicherheit gemacht werden mussten, sollten sich die Schützen nicht gegenseitig hindern. In dieser Erkenntnis gründete Prinz Moriz von Oranien gegen Ende des 16. Jahrhunderts, nachdem man das Gewicht der anfänglich schweren Gabel Muskete verringert hatte, die Schule des Trillens, in welcher vornehmlich die exakte Gleichheit in den ein zelnen Tempos und «Waffenhandlungen» geübt wurde. Für das Schiessen im Gefechte wurde nur die Beobachtung der einfachsten Zielregeln sowie die gehorsame Ausführung der eingelernten Griffe und Bewegungen notwendig. Dieses System verbreitete sich schnell nach Deutschland und die übrigen Län der und wurde bald zu einer vollständigen Exerzier Vorschrift ausgearbeitet. Landgraf Moriz von Hessen schrieb im Jahre 1600 eine Instruktion, in welcher gefordert wird, dass die Schützen «mit den Rohren Reverenz thun und die ganze Chargierung auch in der Bewegung, im Gange fein schlangenweise und auch im Laufe thun können. Sobald die Schützen dies erlernt haben, sollten sie einzeln und im Trupp nach der Scheibe schiessen.» Einige Jahre später erschien das grundlegende Werk für die Plandhabung der Waffen des Fussvolks unter dem Titel: «Wapenhandelinghe van Roers, Musquetten ende Spiessen: Achter volghende de ordre van Syn Excellentie Maurits Prince van Oragie, Grave van Nassau etc. . . . Figuirlik afgebeelt door Jakob de Gheyn.» (Flag 1607 und Amsterdam 1608.) Dieses Werk enthält in 117 prachtvollen un gewöhnlich grossen Folio-Radierungen die Hand habung der Waffen; 42 Blätter zeigen die Hand habung des Rohrs beim Laden und Schiessen, von dem Schultern an, welches auf dem ersten Blatte 5° 376 Zeitschrift flir historische Waffenkunde. dargestellt ist, dem Herabnehmen des geladenen II. Band. augenscheinlich aut dem vorne befindlichen linken Gewehres auf Blatt 2 bis zum Anschlägen des Rohres auf Blatt io (Fig. n) und dem Abschiessen des Rohres auf Blatt II (Fig. 12); hierauf das Abnehmen und Wiederladen bis zum abermaligen ursprünglichen Stande (Blatt 1) auf Blatt 33; sodann die Griffe auf der Schildwache bis auf Blatt 42. Das eigentliche Laden und Schiessen geschah in 27 Tempos. Der Schütze hat ein Rohr mit Luntenhahn, bei welchem der lange Hebel zum Abdrücken bereits durch einen Drücker ersetzt ist, der aber ebenso wie der Hebel nicht einem schnappenden Schlosse dient, sondern nur, solange der Druck andauert, den Hahn vorhält. Der Schütze schiesst stehend, freihändig; Fig. II zeigt das Ansetzen des Gewehres an die Schulter, Fig. 12 das Abfeuern. Bei Fig. 11 fällt auf,. dass der Zeigefinger der rechten Hand bereits am Drücker liegt, ferner wären die zur Schulterlinie ungleiche Fussstellung und beim Rohr der kurze gerade Kolben zu erwähnen. Bei Fig. 12 bemerkt man eine ungewöhnlich breite Fussstellung, auch hier stehen die Füsse nicht in der Schulterlinie, die Schwere des Körpers ruht Fusse, der Kolben wird weniger gegen die Schulter, vielmehr gegen die Brust gestemmt; der Anschlag ist wagrecht, die Flaltung der Hände normal. Der Schütze hat ausser dem Gewehr als Zu behör die Lunte in der linken Hand, ferner eine grosse Pulverflasche, die mittels eines Hakens an einem ledernen Träger eingehakt ist und vom Gürtel herabhängt; aus dieser grossen Pulverflasche ladet der Schütze sein Rohr. Ferner hat derselbe ein kleines Pulverfläschchen, aus welchem das Zünd pulver auf die Pfanne geschüttet wird, und Luntenstricke am Gürtel befestigt; es ist nicht ersichtlich, wo der Schütze die Kugeln auf bewahrt hat. Der zweite Teil des Werkes umfasst auf 43 Blättern die Lade- und Feuergriffe mit der Gabel-Muskete; auf Blatt 1 das Marschieren mit Muskete und Gabel, «Forckett» genannt, auf Blatt 2 bis Blatt 11 die Vorbereitung zum Schiessen, auf Blatt 12 (Fig. 13) das Abfeuern der Muskete, stehend aufgelegt auf die Gabel; hierauf das Wiederladen bis zur Bereitschaft auf Blatt 33 und endlich die Griffe auf der Schildwache bis Blatt 43. Der Musketier hält in der linken Hand die Gabel, das Gewehr und das äussere eben falls brennende Ende der Lunte; die’ rechte Hand hält den Kolben am Kolbenhals umfasst, der Zeigefinger ist am Drücker, der Daumen liegt oberhalb, die übrigen Finger am Griff bügel; der Kolben wird gegen die Brust ge stützt; der Kopf ist an die innere Seite des Kolbens angelehnt; der Schütze steht breit spurig, mit den Schultern senkrecht gegen die Schusslinie, die Schwere des Körpers ruht augenscheinlich auf dem vorwärts befindlichen leicht abgebogenen linken Fusse. Die Munition trägt der Musketier an einem breiten Leder streifen über die linke Schulter zur rechten Hüfte; an demselben sind mittels Schnürchens die hölzernen Pulvermaasse angehängt, ferner eine kleine Zündflasche mit Zündpulver und endlich der Kugelbeutel. Schon im Jahre 1608 erschien eine deutsche Uebersetzung, welche dem Margrafen Joachim Ernst von Brandenburg gewidmet ist und den Titel führt: «Waffenhandlung von den Rören, Musquetten undt Spiessen»; im Jahre 1610 eine andere Uebersetzung unter dem Titel «Trillin Buch . Hat man im vorstehenden Werke Waffe und Gebrauch der Muskete und des Rohrs, sowie die Ausrüstung des Schützen und des Musketiers ersehen, so enthält ein anderes Kriegsbuch aus derselben Zeit schon bestimmte Gesichtspunkte für die Schiess ausbildung. Wilhelm Schaffer, genannt Dilich, Geographus und Historicus des Landgrafen Moriz von Plessen, gab im Jahre 1608 ein Kriegsbuch heraus, «darin o. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. die Alte und Newe Militia eigentlich beschrieben 377 Es sei hier erinnert, dass der cursus obli und allen Kriegsneulingen, Bau- und Büchsenmeistern zu Nutz und guter Anleitung verfertigt ist’.» Nach Beschreibung von Gewehr und Munition sind folgende Gesichtspunkte für die Ausbildung im Schiessen angegeben: Der Unterricht im Schiessen soll mit den Re kruten und mit den länger dienenden Leuten gesondert vorgenommen werden, und bei den Rekruten besonders in den ersten zwei Jahren der grösste Fleiss angewendet werden, .: damit sie all seits in die Gewohnheit kommen, darbei denn auch das Scheibenschiessen nicht geringen Nutzen geschafft. Die länger dienende Mann schaft bedarf nicht aller Sonntage noch so vielen Schiessens. Die Exerzier- und Schiessplätze sollten offene Plätze sein, welche von Strassen und Fahrwegen abliegcn»; auch soll man keine Spektatores des Scharfschiessens halber darauf leiden ; die Schiessstände sollten breit genug und in der Länge 300 Schuh haben». Die Abrichtung geschah entweder «viri tim», «Mann für Mann» oder «ordinatim» «ins gesammt». Die Lade- und Feuergriffe wurden auf 42 Kommandos und in 99 Tempos gelehrt; «beim Anschlägen sollten die Schützen das Rohr he ben, damit ihnen die Kugeln, weil man sie nicht allzeit füttern kann, nicht herauslaufen». Ferner sollten die Schützen zum Scheiben schiessen «angewöhnet und unterrichtet werden, um gewiss zielen und treffen zu lernen, etwa auch zu dem ganzen Mann stillstehend, gehend, laufend, oder nach einem fortgehenden Ziele, dadurch sie dann hurtig und eilfertig gemacht werden, doch, his observatis, dass sie keinen Schaden thun, zum andern, dass sie angereizet werden, sich zu bessern». Welcher dann mit seinem Schiessen nicht besteht, dem soll zur Strafe der Hak niedergelegt und ein blosser Spiess gegeben werden . Beim Schiessen nach der Scheibe wurden die Schützen in Reihen und in Gliedern am Schiessplatze aufgestellt und «alsdann ange wiesen, wie einer kurz hinter dem andern sich fertig machen, abschiessen und sich darauf schwenken und etwa auch solches schlangenweise verrichten soll ' . Der cursus obliquus, wenn man schlangenweise oder sonsten schlimm läufet, wird angewendet, um den Feind etwa dadurch zu verführen und sich vorm Schuss in etwas zu sichern». : Solches einzeln Scharmutzieren geschieht zwar. ohne besondere Ordnung, doch gehöret darzu, dass sie im Retiriren abermals schlangenweise abgehen und zugleich laden, und dass sie im laden den Feind allezeit mit gewendetem Kopfe im Gesichte behalten». quus noch in den siebziger Jahren als ein Grund element der zerstreuten Fechtart gelehrt und geübt wurde. Noch ausführlicher und genauer schreibt Joh. Jacobus von Wallhausen, «der löbl. Statt Danzig bestellter Oberster-Wachtmeister und Hauptmann» in seiner «Kriegskunst zu Fuss» vom Jahre 1615 über Bewaffnung und Ausbildung im Schiessen. Wallhausen fordert, dass «die Obrigkeit den Leuten die Gewehre selbst geben solle, damit sie sämmtlich gleich sind und alle die gleichen Kugeln schiessen, da sonst bei Musterungen die meisten mit alten verworfenen Antiquitäten kom men-, — bei gleichem Kaliber könne auch der Ausgleich der Munition während des Gefechtes be wirkt werden». Bei den Ladegriffen wird auch das Aufsetzen des Pfropfens kommandiert, «denn es geschieht, wann die Kugeln also sind, wie sie sein müssen, dass sie von sich selber ablaufen». Für den Anschlag und für das Zielen werden folgende Regeln angegeben: «Merke dir allhier, so du vor deinem Feinde bist, im Scharmütziren gegen Fussvolk, so halte dein Musquet im Anschlägen so 5°* 378 Zeitschrift für historische Waffenkunde. nider, als ob du ihm wolltest in die Schienbein II. Band. Diese Gleichheit war notwendig, da die Schützen schiessen, und gegen Reuter dem Pferd recht in die Brust zwischen die Bein, und dieses aus Ur sachen, dass ein Musquet im Losdrücken sich all zeit höher gibt mit dem stossen, wann sich das Pulver zündet, und wann schon eine Kugel zu niedrig käme, so hat sie doch ihren Effekt im aufgellen; — so du den Feind auf die Brust markest, sollen die Kugeln alle obenhin und zu hoch gehen, welches oft gemerket ist; denn allzeit die Musquetirer im Treffen zu hoch geschossen und kaum der vierte Theil in des Feindes Trup pen kommen.) «Gewöhne auch deine Truppen, dass sie allzeit, wenn sie anlegen, die Musquet vorne gar niedrig sin ken lassen, als ob sie in die Erde schiessen wollten, welches dir mächtigen Vortheil ge gen den Feind bringt». Wallhausen lehrt ferner das reihenweise und das gliederweise Schiessen in der ge schlossenen Abteilung; dieselbe stand minde stens IO Glieder tief, zwischen den einzelnen Leuten im Glied war ein Schritt Zwischenraum. Beim «gliederweiss Schiessen gab das vor derste Glied Feuer, schwenkte um einen oder beide Flügel her um und nahm als letz tes Glied Aufstellung, worauf die Musquete neuerdings geladen wurde; beim Schiessen in Reihen machten diese die Front nach der angegebenen Seite und schwenk ten sodann ab. Die geschlossene Abteiluug sollte befähigt sein, das Feuer rasch nach vorwärts, oder nach rück wärts, oder nach einer der beiden Flanken abzu geben. Der Schwerpunkt der Ausbildung wird dadurch charakterisiert, «dass du sie wohl unterrichtest, dass ein jeglich Glied sein Gewehr gleich abnehme, gleich hoch halte, gleich fertig mache, gleich anlege, gleich nebeneinander stehen, gleich einer nach dem andern schiesse und so sie geschossen, gleich die Musketen aufheben und widerumb laden». im Gliede wohl selbständig schiessen konnten, der Zeit nach jedoch durch die Rücksicht auf das Front räumen beschränkt waren. Bei der Abgabe der Generalsalve sollte fol gendes beobachtet werden: «Merke dir was ich mit nachfolgenden Punkten meine, als erstlich mit dem Wörtlein «Gleichschiessen», nicht dieses, dass die Musquetirer gleich mit einander schiessen sollen, sondern dass sie gleich einer nach dem andern schiessen, als dass, wann der erste geschossen hat, strax der andere, einer nach dem andern, doch nicht also, dass es so langweilig fort gehe, sondern dass sie in einer Geschwindig keit alle nach einander schiessen, gleichsam in einem Augenblick», «dass du gleichsam die Schüsse hörest nachein ander krachen», «dass musst du wohl merken und deine Musquetirer darzu gewöhnen, dass sie allzeit einer nach dem andern gleich schiessen, welches dir auch im Salve und an deren Gelegenheiten zu Pass kommt und nicht allein nützlich, sondern auch zierlich ist.» Das heutige Salven feuer ist demnach mit der damaligen General salve nicht gleich; die früheste Generalsalve bestand im gleichzei tigen Abschiessen aller Feuerwaffen, jedoch ohne Kommando, und hatte meist den Zweck, den Beginn der Schlacht anzuzeigen. Später wurde bei verschiedenen freu digen Anlässen in ähnlicher Weise Salve oder Victoria geschossen; die Generalsalve der Spanier bestand, so wie jene Wallhausens, nur in einem schnellen Abfeuern der Gewehre, wobei immer hervorgehoben werden muss, dass das Feuer in der Abteilung nur gliederweise abgegeben werden konnte; die heutige Salve entstand viel später. Endlich verlangt Wallhausen sehr eindringlich, dass in den rückwärtigen Gliedern immer möglichst viele geladene Musqueten zur Feuerabg'abe bereit stehen sollten, «denn, wann du verschossen, so bist du geschlagen!» — ein lapidarer Grundsatz, der heute noch für die Infanterie volle Geltung besitzt. io. Heft. Zeitschrift fiir historische Waffenkunde. In einer Neuauflage des Werkes von de Gheyn 379 Wallhausen begnügt sich nicht mit dem horizon unter dem Titel: «Künstliche Waffenhandlung der Mufsqueten und Piquen» von dem Kupferstecher Peter Iselburg (Nürnberg 1620) findet man auch die ersten Ansätze von Ballistik. Es wird die Entstehung der Flugbahn des Ge schosses in folgender Weise beschrieben: Die Flug bahn des Geschosses besteht aus dreierlei Be wegungen desselben: «itens) die gewaltsame, wenn die Kugel in gerader Richtung fortstreichet, zum 2ten, die natürliche, wenn das Geschoss unter sich sinket und ßtens die gemischte, theils natürliche, theils gewaltsame, so das Geschoss einen Bogen machet.» Bei der Frage über die Schussweite verweist Iselburg auf die praktischen Versuche mit den Worten: «Die Erfahrungs-Probe ist die beste Lehrmeisterin.!» Beim Schiessen gegen Abteilungen sollen «die Musquetirer nicht geradezu schiessen, sondern auf den mittleren Mann der feindlichen Abtheilung zu halten, so wird kein Schuss vergebens sein». In der Ballistik waren die Italiener weit voraus; Nicolo Tartaglia schrieb schon im Jahre 1538 über den Einfluss der Erhöhung und Erniedrigung des Zieles auf das Richten bei Plandfeuerwaffen und über die Unregelmässigkeiten im Schüsse bei denselben. Galileo Galilei bewies in seinem «Dialoghi delle Nuove Scienze» (Leiden 1638), dass die Bewegung gewor fener Körper aus einer gleichförmigen und beschleu nigten zusammengesetzt sei und eine Parabel bilde. Er lehrte, dass eine horizontal abgeschossene Kugel eine halbe Parabel, eine unter Erhöhung abg'eschossene eine ganze Parabel beschreibe. Der Widerstand der Luft war Galilei ebenfalls bekannt, jedoch hielt er die Luft für so dünn und leicht, dass dadurch die Flugbahn von einer Parabel nicht merklich ab weiche. Auch der Spanier Diego Ufano hat in seinem «Tratado dela Artilleria» (Brussel 1613), welches dem Erzherzog Albrecht von Oesterreich gewidmet war, nebst anderen technisch-artilleristischen Dis ziplinen sich mit Ballistik befasst und die Entstehung der Flugbahn in ähnlicher Weise wie Iselburg be schrieben. Hochinteressant ist es, dass schon aus dieser Zeitperiode, in welcher das Kriegsgewehr den Be dingungen einer feldbrauchbaren Handfeuerwaffe nur in geringem Maasse zu entsprechen vermag, Beob achtungen über das Gewehrfeuer im Gefechte vorliegen. Es wurde bereits angeführt, dass Wallhausen den Zielpunkt beim Schiessen gegen Infanterie so niedrig haben wollte, als wollte man in die Schien beine schiessen; zielt man höher, auf die Brust, so sollen die Kugeln alle obenhin und zu hoch gehen, «was oft gemerket ist, denn allzeit die Mus quetirer im Treffen zu hoch geschossen und kaum der vierte Theil in des Feinds Truppen kommen». talen Anschlag, welcher beim stehenden Anschläge und beim Zielen auf die Brust hervorgerufen und in Anwendung kommen musste; sondern es sollte der Zielpunkt nahezu auf die Fusslinie verlegt werden, wodurch dem so häufig beobachteten Ueberschiessen in wirksamster Weise vorgebeugt und schliesslich noch ein Effekt durch die Geller erreicht werden konnte. Ferner hat man wahrgenommen, dass «die Schützen im Gefechte die Gewehrte nicht an der Wange anschlagen». Diese Erscheinung ist wohl in erster Linie auf den starken Rückstoss der damaligen Kriegsgewehre zurückzuführen. Schon Lienhart Frönsperger macht in seinem Kriegsbuche vom Jahre 1555 aufmerksam, dass beim Schiessen mit dem Doppelhaken «der Haken recht anstehe, sonst wird er dir das Gesicht oder den Körper zerstossen oder dich selbst zu Boden werfen». Bei einem Bestschiessen in Freising i. Br. im Jahre 1579, bei welchem man, um die Wirkung zu ver stärken, die Pulverladung vergrösserte, gab es viel und mancherlei blutige Nasen, Mäuler und Wangen und mancher erhielt einen solchen Stoss, dass er zu Boden fiel.1) Auch Wallhausen erinnert beim Anschlag: «Setze die Musquet hinten recht auf deine Brust, nicht an den Arm hinan, denn eine Musquet, so hart stosset, einem leicht den Arm aus dem Glied stossen kann, oder da du sechs oder acht Schuss thun solltest, sollte es dich zu richten, dass du den andern Tag den Arm nicht gebrauchen kannst; kannst dich auch versehen, dass dir im Feuergeben die Musquet die Backen nicht zu sehr zerreibe.» Dass unter solchen Verhältnissen der Schütze feuerscheu wurde und das Gewehr nur ungern und schliesslich gar nicht an die Wange in An schlag nahm, ist wohl natürlich; allein es bestand auch die Ueberzeugung-, dass die obige Erscheinung teilweise auch durch den Mangel an nötiger Schiessausbildung und beständiger Uebung hervorgerufen werde. Ilerzog Ulrich von Württemberg hatte am 5. August [517 den Befehl erlassen, dass «die Büchsenschützen aller Aemter sich bereit halten sollten ins Feld zu rücken. Jeder sollte dabei, so viel möglich, eine Zielbüchse mit einem Schloss haben und auch mit Steckzundeln und Anderem darzu ge hörig verfasst sein, auf dass, wenn es zum Ernst käme, ein jeder mit am Backen angeschlagener Büchse desto gewisser schiesse, das sie mit guter Geschicklichkeit wohl thun und zu wege bringen mögen, damit der Schaden durch das unge ') Dr. J. Pr echt, Die freisingische Schützengesellschaft. Freising 1876. 380 Zeitschrift für historische Waffenkunde. wisse Schiessen, da man nicht anschlage, II. Band. Bezug auf die Waffe, als auch in Bezug auf die verhütet bleibe».1) Die im Jahre 1519 zum Bundesheere beigestell ten 150 Nürnberger Büchsenschützen werden aus drücklich als solche bezeichnet, die — wohl infolge ihrer guten Ausbildung — an der Wange abschiessen konnten; die im Jahre 1570 auf dem Reichstage zu Speier gegebene Fussknecht-Bestallung enthält die bestimmte Forderung, «die Büchsenschützen sollen auch monatlich geübt und ihnen am Backen an zuschlagen und abzuschiessen eingebunden werden». Wallhausen macht bezüglich des Schiessens im Gefechte noch folgende charakteristische Bemer kung: «Wenn mancher nur sein Gewehr ge loset, es sei ordentlich oder unordentlich geschehen, denkt er, er habe sich tapfer ge braucht und habe seine Sache wohl ver richtet!» Ueberblickt man das Schiesswesen in der Zeit vom Aufkommen der Feuerwaffen bis zum Dreissig jährigen Kriege, so muss zugegeben werden, dass das Schiessen nach der Scheibe oder nach anderen feld massigen Zielen auf den Schiessplätzen sowohl in 1 Toll, Die ersten Büchsenschützen, die an der Wange abschossen. Im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. 1866. 172 ff. Durchführung der Uebungen hochentwickelt war und dass selbst die neueste Zeit hier wenig hin zuzufügen hatte. Das Schiessen im Gefechte, bezw. die Ausbil dung für dasselbe, konnte schon infolge der Un vollkommenheit der für den Feldgebrauch bestimm ten Gewehre keine besonderen Erfolge erreichen. Die Ausbildung war nur bestrebt, die Schützen mit den einfachen Zielregeln vertraut zu machen, die Lad- und Feuergriffe, sowie das Schiessen einzu üben, den einzelnen Schützen sein Manöver beim Schiessen in der Abteilung einzulernen und die Schützen so weit in Gehorsam zu bringen, dass sie das Feuer im Gefecht nicht ohne Befehl er öffnen. Wenn auch die Unvollkommenheit der Waffe keine augenfälligen und besonders bemerkenswerten Erfolge im Gefechte erwarten liess, so haben doch einzelne erfahrene Kriegsmänner die Beobachtung ge macht, dass der weitaus grösste Teil der Fehl schüsse den Schützen zukommt und dass in dieser Beziehung — so wie heute! — nur durch stramme militärische Erziehung und durch an haltende gründliche Ausbildung eine Abhilfe geschaffen werden kann! Die historische Waffensammlung der Stadt Wien im Zusammen hänge mit der militärischen Organisation der Stadt. I Von Karl Schalk. (Fortsetzung.') II. Periode der Bürgerwehr von 1648 -) bis 1805. Ihn Jahre 1645 errichtete die Stadt einen Kursus zur Lehrung des «Stuckrich tens» durch den «beriemten kaiserl. Pixenmeister und Feuerwerker» Jo hann Gerst und zwar für fünf Schüler; als Lehrgeld für den einzelnen wurden 12 Reichsthaler festgesetzt.2 3) Um die Leistungen der Schüler zu erproben, wurden «Schimpf und Ernstfeuern» veranstaltet. Im Jahre 1671, dem Jahre der Reaktivierung der Wiener Bürger-Artillerie, wurde ein Probeschiessen und Ernst-Feuerwerk zu Ehren der Niederkunft der Kaiserin abgehalten. Damals gab es 50 bürgerliche 2) Statt des Jahres eines Lokalereignisses (1645) wurde das für die deutsche Geschichte nächstliegende Epochenjahr 1648 als Zeitabschnitt unserer Periodeneinteilung gewählt. 3) UhlirZ 1. c. Bd. XXXI. S. 92. Büchsenmaister; Instructor war der Kaiserl. Feuer werker Joh. Jacob Kochel.4) Solche Feuerwerks - Proben wurden auch in späterer Zeit abgehalten. Die städtischen Samm lungen (Gruppe: Bürgermilitär) besitzen Abbildungen von solchen aus den Jahren 1684, 1703, 1724 und 1734. Im Jahre 1684 wurde in der Zeit vom 12. bis 16. September zur «Jahresbegegnuss des Entsatzs der kays. Residenzstatt Wien am Schpirckebiegel» (Spör kenbühel im heutigen IX. Bez.) vor dem Schotten thor eine Feuerwerks-Prob vorgenommen. Dabei wurde mit den alten und mit den neuen Feuer werkern probirt. Die Compagnie der Pixen maister bestand damals aus IOO Mann. Zur Er gänzung dieser Zahl waren 12 Feuerwergker und 4) Oberk.-R. 1671, Ausg. Fol. 20ia. io. Heft. Zeitschrift flir historische Waffenkunde. 50 Pixenmeister vom verordneten Zeugwarth zur Erlernung ihres Berufs aufgenommen worden.1) Im Jahre 1703 bestand die bürgerliche Feuerwerker- und Pixenmeister-Compagnie aus 115 Mann; zur Ergänzung waren 7 als Feuer 2. Stukh A. Kleine Stückhe mit J.Z. 1571 (2 Dreiviertelpf.), 1572 (1 Drei viertelpf.), 1 5 7 5 (2 Dreiviertelpf.), 381 1653 (1 Dreiviertelpf.) zus.6Stücke werker und 5 1 als Pixenmeister aufgenommen worden. Im Jahre 1734 bestand die bürgerl. Feuerw. undPixenm.-Compagnie aus 45 Feuerwerkern und 90 Büchsenmeistern, zusammen also aus 135 Mann. Die Ernst-Feuerwerks-Prob umfasste: 1. das Schiessen nach der Scheibe aus 12 teils zweipfündigen doppelten Falconeten, teils dreipfün digen Regimentsstücken auf 400 geometrische Schritte, 2. Werfen von Sturmsäcken durch die Sco laren, 3. Werfen von Bomben, Feuer- und Brand kugeln und Carcassen aus 6 sechzigpfündigen Pollern nach einer improvisierten Festung in der Entfernung von 500 geom. Schritten, 4. Schiessen auf diese Festung aus 2 Haubitzen mit Haubitzen-Granatcn. «Wassmassen gemainer statt Zeughaus allhicr bey verwichener 1683jährigen Türkhischen beläge rung nicht allein an denen alda vorhanden gewesten unterschidlichen munitions harten sehr geschwächt, sondern auch in die gröste Unordnung und ver würung gebracht worden», als hat der Stadtrath «alles dasjenige, so annoch verhanden, widerumb von neyn zu beschreiben undt zu inventiern veranlasst».2) Das Dekret dieses Inhalts datiert vom 19. Januar 1686. Das noch vorhandene Inventar des Jahres 1686 ist das Resultat dieses Beschlusses. An Ge schützen, die sich in den «Stuckgewölben» im hinteren und vorderen Hofe des bürgerlichen Zeug hauses befanden, verzeichnet das Inventar: Fol. 20a) Im hinteren Hof: An 1. Haubitzen3) mit Jahreszahl 1562 (4 Zwölfpfundner), 1606 (2 Fünfpf. und 1 Siebenpf.) zus. 7 Stücke *) Dies und das Folgende nach dom Texte der betreffen den Stiche. Die früheste Beschreibung eines Probeschiessens scheint laut Oberk.-R. 1677, Ausg. Fol. 164a im Jahre 1677 im Druck erschienen zu sein. 2) Akt im Wiener St.-A. 2/1686. Im Berichte des im Jahre 1396 zum Kaiserl. Zeugwarte in Wien ernannten Wolf gang Eglauer werden als im Besitze der Stadt befindlich erwähnt 8 Hauffnitzen und 52 Stuckh, grosse und klaine in Ber. u. Mitt. d. Alt.-Ver. VIII, S. CXLVIII. 3) Ueber die Einteilung und die Namen der Geschütze vgl. Beck, Geschichte des Eisens Bd. II, S. 323ff.; ferner Michel Otts von Aechterdingen, Deutsche Kriegsord nung 1524, in Jahns, Trutzwaffen S. 360. NachBoeheim, Meister der Waffenschmiedekunst S. 122 gilt Gregor Loeffler, gest. 1565, als derjenige, der die vier sogenannten Kaliber (Ge schlechter) 1. Karthaunen, 2. Kanonen, 3. Schlangen, 4. Falken einführte. Kurz, Oest. Militv. citiert Fuchs, Memorial wie ein Festung solle defendirt werden. Linz 1623 im Bd. II. 1. c. S. 380 ff. B. Ainfache Falkhonet mit J.Z. 1554 (1 Eineinhalbpf., 3 Ein dreiviertclpf.), 1572 (1 Einein halbpf.), 1606 (1 Einpf.) „ 6 „ C. Doppelte Falkhonet mit J. Z. 1554 (3 Zweipf.), 1 5 62 (1 Zwei pfundner), 1 5 7 9 (2 Zweipf.), 1680 (1 Zweipf.) „ 7 „ (Fol. 22b) Im vorderen Hof: a) Regimentsstückhe mit J.-Z. 1662 (2 Dreipf.), 1678 (4 Dreipf.) „ 6 „ b) Viertl Veldtschlangen mit J.-Z. 1 5 54 (1 Fünfpf.) „ 1 „ c) Falkhauner, Sechspfünder aus den Jahren: 1583(1)- 1608(1), 1678(3) „ 5 „ d) Quartierschlangen mit J.-Z. 1554 (i Siebencinhalbpf. und 1 Achlpf.) „ 2 „ e) Halbe Veldtschlangen mit J.-Z. 1646 (2 Neunpf.), 1651 (2 Zehnpf.) „ 4 „ f) Einfache Nothschlangen mit J.-Z. 1644 (2 Achtzehnpf.) „ 2 ,, g) Doppelte Falkonet ohne J.-Z. (2 Zweipf.) „ 2 „ h) Metallene Polier mit J.-Z. 1671 (2 auf 60 Pfund Stein) „ 2 „ i) Metallene Mörser ohne J.-Z. „ 2 „ Summa 5 2 Stücke Die beiden Falkonet ohne Jahreszahl wurden von der Heraldischen Wittib im Jahre 1684 er khauftt. Von allen diesen hier angeführten Geschützen befindet sich heute kein einziges mehr in der Samm lung. 4) Im Jahre 1705 wendete sich die Stadt Wien an den Kaiser mit der Bitte,5 6) dass — «nachdem auss Bayrn ein grosse anzahl der in denen durch die siegreiche kaiserl. waffen eroberten stätt undvestungen sichbefundtenen metallenen stukhen hieher einige yberbracht worden und deren noch mehr, weillen widerumbn neue gefundten worden, nachfolgen sollen, als haben sie hiemit zu erindern, dass von gemainer statt zeughauss auss noch vor jahren unter schiedliche stückhl haubiczen, 1700 falcanetkugl, vill pulfer und 100 feuerröhr in dero kays. allhiesiges zeughauss seint vorgestreckht, zu dato aber noch nicht zuruckhgegeben noch guettgemacht worden sein, und wie zumahlen auch 20 in verwichen 1683 jährigen Türkhischen belagerung von denen auss besagter gemainer statt zeughauss auf die wähl auf 4j Auch in das k. u. k. Heeresmuseum scheint keines Ubergegangen zu sein. Vgl. Erben, Katalog des k. u. k. Herresmuseums. Wien 1899. 6) Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 140/1705. 382 Zeitschrift für historische Waffenkunde. gefihrten stukhen fast die maiste, theils aussgeschossen, II. Band. stellen würde, so errichtete sie im Jahre 1738 ein theils aber von dem feundt ruinirt und unbrauchbar gemacht worden, mithin dann sie nicht nur allein zu der reparir- und umbgüessung, sondern auch zu widerergenz- und einrichtung mehrgedacht burgerl. zeughauss, wüe nicht weniger erst jüngst zu mach und verwachtung der linien1) nambhafte un costen anwendten und 6 stukh hergeben müessen, welche auch sehr verderbt worden,» — der Stadt einige von den «anhero gebrachten Bayrischen stukhn in das burgerl. zeughaus» überlassen werden. Die Wiener erklären, «dass sowohl in der be lagerung, vorderist aber bei jetziger entstandenen rebellion das zeughauss sehr gelährt und vill hun dert musquetn und flinten ruinirt auch verzogen und verlohren wordn, wie sie dann auch dem Deben tischen regiment yber ioo flinten angehändigt, und [diese] noch nicht restituirt worden». Auf Beschluss des Consilium bellicum wird die Stadt mit Dekret vom 7. Dezember 17052) ver ständigt, dass der Kaiser resolviert habe, dass von der «anhero gebrachten Bayrischen artiglerie vier stukh, und zwar eines von grossem und eines von mittern, die zwei übrigen aber von kleinen Sorten sollen abgefolgt und in specie solche aus gesucht werden, welche etwo irregulär und nach dem jetzigen gewöhnlichen caliber nicht seyn möchten». Nach einem Verzeichnisse aus dem Jahre 1706"') wurden folgende bayerische Geschütze an das Zeug haus ausgefolgt: 1. Eine auss metall gegossene ganze car t hau ne mit dem löwenkopf und dem Bayrischen wappen in ihrer beschlagenen laveten auf aax und röder, 2. Ein metallen 7 pfund eisen schüsendes stukh oder schlänge mit dem Bayrischn wappen in ihrer beschlagenen laveten auf aax und rödern, 3. 4. Zwey metallene, jedes 1 pfund schüsende, stükhlen mit dem Bayrischen wappen in ihren be schlagenen laveten auf aax und rödern. Am 17. Juni 1734 stellte der Rat an den Hof kriegsrat das Ansuchen, im kaiserlichen Zeughaus 12 neue Regimentsstukh giessen lassen zu dürfen.4) Da es sich aber als wirtschaftlicher herausstellte, wenn die Stadt die Geschütze in eigener Regie her *) Eine aus Wall und Graben bestehende, im Jahre 1703 um die Vorstädte gezogene Befestigung, die anlässlich der Einfälle der «Kurutzen», der Parteigänger des ungarischen Prätendenten Franz Rakoczy II., in Niederösterreich errichtet wurde, und später zur Abschliessung des Wiener Verzehrungs Steuergebietes diente. Die Linien wurden infolge der Ein beziehung der Vororte Wiens ins Stadtgebiet am 1. Januar 1901 aufgelassen. Ein gefangener und zur Schau ausgestellter «Kurutze» befindet sich auf der Reklametafel der Schau stellung abgebildet im Museum, Abth. II, Nr. 531, reproduziert in Szendrei, Ung. Kriegsg. Denkmäler S. 837. 2) Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 140/1705. 3) Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 8/1706. 4) Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 35/1734. eigenes Gusshaus,5) das aber noch im Laufe des 18. Jahrhunderts ausser Betrieb gesetzt wurde. Von Geschützen, die in die zweite Periode der Bürgerwehr fallen, befinden sich in der Sammlung nur sechs grössere und kleinere Mörser von 7, 10 und 12-pfünd. Stein-Kaliber nach dem System Coehorn6) (Kat.-Nr. 1147—1152), ferner 3 kleine Mörser mit den Originalschleifen aus dem Jahre 1736 (Kat-Nr. 1057, 1146 und 1146a). An die Bürger-Artillerie erinnern ferner 7 Luntenspiesse aus dem 18. Jahr hundert (Kat.-Nr. 1155—1161) und ein Kanonen luntenstock mit Messingansatz (Kat.-Nr. 1164). Ein Teil der älteren Geschütze ist dem Zeug hause im Jahre 1809 abhanden gekommen. Johann Siess, Kommandant des Bürger-Artillerie-Korps, der seit 4. April 1805 in diesem Korps diente, gab im Jahre 1846 zu Protokoll,7) dass er sich erinnere, dass sich im Bürgerlichen Zeughause gegenüber vom Eingänge eine sehr grosse metallene, verzierte tür kische Kanone, ebenda zwei bayerische Kanonen rohre grossen Kalibers, ferner vom Eingang links etwa 12 Kanonenrohre befunden haben, die seinem Gedenken nach 1809 von den Franzosen weggeführt wurden, wogegen Napoleon den Bürgern 12 un brauchbare kaiserl. österr. Kanonen schenkte, die angeblich Baron Diettrich wegführte. Sebastian Böck, Leutnant im bürgerlichen Artillerie-Korps erinnert sich laut Protokoll an sechs Kanonen, die vor der Wegführung durch Andreossi im Jahre 1809 im Zeughause waren. Daselbst lagen auch zwei bayerische und ein paar türkische, auch ein paar schwedische mit Jahreszahl 1645, zusammen etwa 19 bis 20 Stücke, die alle Feldmarschallleut nant Ferrari nach der ersten Invasion (1805) fort führen liess. Ueber die ruhmreiche Verteidigung der Stadt gegen die Türken im Jahre 1683 sowie den Anteil der Bürger an derselben zu sprechen, würde zu weit führen. Die zweihundertjährige Jubel feier dieses Ereignisses im Jahre 1883 gab Veran lassung zu einer Ausstellung auf das Jahr 1683 be züglicher Objekte, und darunter auch der über die Belagerung erschienenen Litteratur, die im Aus stellungs-Kataloge verzeichnet ist. Die im Jubel jahre neu zu Tage geförderten Bücher hat Uhlicz in den Mitteilungen des Instit. f. österr. Ge schichtsforschung, Jahrg. 1884 besprochen. Im Jahre 1741, da Bayern, Sachsen, Spanien und Savoyen nach Bourbonischem Plane sich ver banden, um den Habsburgischen Staat unter sich aufzuteilen, wobei Kurfürst Karl Albert von Bayern 5) Zeitschr. f. hist. VV. Bd. II, S. 170. 6) Scheiger, Bürg. Zeughaus in Beitr. zur L. N.-Ö. Bd. III, S. 48. Von Menno Freih. v. Coehorn um 1680 er funden und vom Prinzen Eugen im Jahre 1718 in der österr. Armee eingeführt. Vgl. auch Hendl, Archiv für deutsche Schützengesellschaften Bd. I, S. 236. 7) Akt im Wiener St.-A. Hist. 9,1810. io. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. (der spätere deutsche Kaiser, seit 24. Januar 1742) 383 damals die Bürger-Infanterie, sowie die Bürger seine Absichten durch Erbansprüche deckte,1) dran gen die bayerischen und französischen Truppen bis St. Pölten, Totzenbach, Lembach und Gablitz vor und bedrohten die Hauptstadt. «Bey denen für gewesten feindtsgefahren hat die Wiener burger schaft, nachdem selbe in ordentliche piqueter ein getheilet worden, das erforderliche feuergewöhr sambt dem kurzen gewöhr aus gern, statt zeug hauss ausgetheilet werden müssen. Weihen aber dieses gewöhr nach der zeit nicht widerumben zuruckhgestellet, sondern von der burgerschaft noch immer beybehalten worden», hat der Rat «zu hind anhaltung aller verdriesslichkeiten von rathswegen verordnet, dass auf absterben eines jedwederen bur gers das feuer- oder kurze gewöhr gleich bei an thuung der jurisdictionsspörr, und zwar in der statt von denen geschwornen rathsdienern, in denen vor stattsgründen aber von denen grundrichtern ab gefordert und in das bürgerliche zeughauss uber bracht werden sollte». Deshalb wendet sich der Rat in seinem Gesuche, expediert den 4. November 1743, an die Niederösterreichische Regierung2) mit den Worten: «Nun ist aber bekannt, dass sehr ville burger auf denen freygründen, allwo die unsere Ordnung wegen nicht competirender jurisdiction nicht ad effectum gebracht werden kann, wohnhaft seyen, so dass mithin kein anderes expediens übrig zu sein scheinet, als dass sie auf absterben eines unssrigen burgers das vorhandene feuer- oder kurze ge wöhr gleich nach dem todesfahl, von denen bereits verstorbenen aber von denen hinterlassenen erben gleichfalls abforderen und in gern, statt zeughauss überbringen sollen.» Von den an die Bürgerschaft ausgeteilten Feuer und Kurzgewehren wurden nach einem Ratsdekret an die Steuerhandler vom 11. Juli 17443) aller Orten Stücke «zu nicht geringem schaden des aerarii civici bey denen tändlern zum verkauff gegeben,» und nach einem Ratsdekret vom 7. November 17444) waren zu dieser Zeit noch ausständig 1155 Stück Flinten und 95 Stück Kurzes Gewöhr. Ein netter Beitrag zur Geschichte der Ehrlichkeit eines gewissen Bürgertums in Wien.5) Die städtische Sammlung besitzt eine grössere Anzahl von Unteroffiziers-Kurzgewehren, dar unter zwei mit Jahreszahl 1764 (Kat.-Nr. 1161 und 1163), dann eines mit Jahreszahl 1740 und der Notiz, dass Franz Kreitzer, der Besitzer, bürgerlicher Handschuhmacher als Korporal das Kurzgewehr auf der Schützenstatt empfangen habe, ein Beweis, dass b Krones, Grundriss d. österr. Geschichte S. 797. Die 8 Kompagnien Bürgerwehr umfassten damals 1474 Mann, Ottenfeld u. Teuber 1. c. S. 153. 2) Konzept im Wiener St.-A. Alte Reg. 74/1743. 3) Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 74/1743. 4) Ebenda unter derselben Signatur. 6) Auch heute herrscht wieder ein derartig schlimmer Geist in manchen Schichten, die sich sogar in Ehrenämter zu drängen wissen 1 Artillerie Schiessübungen veranstaltete. Im 15. und 16. Jahrhundert und noch später waren die bürger lichen Schützengesellschaften von der Bürgerwehr unabhängig, selbständig.6) Eine Bürgeroffizierspartisane mit Inschrift: Nach 44.jähr. Diensten gestorben 23. Juni 1784 be f indet sich unter Kat. in Gr.-Nr. 1176—1193. Im Jahre 1797, als Napoleon in Kärnten und Steiermark einriickte, bestand die Bürgerwehr aus 7502 Mann.7) Bezeichnung der Truppenteile Bürgerreg'iment Ungar. Korps . . Scharfschützen . Artilleriekorps . Gesamt-Summen Unterleutnante Oberleutnante Oberstwachtmeister Oberst I — — 1 — — Hauptleute Adjutanten 3 — 8 Kapitäns — 2 I — I — 17 17 8 1 5 I 4 6 6 1 3 I I I 29 28 Feldwebel Fähndriche — I — 59 18 Korporale 595 I I 49 24 36 9 102 68l Summen Gemeine 6169 27 200 24O 6636 6878 3i 279 31 + 7502 Bei der Artillerie hiessen die Feldwebel: Ober feuerwerker und die Korporäle: Bombardiere. Auf einer gleichzeitigen kolorierten Abbildung in der Sammlung (Gruppe: Uniformierte Korps, Inventar-Nummer 21029) lst unter Nr. 6 ein Re präsentant des Korps der Wiener Bürger und unter Nr. 7 ein solcher der bürgerlichen Scharfschützen in der Uniform aus dem Jahre 1797 abgebildet. Vergleicht man den Inhalt der Tabelle mit dem bisher Bekannten, so ergiebt sich, dass sich aus den bisherigen 8 Kompagnien der Alten und der Jungen Viertel ein Regiment gebildet hat. An die alten Kompagnien erinnern die 8 Plauptleute und die 8 Fähnriche. Im 16. Jahrhundert umfasste die aus rückende Bürgerwehr ungefähr 3000 Mann, im Jahre 1797 aber 7502 Mann. Ausser dem Biirgerregimente und der seit 1645 bestehenden Bürger-Artillerie begegnet uns aber auch ein Ungarisches Korps und ein Bürgerliches Scharf schützen-Korps als Bestandteile der Bürgermiliz. e) Ueber die Schiessstätten und Freischiessen der bür gerlichen Armbrust- und Büchsenschutzen handelt Schlager, Wiener Skizzen, Bd. V, S. 65 ff. Nach ihm ist Berthold «der sneider» der erste nachweisbare Schützenmeister im Jahre 1305. Dagegen hält Rieh. Müller in Gesch. d. St. Wien, Bd. II/i, S. 129, den schon im Jahre 1296 Erwähnten für einen herzoglichen Schützenmeister und als solchen für einen Hofwürdenträger. Aus den Kammeramtsrechnungen ergiebt sich zum Jahre 1566 eine Unterscheidung in: «Stahl schützen, haggenschützen und schützen, die mit der ziel piixen schiessen» (UhlirZ 1. c. Bd. XXXI, S. 65), das sind Schutzen mit der Armbrust, mit der Hackenbuchse und mit der ZielbUchse; die Zielbüchsen sind nach Flexel 1. c. S. 27 «eisene rohr, damit da solt man lernen schiessen woll zu der scheiben und zu dem zill». Flexel dichtete im Jahre 1563. 7) Kolb, Geschichte sämtl. Bürgermilizen des österr. Kaisertums im Oesterr. Bürger-Kalender für 1847, S. 107; teil weiser Wiederabdruck von Kolb, Die Fahnenweihe des k. k. Korps der bildenden Künstler in Wien. Wien 1843. 5i 3^4 Zeitschrift für historische Waffenkiinde. Das bürgerliche ungarisch gekleidete H. Band. schafft und nebst diesen ihnen auf ein wol equi Korps wurde anlässlich der Krönung Josephs II. im Jahre 1764 gegründet.’) Dieses Korps trug ge krümmte Säbel, 84 Stücke davon sind in der Samm lung (Kat. in 3 Posten). Dem r i 11 e r 1 i c h -b ü rg e r 1 i c h e n Scharf schützenkorps widmete der Hof- und Kammer juwelier Ignaz Würth, Mitglied des äusseren Rates und erster Fähnrich dieses Korps am 19. März 1770 die Fahne (Kat.-Nr. 1153), bei welcher Gelegenheit eine Festlichkeit stattfand.2) Anlässlich der im österreichischen Erbfolgekriege im Jahre 1741 Wien drohenden Gefahr bildete sich zum Schutze der Hauptstadt neben ephemeren, nach Beseitigung der Gefahr wieder verschwindenden Or ganisationen, wie dem Korps der Universität, dem der Grosshändler und den sogenannten Schwarz picknern ein aus 87 Mann bestehendes Korps der Hof-Akademie der bildenden Künste,3 4) das hier angeführt wird, weil es sich im Jahre 1797 als Teil des Aufgebotes mit 433 Mann rekonstruierte und am 5. November 1805 in die Bürger miliz einverleibt wurde; im Jahre 1843 bestand es aus 353 Mann. Die Sammlung besitzt die Fahne dieses Korps, die demselben aus Anlass der Er innerungsfeier an die Gründung vor IOO Jahren ge spendet wurde, mit Jahreszahl 1841 (Kat.-Nr. 1415). Wie in der ersten Periode des Bestandes der Bürger wehr rückten die Bürger auch in der zweiten nicht nur im Ernste, sondern auch bei feierlichen Ge legenheiten aus. So im Jahre 1740 anlässlich des Einzugs der in Wien erschienenen Ottomanischen Grossbotschaft. Laut Befehl der zu Untersuchung und Ein richtung gemeiner Stadt Wien Wirthschaft angeord neten Hof-Kommission an die Stadt de dato 3. Mai 17401) wurde derselben bekannt gegeben, dass es zwar Ihr. K. Maj. allerhöchster Befehl sei, dass bei dem Einzuge der Grossbotschaft «die aldaige burger schaft, gleichwie anno 1719 beschehen, sowol zu pferd als zu fuess zahlreich, net und wol equipierter erscheine, jedoch soll dieser aufzug auf das würth schaftlichste angestellet werden. Es solle blos allein denen inneren des raths und denen stadtgerichts beysiczern, und zwar denjenigen, welche den einzug würklichen zu pferd begleiten werden, einen rokh von schwarzen samet auf gern, stadt Unkosten ver . ^Weiss, Geschichte Wiens. Bd. II, S. 405, Abbildung eines Repräsentanten dieses Korps aus dem Jahre 1783 auf Taf. XII. ä) Kolb im Bürgerkal. 1847, S. 99. Eine Biogr. Wlirths im Bürgerkal. f. 1846 (Jahrg. 1) S. 77. 3) Kolb, Fahnenweihe S. 2 und 3. Die im Jahre 1771 angeschaffte Fahne, abgebildet auf der Tafel Fig. A. 4) Akt im Wiener St.-A. alte Reg. 27/1740. In früherer Zeit kamen tiÄische Grossbotschafter nach Wien im Jahre 1650 (Oberk.-R. 1650, Ausg. Fol. 26a), bei welcher Gelegenheit «neue trompeter und hörpauckerfahnen> angeschafft wurden, wahrscheinlich darunter einige der noch erhaltenen, ferner im Jahre 1665 (Oberk.-R. 1665, Ausg. Fol. 18a) u. s. w. pirtes pferd einen hinlänglichen beytrag als nem lichen einem seniori 200, einem inneren des raths 50 und einem stadtgerichtsbeisiczer 25 fl. gegen bescheinigung erlegt werden». An den Stadt-Zeug wart Ospel erging am 9. Juli 1740 der Auftrag «die in dem burgerl. zeughause befindlichen schäbe räckhen und andere hierzu erforderliche requisiten so viel, als er burgermeister der vonnöten haben wird, dem Joseph Täpler, gern, statt steurambtsver wanthen gegen dessen quittung; dem herrn Joseph Carl Freywillig aber als obristwachtmeistern das benötigte kurze gewöhr sambt denen gelben f linten vor die leibschüzen;5) dann dem Remmel die erforderliche cuirasse, pöckelhauben und goller gegen beeder umliegenden bescheinigung ausfolgen zu lassen». Laut Dekret vom 20. August an den Oberkämmerer wurde derselbe angewiesen, «denen 8 haubtleuthen von denen 8 burgerl. infan teriecompagnien zu einem beytrag für die music jedem 63 fl, zusamben also 5°4 fl aus gern, statt obercammerambt verabzufolgen».' Da es beim Einzuge, wie die erwähnten Kürasse, Pickelhauben und Koller beweisen, Berittene gab, dürften die vier Standarten aus der Zeit Karls VI. (Kat. im Gr.-Nr. 1071 und 1137) vielleicht anläss lich dieses Einzugs angefertig't worden sein. An datierten Feuerwaffen aus dieser Periode weist die Sammlung auf: 30 Stück Musketenrohre samt Gabeln, Bandeliers und hölzernen Patronen Kapseln mit Jahreszahl 1661 und Wiener Stadtwappen (Kat.-Nr. 775—782, 793—801 in Gr.-Nr. 818 u. 869), ferner 24 Wallbüchsen mit Jahreszahl 1661 und Wiener Wappen (Kat.-Nr. 1056 und 1058). Im Jahre 1660 machte die Stadt eine Probe bestellung auf 33 Stücke neue Musketen «bei den Niderlendischen püchsenmachern und rohr schmidten zu Wiener Neustadt und zwar mit schüfften, schnäppen und zuegehörungen» zum Preise von 2 fl. 45 Xr. per Stück. Als Material wurden vorhandene «alte toppeihacken und röhren» beigestellt (Oberk.-R. 1660, Ausg. Fol. 122 a). Später wurden aus dem alten Materiale zum selben Preise 200 Stücke (L. c. Fol. 122 b) und dann noch 267 Stücke (L. c. Fol. 124a) bestellt, die theilweise erst im Jahre 1661 geliefert und bezahlt wurden (Oberk.-R. 1661, Ausg. Fol. 147a). Im Jahre 1660 wurden auch in 2 Posten: 298 und 300 «doppel hacken», die im Kataloge als «Wallbüchsen» be zeichnet werden, bezogen (L. c. Fol 122b und 124a). Der Preis für einen Doppelhacken betrug 5 fl. 44 Xr. Aus der Rechnung des Jahres 1661 (Ausg. Fol. 143a) erfahren wir den Namen eines der «nider ländischen püchsenmacher» in Wiener Neustadt: Dietrich Gross. Im Jahre 1662 wurden an den 5) In der kaiserl. Armee waren die Leibschutzen, später als Fourierschützen bezeichnet, die Novizen für die Unteroffizierscharge; Ottenfeld u. Teuber 1. c. S. 56. io. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Bürger und Drechsler Paul Mayr in Wien die 5000 385 Den 6. Oktober bezahlte der städtische Ober «päntilier» bezahlt, die er zum Einheitspreise von 1 fl. 5 Schillinge 10 Pfenn. für jedes 100, geliefert hatte (Oberk.-R. 1661, Ausg. Fol. 146 b). Aus dem Jahre 1661 enthält das der Genossen schaft der Bäcker gehörige, sogenannte Bäckerbuch die Abbildung eines Viceleutnants der Wiener Bürgerwehr.1) Ein Jagdgewehr mit Jahreszahl 1675 und Lauf von Melchior Puxbaum ist unter Kat. Nr. 941 und eine gezogene Radschlossbüchse mit Jahreszahl 1694 unter Kat.-Nr. 713 ausgestellt. Auf dem Radschlossrohr Kat. in Gr.-Nr. 750—752 findet sich der Name Marcus Zellner Wien.2) Die Stadt machte im 18. Jahrhundert bedeutende Anschaffungen von Flinten: So im Jahre 1706: 260 Stück Flinten mit Ba jonett, gekauft von Herrn Wenighoffer, k. k. Plof cammerbuchhaltereyverwandten um den Preis von 600 fl.,3) im Jahre 1707: 500 saubere Sultzer Flinten mit Bajonetten «in selbiger güete und grosse, aller massen aine diser tagen in rath producirt worden» zum Preise von 4 fl. 10 kr. per Stück,4) im Jahre 1714: 402 Stück von Herrn von Tal haimb, um 3 fl. 45 kr. das Stück,5 6) im Jahre 1721: 2000 Stück, eingeführt von Suln,8) im Jahre 1722: 500 Stück «gueter die prob schusshaltender und mit mössing beschlagener» Flinten samt den Bajonetten dazu, bei Dominicus Asimus, «bürgerl. pixenschifter» in Wien bestellt, das Stück um 4 fl. ins Zeughaus zu liefern.7) In diese zweite Periode der Bürgerwehr und zwar in das Jahr 1663 (nicht wie Weiss berichtet, in dasjahr 1666)8) fällt dieErrichtung von 4 neuen Stadtkompagnien, so dass es seither 8 Stadt kompagnien gab. *) Reproduziert in Weiss, Gesch. Wiens. Bd. II, TafelX zu S. 404. 2) Nach Boeheim, Meister d. W. S. 243 war Marcus Zellner für Kaiser Karl VI. thätig. 3) Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 137/1706. 4) Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 35/1707. 5) Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 131/1714. 6) Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 124/1721. Suhl, im Hennebergischen Gebiete im Thüringer Walde, derzeit Königl. preuss. Regierungsbezirk Erfurt, ein bedeutender Fabrikations ort von Büchsen; siehe Boeheim in Zeitschr. f. hist. W. Bd. I, S. 180 und Beck, Gesch. des Eisens Bd. II, S. 440. 7) Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 126/1722. 8) Zeitschr. f. hist. W. Bd. II, S. 303. kämmerer9) dem Schlosser Jacob Degez in Wien die von diesem gelieferten «8 markheysen zu mer kung jeder Compagnie gehöriges ge währ». Den 4. August erhielt der Pergamentmacher Englbrecht Stainmüllner10) «wegen der für die vier neu auf gerichten Stattcompagnien gemachten 8 neuen trumelspüllcn 2811.». Ferner zahlte der Oberkämmerer am 9. August dem Schneidermeister Peter Seybaldt «wegen der zu dennen 4 neu aufgerichten statt compagnien von gurtldaffet verfertigten mit ge wöhnlichen färben gezierten, neu gemachten fahnen die desswegen vor jede geschlossene 40 [?] fl., zu sammen 169 fl.» und am 11. August dem Maler Hieronimus Kolb «wegen Übermahlung obberührter 8 trumein mit gern, statt wappen die desswegen mit ihme geschlossene 10 fl.». Besonders wichtig ist die folgende Eintragung der Rechnung des Jahres 1663: «Den letzten december zahlte ich (der Oberkämmerer) dem herrn Hansen Nactrap, trülienmaistcr under alhiesiger statt quardi11) wegen exercierung und trüllung der alhiesigen burgerschaft in abschlag der mit ihme auf ain jahr geschlossnen 130 fl., benentlichen 54 fl. 1 sol. 10 den. welche sich den 6. august 1663 an gefangen, und den 6. jenner 1664 verfallen werden.» Die Stadtvertretung beschäftigte sich also damals ernstlich mit der Eventualität eines Krieges, in dem die Bürgerschaft ihre Tüchtigkeit in der Führung der Waffen zu erproben gehabt hätte. Die letzte Bezahlung erhielt Nactrap am 6. Juli 1664 für die Zeit bis 6. August 1664, bis zu welchem Termin der Kontrakt mit ihm lautete (Sammler des Jahres 1664, Ausg. Fol. 174b), der dann nicht mehr erneuert wurde. Die damals so gefahrdrohenden Kriegsaussichten mit einer eventuellen Bedrohung Wiens durch die Türken in den Jahren 1660—1664, die auch Veranlassung zu den oben angeführten Gewehranschaffungen gewesen waren, von welchen sich Exemplare in der städtischen Sammlung erhal ten haben, waren durch den Sieg Montecuculis bei St. Gotthard am 1. August und den darauf folgenden Frieden von Eisenburg am 10. August 1664 gebannt worden.12) 9) Oberk.-R. 1663, Ausg. Fol. 114a. 10) L. c. Fol. 163aff. n) Ueber die Stadtguardia wird im III. Hauptabschnitte: Söldner gehandelt werden. 12) Krön es, 1. c. 586, Litteratur Uber diesen Zeitraum ebenda S. 583. Berichtigung. Bei den Unterschriften der diesem Aufsatz beigegebenen Abbildungen auf Seite 305 (Heft 8) ist ein Irrtum untergelaufen. Bei der Abbildung links muss es heissen «aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (1560—1580)», bei der Abbildung rechts »aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts (1540—1560)». 386 Hakenbüchse Gewichtl , (der ganzen Länge j Waffe Material) des Länge j Laufes Länge der Seele Kaliber Verhältnis des Ka libers zur Seelen länge Konstruktion des Laufes Haken Zündloch Zeitschrift für historische Waffenkunde. Entwickelung und Gebrauch der Handfeuerwaffen. Von k. u. k. Oberstleutnant P. Sixl in Kaschau. Nachträge zu c) «Die eisernen Hakenbüchsen» Heft 9, S. 316. ierher gehören eine Haken büchse im Königlichen Zeughause zu Berlin, Fig. 71a (Nummer 27, Seite 176 des Führers) Eiserne Hakenbüchse Visier-Punkte Königl. Zeughaus Berlin nicht vorhanden und eine Hakenbüchse im Historischen Mu seum zu Luxemburg,2) 81 cm lang II. Band. Historisches Museum Luxemburg — 79 cm lang von Eisen, stabartig, in das rückwärtige Laufende eingeschweisst, nach aufwärts Fig. 71b. Eiserne König!. Zeughaus Berlin 20 kg 205 cm Schmiede-Eisen 124 cm 121 cm 28 1 : 43-2 über denDorn geschmie det ; vorne achtkantig, rückwärts cylindrisch, einfache Arbeit 35 cm von der Mündung entfernt ist unterhalb am Laufe ein Haken ange schweisst gewesen, der selbe ist abgebrochen und durch einen auf geschobenen Ringhaken ersetzt befindet sich oberhalb trichterförmig, rund 1,3 cm bis 2,1 cm im Durchmesser; rechts seitwärts ein zweites, rechteckiges, eingetriebenes, aber nicht durchgehendes Loch *) Die genauen Daten sowie die photographische Ab bildung erhielten wir durch die ausserordentlich sachgemässen und überaus liebenswürdigen Bemühungen des Herrn Direktors v. Ubisch und des Herrn Assistenten R. Wegeli des König lichen Zeughauses zu Berlin, was wir mit bestem Dank be sonders hervorheben. 2) Oberst v. Cohausen in den «Annalen des Vereins für nassauische Altertumskunde» Bd. 18, 1883 — 84, 229 und T. IV. Schaft Historisches Museum Luxemburg — 206 cm Fundort gebogen, endigt rückwärts in einen Griff; der rückwärtige Teil ist aus der verti kalen Schussebene nach links heraus gedreht, so dass man über den Lauf visieren konnte nicht bekannt, stammt aus Westfalen — Die Nebeneinanderstellung der Maasse und Kon struktionsdaten ergiebt, dass beide Flakenbüchsen nahezu gleich waren; es ist daher zulässig, die 127 cm — 30 fern — 27 cm von der Mündung ist unterhalb am Laufe ein 7 cm langer Haken ange schweisst befindet sich oberhalb, napfförmig fehlenden Daten bei der Luxemburger Büchse durch jene der Berliner Büchse zu ergänzen. Der für den abgebrochenen, ursprünglich an geschweissten Flaken aufgeschobene Ringhaken wurde schon bei der Pilsener Hakenbüchse, F'ig. 66, Nr. 7, konstatiert und besprochen. Nachdem die Berliner Büchse nach einer ge nauen photographischen Aufnahme dargestellt ist, so kann man sich die äussere Gestalt der Luxem burger Büchse in ähnlicher Weise vorstellen. Seite 318, Spalte 2, nach dem 3. Absatz von oben, ist einzuschalten: Die bisher beschriebenen grossen Hakenbüchsen, Fig. 72—75, hatten den rückwärts eingeschobenen Stangenschaft; es folgen nun geschäftete Haken büchsen, welche infolge ihres Gewichtes und auch infolge der Konstruktion in diese Gruppe eingeteilt werden müssen. Eine geschäftete Hakenbüchse mittlerer Grösse befindet sich im Königlichen Zeughause zu Berlin, Fig. 76 (Nr. 105, Seite 182 des Führers). Dieselbe besteht aus Lauf und Schaft. Der Lauf ist aus Schmiedeeisen, 92 cm lang, über den Dorn geschmiedet, rohe einfache Arbeit, aussen cylindrisch, gegen die Mündung ganz wenig verjüngt. 18 cm von der Mündung entfernt ist unterhalb am Laufe ein 12 cm langer Haken mit Loch an geschweisst. Länge der Seele 86,5 cm, Kaliber 24 mm, Ver hältnis des Kalibers zur Seelenlänge 1 : 36. Das Zündloch befindet sich rechts seitwärts, die angeschweisste Zündpfanne ist abgebrochen. io. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Oberhalb an der Mündung- ist ein aufgetriebenes 38; Am Kolben ist noch ein länglich geformter eiser Korn, rückwärts oberhalb am Laufe ist ein Visier Einschnitt vorhanden. Der Schaft ist aus Eichenholz, wahrscheinlich noch original, mit geradem blockartigen Kolben. ner Ring aufgeschoben, welcher augenscheinlich die rückwärtige Verbindung von Lauf und Schaft, ähnlich wie bei Fig. 63 und 64, herstellen sollte, Länge der ganzen Waffe 126 cm. Fig-. 71a. Eiserne Hakenbüchse im Kgl. Zeughaus zu Berlin. Die-Verbindung zwischen Schaft und Kolben wird durch einen Querstift hergestellt, welcher durch Schaft und Haken geht; im rückwärtigen Teile dürfte unterhalb noch ein Oehr vorhanden sein, jedoch ist an der Aussenseite des Schaftes ein Loch für den Querstift nicht sichtbar; eine Trennung von Lauf und Schaft ist derzeit unthunlich. Die Flintenlauffabrikation zu Burg a. d. Wupper. Den auf S. 257 des 1. Bandes gegebenen Nachrichten folgt nunmehr zunächst ein Abdruck aus den Gülich und Bergischen Wöchentlichen Nachrichten, Jahrg. 1769, Nr. 5, wie ihn Herr Karl vom Berg jr. in der Monats schrift des Bergischen Geschichtsvereins, 7. Jahrg., S. 225 bis 26, Elberfeld 1900, mitteilt: «Avertissements. Dass die von Seiner Churfürstlichen Durchlaucht Johann Wilhelm höchstseeligsten Andenkens gnädigst privilegiirte Flinten-Läufen Fabrique im Herzog thum Berg in der Freyheit Bourg in der ganzen Welt bekant und berühmet, solches berichtet in einer Offen kundigkeit. Gleichwie sich aber in der That geäussert, dass die Bourger Zeichen auf Lüttig- (Lütticher), Essendisch (Essener) und sonstig auswendige schlechte Flinten-Läufe fälschlich nachgemacht, eingeschlagen und für Bourger Gewicht der ganzen Waffe 16 kg. Besondere Zeichen oder Marken sind nicht vorhanden, als Fundort wird die Kirche zu Dembowa-Lonka in Westpreussen ge nannt; Entstehungszeit: um die Mitte des XV. Jahr hunderts.1) *) Die beiden folgenden Hakenbüchsen müssen nun mit Fig. 7/ und Fig. 78 bezeichnet werden. Gewehr verdebitiret worden. Wodurch dann diese so viele Jahren her berühmt gewesene, gnädigst privilegiirte Fabrique eine Zeitlang nicht allein benachtheiliget, son dern auch das Publicum schändlich angeführt worden. Um aber künftig dergleichen Unterschleiffen und falschen Nachschlager vorzubiegen, werden alle Kenner und Liebhabere tüchtig- und aufrichtiger Bourger Flinten Läufen, auch deren Spediteurs nachrichtlich ersuchet, sich directe oder schriftlich bey den gnädigst privilegiirten dreyen Fabriquanten zu Bourg, Jacoben Schmit, Peteren Schmit und Arnolden Huz, der Bestellung halber zu melden, welche sodan nach belieben sowohl mit damas cirten, gewunden, gezogenen, als auch blau polirten und sonstigen tüchtigen und wohl probirten Flinten-Läufen in civilem Preyss an Hand zu gehen, nicht ermanglen werden.» Ferner sei hier auf eine Notiz aus dem um die Mitte der 1830 er Jahre zu Elberfeld gedruckten «Offi ciellen Adress-Buch für Rheinland -Westphalen» von Rüttger Brüning hingewiesen, die auf den Büchsenmacher Nathanael Böntgen zur Linden (Gemeinde Höhscheid bei Solingen) als denVerfertiger vorzüglich guter gezogener Büchsenläufe, welche unter dem Namen «Burgerläufe» bekannt sind, aufmerksam macht. A. Weyersberg. 388 Zeitschrift für historische Waffenkunde. XI. Band. interesse nachträglich in die wieder erhitzte Klinge einschlagen, wenn ihm deren Marke noch nicht als genügende Empfehlung erschien. So bewahrt z. B. das Königl. Historische Museum zu Dresden eine Waffengarnitur (E, 135 a—e), deren Rapier en klinge von einem T signierenden trefflichen Schmied Tornas in Valencia herrührt und dabei ebenfalls den Namen Johan Delorta in genau derselben Verstümmelung, wie auf Ihrer Klinge, zeigt. Schon aus der unrichtigen Schreibweise Johan Delorta, anstatt Juanes de la Horta, geht hervor, dass Antwort auf Frage 6: Die Ritterfiguren auf dem Griffe dieser seltenen Waffe erinnern auffallend an die alten Fälschungen, welche in den Zeiten der Romantiker in den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts angefertigt wurden und gelegentlich heute noch in Sammlungen und Auktionen ihren Spuk treiben. Es sind eingelegte oder geschnitzte Waffen, getriebene oder gravierte Schilde, eingelegte Holz tische u. dgl. m., welche Ritterdarstellungen, meist Turniere, zeigen, die an alte Holzschnitte und Miniaturen anlehnen, dabei aber durch die unverstandenen Rüstungen und für die späte Zeit charakteristischen Federbüsche ihr wahres Alter verraten.1) Forrer. Frage 7: Oberleutnant K. in H. legt uns ein Rapier vor, dessen bis zur Spitze hohl ausgezogene Klinge als Meister marke ein gekröntes G führt; auf der einen Seite der Klinge sind die Worte DNS (Dominus) MIHI ADIVTOR, auf der anderen der Name IOHAN DELORTA in den bekannten spanischen Schrifttypen eingeschlagen. Der Besitzer des Rapiers ist nun in Zweifel darüber, in welchem Zusammen hänge der Stempel G, der ihm aus Wendelin Boeheims Hand buch der Waffenkunde als derjenige des Lupus Aquado be kannt ist, mit dem Namen des im genannten Werke gleichfalls aufgeführten Klingenschmiedes Johannes Delaorta stehe, und fragt an, ob etwa der Schluss zu ziehen sei, dass beide Klingenschmiede eine Werkstatt gemeinsam betrieben haben. Antwort auf Frage 7: Es steht durchaus nicht ver einzelt da, dass echte spanische Klingen aus dem 16. und 17. Jahrhundert neben ihrer Meistermarke noch den Namen eines anderen spanischen Klingenschmiedes aufweisen. Diesen Namen liess der zeitgenössische Klingenhändler aus Geschäfts 1) Ich schliesse mich dem Urteil des Herrn Dr. Forrer betr. der Figuren an. Die Waffe selbst, deren Bestimmung der Herr Besitzer richtig angiebt, kann echt sein. Gefälscht ist nur der elfenbeinerne Handgriff — die Beischrift sagt bei der Abbildung fälschlich Blei anstatt Bein —, den ich auch sonst an keinem Exemplare dieser Wurfspiesse in diesem Material kenne. Koetschau. Kongl. Lifrustkammaren och dermed Förenade Sam lingar. Andra Delen Frontespis och Planscherna utförda vid Generalstabens Litografiska Anstalt under Ledning af A. Lagrelius, Anstaltens Föreständare. Text af C. A. Oss bahr, Intendent vid Samlingarna. Generalstabens Lito grafiska Anstalts Förlag. (Text schwedisch und französisch.) Wendelin Boeheim hat die Bedeutung der Veröffent lichung von besonders hervorragenden Stücken der Stock holmer Leibrüstkammer im 1. Bande dieser Zeitschrift (S. 123L) gebührend gewürdigt. Die Fortsetzung, die am Schlüsse des die Inschrift nicht echt und nur zu Reklamezwecken, jeden falls von deutscher Hand, auf der Klinge angebracht worden ist. Genau so wie hier, verhält es sich mit Ihrer Klinge, die unzweifelhaft von Lupus Aquado stammt. Wenn Sie Ihr Rapier recht aufmerksam betrachten, so werden Sie überdies wahrnehmen, dass trotz der gleichen Schrifttypen beide Klingeninschriften doch einen merklichen Unterschied aufweisen. Es treten nämlich die Buchstaben in dem Spruch DNS MIHI ADIVTOR in viel reineren Konturen hervor, als in dem Namen IOHAN DELORTA. Beide Klingenschmiede arbeiteten, ein jeder für sich, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Aquado in San Clemente, de la Horta an einem anderen Orte in Spanien. Die Klingen des Letzteren waren aber besonders in Deutschland sehr gesucht, weshalb mit seinem Namen häufig Missbrauch getrieben wurde. Ein solcher Umstand dürfte auch W. Boeheim zu der Annahme verleitet haben, dass einem Delaorta (recte de la Horta) auch das S als Marke zuzuschreiben sei (vgl. Handbuch der Waffen kunde, S. 668). Dem können wir indes nicht beipflichten, da unseres Erachtens dort, wo beide Signaturen auf einer und derselben Klinge Vorkommen, wie im Musee d’Artillerie zu Paris, das S entweder nicht zum Namen oder aber der Name nicht zum S gehört. Als die einzig richtige Marke de la Hortas ist ein A anzusehen, wie es auf Seite 235 im Katalog der Real Armeria zu Madrid, ferner auf den Seiten 103 und 291 im Führer durch das Königl. Histor. Museum zu Dresden und endlich (hier aber ziemlich flüchtig) auf Seite 669 in Boeheims Waffenkunde abgebildet ist. M. v. E. Frage 8: In meiner Sammlung mittelalterlicher Ge schütze befindet sich ein 25 cm langes eisernes Rohr (mit Eisenreifen und Zündloch) aus der Zeit um 1400, darauf fol gende Zeichen eingeschlagen sind: Sind das vielleicht Maass- resp. Grössenzeichen und was bedeuten sie? Forrer. vorigen Jahres Erschien, stellt sich im wesentlichen als eine Ergänzung dar, die namentlich den historischen Kostümen zu gute kommt. Gerade das musste nach den Proben, die der 1. Band gegeben hatte, als besonders wünschenswert erscheinen. Denn keineSammlung ausser dem Kgl. Historischen Museum in Dresden hat derartige Bestände aufzuweisen, die ebenso wohl dem Kostümkundigen, wie dem Historiker von Bedeutung sein werden, sicherlich aber auch jeden anderen Betrachter, den keine historischen und technischen Fragen dabei beschäftigen, wegen ihrer fein abgestimmten farbigen Wirkung und des Geschmackes in dem schmückenden Bei werk fesseln dürften. Vielleicht hätten die Herausgeber gut gethan, eines der Gewänder in farbiger Nachbildung zu ver öffentlichen. Dass es der von A. Lagrelius vortrefflich ge leiteten Anstalt des Generalstabes, welche die Herstellung der Tafeln musterhaft besorgt hat, keine Schwierigkeiten gemacht hätte, beweist die schöne erste Tafel, welche in prachtvoll leuchtenden Farben eine etwa um 1700 gefertigte io. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. russische Paukendecke in Stoff und Applikationsarbeit sehr 3S9 schnitte: «Begleitworte zur vor- und frühgeschichtlichen gut charakterisiert. Ueberhaupt wird, wer ein Freund von Stickereien ist, mit ganz besonderem Genuss diesen Band durchblättern. Aber auch derjenige, welcher in erster Linie nach Waffen sich umsieht, wird seine Rechnung finden. Vorab durfte ihn die dem Ganzen vorangestellte Heliogravüre erfreuen, welche in den Hauptsaal der Leibrüstkammer mit seinen aus dem 1. Bande d. Z. schon bekannten Schätzen an Rüstungen und mit seiner imponierenden Masse von Fahnen einen Einblick gewährt. Ausserdem sind noch 15 Tafeln den Waffen gewidmet, darunter einige, die Einzelteile von Rüstungen bringen, welche im 1. Bande in ihrer Gesamtheit dargestellt waren. Nun erst sind diese wichtigen Stücke zu stilistischen Vergleichen gut zu gebrauchen. Der Raum zwingt mich, nur auf einige meines Erachtens besonders bemerkens werte Gegenstände und auf einzelne Stellen des Textes hin zuweisen, den in seiner Knappheit und Klarheit so nur ein Kenner vom Range Ossbahrs schreiben konnte. Hervor gehoben seien also: der Helm einer Rüstung von K. Lochner (1560), ein mit herrlichen Ornamenten in Goldtausia ge schmücktes Bruststück italienischer Herkunft (1560—1570) und Helm, Brust- und Rückenstück einer Karl IX. gehörigen Paraderüstung, die so nahe mit der bekannten Dresdner Pracht rüstung Christians II. verwandt ist, dass man an denselben Meister denken muss. Ossbahr hat in seinem kurzgefassten, aber klaren Text sich der Ansicht M. von Ehrenthals ange schlossen, dass dieser Meister der Goldschmied Heinrich Knopf aus Nürnberg gewesen sei, wie schon von H. Hettner ver mutet worden war. Hoffentlich ist damit der Künstler als Plattner und Schöpfer der schönsten Prunkrüstungen, die sich erhalten haben, in die Waffenkunde endgültig eingeführt. Von den beiden abgebildeten Degen, die beide aus dem Be sitz Gustav Adolfs stammen, trägt der eine die jetzt so viel besprochene Inschrift Frangia. Ossbahr nimmt den Vorschlag Erbens Uber ihre Deutung an, wie er denn auch die Herkunft der Klinge als steirisch bezeichnet. Auf Tafel 19 sind einige Tschinken dargestellt. Ich erwähne sie nicht etwa, weil ihre Schönheit einzig dastünde — diese Art des Gewehrs scheint ja besonders gut ausgestattet worden zu sein, und so finden sich in den grösseren Sammlungen fast immer eine Anzahl schön verzierter Stücke —, sondern weil Ossbahr an der Vermutung, dass ihr Name mit der schlesischen Stadt Teschen zusammenhinge, festhalten zu wollen geneigt scheint. Die Gründe, die dafür vorgebracht werden, sind beachtenswert. Ich vermag aber damit noch nicht in Zusammenhang zu bringen, wie sich der neben der Bezeichnung «Tschinke» herlaufende Name «kurländische Büchse» erklärt, der in den alten Dresdner Inventarien vorkommt. Jedenfalls weist ja auch er auf den Osten Europas. Hier wird aber erst die linguistische Untersuchung der Waffenkunde Aufklärung schaffen können. — L’appetit vient en mangeant: der so gut gelungene zweite Band erweckt den Wunsch nach weiteren Fortsetzungen in dem Betrachter, der gewiss diese neueste Leistung der beiden Herausgeber nicht ohne herzlichen Dank aus der Hand legt. Er möge ihnen an dieser Stelle auch von mir ausgesprochen sein, der ich ebenso viel Genuss als Belehrung aus ihrer Arbeit schöpfte. Koetschau. R. Forrer, Zur Ur- und Frühgeschichte Elsass-Loth ringens. Nebst vor und friihgeschichtlicher Fundtafel mit 192 Abbildungen in Licht- und Farbendruck. (46 Seiten und 1 Tafel.) Strassburg, K. J. Triibner. 1901. Die beste Denkmalpflege besteht in klarer, anschaulicher Belehrung des Volkes über die Gegenstände, für welche man seinen Schutz fordert. Diesem Gesichtspunkt verdankt die Forrersche Arbeit ihre Entstehung, ihre Förderung durch Behörden und Verleger. Es ist eine vorbildliche Leistung damit geschaffen worden, die man in allen Ländern des Reiches nachahmen sollte. Der warmherzig geschriebene, knappe, aber Uber alles Nötige hinreichend unterrichtende Text zerfällt in zwei Ab Fundtafel» und «Ueber die Vorzeit des Landes Elsass-Loth ringen. (Vor- und frühgeschichtliche Kultur, Typologie und Völkergeschichte.)» Uns geht mehr die erste als die zweite Abteilung an, so viel des Bemerkenswerten sie auch enthält und so weit sie auch über die örtlichen Grenzen hinaus, namentlich wegen der Methode der Darstellung, Aufmerksam keit beanspruchen kann. Die Tafel, deren sehr gute, namentlich in dem kräftigen Kolorit und der deutlichen Stoffcharakteristik gelungene Dar stellungen von dem Verfasser selbst und dem Strassburger Maler Leo Schnug angefertigt worden sind, zeichnet sich durch grosse Klarheit in der Anordnung aus. Jedem muss aus der chronologischen Reihenfolge der Typen fast auf einen Blick die Entwicklung jener Geräte klar werden, deren die menschliche Kultur von Anfang an nicht entraten konnte. Und dazu gehört nicht zuletzt die Waffe. Ich hoffe, dass ich in nicht zu ferner Zeit in der Lage sein werde, für dieses Sondergebiet den Lesern der Zeitschrift ausführliche Dar legungen bewährter Mitarbeiter unterbreiten zu können, da mit die historische Waffenkunde endlich einmal die Scheu ablegt, in die vorgeschichtliche Zeit sich zu vertiefen, und nicht länger zögert, sich bei entwicklungsgeschichtlichen Forschungen um die Anfänge zu kümmern, die bisher nur von Jähns in seiner Entwicklungsgeschichte der alten Trutz waffen in ihrer vollen Bedeutung recht gewürdigt worden sind. Die Tafel zerfällt in fünf Abschnitte: Steinzeit, Bronze zeit, Eisenzeit, Römerzeit und Völkerwanderungszeit, jeder Abschnitt wieder in mehrere Unterabteilungen. Senkrechte Striche trennen die Abteilungen voneinander. Wo auf diesen Gegenstände liegen, ist damit angedeutet, dass sie der Ueber gangszeit angehören oder sowohl in dem einen wie in dem anderen Zeitabschnitt verkommen. Dieses Verfahren ist um so mehr zu loben, als ein schematisches Einpressen in einen bestimmten Zeitraum zu verkehrten Vorstellungen fuhren muss. Denn keine Wandlung in der Kultur erfolgt plötzlich und ohne Ausgleich mit dem Vorher und Nachher. Diese Zwischenstufen aber scheint mir die Vorgeschichte bisher nicht genügend betont zu haben. Aus der Forrerschen Tafel jedoch wird klar, wie die verschiedenen Kulturen sich nur allmählich ablösen, allmählich ineinander übergehen, und der Zusammenhang aller Entwicklung wird so dem nach denkenden Betrachter recht sinnfällig vor Augen gebracht. Neben der Anordnung ist die Auswahl zu loben. Es ist darauf gesehen worden, typische Formen, Paradigmata in gewissem Sinne, zu geben, nicht aber den Zufälligkeiten der Funde zu folgen. Deshalb sind richtigerweise auch einige nicht in Elsass-Lothringen gefundene Gegenstände, die aber schliesslich doch jeden Tag dort gefunden werden können, herangezogen worden. Gerade diese auf das Typische hin arbeitende Auswahl giebt der Veröffentlichung ihren Wert über die Grenzen der Reichslande hinaus. Der kurze Text, der auf der Tafel selbst steht und der auch eine Notiz darüber enthält, wohin man sich mit gefunde nen Gegenständen wenden soll, macht zwar das Buch nicht entbehrlich, genügt aber doch auch für sich allein schon, um über alle wichtigen Merkmale einer Kulturepoche so zu unterrichten, dass sie sofort in unserem Geiste Leben gewinnt. Der Forrerschen Arbeit, die einen geschmackvollen und opferwilligen Verleger fand, ist weiteste Verbreitung und Nachahmung zu wünschen. Die nächste Frucht, die ich für die Waffenkunde gern reifen sehen möchte, wäre eine Tafel mit den typischen Entwicklungsformen der Waffen in vorgeschichtlicher Zeit. Koetschau. Internationale Bibliographie. Kunstwissenschaft. Herausgegeben von Arthur L. Jellinek. Erster Jahrgang 1902. Erstes Heft. Berlin, B. Behrs Verlag. (Jährlich 6 Hefte. Preis 10 Mark pro Jahr.) Die Bibliographie der historischen Waffenkunde ist immer noch ein frommer Wunsch. Zwar lässt mich der freundliche Anteil, den einige Leser der Zeitschrift daran 39° Zeitschrift für historische Waffenkunde. nehmen, hoffen, dass sie noch einmal erscheinen wird und II. Band. in Betracht, namentlich der letzte, der die Heraldik behandelt. die Vorarbeiten des Herrn Dr. Hampe nicht vergeblich ge leistet sein werden, aber Uber den Zeitpunkt, wann dies erfolgen kann, lässt sich jetzt noch nichts sagen. Schlimm genug, denn so lange eine Sonderwissenschaft ihre Biblio graphie noch nicht hat, gleicht sie einem Handwerker, dem die nötigsten Geräte fehlen. Mit Freuden begrüsse ich des halb das Erscheinen der angezeigten Bibliographie, der man mit um so grösserem Vertrauen entgegensehen darf, alsjellinek, ihr Herausgeber, einen wohlbegründeten Ruf hat. Zwar erfreut sich die Kunstwissenschaft in ihrem «Repertorium» schon einer f leissig gearbeiteten Bibliographie, aber diese konnte doch bisher nicht rasch genug den Erscheinungen des Büchermarktes folgen. In diese Lücke wird die Jellineksche Arbeit eintreten. Ihre Anordnung ist klar durchgedacht. Im 8. Abschnitt, der das Kunstgewerbe behandelt, sind unter F zusammengefasst: «Eisenarbeiten, Waffen, Uhren, Bronzen». Daneben aber kommen noch andere Abschnitte für den Waffenhistoriker Die typographische Ausstattung ist lobend hervorzuheben.. Das Papier ist kräftig, wie es sich für ein Nachschlagebuch gehört, der Satz ist nicht, wie meist bei Bibliographien, eng zusammengedrängt, die einzelnen Schriftarten, geschickt ge wählt, lenken das Auge auf das, was es zunächst zu finden wünscht, wenn es suchend die Spalten durcheilt. Da die Bibliographie nicht etwa auf die Aufzeichnung von Büchern sich beschränkt, sondern auch die so leicht dem Forscher entgehenden Arbeiten verzeichnet, die in Schul- und Vereins schriften, allgemeinen Revuen und Tagesblättern erscheinen, wenn sie nur einigermassen Anspruch auf Bedeutung haben, kann die Waffenkunde hoffen, hier einen Ersatz für das zu f inden, was sie selbst noch nicht geleistet hat; freilich nur einen Ersatz, denn wenn sie ihre Aufgabe recht erfasst, muss sie ihre Grenzen weiter stecken, als sie von der Kunstwissen schaft allein für sie gezogen werden können. —Vereins-Nachrichten. -§€>*— Am 2. Mai dieses Jahres wurde der Verein eines seiner erlauchten Gönner, Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Georg von Preussen, Koetschau. durch den Tod beraubt. Sein reger Anteil an aller geistigen Arbeit ist bekannt. Wie jeder, den er damit beschenkte, wird auch unser Verein das Andenken an den hohen Entschlafenen in dankbarer Erinnerung bewahren. Dem Vereine sind als neue Mitglieder beigetreten: Baarmann, Eduard Oskar, Kgl. Sächs. Hauptmann z. D., Herr Alfons Schönberg-Diener, Rittergutsbesitzer auf Schloss Pfaffroda i. S., ist Gründer des Vereins geworden. Vorstand der Kgl. Arsenalsammlung, Dresden-A., Mozart strasse 2. Fikentscher, Joh. Christ. Friedr., Kgl. Sächs. Oberst z. D. und Bezirkskommandeur, Plauen i. V. Krüger, Herrn. Anders, Dr. phil., wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Kgl. Historischen Museum und der Kgl. Gewehrgalerie, Dresden-A., Hähnelstrasse 3. Schreiter, Kurt Richard, Kgl. Sächs. Oberstleutnant z. D., Inspizient der Handwaffen für das Kgl. Sächs. 12. und 19. Armeekorps, Dresden-N., Tieckstrasse 23. Wolff, Karl, Hofphotograph, Neustrelitz i. Mecklenburg Strelitz. Dem vielfach geäusserten Wunsche nach Ein banddecken für die Zeitschrift kann nur entsprochen werden, wenn der Schriftleitung genügend zahlreiche Bestellungen zugehen. Sobald diese eingelaufen sind, kann der Preis festgestellt und die Abbildung eines Mustereinbandes veröffentlicht werden. Die Schrift leitung bittet, bis Anfang August ihr diesbezügliche Mitteilungen auf einer Postkarte zugehen zu lassen, wobei die Bemerkung nicht vergessen werden möge, ob nur für einen Band oder für beide Bände Ein banddecken gewünscht werden. Da im Laufe des Monates August Heft n erscheinen soll, um noch im Herbst mit Heft 12 den zweiten Band abschliessen zu können, ersucht die Schriftleitung, Manuskripte möglichst bald einzusenden. Für Heft 11 wird die Annahme derselben am 15. Juli geschlossen. Herausgegeben vom Verein für historische Waffenkunde. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Dresden. Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. f Karl G i m b e 1. m 23. Mai 1902 ist zu Ba den - Baden Leutenant a. D. Karl Gimbel verschieden — ein Mann, dem die Waffenkunde mancherlei verdankt, ein Mann, der sein Leben dieser jungen Wissen schaft geweiht hat und ihr noch manchen Dienst zu leisten im Begriffe stand. Erst 40 Jahre alt hat ihn ein Herzleiden uns genommen, viel zu früh seinen Freunden, viel zu früh der Waffenkunde. Gimbel’s Vater war Kunstmaler, der sich speziell als Maler von Damenfächern einen be sonderen Ruf erworben hatte — er war aber auch Sammler und einer der besten seiner Zeit. Vom Vater gingen auf den Sohn ebenso die künst lerische Veranlagung, wie die Liebe zu den Kunst werken der Vorzeit über. Karl Georg Gimbel wurde am 25. Mai 1862 zu Baden-Baden ge boren. Er sollte ursprünglich die Rechte stu dieren, aber bald sattelte er um und ward Militär; es folgten mehrere Jahre des Dienstes im Grenadier Regiment König Karl, dann nötigte ihn ein Herz leiden seinen Abschied zu nehmen — dasselbe Leiden, das ihn nun auch uns genommen hat. Der Vater war «universeller» Sammler ge wesen; ihn reizte alles schöne, mochte es gotisch oder Renaissance, mochte es eine reich ciselierte Rüstung, mochte es eine schön geschnitzte Truhe sein. Der Sohn hatte von Jugend auf eine be sondere Vorliebe für Waffen, eine Vorliebe, die ihn nach dem Tode seines Vaters die väterliche Sammlung auflösen liess, um desto intensiver dem geliebten Spezialgebiete dienen zu können. Ein Hauptteil .der väterlichen Sammlung wanderte in den Besitz des Grossherzogs von Baden und bildet heute eine Zierde des Karlsruher Kunstgewerbe museums. Die Waffen behielt Leutnant Gimbel und baute diesen Grundstock im Laufe der Jahre zu einer ganz ' systematisch angelegten Spezial sammlung zur Geschichte des Waffen wesens aus. Damals, d. h. in der Zeit, als sich jene Wand lung vollzog, als er mit dem Waffen sammeln zugleich der Waffen g e s c h i c h t e näher trat, lernte ich ihn kennen, es war kurz vor 1890. Seither standen wir im regen Austausch — der Meinungen sowohl, als der gegenseitigen Samm lungsbestände. Oft lieferten wir uns, sei’s in meinem Heim, sei’s in seiner gotischen Dach kammer inmitten alter Waffen und Rüstungen, schwere Kämpfe in waffengeschichtlichen Fragen, bis wir das richtige gefunden, uns über die Da tierung dieser Waffe, über den Zweck jenes Riist stiickes geeinigt. Die Waffenkunde von Demmin, diejenige von Boeheim, sie wurden Seite für Seite vorgenommen und von uns mit nicht immer gerade zustimmenden Anmerkungen und Ergänzungen ver sehen; aber auch an Selbstkritik fehlte es nicht; mein etwas gar eilig verfasster Katalog der Waffen sammlung Zschille, Gimbel’s Tafeln und Rekonstruk tionen — sie wurden gleich sorgsam unter die Lupe genommen und gemeinsam zogen wir uns die «Splitter aus unsern eigenen Augen». Gimbel ist für uns in mancher Hinsicht eine interessante Erscheinung, so interessant und ori ginell, dass es sich verlohnt, bei seinen ver schiedenen Eigenschaften etwas zu verweilen. Bevor er sich der historischen Waffenkunde zuwandte, war er Sammler. Es gebührt sich, dass wir also zuerst von ihm in jener Eigenschaft sprechen. - Die von seinem Vater übernommenen Waffen waren vor allem Prunkwaffen, d. h. Rüstungen, Helme, Schilde, Schwerter und Hellebarden mit kunstvollen und reichen Ätzmalereien, Incrustationen 52 392 Zeitschrift für historische Waffenkunde. oder Schnittverzierungen. Den Sohn erfreuten die II. Band. Mittelalter war sein Element, hier hat er Prachtstücke zwar, doch mehr noch reizten ihn die einfachen aber formschönen Waffen der Spätgotik. Allmählich dämmerte in ihm der Wunsch auf, auch die Vorläufer jener «blan ken» Waffen, Waffen des 14., 13. und 12. Jahr hunderts zu besitzen, und bald reihten sich an die Helme und Schwerter des 15. Jahrhunderts ein prächtiges Bacinet des 14., zahlreiche aus gegrabene Schwerter und Dolche der gotischen und der romanischen Periode. Mancher Sammler würde sich mit diesen Zeiträumen begnügt haben, aber Gimbel war einerseits zu leidenschaftlicher Sammler, andrerseits zu sehr Forscher, als dass er sich hätte beschränken können. Bald genügte ihm nicht mehr die Heranziehung auch der mero vingisch-fränkischen Waffen, bald sprang er hin über in die älteren Epochen und begann, im Drange, sich an Originalen zu belehren, auch das Sammeln von Waffenstücken aus römischer und vorrömischer Zeit. Bald gestaltete sich seine Woh nung zu einem archäologischen Museum aus und seine Schränke füllten sich mit Waffen der Stein und Bronzezeit, der Hallstatt- und der Tenezeit. Gimbel wollte sich eine Entwicklungsgeschichte der Waffe in Originalen anlegen — dasselbe Ziel, das sich auch Zschille gesteckt hatte — ein schönes Ziel, wenn man es erreichte, aber ein Ziel, das nur mit grossen Geldmitteln zu erreichen war und — mit einer streng durchgeführten Be schränkung auf die einmal gezogenen Grenzen. Weder Zschille noch Gimbel haben sich in dieser Beschränkung halten können, beide gingen über jene natürlichen Grenzen hinaus. Gimbel begann seine Sammlungskreise immer weiter zu ziehen — bald interessierte er sich nicht mehr bloss für die Waffen der Urzeit — er zog auch die übrigen mit gefundenen Dinge in den Kreis seiner Samm lungen, sammelte römische und prähistorische Bron zen aller Art, sammelte fränkische Gräberfunde, kaufte gotische Truhen, endlich gar allerlei ethno graphische Sammlungen aus Afrika, Australien u. s. w., und Uniformstücke, Gewehre, Säbel, Helme, Käppi und Mützen der Soldaten des 19. Jahr hunderts. Das war zu viel — in dem Wunsche heute diese, morgen jene Gruppe neu zu schaffen oder zu erweitern, liess er im Kauf oder Tausch bald diese, bald jene Gruppe seiner Waffensamm lung wieder eingehen — verschwanden bald schöne Waffen der Renaissance, bald die Bronzehelme aus der Sammlung. Freilich, das Sammeln ist eine Leidenschaft und heute reizt uns das, morgen jenes; manches, dessen Besitz gestern uns als das personi f izierte Glück erschien, lässt uns heute kalt, wird kaltblütig wieder ausgeschieden, bloss weil ein neues Ding uns heute noch begehrenswerter erscheint. Trotzdem hat Gimbel bis zu seinem Tode sich stets seine Lieblingsgruppen zu erhalten und oft durch wahre Perlen zu erweitern gewusst. Das sich Serien geschaffen, welche in zahlreichen staat lichen Waffensammlungen nicht besser vorhanden sind, um die ihn jeder Kenner beneiden musste. Das Streitbeil, die Lanze, der Streitkolben, das Schwert, der Dolch, sie lassen sich bei ihm von der Urzeit an durch alle Epochen bis in die Renais sance verfolgen. Hervorragend war seine Samm lung von mittelalterlichen Schwertern, angefangen beim Kurzschwert der cyprischen Kupferzeit und beim Schwerte der Bronzezeit, im Anschluss hieran das Hallstatt- und das Teneschwert, der römische Gladius und die fränkische Spatha, von da weiter in vollständiger Entwicklungsfolge die Schwerter des Mittelalters, der Gotik und der Renaissance. Auch unter den Rüstungen waren frühe und präch tige Typen vertreten, frühe Panzerhemden, mehrere gotische Rüstungen, ebensolche der Maximilians zeit. Gimbels sammelnde Thätigkeit hatte aber nicht bloss den Zweck, sich die «Freuden des Samm lers» zu verschaffen, sie strebte nach mehr, nach tieferem Zwecke; immer mehr brach sich bei ihm der Wunsch Bahn, der Waffengeschichte zu dienen, zu sammeln im Hinblicke auf die vielen auf dem Gebiete der Waffenkunde noch offenen und der Lösung harrenden Fragen. In diesem Bestreben sam melte er nicht nur alte Originale, sondern auch alle diesbezügliche Litteratur und kopierte alte Miniaturen, Grabdenkmäler u. s. w. von waffen geschichtlichem Interesse. Dann ging er einen Schritt weiter und trat ans Rekonstruieren. Er gab den alten Stein und Bronzebeilen, den Franzisken und mittelalter lichen Streitbeilen Holzschäfte, welche denen nach gebildet waren, welche teils in seltenen Originalen, teils in alten Abbildungen auf uns überkommen waren. Er schäftete alte Lanzen und suchte durch allerlei andere Ergänzungen uns jene Waffen klarer zu gestalten, sie der einstigen Wirklichkeit und unserem Verständnis näher zu bringen. Man mag hierüber streiten, das alte Original als unantastbare Reliquie betrachten und dergleichen Restauration und Rekonstruktion verdammen, Thatsache ist, dass sie einen grossen Schritt weiter auf dem Wege zur Kennerschaft führt — es sind gewissermassen «Versuchskarnikel im Interesse der Wissenschaft». Sehr vieles lässt sich ja auf dem Papier recht schön rekonstruieren, aber wenn man sich dann an die Rekonstruktion in natura macht, da lernt man nicht nur viel mehr, die Sache sieht sich oft auch ganz anders an: was auf dem Papier oft sehr schön und plausibel aussieht, erscheint nicht selten ver fehlt, wenn man daran geht, die Rekonstruktion vom Papier in die Wirklichkeit zu übertragen. Diese Erfahrung hat Gimbel mehrfach gemacht und mehrfach hat er Waffenrekonstruktionen be seitigen und neu anfertigen müssen, weil bei der Übertragung vom Papier in die Wirklichkeit die 11. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Handhabung Fehler erkennen liess, an welche auf 393 Format) praktischen Publikation folgte 1898 eine dem Papier gar nicht zu denken waren: «dort Theorie, hier Praxis»! Diese Versuche lehrten aber und bezeugen auch ihrerseits, dass sie nur da Anwendung finden dürfen, wo eine Z u r ü c k v e r s e t z u n g des Originals in den Originalzustand, d. h. ohne Ge fährdung des Originals, möglich ist. Diese Überzeugung brach sich auch bei Gimbel Bahn, und im Laufe der Zeit hat er selbst aus seinen Rüstungsrekonstruktionen immer mehr die alten Originalteile wieder herausgezogen, diese der Sammlung alter Originale wieder eingereiht und an ihre Stelle genaue Kopieen gesetzt. Als erste Veröffentlichung Leutnant Gimbels erschienen 1894 dessen «Tafeln zur Entwich lungsgeschichtederSchutz-und Trutz waffe n in Europa, mit Ausschluss der Feuerwaffen, vom 8. bis 17. Jahrhun dert». Es sind sieben grosse Tafeln, auf welchen Waffen und Waffendokumente nach den ein zelnen Jahrhunderten verteilt abgebildet sich f inden und denen ein kurzer erklärender Text bei gegeben ist. Dieser vorzüglichen und (bis auf das kleine Schrift über «Ein Schwert Markgraf Rudolfs VI. von Baden», darüber in Heft Nr. 10 des ersten Bandes dieser Zeitschrift von W. B o e h e i m referiert worden ist. Endlich, nach Vollendung seiner Rekonstruktionen, erschien in diesem Jahre 1902 kurz vor des Autors Tode das Buch «Die Rekonstruktionen der Waf fensammlung Gimbel», welches ich in der vorhergegangenen Nummer dieser Zeitschrift unter dem Titel „Über Burgen- und Waffenrekonstruk tionen“ besprochen habe. Anschliessend hieran sollte eine eingehende Waffengeschichte folgen, in welcher jedes einzelne Rüst- und Waffenstück seine Behandlung finden, und ein reiches Abbildungs material das Verständnis erleichtern sollte — leider hat die Ausführung ein zu früher Tod verhindert. Aber das, was Gimbel veröffentlicht hat, sichert ihm einen Ehrenplatz im Kreise unserer Waffen forscher — der Verein verliert in ihm einen guten Kameraden und «einen der fleissigsten und tüch tigsten Forscher auf dem Gebiete des historischen Waffenwesens», wie schon Wendelin Boeheim ihn mit Recht genannt hat. R. Forrer. Die Erscheinung- des Schusses und seine bildliche Darstellung,1) Von Paul Reimer, Oberleutnant und Direktions-Assistent beim Feuerwerks-Laboratorium Spandau. ährend noch vor wenigen Jahrhunderten die Maler jede historische Szene skrupellos in ihre eigene Zeit, in die Lebensver hältnisse ihrer Tage übertrugen, sucht die in neuerer Zeit übliche bildliche Darstellung historischer Ereignisse ihrem Gegenstände auch nach der äusseren Seite, dem Orte der Handlung, der Tracht u. s. w. ge recht zu werden. Heute verlangen wir, dass jede historische Darstellung das Ergebnis eingehenden Studiums nach jeder Richtung hin ist und kritisieren scharf jeden kleinen Fehler, der sich z. B. in der Ausrüstung u. s. w. eines Kriegers zeigt, auch wenn !) Erweiterte Bearbeitung eines am 7. Febr. 1901 in der «Gesellschaft für Heereskunde» zu Berlin gehaltenen Vortrages. dieser Fehler nur durch Übersehung einer gerade bei der dargestellten Szene eingetretenen, aber von der Geschichte verbürgten Zufälligkeit veranlasst worden ist. Gestalt und Farbe u. s. w. von Ausrüstungs stücken, Uniformen und Waffen lassen sich fast immer auf Grund von litterarischen Quellen, Ab bildungen, Museumsstücken u. s. w. einwandsfrei feststellen, auch die den Hintergrund historischer Plandlungen bildenden Landschaften werden sich nach dem heutigen Zustande unter Berücksichti gung der in der Zwischenzeit durch Kultur und gewaltsame oder allmähliche Natureinflüsse statt gefundenen Änderungen mit genügender Wahr scheinlichkeit rekonstruieren lassen. Anders liegen die Verhältnisse bei der Darstellung in sehr kurzer Zeit sich abspielender Vorgänge. Hierher gehört die Darstellung des fliegenden Pfeiles oder der Bombe, des galoppierenden Pferdes u. a. m., nicht in letzter Linie auch die des Schusses einer Feuer 52* 394 Zeitschrift für historische Waffenkunde. waffe. Im allgemeinen greift der Maler in solchen TI. Band. Reproduktionen von Schlachtszenen in G. Liebe’s Fällen eine ihm besonders charakteristisch erschei nende Phase der in rascher Aufeinanderfolge wech selnden Erscheinungen heraus und sucht diese je nach seiner Auffassung möglichst naturgetreu wiederzugeben. Wie falsch diese Darstellungen, von denen jede Zeit ihre besonderen Eigentümlichkeiten gehabt hat, mitunter waren, hat erst in neuester Zeit in überraschender Weise die moderne Moment photographie gezeigt. Andererseits haben wir uns daran gewöhnt, die Speichen eines schnell sich drehenden Rades als ein undeutliches Geflimmer dargestellt zu sehen, eine Auffassung, die in jüngster Zeit auch für andere rasche Bewegungs erscheinungen in Anspruch genommen worden ist. Buch «Der Soldat in der deutschen Vergangen heit», aus welchem u. a. einige besonders charak teristische Proben hier (Abb. I —3) wiedergegeben sind, so sieht man Unterschiede in der Auffassung des Schusses, die beweisen, wie wenig geschult einzelne Darsteller in der Beobachtung und rich tigen Auffassung einer so vorübergehenden Er scheinung waren. So ist in der Darstellung des Einzelschusses zwischen Abb. 1 und Abb. 3 ein derartiger Unterschied, dass unmöglich beide rich tig sein können. Die Durchsicht weiterer derartiger Blätter bestätigt die Thatsache, dass die Auffassung der Schusserscheinung sehr individuell ist, obwohl sie sich nach ganz bestimmten Gesetzen abspielt, Fig. 1. Die Plassenburg in Franken. 1553. (Aus G. Liebe, Der Soldat in der deutschen Vergangenheit. Leipzig, Diederichs.) Eine Hauptrolle bei der bildlichen Darstellung von Gefechtsszenen bildet der Schuss, nächst dem elektrischen Funken wohl die kürzeste Erscheinung, die wir kennen. Charakterisiert wird dieselbe durch die Flammen- und Raucherscheinung und daher fin den wir beide Merkmale fast immer bei der Ab bildung einer feuernden Waffe vertreten. Auch hier haben wir uns an eine bestimmte Auffassung der Schusserscheinung seitens der neueren Maler gewöhnt, und wenn auch hier und da nicht un erhebliche Abweichungen in der Darstellung der Gestalt und Farbe der Flammen, wie der Rauch erscheinung auftreten, so weichen sie doch im Charakter nicht so weit von einander ab, wie die entsprechenden Auffassungen von Darstellern frü herer Zeiten. Verfolgt man daraufhin allein die deren Voraussetzungen zu den verschiedenen Zeiten nur sehr geringe Unterschiede zeigten. Welche der vielen verschiedenen Auffassungen nun aber die richtige ist, lässt sich ohne weiteres schwer ent scheiden, es ist dazu zunächst notwendig, zu be trachten, wie die Schusserscheinung überhaupt zu stände kommt. Die Pulverladung einer Feuerwaffe es sei hier nur von Schwarzpulver, und zwar vorläufig nur von gekörntem, die Rede — bildet einen Flaufen oder Klumpen von einzelnen rundlichen oder eckigen Körpern, die jedenfalls Zwischenräume zwischen sich lassen. Wird nun diese Ladung an irgend einer Stelle von aussen her entzündet, so schlagen die hier gebildeten, glühenden Gase so fort durch sämtliche Zwischenräume der Körner ii. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. und entzünden so die ganze Ladung. Jedes einzelne 395 kühlung der Gase zerfliesst, also keine scharfe Um Korn brennt alsdann von der Oberfläche schichten weise nach dem Kern zu ab, es entwickeln sich also bei fortschreitender Verbrennung, da die Ober f lächen der Körner immer kleiner werden, immer weniger Gase. Diese letzteren haben bald eine solche Spannung erreicht, dass der aus der Träg heit des Geschosses, sowie der bei gezogenen Waf fen mit Pressionsführung durch das Einschneiden der Felder des gezogenen Teils in das Führungs material des Geschosses sich ergebende Widerstand des letzteren überwunden wird. Das Geschoss be wegt sich alsdann im Rohr vorwärts und ver grössert so immer mehr den Verbrennungsraum, in welchem die brennenden Körner durcheinander gewirbelt werden. Um nun zu verhindern, dass die durch die erste Ausdehnung der Gase ge grenzung zeigen kann. Bei langen, mit grosser Anfangsgeschwindigkeit und geeignetem, langsam verbrennendem Pulver feuernden Kanonen kann allerdings der Fall eintreten, dass die Geschwindig keit der Pulvergase vor der Mündung zunächst die Oberhand behält über das Bestreben nach seit licher Ausdehnung. In diesem Falle wird alsdann der Feuerstrahl auf eine kurze Strecke vor der Mündung scharf begrenzt sein. Da die Pulvergase eine grössere Geschwindigkeit haben müssen, als das Geschoss, so werden sie dieses überholen und einhüllen, eine Erfahrung, die zur Selbstentzündung der nach vorne zeigenden Geschosszünder benutzt wurde, wenn man auch hier und da den Bomben zünder der Sicherheit wegen vor dem Abfeuern des Mörsers noch besonders mit einer Lunte anzündete. Fig. 2. Belagerung von Stralsund. 1628. (Aus G. Liebe, Der Soldat in der deutschen Vergangenheit. Leipzig, Diederichs.) wonnene Geschwindigkeit des Geschosses bei dem immer geringer werdenden Gaszufluss abnehme, wählte man die Ladung so gross, dass theoretisch gerade die letzten Reste der Pulverkörner ver brennen, wenn das Geschoss das Rohr verlässt. In diesem Augenblick ist die Seele mit einem innigen Gemisch der äusserst fein verteilten festen Verbrennungsprodukte des Pulvers und hochge spannter, glühender Gase gefüllt, welche, den festen Rückstand zum grossen Teil mit sich reisend, als Flamme hinter dem Geschoss herschiessen, sich nach allen Seiten stark ausdehnen und sich ab kühlend verteilen. Jedenfalls bildet die Pulverflamme eine lange, glühende Zunge, die in ihrer Längsachse am heisse sten ist, nach den Rändern und besonders dem vorderen Ende zu infolge Ausdehnung und Ab Es geschah dies, wie Abbildungen des 17. Jahr hunderts zeigen, wenn die Bombe behufs besserer Ausnutzung der Pulvergase zur Schliessung des Spielraums im Flug des Mörsers mit Erde u. s. w. festgestampft wurde. Bis zur Einführung rationeller Einrichtungen zum Messen von Geschossgeschwindigkeiten war es kaum möglich, die Grösse der Ladung in der oben angegebenen Weise mit Sicherheit auszu wählen. War die Ladung zu klein, so musste be reits im Rohr infolge fortgesetzter Ausdehnung der Gase bei Mangel an Gaszufluss eine Abkühlung der Gase eintreten, der Feuerstrahl vor dem Rohr war also weniger intensiv. Viel häufiger hat man indessen die Ladungen der Sicherheit wegen etwas zu gross gewählt, es verbrannten also alsdann die letzten Reste der Pulverkörner noch vor der Mün 39*5 Zeitschrift für historische Waffenkunde. II. Band. düng, wurden bei der Ausdehnung der Gase nach vor der Pulverladung fehlt und nur durch die den Seiten mitgerissen und verbreiterten so die | Pressung der sich massenhaft bildenden Gase ersetzt Flamme beträchtlich. In sehr ausgesprochener | wird, so wird ein ganz erheblicher Teil der Ladung Weise liegen diese Verhältnisse beim sogenannten brennend herausgeschleudert und erzeugt so eine «blinden», dem Manöver- oder Salutschuss vor. breite Flamme, die mitunter vielfach zerrissen er Da hier das Geschoss, also ein grösserer Widerstand scheint. Es ist leicht möglich, dass der Zeichner ii. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. unserer Abb. 3 seine Erfahrungen am blinden 397 Mündung und noch darüber hinaus zurückdrücken, Schuss gemacht und dann die starke, zerfetzte Flamme desselben in noch etwas übertriebener Weise auf den scharfen Schuss übertragen hat. Die soeben besprochene Gestalt der Pulver f lamme tritt indessen keineswegs in dieser Weise in die Erscheinung. Untrennbar von der Flamme des Schwarzpulvers ist der Rauch. Wie bereits gezeigt, sind die glühend aus dem Rohr schiessenden Pul vergase innig gemengt mit dem ausserordentlich fein verteilten festen Rückstand des Pulvers. Dieser entsteht durch chemische Umsetzung der Pulver bestandteile und enthält in der Hauptsache Pott asche (K2C03) und Schwefelkalium (K2S) und so dass die eigentliche Flamme fast völlig verdeckt wird. Wenn trotzdem von fast allen Darstellern die Pulverflamme bei jeder Schussrichtung als deut licher Blitz gemalt wird, so dürfte dies daran liegen, dass der Beobachter in den weitaus meisten Fällen nur Gelegenheit hat, den Schuss hinter dem Ge schütz oder nur wenig seitlich davon stehend zu sehen. Von hier aus ist allerdings die Flamme in ziemlicher Länge sichtbar, wenn auch der grell erleuchtete Rauch das Auge blendet und das Urteil trübt. Deutlicher kann man die Flamme beob achten, wenn das Auge gegen den Anblick des Rauches einigermassen geschützt ist. Dies ist z. B. Fig. 4. Belagerung von Frankfurt a. O. 1631. (Aus Berner, Geschichte des preussischen Staates.) macht dem Gewicht nach etwa 55 Proz. der Ge samtmenge der Verbrennungsprodukte aus. Natür lich ist dieser Rückstand ebenfalls zunächst glühend und bildet den eigentlichen Körper der Pulver f lamme. Der Ausdehnung der heissen Gase fol gend, wird der staubförmige Rückstand sofort vor der Mündung das Bestreben haben, seitwärts und vorwärts zu entweichen, wobei der Mittelpunkt dieser Fliehbewegung der Gase etwa in der Mitte der Flammenlänge zu suchen sein wird. Die am weitesten hinten befindlichen Gase werden daher seitlich rückwärts gedrängt, etwa in dem Sinne der Pfeile in Abb. 5. Es entstehen also im hinteren 'Peile der Rauchwolke Wirbelbewegungen, welche die Rauchmassen, von der Seite gesehen, bis zur der Fall, wenn ein Geschütz durch eine rings ge schlossene Scharte, z. B. eine Stückpforte der alten Fregatten in etwas schräger Richtung feuert, wie dies in Abb. 6 rein schematisch im Grundriss dar gestellt ist. Es giebt übrigens eine sehr grosse Menge Menschen, die überhaupt nicht in der Lage sind, ein Urteil über das Aussehen eines Schusses zu fällen, weil sie, in der Nähe des Geschützes stehend, instinktiv beim Schuss die Augen zu machen, ohne es nachher wahr haben zu wollen. Es hilft da alle Energie nichts, nur die Gewohnheit lässt diese kleine Schwäche überwinden. In viel höherem Masse als die Flamme, die man in ihrer eigentlichen Gestalt ja ohnehin kaum erblickt, bildet die Rauchwolke das Charakteri 39§ Zeitschrift für historische Waffenkunde. stische der Schusserscheinung. Wer einmal bei II. Band. Schläge in Lösungen vergleichen. Möglich ist es hellem Sonnenschein dem Schiessen aus schweren Geschützen beigewohnt hat, wird den herrlichen Anblick nie vergessen, den der mächtige Aufbau der massenhaft hervorquellenden Qualmwolken bietet, die, sich selbst beschattend, ein prachtvolles Farbenspiel von blendendstem Weiss bis zum tiefen Grau und Blau geben. Es ist recht schade, dass sich die Maler bisher des Einzelschusses als wir kungsvolles Objekt auf Schlachtgemälden so wenig angenommen haben.:!) Recht hübsch ist dem Zeich ner des in Abb. 7 wiedergegebenen, dem Werke «Krupp’s Gussstahlfabrik von Prof. Müller entnom menen Bildes der Aufbau der Rauchwolke der mit grosser Erhöhung feuernden 21 cm-Haubitze ge lungen. Eigentümliche Effekte verursacht der bei niedriger Erhöhung des Geschützes am Erdboden oder dem Wasser abprallende und auf diesem dahinkriechende Rauch. Augenscheinlich beschleu nigt die Berührung mit dem kühlen Erdboden, bezw. dem noch kühleren Wasser die Abkühlung der heissen Pulvergase erheblich, ihr Ausdehnungs bestreben hört auf und die auf den Boden ge Abb. S. schleuderte Rauchmasse folgt nur noch dem vom Schuss erzeugten Luftzuge in langsamer Vorwärts bewegung. Die Farbe des Rauches ist sehr wechselnd, ob wohl die Substanzen, aus denen er hauptsächlich besteht, rein weiss sind. In auffallendem Licht, besonders Sonnenlicht, erscheint der Rauch that sächlich weiss, in zerstreutem Licht etwas grau (schmutzig-weiss), in durchfallendem Sonnenlicht dagegen hell- bis schmutzig-gelb, mitunter sogar bei dichten Rauchballen mit einem Stich ins Röt liche. Dies gilt aber alles nur für die kompakten Rauchmassen dicht beim Geschütz. Zerteilt sich dagegen der Rauch mehr, so bekommt er einen mehr oder weniger stark hervortretenden Stich ins Blaue, besonders bei durchfallendem Licht. Es lässt sich diese Erscheinung vielleicht mit dem Opalisieren sehr dünn verteilter weisser Nieder 3) Erinnert sei hier an das Gemälde von W. van de Velde d. J. «Der Kanonenschuss». aber auch, dass die an der Luft sehr rasch ein tretende Oxydation des Pulverrückstandes und Ent stehung neuer Verbindungen auf den Wechsel der Farbe des Rauches von Einfluss ist. Bei ruhigem und feuchtem, sog. «dickem» Wetter lagern sich vor der feuernden Artillerie .häufig die Qualm massen auf der Erde und hindern am Zielen, er freuen aber in den so entstandenen, unfreiwilligen Gefechtspausen das Auge durch ein prachtvolles Farbenspiel in blau und weiss. Wohl zu beachten bei der Farbenerscheinung des Pulverrauches ist der durch den Luftdruck des Schusses bei geeigneter Aufstellung des Geschützes aufgewirbelte Staub. Feiner Sand oder Ackerstaub wird in solchen Fällen in ganzen Wolken aufge jagt, besonders bei den ersten Schüssen, so dass der Pulverrauch unter Umständen von gelben oder rötlichen Partien durchsetzt ist. Schwere, hinter Brustwehren feuernde Geschütze wühlen in den selben durch den Luftdruck mit der Zeit ganze Löcher und Scharten aus und selbst die solidesten Schanzbekleidungen halten auf die Dauer nicht stand. Eine sehr wichtige Rolle bei der Gestaltung der Rauchwolke, also auch der Sichtbarkeit der Feuererscheinung, spielt der Wind. Derselbe kann, wenn er beispielsweise von der Seite kommt, bei genügender Stärke, indem er von dieser Seite dem Ausdehnungsbestreben der Gase das Gleichgewicht hält, eine vollkommen einseitige Ausbildung der Rauchwolke veranlassen, so dass der Feuerstrahl völlig sichtbar wird. Von der anderen Seite ge sehen verschwindet er in solchen Fällen natürlich ganz. Dieser Umstand ist bei der Darstellung des Schusses sehr wohl zu beachten. So brachte in r. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. einem der letzten Jahre die grosse Kunstausstellung 399 bleien der Läufe zu verhindern, zwischen Pulver in Berlin ein Marinegemälde: ein grosser Panzer fährt schräg nach rechts auf den Beschauer zu, ein scharfer Wind treibt den Qualm der Schornsteine heftig nach links und die beiden schweren Ge schütze des vorderen Turmes feuern, wie die Stel lung der Rohre zeigte, gerade voraus. In diesem Falle konnte der Blitz der Schüsse unmöglich sicht bar sein und trotzdem ist er als gänzlich unverhüllte, rote Zunge dargestellt! Bei leichtem stetigem Winde bleibt die Rauchwolke eines Einzelschusses vielfach zusammengeballt und wird langsam davon getragen, bis sie sich allmählich in einen blauen Schleier auflöst. Ein solcher zwischen Bäumen hin durchziehender Rauchballen bietet einen herrlichen Anblick, der von den Künstlern noch viel zu wenig gewürdigt zu sein scheint. Nicht zu übergehen sind bei Besprechung der Rauchwolke zwei Erscheinungen besonderer Art. Die eine, welche ziemlich selten und anscheinend nur bei kurzen gezogenen Roh ren mit starken Ladungen auftritt, besteht darin, dass der Rauch als wirbelnde / ladung und Geschoss in der Patrone eingeschaltet war, die Ursache sein. Bekannter und wesentlich häufiger, als die obige Rauchsäule bei Geschützen, ist die Erschei nung des Rauchringes. Man kann sie sich in der Weise erklären, dass im Augenblick, wo das Ge schoss das Rohr verlässt, ein Teil des Rauches aus der ringförmigen Öffnung zwischen Mündung und Geschossboden herausgetrieben wird und als Fig. 7. Feuernde 21 cm-Haubitze. (Aus: Müller, Krupps Gussstahlfabrik.) Säule dem Geschoss bis in grosse Höhe folgt. Wenn man eine Erklärung hierfür sucht, so mag es die sein, dass sich unter besonderen Umständen ein Teil der Ladung am Boden des Geschosses zusammenschiesst und mit dem selben hochgenommen, erst in der Luft verbrennt. Plierher gehört auch die Erscheinung, dass Infan terie-Geschosse (z. B. dasjenige des deutschen In fanterie-Gewehrs M/71) sehr häufig ihre Flug bahn durch einen deutlichen Streifen bläulichen Rauches bezeichnen, der auf dem Scheibenstand bis zur Scheibe reicht. In diesem Falle dürfte der verbrennende Talgpropfen, welcher, um das Ver kompakter, wirbelnder Ring gen Himmel schwebt. Das ist ganz plausibel — es tritt dieser Ring aber auch bei blinden Schüssen auf und da passt die Erklärung nicht, ausserdem zeigt er sich nicht bei jedem Schuss. Die richtige Erklärung kam in jüngster Zeit von anderer Seite. In Steiermark hat man die Beobachtung gemacht, dass derartige Ringe mit Sicherheit entstehen, wenn man ein kleines, böllerartiges Geschütz durch einen aufge setzten Trichter von beträchtlicher Grösse verlän gert. Beim Schuss entstehen in dem Trichter durch den Druck der in Richtung der Seelenachse am schnellsten vorwärts bewegten Pulvergase Wirbel 53 Zeitschrift für historische Waffenkunde. 400 bewegungen, welche einen in stark wirbelnder Be II. Band. Schiessen aus Geschützen mit einem eigentümlichen wegung befindlichen Rauchring erzeugen, der sich bis in grosse Höhen erhebt und eine bedeutende Fig. 8. Vom Wetterschiessversuchspiatz. (Aus der Zeitschrift «Prometheus.») Energiemenge mit sich führt. Diese Wirbelringe, deren Entstehung beim Schiessen aus Geschützen auf ähnlichen Ursachen beruhen dürfte, sind mit Erfolg dazu benutzt worden, um Unheil drohende Sausen und Pfeifen verbunden, täuschend ähnlich dem, welches ein fliegendes Artillerie-Geschoss her vorbringt.4) Die Rauchwolke ist das Charakteristische des Schwarzpulverschusses, derselbe ist ohne Rauch kaum denkbar. Um so mehr muss es auffallen, dass bei den ältesten Darstellungen einer feuern den Schusswaffe die Raucherscheinung gänzlich fehlt und nur die lodernde Flamme dargestellt ist. Als Beispiel sei die von Essenwein5) (Abb. 9) ge brachte Abbildung einer Art Handbüchse mit konischem Rohr wiedergegeben, welche eben von einem Reisigen mit glühendem Eisen abgefeuert wird und bei der langen, lodernden Flamme keine Spur einer Rauchentwicklung sehen lässt. Dass der Zeichner den Rauch als unwesentlich vernachlässigt hat, ist nicht anzunehmen, denn jedes Kind malt zu einer feuernden Kanone in erster Linie den Rauch und die naive Darstellungsweise in jenen alten Manuskripten hätte auf keinen Fall auf dies wesentliche Kennzeichen des Schusses verzichtet. Man kann daher nur annehmen, dass die Rauch entwicklung zu jener Zeit thatsächlich sehr gering war, und findet die Erklärung dafür in der Ver wendung des ungekörnten Pulvers und der dadurch bedingten Ladeweise der Schusswaffen. Es ist in diesen Blättern schon mehrfach betont worden, dass das in den ersten Zeiten der Feuer waffe — bei der Artillerie noch bis etwa 1500 — allein gebräuchliche, mehlförmige Pulver unter ganz anderen Bedingungen verbrennt, als das gekörnte. Während sich bei letzterem die Entzündung ver möge der vielen Zwischenräume zwischen den Kör Fig. 9. Aus: Essenwein, Quellen zur Geschichte der Feuerwaffen. Hagelwolken in Regen aufzulösen, doch hat die meteorologische Wissenschaft anscheinend die dazu gehörige Erklärung noch nicht gefunden (Abb. 8). Das Auftreten solcher Wirbel- oder Rauchringe ist sowohl in Steiermark, wie auch sonst beim 4) Uebrigens bezeugt das Auftreten dieses charakteri stischen Geräusches das Vorhandensein solcher, wenn auch unsichtbarer Wirbelringe auch beim Schiessen mit rauch schwachem Pulver. 5) Quellen zur Geschichte der Feuerwaffen, A XI. Abb. b. ii. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. nern augenblicklich durch die ganze Ladung ver 401 Salpeter selbst mit sich führt. Berücksichtigt man teilt, brennt die mehlförmige Ladung, gewisser massen ein einziges Korn darstellend, von der Ent zündungsstelle aus ungleich langsamer weiter. Die fortschreitende Gasentwicklung ist daher verhältnis mässig gering und die entstehende Spannung würde, nachdem erst ein kleiner Teil der Ladung verbrannt ist, das vorliegende Geschoss ohne nen nenswerte Wirkung aus dem Rohr rollen. Man bot daher den Pulvergasen durch einen fest in das Rohr gekeilten Holzpflock a (Abb. 10) einen grösseren Widerstand, zu dessen Überwindung die Verbrennung des grössten Teiles der Ladung nötig war. Essenwein bringt aus. einer dem Ende des 14. Jahrhunderts angehörigen Handschrift eine Ab bildung, auf der zwei Männer ein Geschütz laden. Die Unterschrift besagt: «.Item nym ain moss, und stoss sie in die püchsen und tail die moss in fünf tail aistu an der figur wol siechst und lad die 3 tail mit puluer, als die moss saget, so ist sie mit puluer recht geladen. Wann der klocz bedarf seiner weite, so sol zwischen dem klocz und dem puluer auch ain weit seyn, dass aber, dass eine fest zusammengepackte und ver keilte Mehlpulverladung gleich einer bengalischen Flamme nur sehr langsam abbrennen würde, so erkennt man den Zweck des leeren Raumes darin, dass er den zunächst sich entwickelnden Gasen gestattete, die Ladung aufzulockern und so eine schnellere Verbrennung derselben herbeizuführen. In der hinter dem Pflock hegenden, in ihrer Grösse zunächst nicht veränderlichen Kammer fand also die Verbrennung des weitaus grössten Teiles der Ladung statt. Aber auch die Verbrennung selbst ist beim Mehlpulver zu beachten. Während beim gekörnten Pulver jedes Korn, ja jedes kleinste Teilchen aus den drei Bestandteilen in annähernd richtigem Verhältnis besteht, die Verbrennungspro dukte also auf das Feinste verteilt sein müssen, ist dies bei ungekörntem Pulver keineswegs der Fall. Hier hegen die Partikelchen der einzelnen Bestandteile, die bei den primitiven Mitteln der Pulverbereitung auch nicht den nötigen Grad von Feinheit besessen haben können, lose nebenein ander, und zwar, wie das bei dem verschiedenen Abb.10. das fewr zu recht prunst und auch zu recht kraft mag körnen. Item darnach machstn ainen klocz oder ainen stain desto pass schiessen. »*') Der Herr Verfasser des in der Fussnote ange zogenen Artikels schliesst hieraus, dass die Büchsen zu 3/5 mit Pulver geladen wurden, dass also das erwähnte Mass der Seelenlänge entsprochen hat. In diesem Falle hätte es eines Masses überhaupt nicht bedurft, ganz abgesehen davon, dass die da durch bedingte Grösse der Pulverladung in keiner Weise zu rechtfertigen oder zu erklären wäre. Ausserdem bliebe über dem Holzklotz kein Raum mehr für das Geschoss. Viel eher dürfte anzu nehmen sein, dass die Länge des Masses zu dem Kaliber in Beziehung gestanden hat. Der leere Raum, der hier über der Ladung vorgeschrieben ist, wird damit begründet, «dass das fewr zu recht prunst und auch zu recht kraft mag körnen», eine Massnahme, die zunächst um so verwunderlicher er scheint, als ja das Pulver zum Brennen keine Luft 6) Siehe Band I, Heft 8, Seite 199 dieser Zeitschrift. Die Abb. S. 201 daselbst ergänzt unsere Abb. 9. braucht, weil es den dazuj nötigen Sauerstoff im spezifischen Gewicht der drei Teile nicht anders sein kann, auch in sehr ungleicher Verteilung. Das Verbrennungsergebnis musste daher neben einer gewissen, nicht eben günstigen Ausbeute an Gasen eine von diesen abgesonderte, brodelnde und an den Rohrwänden haftende Schlacke sein — eben falls wie bei einer von Laienhand hergestellten bengalischen Flamme. In dem während der Ver brennung sich gleichbleibenden Verbrennungs raum konnte daher gleichsam eine Scheidung der gasförmigen und der festen Verbrennungsprodukte stattfinden. Jedenfalls wurde der feste Rückstand beim endlichen Nachgeben des Holzpflockes nur noch in geringer Menge von den aus dem Rohr schiessenden glühenden Gasen mitgenommen und trat als Rauchwolke bei weitem nicht in dem Masse in die Erscheinung, wie später beim gekörnten Pul ver. Dieser im Rohr zurückbleibende, eine feste Kruste bildende Rückstand muss damals ein ganz ausserordentlich lästiges Hindernis für den Ge brauch der Feuerwaffen gewesen sein, da er die Feuergeschwindigkeit sehr stark herabsetzte. Das 53* II. Band. 402 Zeitschrift für historische Waffenkunde. Auswaschen eines schweren Geschützes dauerte Stunden und noch im 16. Jahrhundert hinterliess, wie vielfach bezeugt wird, das Pulver so viel Rück stand im Rohr, dass nach wenigen Schüssen die Seele für das Einführen der Kugel zu eng wurde.7) — Je mehr Rückstand im Rohr blieb, um so ge ') Dass die erwähnten, als Kruste im Rohr haftenden festen Pulverrückstände unter geeigneten Verhältnissen auch heute noch Vorkommen, beweist das Schiessen aus schwersten Schiffs- und Küstengeschützen. Wird hierbei sofort nach dem Schuss der Verschluss geöffnet, so ist die Ausdrehung der im Verschlusskeil eingesetzten, zur Aufnahme des Rückstosses und ringer musste die Rauchentwicklung sein, und so sehen wir denn mit Recht auf den Abbildungen feuernder Schusswaffen aus dem 14. und 15. Jahr hundert die Rauchwolke gänzlich oder fast voll ständig vernachlässigt. zur Liderung bestimmten „Stahlplatte“ ebenfalls mit einer brodelnden, sigellackartigen, schmutzig rotgelben Masse fast ausgefüllt, welche augenscheinlich den von den Pulvergasen gegen den Stossboden des Rohres gedrückten Rückstand dar stellt. Derselbe konnte daher nicht mit den Gasen aus dem Rohr gerissen werden und haftete nun fest am Verschluss. Zwei Rüstungen aus Fürstenwalde a. d. Spree Von Landgerichtsrat Bernhard Engel in Thorn. Mit 6 Abbildungen. ürstenwalde a. d. Spree be sitzt eine kleine Rüstkam mer, in welcher sich neben einer Anzahl weniger be merkenswerter Stücke zwei Rüstungen aus der Zeit um 1500 befinden, die wohl eine Bekanntmachung ver dienen, insonderheit der Helme wegen. Die eine Rüstung, von welcher ich Vorder-, Rück- und Seitenansicht (Fig. I—3) bringe, hat eine strahlenförmig (nicht bis oben hin) gerippte Kugelbrust, auf welcher dort, wo sonst der Rüst haken sitzt, zwei Rosettchen angebracht sind. Die Armausschnitte haben bewegliche Einsätze. Der Rücken ist gleichfalls gerippt und hat zwei ange nietete Seitenteile. Brust und Rücken reichen nicht bis in die Weichen herab; diese werden vielmehr durch besondere untergesetzte Stücke geschützt,7) je doch nicht an den Seitenteilen, während der aus drei Folgen bestehende Hinterschurz wieder breiter ist, so dass der ganze Rücken die bei den Stech rüstungen übliche Form gewinnt. Vgl. z. B. Dem min, 3. und 4. Aufl. S. 428. An dem vorderen Weichenstück sitzen vier aufwärts geschobene, in der Mitte gerippte Bauchreifen mit festen, fünfmal geschobenen Beintaschen. Diese stehen weit aus einander; die untersten Folgen sind gerippt. Die Brust ist, was auf der Abbildung nicht sichtbar ist, oben quer abgeschnitten, der Rand ist wulstförmig aufgetrieben und (ebenso wie die Rän der der Armausschnitte am Bruststück) geschnürlt. !) Vgl. Boeheim, Waffenkunde, Fig. 94. Diese Auftreibung ergiebt, dass der Kragen unter den Harnisch gehört, wie bei ähnlichen Rüstungen, z. B. Boeheim Fig. 94, während er bei unserer Rüstung zur Zeit darüber liegt. Der Kragen besteht aus einem zugespitzten Vorder- und einem rechteckigen Hinterteil, beide am unteren Rande leicht geschnürlt und oben mit zwei Halsfolgen versehen, deren; oberer Rand gleich falls geschnürlt ist. Seitwärts sitzen die sechsmal geschobenen Spangeröls für den Oberarm. Auf der linken Seite des Vorderblechs sehen wir ein T-förmiges Loch, wohl zur Befestigung des Kragens unter der Harnischbrust. Der Helm ist ein Eisenhut mit scharf abge setzter, stark abfallender Krempe, in welcher sich der Augenschlitz befindet. Krempe und Glocke haben vorne einen Grat, der sich nach oben hin zu einem über den Scheitel laufenden, niedrigen Kamme erhebt. Rings um den oberen Teil der Krempe laufen gleiche Rosettchen, wie sie die Har nischbrust und der Kragen zeigen, ein Beweis für die Zusammengehörigkeit aller Stücke. Der Helm ist am unteren Rande der Krempe 39V2 cm 33 cm breit und insgesamt 25 cm hoch. Das Ge wicht beträgt 3,21 kg. Unterhalb des Augen schlitzes ist eine Marke eingehauen: eine heral dische Lilie in einem über Eck gestellten Qua drate. Ein gleicher Helm mit derselben Marke be f indet sich im Kgl. Zeughause zu Berlin, jedoch ohne zugehörige Rüstung. Gerade letztere aber er möglicht erst eine sichere Zeitbestimmung auch für den Helm, hier um 1500, während im allge meinen diese Art von Eisenhüten wohl für älter angesehen wird. Allerdings erscheint die gleiche Form ja auch schon früher, aber kaum vor 1400. ii. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 403 Zu den älteren Stücken zählt der jetzt gleichfalls | seum (Nürnberg 1892) S. 27, 28; andererseits Dem im Berliner Zeughause befindliche, aus der Samm- min 3. und 4. Aufl. S. 524 Nr. 87. lung des Prinzen Karl stammende Eisenhut mit Der zweite Harnisch (Fig. 4) ist ebenfalls ge Fig. 4- Fig. 6. Sehschlitz, welcher bei Hiltl Taf. VI Fig. 5 und rifelt. Er besitzt vollständiges Armzeug sowie Ober bei Gimbel Taf. IV Fig. 25 abgebildet ist. Vgl. beinzeug. Das Unterbeinzeug fehlt und ist durch auch Essenwein, die Helme im germanischen Mu- ! moderne Stiefeln mit Sporen ersetzt. Die Brust hat 404 Zeitschrift für historische Waffenkunde. einen zum Umklappen eingerichteten Rüsthaken. II. Band. spätere Beckenhaube an (vgl. Boeheim S. 41 bezw. In den Handschuhen hat sich das Lederfutter er halten. Das Weichenstück ist auf die Brust ge nietet. Der Kragen liegt auch bei dieser Rüstung fälschlich über der Brust. Bemerkenswert sind die auf den Kragen genieteten Seitenlappen aus Ringgeflecht, welche ' die Achselhöhlen schützen, also die Stelle der Flüge vertreten. Der Helm, von welchem ich in Fig. 5 eine Seitenansicht in grösserem Massstabe gebe, gehört offenbar nicht zu der Rüstung, welche einen Maxi milianshelm erfordert. Jenes beweist auch der Um stand, dass die sternblumenförmigen . Rosettchen, welche den unteren Rand des Helmhalses umziehen, von anderer Gestalt sind als die auf dem Harnische selbst z. B. auf den untersten Folgen der Bein taschen sitzenden; letztere gleichen denjenigen des ersten Harnisches. Der Helm ist dickwandig und wiegt bei 35 cm Höhe 4,85 kg. Die Glocke mit der zurückliegenden, abgerundeten Spitze2) lehnt sich noch an die 2) Auch die nordischen Schallem haben eine spitze Glocke z. B. Demmin, S. 518 Fig. 68 u. 69. Fig. 21). Hinten hat die Glocke, ein eingezogenes, überaus schmales Nackenstück (vgl. Boeheim Fig. 29, 35)- Seitlich hängen an der Glocke in Schar nieren die Backenstücke mit Kinnreff und Hals, von denen das linke über das rechte übergreift und auf demselben mittelst eines Wirbels festgehalten wird. Das aufschlächtige, wie bei Hundsgugeln auch zum Abstecken eingerichtete Visier ist kugelig und siebartig durchlöchert. Die Kugelhelme des 15. Jahrhunderts (Boe heim S. 37) haben ihr Vorbild wohl in den ge schlossenen Helmen gefunden, von welchen der unsrige ein Beispiel bietet. Auffallend ist jeden falls die Ähnlichkeit mit dem Kugelhelme Nr. 70 der Sammlung Kuppelmayr. Vgl. Boeheim Fig. 159, Demmin S. 413 und S. 511 Fig. 49, weiter Boeheim Fig. 617. Als Marke trägt der Hehn ein Schildchen mit 3 Kreuzen (Abbildung Fig. 6). Beide Rüstungen sind mit einem der Neuzeit angehörigen Anstrich von schwarzem Eisenlack versehen. Studienmaterial zur Geschichte der Mittelalterwaffen. Von Dr. R. Forrer-Strassburg. (IV. Fortsetzung.) 11. Federzeichnungen Metzer «Apocalipse en latin» XIII. Jahrhunderts. nter den Handschriften der ehemaligen Sammlung Sa ks, welche auf der an Pergamentmanuskripten so reichen Metzer Stadt bibliothek aufbewahrt wird, befindet sich eine französische«Apocalipse en latin« des XIII. Jahr hunderts, welche mit Federzeichnungen eines ganz hervorragenden französischen Meisters ge schmückt ist. Vier dieser Federzeichnungen re produziere ich auf einer Lichtdrucktafel'), weil diese vier Bilder auch an dieser Stelle Beachtung ver dienen. Die erste dieser vier Miniaturen zeigt mehrere gewappnete Reiter, alle in Ringpanzern, bestehend in Rüsthosen und Gugelhaubert. Der x) Aus Versehen wurde die Tafel bereits dem zehnten Heft beigelegt. I des vorderste Reiter trägt am Knie eine Knieschutz scheibe, die anscheinend nicht mit Riemenwerk befestigt, sondern direkt in das Ringwerk vernietet ist. Der mit einem Stachelsporen versehene rechte Fuss steckt in einem dreieckigen Steigbügel. Einige der anderen Reiter tragen über der Ringgugel f lache blecherne Hauben, die allem Anscheine nach mit Metallschienen verstärkt sind. Als Bewaffnung f igurieren Lanzen mit Widerhaken, Schwerter und eine Lanze mit gabelartiger Doppelspitze. Das zweite Bild führt uns einen Geharnischten zu Pferde vor, der über dem Haubert den Waffen rock trägt. Dieser, heraldisch gemustert, wird von zwei Gürteln zusammengehalten, einem geknote ten aus schmalem Riemenwerk und einem lose herabhängenden breiten Schnittes; der untere ist wohl der zum Waffenrock gehörige, der andere, breite Gürtel dagegen derjenige, an welchem Schwert (und Dolch) zu hängen hatten. Das Schwert ist sehr lang, eine Beobachtung, welche, gerade auf Miniaturen des XIII. Jahrhunderts häufig zu machen ist und nicht ohne Grund sein dürfte: damals hauptsächlich vollzog sich der Umschwung, der die breite kurze Klinge des Carolingerschwertes in eine nur am Griff breite, nach vorn sich wesent 11. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. lieh verjüngende, dafür um so längere Klinge um 405 dieses nur in den seltensten Fällen erhalten, ja wandelte. Ganz besonders interessant ist aber die Kopfbedeckung des Reiters, weil hier scharf und deutlich ersichtlich ist, wie die Kinnpartie des Hauberts in diesem Falle seitlich rechts mit Riemen werk befestigt ist, d. h. eine Art «Latz» bildet, den man für den Kampf heraufziehen oder herunter lassen konnte, um im letzteren Falle das Gesicht freier zu haben. Das dritte Bild zeigt uns zwei Chimären, die ikonographisch kürzlich von Delisle bei Bespre chung der «Apokalipse en latin» der Pariser Bi bliotheque Nationale in den Publikationen der «So ciete des anciens textes» gewürdigt worden sind, uns hier aber interessieren, weil diese Ungeheuer mit Pferdeleibern uns Kettenpanzerung als Pferdeschutz zur Darstellung bringen. Auch die vierte Federzeichnung der Metzer Bilderschrift bietet uns hauptsächlich durch die Pferdeausrüstung Interesse. Ein König mit Bogen und Pfeil sitzt auf einem Pferde, dessen Gurt mit allerlei Anhängern geziert ist. Und zwar wechseln auffallend oft fehlt dieses so gänzlich, als wäre es schon in früher Zeit entfernt worden. Hier und da findet man dergleichen Anhänger, bei denen die Anhängeöse abgeschnitten worden ist, um die Plagnette einem anderen Zwecke, als Be schläge von Kassetten, Buchdeckeln u. dgl. nutzbar zu machen, doch findet man bei genauerem Zu sehen gewöhnlich noch die Abschnittstelle. Nun mögen ja einzelne dieser Anhänger gelegentlich als Kästchenzier oder ähnlichen Zwecken gedient haben, für die grosse Mehrzahl aber kann kein Zweifel bestehen, dass sie zur Ausrüstung von Rit tern und grossen Herren gehörten und ich ver mute, dass diese Anhänger in vielen Fällen das Kennzeichen, das Erkennungszeichen bildete, wel ches das Rüstzeug der einzelnen Besitzer kenn zeichnen sollte. Daraufhin weist vor allem der heraldische Schmuck mancher dieser Anhänger. Inwieweit diese Anhänger zugleich vielleicht be sondere Ehrenzeichen dargestellt haben, will zu erörtern ich hier dahingestellt sein lassen, doch Fig. 1—7. bei diesen siebenblättrige Rosetten ab mit kleinen dreieckigen Schildchen, die ebenso wie die Rosetten an kurzen Stielen hängen. Mir scheint, dass wir hier ein Beispiel vor uns haben, welches die Trag weise der sogenannten «Schwertanhänger» analog den hier abgebildeten Originalen erklärt. Charakte ristisch ist an diesen Anhängern zumeist der Hen kel, der stets oder fast stets hoch und schmal ist, nicht selten stark ausgerieben, von langem Ge brauche zeugend. Die Form dieser Anhänger ist wie auf dem Metzer Bilde hauptsächlich bald die eines dreieckigen Schildchens, bald die einer Ro sette, doch kommen zur Abwechslung auch andere Formen vor; häufig sind besonders auch runde derartige Anhänger, seltener dagegen viereckige, ovale u. s. w. (vgl. Fig. 1—7). Einzelne tragen einfache Ornamente, andere romanische und frühgotische Tiergestalten, sehr viele aber zeigen auf ihrer Vorderseite (die Rückseite ist stets leer, glatt) heraldische Figuren, oft ganze Wappen, die gotischen tragen nicht selten Initialen, Mono gramme oder gar Devisen. Viele bestehen aus gegossener und gravierter Bronze, andere aus ge schnittenem Kupfer, manche sind vergoldet; andere waren mit Email champleve geschmückt, • doch ist sei ausdrücklich die grosse Pracht, der grosse Reich tum einzelner dieser Anhänger hervorgehoben, um damit anzudeuten, dass manche sehr wohl nicht bloss am Pferderüstzeug, sondern auch am Ring panzer, an der Schwertscheide u. s. w. als Zier und Auszeichnung angebracht gewesen sein könn ten. Einzelne dieser Anhänger sind oft durch die Feinheit der Ciselierung, die Pracht der Goldappli kation und der Emaillierung wahre Bijoux mittel alterlicher Kleinkunst. 12. Vom Pulver-Erfinder. In einer Papierhandschrift aus dem XVI. Jahr hundert mit allerlei Rezepten fand ich folgende alte Version über die Legende von der Erfindung des Schiesspulvers durch Berthold Schwarz: («W ie man das Puxn Puluer «machen/ auch durch wen und «wie dasselb zumachen erst «lich erfunden sey.») «Perchtoldus Niger1), ein Alcemist, als er auf !) «Perchtoldus Niger» = die Latinisierung des deut schen «Berthold Schwarz». II. Band. 406 Zeitschrift für historische Waffenkunde. «ein Zeit / ein goldfarb2) machen woldt. Darfür cmüesst er haben Salitter3), schwefl, pley und öll4). «welche agatorien er in ein haffen thunn vnd dar «in wol vermachen müesst — über oder im Feuer «prenne müesst. Und da es also erhizet. zerprach «d hafen zu lautren stucken / «Ime zu offern mal also «geschach. Darnach lies «er Ime machen ganz «kupferen hafen mit eysnen «ringen negln wol ver «schlagen. Und da d dunst «also nit darnan mäht. «So zerprach d hafn aber «mals wie vor zu laut in «stusche vnd that offt «gross schad. Also that «er dz pley vnd ol darus «vnd nam dafür kol. Vnd «lies im ein puxn vor «machen vnd druecht ob «er mit stein dermit schies «sen mocht welches im «auch also geriett. Vnd «damit also dz pulurn und «schiessen aus der buxen «erfunden. — Unnd nach «mals verpesserthet. Salitter «und schwefl gleich vil «und kolen etwas nym «dan.» (Folgen die Anweisungen zur Bereitung des Salpeters, dann des Pulvers u. s. w.) alters».1) Es ist eine flandrische Pergamentminia tur vom Ende des XV. Jahrhunderts, von grosser Feinheit der Ausführung und von einem erst klassigen Meister. Uns interessiert hier die Aus rüstung des Goliath, der als gefällter Riese schwer Fig. 8. 13. Ein flandrischer Goliath des XV. Jahrhunderts fällig am Boden liegt, und' nach seiner versilberten, reich verzierten gotischen Prunkrüstung zu urteilen, ein sehr reicher Herr ge wesen sein muss. Unter dem Brustpanzer trägt er ein Panzerhemd, unter den Beinschienen rote Hosen. An der rechten Seite trägt er ein breites gekrümmtes Coutelas mit Scheibengriff. Die .Achseln sind durch runde Buckel scheiben gedeckt, der Helm durch eine eng anliegende Eisenkappe mit Ohrenscheiben. Eine rote Tartsche ist ihm entfallen und ebenso das inter essanteste Stück seiner Bewaffnung, ein leibhaf tiger «Morgenstern», an dem die runde Parier scheibe unterhalb des Kne bels und die kurzen Federn am Schafte sehr beachtens werte Details darstellen. Die Rüstung stellt den Typus der Prunkrüstungen dar, wie sie Burgund damals kultivierte; die der Kollektion Forrer. Das Clichebild Fig. 8 ist die stark verkleinerte Reproduktion einer Tafel des soeben zur Ausgabe gelangten ersten Bandes meiner «Unedierten Feder zeichnungen, Miniaturen und Initialen des Mittel--) Goldfarbe, wie sie die Mönche des Mittelalters zur weiteren Ausführung ihrer Buchinitialen verwendeten. 3) Salitter = Salpeter. 4) Öll = Oel, das in Verbindung mit Schwefel und den anderen genannten Zuthaten zur Herstellung jener Gold farbe gedient zu haben scheint. Zusammenstellung von Prunkrüstung, Coutelas, Tartsche und Morgenstern ist aber ersichtlich dem Bestreben des Künstlers entsprungen,- die Gegen sätze zwischen damals üblicher Rüstung und Be waffnung einerseits und Bibeltext andererseits ein ander anzupassen — jenes Bestreben, das ich be reits eingangs dieser Artikelserie als Merkmal der beginnenden Renaissance gekennzeichnet habe. 5) Forrer, Mittelalterl. Miniaturen (mit 50 Tafeln), Verlag von Schlesier und Schweikhardt, Strassburg 1902 (Tafel XXXV). 11. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Entwicklung und Gebrauch der Handfeuerwaffen. Von k. u. k. Oberstleutnant P. Sixl. H a n d b ii c h s e n. ie bisher angestellten Unter 407 gemäss stetig vervollkommnete, wie dies aus der suchungen über Hand feuerwaffen Hessen ent nehmen, dass der Krieg an dieselben bestimmte Forderungen stellte, welche aus den elemen taren, stets gleich blei benden Gesetzen vom Kriege sich ableiten und auch heute die Konstruktion der Feuerwaffen in derselben Weise beeinflussen. Der Krieg verlangt die Vernich tung oder wenigstens die Kampfunfähigkeit des Gegners, welcher aus Menschen, zu Fuss oder zu Pferd besteht. Die Handfeuerwaffen mussten gegen dieselben derart wirksam sein, dass ein solches Ziel mit einem Schuss vernichtet oder kampfun fähig werde, trotz der Schutzrüstung, in welcher die feindlichen Streiter anrückten und auf jenen Ent fernungen , auf welchen die bisher in Gebrauch stehenden Handschiesswaffen, Bogen und Armbrust, diese Leistung vollbringen konnten. Die wichtigere und entscheidende unter diesen beiden Bedingungen ist die wirksame Schussentfer nung oder der wirksam gefährdete Schussbereich, d. i. jene Entfernung, auf welcher obige Schussleistung noch mit einiger Bestimmtheit erwartet werden konnte. Für die Armbrust ist diese Entfernung aus den für das Schul- oder Wettschiessen angegebenen Bedingungen zu ersehen und betrug im Jahre 1452 in Sursee 120 Schritte;1) nach einer oberbaye rischen Ausschreibung vom Jahre 1467 war dieselbe mit 260 Fuss = 110 Schritten bestimmt;2) für das Armbrustschiessen zu Augsburg im Jahre 1468 ist dieselbe mit 125 Schritten angegeben;3) nach einem Ausschreiben der Stadt Schweinfurt war dieselbe mit 135 Schritten festgesetzt.4) Aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts liegen urkundliche Nachrichten über Schussentfer nungen für die Armbrust nicht vor; es lässt sich jedoch mit Bestimmtheit annehmen, dass die Schussentfernung für die Armbrust, zu dieser Zeit, insbesondere in den ersten Jahrzehnten, eher kleiner als grösser war, weil die Armbrust als Schiess waffe, sowie das Schiessen mit derselben sich natur *) A. Feierabend, Geschichte der eidgenössischen Frei schiessens. Zürich 1884. 24. 2) Oberbayerisches Archiv. XIII. 8. 3) J. H. Adam, Augsburg und seine Stahlschiessen. Augs burg 1824. 10. 4) Würdinger, II, 394. Zunahme der Schussentfernung in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts von 120 bis auf 135 Schritte zum Ausdruck kommt. Die wirksame Schussent fernung für die Armbrust in der Zeit von 1400 bis 1430 wird demnach 100 Schritte kaum erreicht haben, und auf dieser Entfernung mussten die Handbüchsen die geforderte kriegsmässige Wir kung vollbringen, sollten die neuen Schiesswaffen den alten gleichwertig erscheinen. Die früheste Nachricht über den Eintritt dieser Gleichwertigkeit enthält der Anschlag zu Nürnberg „begriffen zu widerstandt den Bahaimen 1431“, in welchem folgende Anordnung enthalten ist: „Item was eyn yczlicher fürste, herre ader stad fuss genger ader wapener brenget, dy sollen gleich halb buchsen vnd halb armbrost haben mit pheylen, bley, pulver vnd was dorczu gehöret.“5) In einem etwas späteren Anschläge „zu Swaben“ enthält die Schluss-Nota folgende Bestimmung: „Item das fuss volk, der dritte tayl schützen, halb mit hantbüchsen und halb mit armbrust.“6) Nach dem bayerischen Aufgebote vom Jahre 1430 sollten im Herzogtume Landshut aus den Städten und Märkten 587 geraisige Pferde und 681 Schützen ausgehoben werden. Von den Schützen sollte jeder haben eine Handbüchse oder eine Ärmst; der Büchsenschütze sollte dazu haben ein Pfund Pulver, ein Pfund Blei, einen eisernen Ladstock und ein Pulvermass; der Armbruster Köcher und 10 Pfeile.7) Dieselben Bestimmungen für die Ausrüstung der Handbüchsen- und Arm brustschützen sind auch im Aufgebote der öster reichischen Stände vom Jahre 1426 gegen die Hus siten enthalten. Nachdem die Gleichstellung der Handbüchse mit der Armbrust urkundlich schon so frühzeitig — 1430 — feststeht, so muss der Kriegswert der Handbüchsen doch schon vor dieser Zeit in den berufenen Fachkreisen Würdigung gefunden haben, wodurch wieder erklärlich erscheint, dass in den Kriegs-Anschlägen jener Zeit Handbüchsen in grosser Zahl gefordert werden und dass in dem amtlichen Rechnungen der Einkauf von Hand büchsen in einer für diese Zeit auffallend grossen Zahl eingetragen ist. In der „Einung der schlesischen Fürsten, Mannen und Städte auf dem Tage zu Grotkau 5) Palacky: Urkundliche Beiträge II, 199. c) Höfler: Das kaiserliche Buch. 2 und 44. p Würdinger, I, 192. (Ausschreiben des Pflegers von Wolf rathshausen vom 20. Mai 1430.) 54 Zeitschrift für historische Waffenkunde. 4o8 vom 18. September 1421“ werden nebst 20 grossen H. Band. noch 200 Handbüchsen anschaffen,14) und nach Büchsen und 300 Tarasbüchsen noch „2000 pischullen“ verlangt,6 * 8 *) unter welchen, wie später noch ausgeführt werden soll, zweifellos Handbüchsen zu Verstehen sind. Die Stadt Wien hat im Jahre 1426, wie die amtlichen Eintragungen ergeben,0) 323 Handbüchsen angekauft; es musste daher der Kriegswert derselben wohl ausser Zweifel stehen; es lässt sich aber auch mit Bestimmtheit annehmen, dass die erste An schaffung von Handbüchsen kleinere Partien umfasste und vor diesem Zeitpunkt erfolgte, und dass daher der thatsächliche Bestand an Handbüchsen im Zeughause grösser war. Die Zahl der vorhan denen Handbüchsen wird noch bedeutend erhöht durch die Verpflichtung für den streitbaren Bür ger, den Kriegsdienst mit eigenen Waffen abzu leisten und durch den Umstand, dass die Hand büchsen wiederholt beim Hausgerät angeführt er scheinen. In den Breslauer Stadtbüchern werden zum Jahre 1400 unter verschiedenem Hausgerät, wie: „9 bette, einen houptpfol, ein kästen, eine lade, ein bettbuch“ auch „eine hantbüchse“ und „eine tarcze“ angeführt.10) ln der Wilkür von Danzig, aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, ist folgende Anordnung ent halten : „Eyn itczlich man, des weib bündt treedt, sol haben in seynem house eyn gutte mauncharusch, eyne lotbüchse oder eyn armbrost.“11) Hierher gehört auch die Bestimmung im Magdeburger Schützen-Recht aus dem 15. Jahr hundert: „Welker schütte, de des Rhades clenodt ge denckt tho winnen, de schall mitt seyner egenen bussen scheten.“12) Nach Stadt-Rechnungen von Nürnberg er hielten die Büchsenschützen in den Jahren 1430 und 1435 Geld zum Ankauf von Kleinodien, um die sie alle Monate schiessen, und die Trompeter und Pfeifer, die ihnen aufblasen, wurden mit Geld beschenkt.13) Es liegt hierin das Bestreben, die Schützen im Schiessen mit Handbüchsen auszu bilden, was doch nur durch die Erkenntnis des Kriegswertes der neuen Feuerwaffen bezw. der Handbüchsen hervorgerufen werden konnte. Nürn berg liess im Jahre 1423 nebst 15 Bockbüchsen 6) Palacky, Urkundliche Beiträge, I, 151. 9) Dr. K. Uhlirz. Der Wiener Bürger Wehr und Waffen. B. u. M. d. A.-V. z. Wien. Bd. XXVII, 141. *'') Dr. A. Schulz, Excerpte aus Breslauer Stadtbüchern be züglich der Privataltertümer. A. f. K. d. d. V. 1871. 13, 76. 133. 11) M. Toeppen, Die ältesten Nachrichten über das Ge schützwesen in Preüssen; im Archiv f. O. d. Pr. A. Bd. 36, PI. 3, 222. 12) Die Leipziger Schützen-Gesellschaft. 1893. in. 13) Baader, Zur Chronik der Reichsstadt Nürnberg. A. f. K. d. d. V. 1873. 48. der „Ordnung ob man die Stadt Nüremberg be legert, wie man sich darinnen halten sol 1430“ benötigte man für die Besetzung der Wälle und Thöre 501 Handbüchsen und 607 Armbrüste.15) Denkt man sich zu dieser für die Besetzung not wendigen Handschiesswaffen noch eine aus den selben Waffen zusammengestellte Reserve für Er gänzung von Verlusten oder Unternehmungen ausserhalb der Stadt, so muss die Anzahl der vor handenen Handbüchsen auch hier weit grösser an genommen werden. Ähnliche Nachrichten über Vorkommen von Idandfeuerwaffen aus Stadtrechnungen werden aus München berichtet, in welchen zum Jahre 1421 nebst 123 Armbrüsten hunderte von Handfeuer waffen eingetragen sind.16) Die rasche Zunahme der Handbüchsen und deren Vorhandensein in grosser Zahl kann auch noch in anderen urkundlichen Quellen verfolgt wer den. Im „slotbok“,17) welches von Hans Porner im Jahre 1408 angelegt und in welches die Inven tare und Pertinenzen der Pfandschlösser der Stadt Braunschweig eingetragen wurden, sind folgende Angaben enthalten: Über das Kriegsgerät auf Schloss „Asseborch“ heisst es: „Anno 1418 epyfanye was to der Asseborch 9 armbroste, 9 spanremen unde spanhaken unde by i1/, tunnen mit pyl, 3 yserenhode unde 2 malen slot (Vorhängschloss) 1 winde, 2 wippen unde 3 grotenbussen mit 60 stenen, de sten van 4 punden unde van 6 punden, unde 2 lodbussen, 2 hant bussen unde aver en grod lotbusse, 2 ladysern unde !/2 tunne pulvers unde 22 lib. unde en dicke ekene stock to deme pulvere, unde is 3 vote lang besmedet, unde 80 löd.“ Hier stehen 5 Lotbüchsen, unter welchen 2 als Handbüchsen bezeichnet sind, noch 9 Armbrüste gegenüber; auch der dicke be schlagene Stock für die Pulverbereitung ist vor handen. Von demselben Jahre stammt folgende Ein tragung: ,,0k was to der sulven tid to deme kampe... . 4 armbroste, spanremen, haken, 1 horn, 2 lodbussen, ladyseren, 40 lode, 10 pund pulvers unde enen ekene besmeden stock.“ Hier kamen auf 4 Arm brüste 2 Lotbüchsen mit 40 Bleigeschossen und 10 Pfund Pulvers. Das Kriegsgerät des Schlosses „Nyenbrücge“ war im Jahre 1418 wie folgt: „4 armbruste, 2 span remen, 2 haken, 3 scot pyle, 1 wippe, 2 klene lotbussen, 2 ladysern, 70 lod, 10 pund pulvers.“ Hält man diesen Angaben die Ausrüstung der 14) Baader, Beiträge zur Geschichte des Kriegswesens. A. f. K. d. d. V. 1862. 159 und 160. 15) Köhler, Nach einer Pergament-Handschrift im Germ. Museum. A. f. K. d. d. V. 1871. 161 und 163. 16) Blätter für Vaterlandskunde. München 1833. No. 20. 17) Die Chroniken d. d. St. Bd. VI. 214, Anm. 4; 256, Anm. 1; 268, Anm. 1. 11. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Schlösser in den Ländern Meissen, Thüringen und 409 Das Bestreben, über den wirksamen Schuss Sachsen entgegen, wie derselbe in der „Vorrech nung der buchsen in myns hern slossen“ zum Jahre I436,s) angeführt erscheint, so wird die rapide Zunahme der Handbüchsen augenscheinlich. Auf 23 Schlössern befanden sich 393 Handbüchsen, 9 Tarasbiichsen, 1 grosse Tarasbiichse, 65 Stein büchsen; die Festung Coburg hatte 40 Armbrüste und 60 Handbüchsen. Es kommt demnach auch in diesen amtlichen Aufzeichnungen, ähnlich wie in den Inventarien des deutschen Ordens (1370 1440), und für die selbe Zeit die überaus schnelle Zunahme der Feuer waffen und ganz besonders der Handbüchsen ziffermässig zum Ausdruck. Der deutsche Orden hatte im Jahre 1411 auf seinen Schlössern 74Stein und 99 Lotbüchsen; im Jahre 1437 waren 269 Stein und 594 Lotbüchsen vorhanden, unter diesen die überwiegende Mehrheit Handbüchsen.19) Nach diesen Angaben erscheint der Schluss berechtigt, dass die Hand büchsen in der Zeit 1400—1430 infolge ihrer Schussleistung der damaligen Kriegführung vollends entsprochen haben und dass dieselben in dieser Beziehung der Armbrust gleichwertig geworden; die Ladeweise war bei beiden gleich umständlich. Das Bestreben, die Schussleistung der Arm brust zu erreichen, führte zu Verbesserungen in Bau und Einrichtung der Waffe und zur Vergrösse rung und Verbesserung der treibenden Pulverkraft. Dass auf diesem Wege! die Feuerwaffen die Arm brust bald überflügeln mussten, liegt vornehmlich in der Natur und Verschiedenheit der treibenden Kraft; es war leicht, die Pulverkraft zu vergrössern oder zu verstärken und darnach auf dem prak tischen Wege der Erfahrung die Konstruktion des Laufes einzurichten; bei der Armbrust lagen für die Vergrösserung der treibenden Kraft die Ver hältnisse offenbar schwieriger. Es wurde aus den Bilderhandschriften nach gewiesen, dass schon zu Beginn des 15. Jahr hunderts eine allmähliche Verlängerung der Lauf seele eingetreten war und dass diese im ersten Jahrzehnt ein Verhältnis des Kalibers zur Seelen länge von 1 :8—10 (Fig. 18, 19, 20, 47) erreichte, welches gegen die Mitte des Jahrhunderts schon allgemein auf 1 : 25—30 vergrössert worden war (Fig. 26, 28, 30, 38, 39, 48), wobei in späteren Quellen von Handbüchsen älterer Konstruktion Er wähnung geschieht (Fig. 47). 18) Otto Mörtzsch, Bewaffnung der Schlösser in den Län dern Meissen, Thüringen und Sachsen, nach einem Verzeichnis, welches auf dem Pergamentumschlag des Locates 4333 No. 10 anno 1436 (Rechenbuch der Amtleute u. s. w.) gefunden wurde. Z. f. h. W. Bd. II, H. 8, 322. 19) Vgl. Bd. II, 15. bereich der Armbrust hinauszukommen, führte, nebst den angedeuteten Verbesserungen in Bau und Einrichtung der Laufseele, zur Konstruktion grösserer Handfeuerwaffen, der Tarasbüchsen (1411) und der Hakenbüchsen (1419),20) welche gegen die Mitte des Jahrhunderts schon ganz allgemein werden. Mit diesen Waffen war es möglich, nicht nur das feldmässige Ziel, den Menschen in seiner zunehmen den Schutzrüstung zu vernichten oder kampfun fähig zu machen, sondern auch das Kampffeld über den wirksamen Bereich der bisherigen Hand schiesswaffen, Armbrust und Handbüchse, zu be streichen, ohne in den Schussbereich dieser ein treten zu müssen. Die Kriegsordnungen und Waffeninventarien aus der Mitte des 15. Jahr hunderts bringen in natürlicher Folge dieses Um standes jene grosse Zahl tragbarer Handfeuer waffen, bei welchen die grosse Verschiedenheit in der Grösse derselben auffällt, und bei welchen in folge der angestrebten erweiterten Wirkung die im Kriege nötige Beweglichkeit oft übersehen wurde. Aber auch die Handbüchsen hatten Fort schritte gemacht! Nach den Schiessbriefen von Zürich vom Jahre 1472, von Würzburg vom Jahre 1474, von Eichstädt vom Jahre 148721) wurde eine sichere Schussweite von 230 -245 Schritten er reicht und somit der wirksame Schussbereich der Hand -Armbrust bedeutend überholt. Es wird dadurch erklärlich, dass gegen Ausgang desjahrhunderts die altgewohnteArm brust als Kriegswaffe allmählich ver schwindet und nur als Luxuswaffe sich weiter erhält. Der vergrösserte wirksame Schussbereich der Handbüchsen konnte auch nicht ohne Einfluss auf die übrigen Handfeuerwaffen, die Taras- und Hakenbüchsen, bleiben. Die kriegsmässige Ver wendung dieser Handfeuerwaffen war nur berech tigt, wenn deren wirksame Schussweite auch jetzt noch über jene der Handbüchsen hinausreichte und wenn die Beweglichkeit derselben den Anforde rungen des Feldkrieges entsprach. Man half sich, ähnlich wie seinerzeit bei den Steinbüchsen, mit der Vergrösserung des Laufes in Kaliber und Seelenlänge; allein die durch die Vergrösserung des Laufes herbeigeführte Gewichtszunahme stand der notwendigen Beweglichkeit entgegen und konnte mit der Bestimmung einer Handfeuerwaffe nicht mehr in Einklang gebracht werden. Durch Änderung der Mittel für die Fortbrin gung, welche gestatteten, dass die vergrösserten Handfeuerwaffen, ähnlich wie bei der Wagen- und Karrenbüchse, bis an die Stelle der Verwendung durch Pferde gefahren werden konnten, entstanden 2Ü) Vgl. Bd. II, 44 und 167. 21) Vgl. Bd. II, 334. 54* 4io Zeitschrift für historische Waffenkunde. Feuerwaffen, welche in Bezug auf wirksame Schuss II. Band. waffe abfällt, dass dies, wenn auch langsamer, bei weite sowie in den Mitteln für die Beweglichkeit von den Handbüchsen grundsätzlich verschieden waren und welche heute als Feldgeschütz fortbe stehen.22) Die Hakenbüchsen, bei welchen die Mit tel für die Beweglichkeit dieselben geblieben, ver loren ihre kriegsmässige Berechtigung, da sie den Wirkungsbereich der bequemen und beweglichen Handbüchse ohne Gewichtszunahme nicht über schreiten konnten. Es ist daher natürlich, dass die selben gegen Ende des Jahrhunderts von den Hand büchsen an Zahl bedeutend überflügelt, in der kriegsmässigen Bestimmung mehr und mehr auf die Mauern fester Plätze zurückgedrängt werden, — „auf den Mauern braucht man uns sehr“ —• um schliesslich im 16. Jahrhundert als Ausrüstungs stücke von Schlössern und befestigten Plätzen an ihre letzte kriegerische Thätigkeit zu erinnern.23) Es wäre noch anzuführen, dass infolge der zu nehmenden Verlängerung der Laufseele d i e Hinter ladung auch bei den Handbüchsen praktisch ver sucht wurde; die Unvollkommenheit der Technik und die Umständlichkeit beim Laden verhinderten jedoch, dass die Hinterladung bei den Hand büchsen irgend welche besondere Bedeutung er langen konnte.24) Die urkundlichen Marksteine für die Entwick lung und kriegsmässige Verwendung der Hand feuerwaffen — insbesondere der Handbüchsen — lassen sich, wie folgt, zusammenfassen: a) In der Instruktion vom Jahre 1347 für die Verteidigung der Burg Bioule sollten die Feuer waffen erst nach den Armbrüsten, die am weitesten gingen, und nach den Schleudern, abgeschossen werden, offenbar weil ihre Schussweite nicht ein mal an diese letzteren heranreichte.25) b) Im Jahre 1431 wird durch die Bestimmung im Anschlag zu Nürnberg die Gleichwertigkeit der Handbüchse mit der Armbrust ausgesprochen. Es war daher notwendig, vorerst urkundlich den Wir kungsbereich der Armbrust festzustellen; für diesen Zweck war die einzig verlässliche Quelle die in den Schiessbriefen genannten Schussentfernungen; denn sowie heute die Entfernungen im Schul schiessen einen Rückschluss auf die Trefffähigkeit und wirksame Schussweite eines Gewehrs zulassen, in derselben Weise müssen die Schussentfernungen beim Schulschiessen in damaliger Zeit aufgefasst und gewürdigt werden. c) Aus den'Schiessbriefen für das Schiessen mit Handbüchsen in der Zeit von 1472—1487 geht hervor, dass die Handbüchsen an wirksamer Schuss weite die Armbrust weit überholt haben; es ist die natürliche Folge, dass die Armbrust als Kriegs 22) Vgl. Bd. II, 78. 23) Vgl. Bd. II, 170 und 320. 24) Vgl. Bd. I, 280. 25) Vgl. Bd. I, 116. jenen Feuerwaffen eintreten muss, welche bei gleicher Schussweite die geringere Beweglichkeit aufweisen und dass schliesslich die Handbüchse ob ihrer vergrösserten wirksamen Schussweite und ob der ihr bestimmungsgemäss zukommenden Be weglichkeit sich zur einzigen und entscheidenden kriegstauglichen Handschiesswaffe aufschwingt. Platte man bisher die Handbüchsen nur aus Abbildungen von Bilderhandschriften kennen ge lernt und näheren urkundlichen Aufschluss aus amt lichen Inventarien oder Kämmerei-Rechnungen her beigeholt, so sollen in der Folge die Handbüchsen jener Zeit selbst vorgeführt werden. Dieselben sind besonders für den Beginn und die erste Hälfte des Jahrhunderts recht selten; die kleinen Hand büchsen konnten leicht eingeschmolzen und um gearbeitet werden, der Schaft kann zumeist nur nach den gleichzeitigen Abbildungen hinzugedacht oder ergänzt werden. Was nun das Material betrifft, aus welchen der Lauf dieser Handbüchsen erzeugt wurde, so wurde nach den Angaben aus dem Tresslerbuche schon im Jahre 1401 zur Erzeugung von Büchsen Kupfer mit einem mässigen Zusatze von Zinn verwendet.26) Auch die Kämmerei-Rechnungen der Stadt Wien enthalten zum Jahre 1426 eine ähnliche Angabe, welche sich zweifellos nur auf Handbüchsen be zieht und entnehmen lässt, dass Handbüchsen so wohl aus Eisen als auch aus Kupfer mit einem Zusatz von Zinn erzeugt wurden.27) «Kupher 9 Centn, per 4 guld. 3 örtt facit 32 Pfund 15 dn.» «ainzentn. zinn darzu pro 7 Pfund dn.» «aus dem benannten Kupher und zinn sind worden 171 puchsen wegent 912 * 2 Pfund.» Es hatte daher ein Büchsenlauf, wenn man dieselben durchschnittlich gleich annimmt, ein Gewicht von 5,2 Pfund.»28) «von jeden zentn. ze giessen 3Pfund 6 sh.dn.facit 3472Pfund dn.» «von den benannten püchsen anzeschifften, von jeder 6 dn. facit 64/2 Pfund 6 dn.» Diese Läufe wurden daher ge gossen und dann geschäftet. Überdies wurden ange kauft : «von erst kuphrein puchsen 90 per 5 sh. dn. ft. 55 Pfund 60 dn.» «so hab wir kaufft von maister Erhartten eissenein hantpuchsen 40 stukch per 1/2 Pfund facit 20 Pfund dn.» «aber eisnein hant puchsen 22 stukch per 33 sh. facit 8 Pfund 60 dn.» ferner: «1445: 98 kuphrein Handbüchsen.» 1472. «Einnahmen vom Bürgerrecht. 1 kuphreine Hand puchsen.» i486 dem Freitag puxnschützen für schaden, daz im sein messeine puxn zerbrochen ist, hat man in die drumer lassen und darzu geben 4 sh. dn. Eine gleichzeitige Aufzeichnung über den Haus rat auf der Burg Badenweiler im Freiberger Staats archiv vom Jahre 1422 erwähnt «— 1 messy 26) Vgl. Bd. II, 15. 2‘) Dr. Karl Uhlirz: DerWiener Bürger Wehr und Waffen. 26) Vgl. Bd. II, 168. ii. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. handbiichs, 1 yserin handbüchs» — und zum Jahre 41 I scheinlichkeit den Übergang vom 14. in das 1422: «Item ain grossy möschy bussen, ain grossy ysrin bussen. Item aber ain klotzbusse von kupfer und fuss 10 möschin stabbüchsen, schiessen klainy blyklötzly. Item 4 Fass, ligen by den buhssensteinen (im Keller). Item das hat der oller verschriben geben Juncker Erhärt von Rüwenfels an Donstag vor St. Thomas Tag 1424.»29) Nach diesen Angaben lassen sich die Hand büchsen des 15. Jahrhunderts wie folgt einteilen: I. Nach dem Material und der Erzeu gung des Laufes; und zwar: a) von Eisen geschmiedet; b) aus Kupfer, aus Bronze, oder aus Messing gegossen. II. Nach Art der Schäftung: a) vollkommen geschäftete Handbüchsen, wie dieselben aus Abbildungen des cod. ms. 55 der kunsthist. Sammlg. des A. - H. Kaiserhauses zu Wien, (1400—1420) Fig. 4, nachgewiesen sind; b) Handbüchsen mit rückwärts eingestecktem Stangenschaft, wie dieselben in den Abbildungen des cod. ms. 3069 der k. k. Hof- und Staats bibliothek zu Wien (1411) Fig. 15, und des cod. ms. 34 der kunsthist. Sammlg. des A.-H. Kaiser hauses zu Wien (1410), Fig. 18 und 19, darge stellt sind. Von dieser Art Schäftung ist auch die Be zeichnung „Stabbüchsen“ abzuleiten, welche noch im Landshuter Zeughausinventar vom Jahre 1485 als „ältere Handbüchsen“, Fig. 77, abgebildet er scheinen. III. Nach Art der Ladung: a) Vorderlader; b) Hinterlader. Eiserne Handbüchsen. Die ersten Handbüchsen, welche vorgeführt werden, schliessen vollkommen an jene wenigen Handbüchsen an, welche mit einiger Bestimmtheit in das 14. Jahrhundert gewiesen und in diesem Abschnitte besprochen wurden. Als jüngste unter denselben wurden zwei Handbüchsen im Museum Francisco - Karolinum in Linz a/D. angegeben. Nachdem nun über Nr. 1 dieser Handbüchsen die Daten vervollständigt, über Nr. 2 teils richtig gestellt, teils ergänzt wurden, so sind diese Hand büchsen in der folgenden Tabelle neu aufgenom men; mitbestimmend war auch der Umstand, dass die cylinderische Form der Laufseele schon einen bestimmten Fortschritt in der Entwicklung der Handbüchsen bedeutet und dass somit die vor liegenden vier Handbüchsen mit grosser Wahr 29) Dr. H. Schreiber, Über Berthold Schwarz und den frühesten Gebrauch des Schiesspulvers und der Feuergewehre in und um Freiburg. — Schriften der Gesellschaft für Be förderung der Geschichtskunde zu Freiburg im Breisgau. 1828, Bd. I, 66. 15. Jahrhundert darstellen.30) Museum Francisco-Karo Handbüchsen Gewicht in kg Äussere Länge in cm Material linum in Linz a/D. No. 1 2,397 27 No. 2. 6,63 37,5 No. 3 3,97 38,4 Schmiede-Eisen cylindrisch K. u. k. Heeres Museum in Wien 3,5 35,6 aCm' cylindrisch Äussere Konstruktion des Laufes Art der Herstellung Länge des Laufes in cm Länge der Seele in cm Durchmesser der Seele in mm Verhältnis des Kali bers zur Seelen-Länge Innere Beschaffenheit der Seele Zündpfanne mit Zünd loch Länge des massiven vierseitig-pyramiden förmigen Ansatzes in cm Herkunft eckig ' das rückwärtige La massiven vierseiti ufende ist zu einem gen-pyramidenförmi gen Ansatz ausgespitzt über den Dorn geschmiedet, Mündung wenig verstärkt 18,5 U,2 30 5,7 24,5 22,9 40 5,7 innen sehr uneben mit tiefen Gruben 28, 26,2 22 11,8 ziemlich glatt 23, 21,4 23 9,3 innen sehr uneben theilweise nachgebohrt; an der Mündung und am Seelenboden gleich weit oberhalb, nahe dem rückwärtigen Lauf ende mit von vorne nach rückwärts aufge schweiss tem aus dem Körper des Laufes aufgetrie benem aufge schweiss tem aus dem Körper des Laufes aufgetrie benem muschelförmigem Schirm 8,4 1 L5 IO, 12,6 unbekannt, aus dem Schloss Hoch-Osterwitz in Kärnten, zuletzt im Besitze des Hof rates M. Ritt, von Az. Bestände des alten Zeughau ses über nommen. 3U) Die Daten sowie die photographischen Abbildungen der Linzer Büchsen erhielten wir durch die liebenswürdige und gediegene Beihilfe des Vice-Präsidenten des Museums Herrn J. C. Straberger, welcher uns überdies bei Besichtigung und Bestimmung der Büchsen in schätzbarster Weise unterstützte. Herr Conservator Dr. Wilhelm Erben hat uns uns in kollegial freundschaftlicher Weise auf die Handbüchse im Heeres-Museum aufmerksam gemacht, bei Besichtigung, und Bestimmung der selben uns seinen wertvollen Beistand gewährt und die photo graphische Abbildung in bereitwilligster Weise besorgt. Wir erfüllen eine angenehme und schuldige Pflicht, wenn wir auch an dieser Stelle beiden Herrn für ihre vielfachen Bemühungen unseren herzlichsten Dank sagen. II. Band. 412 merken : Zeitschrift für historische Waffenkunde. Zur vorstehenden Tabelle wäre noch zu be a) Die vom Konservator des k. u. k. Heeres Museums, Herrn Dr. W. Erben, bei der Wiener Büchse angestellte genaue Untersuchung hat er geben, dass die Zündlochmuschel zuerst durch Auf schweissen. Bei der Wiener Büchse und bei Nr. 2 der Linzer-Büchsen ist die Herstellung der Muschel durch Auftreiben zweifellos festgestellt. b) Bei Nr. 2 und, 3 der Linzer-Büchsen wurden, bei wiederholter genauer Untersuchung durch Herrn J. C. Straberger, Vicepräsidenten des Museums Fig. 79. Eiserne Handbüchse Nr. 1 im Museum Francisco-Karolinum in Linz a/D. treiben hergestellt und dann erst das Zündloch mittelst eines Stiftes durch die Laufwand ge schlagen wurde; äussere Spuren der Treibarbeit sind deutlich erkennbar. Dass das Durchschlagen des Zündloches erst nach vollendetem Auftreiben der Zündlochmuschel er folgte, wird durch fol gendes Anzeichen be kräftigt: Der obere Rand der Muschel zeigt in der Mitte über dem Zünd loche eine flache Ein Francisco-Karolinum in Linz a/D., deutlich ein geschlagene Schmiedezeichen konstatiert. Dieselben stellen sich als kleine schildförmige Stempel dar, in deren Mitte ein nicht mehr er kennbares Zeichen angebracht ist. Auf der Büchse Fig. 80. Eiserne Handbüchse im k. u. k. Heeres-Museum biegung, welche offen bar dadurch entstan in Wien. den ist, dass der Stift, mit dem das Zündloch Nr. 2 sind 3 derartige Zeichen nebeneinander nahe hinter der Zünd lochmuschel(sieheZeich nung), bei Nr. 3 sind 2 derartige Zeichen an der rechten Seite, von durchgeschlagen wurde, hier an die Muschel sich anlegte, so dass bei mehrmaligen Hammerschlägen auf den Stift der Muschelrand eingedrückt wurde. Steckt man einen starken Draht durch das Zünd loch, so legt sich derselbe genau in diese flache Ausbiegung des Muschelrandes. Es ist möglich, dass beim Auftreiben der Muschel das Eisen über einander geschoben wurde und dass es den An schein hat, als wäre die Muschel aufgeschweisst; das Auftreiben war gewiss einfacher als das Auf welchen das untere Zeichen sich in der Höhe des Zündloches befindet. Bei Nr. 1 der Lin zer-Büchsen und bei der Wiener Büchse sind keine derartigen Zeichen vorhanden. c) Es wäre noch die Frage zu stellen, ob der vierseitig zugespitzte Fortsatz mit dem Laufe aus einem Stücke erzeugt oder in den Lauf einge schweisst wurde. Bei Nr. 2 und 3 der Linzer Büchsen ist mit Bestimmtheit der erstere Vorgang anzunehmen; bei Nr. 1 und bei der Wiener-Büchse 11. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. ist auch die letztere Annahme möglich. Ein 413 zu bezeichnen, sowohl in Bezug auf Grösse des vollkommen sicherer Befund könnte nur durch Blosslegung der Schweissnähte erzielt werden; diese Prozedur lässt sich jedoch nicht durchführen, ohne die Büchsen zu schädigen. Der Zweck des vierseitigen pyramidenförmigen Fortsatzes lässt sich nur erklären, wenn man den selben mit der Schäftung in Verbindung bringt. Denkt man sich die Schäftung so, wie dieselbe in Fig. 4 nachdem cod. ms. 55 der.kunsth. Sammlg. des A.-H. Kaiserhauses zu Wien dargestellt ist, und wie thatsächlich auch die Handbüchsen im histo rischen Museum zu Bern, Fig. 5, und im ger manischen National-Museum zu Nürnberg, Fig. 6, ge schäftet sind, so war der Lauf in die vorne oben befindliche Rinne des Schaftes eingelegt und Schaft und Lauf durch 2—3 Eisenbänder miteinander fest verbunden. War nun die äussere Mantelfläche des Laufcylinders glatt, so konnte beim Gebrauche leicht eine Drehung des Laufcylinders um die Kalibers als auch in Rücksicht auf das Verhältnis von Kaliber zur Lauflänge; an diese schliesstNr. 1, sodann die Wiener Büchse und endlich Nr. 3, welche auch schon die kantige Laufmantelfläche zeigt. Waren die vorstehend beschriebenen Hand büchsen geschäftet, d. h. in die vorne oben befind liche Rinne des Schaftes eingelegt und Schaft und Lauf mittelst eiserer Bänder fest verbunden, so soll die nächste Handbüchse eine Repräsentantin jener Konstruktion sein, bei welcher der stangen artige Schaft in die, am rückwärtigen Laufende befindliche Tülle eingeschoben ist und wie die selbe in den Abbildungen der Bilderhandschriften Fig. 15, 17, 18, 19, 20, 27, 34 und 47 dargestellt ist. Eine derartige Handbüchse befindet sich im städtischen Museum der königl. Stadt Tabor in Böhmen. Fig. 83. Die genauen Daten und Ab messungen sind folgende: Fig. 82. Eiserne Handbüchse Nr. 3 im Museum Francisco-Karolinum in Linz a/D. Längenachse und somit eine Verschiebung des Zündloches eintreten. Wurde der vierseitig pyra midenförmige Fortsatz in einen entsprechenden Ein schnitt in den Schaft eingelassen, so war die Län genachse fixiert und die Drehung unmöglich. Das selbe erreichte man bei Nr. 3 der Linzer-Büchse auch dadurch, dass die Mantelfläche des Laufes 6—8 kantig gemacht wurde, wie dies bei der Berner und bei der Nürnberger Büchse, Fig. 5 und 6 der Fall ist, was mithin gegen die äussere glatte Man telfläche schon einen Fortschritt bedeutet. Es wäre noch hervorzuheben, dass die Abbildung aus dem cod. ms. 55, Fig. 4, eine Handbüchse mit glatter äusserer Lauf-Mantelfläche zeigt und dass die Hand büchse, Fig. 38, aus dem cod. 1. m. 197 der kgl. Hof- und Staats-Bibliothek zu München (1420 bis 1450) eine glatte äussere Lauf-Mantelfläche er kennen lässt, und dass der Lauf bei letzterer Hand büchse rückwärts ebenfalls einen zapfenartigen Fortsatz aufweist. Vergleicht man die 4 Büchsen untereinander, so wäre Nr. 2 der Linzer Büchsen als die älteste Gewicht der Handbüchse ohne Stangen schaft: 2,9 kg: Äussere Länge des Laufes sammt Tülle: 42 cm. Material: Schmiedeeisen. Äussere Konstruktion des Laufes: cylindrisch, gegen die Mündung hin mässig verstärkt, knapp an der Mündung ringfönflig abgeplattet. Art der Herstel lung: über den Dorn geschmiedet; die Schafthülse (Tülle) ist in die hintere Öffnung des Laufes ein geschweisst. Äussere Konstruktion der Schafthülse : nach rückwärts trichterförmig erweitert, mit Loch zum Durchstecken eines Nagels, zur Verbindung von Tülle und Schaft. Länge der Seele: 25 cm; Länge der Hülse: 14 cm; Dicke des Laufbodens: 3 cm; Durchmesser der Seele: 20 mm; an der Mün dung und bis gegen die Mitte (weiter bis gegen den Seelenboden konnte der Durchmesser nicht genau bestimmt werden, da die Seele mit Erde verstopft war und infolgedessen stark verrostet ist). Verhältnis des Kalibers zur Seelenlänge: 1:12,5. Innere Beschaffenheit der Seele: sehr uneben, mit der Hand nachgebohrt, an der Mündung nicht central. Äusserer Durchmesser an der Mündung: II. Band. 414 Zeitschrift für historische Waffenkunde. 5 cm; äusserer Durchmesser knapp hinter der Ab plattung: 4,5 cm; äusserer Durchmesser in der Nähe des Zündloches: 3,5 cm. Zündloch befindet sich oberhalb, nahe am rückwärtigen Ende der Seele und ist scharfkantig. Fundort: bei Erdar beiten am Ringplatze in der kgl. Stadt Tabor im Jahre 1892. Die zu dieser Handbüchse gehörige Bleikugel würde ein Gewicht von 0,04 kg gehabt haben. Sowohl Fundort als auch äussere Form lassen mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen, dass man hier eine Handbüchse aus der Hussitenzeit vor sich hat, und zwar eine jener «pischullen», wie dieselben in der «Einung der schlesischen Für sten, Manen und Städte auf dem Tage zu Grotkau vom 18. September 1421» verlangt werden. In Tabor war ein befestigtes Kriegslager der Hussiten, welches im Jahre 1419 von Ziska angelegt wurde. Die Bezeichnung «pischullen» wird von dem böh Jahre 1429 werden die «pischczaln» erwähnt. «Auch so haben wir eyn wenig pulfer vnd vier pischczaln mit uns weg brocht. . . .» In einem Berichte über die Hussiten vor Schweidnitz von demselben Jahre heisst es: «.. und das man vndir sie rechte sere schoss mit büchsen pischoln . . ,»32) Die Bezeichnung «pi schullen» wird auch noch später durch das ganze 15. ja sogar noch im 16. Jahrhundert gebraucht und geht in «pischalen» — «pethstollen», «pett stolln» — und «Bettstalln» über. Im Jahre 1461 wurden in den Stadtbüchern von Breslau „item zcwu Pischczellen“ erwähnt und zum Jahre 1483 werden beim Zeug der Stadt Breslau unter den Feuerwaffen angeführt:33) «514 Haken Büchsen mit den eisernen. 228 Pischaln, 1 Gl. — Siben Pischaln haben die Zöllner an Toren.» Bei der Angabe über die Verwendung dieser Hand feuerwaffen werden 344 Hakenbüchsen auf die vielen Thore und Türme verteilt «Hundert Pit Fig. 83. Eiserne Handbüchse mit Stangenschaft im städtischen Museum zu Tabor in Böhmen. mischen Worte «pistal» Pfeife, Fistel, abgeleitet; (lateinisch fistula, Röhre, Rohrpfeife, Hirtenflöte). Dass das Wort «pischullen» schon damals in diesem Sinne gebraucht und übersetzt wurde, geht aus einer Stelle der Einigung zu Strehlen vom 14. Fe bruar 1427 hervor.31) «Item yglich fürste mit seynen stetin sal habin vnd mit ym bringen czwu adir dry steynbuchsen vnd pulver vnd steyne, dorczu eyne notdarft vnd ouch pfeiffen vnd havfenicz, das meisten so her mag gehaben.» Diese „Pfeifen“ waren, nachdem dieselben den Steinbüchsen und den Haufnitzen gegenübergestellt werden, offenbar Lotbüchsen, welche in Grösse und Form einer Pfeife oder Röhre ähnlich waren und bei welchen man. infolge der gewählten Bezeichnung Handbüchsen mit Stangenschaft, zu verstehen hat, da nur diese Konstruktion der gegebenen Bezeichnung „Pfeife, — Rohre“ am nächsten kommt. Auch in dem Schreiben der Strehlener an ihren Hauptmann vom 31) Palacky, Urkundl. Beiträge I, 493. schalen» kamen «auf die fünfzig Türme um die Stadt, auf iglichen zwene». Im Inventarium der Stadt Nürnberg vom Jahre 1579 und 15803 gezwungen waren, stets viel besser gerüstet zu sein, als man von Reichs wegen von ihnen verlangen konnte. Namentlich die Wettiner, als Nachbarn des unruhigen Böhmerlandes, hielten stets auf eine ansehnliche «Armee». Und auch als der hussitische Brand erloschen war, ermüdeten die Meissner Fürsten nicht in der Sorge um den bewaffneten Schutz ihrer Ländereien. Im Jahre 1445 erging an alle Vögte und befestigt wurde. Es ist zweifellos als richtig anzusehen, dass bei allen Handbüchsen mit Stangenschaft das Ent zünden der Ladung durch einen zweiten Schützen erfolgte. Die Zeit für die Entstehung dieser Hinterlad büchsen muss in die letzten Jahrzehnte des 15. Jahr hunderts verlegt werden. Bemerkenswert ist, dass mit der Anwendung der Hinterladung die trichter förmig erweiterte Mündung wegfällt; die aufge schobenen Ringe waren nur zur Verstärkung der Lauf wände, die ringartigen Verengungen im Innern der Bohrung lassen sich dadurch erklären, dass die Ringe im heissen Zustande aufgeschoben wurden. Ob auch bei geschäfteten Handbüchsen die Hinterladung in Anwendung gebracht wurde, kann nicht angegeben werden, da bisher urkundliche Nachrichten darüber fehlen und eine geschäftete Handbüchse mit Hinterladung aus dieser Zeit bis j jetzt nicht aufgefunden wurde. Amtleute, Bischöfe, Grafen, Herren und Städte ein dring liches und vertrauliches Schreiben Kurfürsts Friedrich V. (des Sanftmütigen) mit folgendem Wortlaut: Liber getruwer/ wir sind gloubwirdichlichengnug ange richt/ wie das vnser Erbarmanschafft in diner pflege/ an pfevden vnd sust gancz vnrustig vnd dir von vnserwegen zcu folgen/ vngehorsam sy/ wanne sie von dir vermand werden/ das vns vnd vnsern landen nach solchen wilden leuften/ieczvnd verhanclen/ zcuswer werden/ vnd in künf tigen zceiten vnwidderbrengelichen schaden/ vnrath vnd hoen brengen mochte/ Einsolchs wir dann vnsselbs vnd yn schuldig sind zcuverkomen/ so wir vest mögen vnd begern darumb von dir mit ganczem vlisse ernstlichn das du alle vnser Erbarmanne in diner pflege gesessen/ die vns dienst bar sollin syn/ sie sind beslost ader vnbeslost mit namen verzceichen lasest/ darczu auch gründlichen alles in geheim erfarest/ was in iglicher an gutem habe/ wie es vmb sine narunge gewancl sy vnd wie hoch er vns davon möge gc dinen/ vnde das alles ye ehrybesser/ eigentlichen vcr czeichnet in vnsern hoff selbst brengest/ vns daby münd lichen zuberichten/ wie es darumb gestalt sy/ vnd fürder als notdurfft ist/ darynne wissen zuhalden/ dornit zukünf tiger hoen vnde schade in zeyten verwart möge werden vnde halt das alles in geheim vnd nicht anders/ doran tustu vns zcudangke. Geben zu Turgow am Montag Innocentum1) AnnoMCCCC quadragesimo quintö.» Diesem Briefe ist ein «Zcedelrt beigefügt, der fol genden Inhalt hat: ’) Das Datum muss heissen Montag vor Innocenz, denn 1445 ist der Innocenztag (28. XII.), ein Dienstag. i 2. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. «Auch begern wir/ das du alle vnser landuolgk in diner 449 «Caspar Psohel, Herman Sitzsoll, Ffridrich Nuwestat, pflege vnd iede gemeinde besunder/ darczu haldest/ das sie sich mit wagen/ keten/flegeln/ bretern/ pafeusen/le beken / spisen/ nressern vnde andern werlichen vnd notdurff tigen wafen zcu zeugen vnd strite gehörende vnd auch etliche die das vermögen mit buchssen vnd armbrusten von stund ane alles verczihen rüsten/ vns alsdann so du in vnsern hoff ko inest/ eigentlich verczeichnet mitbrengest vnd vns auch mündlichen vnderrichtest/ was were wir uns zu dem landuolke diner pflege versehen sollen vnd womit sy ge. rüstet mögen.» An die Städte der Wettiner ergeht die Aufforderung zu rüsten und anzuschaffen: «geschosse puffere/buchssen/ steynen/ armbruste/ pfile/ bech/ rincharnasche vnd aller ander wehre». Das hierauf angelegte Verzeichnis zeigt uns nicht nur die Anzahl der Erbarman 2) und des Landvolkes, son dern auch die Anzahl der Pferde, der Rüstwagen und die Bewaffnung damaliger Zeit. Die aufgezählten Ämter sind; Lipzk (Leipzig), Gryme (Grimma), Nuenhoff (Naunhof), Groiczsch (Groitzsch), Czorbcck (Zörbig), Ilburg (Eilenburg), Honstein (Hohnstein), Radeberg, Aldemburg (Altenburg), Rochlicz (Rochlitz), Lissenig (Leisnig), Dobelin (Döbeln), Dresden, Donyn (Dohna), Pirne (Pirna), Friberg (Freiberg), Schellenberg, Konigestein (Königstein), Tarand (Tharandt), Czwickaw (Zwickau), Wittenberg, Torgaw (Torgau), Liben werda (Liebenwerda), Trebicz (Trebitz), Grefenhainchen (Grafenhainichen), Krymptschaw (Crimmitzschau), Werda (Werdau), Milan (Mylau), Frauwenstein (Frauenstein), Scharf fenstein (Scharfenstein), Ronnemburg (Ronneburg), Stal burg (Stollberg), Deliczsch (Delitzsch), Oschacz (Oschatz), Adorff (Adorff), Voitsperg (Voigtsbeg). Das umfangreiche und ausführliche Verzeichnis kann nur in verkürzter Form wiedergegeben werden. Die Pflege Lipzk (Leipzig) hatte nach des Vogtes Schätzung zu stellen i glefym. (zu 2 Pferden), ix Pferde und 10 Knechte. Das Verzeichnis trägt am Rande die Bemerkung: «duncket mich zeuwenig». Von der «Gryme: sehen (Grimma) Pflege wissen wir nicht die Anzahl der zu stellenden Pferde und Knechte, sondern nur die eingeschätzten Vermögen des ansässigen Adels (9 Mann). Es gab einen mit 7000 Gulden, zwei mit 4000 gld., drei mit 2000 gld., je einen mit 600, 400 und 200 gld. Vermögen, so dass die ganze Pflege mit 22200 Gulden verzeichnet steht. — Die «350 weher hafftige man des landvolkes; in dieser Pflege sind mit 70 handbuchssen, 8 armbrusten, die andern mit flegeln, spissen vnd messern ausgerüstet. Ausserdem müssen sie 5 Rüstwagen, jeden mit «3 kettirn, stellen. Ebenso sind von der Pflege «Nuwenhofl» (Naunhof, zwischen Grimma und Leipzig) die eingeschätzten Ver mögen angegeben, und zwar je eins von 4500, 4000, 3000, 2000, 1500, 1200, 1000, 400 gld. und zwei von 600gld. =Sa. 18800gld. (10 Adelspersonen). Das Land volk, auf 390 werhaffter man» angegeben, muss < 50 buch ssen, 60 armbruste, 280 flegel, spisse oder rnesser» und 3 Rustway e vnd zcu ydem wayne 3 ketten» stellen. Auch von der Groiczsclier Pflege sind nur die Kapi talien der 22 Erbar man vezeichnet. Die Summe ist: 16800 Gulden -]- 3800 neu ß (Neue Schock) = 27657 Gulden (ca.). In der rflege «Czorbeck stellen 12 E. M. 16 Pferde (3, 3, 10 einzelne). 2) Erbarman = E. M. Ffriczschc Kregir/ die meinen myns hrn. gnaden gerne zu dinen zu einer landiaclit sunder pferde/ vssewendig des landes zuthune ader zuryten vermögen sie nicht nach an czal ihrer guter. Qwicz vordynt Fridrichen von Hoym. Helffer Owicz vnd sine brudere haben ihr gut uss. getan/ das sein arme gesellen/ vnd dinen guten luten vf vnd nydder», können also nicht zu Diensten herangezogen werden. Der Vogt der Pflege zu Eilenburg ( Ilburg») hat in seinem Register nur teilweise die Dienste, welche geleistet werden müssen, aufgezählt. Von dem andern Teile der E. M. giebt er das Ver mögen an: 2500 gülden Diethrich Pogk 3000 „ Hans Maschwicz 1000 „ Nickel Vichtenberg 800 „ Warin zcu Wedelwicz 1000 „ Hans Gorlicz 15 gute nuwe ß Hans Poyde 500 gülden Stephan Kriczschen 27 gute nuwe ß Merten von Bernwalde 700 gülden Hans vnd Thame von Zcornaw 300 „ Krissow zu Ilburg. (Summa: 9200 Gulden.) Item die burger zcu Ilburg haben geknufft ein vor werg in die stad/ solch vorwerg sie danne gekauft haben für 120 gute nuwe schogk/ douon sie ein lehenpferd eim voite doselbst halten vnd lihen sollen wann es ym not ist von myns hren. wegen zu der herfard. Item ein lehenpferd die Hellewigen zu Kupstal von weingute vnd 4 liufen. Item Peczsch ein lehinpferd daselbst von 1 hufen. Bertold Wedebach auch zu Ilburg vf dem berge gesessen sollich sein gut vnd gatterczinss ich achte vff 400 gldn. Item eyn lehinpferd der Richter zue Nuwen dorff.» Zu dem «slosse Ilburg gehören 19 Dörfer, welche 219 werhafftige man stellen müssen, die habin solch were: Item 11 handbuchssen „ 70 armbrust „ 60 iserin flegile „ 13 iserin kete „ 95 spiese „ 28 gute messer oder mehr. Item darczu sullen sie habin zwene rüstige wayne mit 8 guten pferden vnd seien (Seilen) vnd was zcu den waynen gehöret.» Eins der kürzesten Verzeichnisse hat der Vogt von Zahna bei Wittenberg (Czane) eingereicht. Es lautet: Diss ist Erbarmanschaft in der pflege zur Czane. Thannne Frübosse 3 pferde, Thile von Thumen, Hans Reymstorf, Kiine Todelebin, Peter Schulte dinen m. g. h. (meinem gnädigen Herrn) alle kawm mit dren pferden (kaum 3 Pferde). Item in der stat zeur Czan sind oberslagen vf das höchste nunczig werliaftige mann. Item in den dorffern zeur pflege gehörend sind iiberslagen 140 welirhafftige mann. Das Verzeichnis der Pflege Wittenberg («Wittem berg ) bietet uns von 6 E. M. die genaue Angabe des Besitzes bis auf den Scheffel Hafer genau, aber nur von 2 Mann erfahren wir die zu leistenden Kriegs dienste : 59* Zeitschrift für historische Waffenkunde. 45° Item List des vater seliger hat der alden her II. Band. Besuch Sr. Majestät des deutschen Kaisers in schaft zu Sachssen mit 4 pferden gedinet/ er hat aber by disser herscluift (bei den Wettinern) vaste guter bie sich gebracht/ also das er mynen gne. hren. mit 6 pferden mag gedinen.» Hans Falke hat mit 2 Pferden zur Heerfahrt zu erscheinen. Item vor der statt Wittemberg vnd in den dorffern zcur pflege gehörende sind 110 mann werhaftig.» Von der E. M. in der Pflege'Libenwerde (Lieben werda) ist der Besitz angegeben mit 194 ßo = 555 Gul den circa (darunter: der pfarrer mit sinem bruder 18 ßo»), das landuolg aus 19 Dörfern, nämlich 276 person bringen 141 Spiesse, 83 Bogen, 29 Flegel, 32 Messer, 38 Armbrüste und 1 Handbüchse als Wehre zur Heerfahrt. Die E. M. der Pflege Trebicz* wird auf 21 an gegeben, als letzter der richter czu Bledyn (Bleddin bei Pretszch), welcher »sol dinen mit zwen reysigen pfer den . Von den andern ist nur der Besitz verzeichnet. Ohne Angabe der Wehr ist auch das Register des Vogtes zu «Grefenheinichen». Es nennt nur 3 E. M., 13 Bürger mit • frihe leliinhufen , 5 Dörfer «in der pflege zeu Heinchen mit 54 Einwohnern und enthält noch folgende Bemerkung: Item die stat zcum Henichen habin den Hertwigen iren mitburgern den Snyderzcinss vom gewande im kouf huse daselbs abkouft für 50 gülden dauon die hertwige pflegen zeudinen.» (Fortsetzung folgt.) der Rüstkammer der Stadt Emden. Kaiser Wilhelm besuchte am 30. Juli die Stadt Emden und beehrte auch die berühmte städtische Rüstkammer mit ejner eingehen den Besichtigung. Der Raum, in welchem die Rüstkammer unterge bracht ist, hatte in baulicher Hinsicht während des Win ters durch das Anbringen neuer Fensteröffnungen, durch einen neuen Fussboden, durch die Beseitigung des das Balkenwerk verunstaltenden Kalkanstriches einige Ver besserungen erfahren. Unter möglichster Beibehaltung der alten, seit mehr als drei Jahrhunderten bestehenden Ord nung wurden die Waffen, 2322 Nummern, neu und thun lichst übersichtlich gruppiert, wobei allerdings die Be leuchtungsverhältnisse berücksichtigt werden mussten. Die Figurinen, welche schon im 17. Jahrhundert die Spottlust denkender Reisender erweckt hatten, wurden beseitigt, und die in geschichtlicher oder künstlerischer Hinsicht wertvollsten Waffen hinter Glas und Rahmen der hand greiflichen Wissbegierde der Touristen entzogen. Dank der verständnisvollen und thatkräftigen Unterstützung des Oberbürgermeisters Fürbringer und der städtischen Bau behörde, der Willigkeit der ihm zugewiesenen Hilfskräfte und der Ausnützung jeder Minute, gelang es dem Unter zeichneten, trotz der zugemessenen kurzen Frist von nur vierzehn Tagen, die Arbeit zu erledigen. Der Besuch des deutschen Kaisers in der Rüst kammer erfolgte programmgemäss nach der Besichtigung des Silber- und Urkundenschatzes. Mit grossem Inter esse betrachtete Kaiser Williem den Rest des Arsenals einer deutschen Stadt vom Ausgange des Mittelalters, wobei seine treffenden Bemerkungen ihn auch auf dem Gebiete der historischen Waffenkunde. wohlunterrichtet zeigten. Während z. B. die überwiegende Mehrzahl der Besucher der Rüstkammer achtlos an den unscheinbaren, durch den Gebrauch vielfach beschädigten Patronenbande lieren für Musketiere vorüber zu gehen pflegt, wies Se. Majestät sofort auf den hohen Wert dieses auch in grossen Museen recht selten gewordenen Ausrüstungs gegenstandes hin und lobte den Gedanken, die Bewaff nung des Fussvolkes aus dem Zeitalter des dreissigjäh rigen Krieges auf zwei Waffenbrettern, unter Beigabe mehrerer Bilder, zur belehrenden Darstellung zu bringen. Von dem Gesehenen sichtlich befriedigt; verliess Kaiser Wilhelm die Rüstkammer, die sich auch ihm vor allem als Stätte pietätvoller Ehrung der wehrhaften Tüchtig keit eines kräftigen Gemeinwesens dargestellt hatte. Ein feines Ohr konnte das aus der Rede, die er später bei Darbietung des Ehrentrunkes hielt, wohl heraushören. Dr. Baron Potier. 12. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 4SI die prähistorischen, besonders die etruskischen, der fünfte die römischen Helme und ihre letzten Ausläufer bis zum Beginne der Völkerwanderung beschreiben, während der zweite, vierte und sechste Band zu dem jedesmal vorher gehenden die Abbildungstafcln beisteuern. Die «Probe» un terrichtet uns über den dritten und vierten Band, bietet das Vorwort und die Einleitung. Von den antiken Helmen in den Museen und Privat sammlungen Europas hat Freiherr von Lipperheide eifrig Franz Freiherr von Lipperheide, Corpus Cassidum. (Probe.) Die historische Waffenkunde krankt an einem metho dischen Fehler. Wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, bedeutet sie die einseitige Betrachtung des Waffenwesens vom Beginn des Mittelalters an bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Und dieser Torso, willkürlich genug durch skrupelloses Abschlagen von Beinen und Haupt hervorgebracht, wird noch dazu fast immer nur von einer Seite beleuchtet. Auch Boeheims Handbuch hat sich diese Beschränkung auferlegt, verzichtet auf die Schilde rung der Anfänge und verfolgt nicht die Ausläufer der Entwickelung bis in die jüngste Vergangenheit. Zu, einer Entwickelungsgeschichte des Waffenwesens aber — und die haben wir doch zweifellos als unsere vornehmste Aufgabe anzusehen — werden wir natürlich nur kommen können, wenn wir ab ovo anfangen. Die naturwissenschaftliche Forschung des 19. Jahrhunderts hätte auch der Waffen kunde wie so mancher anderen Disziplin als methodisches Vorbild dienen sollen. Einzig Max J ä h 11 s hat sich in seiner «Entwicklungsgeschichte der Trutzwaffen» ihre Leh ren zu nutze gemacht. Der Prähistoriker und der Archäo loge, der Ethnograph und der Militärschriftsteller sind noch zu wenig zu Wort gekommen, auch in unserer Zeitschrift, wenngleich in diesem zu Ende gehenden Bande mehrfach versucht wurde, die Möglichkeit der Aussprache einem weiteren Kreise zu bieten. Ein ander Mal will ich, da ich auf dieses Thema werde zurückkommen müssen, die Gründe darzustellen versuchen, aus dem sich diese freiwillige enge Eingrenzung des uns zur Verfügung stehenden Gebietes erklärt. Heute möchte ich nur andeuten, dass mir nur dann ein rüstiges' Vorwärtsschreiten als möglich erscheint, wenn eifrige Spezialuntersuchungen gleich massig alle Teile der Waffenkunde berücksichtigen und nicht nur, wie bisher fast immer, einen einzigen. Erst muss alles Baumaterial zugerichtet, der Grund ausgeschachtet sein, ehe wir an das Bauen denken dürfen. Aber haben wir nicht bisher beim ersten Stock angefangen, haben wir je an eine Bedachung gedacht, ist nicht gar manchmal das schmückende Beiwerk des Hauses unsere Hauptsorge ge wesen ? In diesem Zusammenhang wird man verstehen, dass ich mit grosser Freude eine Arbeit begrüsste, die einem von den Waffenhistorikern sehr vernachlässigten Gebiete, der Antike, zu gute kommen wird. Franz Freiherr von Lipperheide hat sein gross angelegtes Werk, sein Corpus Cassidum, zunächst einem engeren Kreise in einer «Probe» vorgelegt. Dieses Verfahren ist bei einer wissen schaftlichen Veröffentlichung außergewöhnlich, aber bei der Tragweite, welche diese hier hat, ist es durchaus berechtigt und mehr als dies, es ist alles Lobes wert. Denn es zeugt von dem ehrlichen Willen des Verfassers, der Wissenschaft eine möglichst vollkommene Gabe zu bieten, da das Vor legen einer «Probe» alle Kenner des Gegenstandes zum Worte aufruft, bevor die fertige Arbeit, an der später nicht mehr gebessert werden kann, den Weg in die Welt nimmt. Das bedeutet eine Weitherzigkeit der Gesinnung, die um so mehr anerkannt werden muss, als sie in den gelehrten Kreisen so selten anzutreffen ist. Das Werk, dessen monumentale Gestaltung schon in dem Titel anklingt, wird sechs Bände umfassen. Der erste wird die ägyptischen und griechischen Plelmtypen, der dritte Aufnahmen gesammelt, deren er jetzt 580 besitzt. Damit ist er in den Stand gesetzt, das Material vollständig vor zulegen. Die Doubletten werden mit Recht nur im Text, nicht im Abbildungsteil berücksichtigt. Von den 850 be kannten Helmen kann übrigens die Lipperheidesc'he Samm lung allein 78 ihr eigen nennen, eine Zahl, die von keiner anderen, auch nicht von den bedeutendsten öffentlichen Spezialsammlungen des British Museum (54 Stück), des Neapler Museo Nazionale (41) und des Louvre (36) erreicht wird. Den Abbildungen liegen Zeichnungen des Münchner Malers Karl R i c k e 11 zu Grunde, der mit viel Geschick der Aufgabe gerecht wurde, die Helme in der Stellung zu zeichnen, wie sie auf den Köpfen der Krieger gesessen haben mögen. Das aber ist keineswegs bedeutungslos, denn der Aufbau des Helmes wird dadurch in seiner Zweckmässig keit und in seiner damit in engstem Zusammenhang stehen den Kunstform sehr anschaulich dargestellt. Es wäre zu wünschen, dass dieser meines Wissens vom Freiherrn von Lipperheide zum ersten Male aufgestellte Grundsatz die Regel für alle Abbildungen von Waffen würde, wie denn auch mit mir jeder wünschen wird, dass für unser Fach der kunstgewerblich geschulte Zeichner mehr als der photo graphische Apparat arbeiten möchte. Die Stoffcharakte ristik, der «Strich» des Metalls gelingt doch nur dem ersten. Freilich ist auch der Kostenaufwand wesentlich höher, denn nur die beste Leistung ist hier gut genug. Rickelt hat nun wirklich Vortreffliches geboten. So ist z. B. muster haft dargestellt die gallische Sturmhaube auf Tafel 6, bei der sich deutlich die dünner gewordenen Stellen der Bronze von den stärker gebliebenen abheben, und besser als auf Tafel 21, an der etruskischen Sturmhaube, lässt sich wohl kaum der Unterschied zweier Techniken, des Treibens und der Punzierung, charakterisieren. In den einleitenden Abschnitten macht der Heraus geber den Leser mit den für die antiken Helme verwende ten Stoffen und den zu ihrer Verarbeitung nötigen Tech niken bekannt. Dann belehrt er ihn über Konservierung und Restauration, über sein System der Massbestimmungen, das sich durch Genauigkeit auszeichnet und der Über tragung auf verwandte Messungen wohl wert ist — die Mittel zum Messen: Stellwerk nebst Richtscheit, Messband und Taster verdienen überall eingeführt zu werden — und schliesslich bespricht er die Abnahme von gepunzten Orna menten u. dergl. Diese rein praktischen Kapitel scheinen mir ein nicht zu unterschätzender Vorzug des Werkes. Wer selbst vor solche Fragen schon gestellt worden ist, wird ihren vollen Wert um so mehr zu würdigen wissen, als ihm dann auch bewusst sein wird, dass die noch ganz in den An fängen stehende Museumstechnik ihn nicht über alle hier berührte Punkte genügende Aufklärung geben konnte. — Der Text des Werkes nennt bei jeder Nummer zuerst den Gegenstand mit seiner waffentechnischen Bezeichnung, giebt dann den Fundort, die Zeit, wo es möglich ist, und hierauf den Aufbewahrungsort an. Es folgt eine knappe, jedes überflüssige Wort vermeidende, aber völlig ausrei chende Beschreibung, bei der oft die bestehende Termino logie nicht genügte. Die vom Herausgeber eingeführten neuen Ausdrücke sind mit ebensoviel Überlegung wie Glück gewählt und werden in der Waffenkunde, und zwar nicht allein auf dem antiken Gebiete, ihren Platz behaupten. Die Angabe des Stoffes, der für den Helm verwendet wurde, und die Masse schliessen die Beschreibung ab. Ihr sind kurze Ausführungen im Sinne eines catalogue raisonne Zeitschrift für historische Waffenkunde. 452 angehängt, und hinzutritt endlich noch die Angabe der II. Band. Skizze der Entwicklung der Blank waffen. selbständigen Litteratur und der etwa vorausgegangenen bildlichen Veröffentlichungen. Sehr bequem für den Be trachter ist die Wiederholung aller beschreibenden Angaben auf den Tafeln selbst, so dass für den, der das Werk ein mal durchstudiert hat, bei wiederholtem, späterem Gebrauch die Tafelbände hinreichende Auskunft zu geben imstande sind, ohne dass zeitraubendes Nachschlagen im Textbande wieder erforderlich sein wird. Ich behalte mir vor, nach Erscheinen des eigentlichen Werkes auf den Inhalt der Bände näher einzugehen. Hier ist, da ich nichts gefunden habe, was die kritische Nach prüfung verbessern könnte, davon zunächst abzusehen. Ist das Schwerste, was meines Erachtens der Herausgeber zu überwinden hatte, in den anderen Bänden mit gleichem Erfolg behandelt wie in den beiden mittleren, nämlich die chronologische Anordnung, so darf man ihn heute schon beglückwünschen. Denn mit grosser Klarheit erhellt aus dem vorliegenden Bande die zeitliche wie typologische Ent wicklung, und auf einem Gebiete, auf welchem Hypothesen «so wohlfeil wie Brombeeren > werden können, freut sich der Leser doppelt der Strenge des Autors gegen sich selbst und rich tet sich vertrauend an ihr empor. Die «Probe» ruft die Kritik auf. Ich habe ohne Ein schränkung zustimmen können. Aber einen Wunsch habe ich doch noch, freilich einen, den ich mir nach dem Vor wort bewusst bin mit dem Herausgeber zu teilen. So monumental sein Werk angelegt ist, es erschöpft die Auf gabe nicht, die für dieses Sonderkapitel die historische Waffenkunde zu lösen hat. Eine Monographie des antiken Helmes wird sich- erst schreiben lassen, wenn die bildlichen und schriftlichen Quellen ebenso bekannt und kritisch be arbeitet sein werden, wie es jetzt mit den uns erhaltenen Originalen geschehen ist. Hier also muss die Arbeit fort fahren. Aber es ist kaum denkbar, dass die Mittel, die für diese zeitraubenden Forschungen erforderlich sind, auch in diesem Falle von einem Privatmanne aufgebracht wer den, um so weniger, als die weitere Folge eine Bearbeitung des ganzen Waffenwesens der Alten sein muss. Sollte aber nicht auch für die Waffenkunde einmal die glück liche Stunde schlagen, wo ihr die Huld einer Akademie oder einer anderen gelehrten Körperschaft zu teil wird? Sie . hat sich bisher immer selbst geholfen. Aber die grossen Aufgaben, die ihrer warten, wird sie nur lösen können, wenn sie reichere Mittel hat als bisher. Es wird so viel von Anschauung im Unterricht gesprochen. Als ich das Gymnasium besuchte, lärmten täglich aus den Bü chern uns die Waffen der Streitenden entgegen — wie sie aussahen, wussten wir nicht. Und so schreibe ich in völliger Gemeinschaft der Überzeugung unserem Heraus geber die Worte nach: «Möchte es uns endlich gegeben sein, das geistig zu besitzen, was auf diesem Gebiete die Sammlungen gegenständlich schon lange beherbergen». Koetschau. E. von Lenz, Einige Worte über die alten Blank waffen. (HtcKo.itKo c.ioiri. o CTapiiuixo.MT, xo.io/tnoarr. opyJKiil.) . St. Petersburg, im Almanach für Heer und Flotte 1902. Die Schrift ist bestimmt für die grosse Masse der russischen Offiziere, für die Anfänger in der historischen Waffenkunde und, soweit möglich, als warnender Ratgeber für angehende Sammler. Es musste also vermieden werden, ins Einzelne zu gehen, aus dem Wichtigen musste das Wichtigste in kurzer Darstellung zusammengefasst werden. Das ist mit äusserst geschickter Auswahl des Stoffes in dieser Arbeit geschehen. Von den fünf Abschnitten, in denen auf kaum 18 Kleinoktavseiten eine überreiche Fülle wissenschaftlichen Materials zusammengedrängt ist, giebt der erste eine Wo keine Marken, Verzierungen u. dergl. einen Schluss auf Alter und Herkunft einer Waffe zulassen, hilft man sich durch Beachtung des Satzes: Die Trutzwaffe entwickelt sich entsprechend der ihr entgegengestellten Schutzwaffe, und umgekehrt. Je stärker und widerstandsfähiger die Rü stung, desto schwerer das Schwert; je kunstvoller die Rü stung aus einzelnen Teilen zusammengefügt ist, desto mehr Aussicht hat der Stich anstatt des Hiebes: das Schwert gestaltet sich spitz. Je mehr der Schild ausser Gebrauch kommt, desto ausgebildcter der Handschutz an der Waffe selbst: Parierstange, Faustschutzbügel etc. Ausser prak tischen Erwägungen wirkt der Einfluss des Orients: Die Klinge krümmt sich, der Handschutz zeigt u. a. die charak teristischen Mitteleisen etc. — Die trefflich ausgewähltcn, vielfach mit Boehcim übereinstimmenden Illustrationen zei gen die interessantesten Formen, u. a. Schwerter aus dem 12. bis 16. Jahrhundert, das kurze Landsknechtsschwert mit S-förmig gebogener Parierstange, Bidenhander, Schia vona, Ochsenzunge, fauchon, cortelas etc. Abschnitt 2 spricht von der Verzierung der Klingen, und erwähnt unter besonderem Hinweis auf Boeheims Arbeiten in diesem Gebiete u. a. die Wappen und Namenszüge der Besitzer, Gebete, Waffensegen, Gift züge u. a. m. Abschnitt 3 geht, zunächst mit ausschliesslicher Be rücksichtigung Deutschlands, auf die Beschau- und Meistermarken über und giebt in Wort und Bild eine Beschreibung des Passaucr und Solinger Wolfes, sowie die Marken berühmter einzelner Meister. Abschnitt 4 giebt dasselbe für Italien, wobei auch die vielbesprochene Sichelmarke und das Wort Fringia kurz be leuchtet wird1), Abschnitt 5 endlich für Spanien; eine für den beschränkten Raum sehr grosse Anzahl von Illustrationen erleichtert das Verständnis. Auf die Schwierigkeit der Be urteilung des einzelnen Stückes und die grosse Häufigkeit von Fälschungen wird hingewiesen. Am Schluss werden die hauptsächlichsten Quellen für das Studium unserer Wissenschaft genannt, und eine Nach schrift der Redaktion ermuntert die Leser, sich in Zw'eifcls fällen an sie zu wenden, da Herr von Lenz stets zu Aus künften bereit sei. Hierfür und für seinen Aufsatz überhaupt muss auch unser Verein dem Verfasser sehr dankbar sein. Mit Recht ist darüber geklagt worden, dass zu wenig Berufsoffiziere, besonders nicht deutsche, Mitglied -werden. Der Schluss, den man manchmal hieraus zieht, das Interesse für die Waffe sei doch scheinbar in Offizierskreisen nicht so hoch wie man wünschen sollte, ist ein übereilter; er ist es, wie Herr von Lenz sagt, auch in Russland. Nein, das Interesse ist vorhanden; aber die einzelnen litterarischeü Erzeugnisse auf dem Gebiet der historischen Waffenkunde gestatten oft noch zu wenig Überblick über das-ganze Gebiet, gehen für den Anfänger noch zu sehr ins einzelne und schrecken den durch Berufspflichten überanstrengten Offi zier durch ihren Umfang ab. Die Lenzsche Arbeit bietet auch dem, der wenig Zeit zum Lesen hat, etwas Schmackhaftes, was den Wunsch nach mehr hervorbringen wird. So hoffen wir, dass sich die kleine treffliche Arbeit als thatkräftige Werberin für unseren Verein zeige. Meyer, Hauptrn. u. Komp.-Chef im Inf.-Rcgt. 139. J) L., der die Deutung des Wortes nach dem Vor schlag Erbens erledigt, sagt: «Diese (Fringia-)Klingen aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden im nördlichen Italien, wahrscheinlich in genuesischen Werkstätten bearbei tet und später im 17. Jahrhundert massenhaft von steirischen Waffenschmieden nachgemacht». 12. Heft. Zeitschrift für historische Waffenkunde. Notes on roman and medieval military ingines 453 crossbow, d. h. Kreuzbogen) findet zum Schiessen auf by Robert Coltman-Clephan, F. S. A. New-Castle upon Tvne and London, Andrew Rcid & Comp. 1902. Der als Forscher auf dem Gebiete der historischen Waffenkunde schier unermüdliche Verfasser veröffentlicht in genannter Schrift einiges über römische und mittel alterliche Kriegsmaschinen, wobei er sich auf geschicht liche Quellen, sowie zeitgenössische Abbildungen stützt. Es sind besonders drei Arten: ingines1), die uns Mr. Coltman Clephan in Wort und Bild vorführt: the catapulte2) (die Torsionswurfmaschine), the ballista3) (die Bogenwurfmaschine), und the onager4) (die Schleudermaschine). Diese military ingines bildeten die Artillerie der alten Kulturvölker und waren besonders bei der Belagerung fester Plätze in Ge brauch, bis die Erfindung des Schiesspulvers andere Schiess werkzeuge an ihre Stelle setzte. Die dabei angewandten Systeme erhielten sich indes, wie der Verfasser anführt, noch Jahrhunderte hindurch an den Handwaffen. So wurde der Balläster neben dem Feuergewehr bis ins 17. Jahr hundert zur Vogeljagd gebraucht, die Armbrust5) (engl. x) Ingine ist abgeleitet von ingenium — gescheiten Einfall. 2) Catapulte, von xaiannXzrjQ [xmanikxrj^ — Hinaus schleudem. 3) Ballista, Balläster, von arcuballista — Bogenwurf maschine. 4) Onager stammt von üvayQog (ö’pog — Esel, aygiog — wild) also Wildesel. Mit uvayQog bezeichneten schon die Griechen eine Kriegsmaschine, mittelst welcher Steine abge schossen wurden. Ammianus Marcellinus (330—400), der eine Fortsetzung zu Tacitus’ Geschichtswerk schrieb, erklärt 23. 4. 7. die Entstehung des eigentümlichen Wortes. 5) Über die Ableitung des Wortes «Armbrust» bestehen unter den Fachgenossen noch Meinungsverschiedenheiten. Unseres Erachtens ist das Wort keinesfalls auf die Grund form arcuballista zurückzuführen. Gegen diese Annahme sprechen zunächst die Laute beider Wörter, die miteinander nichts gemein haben, als den Anfangsbuchstaben a; ferner aber der schwerwiegende Umstand, dass man jederzeit zwischen Armbrust und Balläster scharf unterschied und dass doch zwei grundverschiedene Worte und Begriffe nicht gut eines und desselben Ursprungs sein können. Da schon im 16. Jahrhundert die Armbrust häufig «Rüstung» oder «Rüstung zum Schiessen» genannt wird und im 17. Jahr hundert die Bezeichnung «Ganze-, Halbe-, Viertelrüstung» sich einbürgert, so führen wir, wie Boeheim, die Endsilbe r u s t auf das deutsche rüsten, Gerüst, Gerüst zurück. Die erste Silbe des Wortes Ar mb ist wahrscheinlich aus dem französischen a r b r i e r, zu deutsch Säule, abge leitet. Heisst doch der Schaft der Armbrust mit seiner technischen Bezeichnung noch heute so. Unter arbalöter versteht man«den Dachstuhl mit Säulen versehen!» Über dies deuten handschriftliche Aufzeichnungen, die bereits von Boeheim und Jähns gewürdigt worden sind, darauf hin, dass die Waffe etwa im 10. Jahrhundert zuerst wieder in Frankreich als Kriegswaffe in Gebrauch kam, nachdem man Holzvögel sogar noch in der Gegenwart Verwendung. Des weiteren geht der Verfasser auf die verschiedenen Systeme der Sehnenspannung mittelst Flaschenzug, Winde und Gais fuss über. Zum Schluss werden noch aufgeführt: The caltrap or crowsfoot (römische Fussangel oder Krähenfuss), the battering ram (der Kriegswidder) und the testudo (das Schilddach, die Schildkröte). Erstere wurde vor einiger Zeit bei Cheresford ausgegraben, eine Darstellung des Wid ders findet sich auf dem zur Verherrlichung des Kaisers Septimus Severus 203 errichteten Triumphbogen, unter testudo versteht man eine enge Vereinigung von Soldaten mit ihren Schilden, um sich bei Annäherung an den Wall und beim Ersteigen der Mauern vor den Geschossen der Belagerten zu decken; hier weist der Verfasser auf eine Abbildung an der Säule des Marcus Aurelius (161—180) hin. Die unten angegebenen ethymologischen Erklärungen decken sich mit Ausnahme derjenigen über den Ursprung des Wortes «Armbrust» mit den Ausführungen des Ver fassers. Besonders in England, das einer umfassenden Litte ratur über die Entwicklung der Kriegskunst und die Ge schichte der Bewaffnung der Völker, wie wir sie in Deutsch land und Österreich haben, noch entbehrt, wird das Er scheinen der durchaus wissenschaftlich gehaltenen Schrift mit Interesse begrüsst werden. Aber auch wir Deutsche f inden manches Neue und Anregende darin, und es möge daher die fleissige Arbeit unseres verehrten Mitglieds, Mr. Colt man-Cl’ephan allen Fachgenossen aufs wärmste emjafohlen sein. M. v. E. Anzeige eines neuen Werkes von J. H. von Hefner Alteneck. Unser Ehrenmitglied, Geheimrat von LIefner-Alteneck, hat sich bereit finden lassen, trotz seines hohen Alters nochmals seine Kräfte in den Dienst der Waffenkunde zu stellen. Wir alle haben oft und in dankbarer Gesinnung seine Werke benutzt. Aber mit mir hat gewiss mancher bedauert, dass das Zusammensuchen gleichartiger Abbildun gen bei ihrer Zerstreuung über mehrere Bände eine rasche Übersicht unmöglich machte. Nun soll uns in chronologi scher Folge vorgeführt werden, was wir vorher zwischen anderen Dingen eingefügt fanden. Es wird also eine Art Bilderatlas zur Waffenkunde entstehen. An uns nun wird es liegen, ob dieses Werk zustande kommen kann oder nicht. Nur bei einer genügenden Zahl von Bestellern kann der Verlag an dessen Herstellung den ken. Es scheint mir, als müsse jetzt der Verein beweisen, dass er für seine Mitglieder, noch dazu für sein einziges Ehrenmitglied einstehen kann. Deshalb halte ich es für meine Pflicht, die Ankündigung der Verlagsfirma den Lesern zur Beachtung zu empfehlen. Koetschau. vier Jahrhunderte nichts von ihr hört; ein Umstand, der gleichfalls zu Gunsten unserer Annahme, dass das Wort z. TI. aus dem Französischen abgeleitet ist, spricht. Zeitschrift für historische Waffenkunde. 454 II. Band. den Versammlungen, die gewöhnlich an jedem letzten Donners tag im Monat im Hohenzollern-Hof, Breitestrasse, stattfinden, sehr willkommen. Sobald das Amtsgericht Dresden die Satzungen ge nehmigt hat, kann deren Drucklegung, mit der die des Mit gliederverzeichnisses verbunden ist, erfolgen. Es wird drin gend ersucht, alle Personal- und Wohnungsver änderungen dem 1. Schriftführer oder dem Schrift Neu dem Verein als Mitglieder beigetreten sind: Hamann, Friedrich Otto, Leutnant im 12. Kgl. Sächsischen Infanterie-Regiment No. 177, 7.11 Festung Königstein. v. Jena, Rittmeister im Rheinischen Husaren-Regiment No. 9, Adjutant der 14. Kavallerie-Brigade, zu Düsseldorf. Stertzel, Hauptmann und Kompagnie-Chef im Badischen Fuss-Artillerie-Regiment No. 14, zu Strassburg i. E., Ros heimerstrasse 9. Thornton, Dr. James Brown, 347 Tremont Street, Boston. Mass. U. S. A. Herr Dr. Stephan Kekule von Stradonitz zu Gross Lichterfelde ist Gründer des Vereins geworden. Landgerichtsrat Dr. jur. Beringuier zu Berlin ist nach Berlin W. 62, Nettelbeckstrasse 21, verzogen. Freiherr Otto von Boenigk wohnt nicht in Düsseldorf, sondern in Halberstadt. Die Dresdner Ortsgruppe hat am 30. Oktober ihre erste Winterversammlung abgehalten. Herr Oberst a. D. Thier bach zeigte einen merkwürdigen Versuch Franz von Dreyses, ein Ziindnadelgewehr mit Magazin darstellend. Herr Dr. Koetschau besprach die Neuerwerbungen des Kgl. Historischen Museums. Vereinsmitglieder, die Dresden besuchen, sind zu . leiter mitzuteilen. Bei der Versendung des letzten Heftes konnten von der Post folgende Adressaten nicht er mittelt werden: 1. Herr Baron von Ahlefeld-Dehn, Weimar. 2. Herr Kammerherr Freiherr von Oer zu Egelborg, Wiesbaden. 3. Herr Legationsrat von Schlözer, kaiserlich deutsche Botschaft Konstantinopel. Vielleicht weiss einer der Herren Mitglieder Auskunft darüber zu geben, für welche die Vereins leitung sehr zu Dank verbunden wäre. Redaktionelle Notizen. 1. Für Heft t des 3. Bandes können Manuskripte nicht mehr angenommen werden. Für Heft 2 und 3 ist möglichst baldige Anmeldung erbeten. 2. Die Einbanddecken können nicht bestellt werden, da nur 17 Bestellungen eingegangen sind, die Herstellung also zu teuer kommen würde. Herausgegeben vom Verein für historische Waffenkunde. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Karl Koetschau, Dresden. Druck von August Pries in Leipzig. 1|9e Kckti i'JU#- 4. Fs b. 1971 U Fsb, 1S73 & Feb, J974 11, Marz 1974 Dez. 1977 Rtvisiüsr L 3 -f ff B»' r- * *r ''Ser v* tI HBT ! ;>** - *TV’ •> • ^ SHr - :^S> * - * >\ •. fjwi V i ?r ' m- ; sf f Wj&^jiäd Mjpjr M W Jm m fc/.f

記載日

 2025年10月22日